- 858 -
14. Auch wenn der Apostel den Gläubigen die absolute Freiheit
erteilt hätte, nach Verlust ihrer Ehegatten zu heiraten, dann hätte er nur
ebenso gehandelt, wie auch in den übrigen Fällen, wo er gegen die gesetzliche
Regel, den Zeitverhältnissen Rechnung tragend, etwas vornahm; wenn er z. B. den
Timotheus beschneiden ließ wegen der eingeschlichenen falschen Brüder, und
einige mit geschorenem Kopfe in den Tempel gehen ließ wegen der Aufpasserei der
Juden ---- er, derselbe, welcher die Galater wegen ihrer beabsichtigten
Beobachtung des Gesetzes scharf tadelte. Aber so forderte es die Sachlage, daß
er allen alles würde, um alle zu gewinnen, sie abermals gebärend, so lange, bis
Christus in ihnen gestaltet sein würde 142) ; sie erwärmend, wie eine
Amme, da sie Kinder im Glauben waren, sie belehrend in einigen Stücken durch
Nachsehen, nicht durch Gebote, ---- denn etwas anderes ist nachsehen, etwas
anderes ist befehlen. ---- So also gab er ihnen zeitweilig die Freiheit, noch
einmal zu heiraten, wegen der Schwäche des Fleisches, wie Moses es mit dem
Scheidebrief gemacht hatte, wegen der Herzenshärte. Hier wollen wir noch die
letzte Ergänzung dieses Gedankens geben. - 859 -
Wenn Christus also zurücknahm, was
Moses vorgeschrieben hatte, weil es von Anfang an nicht so gewesen, und wenn
darum doch Christus nicht als einer angesehen wird, der als Gesandter einer
anderen Macht erschien 143), warum sollte nicht auch der
Paraklet hinwegnehmen können, was Paulus in seiner Nachsicht noch gestattet
hat? Denn auch die zweite Ehe war nicht von Anfang an da. Darum darf man ihn
noch nicht für verdächtig ansehen, als sei er ein Pseudogeist; nur muß das, was
er hinzu einführt, Gottes und Christi würdig sein. Wenn es Gottes und Christi
würdig war, die Herzenshärte nach erfüllter Zeit zu bändigen, warum sollte es
nicht Gottes und Christi noch viel mehr würdig sein, die Schwäche des Fleisches
abzuwenden, da die Zeit bereits bedrängter ist? Wenn es zur Gerechtigkeit
gehört, die Ehe nicht zu trennen, so ist es sicher eine Sache der Ehrbarkeit,
sie nicht zu wiederholen. Daher wird beides von den Weltleuten als Beweis von hoher
Sittlichkeit angesehen, das eine als Beweis von ehelicher Eintracht, das andere
von Ehrbarkeit.
Die Herzenshärte hat
die Herrschaft gehabt bis auf Christus, mag dann auch die Schwäche des
Fleisches geherrscht haben bis auf den Paraklet. Das neue Gesetz beseitigte den
Scheidebrief ---- es fand etwas zu beseitigen, ---- die neue Prophétie
beseitigte die zweite Ehe, welche ebensosehr ein Scheidebrief der ersten ist.
Allein die Herzenshärte hat sich mit größerer Leichtigkeit Christo ergeben, als
die Schwäche des Fleisches es tut. Diese beruft sich noch fester auf Paulus,
als jene auf Moses, wofern man es nämlich eine Berufung nennen kann, wenn sie
sich an den Apostel hält da wo er Nachsicht zeigt, hingegen seine Vorschriften
ablehnt, seine förmlichen Bestimmungen, die viel wichtiger sind 144), und jene Willensdekrete,
die für immer gelten sollten 145), - 860 -
in den Wind schlägt und uns nicht
gestatten will, dem Apostel das zu leisten, was er lieber will. Und wie lange
wird nun diese so unverschämte Fleischesschwachheit noch fortfahren, das
Bessere zu bekämpfen? Ihre Zeit war, bis der Paraklet anfing zu wirken. Der
Herr hat ihm das reserviert, was man damals nicht tragen konnte, was jetzt aber
nicht tragen zu können bei keinem mehr zutrifft, weil der nicht mehr fehlt, der
die Kraft zum Tragen verleiht 146). Wie lange wollen wir dem
Fleisch die Schuld geben auf Grund des Ausspruches des Herrn: „Das Fleisch ist
schwach"?! Hat er doch die Worte vorausgeschickt: „Der Geist ist willig"
147), damit das Schwache dem Stärkeren weiche. Denn er sagt
auch: „Wer es fassen kann, der fasse es" 148), d.h., wer es nicht kann,
der trete zurück. So trat zurück jener Reiche, der die Vorschrift, seine Habe
unter die Armen zu verteilen, nicht erfaßt hatte und vom Herrn seiner Ansicht
überlassen wurde. Darum darf man Christus nicht der Herzenshärte beschuldigen
wegen der Knechtschaft irgendeines freien Willens 149). „Siehe", heißt es,
„ich habe dir vorgelegt das Gute und das Böse" 150) ; wähle, was gut ist. Wenn
du es nicht kannst, weil du es nicht willst ---- denn daß du kannst, wenn du
nur willst, ist darin klargelegt, daß beides deinem freien Willen vorgelegt
wird ----, so mußt du von dem zurücktreten, dessen Willen du nicht tust.
|