- 885 -
10. In gleicher Weise klagen die Gegner unsere Stationsfasten
der Neuerung an, weil sie anbefohlen werden und manchmal bestimmt werde, sie
bis auf den späten Abend auszudehnen, und sie behaupten, man müsse diese
Obliegenheit nach freiem Ermessen vollziehen und nicht über drei Uhr
nachmittags fortsetzen, natürlich ihrer Gewohnheit entsprechend. Allein, was
die Frage in Betreff des Anbefohlenwerdens angeht, so werde ich alle Punkte mit
einer Antwort erledigen.
Für jetzt spreche ich
nur mit Rücksicht auf einen speziellen Punkt dieser Sache, über das Zeitmaß,
und muß vorab an sie selbst die dringliche Frage richten, auf welche Gründe hin
sie die Methode, um drei Uhr die Stationsfasten abzubrechen, vorschreiben. Wenn
sie es tun, weil Petrus und seine Gefährten, wie geschrieben steht, zur neunten
Gebetsstunde 64) in den Tempel gingen, so frage ich,
wer beweist mir denn, daß sie an jenem Tage ein Stationsfasten gehalten haben,
und daß man diese Stunde für den Schluß und die Beendigung des Stationsfastens
ansehen müsse? Umgekehrt, man könnte eher finden 65), daß Petrus um zwölf Uhr in
das Obergemach hinaufging, um Speise zu sich zu nehmen, erst aber um zu beten,
und könnte darum mit größerem Rechte die Mittagsstunde als Schlußstunde für
diese Übung festsetzen, welche anscheinend dieselbe nach dem Gebet zum Abschluß
bringen sollte. Ferner wird in - 886 -
derselben Schrift des Lukas 66) auf die dritte Gebetsstunde
hingewiesen, in welcher die mit dem Hl. Geiste Ausgerüsteten für betrunken
gehalten wurden, und auf die sechste, in welcher Petrus in das Obergemach
stieg, sowie auf die neunte, zu welcher Zeit sie den Tempel betraten, ----
warum sollten wir da nicht schließen, daß, unbeschadet der unbeschränkten
Freiheit, immer und überall zu beten, doch diese drei, im gewöhnlichen Leben
schon ausgezeichneten Stunden, welche die Einteilung des Tages bilden, nach
welchen sich die Geschäfte verteilen, und die öffentlich ausgerufen werden,
auch für das Gebet zu Gott besonders in Gebrauch gewesen seien? Das legt auch
das Beispiel Daniels nahe, der dreimal am Tage betete, natürlich unter
Bevorzugung gewisser Stunden, die aber keine anderen waren, als gerade die
vornehmsten Tagesstunden, die dann später die Apostel einhielten, der dritten
nämlich, der sechsten und der neunten. Daher würde ich vielmehr sagen, Petrus
habe nach altem Herkommen die neunte Stunde festgehalten, indem er zum dritten
Male betete, in Beobachtung der letzten Gebetspflicht.
Dieses sage ich um
derentwillen, welche glauben, nach der Norm Petri zu verfahren, die sie doch
nicht kennen, nicht als wollten wir die neunte Stunde verwerfen, die wir sowohl
am Mittwoch als am Freitag sehr oft innehalten, sondern weil wir für die
Gebräuche, welche infolge einer Tradition beobachtet werden, dann um so mehr
einen würdigen Grund anführen müssen, wenn sie der Autorität der Hl. Schrift
entbehren, bis sie durch irgendein himmlisches Charisma entweder ihre
Bestätigung oder ihre Berichtigung finden. „Wenn ihr es etwa nicht
wisset", heißt es, „so wird Gott es euch offenbaren" 67). Wenn man also auch den
Paraklet, den Einführer in die gesamte Wahrheit, der alle diese Dinge 68) - 887 -
bestätigt, beiseite läßt, so erwäge
man doch, ob wir nicht einen angemesseneren Grund für Beobachtung der neunten Stunde
vorbringen, einen Grund, den man auch dem Petrus wird beilegen dürfen, wenn er
damals ein Stationsfasten gehalten hat. Dieser Grund ist nämlich herzunehmen
vom Tode des Herrn; wenn man desselben auch zu jeder Zeit eingedenk sein soll
ohne Unterschied der Stunden, so werden wir doch zu dieser Stunde, entsprechend
dem Worte „Station", selbst nachdrücklicher auf ihn hingewiesen. Die
Soldaten, die niemals ihres Fahneneides vergessen, gehorchen auf Wachtposten
oder Stationen noch besser. Daher ist die Kasteiung bis zu der Stunde
fortzusetzen, in welcher der von der sechsten Stunde an verfinsterte Erdkreis
seinem verstorbenen Herrn gegenüber seine Trauerpflicht erfüllte, und wir
kehren zu derselben Zeit zur Fröhlichkeit zurück, wo auch die Welt das Licht wieder
erhielt. Wofern dies besser zu den christlichen Religionsgebräuchen paßt, da es
mehr zur Verherrlichung Christi dient, kann ich aus demselben, im Verlauf der
Sache liegenden Grund ebensogut festsetzen, daß der Verlauf des Stationsfastens
bis zu einer späteren Stunde fortdauere, so daß wir bis abends fasten, weil wir
die Zeit des Begräbnisses des Herrn abwarten, jene Stunde, wo Joseph den
erbetenen Leichnam abnahm und begrub. Daher ist es sogar unehrerbietig, wenn
der Diener seinen Leib früher erquickt, als der des Herrn erquickt wurde.
So viel darüber;
dieses wollte ich, durch die Beweisführung der Gegner herausgefordert,
gegenüberstellen, Vermutungen durch Vermutungen zurückweisend, und zwar sind,
wie ich glaube, die meinigen zuverlässiger. Sehen wir uns nun um, ob uns nicht
aus dem Altertum Dinge ähnlicher Art zustatten kommen. War nicht im Buche
Exodus die bekannte Haltung des Moses, der gegen Amalek durch Gebet bis zum
Sonnenuntergang kämpfte, eine bis zum Abend fortdauernde Station? Glauben wir etwa,
daß Jesus Nave, als er die Amorrhäer bekämpfte, an jenem Tage, da er sogar den - 888 -
Elementen Stillstand gebot,
zu Mittag gespeist habe? „Es stand die Sonne still in Gabaon und der Mond in
Ajalon, es standen die Sterne und der Mond in einer Station, bis sich das Volk
an seinen Feinden gerächt hatte, und es stand die Sonne mitten am Himmel. Als
sie sich aber zum Untergange und zu Ende des Tages neigte, da war kein Tag so
wie dieser, weder vorher oder nachher", nämlich keiner so gefällig, daß
Gott, wie es heißt, „auf die Stimme eines Menschen hörte" 69), der, der Sonne
gleichkommend, so lange im Dienste einer Station, die sogar über den Abend
hinaus andauerte, ausharrte 70). Sicher ist, daß Saul, ebenfalls im
Kampfe befindlich, ganz offenbar . dieselbe Leistung anbefahl: „Verflucht sei
der Mann, der Brot ißt bis zum Abend, bis ich Rache genommen habe an meinem
Feinde, und das ganze Volk genoß nichts", und doch floß die ganze Gegend
(von Honig) 71). Gott legte dem Edikt in Betreff
jenes Stationsfastens ein solches Ansehen bei, daß Jonathan, Sauls Sohn, obwohl
er, von dem bis zum Abend gebotenen Fasten nichts wissend, ein wenig Honig
genossen hatte, alsbald durch das Los 72) seines Fehltritts überführt
wurde und mit knapper Not durch - 889 -
die Fürbitte des Volkes von der
Todesgefahr befreit wurde. Er war der Gaumenlust, wenn auch nur einer geringen,
schuldig. Auch als Daniel im ersten Jahre des Königs Darius in Sack und Asche
fastend vor Gott eine Exomologese hielt: „Siehe, da kam", heißt es,
„während ich noch mein Gebet sprach, der Mann, den ich zu Anfang im Traume
gesehen hatte, schnell geflogen und näherte sich mir um die Stunde des
Abendopfers" 73), Das ist doch ein bis zur späten
Stunde fortgesetztes Stationsfasten, das, das Fasten bis zum Abend ausdehnend,
das Opfer des Gebetes vor Gott fruchtbringender macht.
|