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13. Ihr erhebt die Einrede, die Gebräuche, die zum
christlichen Glauben gehören, seien festgesetzt durch die Schrift und die
Tradition der Vorfahren, und es sei keine Observanz mehr hinzuzufügen, weil
Neuerungen verboten seien. Haltet diese Position, wenn iht könnt! Denn siehe,
ich klage euch an, daß ihr, auch außer dem - 894 -
Passah, auch an ändern Tagen als an
jenen, an welchen der Bräutigam weggenommen ist 88), fastet; auch legt ihr die
Halbfasten der Stationen ein und lebt zuweilen bloß von Wasser und Brot, wie es
einem jeden gut scheint. Ihr gebt allerdings zur Antwort, daß man dies nach
eigenem Dafürhalten zu tun habe, nicht auf Befehl. Ihr habt also eure Position
aufgegeben, indem ihr über die Tradition hinausgeht und Dinge beobachtet, die
nicht festgesetzt sind. Was soll es aber heißen, deinem Gutdünken einzuräumen,
was du dem Befehle Gottes, deines Herrschers, nicht einräumst?! Dem
menschlichen Willen soll mehr erlaubt sein als der Macht Gottes?! Ich bin der
Ansicht, der Welt, nicht aber Gott gegenüber Freiheit zu besitzen. Wie es meine
Sache ist, Gott von freien Stücken einen Dienst zu leisten, so ist es Sache - 895 -
Gottes, ihn anzubefehlen. Ich
muß ihm nicht nur gehorchen, sondern auch seine Huld erschmeicheln. Ersteres
erweise ich ihm auf seinen Befehl, letzteres tue ich nach meinem Ermessen.
Es kommt mir gut
zustatten, daß auch die Bischöfe die Gewohnheit haben, dem gesamten Volke
Fasten aufzuerlegen, ich meine nicht in der Absicht, um Geldbeisteuern
zusammenzubringen, wie es bei euch aus Geldsucht geschieht, sondern nur
zuweilen und wegen irgendeiner kirchlichen Bekümmernis. Wenn ihr daher auf den
Erlaß eines Menschen hin, und zwar alle zusammen als eine Einheit, Akte der
Verdemütigung 89) vornehmt, wie könnt ihr denn an uns
dieselbe Einheit, in der wir fasten, Xerophagien und Station halten, zum
Gegenstand des Tadels machen, es sei denn, daß wir damit gegen Senatsbeschlüsse
oder Kabinetsordres der Fürsten, die gegen die verbotenen Vereinigungen
gerichtet sind, verstoßen?! 90) Als der Hl. Geist in allen Ländern,
wo er wollte, und durch den Mund von Personen, die er frei auswählte, seine
Kundgebungen erließ, hat er in Voraussicht der bevorstehenden Prüfungen der
Kirche und der Plagen der Welt in seiner Eigenschaft als Paraklet, d. h. als
Beistand, um den Richter zu besänftigen, dergleichen Verrichtungen als
Heilmittel angeordnet, so, nimm an, auch jetzt, um die Zucht der Mäßigkeit und
Enthaltsamkeit zu üben. Wir, die wir ihn angenommen haben, beobachten
konsequenterweise auch, was er damals festgesetzt hat 91). Blicke hin auf die Annalen
des Judentums, und du wirst keine Neuerung darin finden, - 896 -
wenn das, was den Vätern
vorgeschrieben wurde, die ganze Nachkommenschaft in ererbter religiöser
Betätigung fortan beobachtet.
Außerdem werden in den
griechischen Ländern an bestimmten Orten jene Versammlungen aus allen Kirchen,
die man Konzilien nennt, abgehalten, durch die sowohl alle wichtigeren Dinge
gemeinschaftlich verhandelt werden, als auch eine Repräsentation der gesamten
Christenheit in ehrfurchtgebietender Weise gefeiert wird. Wie angemessen ist
dies, sich unter dem guten Wahrzeichen des Glaubens von allen Seiten um
Christus zusammenzuscharen! Siehe, „wie schön und lieblich ist es, wenn die
Brüder einmütig zusammenwohnen" 92). Du weißt diese
Psalmenstelle freilich nur dann zu singen, wenn du es dir mit mehreren ändern
gut schmecken lassest 93). Jene Versammlungen aber liegen
vorher den Stations- und sonstigen Fasten ob und wissen so zu trauern mit den
Traurigen, und dann erst sich zu freuen mit den Fröhlichen, Wenn nun auch wir
solche feierliche Gebräuche, für die doch damals das gegenwärtige Wort Gottes
schützend eintrat 94), in den verschiedenen Provinzen als
solche üben, die miteinander - 897 -
im Geiste versammelt sind, so ist das
ein Gesetz der Religion 95).
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