- 900 -
16. Auch wenn er die Werke der Gerechtigkeit höherstellt, so
will er sie doch nicht ohne Opfer, d. h. ohne eine Seele, die sich durch Fasten
kasteiet 114). Sicher ist er jener Gott, dem auch das Volk, als es
unenthaltsamen Gaumens war, sowie der Prophet und der Priester mißfiel 115). Noch stehen die Denkmäler
ihrer Begierlichkeit, wo das Volk begraben liegt, das nach Fleisch lüstern war
und sich den Magen bis zum Übelwerden mit Wachteln überfüllte. Der alte Heli
stürzt an der Pforte des Tempels tot zu Boden, seine Söhne fallen in der
Schlacht, die Schwiegertochter stirbt im Wochenbett 116), Diese Heimsuchungen hatte
die unverschämte Familie, die die Fleischopfer unterschlug, von Gott - 901 -
verdient. Als Sameas 117), der Mann Gottes, der vom
König Jeroboam eingeführten Idololatrie den Untergang prophezeite, nach der
Verdorrung und sofortigen Wiederherstellung der Hand des Königs und nach der
Berstung des Altars vom König wegen dieser Wunderzeichen eingeladen wurde,
damit ihm Genugtuung zuteil werde, da weigerte er sich offen, dort überhaupt
Speise anzurühren; denn es war ihm von Gott verboten worden. Da er aber bald
nachher von einem ändern Greise, der sich lügenhaft für einen Propheten ausgab,
sich leichtsinniger Weise beköstigen ließ, wurde er zufolge des Wortes Gottes,
das auf dem Fleck noch über Tisch an ihn erging, nicht bei seinen Vätern
begraben. Unterwegs von einem Löwen, dem er begegnete, niedergestreckt, bei
Fremden begraben, büßte er für jene Preisgabe des Fastens 118).
Das wären Beispiele
sowohl für das Volk als auch für die Bischöfe, sogar für die Geistbegabten,
wenn diese sich eine Unenthaltsamkeit des Gaumens zuschulden kommen lassen.
Nicht einmal in der Unterwelt nehmen die Vermahnungen ein Ende; dort wird der
reiche Prasser für seine Gelage bestraft, der arme Lazarus aber für sein Fasten
erquickt; für beides 119) lagen die Vorschriften des Moses und
der Propheten vor. Denn auch Joël rief aus: „Heiliget ein Fasten, verkündet
eine Aufwartung" 120), indem er voraus erkannte, daß auch
andere Apostel und Propheten Fasten verordnen und Dienste, welche Gottes warten
121), predigen würden. Daher hat man auch von denen, welche
durch die Reinerhaltung ihrer Götzenbilder, durch die Ausschmückung ihrer
Altäre 122) und ihre allstündliche Begrüßung sich - 902 -
die Götter geneigt zu machen
suchen, gesagt, sie besorgen eine Aufwartung.
Sogar die Heiden
lassen Verdemütigungen aller Art gelten. Wenn die Witterung stockt und die
Jahreszeit Dürre zeitigt, so werden Prozessionen mit bloßen Füßen angesagt, die
Magistratspersonen legen ihre Purpurkleider ab, die Fasces werden rücklings
getragen, sie sagen die Gebetsformel her und bringen immer wieder Opfer dar. In
manchen Kolonien aber bringt man außerdem noch, in Säcke gehüllt und mit Asche bestreut,
in alljährlicher Feier den Götzen in flehender Weise ein Fasten dar 123), und die Bäder und Schenken
bleiben bis drei Uhr nachmittags geschlossen. Nur ein Feuer ist in den Straßen
zu sehen, das auf den Altären. Wasser findet sich nicht einmal in den
Schüsseln. Man denkt an eine ninivitische Landestrauer.
Sicher wird das
jüdische Fasten überall gehalten, indem die Juden mit Hintansetzung ihrer
Tempel bereits an jedem Meeresgestade und überall im Freien zu bestimmten
Zeiten ihr Gebet gen Himmel senden. Und obwohl sie dabei durch Putz und Schmuck
diesen Trauerdienst schänden, so affektieren sie doch Enthaltsamkeit und sehnen
sich nach der Erscheinung des säumenden Abendsternes, der ihre Pflicht
normiert.
Daß du, unsere
Xerophagien lästernd, sie dem Keuschheitsfest der Isis und Cybele vergleichst,
das ist so schlimm noch nicht. Ich lasse die Vergleichung als ein Zeugnis
gelten. Es dürfte sich daraus ergeben, daß sie göttlichen Ursprungs sind, indem
der Teufel, der Nachäffer der göttlichen Dinge, sie nachahmt. Aus der Wahrheit
baut sich die Lüge auf, aus der Religion setzt sich der Aberglaube zusammen.
Darum stehst du um so irreligiöser da, je mehr der Heide willig ist. Jener - 903 -
bringt seine Gaumenlust dem
Idol zum Opfer, du willst sie Gott nicht zum Opfer darbringen. Denn dein Gott
ist der Bauch, die Bauchhöhle dein Tempel, der Wanst dein Altar, der Koch dein
Priester, der Fettdunst vertritt dir den Hl. Geist, die Gewürze sind deine
Charismen, dein Prophezeien besteht im Rülpsen,
|