- 903 -
17. Du, o Psychiker, der du der Gaumenlust soviel nachgibst,
hast wirklich, wenn ich die Wahrheit sagen soll, den Vorzug des Altertums und
rühmst mit Recht dein höheres Alter. Ich habe allzeit gewußt, daß Esau einen
Jäger nach Wildpret bedeute; gerade so wie er, bemühst du dich überall,
Krametsvögel aufzutreiben, wie er, kommst du vom Felde deiner laxen Sittenzucht
heim, wie er, bist du schwach im Geiste. Wenn ich dir ein mit Obstgelee rot
angemachtes Linsenmus vorsetze, so wirst du sofort alle deine Vorrechte
verkaufen; bei dir brodelt die Agape 124) in den Kochtöpfen, der
Glaube dampft in der Küche 125), die Hoffnung liegt auf den Tellern.
Die Agape aber wird um so höher gehalten, weil bei Gelegenheit derselben deine
Jünglinge bei den Schwestern schlafen. Natürlich, Anhängsel der Gaumenlust sind
Ausgelassenheit und Wollust 126). Diese Verbindung kannte auch der
Apostel sehr wohl; er schickte die Worte voraus: „Nicht in Trinkgelagen und
Schmausereien", und ließ folgen: „auch nicht in den Kammern der
Unzucht" 127). Zum Sündenregister deiner
Gaumenlust gehört es, daß bei euch die Ehre der Vorsitzenden in einer doppelten
Portion besteht, während der Apostel ihnen nur doppelte Ehre zugebilligt hat
128), einesteils als Brüdern, andernteils als Vorgesetzten.
Als der Heiligste gilt bei euch immer der, welcher am regelmäßigsten - 904 -
mitschmaust, die
verschwenderischsten Gastmähler veranstaltet und sich am besten aufs Bechern
versteht.
Mit Recht weiset ihr
als Leute, die bloß auf das Seelische und Fleischliche etwas halten, das
Pneumatische von euch. Wenn die Propheten 129) den Beifall solcher Leute
gefunden hätten, wären sie meine Männer nicht. Warum predigt ihr nicht
konsequent: Lasset uns essen und trinken; denn morgen werden wir sterben!
130) Wir unsererseits tragen dagegen kein Bedenken,
unumwunden die Vorschrift zu geben: Brüder und Schwestern, fastet, damit wir
nicht vielleicht morgen sterben! Wir wollen offen unsere sittlichen Grundsätze
vertreten!
Wir sind davon
überzeugt, daß die, „welche im Fleische leben, Gott nicht gefallen können"
131), nicht etwa die, welche in der Substanz des Fleisches
leben, sondern in der Sorge um dasselbe, in der Liebe, in den Werken und im
Willen des Fleisches. Die Magerkeit mißfällt uns nicht, denn Gott hat das
Fleisch nicht nach dem Pfunde abgewogen, wie er auch dem Geist kein Maß gesetzt
hat 132). Ein abgemagerter Leib wird hoffentlich leichter durch
die schmale Pforte des Heiles eingehen, schneller wird ein leichter Körper
auferweckt werden, länger wird sich ein vertrockneter Leib im Grabe halten. Es
mögen sich die Faustkämpfer und die olympischen Spieler mästen! Jenen steht das
Streben nach Leibesumfang wohl an, die da der Kräfte des Leibes bedürfen, und
dennoch gewinnen auch sie durch Xerophagien ihre Stärke. Unsere Kräfte aber
sind anderer Art, eine andere ist unsere Stärke, wie auch andere unsere Kämpfe
sind. „Unser Kampf geht nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte
der Welt und die Geister der Bosheit" 133). Gegen sie hat man nicht mit
Fleisch und Blut, sondern im Glauben und mit starkem Geiste standzuhalten.
Besser gemästete - 905 -
Christen mag Bär und Löwe wohl gut
gebrauchen können, nicht aber Gott; freilich wird man sich auch zum Kampf gegen
wilde Tiere 134) durch Magerkeit einüben müssen.
|