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Johannes Paul II.
Ecclesia in Europa

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  • I. KAPITEL JESUS CHRISTUS IST UNSERE HOFFNUNG »Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige« (Offb 1, 17-18)
    • II. Zurückkehren zu Christus, der Quelle aller Hoffnung
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II. Zurückkehren zu Christus,
der Quelle aller Hoffnung

Unseren Glauben bekennen

18. Aus der Synodenversammlung hat sich die eindeutige und begeisterte Gewißheit ergeben, daß die Kirche Europa das kostbarste Gut anzubieten hat, das ihm niemand anderer zu geben vermag: den Glauben an Jesus Christus, Quelle der Hoffnung, die nicht enttäuscht,30 eine Gabe, die der geistigen und kulturellen Einheit der europäischen Völker zugrundeliegt und die noch heute und in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Entwicklung und Integration darstellen kann. Ja, nach zweitausend Jahren stellt sich die Kirche am Beginn des dritten Jahrtausends mit der immer gleichen Botschaft vor, die ihren einzigen Schatz bildet: Jesus Christus ist der Herr; in ihm und in keinem anderen ist das Heil (vgl. Apg 4, 12). Die Quelle der Hoffnung für Europa und für die ganze Welt ist Christus, »und die Kirche ist der Kanal, durch den die Gnadenflut aus dem durchbohrten Herzen des Erlösers strömt und sich ausbreitet« .31

Aufgrund dieses Glaubensbekenntnisses entspringt in unserem Herzen und sprudelt von unseren Lippen »ein freudiges Bekenntnis unserer Hoffnung: Du, Herr, auferstanden und lebendig, bist die immer neue Hoffnung der Kirche und der Menschheit; du bist die einzige wahre Hoffnung des Menschen und der Geschichte; du bist unter uns ,,die Hoffnung auf Herrlichkeit'' (Kol 1, 27) schon in diesem unserem Leben und über den Tod hinaus. In dir und mit dir können wir die Wahrheit finden, erhält unser Dasein einen Sinn, wird Gemeinschaft möglich, kann die Vielfalt zum Reichtum werden, ist die Macht des Reiches Gottes in der Geschichte am Werk und hilft beim Aufbau der Stadt des Menschen, verleiht die Liebe den Anstrengungen der Menschen bleibenden Wert, kann der Schmerz heilsam werden, wird das Leben den Tod besiegen und die Schöpfung teilhaben an der Herrlichkeit der Kinder Gottes« .32

 

Jesus Christus unsere Hoffnung

19. Jesus Christus ist unsere Hoffnung, weil er, das ewige Wort Gottes, das von Ewigkeit her am Herzen des Vaters ruht (vgl. Joh 1, 18), uns so geliebt hat, daß er in allem, mit Ausnahme der Sünde, unsere menschliche Natur angenommen hat und unseres Lebens teilhaftig wurde, um uns zu retten. Das Bekenntnis dieser Wahrheit bildet den Kern unseres Glaubens. Der Verlust der Wahrheit über Jesus Christus oder ihr Unverständnis verhindern das Eindringen in das eigentliche Geheimnis der Liebe Gottes und der trinitarischen Gemeinschaft.33

Jesus Christus ist unsere Hoffnung, weil er das Geheimnis der Dreifaltigkeit offenbart. Dieses ist die Mitte des christlichen Glaubens, der noch immer, so wie er es bisher getan hat, einen bedeutenden Beitrag zum Aufbau von Strukturen leisten kann, die dadurch, daß sie sich an den großen Werten des Evangeliums inspirieren bzw. sich mit ihnen auseinandersetzen, das Leben, die Geschichte und die Kultur der verschiedenen Völker des Kontinents fördern sollen.

Vielfältige ideelle Wurzeln haben mit ihrer Vitalität zur Anerkennung des Wertes der Person und ihrer unveräußerlichen Würde, des unantastbaren Charakters des menschlichen Lebens und der zentralen Rolle der Familie, der Bedeutung der Bildung und der Meinungsfreiheit, der Redefreiheit und der Religionsfreiheit ebenso beigetragen wie zum Rechtsschutz der Einzelnen und der Gruppen, zur Förderung der Solidarität und des Gemeinwohls und zur Anerkennung der Würde der Arbeit. Diese Wurzeln haben die Unterordnung der politischen Macht unter das Gesetz und unter die Achtung der Rechte der Person und der Völker begünstigt. Hier gilt es, an den Geist des antiken Griechenland und der römischen Welt, an die Beiträge der keltischen, germanischen, slawischen, finnisch-ugrischen Völker, der jüdischen Kultur und der islamischen Welt zu erinnern. Man muß allerdings erkennen, daß diese Inspirationen historisch in der jüdisch- christlichen Tradition eine Kraft gefunden haben, die fähig war, sie untereinander in Einklang zu bringen, sie zu konsolidieren und zu fördern. Es handelt sich um eine Tatsache, die nicht ignoriert werden kann; im Gegenteil, in dem Prozeß zur Errichtung des »gemeinsamen Hauses Europa« muß anerkannt werden, daß sich dieses Gebäude auch auf Werte stützen muß, die in der christlichen Tradition voll in Erscheinung treten. Das zur Kenntnis zu nehmen, gereicht allen zum Vorteil.

Der Kirche »steht es nicht zu, sich zugunsten der einen oder anderen institutionellen oder verfassungsmäßigen Lösung für Europa zu äußern« , und sie ist daher gewillt, die berechtigte Autonomie der demokratischen Ordnung zu achten.34 Dennoch hat sie die Aufgabe, in den Christen Europas den Glauben an die Dreifaltigkeit zu stärken, da sie sehr wohl weiß, daß dieser Glaube von einer echten Hoffnung für den Kontinent kündet. Viele der oben angedeuteten großen Paradigmen, die der europäischen Kultur zugrunde liegen, haben ihre tiefsten Wurzeln im trinitarischen Glauben. Dieser enthält ein außerordentliches spirituelles, kulturelles und ethisches Potential, das unter anderem in der Lage ist, einige der großen Fragen zu erhellen, die heute in Europa anstehen, wie die soziale Auflösung und der Verlust eines Bezugs, der dem Leben und der Geschichte Sinn gäbe. Daraus folgt die Notwendigkeit einer erneuten theologischen, spirituellen und pastoralen Vertiefung des Geheimnisses der Dreifaltigkeit.35

20. Die Teilkirchen in Europa sind nicht einfache Körperschaften oder Privatorganisationen. Tatsächlich wirken sie in einem spezifischen institutionellen Rahmen, der bei voller Achtung der legitimen Zivilordnung rechtliche Anerkennung finden sollte. Beim Nachdenken über sich selbst müssen die christlichen Gemeinschaften sich wiederentdecken als Gabe, mit der Gott die auf dem Kontinent lebenden Völker bereichert. Das ist die freudige Botschaft, die sie jedem Menschen zu bringen gerufen sind. Bei der Vertiefung ihrer missionarischen Dimension müssen sie ständig bezeugen, daß Jesus Christus »der einzige und eingesetzte Mittler des Heils für die gesamte Menschheit ist. Nur in ihm finden die Menschheit, die Geschichte und der Kosmos ihre endgültig positive Sinngebung und volle Verwirklichung. Er birgt in seinem Ereignis und in seiner Person die Gründe der Heilsendgültigkeit; er ist nicht nur ein Mittler des Heils, sondern die Heilsquelle selbst« .36

Im Zusammenhang mit dem derzeitigen ethischen und religiösen Pluralismus, der Europa immer mehr kennzeichnet, ist es daher notwendig, die Wahrheit über Christus als einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen und einzigen Erlöser der Welt zu bekennen und neu vorzustellen. Daher lade ich – wie ich es schon zum Abschluß der Synodenversammlung getan habe – zusammen mit der ganzen Kirche meine Brüder und Schwestern im Glauben ein, sich ständig vertrauensvoll Christus zu öffnen und sich von ihm erneuern zu lassen. In der Kraft des Friedens und der Liebe verkünde ich allen Menschen guten Willens: Wer dem Herrn begegnet, erkennt die Wahrheit, entdeckt das Leben, findet den Weg, der zum Leben führt (vgl. Joh 14, 6; Ps 16[15], 11). An der Lebensführung und am Zeugnis des Wortes der Christen sollen die Bewohner Europas entdecken können, daß Christus die Zukunft des Menschen ist. Denn nach dem Glauben der Kirche »ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen« (Apg 4, 12).37

21. Für die Gläubigen ist Jesus Christus die Hoffnung jedes Menschen, weil er das ewige Leben schenkt. Er ist »das Wort des Lebens« (1 Joh 1, 1), das in die Welt gekommen ist, damit die Menschen »das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh 10, 10). Er zeigt uns so, daß der wahre Sinn des menschlichen Lebens nicht im weltlichen Horizont eingeschlossen bleibt, sondern sich auf die Ewigkeit hin öffnet. Die Mission jeder Teilkirche in Europa ist es, dem Durst eines jeden Menschen nach Wahrheit und dem Verlangen nach echten Werten, welche die auf dem Kontinent lebenden Völker beseelen sollen, Rechnung zu tragen. Mit frischen Kräften muß sie das Neue, das sie belebt, wieder zu Bewußtsein bringen. Es geht darum, eine klar gegliederte

Kultur- und Missionstätigkeit in Gang zu setzen, indem man mit überzeugenden Aktionen und Argumentationen zeigt, daß das neue Europa notwendigerweise zu seinen letzten Wurzeln zurückfinden muß. In diesem Zusammenhang haben alle, die sich an den Werten des Evangeliums inspirieren, eine wesentliche Funktion zu erfüllen, die zu dem festen Fundament gehört, auf dem ein menschlicheres und friedlicheres, weil alle und jeden einzelnen respektierendes Zusammenleben aufzubauen ist.

Es ist notwendig, daß es die Teilkirchen in Europa verstehen, der Hoffnung ihre ursprüngliche eschatologische Komponente zurückzugeben.38 Die wahre christliche Hoffnung ist nämlich göttlich und endzeitlich; sie ist gegründet auf den Auferstandenen, der wiederkommen wird als Erlöser und Richter und der uns zur Auferstehung und zum ewigen Lohn ruft.

 

Jesus Christus lebt in der Kirche

22. Wenn die europäischen Völker zu Christus zurückkehren, werden sie jene Hoffnung wiederfinden können, die allein dem Leben Sinnfülle zu geben vermag. Auch heute können sie ihm begegnen, denn Jesus ist in seiner Kirche gegenwärtig, er lebt und wirkt in ihr: Er ist in der Kirche und die Kirche ist in ihm (vgl. Joh 15, 1ff.; Gal 3, 28; Eph 4, 15-16; Apg 9, 5). In ihr vollbringt er kraft der Gabe des Heiligen Geistes weiter unaufhörlich sein Heilswerk.39

Mit den Augen des Glaubens können wir die geheimnisvolle Gegenwart Jesu in den verschiedenen Zeichen, die er uns hinterlassen hat, wahrnehmen. Er ist vor allem gegenwärtig in der Heiligen Schrift, die in allen Teilen von ihm spricht (vgl. Lk 24, 27.44-47). In wirklich einzigartiger Weise ist er jedoch unter den eucharistischen Gestalten gegenwärtig. Diese »Präsenz wird nicht ausschlußweise ,,real'' genannt, als ob die anderen nicht ,,real'' wären, sondern im eigentlichen Wortsinn, weil sie substantiell ist; in ihr wird nämlich der ganze ChristusGott und Menschgegenwärtig« .40 Tatsächlich ist in der Eucharistie »der Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus, mit seiner Seele und seiner Gottheit – und damit der ganze vollständige Christuswahrhaft, wirklich und substanzhaft enthalten« .41 »Wahrhaftig ist die Eucharistie mysterium fidei, ein Geheimnis, das unser Denken übersteigt, und das nur im Glauben erfaßt werden kann« .42 Ebenso wirklich ist die Gegenwart Jesu bei den anderen liturgischen Handlungen der Kirche, die sie in seinem Namen feiert. Dazu zählen die SakramenteHandlungen Christi, die er unter Zuhilfenahme der Menschen vollbringt.43

Jesus ist in der Welt auch auf andere Weise wahrhaft gegenwärtig, besonders in seinen Jüngern, die getreu dem zweifachen Auftrag der Liebe Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten (vgl. Joh 4, 24) und mit dem Leben die brüderliche Liebe bezeugen, die sie als Jünger des Herrn auszeichnet (vgl. Mt 25, 31-46; Joh 13, 35; 15, 1-17).44

 




30 Vgl. Propositio 4, 1.



31 Johannes Paul II., Predigt bei der Eucharistiefeier zum Abschluß der Zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa (23. Oktober 1999), 2: AAS 92 (2000), 178.



32 Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Schlußbotschaft, Nr. 2: L'Osservatore Romano, 23. Oktober 1999, S. 5.



33 Vgl. Propositio 4, 2.



34 Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 47: AAS 83 (1991), 852.



35 Vgl. Propositio 4, 1.



36 Vgl. Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Instrumentum laboris, Nr. 30: L'Osservatore Romano, 6. August 1999 - Suppl., S. 8.



37 Vgl. Predigt bei der Eucharistiefeier zum Abschluß der Zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa (23. Oktober 1999), 3: AAS 92 (2000), 178; Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Dominus Iesus (6. August 2000), 13: AAS 92 (2000), 754.



38 Vgl. Propositio 5.



39 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Dominum et vivificantem (18. Mai 1986), 7: AAS 78 (1986), 816; Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Dominus Iesus (6. August 2000), 16: AAS 92 (2000), 756-757.



40 Paul VI., Enzyklika Mysterium fidei (3. September 1965): AAS 57 (1965), 762-763. Vgl. Kongregation für die Riten, Instruktion Eucharisticum mysterium (25. Mai 1967), 9: AAS 59 (1967), 547; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1374.



41 Konzil von Trent, Decr. De ss. Eucharistia, can. 1: DH, 1651; vgl. Kap. 3: DH, 1641.



42 Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 15 : L'Osservatore Romano, 18. April 2003, S. 2.



43 Vgl. Augustinus, In Ioannis Evangelium, Tractatus VI, cap. I, n. 7: PL 35, 1428; Johannes Chrysostomos, Der Verrat des Judas, 1, 6: PG 49, 380C.



44 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, 7; Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 50; Paul VI. Enzyklika Mysterium fidei (3. September 1965): AAS 57 (1965), 762-763. Vgl. Kongregation für die Riten, Instruktion Eucharisticum mysterium (25. Mai 1967), 9: AAS 59 (1967), 547; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1373-1374.






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