II. Die ganze Kirche
wird in die Mission entsandt
33. Dem
Evangelium der Hoffnung durch eine evangelisierende Liebe zu dienen, ist
verpflichtende Aufgabe und Verantwortung aller. Denn welches Charisma und
Amt ein jeder auch haben mag, die Liebe ist der Hauptweg, der allen angezeigt
ist und den alle gehen können: Die ganze kirchliche Gemeinschaft ist
aufgerufen, diesen Weg auf den Spuren ihres Meisters zurückzulegen.
Die Aufgabe der Geistlichen
34. Die
Priester sind kraft ihres Amtes berufen, das Evangelium der Hoffnung zu feiern,
zu lehren und ihm auf eine besondere Weise zu dienen. Aufgrund des
Weihesakramentes, das sie Christus, dem Haupt und Hirten, gleichgestaltet,
müssen die Bischöfe und die Priester ihr ganzes Leben und Tun Jesus angleichen.
Durch die Verkündigung des Wortes, die Feier der Sakramente und die Leitung der
christlichen Gemeinde vergegenwärtigen sie das Mysterium Christi und haben die
Aufgabe, durch die Ausübung ihres Amtes »die Gegenwart Christi, des einen
Hohenpriesters, dadurch fortzusetzen, daß sie seinen Lebensstil nachleben und
inmitten der ihnen anvertrauten Herde gleichsam an sich selbst transparent
werden lassen«.57
Da sie ,,in der'' Welt, aber
nicht ,,von der'' Welt sind (vgl. Joh 15-16), sind sie in der aktuellen
kulturellen und geistigen Situation des europäischen Kontinents aufgerufen,
Zeichen des Widerspruchs und der Hoffnung für eine Gesellschaft zu sein, die an
einer einseitig horizontalen Sichtweise krankt und es nötig hat, sich dem
Transzendenten zu öffnen.
35. In diesem
Zusammenhang gewinnt auch der priesterliche Zölibat Bedeutung, als
Zeichen einer vollkommen auf den Herrn gesetzten Hoffnung. Er ist nicht eine
von der Autorität auferlegte reine kirchliche Disziplin; im Gegenteil, er ist
vor allem Gnade, unschätzbare Gabe Gottes an die Kirche, von prophetischem Wert
für die heutige Welt, Quelle intensiven geistlichen Lebens und pastoraler
Fruchtbarkeit, Zeugnis für das eschatologische Reich, Zeichen der Liebe Gottes
für diese Welt sowie der ungeteilten Liebe des Priesters zu Gott und zu seinem
Volk.58 Wenn der Zölibat als Antwort auf die Gabe Gottes und
als Überwinden der Versuchungen einer hedonistischen Gesellschaft gelebt wird,
fördert er nicht nur die menschliche Verwirklichung desjenigen, der dazu
berufen ist, sondern erweist sich als ein Faktor der Reifung auch für die
anderen.
Der Zölibat, der in der ganzen
Kirche als die dem Priestertum angemessene Lebensform geschätzt ist,59
von der lateinischen Kirche verpflichtend vorgeschrieben wird 60
und bei den Ostkirchen hochangesehen ist,61 erscheint im
Kontext der jetzigen Kultur wie ein aussagekräftiges Zeichen, das als kostbares
Gut für die Kirche bewahrt werden muß. Eine diesbezügliche Revision der
derzeitigen Disziplin würde
keine Lösung der in vielen Teilen
Europas herrschenden Krise der Priesterberufungen herbeiführen.62
Eine Verpflichtung zum Dienst am Evangelium der Hoffnung verlangt auch, daß in
der Kirche der Zölibat in seinem vollen biblischen, theologischen und
spirituellen Reichtum vorgestellt werden muß.
36. Wir können
nicht übersehen, daß heute die Ausübung des geistlichen Amtes auf nicht wenige
Schwierigkeiten stößt, die sowohl durch die herrschende Kultur als auch durch
die zahlenmässige Verringerung der Priester mit einer gesteigerten pastoralen
Belastung und einer damit verbundenen Ermüdung bedingt sind. Daher verdienen
die Priester, die mit bewundernswerter Hingabe und Treue den Dienst leben, der
ihnen anvertraut worden ist, Hochschätzung, Dankbarkeit und Nähe.63
Ihnen möchte auch ich, indem ich
die von den Synodenvätern geschriebenen Worte aufnehme, mit Vertrauen und
Dankbarkeit meine Ermutigung aussprechen: »Verliert nicht den Mut und laßt euch
nicht von Müdigkeit überwältigen; setzt eure kostbare und unverzichtbare Arbeit
fort in voller Gemeinschaft mit uns Bischöfen, in freudiger brüderlicher
Verbundenheit mit den anderen Priestern, in herzlicher Mitverantwortlichkeit
mit denen, die ein gottgeweihtes Leben führen, und mit allen Laien!« .64
Zusammen mit den Priestern möchte
ich auch die Diakone erwähnen, die, wenn auch in anderem Grad, an
demselben Weihesakrament teilhaben. Entsandt zum Dienst an der Kirchengemeinde,
erfüllen sie unter der Leitung des Bischofs und gemeinsam mit seinem
Presbyterium die ,,Diakonia'' der Liturgie, des Wortes und der
Nächstenliebe.65 Auf diese ihnen eigene Weise stehen sie
im Dienst am Evangelium der Hoffnung.
Das Zeugnis der Personen
gottgeweihten Lebens
37. Von
besonderer Aussagekraft ist das Zeugnis der Personen gottgeweihten Lebens.
In diesem Zusammenhang muß vor allem die fundamentale Rolle anerkannt werden,
die das Mönchtum und das gottgeweihte Leben bei der Evangelisierung Europas und
beim Aufbau seiner christlichen Identität gespielt hat.66
Diese Rolle darf heute nicht vernachlässigt werden, in einer Zeit, in der eine
»Neuevangelisierung« des Kontinents dringend notwendig ist und der Aufbau
komplexerer Strukturen und Bindungen ihn an einen heiklen Wendepunkt stellen.
Europa braucht immer die Heiligkeit, die Prophetie, die
Evangelisierungstätigkeit und den Dienst der Ordensleute. Hervorgehoben werden
muß auch der spezifische Beitrag, den die Säkularinstitute und die
Gesellschaften apostolischen Lebens anbieten durch ihr Bestreben, die Welt
durch die Kraft der Seligpreisungen von innen heraus umzugestalten.
38. Der
spezifische Beitrag, den die Personen gottgeweihten Lebens für das
Evangelium der Hoffnung leisten können, geht von einigen Aspekten aus, die
das derzeitige kulturelle und gesellschaftliche Gesicht Europas kennzeichnen.67
So soll die Frage nach neuen Formen der Spiritualität, die heute aus der
Gesellschaft emporsteigt, eine Antwort finden in der Anerkennung des
absoluten Vorranges Gottes, wie er von den gottgeweihten Personen durch die
vollkommene Selbsthingabe und durch die ständige Umkehr einer als wahrer
Gottesdienst dargebotenen Existenz gelebt wird. In einem vom Säkularismus
verseuchten und dem Konsumismus unterjochten Umfeld wird das gottgeweihte Leben
– Geschenk des Geistes an die Kirche und für die Kirche – zunehmend zum Zeichen
der Hoffnung, und zwar in dem Maße, in dem es die transzendente Dimension des
Daseins bezeugt. Auf der anderen Seite wird in der heutigen multikulturellen
und multireligiösen Situation nach dem Zeugnis evangeliumsgemäßer
Brüderlichkeit verlangt, die das gottgeweihte Leben kennzeichnet und es
durch die Überwindung der Gegensätze zu einem Ansporn zur Läuterung und zur
Einbeziehung unterschiedlicher Werte macht. Das Auftreten neuer Formen von
Armut und Ausgrenzung muß bei der Sorge um die Bedürftigsten die
Kreativität wecken, die so viele Gründer von Ordensinstituten ausgezeichnet
hat. Schließlich verlangt der Trend des Sich-Zurückziehens auf sich selbst nach
einem Gegenmittel: Es besteht in der Verfügbarkeit der gottgeweihten Personen,
trotz der zahlenmäßigen Verringerung in manchen Instituten das Werk der
Evangelisierung in anderen Kontinenten fortzusetzen.
Die Pflege der Berufungen
39. Angesichts
der Tatsache, daß dem Einsatz der Priester und Ordensleute entscheidende
Bedeutung zukommt, kann man den beunruhigenden Mangel an Seminaristen und
Anwärtern auf das Ordensleben vor allem in Westeuropa nicht verschweigen. Diese
Situation erfordert den Einsatz aller für eine angemessene Pastoral der
Berufungen. Nur »wenn man den jungen Menschen die Person Jesu Christi in
ihrer ganzen Fülle vorstellt, wird in ihnen eine Hoffnung entzündet, die sie
dazu antreibt, alles zu verlassen und ihm zu folgen, um auf seinen Ruf zu
antworten und vor ihren Altersgenossen von ihm Zeugnis zu geben« .68
Die Pflege der Berufungen ist also eine für die Zukunft des christlichen
Glaubens in Europa und, indirekt, für den geistigen Fortschritt der
europäischen Völker lebenswichtige Frage; sie ist der einzig mögliche Weg für
eine Kirche, die das Evangelium der Hoffnung verkünden, feiern und ihm dienen
will.69
40. Um eine
notwendige Berufungspastoral zu entwickeln, ist es angebracht, den Gläubigen
den Glauben der Kirche bezüglich Wesen und Würde des Amtspriestertums zu
erklären, die Familien zu einem Leben als echte »Hauskirchen« zu ermutigen,
damit in ihnen die verschiedenen Berufungen wahrgenommen, angenommen und
begleitet werden können, und eine Pastoraltätigkeit zu entfalten, die vor allem
den jungen Menschen hilft, Entscheidungen für ein Leben zu treffen, das in
Christus verwurzelt und vollständig der Kirche gewidmet ist.70
In der Gewißheit, daß der Heilige
Geist auch heute am Werk ist und daß es an Zeichen für diese Gegenwart nicht
fehlt, geht es vor allem darum, die Berufungsverkündigung auf die Bahn der
ordentlichen Pastoral zu bringen. Es ist deshalb notwendig, »vor allem in
den jungen Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Gott anzufachen und auf diese
Weise ein günstiges Umfeld zu schaffen für die Entstehung großherziger
Antworten auf Berufungen« . Es ist dringlich, daß eine große Gebetsbewegung die
Kirchengemeinden des europäischen Kontinents durchzieht, weil »die veränderten
historischen und kulturellen Bedingungen es erfordern, daß die
Berufungspastoral als eines der Hauptziele der ganzen christlichen Gemeinschaft
angesehen wird« .71 Und es ist unerläßlich, daß die Priester
selbst völlig kohärent zu ihrer wahren sakramentalen Identität leben und
arbeiten. Wenn sie nämlich von sich selbst ein mattes und glanzloses Bild
abgeben, wie könnten sie dann die jungen Menschen dazu bringen, sie
nachzuahmen?
Die Sendung der Laien
41.
Unverzichtbar ist der Beitrag der gläubigen Laien zum kirchlichen Leben:
Ihr Platz in der Verkündigung des Evangeliums der Hoffnung und ihr Dienst an
ihm ist in der Tat unersetzlich, denn »durch sie wird die Kirche Christi in den
verschiedensten Bereichen der Welt als Zeichen und Quelle der Hoffnung und der
Liebe präsent« .72 Da sie an der Sendung der Kirche in der
Welt vollkommen teilhaben, sind sie aufgerufen zu bezeugen, wie der christliche
Glaube die einzige vollständige Antwort auf die Fragen darstellt, die das Leben
jedem Menschen und jeder Gesellschaft stellt. Sie können die Werte des Reiches
Gottes, die Verheißung und Gewähr einer Hoffnung sind, die nicht enttäuscht, in
die Welt einbringen.
Europa hat heute wie gestern
bedeutsame Erscheinungen und leuchtende Beispiele solcher Laiengestalten
vorzuweisen. Wie die Synodenväter betont haben, muß unter anderen jener Männer
und Frauen mit Dankbarkeit gedacht werden, die Christus und sein Evangelium
durch ihren Dienst am öffentlichen Leben und an den Verantwortlichkeiten, die
es mit sich bringt, bezeugt haben. Es ist von grundlegender Bedeutung,
»spezifische Berufungen zu wecken und zu fördern, die dem Gemeinwohl dienen:
Menschen, die nach dem Beispiel und dem Stil der sogenannten ,,Väter Europas''
fähig sind, Baumeister der europäischen Gesellschaft von morgen zu sein, und
sie auf die soliden Fundamente des Geistes gründen« .73
Die gleiche Wertschätzung gilt
der Arbeit, die von christlichen Laien, Männern und Frauen, oft in der
Verborgenheit des gewöhnlichen Lebens durch demütige Dienste geleistet wird,
die geeignet sind, den in Armut Lebenden die Barmherzigkeit Gottes zu
verkünden. Wir müssen ihnen dankbar sein für ihr kühnes Zeugnis der Liebe und
Vergebung: Werte, welche die weiten Bereiche der Politik, der
gesellschaftlichen Wirklichkeit, der Wirtschaft, der Kultur, der Ökologie, des
internationalen Lebens, der Familie, der Erziehung, der Berufswelt, der Arbeit
und des Leidens evangelisieren.74 Dazu dienen
Ausbildungsgänge, die gläubige Laien befähigen, ihren Glauben an den
weltlichen Gegebenheiten tauglich zu machen. Solche Kurse, die sich auf eine
ernsthafte praktische Ausbildung im kirchlichen Leben, besonders auf das
Studium der Soziallehre, stützen, müssen imstande sein, ihnen nicht nur Lehre
und Anregungen zu liefern, sondern auch entsprechende spirituelle Leitlinien,
die den gelebten Einsatz als authentischen Weg der Heiligkeit beseelen.
Die Rolle der Frau
42. Die Kirche
ist sich des spezifischen Beitrags der Frau im Dienst am Evangelium der
Hoffnung bewußt. Die Geschichte der christlichen Gemeinschaft belegt, wie die
Frauen in der Bezeugung des Evangeliums immer einen bedeutenden Platz gehabt
haben. Es muß daran erinnert werden, wieviel sie oft stillschweigend und im
Verborgenen mit dem Empfang und der Übermittlung der Gabe Gottes geleistet
haben, sei es durch die leibliche und geistige Mutterschaft, die
Erziehungsarbeit, die Katechese, die Verwirklichung großer Werke der
Nächstenliebe, sei es durch ein Leben des Gebetes und der Kontemplation sowie
durch mystische Erfahrungen und durch die Abfassung von Schriften, die reich
sind an evangelischer Weisheit.75
Im Licht der überreichen
Zeugnisse aus der Vergangenheit drückt die Kirche ihre Zuversicht im Hinblick
auf all das aus, was die Frauen heute auf allen Ebenen für das Wachsen der
Hoffnung tun können. Es gibt Aspekte der heutigen europäischen Gesellschaft,
die eine Herausforderung sind für die Fähigkeit der Frauen zu liebevollem,
beharrlichem und unbedingtem Annehmen, Teilen und Gestalten. Man denke zum
Beispiel an die verbreitete wissenschaftlich-technische Geisteshaltung, welche
die emotionale Dimension und die Funktion der Gefühle in den Schatten stellt,
an den Mangel an Großherzigkeit, an die verbreitete Furcht davor, neuen
Geschöpfen das Leben zu schenken und an die Schwierigkeit, sich mit dem anderen
auf Gegenseitigkeit zu stellen und jemanden anzunehmen, der von einem selbst
verschieden ist. In diesem Zusammenhang erwartet sich die Kirche von den Frauen
den belebenden Beitrag einer neuen Welle der Hoffnung.
43. Damit das
verwirklicht werden kann, ist es jedoch notwendig, daß vor allem in der
Kirche die Würde der Frau gefördert wird, da die Würde von Frau und Mann
identisch ist, beide nach Gottes Abbild und Gleichnis geschaffen (vgl. Gen
1, 27) und reichlich mit je eigenen, spezifischen Gaben ausgestattet sind.
Um die volle Teilnahme der Frau
am Leben und an der Sendung der Kirche zu fördern, ist zu wünschen – wie bei
der Synode unterstrichen wurde –, daß ihre Gaben auch durch die Übernahme der
kirchlichen Funktionen, die nach dem Recht den Laien vorbehalten sind, stärker
zur Geltung gebracht werden. Entsprechend aufgewertet werden muß auch die
Sendung der Frau als Gattin und Mutter und ihre Hingabe an das
Familienleben.76
Die Kirche versäumt nicht, ihre
Stimme zu erheben und die gegen die Frauen verübten Ungerechtigkeiten und
Gewalttätigkeiten anzuklagen, wo und unter welchen Umständen auch immer sie
geschehen. Sie fordert, daß die Gesetze zum Schutz der Frau tatsächlich zur
Anwendung kommen und daß gegen die erniedrigende Verwendung von
Frauendarstellungen in der kommerziellen Werbung und gegen die Geißel der
Prostitution wirksame Maßnahmen ergriffen werden; sie wünscht, daß der von der
Mutter, ebenso wie der vom Vater im häuslichen Leben geleistete Dienst auch in
Form einer finanziellen Anerkennung als Beitrag zum Gemeinwohl angesehen wird.
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