III. KAPITEL
DAS EVANGELIUM
DER HOFFNUNG VERKÜNDIGEN
»Nimm das [...] aufgeschlagene Buch [...]
und iß es« (Offb 10,
8.9)
I. Das Geheimnis Christi verkündigen
Die Offenbarung verleiht
der Geschichte Sinn
44. Die Vision
der Geheimen Offenbarung spricht von »einer Buchrolle, die innen und außen beschrieben
und mit sieben Siegeln versiegelt war« , die sich »in der rechten Hand dessen,
der auf dem Thron saß« befand (Offb 5, 1). Dieser Text enthält den
Schöpfungs- und Heilsplan Gottes, seinen detaillierten Entwurf für die ganze
Wirklichkeit, für die Menschen, für die Dinge, für die Ereignisse. Kein
geschaffenes Wesen, weder im Himmel noch auf der Erde, ist imstande, »das Buch
zu öffnen und es zu lesen« (Offb 5, 3), das heißt seinen Inhalt zu
verstehen. In der Verworrenheit der menschlichen Wechselfälle vermag niemand
die Richtung und den letzten Sinn der Dinge zu benennen.
Allein Jesus Christus gelangt in
den Besitz des versiegelten Buches (vgl. Offb 5, 6-7); allein er ist
»würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen« (Offb 5, 9).
Denn allein Jesus vermag den darin enthaltenen Plan Gottes zu enthüllen und
zu verwirklichen. Der sich selbst überlassene Mensch, mag er sich noch so
anstrengen, ist nicht imstande, der Geschichte und ihren Ereignissen einen Sinn
zu geben: Das Leben bleibt ohne Hoffnung. Allein der Sohn Gottes ist in der
Lage, die Finsternis zu vertreiben und den Weg zu zeigen.
Das geöffnete Buch wird
Johannes übergeben und
durch ihn der ganzen Kirche. Johannes wird aufgefordert, das Buch
zu nehmen und es zu essen: »Geh, nimm das Buch, das der Engel, der auf dem Meer
und auf dem Land steht, aufgeschlagen in der Hand hält [...]. Nimm und iß es!«
(Offb 10, 8-9). Erst nachdem er es tief in sich aufgenommen hat, wird er
es in angemessener Weise den anderen mitteilen können, zu denen er mit der
Weisung gesandt wird, »noch einmal zu weissagen über viele Völker und Nationen
mit ihren Sprachen und Königen« (Offb 10, 11).
Notwendigkeit und
Dringlichkeit der Verkündigung
45. Das der
Kirche anvertraute und von ihr aufgenommene Evangelium der Hoffnung verlangt,
jeden Tag verkündet und bezeugt zu werden. Das ist die der Kirche eigene
Berufung zu allen Zeiten und an allen Orten. Das ist auch die Sendung der
Kirche im heutigen Europa. »Evangelisieren ist in der Tat die Gnade und eigentliche
Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren,
das heißt zu predigen und zu unterweisen, Mittlerin des Geschenkes der Gnade zu
sein, die Sünder mit Gott zu versöhnen, das Opfer Christi in der heiligen Messe
immer gegenwärtig zu setzen, die die Gedächtnisfeier seines Todes und seiner
glorreichen Auferstehung ist« .77
Kirche in Europa, die »Neuevangelisierung« ist die
Aufgabe, die auf dich wartet! Sieh zu, die Begeisterung für die Verkündigung
wiederzuentdecken! Fühle dich jetzt zu Beginn des dritten Jahrtausends durch
die flehentliche Bitte angesprochen, die bereits in den Anfängen des ersten
Jahrtausends erklungen ist, als dem Paulus in einer Vision ein Mazedonier
erschien und ihn bat: »Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!« (Apg 16,
9). Wenn auch unausgesprochen oder sogar unterdrückt, so ist dieser Hilferuf
doch der tiefste und wahrhaftigste, der aus dem Herzen der heutigen Europäer
kommt, die nach einer Hoffnung dürsten, die nicht enttäuscht. Dir ist diese
Hoffnung geschenkt worden, damit du sie zu jeder Zeit und an jedem Ort voll
Freude weitergibst. Die Verkündigung Jesu, die das Evangelium der
Hoffnung ist, möge also dein Ruhm und deine Daseinsberechtigung sein.
Fahre fort mit neuem Eifer in demselben missionarischen Geist, der – angefangen
mit der Verkündigung der Apostel Petrus und Paulus – in diesen zweitausend
Jahren seither so viele heilige Männer und Frauen, authentische Verkünder des
Evangeliums auf dem europäischen Kontinent, beseelt hat!
Erstverkündigung und
erneute Verkündigung
46. In
verschiedenen Teilen Europas bedarf es einer Erstverkündigung des
Evangeliums; die Zahl der Nichtgetauften nimmt zu, sei es aufgrund der beträchtlichen
Anwesenheit von Einwanderern, die anderen Religionen angehören, sei es deshalb,
weil auch Kinder aus traditionell christlichen Familien entweder wegen der
kommunistischen Herrschaft oder wegen einer weitverbreiteten religiösen
Gleichgültigkeit die Taufe nicht empfangen haben.78
Tatsächlich ist Europa inzwischen zu jenen traditionell christlichen Gebieten
zu rechnen, in denen außer einer Neuevangelisierung in bestimmten Fällen eine
Erstevangelisierung nötig erscheint.
Die Kirche kann sich der Pflicht
einer mutigen Diagnose nicht entziehen, welche die Einleitung geeigneter
Therapien gestattet. Auch im »alten » Kontinent gibt es breite soziale und
kulturelle Schichten, in denen eine regelrechte Mission ad gentes
notwendig wird.79
47. Überall
aber ist – auch für die bereits Getauften – eine erneute Verkündigung nötig.
Viele europäische Zeitgenossen meinen zu wissen, was das Christentum ist,
kennen es jedoch nicht wirklich. Häufig sind sogar die wesentlichen Elemente
und Grundbegriffe des Glaubens nicht mehr bekannt. Viele Getaufte leben so, als
ob Christus nicht existierte: Man wiederholt, insbesondere durch die
kirchlichen Bräuche, die Gesten und Zeichen des Glaubens, aber es entspricht
ihnen keine tatsächliche Annahme des Glaubensinhalts und kein Festhalten an der
Person Jesu. An die Stelle der großen Gewißheiten des Glaubens ist bei vielen
ein vages und wenig verbindliches religiöses Gefühl getreten. Es verbreiten
sich verschiedene Formen von Agnostizismus und praktischem Atheismus, die zur
Verschärfung der Kluft zwischen Glaube und Leben beitragen. Viele haben sich
vom Geist eines innerweltlichen Humanismus anstecken lassen, der ihren Glauben
geschwächt und sie leider oft dazu geführt hat, ihn ganz aufzugeben. Wir
erleben eine Art säkularistischer Auslegung des christlichen Glaubens, die ihn
aushöhlt und mit der eine tiefe Krise des Gewissens und der christlichen
Moralpraxis einhergeht.80 Die großen Werte, die die
europäische Kultur weitreichend inspiriert haben, sind vom Evangelium
abgetrennt worden und haben so ihr tiefstes Wesen verloren und Raum gelassen
für nicht wenige Verirrungen.
»Wird jedoch der Menschensohn,
wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?« (Lk 18, 8). Wird er
ihn auf dieser Erde unseres Europas alter christlicher Tradition noch finden?
Das ist eine offene Frage, die mit aller Klarheit auf die Tiefgründigkeit und
Dramatik einer der ernstesten Herausforderungen hinweist, mit denen sich unsere
Kirchen auseinandersetzen müssen. Man kann sagen – wie es bei der Synode
unterstrichen wurde –, daß diese Herausforderung oft nicht so sehr darin
besteht, die Neubekehrten zu taufen, sondern die Getauften dahin zu bringen,
sich zu Christus und seinem
Evangelium zu bekehren: 81 In unseren
Gemeinden muß man sich ernsthaft darum bemühen, das Evangelium der Hoffnung
allen zu bringen, die dem Glauben fernstehen oder sich von der christlichen
Praxis entfernt haben.
Treue zu der einzigen
Botschaft
48. Um das
Evangelium der Hoffnung verkündigen zu können, ist eine feste Treue zum
Evangelium selbst notwendig. Die Verkündigung der Kirche in allen
ihren Formen muß daher immer mehr die Person Jesu in den Mittelpunkt stellen
und sie muß immer mehr auf ihn hinlenken. Es gilt darüber zu wachen, daß er
in seiner Ganzheit vorgestellt wird: nicht nur als sittliches Vorbild,
sondern vor allem als der Sohn Gottes, der einzige und notwendige Retter aller,
der in seiner Kirche lebt und wirkt. Damit die Hoffnung wahr und unzerstörbar
sei, sollte in der Pastoraltätigkeit in den kommenden Jahren »die unverkürzte,
klare und erneuerte Verkündigung des auferstandenen Jesus Christus, der
Auferstehung und des ewigen Lebens« 82 an erster Stelle
stehen.
Auch wenn das zu verkündende
Evangelium zu allen Zeiten dasselbe ist, so gibt es doch verschiedene Formen
der Verkündigung. Jeder ist demnach eingeladen, Jesus und den Glauben an
ihn bei allen Gelegenheiten zu ,,verkünden'', anderen den Glauben ,,anziehend''
erscheinen zu lassen durch die Art persönlichen, familiären, beruflichen und
gemeinschaftlichen Lebens, die das Evangelium widerspiegelt; um sich herum
Freude, Liebe und Hoffnung ,,auszustrahlen'', damit viele, wenn sie unsere
guten Werke sehen, den Vater im Himmel preisen (vgl. Mt 5, 16), so daß
sie ,,angesteckt'' und gewonnen werden; ,,Sauerteig'' zu werden, der von innen
her jede kulturelle Ausdrucksform umwandelt und belebt.83
Durch das Zeugnis des
Lebens
49. Europa
bedarf glaubwürdiger Glaubensboten, in deren Leben in Gemeinschaft mit
dem Kreuz und der Auferstehung Christi die Schönheit des Evangeliums
erstrahlt.84 Solche Glaubensboten müssen entsprechend
ausgebildet werden.85 Notwendiger denn je ist heute ein missionarisches
Bewußtsein in jedem Christen, angefangen bei den Bischöfen, Priestern,
Diakonen, gottgeweihten Personen, Katecheten und Religionslehrern: »Jeder
Getaufte muß sich als Zeuge Christi die seinem Stand entsprechende Bildung
aneignen, nicht nur um zu vermeiden, daß der Glaube in einem feindlichen
weltlichen Umfeld aus Mangel an Pflege verdorrt, sondern auch um das Zeugnis
der Evangelisierung zu stützen und anzuregen« .86
Der heutige Mensch »hört lieber
auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil
sie Zeugen sind« .87 Entscheidend sind daher das
Vorhandensein und die Zeichen von Heiligkeit: Sie ist die wesentliche
Vorbedingung für eine authentische Evangelisierung, die wieder Hoffnung zu
geben vermag. Es muß starke, persönliche und gemeinschaftliche Zeugnisse für
ein neues Leben in Christus geben. Es genügt nämlich nicht, daß die Wahrheit
und die Gnade durch die Verkündigung des Wortes und die Feier der Sakramente
angeboten werden; sie müssen angenommen und in jeder konkreten Situation, in
der Verhaltensweise der Christen und der kirchlichen Gemeinschaften gelebt
werden. Das ist eines der größten Unterfangen, welche die Kirche in Europa am
Anfang des neuen Jahrtausends erwarten.
Heranbilden zu einem reifen
Glauben
50. »Die
heutige kulturelle und religiöse Situation Europas erfordert die Präsenz im
Glauben gereifter Katholiken und missionarischer christlicher Gemeinschaften,
die allen Menschen Zeugnis geben von der Liebe Gottes« .88
Die Verkündigung des Evangeliums der Hoffnung macht es daher notwendig, den
Übergang von einem durch gesellschaftliche Gewohnheit gestützten, freilich
auch schätzenswerten Glauben zu einem persönlicheren und reiferen,
reflektierten und überzeugten Glauben zu fördern.
Die Christen sind also
aufgerufen, einen Glauben zu kultivieren, der ihnen erlaubt, sich kritisch mit
der gegenwärtigen Kultur auseinanderzusetzen und ihren Verführungen zu
widerstehen; die Bereiche von Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik
wirksam zu beeinflussen; deutlich zu machen, daß die Gemeinschaft der
Mitglieder der katholischen Kirche untereinander und mit den anderen Christen
stärker ist als jedes ethnische Band; den Glauben voll Freude an die jungen
Generationen weiterzugeben; eine christliche Kultur aufzubauen, die in der Lage
ist, die vielschichtige Kultur, in der wir leben, zu evangelisieren.89
51. Die
christlichen Gemeinden müssen sich nicht nur darum bemühen, daß der Dienst am
Wort Gottes, die Feier der Liturgie und die Übung der Nächstenliebe auf den
Aufbau und die Stützung eines reifen, persönlichen Glaubens ausgerichtet sind,
sondern sich auch für das Angebot einer Katechese einsetzen, die den
unterschiedlichen geistlichen Wegen der Gläubigen in den verschiedenen
Altersstufen und Lebenssituationen angepaßt ist. Dabei sollen sie auch
geeignete Formen geistlicher Begleitung und der Wiederentdeckung der eigenen
Taufe in Betracht ziehen.90 Grundlegender Anhaltspunkt für
dieses Unterfangen sollte natürlich der Katechismus der katholischen Kirche
sein.
Wenn man dem Dienst der
Katechese in der Pastoraltätigkeit eine unleugbare Priorität zuerkennt, ist
es besonders notwendig, diesen Dienst als Erziehung und Entwicklung des
Glaubens jedes Menschen zu pflegen und – gegebenenfalls – wieder
einzuführen, auf daß der vom Heiligen Geist gelegte und durch die Taufe
übertragene Same wachse und zur Reife gelange. In ständigem Bezug zum Wort
Gottes, das in der Heiligen Schrift bewahrt, in der Liturgie verkündet und von
der Überlieferung der Kirche ausgelegt wird, stellt eine organische und
systematische Katechese ganz zweifellos ein wesentliches und vorrangiges
Instrument dar, um die Christen zu einem reifen Glauben heranzubilden.91
52.
Unterstrichen werden muß in diesem Zusammenhang auch die bedeutende Aufgabe
der Theologie. Zwischen der Evangelisierung und der theologischen Reflexion
besteht nämlich eine innere und untrennbare Verbindung, da letztere als
Wissenschaft mit einem eigenen Statut und einer eigenen Methodologie vom
Glauben der Kirche lebt und im Dienst an ihrer Sendung steht.92
Sie geht aus dem Glauben hervor und ist dazu berufen, ihn zu interpretieren,
wobei sie zugleich ihre unverzichtbare Bindung an die christliche Gemeinschaft
in allen ihren Ausprägungen zu wahren hat. Im Dienst am geistlichen Wachstum
aller Gläubigen 93 führt sie diese in ein vertieftes
Verständnis der Botschaft Christi ein.
Bei der Durchführung des
Verkündigungsauftrages des Evangeliums der Hoffnung weiß die Kirche in Europa
die Berufung der Theologen dankbar zu schätzen, bringt ihre Arbeit zur
Geltung und fördert sie.94 An die Theologen richte ich voll
Achtung und Liebe den Aufruf, in dem Dienst, den sie leisten, fortzufahren und
dabei immer die wissenschaftliche Forschung mit dem Gebet zu verbinden, sich
auf einen aufmerksamen Dialog mit der zeitgenössischen Kultur einzulassen, treu
zum Lehramt zu stehen und mit ihm im Geist der Gemeinschaft in der Wahrheit und
in der Liebe zusammenzuarbeiten, sich am sensus fidei des Gottesvolkes
zu inspirieren und ihn durch ihren Beitrag zu nähren.
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