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Johannes Paul II.
Ecclesia in Europa

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  • III. KAPITEL DAS EVANGELIUM DER HOFFNUNG VERKÜNDIGEN »Nimm das [...] aufgeschlagene Buch [...] und iß es« (Offb 10, 8.9)
    • III. Das gesellschaftliche Leben evangelisieren
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III. Das gesellschaftliche Leben
evangelisieren

Evangelisierung der Kultur und Inkulturation
des Evangeliums

58. Die Verkündigung Jesu Christi muß auch die gegenwärtige europäische Kultur erreichen. Die Evangelisierung der Kultur muß zeigen, daß es auch heute in diesem Europa möglich ist, das Evangelium in seiner Fülle als Wegweisung zu leben, die dem Dasein Sinn verleiht. Zu diesem Zweck muß die Pastoral die Aufgabe übernehmen, eine christliche Geisteshaltung im alltäglichen Leben zu formen: in der Familie, in der Schule, in der sozialen Kommunikation, in der Welt der Kultur, der Arbeit und der Wirtschaft, in der Politik, in der Freizeit, in Gesundheit und in Krankheit. Es ist eine ruhige kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen kulturellen Situation Europas nötig, welche die auftretenden Tendenzen und die bedeutendsten Ereignisse und Situationen unserer Zeit im Lichte der zentralen Stellung Christi und der christlichen Anthropologie bewertet.

Wenn man an die kulturelle Fruchtbarkeit des Christentums in der Geschichte Europas denkt, muß man auch heute auf den – theoretischen und praktischenZugang des Evangeliums zur Wirklichkeit und zum Menschen hinweisen. Bedenkt man darüber hinaus die große Bedeutung der Wissenschaften und der technologischen Umsetzungen in der Kultur und der Gesellschaft Europas, so ist die Kirche aufgerufen, sich mittels ihrer Strukturen zu theoretischer Vertiefung und zu praktischer Initiative auf konstruktive Weise mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihren Anwendungen auseinanderzusetzen. Dabei muß sie auf die Unzulänglichkeit und Unangemessenheit einer vom Szientismus inspirierten Auffassung hinweisen, die einzig und allein dem experimentellen Wissen objektive Gültigkeit zuerkennen will, und zudem die sittlichen Kriterien anbieten, die der Mensch als in seine Natur eingeschrieben besitzt.108

59. In den Evangelisierungsprozeß der Kultur fügt sich der wichtige Dienst ein, der von den katholischen Schulen geleistet wird. Man wird auf die Anerkennung einer tatsächlichen Erziehungsfreiheit und der Gleichberechtigung zwischen den staatlichen und den nichtstaatlichen Schulen hinwirken müssen. Letztere sind manchmal das einzige Mittel, um die christliche Tradition denen, die ihr fernstehen, anbieten zu können. Ich ermahne die im Bereich der Schule beschäftigten Gläubigen, beharrlich ihrem Auftrag gerecht zu werden und das Licht Christi, des Retters, in ihre spezifischen erzieherischen, wissenschaftlichen und akademischen Aktivitäten zu tragen.109 Besonders herausgestellt werden muß der Beitrag der Christen, die führend in der Forschung sind und an den Universitäten lehren: Durch ihren »Dienst des Denkens« geben sie die Werte eines durch zweitausend Jahre humanistischer und christlicher Erfahrung bereicherten kulturellen Erbes an die jungen Generationen weiter. Da ich von der Wichtigkeit der akademischen Einrichtungen überzeugt bin, bitte ich auch darum, in den verschiedenen Teilkirchen eine angemessene Hochschulpastoral zu fördern und auf diese Weise das voranzubringen, was den aktuellen kulturellen Bedürfnissen entspricht.110

60. Es darf auch der positive Beitrag nicht vergessen werden, der durch die Erschließung der Kulturgüter der Kirche geleistet wird. Sie können nämlich einen besonderen Faktor in dem Bemühen darstellen, einen Humanismus christlicher Inspiration neu zu wecken. Dank ihrer angemessenen Erhaltung und klugen Nutzung können sie als lebendiges Zeugnis des jahrhundertelang verkündeten Glaubens ein gültiges Instrument für die Neuevangelisierung und die Katechese bilden und dazu einladen, den Sinn für das Mysterium wiederzuentdecken.

Gleichzeitig müssen durch einen andauernden Dialog mit der Welt der Kunst neue Ausdrucksformen des Glaubens gefördert werden.111 Die Kirche braucht nämlich die Kunst, die Literatur, die Musik, die Malerei, die Bildhauerei und die Architektur, weil »sie die Welt des Geistes, des Unsichtbaren, die Welt Gottes wahrnehmbar, ja, so weit als möglich, faszinierend machen soll« 112 und weil die künstlerische Schönheit, gleichsam als Widerschein des Geistes Gottes, Schlüssel zum Mysterium ist, Einladung, das in Jesus von Nazaret sichtbar gewordene Angesicht Gottes zu ergründen.

 

Die Erziehung der jungen Menschen zum Glauben

61. Sodann ermutige ich die Kirche in Europa, der Erziehung der jungen Menschen zum Glauben vermehrte Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn wir den Blick in die Zukunft richten, können wir gar nicht anders, als ihnen unsere Gedanken zuzuwenden: Wir müssen ihrem Geist, ihrem Herzen und ihrem Charakter entgegenkommen, um den jungen Menschen eine solide menschliche und christliche Bildung bieten zu können.

Bei allen Anlässen, wo es eine hohe Beteiligung junger Menschen gibt, ist unschwer das Auftreten ganz unterschiedlicher Haltungen bei ihnen zu bemerken. Da stellt man den Wunsch fest, zusammenzuleben, um der Isolierung zu entgehen, den mehr oder weniger stark empfundenen Durst nach Absolutem; da erkennt man bei ihnen einen heimlichen Glauben, der danach verlangt, sich zu läutern und dem Herrn nachzufolgen; da nimmt man die Entscheidung wahr, den bereits eingeschlagenen Weg fortzusetzen, und das Bedürfnis, den Glauben mit anderen zu teilen.

62. Zu diesem Zweck ist es notwendig, die Jugendpastoral nach Altersstufen gegliedert und den ganz unterschiedlichen Lebensumständen und Erfordernissen von Kindern, Heranwachsenden und Jugendlichen angepaßtzu erneuern. Außerdem muß man ihr größere Einheitlichkeit und mehr Kohärenz verleihen, in geduldigem Hinhören auf die Fragen der Jugendlichen, um aus ihnen Protagonisten der Evangelisierung und des Aufbaus der Gesellschaft zu machen.

Auf diesem Weg gilt es, Gelegenheiten für Begegnungen zwischen den jungen Leuten zu fördern, um auf diese Weise ein Klima des gegenseitigen Zuhörens und des Gebets zu begünstigen. Man braucht sich nicht zu scheuen, im Hinblick auf ihr geistliches Wachstum ihnen gegenüber anspruchsvoll zu sein. Ihnen muß der Weg der Heiligkeit aufgezeigt werden, indem man sie dazu anspornt, – gestärkt durch ein beständiges Leben aus den Sakramentenverpflichtende Entscheidungen in der Nachfolge Jesu zu treffen. Auf diese Weise werden sie den Verführungen einer Kultur widerstehen können, die oft nur vergängliche oder im Gegensatz zum Evangelium stehende Werte bietet, und selber fähig werden, in allen Lebensbereichen, auch bei Vergnügen und Unterhaltung, eine christliche Mentalität erkennen zu lassen.113

Ich habe noch lebhaft die fröhlichen Gesichter unzähliger Jugendlicher vor Augen – eine echte Hoffnung der Kirche und der Welt, ein beredtes Zeichen des Heiligen Geistes, der nicht müde wird, neue Kräfte zu wecken. Ihnen bin ich sowohl auf meinen Pilgerreisen in vielen Ländern als auch bei den unvergeßlichen Weltjugendtagen begegnet.114

 

Aufmerksamkeit für die Massenmedien

63. Angesichts der Bedeutung der sozialen Kommunikationsmittel muß die Kirche in Europa der vielgestaltigen Welt der Massenmedien besondere Aufmerksamkeit widmen. Dazu gehört unter anderem die angemessene Ausbildung der in den Medien tätigen Christen und der Nutzer dieser Instrumente im Hinblick auf eine gute Beherrschung der neuen Ausdrucksformen. Besondere Sorgfalt lasse man bei der Wahl ausgebildeter Personen für die Verkündigung der Botschaft durch die Medien walten. Sehr nützlich wird auch der Austausch von Informationen und Strategien zwischen den Kirchen über die verschiedenen Aspekte und Initiativen der Kommunikation sein. Ebenso wenig darf die Schaffung lokaler Kommunikationsmittel, auch auf der Ebene der Pfarrei, vernachlässigt werden.

Gleichzeitig geht es darum, sich in die Prozesse der sozialen Kommunikation einzuschalten, um sie zu größerer Respektierung der Wahrhaftigkeit in der Berichterstattung und der Würde der menschlichen Person anzuhalten. In diesem Zusammenhang lade ich die Katholiken ein, sich an der Erarbeitung eines Pflichtkodex zu beteiligen, der für alle im Medienbereich tätigen Personen gelten soll; dabei sollen sie sich von den Kriterien leiten lassen, welche die zuständigen Organe des Heiligen Stuhls kürzlich angegeben 115 und die Bischöfe bei der Synode, wie folgt, aufgeführt haben: »Achtung vor der Würde der menschlichen Person und vor ihren Rechten, einschließlich des Rechts auf Schutz der Privatsphäre; Dienst an der Wahrheit, an der Gerechtigkeit und an den menschlichen, kulturellen und geistigen Werten; Achtung der verschiedenen Kulturen, wobei verhindert werden muß, daß sie sich in der Masse verlieren; Schutz der Minderheitengruppen und der Schwächsten; Suche nach dem Gemeinwohl über die Sonderinter- essen bzw. das Überwiegen rein wirtschaftlicher Kriterien hinaus« .116

 

Die Mission ad gentes

64. Eine Verkündigung Jesu Christi und seines Evangeliums, die sich allein auf den europäischen Raum beschränkte, würde Symptome eines besorgniserregenden Mangels an Hoffnung erkennen lassen. Das Werk der Evangelisierung ist dann von wahrer christlicher Hoffnung beseelt, wenn es sich den universalen Horizonten öffnet, die dazu anregen, allen unentgeltlich zu geben, was man selbst als Geschenk empfangen hat. Auf diese Weise wird die Mission ad gentes zum Ausdruck einer vom Evangelium der Hoffnung geprägten Kirche, die sich ständig erneuert und verjüngt. Das war jahrhundertelang das Bewußtsein der Kirche in Europa: Unzählige Scharen von Missionaren und Missionarinnen gingen auf andere Völker und andere Kulturen zu und verkündeten den Völkern der ganzen Welt das Evangelium Jesu Christi.

Derselbe missionarische Eifer muß die Kirche im heutigen Europa beseelen. Der Rückgang an Priestern und Ordensleuten in bestimmten Ländern darf keine Teilkirche daran hindern, sich der Erfordernisse der Weltkirche anzunehmen. Eine jede soll die Vorbereitung auf die Mission ad gentes so zu fördern wissen, daß sie den noch immer vorgelegten Bitten vieler Völker und Nationen, die begierig darauf sind, das Evangelium kennenzulernen, großzügig entsprechen kann. Die Kirchen anderer Kontinente, besonders die Asiens und Afrikas, blicken nach wie vor auf die Kirchen in Europa und erwarten, daß sie ihre missionarische Berufung weiterhin erfüllen. Die Christen in Europa dürfen nicht mit ihrer Geschichte brechen.117

 

Das Evangelium: Buch für Europa heute und immer

65. Beim Durchschreiten der Heiligen Pforte zu Beginn des Großen Jubiläums des Jahres 2000 habe ich vor der Kirche und der Welt das Buch des Evangeliums in die Höhe gehoben. Diese Geste, die von jedem Bischof in den verschiedenen Kathedralen der Welt vorgenommen wurde, soll auf die Verpflichtung hinweisen, welche die Kirche auf unserem Kontinent heute und immer erwartet.

Kirche in Europa, tritt mit dem Buch des Evangeliums in das neue Jahrtausend ein! Möge von jedem Gläubigen die Mahnung des Konzils angenommen werden, »sich durch häufige Lesung der Heiligen Schrift die ,,alles übertreffende Erkenntnis Jesu Christi'' (Phil 3, 8) anzueignen. ,,Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen''« .118 Möge die Bibel weiterhin ein Schatz für die Kirche und für jeden Christen sein: Im sorgfältigen Studium des Wortes Gottes werden wir Nahrung und Kraft finden, um jeden Tag unsere Sendung zu erfüllen.

Nehmen wir dieses Buch in unsere Hände! Nehmen wir es an vom Herrn, der es uns durch seine Kirche beständig hinhält (vgl. Offb 10, 8). Essen wir es (vgl. Offb 10, 9), damit es zum Leben unseres Lebens werde. Kosten wir es aus bis zum Letzten: Es wird uns Mühen bereiten, doch es wird uns Freude schenken, weil es süß wie Honig ist (vgl. Offb 10, 9-10). Wir werden von Hoffnung überquellen und fähig sein, sie jedem mitzuteilen, dem wir auf unserem Weg begegnen.

 




108 Vgl. Propositio 23.



109 Vgl. Propositiones 25; 26, 2.



110 Vgl. Propositio 26, 3.



111 Vgl. Propositio 27.



112 Johannes Paul II., Brief an die Künstler (4. April 1999), 12: AAS 91 (1999), 1168.



113 Vgl. Propositio 7b-c.



114 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache bei der Gebetsvigil in Tor Vergata beim XV. Weltjugendtag (19. August 2000), 6: Insegnamenti XXIII/2 (2000), 212.



115 Vgl. Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Ethik in der Sozialen Kommunikation, Vatikanstadt, 4. Juni 2000.



116 Propositio 13.



117 Vgl. Propositio 12.



118 II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei verbum, 25.






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