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I. Die Liturgie wiederentdecken
Das religiöse Empfinden im
heutigen Europa
67. Trotz
weiter Bereiche der Entchristianisierung im europäischen Kontinent gibt es Zeichen,
die dazu beitragen, das Gesicht einer Kirche zu umreißen, die als
Glaubende ihren Herrn verkündet, feiert und ihm dient. Es fehlt nämlich
nicht an Beispielen authentischer Christen, die Zeiten kontemplativen
Schweigens durchleben, treu an geistlichen Initiativen teilnehmen, in ihrem
Alltag das Evangelium leben und es in ihren verschiedenen Aufgabenbereichen
bezeugen. Außerdem lassen sich Äußerungen einer »Heiligkeit des Volkes«
ausmachen, die belegen, daß es auch im heutigen Europa nicht unmöglich ist, das
Evangelium im persönlichen Bereich und in einer echten Gemeinschaftserfahrung
zu leben.
68. Neben
vielen Beispielen unverfälschten Glaubens gibt es in Europa auch eine
unbestimmte und mitunter abwegige Religiosität. Ihre Anzeichen sind bei den
Menschen selbst, die sie ausstrahlen, häufig vage und oberflächlich, wenn nicht
sogar in sich widersprüchlich. Es handelt sich ganz offensichtlich um Phänomene
einer Flucht in den Spiritualismus, eines religiösen und esoterischen Synkretismus,
einer Suche nach außergewöhnlichen Ereignissen um jeden Preis bis hin zu
absonderlichen Entscheidungen wie dem Beitritt zu gefährlichen Sekten oder dem
Festhalten an pseudoreligiösen Erfahrungen.
Das verbreitete Verlangen nach
geistlicher Nahrung muß mit Verständnis aufgenommen und geläutert werden.
Für den Menschen, der sich, wenn auch nur unklar, bewußt wird, nicht von Brot
allein leben zu können, ist es notwendig, daß die Kirche auf überzeugende Weise
die Antwort, die Jesus dem Versucher gegeben hat, bezeugen kann: »Der Mensch
lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt« (Mt
4, 4).
Eine feiernde Kirche
69. Im Kontext der
heutigen Gesellschaft, die – allzu oft für die Transzendenz verschlossen und
von konsumistischem Verhalten erstickt – zur leichten Beute alter und neuer
Formen von Götzendienerei wird und zugleich nach etwas dürstet, das über das
unmittelbar Gegebene hinausgeht, ist die Aufgabe, welche die Kirche in
Europa erwartet, zugleich anspruchsvoll und erhebend. Sie besteht darin,
den Sinn für das »Mysterium« wiederzuentdecken, die liturgischen Feiern zu
erneuern, damit sie ausdrucksstärkere Zeichen für die Gegenwart Christi, des
Herrn, sind, außerdem der Stille, dem Gebet und der Kontemplation neuen Raum zu
geben und zurückzukehren zu den Sakramenten – besonders der Eucharistie und der
Buße – als Quellen der Freiheit und neuer Hoffnung.
Darum richte ich an dich,
Kirche in Europa, eine dringende Aufforderung: Sei eine Kirche, die
betet, Gott lobt, seinen absoluten Vorrang anerkennt, ihn mit frohem
Glauben preist. Entdecke wieder den Sinn für das Mysterium: Lebe es mit
demütiger Dankbarkeit, bezeuge es mit zutiefst empfundener Freude, die
ansteckend wirkt. Feiere das Heil Christi. Nimm es als Geschenk an, das
dich zu seinem »Sakrament » macht: Mache dein Leben zu einem wahren
Gottesdienst, der Gott gefällt (vgl. Röm 12, 1)!
Das Gespür für das
Mysterium
70. Gewisse
Symptome lassen ein Schwinden des Sinnes für das Mysterium sogar in den
liturgischen Feiern erkennen, die doch gerade in das Mysterium einführen
sollten. Es ist daher dringend nötig, daß in der Kirche wieder ein echtes
Gespür für die Liturgie erwacht. Die Liturgie ist, wie von den
Synodenvätern in Erinnerung gerufen,119 ein Hilfsmittel zur
Heiligung; sie ist Feier des Glaubens der Kirche und Medium zur Weitergabe des
Glaubens. Zusammen mit der Heiligen Schrift und den Lehren der Kirchenväter ist
sie die lebendige Quelle echter, solider Spiritualität. Durch sie treten die
Gläubigen – wie dies auch die Tradition der ehrwürdigen Ostkirchen deutlich
hervorhebt – in Gemeinschaft mit der Heiligsten Dreifaltigkeit, und erfahren
ihre Teilhabe an der göttlichen Natur als Gnadengabe. Die Liturgie wird so zur
Vorwegnahme der endzeitlichen Seligkeit und zur Teilhabe an der himmlischen
Herrlichkeit.
71. In den
liturgischen Feiern müssen wir Jesus wieder in den Mittelpunkt stellen,
um uns von ihm erleuchten und leiten zu lassen. Hier können wir eine der
stärksten Antworten finden, die unsere Gemeinden auf eine vage und inhaltslose
Religiosität zu geben berufen sind. Der Zweck der Liturgie der Kirche liegt
nicht in der Befriedigung der Wünsche und der Besänftigung der Ängste des
Menschen, sondern im Hören und Empfangen Jesu, des Lebendigen, der den Vater
ehrt und preist, um so mit Jesus den Vater zu lobpreisen und zu ehren. Die
kirchlichen Gottesdienste verkünden, daß unsere Hoffnung von Gott her zu uns
kommt, und zwar durch unseren Herrn Jesus.
Es geht darum, die Liturgie
als Werk der Dreifaltigkeit zu leben. Der Vater handelt für uns in den
gefeierten Geheimnissen; er ist es, der zu uns spricht, uns vergibt, uns anhört,
uns seinen Geist schenkt. An ihn wenden wir uns, auf ihn hören wir, ihn preisen
wir und ihn rufen wir an. Jesus setzt sich für unsere Heiligung ein, indem er
uns an seinem Mysterium teilhaben läßt. Der Heilige Geist wirkt mit seiner
Gnade und macht uns zum Leib Christi, zur Kirche.
Die Liturgie muß als Ankündigung
und Vorwegnahme der künftigen Herrlichkeit, als End- und Zielpunkt unserer
Hoffnung, gelebt werden. Denn wie das Konzil lehrt, »nehmen wir in der
irdischen Liturgie vorauskostend an jener himmlischen Liturgie teil, die in der
heiligen Stadt Jerusalem gefeiert wird, zu der wir pilgernd unterwegs sind
[...], bis Christus erscheint als unser Leben und wir mit ihm erscheinen in
Herrlichkeit« .120
Liturgische Ausbildung
72. Obwohl nach
dem Zweiten Vatikanischen Konzil bereits ein beachtliches Stück Wegs
zurückgelegt wurde, um zu einem Erleben des eigentlichen Sinnes der Liturgie zu
gelangen, bleibt doch noch viel zu tun. Es bedarf dazu einer laufenden
Erneuerung und einer beständigen Aus- und Weiterbildung aller: der Priester,
der Personen gottgeweihten Lebens und der Laien.
Die wahre Erneuerung, die
sich keineswegs irgendwelcher Willkürhandlungen bedient, besteht darin, das
Bewußtsein für die Bedeutung des Mysteriums immer besser zu entwickeln, um so
die Gottesdienste zu Augenblicken der Gemeinschaft mit dem großen und heiligen
Geheimnis der Dreifaltigkeit zu machen. Wenn die Kirche in Europa die heiligen
Handlungen als Beziehung zu Gott und Empfang seiner Gaben – als Ausdruck also
eines echten geistlichen Lebens – feiert, dann kann sie wirklich ihre Hoffnung
nähren und sie denen schenken, die sie verloren haben.
73. Zu diesem
Zweck ist ein großer Einsatz auf dem Gebiet der Ausbildung nötig. Da es
ihr Ziel ist, das Verständnis der wahren Bedeutung der Feiern der Kirche zu
fördern, erfordert sie außer einer angemessenen Unterweisung in den Riten eine
echte Spiritualität und die Erziehung dazu, sie in Fülle zu leben.121
Es muß daher eine regelrechte »liturgische Mystagogie« stärker gefördert
werden, wobei alle Gläubigen, jeder seinem besonderen Beitrag
entsprechend, aktiv an den heiligen Handlungen, insbesondere an der
Eucharistie, teilnehmen sollen.
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