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Johannes Paul II.
Ecclesia in Europa

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  • IV. KAPITEL DAS EVANGELIUM DER HOFFNUNG FEIERN »Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit« (Offb 5, 13)
    • I. Die Liturgie wiederentdecken
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I. Die Liturgie wiederentdecken

Das religiöse Empfinden im heutigen Europa

67. Trotz weiter Bereiche der Entchristianisierung im europäischen Kontinent gibt es Zeichen, die dazu beitragen, das Gesicht einer Kirche zu umreißen, die als Glaubende ihren Herrn verkündet, feiert und ihm dient. Es fehlt nämlich nicht an Beispielen authentischer Christen, die Zeiten kontemplativen Schweigens durchleben, treu an geistlichen Initiativen teilnehmen, in ihrem Alltag das Evangelium leben und es in ihren verschiedenen Aufgabenbereichen bezeugen. Außerdem lassen sich Äußerungen einer »Heiligkeit des Volkes« ausmachen, die belegen, daß es auch im heutigen Europa nicht unmöglich ist, das Evangelium im persönlichen Bereich und in einer echten Gemeinschaftserfahrung zu leben.

68. Neben vielen Beispielen unverfälschten Glaubens gibt es in Europa auch eine unbestimmte und mitunter abwegige Religiosität. Ihre Anzeichen sind bei den Menschen selbst, die sie ausstrahlen, häufig vage und oberflächlich, wenn nicht sogar in sich widersprüchlich. Es handelt sich ganz offensichtlich um Phänomene einer Flucht in den Spiritualismus, eines religiösen und esoterischen Synkretismus, einer Suche nach außergewöhnlichen Ereignissen um jeden Preis bis hin zu absonderlichen Entscheidungen wie dem Beitritt zu gefährlichen Sekten oder dem Festhalten an pseudoreligiösen Erfahrungen.

Das verbreitete Verlangen nach geistlicher Nahrung muß mit Verständnis aufgenommen und geläutert werden. Für den Menschen, der sich, wenn auch nur unklar, bewußt wird, nicht von Brot allein leben zu können, ist es notwendig, daß die Kirche auf überzeugende Weise die Antwort, die Jesus dem Versucher gegeben hat, bezeugen kann: »Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt« (Mt 4, 4).

 

Eine feiernde Kirche

69. Im Kontext der heutigen Gesellschaft, die – allzu oft für die Transzendenz verschlossen und von konsumistischem Verhalten erstickt – zur leichten Beute alter und neuer Formen von Götzendienerei wird und zugleich nach etwas dürstet, das über das unmittelbar Gegebene hinausgeht, ist die Aufgabe, welche die Kirche in Europa erwartet, zugleich anspruchsvoll und erhebend. Sie besteht darin, den Sinn für das »Mysterium« wiederzuentdecken, die liturgischen Feiern zu erneuern, damit sie ausdrucksstärkere Zeichen für die Gegenwart Christi, des Herrn, sind, außerdem der Stille, dem Gebet und der Kontemplation neuen Raum zu geben und zurückzukehren zu den Sakramentenbesonders der Eucharistie und der Buße – als Quellen der Freiheit und neuer Hoffnung.

Darum richte ich an dich, Kirche in Europa, eine dringende Aufforderung: Sei eine Kirche, die betet, Gott lobt, seinen absoluten Vorrang anerkennt, ihn mit frohem Glauben preist. Entdecke wieder den Sinn für das Mysterium: Lebe es mit demütiger Dankbarkeit, bezeuge es mit zutiefst empfundener Freude, die ansteckend wirkt. Feiere das Heil Christi. Nimm es als Geschenk an, das dich zu seinem »Sakrament » macht: Mache dein Leben zu einem wahren Gottesdienst, der Gott gefällt (vgl. Röm 12, 1)!

 

Das Gespür für das Mysterium

70. Gewisse Symptome lassen ein Schwinden des Sinnes für das Mysterium sogar in den liturgischen Feiern erkennen, die doch gerade in das Mysterium einführen sollten. Es ist daher dringend nötig, daß in der Kirche wieder ein echtes Gespür für die Liturgie erwacht. Die Liturgie ist, wie von den Synodenvätern in Erinnerung gerufen,119 ein Hilfsmittel zur Heiligung; sie ist Feier des Glaubens der Kirche und Medium zur Weitergabe des Glaubens. Zusammen mit der Heiligen Schrift und den Lehren der Kirchenväter ist sie die lebendige Quelle echter, solider Spiritualität. Durch sie treten die Gläubigen – wie dies auch die Tradition der ehrwürdigen Ostkirchen deutlich hervorhebt – in Gemeinschaft mit der Heiligsten Dreifaltigkeit, und erfahren ihre Teilhabe an der göttlichen Natur als Gnadengabe. Die Liturgie wird so zur Vorwegnahme der endzeitlichen Seligkeit und zur Teilhabe an der himmlischen Herrlichkeit.

71. In den liturgischen Feiern müssen wir Jesus wieder in den Mittelpunkt stellen, um uns von ihm erleuchten und leiten zu lassen. Hier können wir eine der stärksten Antworten finden, die unsere Gemeinden auf eine vage und inhaltslose Religiosität zu geben berufen sind. Der Zweck der Liturgie der Kirche liegt nicht in der Befriedigung der Wünsche und der Besänftigung der Ängste des Menschen, sondern im Hören und Empfangen Jesu, des Lebendigen, der den Vater ehrt und preist, um so mit Jesus den Vater zu lobpreisen und zu ehren. Die kirchlichen Gottesdienste verkünden, daß unsere Hoffnung von Gott her zu uns kommt, und zwar durch unseren Herrn Jesus.

Es geht darum, die Liturgie als Werk der Dreifaltigkeit zu leben. Der Vater handelt für uns in den gefeierten Geheimnissen; er ist es, der zu uns spricht, uns vergibt, uns anhört, uns seinen Geist schenkt. An ihn wenden wir uns, auf ihn hören wir, ihn preisen wir und ihn rufen wir an. Jesus setzt sich für unsere Heiligung ein, indem er uns an seinem Mysterium teilhaben läßt. Der Heilige Geist wirkt mit seiner Gnade und macht uns zum Leib Christi, zur Kirche.

Die Liturgie muß als Ankündigung und Vorwegnahme der künftigen Herrlichkeit, als End- und Zielpunkt unserer Hoffnung, gelebt werden. Denn wie das Konzil lehrt, »nehmen wir in der irdischen Liturgie vorauskostend an jener himmlischen Liturgie teil, die in der heiligen Stadt Jerusalem gefeiert wird, zu der wir pilgernd unterwegs sind [...], bis Christus erscheint als unser Leben und wir mit ihm erscheinen in Herrlichkeit« .120

 

Liturgische Ausbildung

72. Obwohl nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bereits ein beachtliches Stück Wegs zurückgelegt wurde, um zu einem Erleben des eigentlichen Sinnes der Liturgie zu gelangen, bleibt doch noch viel zu tun. Es bedarf dazu einer laufenden Erneuerung und einer beständigen Aus- und Weiterbildung aller: der Priester, der Personen gottgeweihten Lebens und der Laien.

Die wahre Erneuerung, die sich keineswegs irgendwelcher Willkürhandlungen bedient, besteht darin, das Bewußtsein für die Bedeutung des Mysteriums immer besser zu entwickeln, um so die Gottesdienste zu Augenblicken der Gemeinschaft mit dem großen und heiligen Geheimnis der Dreifaltigkeit zu machen. Wenn die Kirche in Europa die heiligen Handlungen als Beziehung zu Gott und Empfang seiner Gaben – als Ausdruck also eines echten geistlichen Lebensfeiert, dann kann sie wirklich ihre Hoffnung nähren und sie denen schenken, die sie verloren haben.

73. Zu diesem Zweck ist ein großer Einsatz auf dem Gebiet der Ausbildung nötig. Da es ihr Ziel ist, das Verständnis der wahren Bedeutung der Feiern der Kirche zu fördern, erfordert sie außer einer angemessenen Unterweisung in den Riten eine echte Spiritualität und die Erziehung dazu, sie in Fülle zu leben.121 Es muß daher eine regelrechte »liturgische Mystagogie« stärker gefördert werden, wobei alle Gläubigen, jeder seinem besonderen Beitrag entsprechend, aktiv an den heiligen Handlungen, insbesondere an der Eucharistie, teilnehmen sollen.

 




119 Vgl. Propositio 14.



120 Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, 8.



121 Vgl. Propositio 14; Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Relatio ante disceptationem, III, 2: L'Osservatore Romano, 3. Oktober 1999, S. 9.






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