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II. Die Sakramente feiern
74. Ein
besonders wichtiger Platz muß der Feier der Sakramente vorbehalten
bleiben, als Handlungen Christi und der Kirche, die auf die Verehrung Gottes,
die Heiligung der Menschen und den Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft
ausgerichtet sind. Im Bewußtsein, daß in ihnen Christus selbst durch den
Heiligen Geist handelt, müssen die Sakramente mit größter Sorgfalt und unter
Schaffung angemessener Bedingungen gefeiert werden. Den Teilkirchen des
Kontinents soll es ein Herzensanliegen sein, ihre Sakramentenpastoral zu
verstärken, um die tiefe Wahrheit der Sakramente erkennbar werden zu lassen.
Die Synodenväter haben diese Forderung herausgestellt, um zwei Gefahren
entgegenzutreten: Auf der einen Seite scheinen gewisse kirchliche Kreise das
richtige Sakraments-Verständnis verloren zu haben, und sie könnten die
gefeierten Geheimnisse möglicherweise banalisieren; auf der anderen Seite
empfangen viele Getaufte, Gepflogenheiten und Traditionen folgend, in
bedeutsamen Augenblicken ihres Lebens die Sakramente, ohne jedoch den Weisungen
der Kirche entsprechend zu leben.122
Die Eucharistie
75. Die
Eucharistie, höchste Gabe Christi an die Kirche, macht im Mysterium das
Opfer Christi für unser Heil gegenwärtig: »Die Heiligste Eucharistie enthält
das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser
Osterlamm« .123 Aus ihr, »Quelle und Höhepunkt des ganzen
christlichen Lebens« ,124 schöpft die Kirche auf ihrer
Pilgerschaft und findet darin die Quelle jeder Hoffnung. Denn die Eucharistie
gibt »unserem Weg durch die Geschichte einen Impuls, indem sie in die tägliche
Hingabe eines jeden an die Erfüllung der eigenen Pflichten den Samen lebendiger
Hoffnung hineinlegt« .125
Wir sind alle eingeladen, den
Glauben an die Eucharistie – »Unterpfand der künftigen Herrlichkeit« – in
der Gewißheit zu bekennen, daß die Gemeinschaft mit Christus, die wir
jetzt als Pilger in unserer sterblichen Existenz erleben, die letzte Begegnung
jenes Tages vorwegnimmt, »an dem wir ihm ähnlich sein werden, denn wir werden
ihn sehen wie er ist« (1 Joh 3, 2). Die Eucharistie ist eine Art
»Vorgeschmack auf die Ewigkeit in der Zeit« , sie ist göttliche Gegenwart und
Gemeinschaft mit ihr; als Erinnerung an das Pascha Christi ist sie ihrer Natur
nach die Überbringerin der Gnade in die Menschheitsgeschichte. Sie macht offen
für die Zukunft Gottes; da sie
Gemeinschaft mit Christus, mit
seinem Leib und seinem Blut ist, ist sie Teilhabe am ewigen Leben
Gottes.126
Die Versöhnung
76. Zusammen
mit der Eucharistie muß bei der Wiedergewinnung der Hoffnung auch das
Sakrament der Versöhnung eine grundlegende Rolle spielen: »Die
persönliche Erfahrung der Vergebung Gottes ist nämlich für jeden von uns ein
wesentliches Fundament jeglicher Hoffnung für unsere Zukunft« .127
Eine der Wurzeln der Resignation, die heute viele befällt, ist in der
Unfähigkeit zu suchen, sich als Sünder zu bekennen und sich vergeben zu lassen.
Diese Unfähigkeit beruht oft auf der Einsamkeit dessen, der lebt, als gäbe es
Gott nicht, und niemanden hat, den er um Vergebung bitten kann. Wer sich
hingegen als Sünder bekennt und sich der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters
anvertraut, erfährt die Freude einer wahren Befreiung und kann weiterleben,
ohne sich in sein Elend zurückzuziehen.128 Er empfängt somit
die Gnade eines Neubeginns und findet wieder Anlaß zum Hoffen.
Darum ist es notwendig, daß in
der Kirche in Europa das Sakrament der Versöhnung eine Wiederbelebung erfährt.
Es muß jedoch unterstrichen werden, daß die Form des Sakraments das persönliche
Sündenbekenntnis ist, gefolgt von der Einzelabsolution. Diese Begegnung
zwischen dem Beichtenden und dem Priester muß in jeder vom Ritus des
Sakramentes vorgesehenen Form gefördert werden. Angesichts eines
verbreiteten Verlustes des Sündenbewußtseins und des Sich-Durchsetzens einer im
moralischen Bereich von Relativismus und Subjektivismus geprägten Mentalität
ist es dringend geboten, in jeder Kirchengemeinde für eine ernsthafte Gewissensbildung
zu sorgen.129 Die Synodenväter haben darauf bestanden, daß
klar und deutlich die Wahrheit über die persönliche Sünde und die Notwendigkeit
der persönlichen Vergebung Gottes durch den Dienst des Priesters anerkannt
werde. Generalabsolutionen sind für die Spendung des Sakramentes der Versöhnung
keine Alternative.130
77. Ich wende
mich an die Priester und ermahne sie, großherzig ihre Verfügbarkeit im Beichthören
einzusetzen und selber durch den regelmäßigen Empfang des Bußsakramentes ein
Beispiel zu geben. Ich empfehle ihnen, sich um ihre eigene Fortbildung auf dem
Gebiet der Moraltheologie zu kümmern, um die Problemstellungen, die in jüngster
Zeit im Bereich der Moral des Einzelnen und der Gesellschaft aufgetreten sind,
mit Kompetenz aufgreifen zu können. Darüber hinaus sollen sie den konkreten
Lebenssituationen, in denen sich die Gläubigen befinden, besondere
Aufmerksamkeit widmen. Sie sollen die Gläubigen geduldig dahin bringen, die
Forderungen des christlichen Sittengesetzes anzuerkennen, und ihnen helfen, das
Sakrament als eine freudige Begegnung mit dem Erbarmen des himmlischen Vaters
zu leben.131
Gebet und Leben
78. Neben der
Feier der Eucharistie gilt es auch die anderen Formen des gemeinschaftlichen
Gebetes zu fördern 132 und dabei mitzuhelfen, die
zwischen diesen Formen und dem liturgischen Gebet bestehende Verbindung
wiederzuentdecken. Im besonderen sollen in lebendiger Fortführung der Tradition
der lateinischen Kirche die verschiedenen Ausdrucksformen der
eucharistischen Verehrung außerhalb der Messe gefördert werden: persönliche
Anbetung, Aussetzung und Prozession, die als Äußerung des Glaubens an das Fortbestehen
der Realpräsenz des Herrn im Sakrament des Altars zu verstehen sind.133
Bei der persönlichen oder gemeinsamen Verrichtung des Stundengebetes, an
dessen einzigartigen Wert auch für die gläubigen Laien das Zweite Vatikanische
Konzil erinnert hat,134 möge man dazu anleiten, ebenfalls
den Zusammenhang mit dem eucharistischen Geheimnis zu sehen. Die Familien
sollen dazu angehalten werden, dem gemeinsamen Gebet Raum zu geben, um so das
ganze Ehe- und Familienleben im Lichte des Evangeliums einsichtig zu machen.
Auf diese Weise wird sich von daher und im Hören auf das Wort Gottes jene Hausliturgie
herausbilden, die sämtlichen Vorgängen des Familienlebens ihren Rhythmus
gibt.135
Jede Form des gemeinsamen Gebetes
setzt das persönliche Gebet voraus. Zwischen der Person und Gott entsteht jenes
wahrhaftige Gespräch, das im Lobpreis, im Dank und in der Bitte zum Ausdruck
kommt, die durch Jesus Christus und im Heiligen Geist an den Vater gerichtet
werden. Das persönliche Gebet, gleichsam der Atem des Christen, darf niemals
vernachlässigt werden. Die Verbindung zwischen diesem und dem liturgischen
Gebet soll ebenfalls wiederentdeckt werden.
79. Besondere
Aufmerksamkeit muß auch der Volksfrömmigkeit eingeräumt werden.136
Sie ist in den verschiedenen Regionen Europas durch die Bruderschaften, durch
Wallfahrten und Prozessionen zu zahlreichen Heiligtümern weitverbreitet und
bereichert so den Lauf des Kirchenjahres und inspiriert Bräuche und
Gepflogenheiten in Familie und Gesellschaft. Alle diese Formen müssen
aufmerksam beobachtet werden durch eine Pastoral zur Förderung und Erneuerung,
die ihnen hilft, alles zu entfalten, was echter Ausdruck der Weisheit des
Volkes Gottes ist. Dies gilt sicherlich für den Rosenkranz. In diesem ihm
gewidmeten Jahr liegt es mir am Herzen, dieses Gebet nochmals zu empfehlen;
denn »der Rosenkranz, in seiner ganzen Bedeutung wieder neu entdeckt, führt ins
Herz des christlichen Lebens selbst hinein. Er bietet eine gewohnheitsmäßige
und ebenso fruchtbare geistige wie pädagogische Möglichkeit der persönlichen
Betrachtung, der geistlichen Bildung des Volkes Gottes und der
Neuevangelisierung« .137
Im Bereich der Volksfrömmigkeit
ist eine ständige Überwachung zweideutiger Aspekte mancher Erscheinungen
dringend geboten, indem man sie vor einem Abdriften in den Säkularismus, vor
unbedachtem Konsumismus oder auch vor Gefahren des Aberglaubens bewahrt, um sie
innerhalb reifer und authentischer Formen zu halten. Hier gilt es,
Erziehungsarbeit zu leisten, indem man erklärt, wie die Volksfrömmigkeit immer
im Einklang mit der Liturgie der Kirche und in Verbindung mit den Sakramenten
gelebt werden muß.
80. Es darf
nicht vergessen werden, daß der »Gottesdienst, der Gott gefällt« (vgl.
Röm 12, 1), vor allem im täglichen Leben vollzogen wird, das – auch
in Augenblicken scheinbarer Ohnmacht – durch die freie, großherzige
Selbsthingabe in der Liebe gelebt wird. So wird das Leben von
unerschütterlicher Hoffnung beseelt, weil es allein der Gewißheit der Macht
Gottes und des Sieges Christi überlassen ist: ein Leben, erfüllt vom Trost
Gottes, mit dem wir unsererseits alle trösten sollen, denen wir auf unserem Weg
begegnen (vgl. 2 Kor 1, 4).
Der Tag des Herrn
81. Ein
beispielhafter und sehr gedächtnisträchtiger Moment in bezug auf die Feier des
Evangeliums der Hoffnung ist der Tag des Herrn.
Im gegenwärtigen Kontext
beschränken die äußeren Umstände die Möglichkeiten der Christen, den Sonntag
als Tag der Begegnung mit dem Herrn in seiner Fülle zu leben. Nicht selten
geschieht es, daß der Sonntag auf ein »Wochenende« , auf eine bloße Flucht aus
dem Alltag reduziert wird. Es bedarf daher einer gut gegliederten pastoralen
Aktion auf erzieherischer, geistlicher und gesellschaftlich-sozialer Ebene, die
hilft, die wahre Bedeutung des Sonntags zu leben.
82. Ich
erneuere daher die Einladung, die tiefste Bedeutung des Tages des Herrn
zurückzugewinnen: 138 Er soll geheiligt werden durch die
Teilnahme an der Eucharistie und durch eine Ruhe, die reich an christlicher
Freude und Brüderlichkeit ist. Er soll als Zentrum der ganzen Gottesverehrung
gefeiert werden, als unaufhörliche Vorankündigung des ewigen Lebens, die die
Hoffnung wiederbelebt und uns ermutigt auf unserem Weg. Man scheue sich daher
nicht, den Sonntag gegen jeden Angriff zu verteidigen und sich in
der Arbeitsplanung für seine Sicherstellung einzusetzen, so daß er zum
Vorteil der ganzen Gesellschaft ein Tag für den Menschen sein kann. Wenn
nämlich der Sonntag seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt würde und es an ihm
nicht mehr möglich wäre, dem Gebet, der Erholung, der Gemeinschaft und der
Freude den angemessenen Raum zu geben, könnte es geschehen, »daß der Mensch
nicht mehr den ,,Himmel'' sehen kann, weil er in einem so engen Horizont
eingesperrt ist. So ist er unfähig, zu feiern, auch wenn er eine
Festtagsgewandung trägt« .139 Und ohne die Dimension des
Feierns würde die Hoffnung kein Haus mehr finden, um darin zu wohnen.
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