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Johannes Paul II.
Ecclesia in Europa

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  • IV. KAPITEL DAS EVANGELIUM DER HOFFNUNG FEIERN »Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit« (Offb 5, 13)
    • II. Die Sakramente feiern
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II. Die Sakramente feiern

74. Ein besonders wichtiger Platz muß der Feier der Sakramente vorbehalten bleiben, als Handlungen Christi und der Kirche, die auf die Verehrung Gottes, die Heiligung der Menschen und den Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft ausgerichtet sind. Im Bewußtsein, daß in ihnen Christus selbst durch den Heiligen Geist handelt, müssen die Sakramente mit größter Sorgfalt und unter Schaffung angemessener Bedingungen gefeiert werden. Den Teilkirchen des Kontinents soll es ein Herzensanliegen sein, ihre Sakramentenpastoral zu verstärken, um die tiefe Wahrheit der Sakramente erkennbar werden zu lassen. Die Synodenväter haben diese Forderung herausgestellt, um zwei Gefahren entgegenzutreten: Auf der einen Seite scheinen gewisse kirchliche Kreise das richtige Sakraments-Verständnis verloren zu haben, und sie könnten die gefeierten Geheimnisse möglicherweise banalisieren; auf der anderen Seite empfangen viele Getaufte, Gepflogenheiten und Traditionen folgend, in bedeutsamen Augenblicken ihres Lebens die Sakramente, ohne jedoch den Weisungen der Kirche entsprechend zu leben.122

 

Die Eucharistie

75. Die Eucharistie, höchste Gabe Christi an die Kirche, macht im Mysterium das Opfer Christi für unser Heil gegenwärtig: »Die Heiligste Eucharistie enthält das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser Osterlamm« .123 Aus ihr, »Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens« ,124 schöpft die Kirche auf ihrer Pilgerschaft und findet darin die Quelle jeder Hoffnung. Denn die Eucharistie gibt »unserem Weg durch die Geschichte einen Impuls, indem sie in die tägliche Hingabe eines jeden an die Erfüllung der eigenen Pflichten den Samen lebendiger Hoffnung hineinlegt« .125

Wir sind alle eingeladen, den Glauben an die Eucharistie – »Unterpfand der künftigen Herrlichkeit« – in der Gewißheit zu bekennen, daß die Gemeinschaft mit Christus, die wir jetzt als Pilger in unserer sterblichen Existenz erleben, die letzte Begegnung jenes Tages vorwegnimmt, »an dem wir ihm ähnlich sein werden, denn wir werden ihn sehen wie er ist« (1 Joh 3, 2). Die Eucharistie ist eine Art »Vorgeschmack auf die Ewigkeit in der Zeit« , sie ist göttliche Gegenwart und Gemeinschaft mit ihr; als Erinnerung an das Pascha Christi ist sie ihrer Natur nach die Überbringerin der Gnade in die Menschheitsgeschichte. Sie macht offen für die Zukunft Gottes; da sie

Gemeinschaft mit Christus, mit seinem Leib und seinem Blut ist, ist sie Teilhabe am ewigen Leben Gottes.126

 

Die Versöhnung

76. Zusammen mit der Eucharistie muß bei der Wiedergewinnung der Hoffnung auch das Sakrament der Versöhnung eine grundlegende Rolle spielen: »Die persönliche Erfahrung der Vergebung Gottes ist nämlich für jeden von uns ein wesentliches Fundament jeglicher Hoffnung für unsere Zukunft« .127 Eine der Wurzeln der Resignation, die heute viele befällt, ist in der Unfähigkeit zu suchen, sich als Sünder zu bekennen und sich vergeben zu lassen. Diese Unfähigkeit beruht oft auf der Einsamkeit dessen, der lebt, als gäbe es Gott nicht, und niemanden hat, den er um Vergebung bitten kann. Wer sich hingegen als Sünder bekennt und sich der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters anvertraut, erfährt die Freude einer wahren Befreiung und kann weiterleben, ohne sich in sein Elend zurückzuziehen.128 Er empfängt somit die Gnade eines Neubeginns und findet wieder Anlaß zum Hoffen.

Darum ist es notwendig, daß in der Kirche in Europa das Sakrament der Versöhnung eine Wiederbelebung erfährt. Es muß jedoch unterstrichen werden, daß die Form des Sakraments das persönliche Sündenbekenntnis ist, gefolgt von der Einzelabsolution. Diese Begegnung zwischen dem Beichtenden und dem Priester muß in jeder vom Ritus des Sakramentes vorgesehenen Form gefördert werden. Angesichts eines verbreiteten Verlustes des Sündenbewußtseins und des Sich-Durchsetzens einer im moralischen Bereich von Relativismus und Subjektivismus geprägten Mentalität ist es dringend geboten, in jeder Kirchengemeinde für eine ernsthafte Gewissensbildung zu sorgen.129 Die Synodenväter haben darauf bestanden, daß klar und deutlich die Wahrheit über die persönliche Sünde und die Notwendigkeit der persönlichen Vergebung Gottes durch den Dienst des Priesters anerkannt werde. Generalabsolutionen sind für die Spendung des Sakramentes der Versöhnung keine Alternative.130

77. Ich wende mich an die Priester und ermahne sie, großherzig ihre Verfügbarkeit im Beichthören einzusetzen und selber durch den regelmäßigen Empfang des Bußsakramentes ein Beispiel zu geben. Ich empfehle ihnen, sich um ihre eigene Fortbildung auf dem Gebiet der Moraltheologie zu kümmern, um die Problemstellungen, die in jüngster Zeit im Bereich der Moral des Einzelnen und der Gesellschaft aufgetreten sind, mit Kompetenz aufgreifen zu können. Darüber hinaus sollen sie den konkreten Lebenssituationen, in denen sich die Gläubigen befinden, besondere Aufmerksamkeit widmen. Sie sollen die Gläubigen geduldig dahin bringen, die Forderungen des christlichen Sittengesetzes anzuerkennen, und ihnen helfen, das Sakrament als eine freudige Begegnung mit dem Erbarmen des himmlischen Vaters zu leben.131

 

Gebet und Leben

78. Neben der Feier der Eucharistie gilt es auch die anderen Formen des gemeinschaftlichen Gebetes zu fördern 132 und dabei mitzuhelfen, die zwischen diesen Formen und dem liturgischen Gebet bestehende Verbindung wiederzuentdecken. Im besonderen sollen in lebendiger Fortführung der Tradition der lateinischen Kirche die verschiedenen Ausdrucksformen der eucharistischen Verehrung außerhalb der Messe gefördert werden: persönliche Anbetung, Aussetzung und Prozession, die als Äußerung des Glaubens an das Fortbestehen der Realpräsenz des Herrn im Sakrament des Altars zu verstehen sind.133 Bei der persönlichen oder gemeinsamen Verrichtung des Stundengebetes, an dessen einzigartigen Wert auch für die gläubigen Laien das Zweite Vatikanische Konzil erinnert hat,134 möge man dazu anleiten, ebenfalls den Zusammenhang mit dem eucharistischen Geheimnis zu sehen. Die Familien sollen dazu angehalten werden, dem gemeinsamen Gebet Raum zu geben, um so das ganze Ehe- und Familienleben im Lichte des Evangeliums einsichtig zu machen. Auf diese Weise wird sich von daher und im Hören auf das Wort Gottes jene Hausliturgie herausbilden, die sämtlichen Vorgängen des Familienlebens ihren Rhythmus gibt.135

Jede Form des gemeinsamen Gebetes setzt das persönliche Gebet voraus. Zwischen der Person und Gott entsteht jenes wahrhaftige Gespräch, das im Lobpreis, im Dank und in der Bitte zum Ausdruck kommt, die durch Jesus Christus und im Heiligen Geist an den Vater gerichtet werden. Das persönliche Gebet, gleichsam der Atem des Christen, darf niemals vernachlässigt werden. Die Verbindung zwischen diesem und dem liturgischen Gebet soll ebenfalls wiederentdeckt werden.

79. Besondere Aufmerksamkeit muß auch der Volksfrömmigkeit eingeräumt werden.136 Sie ist in den verschiedenen Regionen Europas durch die Bruderschaften, durch Wallfahrten und Prozessionen zu zahlreichen Heiligtümern weitverbreitet und bereichert so den Lauf des Kirchenjahres und inspiriert Bräuche und Gepflogenheiten in Familie und Gesellschaft. Alle diese Formen müssen aufmerksam beobachtet werden durch eine Pastoral zur Förderung und Erneuerung, die ihnen hilft, alles zu entfalten, was echter Ausdruck der Weisheit des Volkes Gottes ist. Dies gilt sicherlich für den Rosenkranz. In diesem ihm gewidmeten Jahr liegt es mir am Herzen, dieses Gebet nochmals zu empfehlen; denn »der Rosenkranz, in seiner ganzen Bedeutung wieder neu entdeckt, führt ins Herz des christlichen Lebens selbst hinein. Er bietet eine gewohnheitsmäßige und ebenso fruchtbare geistige wie pädagogische Möglichkeit der persönlichen Betrachtung, der geistlichen Bildung des Volkes Gottes und der Neuevangelisierung« .137

Im Bereich der Volksfrömmigkeit ist eine ständige Überwachung zweideutiger Aspekte mancher Erscheinungen dringend geboten, indem man sie vor einem Abdriften in den Säkularismus, vor unbedachtem Konsumismus oder auch vor Gefahren des Aberglaubens bewahrt, um sie innerhalb reifer und authentischer Formen zu halten. Hier gilt es, Erziehungsarbeit zu leisten, indem man erklärt, wie die Volksfrömmigkeit immer im Einklang mit der Liturgie der Kirche und in Verbindung mit den Sakramenten gelebt werden muß.

80. Es darf nicht vergessen werden, daß der »Gottesdienst, der Gott gefällt« (vgl. Röm 12, 1), vor allem im täglichen Leben vollzogen wird, das – auch in Augenblicken scheinbarer Ohnmacht – durch die freie, großherzige Selbsthingabe in der Liebe gelebt wird. So wird das Leben von unerschütterlicher Hoffnung beseelt, weil es allein der Gewißheit der Macht Gottes und des Sieges Christi überlassen ist: ein Leben, erfüllt vom Trost Gottes, mit dem wir unsererseits alle trösten sollen, denen wir auf unserem Weg begegnen (vgl. 2 Kor 1, 4).

 

Der Tag des Herrn

81. Ein beispielhafter und sehr gedächtnisträchtiger Moment in bezug auf die Feier des Evangeliums der Hoffnung ist der Tag des Herrn.

Im gegenwärtigen Kontext beschränken die äußeren Umstände die Möglichkeiten der Christen, den Sonntag als Tag der Begegnung mit dem Herrn in seiner Fülle zu leben. Nicht selten geschieht es, daß der Sonntag auf ein »Wochenende« , auf eine bloße Flucht aus dem Alltag reduziert wird. Es bedarf daher einer gut gegliederten pastoralen Aktion auf erzieherischer, geistlicher und gesellschaftlich-sozialer Ebene, die hilft, die wahre Bedeutung des Sonntags zu leben.

82. Ich erneuere daher die Einladung, die tiefste Bedeutung des Tages des Herrn zurückzugewinnen: 138 Er soll geheiligt werden durch die Teilnahme an der Eucharistie und durch eine Ruhe, die reich an christlicher Freude und Brüderlichkeit ist. Er soll als Zentrum der ganzen Gottesverehrung gefeiert werden, als unaufhörliche Vorankündigung des ewigen Lebens, die die Hoffnung wiederbelebt und uns ermutigt auf unserem Weg. Man scheue sich daher nicht, den Sonntag gegen jeden Angriff zu verteidigen und sich in der Arbeitsplanung für seine Sicherstellung einzusetzen, so daß er zum Vorteil der ganzen Gesellschaft ein Tag für den Menschen sein kann. Wenn nämlich der Sonntag seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt würde und es an ihm nicht mehr möglich wäre, dem Gebet, der Erholung, der Gemeinschaft und der Freude den angemessenen Raum zu geben, könnte es geschehen, »daß der Mensch nicht mehr den ,,Himmel'' sehen kann, weil er in einem so engen Horizont eingesperrt ist. So ist er unfähig, zu feiern, auch wenn er eine Festtagsgewandung trägt« .139 Und ohne die Dimension des Feierns würde die Hoffnung kein Haus mehr finden, um darin zu wohnen.

 




122 Vgl. Propositio 15, 2a.



123 II. Vatikanisches Konzil, Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum Ordinis, 5.



124 II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 11.



125 Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 20: L'Osservatore Romano, 18. April 2003, S. 3.



126 Vgl. Johannes Paul II. Ansprache bei der Generalaudienz (25. Oktober 2000), 2: Insegnamenti XXIII/2 (2000), 697.



127 Propositio 16.



128 Vgl. Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Relatio ante disceptationem, III, 2: L'Osservatore Romano, 3. Oktober 1999, S. 9.



129 Vgl. Propositio 16.



130 Vgl. Johannes Paul II., Motu proprio Misericordia Dei (7. April 2002), 4: AAS 94 (2002), 456-457.



131 Vgl. Propositio 16; Johannes Paul II., Brief an die Priester zum Gründonnerstag 2002 (17. März 2002), 4: AAS 94 (2002), 435-436.



132 Vgl. Propositio 14c.



133 Vgl. ebd.



134 Vgl. Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, 100.



135 Vgl. Propositiones 14c; 20.



136 Vgl. Propositio 20.



137 Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Rosarium Virginis Mariae (16. Oktober 2002), 3: AAS 95 (2003), 7.



138 Vgl. Propositio 14.



139 Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Dies Domini (31. Mai 1998), 4: AAS 90 (1998), 716.






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