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Johannes Paul II.
Ecclesia in Europa

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  • V. KAPITEL DEM EVANGELIUM DER HOFFNUNG DIENEN »Ich kenne deine Werke, deine Liebe und deinen Glauben, dein Dienen und Ausharren« (Offb 2, 19)
    • II. Dem Menschen in der Gesellschaft dienen
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II. Dem Menschen
in der Gesellschaft dienen

Den Armen wieder Hoffnung geben

86. Die ganze Kirche ist gefordert, den Armen wieder Hoffnung zu geben. Sie aufzunehmen und ihnen zu dienen, bedeutet für die Kirche, Christus aufzunehmen und ihm zu dienen (vgl. Mt 25, 40). Die vorrangige Liebe zu den Armen ist eine notwendige Dimension des Christseins und des Dienstes am Evangelium. Sie zu lieben und ihnen zu bezeugen, daß sie von Gott besonders geliebt werden, heißt anzuerkennen, daß Menschen unabhängig davon, in welchen ökonomischen, kulturellen und sozialen Verhältnissen sie sich befinden, um ihrer selbst willen wertvoll sind, und ihnen so zu helfen, ihre Leistungsfähigkeiten zur Geltung zu bringen.

87. Nicht unberührt lassen kann uns sodann das Phänomen der Arbeitslosigkeit, die in vielen Nationen Europas eine ernste soziale Geißel darstellt. Dazu kommen die Probleme im Zusammenhang mit den wachsenden Migrantenströmen. Die Kirche muß daran erinnern, daß die Arbeit ein Gut darstellt, um das sich die ganze Gesellschaft kümmern muß.

Während die Kirche erneut die sittlichen Kriterien ins Bewußtsein ruft, von denen sich Markt und Wirtschaft in gewissenhafter Achtung vor der zentralen Stellung des Menschen leiten lassen müssen, wird sie es nicht unterlassen, den Dialog mit den auf politischer, gewerkschaftlicher und unternehmerischer Ebene engagierten Personen zu suchen.144 Ein solcher Dialog muß als Ziel den Aufbau eines Europas als Gemeinschaft von Völkern und Menschen anstreben, als Gemeinschaft, die – solidarisch in der Hoffnung – nicht ausschließlich den Gesetzen des Marktes unterworfen ist, sondern sich entschieden um die Wahrung der Würde des Menschen auch in den wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen bemüht.

88. Auch der Krankenpastoral muß eine angemessene Bedeutung verliehen werden. In Anbetracht dessen, daß die Krankheit eine Situation darstellt, die grundsätzliche Fragen über den Sinn des Lebens aufwirft, muß »in einer Wohlstands- und Leistungsgesellschaft, in einer Kultur, die von der Vergötzung des Körpers, von der Verdrängung des Leidens und des Schmerzes und vom Mythos ewiger Jugendlichkeit gekennzeichnet ist« ,145 die Sorge für die Kranken als eine der Prioritäten angesehen werden. Zu diesem Zweck muß einerseits eine angemessene pastorale Präsenz an den Stätten des Leidens – zum Beispiel durch den Einsatz von Krankenhausseelsorgern, Mitgliedern von Freiwilligenverbänden, kirchlichen Gesundheitseinrichtungen – und andererseits eine Unterstützung für die Familien der Kranken gefördert werden. Außerdem wird es notwendig sein, den Ärzten und dem Pflegepersonal mit geeigneten pastoralen Mitteln zur Seite zu stehen, um sie in ihrer anspruchsvollen Berufung im Dienst an den Kranken zu unterstützen. Denn die im Gesundheitswesen tätigen Personen leisten mit ihrer Arbeit Tag für Tag einen edlen Dienst am Leben. Von ihnen wird verlangt, den Patienten auch jenen besonderen seelischen Beistand zu bieten, der die Wärme eines echten menschlichen Kontaktes voraussetzt.

89. Und schließlich soll nicht übersehen werden, daß von den Gütern der Erde nicht selten auf ungebührliche Weise Gebrauch gemacht wird. Da der Mensch nämlich den Auftrag, die Erde mit Weisheit und Liebe zu bebauen und zu hüten (vgl. Gen 2, 15), nicht erfüllte, hat er in vielen Regionen Wälder und Landflächen zerstört, die Gewässer verseucht, die Luft zum Atmen unerträglich gemacht, die hydro-geologischen und atmosphärischen Systeme durcheinandergebracht und riesige Landstriche der fortschreitenden Wüstenbildung ausgesetzt.

Auch in diesem Fall heißt Dienst am Evangelium der Hoffnung, sich auf neue Weise für einen richtigen Gebrauch der Güter der Erde einzusetzen,146 indem man zu jener aufmerksamen Sorgfalt anregt, die nicht nur die natürlichen Lebensräume schützt, sondern vor allem die Lebensqualität der Menschen dadurch verteidigt, daß sie den künftigen Generationen eine Umwelt vorbereitet, die mit dem Plan des Schöpfers besser übereinstimmt.

 

Die Wahrheit über die Ehe und die Familie

90. Die Kirche in Europa muß auf allen Ebenen wieder die Wahrheit über die Ehe und die Familie zuverlässig herausstellen.147 Das ist eine Dringlichkeit, die sie in sich brennen spürt, weil sie weiß, daß ihr kraft des ihr von ihrem Bräutigam und Herrn übertragenen Evangelisierungsauftrags diese Aufgabe obliegt, die sich heute mit zwingender Notwendigkeit neu stellt. Nicht wenige kulturelle, soziale und politische Faktoren tragen nämlich zu einer immer stärker hervortretenden Krise der Familie bei. Sie gefährden in verschiedenem Ausmaß die Wahrheit und die Würde der menschlichen Person und stellen durch Verzerrung selbst die Idee der Familie in Frage. Der Wert der Unauflöslichkeit der Ehe wird immer weniger anerkannt; es wird die gesetzliche Anerkennung von Formen faktischen Zusammenlebens und deren Gleichstellung mit den rechtmäßig geschlossenen Ehen verlangt; es fehlt nicht an Versuchen, Modelle von Partnerschaften zu akzeptieren, in denen der Unterschied im Geschlecht nicht mehr wesentlich ist.

In diesem Kontext ist die Kirche gefordert, mit neuer Kraft zu verkünden, was das Evangelium über die Ehe und die Familie sagt, um deren Bedeutung und Wert im Heilsplan Gottes zu erfassen. Insbesondere ist es nötig, die Institution von Ehe und Familie als aus dem Willen Gottes entstammende Realitäten erneut zu bekräftigen. Die Wahrheit über die Familie als innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe,148 die offen ist für die Zeugung neuer Menschen, muß ebenso wiederentdeckt werden wie ihre Würde als ,,Hauskirche'' und ihre Teilnahme an der Sendung der Kirche und am Leben der Gesellschaft.

91. Nach Ansicht der Synodenväter ist es notwendig, anzuerkennen, daß viele Familien im Alltag ihres in Liebe gelebten Daseins sichtbare Zeugen der Gegenwart Jesu sind, der sie begleitet und durch die Gabe seines Geistes aufrechterhält. Um einen solchen Weg zu unterstützen, muß man die Theologie und die Spiritualität von Ehe und Familie vertiefen, die Wahrheit und Schönheit der Familie, die auf die als dauerhafte und fruchtbare Vereinigung eines Mannes und einer Frau verstandene Ehe gegründet ist, uneingeschränkt und mit Festigkeit verkündigen und durch wirksame Beispiele auf sie hinweisen und in jeder Kirchengemeinde eine angemessene Familienpastoral fördern. Gleichzeitig wird es nötig sein, mit mütterlicher Sorge seitens der Kirche denjenigen, die sich in schwierigen Situationen befinden, wie z. B. ledigen jungen Müttern, getrennt lebenden oder geschiedenen Personen, verstoßenen Kindern, eine Hilfe anzubieten. In jedem Fall sollte man den berechtigten Protagonismus einzelner oder in Zusammenschlüssen organisierter Familien in der Kirche und in der Gesellschaft anregen, begleiten und unterstützen und sich um die Förderung einer wirklich angemessenen Familienpolitik von seiten der einzelnen Staaten und der Europäischen Union bemühen« .149

92. Besondere Beachtung verdient die Erziehung der jungen Menschen und der Verlobten zur Liebe: Speziell zur Vorbereitung auf das Sakrament der Ehe bestimmte Kurse sollen ihnen helfen, bis zu diesem Augenblick in Keuschheit zu leben. Als besonders aufmerksam wird sich die Kirche in ihrer Erziehungsarbeit erweisen, wenn sie die Neuvermählten auch nach der Hochzeit weiter begleitet.

93. Schließlich ist die Kirche aufgerufen, mit mütterlicher Güte auch Ehesituationen entgegenzukommen, in denen leicht die Hoffnung schwindet. »Angesichts so vieler zerstörter Familien fühlt sich die Kirche veranlaßt, kein strenges und distanziertes Urteil zu fällen, sondern vielmehr in die Wunden so vieler menschlicher Tragödien hinein das Licht des Wortes Gottes zu tragen, das vom Zeugnis seines Erbarmens begleitet ist. Aus diesem Geiste heraus versucht die Familienpastoral, sich auch jener Situationen anzunehmen, in denen geschiedene Gläubige eine weitere Ehe eingegangen sind. Sie sind nicht von der Gemeinschaft ausgeschlossen: Sie sind ganz im Gegenteil dazu eingeladen, am Leben der Gemeinde teilzunehmen und einen Weg des geistlichen Wachstums im Geiste des Evangeliums einzuschlagen. Die Kirche verschweigt ihnen gegenüber jedoch nicht, daß sie sich objektiv in einem moralisch ungeordneten Zustand befinden, und ebenso wenig, daß hieraus Konsequenzen für den Sakramentenempfang entstehen. Dennoch möchte die Kirche ihnen ihre ganze mütterliche Nähe bekunden« .150

94. Wenn es für den Dienst am Evangelium der Hoffnung unbedingt einer entsprechenden, vorrangigen Aufmerksamkeit für die Familie bedarf, so steht es ebenso außer Zweifel, daß die Familien selbst in bezug auf eben dieses Evangelium der Hoffnung eine unersetzliche Aufgabe zu erfüllen haben. Deshalb richte ich voll Vertrauen und Liebe an alle christlichen Familien, die in diesem Europa leben, erneut die Aufforderung: »Familien, werdet, was ihr seid!« . Ihr seid das lebende Abbild der Liebe Gottes: Ihr habt nämlich den »Auftrag, die Liebe zu hüten, zu offenbaren und mitzuteilen als lebendigen Widerschein und wirkliche Teilhabe an der Liebe Gottes zu den Menschen und an der Liebe Christi, unseres Herrn, zu seiner Braut, der Kirche« .151

Ihr seid das »Heiligtum des Lebens [...]: der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in angemessener Weise angenommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen es ausgesetzt ist, geschützt wird und wo es sich entsprechend den Forderungen eines echten menschlichen Wachstums entfalten kann« .152

Ihr seid das Fundament der Gesellschaft, da ihr der erste Ort der »Humanisierung« der Person und des bürgerlichen Lebens seid,153 ein Vorbild für die Errichtung in Liebe und Solidarität gelebter sozialer Beziehungen.

Seid also selber glaubwürdige Zeugen des Evangeliums der Hoffnung! Denn ihr seid »gaudium et spes« ,154 Freude und Hoffnung.

 

Dem Evangelium des Lebens dienen

95. Die Überalterung und die zahlenmäßige Abnahme der Bevölkerung, die in verschiedenen Ländern Europas zu beobachten sind, müssen Anlaß zur Sorge geben; denn der Geburtenrückgang ist Symptom eines gestörten Verhältnisses zur eigenen Zukunft; er ist der deutliche Ausdruck eines Mangels an Hoffnung, Zeichen jener »Kultur des Todes« , die die heutige Gesellschaft durchzieht.155

Zusammen mit dem Geburtenrückgang müssen noch andere Anzeichen erwähnt werden, die dazu beitragen, den Wert des Lebens zu verdunkeln und eine Art Verschwörung gegen das Leben zu entfesseln. Darunter ist betrüblicherweise vor allem die Verbreitung der Abtreibung zu zählen, auch unter Anwendung chemisch-pharmakologischer Präparate, die sie ohne Zutun eines Arztes möglich machen und so jeder Form sozialer Verantwortlichkeit entziehen. Begünstigt wird das durch die in der Rechtsordnung vieler Staaten des Kontinents vorhandene Gesetzgebung, welche eine Handlung zuläßt, die ein »verabscheuungswürdiges Verbrechen« 156 ist und eine schwere sittliche Störung darstellt. Nicht vergessen werden dürfen auch die gegen das Leben verübten Anschläge durch »Eingriffe auf menschliche Embryonen, die unweigerlich mit der Tötung des Embryos verbunden sind, auch wenn sie Zwecken dienen, die an sich erlaubt sind« , oder durch eine unkorrekte Anwendung der Verfahren vorgeburtlicher Diagnose, die nicht eine mitunter mögliche frühzeitige Therapie zum Ziel haben, sondern »in den Dienst einer Eugenetik-Mentalität gestellt werden, die die selektive Abtreibung in Kauf nimmt« .157

Des weiteren muß eine Tendenz erwähnt werden, die in einigen Teilen Europas festzustellen ist, nämlich die Annahme, es könne erlaubt sein, dem eigenen Leben oder dem eines anderen Menschen bewußt ein Ende zu setzen: Das führt zur Verbreitung der versteckten oder offen praktizierten Euthanasie, deren Legalisierung wiederholt gefordert und in einigen traurigen Fällen bereits vollzogen wurde.

96. Unter diesen Umständen ist es notwendig, »dem Evangelium des Lebens« auch durch »eine allgemeine Mobilisierung der Gewissen und eine gemeinsame sittliche Anstrengung« zu dienen, »um eine große Strategie zugunsten des Lebens in die Tat umzusetzen. Wir müssen alle zusammen eine neue Kultur des Lebens aufbauen« .158 Das ist eine große Herausforderung, der man mit Verantwortung und mit der Gewißheit begegnen muß, daß »die Zukunft der europäischen Kultur großenteils von der entschiedenen Verteidigung und Förderung der Werte des Lebens, dem Kern ihres Kulturerbes, abhängt« .159 Es geht in der Tat darum, Europa seine wahre Würde zurückzugeben, nämlich ein Ort zu sein, wo jede Person in ihrer unvergleichlichen Würde bestätigt wird.

Ich mache mir gern die folgenden Worte der Synodenväter zu eigen: »Die Synode der europäischen Bischöfe regt die christlichen Gemeinden dazu an, sich zu Glaubensboten des Lebens zu machen. Sie ermutigt die christlichen Ehepaare und Familien, sich gegenseitig zu unterstützen in der Treue zu ihrer Sendung als Mitarbeiter Gottes bei der Zeugung und Erziehung neuer Geschöpfe. Sie schätzt jeden großherzigen Versuch, auf den von falschen Sicherheits- und Glücksmodellen genährten Egoismus im Bereich der Weitergabe des Lebens zu reagieren. Sie ersucht die Staaten Europas und die Europäische Union, weitblickende politische Maßnahmen zur Förderung der konkreten Wohn- und Arbeitsbedingungen und der sozialen Dienste zu ergreifen, die geeignet sind, die Gründung der Familie und die Antwort auf die Berufung zur Elternschaft zu begünstigen, und darüber hinaus dem heutigen Europa die kostbarste Ressource sicherstellen: die Europäer von morgen« .160

 

Eine menschenwürdige Stadt erbauen

97. Die tätige Liebe verpflichtet uns, das Kommen des Reiches Gottes zu beschleunigen. Deshalb arbeitet sie an der Förderung der echten Werte mit, die einer menschenwürdigen Kultur zugrunde liegen. Denn wie das Zweite Vatikanische Konzil ausführt, »müssen die Christen auf der Pilgerschaft zur himmlischen Vaterstadt suchen und sinnen, was oben ist; dadurch wird jedoch die Bedeutung ihrer Aufgabe, zusammen mit allen Menschen am Aufbau einer menschlicheren Welt mitzuarbeiten, nicht vermindert, sondern gemehrt« .161 Weit davon entfernt, von der Geschichte zu entfremden, steigert die Erwartung des neuen Himmels und der neuen Erde die Sorge um die gegenwärtige Wirklichkeit, wo schon jetzt das Neue heranwächst, das Keim und Gestalt der Welt ist, die kommen wird.

Von diesen Glaubensgewißheiten beseelt, wollen wir uns um den Aufbau einer menschenwürdigen Stadt bemühen. Auch wenn es nicht möglich ist, in der Geschichte eine vollkommene Gesellschafts- und Sozialordnung aufzubauen, wissen wir doch, daß jede ehrliche Anstrengung für die Errichtung einer besseren Welt vom Segen Gottes begleitet ist und daß jeder Same von Gerechtigkeit und Liebe, der in der Zeit ausgesät wurde, in alle Ewigkeit erblüht.

98. Beim Aufbau der menschenwürdigen Stadt muß der Soziallehre der Kirche eine inspirierende Rolle zuerkannt werden. Durch sie nämlich stellt die Kirche dem europäischen Kontinent die Frage nach der moralischen Qualität seiner Kultur. Sie hat ihren Ursprung in der Begegnung zwischen der biblischen Botschaft mit der Vernunft auf der einen und den das Leben des Menschen und der Gesellschaft betreffenden Problemen und Situationen auf der anderen Seite. Durch die Gesamtheit der von ihr gebotenen Prinzipien trägt diese Lehre dazu bei, solide Grundlagen für ein menschengerechtes Zusammenleben in Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit und Solidarität zu legen. Ausgerichtet auf die Verteidigung und Förderung der Würde der menschlichen PersonGrundlage nicht nur des wirtschaftlichen und politischen Lebens, sondern auch der sozialen Gerechtigkeit und des Friedenserweist sich die Soziallehre als fähig, die tragenden Säulen der Zukunft des Kontinents abzustützen.162 In dieser Lehre finden sich die Anhaltspunkte, um die moralische Struktur der Freiheit verteidigen zu können und so die europäische Kultur und Gesellschaft sowohl vor der totalitären Utopie der »Gerechtigkeit ohne Freiheit« als auch vor der Utopie der »Freiheit ohne Wahrheit« , die mit einem falschen »Toleranz« -Begriff einhergeht, zu bewahren; beide Utopien sind Vorboten von Irrtum und Schrecken für die Menschheit, wie die jüngste Geschichte Europas selbst leider beweist.163

99. Die Soziallehre der Kirche ist durch ihre innere Verbindung mit der Würde der Person so beschaffen, daß sie auch von denen verstanden wird, die nicht der Gemeinschaft der Gläubigen angehören. Es ist also dringend notwendig, die Kenntnis von ihr und ihr Studium zu verbreiten und so die auch unter den Christen herrschende Unwissenheit über sie zu überwinden. Das verlangt das im Aufbau befindliche neue Europa, das nach diesen Werten erzogene Menschen braucht, die bereit sind, sich für die Verwirklichung des Gemeinwohls einzusetzen. Dazu ist die Präsenz christlicher Laien erforderlich, die in den verschiedenen Verantwortungsbereichen des zivilen Lebens, der Wirtschaft, der Kultur, des Gesundheitswesens, der Erziehung und der Politik so wirken sollen, daß sie dort die Werte des Reiches Gottes einfließen lassen können.164

 

Für eine Kultur der Aufnahme

100. Zu den Herausforderungen, die sich heute dem Dienst am Evangelium der Hoffnung stellen, zählt auch das wachsende Phänomen der Zuwanderungen, das von der Kirche die Fähigkeit verlangt, jede Person, welchem Volk oder welcher Nation sie auch angehört, aufzunehmen. Es spornt auch die gesamte europäische Gesellschaft und ihre Institutionen zur Suche nach einer gerechten Ordnung und nach Weisen des Zusammenlebens an, die alle respektieren, sowie nach der Legalität in einem Prozeß möglicher Integration.

In Anbetracht des Zustandes von Elend, Unterentwicklung oder auch unzureichender Freiheit, der leider noch immer in verschiedenen Ländern herrscht und viele zum Verlassen ihres Landes treibt, bedarf es eines mutigen Einsatzes von seiten aller für die Verwirklichung einer gerechteren internationalen Wirtschaftsordnung, die in der Lage ist, die wirkliche Entwicklung aller Völker und aller Länder zu fördern.

101. Angesichts des Migrationsphänomens steht für Europa die Fähigkeit auf dem Spiel, Formen einer intelligenten Aufnahme und Gastfreundschaft Raum zu geben. Die »universalistische« Sicht des Gemeinwohls fordert das: Man muß den Blick weiten, um die Bedürfnisse der ganzen Menschheitsfamilie im Auge zu haben. Das Phänomen der Globalisierung fordert Öffnung und Teilen, wenn es nicht Wurzel von Ausschließung und Ausgrenzung sein soll, sondern vielmehr von solidarischer Teilnahme aller an der Produktion und am Austausch der Güter.

Jeder muß sich um das Wachstum einer reifen Kultur der Aufnahme bemühen, die der gleichen Würde aller Menschen und der pflichtgemäßen Solidarität gegenüber den Schwächsten Rechnung trägt und deshalb erfordert, daß jedem Einwanderer die Grundrechte zuerkannt werden. In der Verantwortung der öffentlichen Behörden liegt es, die Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls durchzuführen. Die Aufnahme muß immer unter Einhaltung der Gesetze erfolgen und daher, wenn nötig, mit der Ausschaltung von Mißbräuchen einhergehen.

102. Es ist ebenfalls notwendig, sich für die Erarbeitung möglicher Formen einer echten Integration der gesetzlich aufgenommenen Zuwanderer in das Gesellschafts- und Kulturgefüge der verschiedenen europäischen Nationen einzusetzen. Die Integration erfordert, daß man nicht der Gleichgültigkeit gegenüber den universalen menschlichen Werten verfallen darf und daß das besondere kulturelle Erbe jeder Nation bewahrt werden muß. Ein friedliches Zusammenleben und ein Austausch der jeweiligen inneren Reichtümer wird den Aufbau eines Europa möglich machen, das gemeinsames Haus zu sein versteht, in das jeder aufgenommen werden kann, in dem keiner diskriminiert wird und alle als Mitglieder einer einzigen großen Familie behandelt werden und verantwortungsvoll leben.

103. Die Kirche ihrerseits ist aufgerufen, »ihren Einsatz zur Schaffung und weiteren Verbesserung ihrer Aufnahme- und pastoralen Betreuungsdienste für die Zuwanderer und Flüchtlinge fortzusetzen« ,165 um zu erreichen, daß ihre Würde und Freiheit respektiert und ihre Integration gefördert wird.

Eine besondere pastorale Sorge muß der Integration der katholischen Zuwanderer gelten, wobei ihrer Kultur und der Ursprünglichkeit ihrer religiösen Tradition entsprechende Achtung entgegengebracht werden soll. Zu diesem Zweck sind Kontakte zwischen den Herkunftskirchen der Zuwanderer und den Kirchen der Aufnahmeländer zu fördern, um Hilfsmaßnahmen zu erarbeiten, die unter den Zuwanderern auch die Anwesenheit von aus ihren Ländern stammenden Priestern, Ordensleuten und entsprechend ausgebildeten Seelsorghelfern vorsehen.

Der Dienst am Evangelium verlangt außerdem, daß die Kirche zur Verteidigung der Anliegen der Unterdrückten und Ausgeschlossenen die politischen Autoritäten der verschiedenen Staaten und die Verantwortlichen der europäischen Institutionen auffordert, den Flüchtlingsstatus für alle anzuerkennen, die aufgrund der Gefahr für ihr Leben aus ihrem Herkunftsland geflohen sind, wie auch ihre Rückkehr in ihre Länder zu unterstützen und außerdem Bedingungen zu schaffen, damit die Würde aller Zuwanderer geachtet und ihre Grundrechte verteidigt werden.166

 




144 Vgl. Propositio 33.



145 Propositio 35.



146 Vgl. Propositio 36.



147 Vgl. Propositio 31.



148 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 48.



149 Vgl. Propositio 31.



150 Johannes Paul II., Ansprache zum Dritten Welttreffen der Familien anläßlich der Heiligjahrfeier der Familien (14. Oktober 2000), 6: Insegnamenti XXIII/2 (2000), 603.



151 Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 17: AAS 74 (1982), 99-100.



152 Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 39: AAS 83 (1991), 842.



153 Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Christifideles laici (30. Dezember 1988), 40: AAS 81 (1989), 469.



154 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache zum Ersten Welttreffen der Familien (8. Oktober 1994), 7: AAS 87 (1995), 587.



155 Vgl. Propositio 32.



156 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 51.



157 Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae (25. März 1995), 63: AAS 87 (1995), 473.



158 Ebd., 95, a.a.O., 509.



159 Johannes Paul II., Ansprache an den neuen Botschafter Norwegens beim Hl. Stuhl (25. März 1995): Insegnamenti XVIII/1 (1995), 857.



160 Propositio 32.



161 Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 57.



162 Vgl. Propositio 28; Erste Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Schlußerklärung (13. Oktober 1991), 10: Ench. Vat. 13, Nr. 659-669.



163 Vgl. Propositio 23.



164 Vgl. Propositio 28.



165 Propositio 34.



166 Vgl. Kongregation für die Bischöfe, Instruktion Nemo est (22. August 1969), 16: AAS 61 (1969), 621-622; Kodex des kanonischen Rechtes, can. 294 und 518; Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen, can. 280 § 1.






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