II. Dem Menschen
in der Gesellschaft dienen
Den Armen wieder Hoffnung
geben
86. Die ganze Kirche
ist gefordert, den Armen wieder Hoffnung zu geben. Sie aufzunehmen und
ihnen zu dienen, bedeutet für die Kirche, Christus aufzunehmen und ihm zu
dienen (vgl. Mt 25, 40). Die vorrangige Liebe zu den Armen ist
eine notwendige Dimension des Christseins und des Dienstes am Evangelium. Sie
zu lieben und ihnen zu bezeugen, daß sie von Gott besonders geliebt werden,
heißt anzuerkennen, daß Menschen unabhängig davon, in welchen ökonomischen,
kulturellen und sozialen Verhältnissen sie sich befinden, um ihrer selbst
willen wertvoll sind, und ihnen so zu helfen, ihre Leistungsfähigkeiten zur
Geltung zu bringen.
87. Nicht
unberührt lassen kann uns sodann das Phänomen der Arbeitslosigkeit, die in
vielen Nationen Europas eine ernste soziale Geißel darstellt. Dazu kommen die
Probleme im Zusammenhang mit den wachsenden Migrantenströmen. Die Kirche muß
daran erinnern, daß die Arbeit ein Gut darstellt, um das sich die ganze
Gesellschaft kümmern muß.
Während die Kirche erneut die
sittlichen Kriterien ins Bewußtsein ruft, von denen sich Markt und Wirtschaft
in gewissenhafter Achtung vor der zentralen Stellung des Menschen leiten lassen
müssen, wird sie es nicht unterlassen, den Dialog mit den auf politischer,
gewerkschaftlicher und unternehmerischer Ebene engagierten Personen zu
suchen.144 Ein solcher Dialog muß als Ziel den Aufbau eines
Europas als Gemeinschaft von Völkern und Menschen anstreben, als Gemeinschaft,
die – solidarisch in der Hoffnung – nicht ausschließlich den Gesetzen des
Marktes unterworfen ist, sondern sich entschieden um die Wahrung der Würde des
Menschen auch in den wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen bemüht.
88. Auch der Krankenpastoral
muß eine angemessene Bedeutung verliehen werden. In Anbetracht dessen, daß
die Krankheit eine Situation darstellt, die grundsätzliche Fragen über den Sinn
des Lebens aufwirft, muß »in einer Wohlstands- und Leistungsgesellschaft, in
einer Kultur, die von der Vergötzung des Körpers, von der Verdrängung des
Leidens und des Schmerzes und vom Mythos ewiger Jugendlichkeit gekennzeichnet
ist« ,145 die Sorge für die Kranken als eine der Prioritäten
angesehen werden. Zu diesem Zweck muß einerseits eine angemessene pastorale
Präsenz an den Stätten des Leidens – zum Beispiel durch den Einsatz von
Krankenhausseelsorgern, Mitgliedern von Freiwilligenverbänden, kirchlichen
Gesundheitseinrichtungen – und andererseits eine Unterstützung für die Familien
der Kranken gefördert werden. Außerdem wird es notwendig sein, den Ärzten und dem
Pflegepersonal mit geeigneten pastoralen Mitteln zur Seite zu stehen, um sie in
ihrer anspruchsvollen Berufung im Dienst an den Kranken zu unterstützen. Denn
die im Gesundheitswesen tätigen Personen leisten mit ihrer Arbeit Tag für Tag
einen edlen Dienst am Leben. Von ihnen wird verlangt, den Patienten auch jenen
besonderen seelischen Beistand zu bieten, der die Wärme eines echten
menschlichen Kontaktes voraussetzt.
89. Und
schließlich soll nicht übersehen werden, daß von den Gütern der Erde
nicht selten auf ungebührliche Weise Gebrauch gemacht wird. Da der
Mensch nämlich den Auftrag, die Erde mit Weisheit und Liebe zu bebauen und zu
hüten (vgl. Gen 2, 15), nicht erfüllte, hat er in vielen Regionen Wälder
und Landflächen zerstört, die Gewässer verseucht, die Luft zum Atmen
unerträglich gemacht, die hydro-geologischen und atmosphärischen Systeme
durcheinandergebracht und riesige Landstriche der fortschreitenden
Wüstenbildung ausgesetzt.
Auch in diesem Fall heißt Dienst
am Evangelium der Hoffnung, sich auf neue Weise für einen richtigen Gebrauch
der Güter der Erde einzusetzen,146 indem man zu jener
aufmerksamen Sorgfalt anregt, die nicht nur die natürlichen Lebensräume
schützt, sondern vor allem die Lebensqualität der Menschen dadurch verteidigt,
daß sie den künftigen Generationen eine Umwelt vorbereitet, die mit dem Plan
des Schöpfers besser übereinstimmt.
Die Wahrheit über die Ehe
und die Familie
90. Die Kirche
in Europa muß auf allen Ebenen wieder die Wahrheit über die Ehe und die
Familie zuverlässig herausstellen.147 Das ist eine
Dringlichkeit, die sie in sich brennen spürt, weil sie weiß, daß ihr kraft des
ihr von ihrem Bräutigam und Herrn übertragenen Evangelisierungsauftrags diese
Aufgabe obliegt, die sich heute mit zwingender Notwendigkeit neu stellt. Nicht
wenige kulturelle, soziale und politische Faktoren tragen nämlich zu einer
immer stärker hervortretenden Krise der Familie bei. Sie gefährden in
verschiedenem Ausmaß die Wahrheit und die Würde der menschlichen Person und
stellen durch Verzerrung selbst die Idee der Familie in Frage. Der Wert der
Unauflöslichkeit der Ehe wird immer weniger anerkannt; es wird die gesetzliche
Anerkennung von Formen faktischen Zusammenlebens und deren Gleichstellung mit den
rechtmäßig geschlossenen Ehen verlangt; es fehlt nicht an Versuchen, Modelle
von Partnerschaften zu akzeptieren, in denen der Unterschied im Geschlecht
nicht mehr wesentlich ist.
In diesem Kontext ist die Kirche
gefordert, mit neuer Kraft zu verkünden, was das Evangelium über die Ehe und
die Familie sagt, um deren Bedeutung und Wert im Heilsplan Gottes zu
erfassen. Insbesondere ist es nötig, die Institution von Ehe und Familie als
aus dem Willen Gottes entstammende Realitäten erneut zu bekräftigen. Die
Wahrheit über die Familie als innige Gemeinschaft des Lebens und der
Liebe,148 die offen ist für die Zeugung neuer Menschen, muß
ebenso wiederentdeckt werden wie ihre Würde als ,,Hauskirche'' und ihre
Teilnahme an der Sendung der Kirche und am Leben der Gesellschaft.
91. Nach
Ansicht der Synodenväter ist es notwendig, anzuerkennen, daß viele Familien im
Alltag ihres in Liebe gelebten Daseins sichtbare Zeugen der Gegenwart Jesu
sind, der sie begleitet und durch die Gabe seines Geistes aufrechterhält. Um
einen solchen Weg zu unterstützen, muß man die Theologie und die Spiritualität
von Ehe und Familie vertiefen, die Wahrheit und Schönheit der Familie, die auf
die als dauerhafte und fruchtbare Vereinigung eines Mannes und einer Frau verstandene
Ehe gegründet ist, uneingeschränkt und mit Festigkeit verkündigen und durch
wirksame Beispiele auf sie hinweisen und in jeder Kirchengemeinde eine
angemessene Familienpastoral fördern. Gleichzeitig wird es nötig sein, mit
mütterlicher Sorge seitens der Kirche denjenigen, die sich in schwierigen
Situationen befinden, wie z. B. ledigen jungen Müttern, getrennt lebenden oder
geschiedenen Personen, verstoßenen Kindern, eine Hilfe anzubieten. In jedem
Fall sollte man den berechtigten Protagonismus einzelner oder in
Zusammenschlüssen organisierter Familien in der Kirche und in der Gesellschaft
anregen, begleiten und unterstützen und sich um die Förderung einer wirklich
angemessenen Familienpolitik von seiten der einzelnen Staaten und der
Europäischen Union bemühen« .149
92. Besondere
Beachtung verdient die Erziehung der jungen Menschen und der Verlobten zur
Liebe: Speziell zur Vorbereitung auf das Sakrament der Ehe bestimmte Kurse
sollen ihnen helfen, bis zu diesem Augenblick in Keuschheit zu leben. Als
besonders aufmerksam wird sich die Kirche in ihrer Erziehungsarbeit erweisen,
wenn sie die Neuvermählten auch nach der Hochzeit weiter begleitet.
93. Schließlich
ist die Kirche aufgerufen, mit mütterlicher Güte auch Ehesituationen
entgegenzukommen, in denen leicht die Hoffnung schwindet. »Angesichts so vieler
zerstörter Familien fühlt sich die Kirche veranlaßt, kein strenges und
distanziertes Urteil zu fällen, sondern vielmehr in die Wunden so vieler
menschlicher Tragödien hinein das Licht des Wortes Gottes zu tragen, das
vom Zeugnis seines Erbarmens begleitet ist. Aus diesem Geiste heraus versucht
die Familienpastoral, sich auch jener Situationen anzunehmen, in denen
geschiedene Gläubige eine weitere Ehe eingegangen sind. Sie sind nicht von
der Gemeinschaft ausgeschlossen: Sie sind ganz im Gegenteil dazu eingeladen, am
Leben der Gemeinde teilzunehmen und einen Weg des geistlichen Wachstums im
Geiste des Evangeliums einzuschlagen. Die Kirche verschweigt ihnen gegenüber
jedoch nicht, daß sie sich objektiv in einem moralisch ungeordneten Zustand
befinden, und ebenso wenig, daß hieraus Konsequenzen für den Sakramentenempfang
entstehen. Dennoch möchte die Kirche ihnen ihre ganze mütterliche Nähe
bekunden« .150
94. Wenn es für
den Dienst am Evangelium der Hoffnung unbedingt einer entsprechenden,
vorrangigen Aufmerksamkeit für die Familie bedarf, so steht es ebenso außer
Zweifel, daß die Familien selbst in bezug auf eben dieses Evangelium der
Hoffnung eine unersetzliche Aufgabe zu erfüllen haben. Deshalb richte
ich voll Vertrauen und Liebe an alle christlichen Familien, die in diesem
Europa leben, erneut die Aufforderung: »Familien, werdet, was ihr seid!« . Ihr
seid das lebende Abbild der Liebe Gottes: Ihr habt nämlich den »Auftrag,
die Liebe zu hüten, zu offenbaren und mitzuteilen als lebendigen Widerschein
und wirkliche Teilhabe an der Liebe Gottes zu den Menschen und an der Liebe
Christi, unseres Herrn, zu seiner Braut, der Kirche« .151
Ihr seid das »Heiligtum des
Lebens [...]: der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in angemessener Weise
angenommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen es ausgesetzt ist,
geschützt wird und wo es sich entsprechend den Forderungen eines echten menschlichen
Wachstums entfalten kann« .152
Ihr seid das Fundament der
Gesellschaft, da ihr der erste Ort der »Humanisierung« der Person und des
bürgerlichen Lebens seid,153 ein Vorbild für die Errichtung
in Liebe und Solidarität gelebter sozialer Beziehungen.
Seid also selber glaubwürdige Zeugen des Evangeliums der
Hoffnung! Denn ihr seid »gaudium et spes« ,154 Freude
und Hoffnung.
Dem Evangelium des Lebens
dienen
95. Die
Überalterung und die zahlenmäßige Abnahme der Bevölkerung, die in verschiedenen
Ländern Europas zu beobachten sind, müssen Anlaß zur Sorge geben; denn der
Geburtenrückgang ist Symptom eines gestörten Verhältnisses zur eigenen
Zukunft; er ist der deutliche Ausdruck eines Mangels an Hoffnung, Zeichen jener
»Kultur des Todes« , die die heutige Gesellschaft durchzieht.155
Zusammen mit dem Geburtenrückgang
müssen noch andere Anzeichen erwähnt werden, die dazu beitragen, den Wert des
Lebens zu verdunkeln und eine Art Verschwörung gegen das Leben zu entfesseln.
Darunter ist betrüblicherweise vor allem die Verbreitung der Abtreibung zu
zählen, auch unter Anwendung chemisch-pharmakologischer Präparate, die sie ohne
Zutun eines Arztes möglich machen und so jeder Form sozialer Verantwortlichkeit
entziehen. Begünstigt wird das durch die in der Rechtsordnung vieler Staaten
des Kontinents vorhandene Gesetzgebung, welche eine Handlung zuläßt, die ein
»verabscheuungswürdiges Verbrechen« 156 ist und eine schwere
sittliche Störung darstellt. Nicht vergessen werden dürfen auch die gegen das
Leben verübten Anschläge durch »Eingriffe auf menschliche Embryonen, die
unweigerlich mit der Tötung des Embryos verbunden sind, auch wenn sie Zwecken
dienen, die an sich erlaubt sind« , oder durch eine unkorrekte Anwendung der
Verfahren vorgeburtlicher Diagnose, die nicht eine mitunter mögliche
frühzeitige Therapie zum Ziel haben, sondern »in den Dienst einer
Eugenetik-Mentalität gestellt werden, die die selektive Abtreibung in Kauf
nimmt« .157
Des weiteren muß eine Tendenz
erwähnt werden, die in einigen Teilen Europas festzustellen ist, nämlich die
Annahme, es könne erlaubt sein, dem eigenen Leben oder dem eines anderen
Menschen bewußt ein Ende zu setzen: Das führt zur Verbreitung der versteckten
oder offen praktizierten Euthanasie, deren Legalisierung wiederholt
gefordert und in einigen traurigen Fällen bereits vollzogen wurde.
96. Unter
diesen Umständen ist es notwendig, »dem Evangelium des Lebens« auch
durch »eine allgemeine Mobilisierung der Gewissen und eine gemeinsame
sittliche Anstrengung« zu dienen, »um eine große Strategie zugunsten des
Lebens in die Tat umzusetzen. Wir müssen alle zusammen eine neue Kultur
des Lebens aufbauen« .158 Das ist eine große
Herausforderung, der man mit Verantwortung und mit der Gewißheit begegnen muß,
daß »die Zukunft der europäischen Kultur großenteils von der entschiedenen
Verteidigung und Förderung der Werte des Lebens, dem Kern ihres Kulturerbes,
abhängt« .159 Es geht in der Tat darum, Europa seine wahre
Würde zurückzugeben, nämlich ein Ort zu sein, wo jede Person in ihrer
unvergleichlichen Würde bestätigt wird.
Ich mache mir gern die folgenden
Worte der Synodenväter zu eigen: »Die Synode der europäischen Bischöfe regt die
christlichen Gemeinden dazu an, sich zu Glaubensboten des Lebens zu machen. Sie
ermutigt die christlichen Ehepaare und Familien, sich gegenseitig zu
unterstützen in der Treue zu ihrer Sendung als Mitarbeiter Gottes bei der
Zeugung und Erziehung neuer Geschöpfe. Sie schätzt jeden großherzigen Versuch,
auf den von falschen Sicherheits- und Glücksmodellen genährten Egoismus im
Bereich der Weitergabe des Lebens zu reagieren. Sie ersucht die Staaten Europas
und die Europäische Union, weitblickende politische Maßnahmen zur Förderung der
konkreten Wohn- und Arbeitsbedingungen und der sozialen Dienste zu ergreifen,
die geeignet sind, die Gründung der Familie und die Antwort auf die Berufung
zur Elternschaft zu begünstigen, und darüber hinaus dem heutigen Europa die
kostbarste Ressource sicherstellen: die Europäer von morgen« .160
Eine menschenwürdige Stadt
erbauen
97. Die tätige
Liebe verpflichtet uns, das Kommen des Reiches Gottes zu beschleunigen. Deshalb
arbeitet sie an der Förderung der echten Werte mit, die einer menschenwürdigen
Kultur zugrunde liegen. Denn wie das Zweite Vatikanische Konzil ausführt,
»müssen die Christen auf der Pilgerschaft zur himmlischen Vaterstadt suchen und
sinnen, was oben ist; dadurch wird jedoch die Bedeutung ihrer Aufgabe, zusammen
mit allen Menschen am Aufbau einer menschlicheren Welt mitzuarbeiten, nicht
vermindert, sondern gemehrt« .161 Weit davon entfernt, von
der Geschichte zu entfremden, steigert die Erwartung des neuen Himmels und der
neuen Erde die Sorge um die gegenwärtige Wirklichkeit, wo schon jetzt das Neue
heranwächst, das Keim und Gestalt der Welt ist, die kommen wird.
Von diesen Glaubensgewißheiten
beseelt, wollen wir uns um den Aufbau einer menschenwürdigen Stadt bemühen.
Auch wenn es nicht möglich ist, in der Geschichte eine vollkommene
Gesellschafts- und Sozialordnung aufzubauen, wissen wir doch, daß jede ehrliche
Anstrengung für die Errichtung einer besseren Welt vom Segen Gottes begleitet
ist und daß jeder Same von Gerechtigkeit und Liebe, der in der Zeit ausgesät
wurde, in alle Ewigkeit erblüht.
98. Beim Aufbau
der menschenwürdigen Stadt muß der Soziallehre der Kirche eine inspirierende
Rolle zuerkannt werden. Durch sie nämlich stellt die Kirche dem
europäischen Kontinent die Frage nach der moralischen Qualität seiner Kultur.
Sie hat ihren Ursprung in der Begegnung zwischen der biblischen Botschaft mit
der Vernunft auf der einen und den das Leben des Menschen und der Gesellschaft
betreffenden Problemen und Situationen auf der anderen Seite. Durch die
Gesamtheit der von ihr gebotenen Prinzipien trägt diese Lehre dazu bei, solide
Grundlagen für ein menschengerechtes Zusammenleben in Gerechtigkeit, Wahrheit,
Freiheit und Solidarität zu legen. Ausgerichtet auf die Verteidigung und
Förderung der Würde der menschlichen Person – Grundlage nicht nur des
wirtschaftlichen und politischen Lebens, sondern auch der sozialen
Gerechtigkeit und des Friedens – erweist sich die Soziallehre als fähig, die tragenden
Säulen der Zukunft des Kontinents abzustützen.162 In dieser
Lehre finden sich die Anhaltspunkte, um die moralische Struktur der Freiheit
verteidigen zu können und so die europäische Kultur und Gesellschaft sowohl vor
der totalitären Utopie der »Gerechtigkeit ohne Freiheit« als auch vor der
Utopie der »Freiheit ohne Wahrheit« , die mit einem falschen »Toleranz«
-Begriff einhergeht, zu bewahren; beide Utopien sind Vorboten von Irrtum und
Schrecken für die Menschheit, wie die jüngste Geschichte Europas selbst leider
beweist.163
99. Die
Soziallehre der Kirche ist durch ihre innere Verbindung mit der Würde der
Person so beschaffen, daß sie auch von denen verstanden wird, die nicht der
Gemeinschaft der Gläubigen angehören. Es ist also dringend notwendig, die
Kenntnis von ihr und ihr Studium zu verbreiten und so die auch unter den
Christen herrschende Unwissenheit über sie zu überwinden. Das verlangt das im
Aufbau befindliche neue Europa, das nach diesen Werten erzogene Menschen
braucht, die bereit sind, sich für die Verwirklichung des Gemeinwohls
einzusetzen. Dazu ist die Präsenz christlicher Laien erforderlich, die in den
verschiedenen Verantwortungsbereichen des zivilen Lebens, der Wirtschaft, der
Kultur, des Gesundheitswesens, der Erziehung und der Politik so wirken sollen,
daß sie dort die Werte des Reiches Gottes einfließen lassen können.164
Für eine Kultur der
Aufnahme
100. Zu den
Herausforderungen, die sich heute dem Dienst am Evangelium der Hoffnung
stellen, zählt auch das wachsende Phänomen der Zuwanderungen, das von
der Kirche die Fähigkeit verlangt, jede Person, welchem Volk oder welcher
Nation sie auch angehört, aufzunehmen. Es spornt auch die gesamte europäische
Gesellschaft und ihre Institutionen zur Suche nach einer gerechten Ordnung und
nach Weisen des Zusammenlebens an, die alle respektieren, sowie nach der
Legalität in einem Prozeß möglicher Integration.
In Anbetracht des Zustandes von
Elend, Unterentwicklung oder auch unzureichender Freiheit, der leider noch
immer in verschiedenen Ländern herrscht und viele zum Verlassen ihres Landes
treibt, bedarf es eines mutigen Einsatzes von seiten aller für die Verwirklichung
einer gerechteren internationalen Wirtschaftsordnung, die in der Lage ist,
die wirkliche Entwicklung aller Völker und aller Länder zu fördern.
101. Angesichts
des Migrationsphänomens steht für Europa die Fähigkeit auf dem Spiel, Formen
einer intelligenten Aufnahme und Gastfreundschaft Raum zu geben. Die
»universalistische« Sicht des Gemeinwohls fordert das: Man muß den Blick
weiten, um die Bedürfnisse der ganzen Menschheitsfamilie im Auge zu haben. Das
Phänomen der Globalisierung fordert Öffnung und Teilen, wenn es nicht Wurzel
von Ausschließung und Ausgrenzung sein soll, sondern vielmehr von solidarischer
Teilnahme aller an der Produktion und am Austausch der Güter.
Jeder muß sich um das Wachstum
einer reifen Kultur der Aufnahme bemühen, die der gleichen Würde aller
Menschen und der pflichtgemäßen Solidarität gegenüber den Schwächsten Rechnung
trägt und deshalb erfordert, daß jedem Einwanderer die Grundrechte zuerkannt
werden. In der Verantwortung der öffentlichen Behörden liegt es, die
Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des
Gemeinwohls durchzuführen. Die Aufnahme muß immer unter Einhaltung der Gesetze
erfolgen und daher, wenn nötig, mit der Ausschaltung von Mißbräuchen
einhergehen.
102. Es ist
ebenfalls notwendig, sich für die Erarbeitung möglicher Formen einer echten
Integration der gesetzlich aufgenommenen Zuwanderer in das Gesellschafts-
und Kulturgefüge der verschiedenen europäischen Nationen einzusetzen. Die
Integration erfordert, daß man nicht der Gleichgültigkeit gegenüber den
universalen menschlichen Werten verfallen darf und daß das besondere kulturelle
Erbe jeder Nation bewahrt werden muß. Ein friedliches Zusammenleben und ein
Austausch der jeweiligen inneren Reichtümer wird den Aufbau eines Europa
möglich machen, das gemeinsames Haus zu sein versteht, in das jeder aufgenommen
werden kann, in dem keiner diskriminiert wird und alle als Mitglieder einer
einzigen großen Familie behandelt werden und verantwortungsvoll leben.
103. Die Kirche
ihrerseits ist aufgerufen, »ihren Einsatz zur Schaffung und weiteren
Verbesserung ihrer Aufnahme- und pastoralen Betreuungsdienste für die
Zuwanderer und Flüchtlinge fortzusetzen« ,165 um zu
erreichen, daß ihre Würde und Freiheit respektiert und ihre Integration
gefördert wird.
Eine besondere pastorale Sorge
muß der Integration der katholischen Zuwanderer gelten, wobei ihrer
Kultur und der Ursprünglichkeit ihrer religiösen Tradition entsprechende
Achtung entgegengebracht werden soll. Zu diesem Zweck sind Kontakte zwischen
den Herkunftskirchen der Zuwanderer und den Kirchen der Aufnahmeländer zu
fördern, um Hilfsmaßnahmen zu erarbeiten, die unter den Zuwanderern auch die
Anwesenheit von aus ihren Ländern stammenden Priestern, Ordensleuten und
entsprechend ausgebildeten Seelsorghelfern vorsehen.
Der Dienst am Evangelium verlangt
außerdem, daß die Kirche zur Verteidigung der Anliegen der Unterdrückten und
Ausgeschlossenen die politischen Autoritäten der verschiedenen Staaten und
die Verantwortlichen der europäischen Institutionen auffordert, den
Flüchtlingsstatus für alle anzuerkennen, die aufgrund der Gefahr für ihr Leben
aus ihrem Herkunftsland geflohen sind, wie auch ihre Rückkehr in ihre Länder zu
unterstützen und außerdem Bedingungen zu schaffen, damit die Würde aller
Zuwanderer geachtet und ihre Grundrechte verteidigt werden.166
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