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I. Die geistliche Berufung Europas
Europa, Vorreiter zur
Förderung der universalen Werte
108. Die
Geschichte des europäischen Kontinents ist vom belebenden Einfluß des
Evangeliums geprägt. »Wenn wir den Blick auf die vergangenen Jahrhunderte
richten, können wir nicht umhin, dem Herrn dafür zu danken, daß das
Christentum auf unserem Kontinent ein erstrangiger Faktor der Einheit unter den
Völkern und den Kulturen und der integralen Förderung des Menschen und
seiner Rechte gewesen ist« .168
Gewiß steht außer Zweifel, daß
der christliche Glaube tiefgreifend und maßgebend zu den Fundamenten der
europäischen Kultur gehört. Das Christentum hat in der Tat Europa dadurch
Gestalt gegeben, daß es ihm einige grundlegende Werte einprägte. Selbst die
europäische Moderne, die der Welt das demokratische Ideal und die
Menschenrechte gegeben hat, schöpft die eigenen Werte aus seinem christlichen
Erbe. Eher denn als ein geographischer Raum läßt sich Europa als »ein
vorwiegend kultureller und historischer Begriff« bestimmen, »der eine
Realität kennzeichnet, die als Kontinent auch dank der einigenden Kraft des
Christentums entstanden ist, das es verstanden hat, unterschiedliche Völker und
Kulturen in gegenseitiger Ergänzung zusammenzuführen, und das eng mit der
gesamten europäischen Kultur verbunden ist« .169
Das heutige Europa scheint
allerdings gerade zu dem Zeitpunkt, an dem es seine wirtschaftliche und
politische Union festigt und erweitert, unter einer tiefen Wertekrise zu
leiden. Obwohl es über erhöhte Mittel verfügt, macht es den Eindruck, als fehle
es ihm an Schwung, um ein gemeinsames Projekt zu nähren und seinen Bürgern
wieder Anlaß zur Hoffnung zu geben.
Das neue Gesicht Europas
109. Im Prozeß
seiner derzeitigen Neugestaltung ist Europa vor allem aufgerufen, seine wahre
Identität wiederzuerlangen. Es muß nämlich, auch wenn es inzwischen eine
sehr vielgestaltige Wirklichkeit darstellt, ein neues Modell der Einheit in der
Vielfalt aufbauen, eine für die anderen Kontinente offene und in den aktuellen
Globalisierungsprozeß einbezogene Gemeinschaft versöhnter Nationen.
Um der eigenen Geschichte neuen
Schwung zu verleihen, muß es »mit schöpferischer Treue jene grundlegenden Werte
anerkennen und zurückgewinnen, zu deren Aneignung das Christentum einen
entscheidenden Beitrag geleistet hat und die sich in der Bejahung der
transzendenten Würde der menschlichen Person, des Wertes der Vernunft, der
Freiheit, der Demokratie, des Rechtsstaates und der Unterscheidung zwischen
Politik und Religion zusammenfassen lassen« .170
110. Die
Europäische Union setzt ihre Erweiterung fort. Daran über kurz oder lang
teilzunehmen, sind alle Völker berufen, die dasselbe grundlegende Erbe teilen.
Es bleibt zu hoffen, daß diese Ausweitung in einer allen gegenüber respektvollen
Weise erfolgt: nicht nur durch eine ausgereiftere Durchführung des
Subsidiaritäts- und des Solidaritätsprinzips, sondern auch durch die
Erschließung und Aufwertung der historischen und kulturellen Eigenarten, der
nationalen Identitäten und des Reichtums der Beiträge, die von den neuen
Mitgliedern kommen können.171 Im Integrationsprozeß des
Kontinents ist es von grundlegender Bedeutung zu berücksichtigen, daß die Union
keinen festen Bestand haben wird, wenn sie nur auf geographische und ökonomische
Dimensionen beschränkt bliebe; vielmehr muß sie vor allem in einer
Übereinstimmung der Werte bestehen, die im Recht und im Leben ihren Ausdruck
finden.
Solidarität und Frieden in
der Welt fördern
111. Wenn man
,,Europa'' sagt, soll das ,,Öffnung'' heißen. Trotz gegenteiliger Erfahrungen
und Anzeichen, an denen es wahrlich nicht gefehlt hat, ist es die Geschichte
Europas selbst, die dies einfordert: »Europa ist in Wirklichkeit kein
geschlossenes oder isoliertes Territorium; es hat sich dadurch aufgebaut, daß
es über die Meere hinweg auf andere Völker, andere Kulturen, andere
Zivilisationen zugegangen ist« .172 Daher muß es ein
offener und gastfreundlicher Kontinent sein, der in der aktuellen
Globalisierung weiterhin Formen nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch
sozialer und kultureller Zusammenarbeit umsetzt.
Es gibt eine Forderung, auf die
der Kontinent positiv antworten muß, damit sein Gesicht tatsächlich neu ist:
»Europa kann sich nicht auf sich selbst zurückziehen. Es kann und darf nicht
völliges Desinteresse für den Rest der Welt zeigen, es muß sich im Gegenteil
der Tatsache voll bewußt sein, daß sich andere Länder oder andere Kontinente
von ihm mutige Initiativen erwarten, um den ärmsten Völkern die Mittel für ihre
Entwicklung und ihre soziale Organisation anzubieten und eine gerechtere und
brüderlichere Welt aufzubauen« .173 Die angemessene
Ausführung dieses Auftrags verlangt »ein Überdenken der internationalen Zusammenarbeit
im Sinne einer neuen Kultur der Solidarität. Als Same des Friedens
verstanden, darf sich die Zusammenarbeit nicht auf Hilfe und Beistand
beschränken und dabei gar noch auf Vorteile abzielen, die auf die zur Verfügung
gestellten Finanzmittel zurückfließen. Statt dessen muß sie ein konkretes und
greifbares Bemühen um Solidarität zum Ausdruck bringen, das die Armen zu
Vorkämpfern ihrer eigenen Entwicklung macht und es möglichst vielen Personen
erlaubt, in den konkreten wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen, in
denen sie leben, die Kreativität zu entfalten, die ein typisches Merkmal der
menschlichen Person ist und von der auch der Reichtum der Nationen abhängt«
.174
112. Überdies
muß Europa bei der Förderung und Verwirklichung einer Globalisierung ,,in
der'' Solidarität eine aktive Rolle spielen. Mit dieser muß, als ihre
Voraussetzung, eine Art Globalisierung ,,der'' Solidarität und der mit
ihr zusammenhängenden Werte der Unparteilichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit
einhergehen, in der festen Überzeugung, daß der Markt verlangt, »daß er von den
sozialen Kräften und vom Staat in angemessener Weise kontrolliert werde, um die
Befriedigung der Grundbedürfnisse der gesamten Gesellschaft zu gewährleisten«
.175
Das Europa, das uns von der
Geschichte übergeben wurde, hat – vor allem im letzten Jahrhundert – erlebt,
daß sich totalitäre Ideologien und übersteigerte Nationalismen durchsetzten,
die, während sie die Hoffnung der Menschen und Völker des Kontinents verdunkelten,
Konflikte im Innern der Nationen und zwischen den Nationen selbst schürten, bis
hin zu der ungeheuren Tragödie zweier Weltkriege.176 Auch
die ethnischen Kämpfe der jüngsten Zeit, die den europäischen Kontinent aufs
neue mit Blut befleckten, haben allen deutlich gemacht, wie zerbrechlich der
Friede ist, wie sehr er des tätigen Einsatzes aller bedarf und daß er nur durch
das Erschließen neuer Perspektiven des Austausches, der Vergebung und der
Versöhnung zwischen den Personen, den Völkern und den Nationen gewährleistet
werden kann.
Angesichts dieses Standes der
Dinge muß sich Europa mit allen seinen Bewohnern unermüdlich dafür einsetzen,
innerhalb seiner Grenzen und in der ganzen Welt Frieden herzustellen. In
diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, »daß einerseits die nationalen
Unterschiede als Fundament der europäischen Solidarität beibehalten und
gepflegt werden müssen und andererseits die nationale Identität selbst nur
durch die Öffnung zu anderen Völkern und durch die Solidarität mit ihnen
verwirklicht werden kann« .177
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