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II. Der Aufbau Europas
Die Rolle der europäischen
Institutionen
113. Auf dem
Weg, das neue Gesicht Europas zu zeichnen, ist in vielerlei Hinsicht die Rolle
der internationalen Institutionen, die an die europäische Region gebunden
und hauptsächlich in ihr tätig sind, von maßgebender Bedeutung. Sie haben dazu
beigetragen, den geschichtlichen Lauf der Ereignisse zu prägen, ohne sich in
militärische Operationen verwickeln zu lassen. Diesbezüglich möchte ich vor
allem die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)
erwähnen, die – auch durch den Schutz und die Förderung der Menschenrechte und
der Grundfreiheiten – für die Erhaltung des Friedens und der Stabilität sowie
auch für eine Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft und Umweltschutz
arbeitet.
Sodann existiert der Europarat,
dem die Staaten angehören, die die Europäische Menschenrechtskonvention von
1950 und die Europäische Sozialcharta von 1961 unterzeichnet haben. Ihm
angeschlossen ist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Angestrebtes
Ziel dieser beiden Institutionen ist es, durch die politische, soziale,
rechtliche und kulturelle Zusammenarbeit sowie auch durch die Förderung der
Menschenrechte und der Demokratie ein Europa der Freiheit und der Solidarität
zu verwirklichen. Schließlich stellt die Europäische Union mit ihrem Parlament,
dem Ministerrat und der Kommission ein Integrationsmodell auf, das durch die
Aussicht, eines Tages ein gemeinsames Grundgesetz zu verabschieden, an
Vollkommenheit gewinnt. Diese Institution hat die Verwirklichung einer größeren
politischen, wirtschaftlichen und Währungseinheit zum Ziel, sowohl unter den
derzeitigen Mitgliedsstaaten als auch mit jenen, die in Kürze beitreten sollen.
In ihrer Verschiedenheit und unter der Voraussetzung ihrer jeweils spezifischen
Identität fördern die genannten Institutionen die Einheit des Kontinents und
stehen, in noch tieferem Sinne, im Dienst des Menschen.178
114. Zusammen
mit den Synodenvätern 179 bitte ich diese europäischen
Institutionen und die einzelnen Staaten Europas anzuerkennen, daß eine gute
Gesellschaftsordnung in authentischen sittlichen und bürgerlichen Werten verwurzelt
sein muß, die soweit wie möglich von den Bürgern geteilt werden. Dabei ist
zu beachten, daß diese Werte an erster Stelle Bestand der verschiedenen
gesellschaftlichen Körperschaften sind. Wichtig ist, daß die Institutionen und
die einzelnen Staaten anerkennen, daß zu diesen gesellschaftlichen
Körperschaften auch die Kirchen und die kirchlichen Gemeinschaften sowie die
anderen religiösen Organisationen gehören. Wenn diese bereits vor der Gründung
der europäischen Nationen bestehen, lassen sie sich mit um so größerem Recht
nicht auf reine Privateinrichtungen reduzieren; sie wirken vielmehr mit einer
besonderen institutionellen Substanz, die ernstgenommen zu werden verdient. Bei
der Erfüllung ihrer Aufgaben müssen die verschiedenen staatlichen und europäischen
Institutionen in dem Bewußtsein handeln, daß ihre Rechtsordnungen die
Demokratie dann voll respektieren werden, wenn sie Formen eines »gesunden
Zusammenwirkens« 180 mit den Kirchen und den
religiösen Organisationen vorsehen.
Im Lichte dessen, was ich eben
unterstrichen habe, möchte ich mich noch einmal an die Begründer der künftigen
europäischen Verfassung wenden, auf daß darin ein Bezug auf das religiöse und
insbesondere auf das christliche Erbe Europas deutlich werde. In völliger
Respektierung der Unabhängigkeit der staatlichen Institutionen von der Kirche
wünsche ich mir vor allem, daß drei ergänzende Elemente Anerkennung finden: das
Recht der Kirchen und der religiösen Gemeinschaften, sich frei und entsprechend
ihrer eigenen Statuten und Überzeugungen zu organisieren; die Berücksichtigung
der spezifischen Identität der Glaubensgemeinschaften und Maßnahmen zur
Einrichtung eines strukturierten Dialogs zwischen der Europäischen Union und
eben diesen Glaubensgemeinschaften; die Achtung des rechtlichen Status, den die
Kirchen und religiösen Institutionen schon jetzt in den Mitgliedsstaaten
genießen.181
115. Erklärtes
Ziel der europäischen Institutionen ist der Schutz der Rechte der menschlichen
Person. In dieser Aufgabe tragen sie zum Aufbau eines Europas der Werte und des
Rechtes bei. Die Synodenväter haben sich mit folgenden Worten an die
europäischen Verantwortlichen gewandt: »Erhebt eure Stimme, wenn die
Menschenrechte Einzelner, von Minderheiten und von Völkern verletzt werden,
nicht zuletzt auch das Recht auf Religionsfreiheit; schenkt allen Fragen, die
das menschliche Leben betreffen, von der Empfängnis bis zum natürlichen
Tod, und der Familie, die in der Ehe begründet liegt, größte
Aufmerksamkeit: Das sind die Fundamente, auf denen das gemeinsame europäische
Haus ruht; [...] befaßt euch nach Maßgabe von Gerechtigkeit und
Unparteilichkeit und im Geiste einer großen Solidarität mit dem wachsenden
Phänomen der Migration, damit sie eine neue Quelle für die europäische
Zukunft werde; unternehmt jede nötige Anstrengung, damit den jungen Menschen
durch die Arbeit, die Kultur und durch die Erziehung zu
den moralischen und geistlichen Werten eine wirklich menschenwürdige Zukunft
gesichert wird« .182
Die Kirche für das neue
Europa
116. Europa
braucht eine religiöse Dimension. Um ,,neu'' zu sein, muß es sich analog
zu dem, was für die ,,neue Stadt'' in der Geheimen Offenbarung gesagt wird
(vgl. 21, 2), vom Handeln Gottes erreichen lassen. Die Hoffnung, eine
gerechtere und menschenwürdigere Welt zu bauen, kann nämlich nicht von der
Erkenntnis absehen, daß die menschlichen Anstrengungen vergebens wären, wenn
sie nicht von der göttlichen Hilfe begleitet würden, denn »wenn nicht der Herr
das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut« (Ps 127, 1).
Damit Europa auf soliden Grundlagen erbaut werden kann, ist es notwendig, sich
auf die echten Werte zu stützen, die ihr Fundament in dem allgemeinen
Sittengesetz haben, das in das Herz jedes Menschen eingeschrieben ist. »Die
Christen können sich nicht nur mit allen Menschen guten Willens
zusammenschließen, um für die Errichtung dieses großen Bauwerkes zu arbeiten,
sondern sie sind eingeladen, gewissermaßen dessen Seele zu sein, indem sie auf
die wahre Bedeutung der Organisation der irdischen Stadt hinweisen« .183
Die katholische Kirche kann als
die eine und allgemeine – wenngleich in der Vielfalt ihrer Teilkirchen
gegenwärtige – Kirche einen einzigartigen Beitrag zum Aufbau eines der Welt
gegenüber offenen Europa leisten. Von der Katholischen Kirche stammt nämlich
ein Modell wesenhafter Einheit in der Verschiedenheit der kulturellen
Ausdrucksformen, das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer weltweiten
Gemeinschaft, die in den Ortsgemeinden wurzelt, ohne sich jedoch in ihnen zu
erschöpfen, also der Sinn für das Einende, das über das Unterscheidende
hinausgeht.184
117. In den
Beziehungen zu den Staaten fordert die Kirche keine Rückkehr zu Formen eines
Bekenntnisstaates. Gleichzeitig bedauert sie jede Art von ideologischem
Laizismus oder feindseliger Trennung zwischen den staatlichen Institutionen und
den Glaubensgemeinschaften.
In der Logik der gesunden
Zusammenarbeit zwischen kirchlicher Gemeinschaft und politischer Gesellschaft
ist die Katholische Kirche ihrerseits davon überzeugt, ein einzigartiges Element zur
Perspektive der Einigung beisteuern zu können, wenn sie in Kontinuität mit
ihrer Tradition und in Übereinstimmung mit den Weisungen ihrer Soziallehre den
europäischen Institutionen den Beitrag gläubiger Gemeinden anbietet, die
versuchen, die Verpflichtung zur Humanisierung der Gesellschaft von dem im
Zeichen der Hoffnung gelebten Evangelium her zu realisieren. Aus dieser Sicht
ist eine Präsenz entsprechend ausgebildeter und kompetenter Christen
in den verschiedenen europäischen Instanzen und Institutionen notwendig, um
unter Respektierung der korrekten demokratischen Dynamismen und durch den
Vergleich der Vorschläge ein europäisches Zusammenleben zu umreißen, das jeden
Mann und jede Frau immer mehr respektiert und somit dem Gemeinwohl entspricht.
118. Europa,
das dabei ist, sich als ,,Union'' aufzubauen, drängt auch die Christen zur
Einheit, damit sie wahre Zeugen der Hoffnung seien. In diesem Rahmen muß
jener Austausch der Gaben, der im letzten Jahrzehnt bedeutende
Ausdrucksformen gefunden hat, fortgesetzt und weiter entwickelt werden. Der
zwischen Gemeinden mit verschiedener Geschichte und verschiedenen Traditionen
verwirklichte Austausch führt zur Knüpfung dauerhafterer Bande zwischen den
Kirchen in den verschiedenen Ländern und zu ihrer gegenseitigen Bereicherung
durch Begegnungen, vergleichende Gegenüberstellungen und wechselseitige Hilfe.
Im besonderen muß der Beitrag geschätzt werden, den die katholischen Ostkirchen
aus ihrer kulturellen und spirituellen Tradition heraus anzubieten
haben.185
Eine wichtige Rolle für das
Wachstum dieser Einheit können auch kontinentale kirchliche Verbände und
Zusammenschlüsse spielen, die auf stärkere Förderung warten.186
Unter ihnen gebührt ein bedeutender Platz dem Rat der Europäischen
Bischofskonferenzen, der auf der Ebene des ganzen Kontinentes die Aufgabe
hat, »eine immer intensivere Gemeinschaft zwischen den Diözesen und den
nationalen Bischofskonferenzen aufzubauen, ferner die ökumenische
Zusammenarbeit unter den Christen und die Überwindung der Hindernisse zu
fördern, die die Zukunft des Friedens und des Fortschritts der Völker bedrohen,
schließlich die affektive und effektive Kollegialität und die hierarchische
,,communio'' zu verstärken« .187 Mit ihm muß auch der
Dienst der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft
anerkennend genannt werden, die den Konsolidierungs- und Erweiterungsprozeß der
Europäischen Union verfolgt, den Informationsaustausch fördert und die
pastoralen Initiativen der beteiligten europäischen Kirchen koordiniert.
119. Die
Stärkung der Union im Schoße des europäischen Kontinents spornt die Christen
dazu an, beim Integrations- und Versöhnungsprozeß durch einen theologischen,
spirituellen, ethischen und sozialen Dialog mitzuwirken.188
In der Tat, »können wir es etwa zulassen, daß in dem Europa, das sich auf dem
Weg zur politischen Einheit befindet, gerade die Kirche Christi ein Faktor der
Entzweiung und Uneinigkeit ist? Wäre das nicht einer der größten Skandale
unserer Zeit?« .189
Vom Evangelium neuer
Schwung für Europa
120. Europa
benötigt bei der Bewußtwerdung seines geistigen Erbes einen qualitativen
Sprung. Dieser Impuls kann ihm nur von einem erneuerten Hören auf das
Evangelium Christi zukommen. Es ist Sache aller Christen, sich für die
Befriedigung dieses Hungers und Durstes nach Leben zu engagieren.
Darum »fühlt sich die Kirche
verpflichtet, die ihr von Gott anvertraute Botschaft der Hoffnung mit Nachdruck
zu erneuern« , und richtet an Europa abermals die Worte: »,,Der Herr, dein
Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt!'' (Zef 3,
17). Ihr Aufruf zur Hoffnung basiert nicht auf einer utopischen Ideologie; im
Gegenteil, er ist die von Christus verkündete unvergängliche Heilsbotschaft
(vgl. Mk 1, 15). Mit der Vollmacht, die sie von ihrem Herrn erhält,
wiederholt die Kirche vor dem Europa von heute: Europa des dritten
Jahrtausends, ,,laß die Hände nicht sinken!'' (Zef 3, 16);
verliere nicht den Mut, passe dich nicht Denk- und Lebensweisen an, die keine
Zukunft haben, da sie sich nicht auf die unerschütterliche Gewißheit des Wortes
Gottes stützen!« .190
Indem ich diesen Aufruf zur
Hoffnung aufgreife, wiederhole ich noch einmal an dich, Europa, das du
am Beginn des dritten Jahrtausends stehst: »Kehre du selbst um! Sei du
selbst! Entdecke wieder deine Ursprünge. Belebe deine Wurzeln!« .191
Du hast im Laufe der Jahrhunderte den Schatz des christlichen Glaubens
empfangen. Dieser begründet dein soziales Leben auf den Prinzipien des
Evangeliums, und seine Spuren sind in den Künsten, in der Literatur, im Denken
und in der Kultur deiner Nationen wahrnehmbar. Doch dieses Erbe gehört nicht
nur der Vergangenheit an; es ist ein Zukunftsplan zum Weitergeben an die
künftigen Generationen, weil es der Ursprung des Lebens der Menschen und Völker
ist, die miteinander den europäischen Kontinent geschmiedet haben.
121. Fürchte
dich nicht! Das Evangelium ist nicht gegen dich, sondern es ist auf deiner
Seite. Dies bestätigt die Feststellung, daß die christliche Offenbarung den
politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenschluß in eine Form des
Zusammenlebens verwandeln kann, in der sich alle Europäer zu Hause fühlen und
eine Familie von Nationen bilden, von der sich andere Regionen der Welt
fruchtbar inspirieren lassen können.
Hab Vertrauen! Im Evangelium,
das Jesus ist, wirst du die feste und dauerhafte Hoffnung finden, nach der du
dich sehnst. Es ist eine
Hoffnung, die auf den Sieg Christi über die Sünde und den Tod gegründet ist. Er
hat gewollt, daß dieser Sieg dir gehört, zu deinem Heil und deiner Freude.
Sei gewiß: Das Evangelium der
Hoffnung bereitet keine Enttäuschung! In den Wechselfällen deiner Geschichte von gestern
und heute ist es das Licht, das leuchtet und dir den Weg weist; es ist die
Kraft, die dich in Prüfungen aufrechterhält; es ist die Prophezeiung einer
neuen Welt; es ist der Hinweis auf einen Neuanfang; es ist die Einladung an
alle – Glaubende und Nichtglaubende –, neue Wege einzuschlagen, die in das
»Europa des Geistes« einmünden, um aus ihm ein wirkliches »gemeinsames Haus« zu
machen, in dem Lebensfreude herrscht.
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