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Johannes Paul II.
Ecclesia in Europa

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  • III. KAPITEL DAS EVANGELIUM DER HOFFNUNG VERKÜNDIGEN »Nimm das [...] aufgeschlagene Buch [...] und iß es« (Offb 10, 8.9)
    • II. Zeugnis geben in der Einheit und im Dialog
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II. Zeugnis geben in der Einheit
und im Dialog

Die Gemeinschaft zwischen den Teilkirchen

53. Die Kraft der Verkündigung des Evangeliums der Hoffnung wird am wirksamsten sein, wenn sie mit dem Zeugnis einer tiefen Einheit und Gemeinschaft in der Kirche verbunden ist. Die einzelnen Teilkirchen können sich nicht jede für sich allein mit den Herausforderungen, die sie erwarten, auseinandersetzen. Es bedarf einer echten Zusammenarbeit zwischen allen Teilkirchen des Kontinents, die Ausdruck ihrer wesentlichen Gemeinschaft sein soll – einer Zusammenarbeit, die auch von der neuen europäischen Wirklichkeit gefordert wird.95 In diesen Rahmen gehört der Beitrag der kirchlichen Organe auf dem Kontinent, angefangen beim Rat der Europäischen Bischofskonferenzen, der ein wirksames Werkzeug bei der gemeinsamen Suche nach geeigneten Wegen zur Evangelisierung Europas ist.96 Durch den »Austausch der Gaben« zwischen den verschiedenen Teilkirchen werden die Erfahrungen und Überlegungen West- und Osteuropas, Nord- und Südeuropas allgemein verfügbar gemacht und in gemeinsamen pastoralen Richtlinien genutzt. Somit stellt dieser Austausch immer mehr einen bedeutenden Ausdruck des Kollegialitätsgefühls zwischen den Bischöfen des Kontinents dar, um miteinander mutig und treu den Namen Jesu Christi als einzige Quelle der Hoffnung für alle Menschen in Europa zu verkünden.

 

Zusammen mit allen Christen

54. Zugleich erscheint die Verpflichtung zu einer brüderlichen und überzeugten ökumenischen Zusammenarbeit als ein unverzichtbares Gebot. Das Schicksal der Evangelisierung ist eng mit dem Zeugnis der Einheit verbunden, das alle Jünger Christi geben sollen: »Alle Christen sind aufgerufen, sich entsprechend ihrer Berufung dieser Aufgabe zu stellen. Der Auftrag der Evangelisierung schließt das Zueinandergehen und das Miteinandergehen der Christen von innen her mit ein; Evangelisierung und Einheit, Evangelisierung und Ökumene sind unlösbar aufeinander bezogen« .97 Ich mache mir deshalb neuerlich die Worte zu eigen, die Paul VI. an den Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. geschrieben hat: »Möge uns der Heilige Geist auf dem Weg der Versöhnung leiten, damit die Einheit unserer Kirchen zu einem immer leuchtenderen Zeichen der Hoffnung und des Trostes für die ganze Menschheit werde« .98

 

Im Dialog mit den anderen Religionen

55. Wie für die gesamte Aufgabe der »Neuevangelisierung« , so ist es auch im Hinblick auf die Verkündigung des Evangeliums der Hoffnung notwendig, einen vertieften und intelligenten interreligiösen Dialog, insbesondere mit dem Judentum und mit dem Islam, zu eröffnen. »Wenn er als Methode und Mittel zur wechselseitigen Kenntnis und Bereicherung verstanden wird, steht er nicht in Gegensatz zur Mission ad gentes, sondern hat vielmehr eine besondere Bindung zu ihr und ist sogar Ausdruck davon« .99 Beim Sich- Einüben in diesen Dialog geht es nicht darum, sich von einer »Denkweise der Gleichgültigkeit« einfangen zu lassen, »die leider auch unter Christen weit verbreitet ist und die ihre Wurzeln oft in theologisch nicht richtigen Vorstellungen hat und von einem religiösen Relativismus geprägt ist, der zur Annahme führt, daß ,,eine Religion gleich viel gilt wie die andere'' ».100

56. Es geht vielmehr darum, sich der Beziehung, die die Kirche mit dem jüdischen Volk verbindet, und der einzigartigen Rolle Israels in der Heilsgeschichte klarer bewußt zu werden. Wie bereits bei der Ersten Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa deutlich geworden war und auch bei der letzten Synode bekräftigt wurde, gilt es, die gemeinsamen Wurzeln anzuerkennen, die zwischen dem Christentum und dem jüdischen Volk bestehen, das von Gott zu einem Bund berufen wurde, der nicht widerrufen werden kann (vgl. Röm 11, 29),101 nachdem er in Christus die endgültige Erfüllung erlangt hat.

Der Dialog mit dem Judentum muß deshalb im Wissen um seine fundamentale Bedeutung für das christliche Selbstbewußtsein und für die Überwindung der Spaltungen zwischen den Kirchen gefördert und so vorangetrieben werden, daß ein neuer Frühling in den wechselseitigen Beziehungen erblüht. Das schließt ein, daß sich jede kirchliche Gemeinschaft, soweit es die Umstände erlauben, in den Dialog und die Zusammenarbeit mit den Gläubigen der jüdischen Religion einüben muß. Dieses Sich-Einüben in den Dialog führt unter anderem dazu, daß »man sich daran erinnert, welchen Anteil die Söhne der Kirche an der Entstehung und Verbreitung einer antisemitischen Haltung in der Geschichte haben mochten, und dafür Gott um Vergebung bittet und auf jede Weise Begegnungen der Versöhnung und Freundschaft mit den Söhnen und Töchtern Israels fördert« .102 Allerdings erscheint es in diesem Zusammenhang geboten, auch der nicht wenigen Christen zu gedenken, die vor allem in Zeiten der Verfolgung diesen ihren »älteren Brüdern » – oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens – geholfen und sie gerettet haben.

57. Ebenso geht es darum, sich zu einer besseren Kenntnis der anderen Religionen anregen zu lassen, um ein brüderliches Gespräch mit den Menschen aufnehmen zu können, die diesen Religionen angehören und im heutigen Europa leben. Besonders wichtig ist eine korrekte Beziehung zum Islam. Dieser Dialog muß, wie es in den letzten Jahren im Bewußtsein der europäischen Bischöfe wiederholt zutage trat, »auf kluge Weise geführt werden, mit klaren Vorstellungen im Blick auf seine Möglichkeiten und Grenzen sowie mit Vertrauen in den Heilsratschluß Gottes für alle seine Kinder« .103 Unter anderem muß man sich des beträchtlichen Unterschiedes zwischen der europäischen Kultur, mit ihren tiefen christlichen Wurzeln, und dem muslimischen Denken bewußt sein.104

In diesem Zusammenhang ist es notwendig, die Christen, die in täglichem Kontakt mit den Muslimen leben, entsprechend darauf vorzubereiten, den Islam auf objektive Weise kennenzulernen und sich mit ihm auseinandersetzen zu können. Eine solche Vorbereitung soll im besonderen die Seminaristen, die Priester und alle pastoralen Mitarbeiter betreffen. Im übrigen ist es verständlich, daß die Kirche, während sie von den europäischen Institutionen die Förderung der Religionsfreiheit in Europa verlangt, auch darauf dringen kann, daß die Gegenseitigkeit bei der Zusicherung der Religionsfreiheit ebenso in Ländern anderer religiöser Tradition, wo die Christen in der Minderheit sind, eingehalten werde.105

In diesem Zusammenhang »versteht man das Befremden und das Gefühl der Frustration bei Christen, die zum Beispiel in Europa Gläubige anderer Religionen aufnehmen und ihnen die Möglichkeit zur Ausübung ihres Kultes geben und denen ihrerseits jede Ausübung ihrer christlichen Religion in den Ländern untersagt wird, in denen diese Gläubigen die Mehrheit besitzen und ihren Glauben zur Staatsreligion erklärt haben« .106 Die menschliche Person hat das Recht auf religiöse Freiheit, und alle Menschen, in jedem Teil der Welt, »müssen frei sein von jedem Zwang sowohl von seiten Einzelner, wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt« .107

 




95 Vgl. Propositio 22.



96 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) (16. April 1993), 1: AAS 86 (1994), 227.



97 Johannes Paul II., Ansprache beim ökumenischen Wortgottesdienst im Dom von Paderborn (22. Juni 1996), 5: Insegnamenti XIX/1 (1996), 1571.



98 Paul VI., Brief vom 13. Januar 1970: Tomos agapis, Rom-Istanbul 1971, S. 610-611; vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint (25. Mai 1995), 99: AAS 87 (1995), 980.



99 Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio (7. Dezember 1990), 55: AAS 83 (1991), 302.



100 Ebd., 36, a.a.O., 281.



101 Vgl. Erste Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Schlußerklärung (13. Dezember 1991), 8: Enchiridion Vaticanum, 13, Nr. 653-655; Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Instrumentum laboris, 62: L'Osservatore Romano, 6. August 1999 - Suppl., S. 13; Propositio 10.



102 Propositio 10; vgl. Kommission für die Religiösen Beziehungen zu den Juden, »Wir erinnern: eine Reflexion über die Schoah« , 16. März 1998, Ench. Vat. 17, 520-550.



103 Erste Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Schlußerklärung (13. Dezember 1991), 9: Enchiridion Vaticanum, 13, Nr. 656.



104 Vgl. Propositio 11.



105 Vgl. Ebd.



106 Johannes Paul II., Ansprache an das beim Hl. Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps (12. Januar 1985), 3: AAS 77 (1985), 650.



107 II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae, 2.






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