Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek
Johannes Paul II.
Ecclesia in Europa

IntraText CT - Text

  • VI. KAPITEL DAS EVANGELIUM DER HOFFNUNG FÜR EIN NEUES EUROPA »Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen« (Offb 21, 2)
    • I. Die geistliche Berufung Europas
zurück - vor

Hier klicken um die Links zu den Konkordanzen anzuzeigen

I. Die geistliche Berufung Europas

Europa, Vorreiter zur Förderung der universalen Werte

108. Die Geschichte des europäischen Kontinents ist vom belebenden Einfluß des Evangeliums geprägt. »Wenn wir den Blick auf die vergangenen Jahrhunderte richten, können wir nicht umhin, dem Herrn dafür zu danken, daß das Christentum auf unserem Kontinent ein erstrangiger Faktor der Einheit unter den Völkern und den Kulturen und der integralen Förderung des Menschen und seiner Rechte gewesen ist« .168

Gewiß steht außer Zweifel, daß der christliche Glaube tiefgreifend und maßgebend zu den Fundamenten der europäischen Kultur gehört. Das Christentum hat in der Tat Europa dadurch Gestalt gegeben, daß es ihm einige grundlegende Werte einprägte. Selbst die europäische Moderne, die der Welt das demokratische Ideal und die Menschenrechte gegeben hat, schöpft die eigenen Werte aus seinem christlichen Erbe. Eher denn als ein geographischer Raum läßt sich Europa als »ein vorwiegend kultureller und historischer Begriff« bestimmen, »der eine Realität kennzeichnet, die als Kontinent auch dank der einigenden Kraft des Christentums entstanden ist, das es verstanden hat, unterschiedliche Völker und Kulturen in gegenseitiger Ergänzung zusammenzuführen, und das eng mit der gesamten europäischen Kultur verbunden ist« .169

Das heutige Europa scheint allerdings gerade zu dem Zeitpunkt, an dem es seine wirtschaftliche und politische Union festigt und erweitert, unter einer tiefen Wertekrise zu leiden. Obwohl es über erhöhte Mittel verfügt, macht es den Eindruck, als fehle es ihm an Schwung, um ein gemeinsames Projekt zu nähren und seinen Bürgern wieder Anlaß zur Hoffnung zu geben.

 

Das neue Gesicht Europas

109. Im Prozeß seiner derzeitigen Neugestaltung ist Europa vor allem aufgerufen, seine wahre Identität wiederzuerlangen. Es muß nämlich, auch wenn es inzwischen eine sehr vielgestaltige Wirklichkeit darstellt, ein neues Modell der Einheit in der Vielfalt aufbauen, eine für die anderen Kontinente offene und in den aktuellen Globalisierungsprozeß einbezogene Gemeinschaft versöhnter Nationen.

Um der eigenen Geschichte neuen Schwung zu verleihen, muß es »mit schöpferischer Treue jene grundlegenden Werte anerkennen und zurückgewinnen, zu deren Aneignung das Christentum einen entscheidenden Beitrag geleistet hat und die sich in der Bejahung der transzendenten Würde der menschlichen Person, des Wertes der Vernunft, der Freiheit, der Demokratie, des Rechtsstaates und der Unterscheidung zwischen Politik und Religion zusammenfassen lassen« .170

110. Die Europäische Union setzt ihre Erweiterung fort. Daran über kurz oder lang teilzunehmen, sind alle Völker berufen, die dasselbe grundlegende Erbe teilen. Es bleibt zu hoffen, daß diese Ausweitung in einer allen gegenüber respektvollen Weise erfolgt: nicht nur durch eine ausgereiftere Durchführung des Subsidiaritäts- und des Solidaritätsprinzips, sondern auch durch die Erschließung und Aufwertung der historischen und kulturellen Eigenarten, der nationalen Identitäten und des Reichtums der Beiträge, die von den neuen Mitgliedern kommen können.171 Im Integrationsprozeß des Kontinents ist es von grundlegender Bedeutung zu berücksichtigen, daß die Union keinen festen Bestand haben wird, wenn sie nur auf geographische und ökonomische Dimensionen beschränkt bliebe; vielmehr muß sie vor allem in einer Übereinstimmung der Werte bestehen, die im Recht und im Leben ihren Ausdruck finden.

 

Solidarität und Frieden in der Welt fördern

111. Wenn man ,,Europa'' sagt, soll das ,,Öffnung'' heißen. Trotz gegenteiliger Erfahrungen und Anzeichen, an denen es wahrlich nicht gefehlt hat, ist es die Geschichte Europas selbst, die dies einfordert: »Europa ist in Wirklichkeit kein geschlossenes oder isoliertes Territorium; es hat sich dadurch aufgebaut, daß es über die Meere hinweg auf andere Völker, andere Kulturen, andere Zivilisationen zugegangen ist« .172 Daher muß es ein offener und gastfreundlicher Kontinent sein, der in der aktuellen Globalisierung weiterhin Formen nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch sozialer und kultureller Zusammenarbeit umsetzt.

Es gibt eine Forderung, auf die der Kontinent positiv antworten muß, damit sein Gesicht tatsächlich neu ist: »Europa kann sich nicht auf sich selbst zurückziehen. Es kann und darf nicht völliges Desinteresse für den Rest der Welt zeigen, es muß sich im Gegenteil der Tatsache voll bewußt sein, daß sich andere Länder oder andere Kontinente von ihm mutige Initiativen erwarten, um den ärmsten Völkern die Mittel für ihre Entwicklung und ihre soziale Organisation anzubieten und eine gerechtere und brüderlichere Welt aufzubauen« .173 Die angemessene Ausführung dieses Auftrags verlangt »ein Überdenken der internationalen Zusammenarbeit im Sinne einer neuen Kultur der Solidarität. Als Same des Friedens verstanden, darf sich die Zusammenarbeit nicht auf Hilfe und Beistand beschränken und dabei gar noch auf Vorteile abzielen, die auf die zur Verfügung gestellten Finanzmittel zurückfließen. Statt dessen muß sie ein konkretes und greifbares Bemühen um Solidarität zum Ausdruck bringen, das die Armen zu Vorkämpfern ihrer eigenen Entwicklung macht und es möglichst vielen Personen erlaubt, in den konkreten wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen, in denen sie leben, die Kreativität zu entfalten, die ein typisches Merkmal der menschlichen Person ist und von der auch der Reichtum der Nationen abhängt« .174

112. Überdies muß Europa bei der Förderung und Verwirklichung einer Globalisierung ,,in der'' Solidarität eine aktive Rolle spielen. Mit dieser muß, als ihre Voraussetzung, eine Art Globalisierung ,,der'' Solidarität und der mit ihr zusammenhängenden Werte der Unparteilichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit einhergehen, in der festen Überzeugung, daß der Markt verlangt, »daß er von den sozialen Kräften und vom Staat in angemessener Weise kontrolliert werde, um die Befriedigung der Grundbedürfnisse der gesamten Gesellschaft zu gewährleisten« .175

Das Europa, das uns von der Geschichte übergeben wurde, hat – vor allem im letzten Jahrhundert – erlebt, daß sich totalitäre Ideologien und übersteigerte Nationalismen durchsetzten, die, während sie die Hoffnung der Menschen und Völker des Kontinents verdunkelten, Konflikte im Innern der Nationen und zwischen den Nationen selbst schürten, bis hin zu der ungeheuren Tragödie zweier Weltkriege.176 Auch die ethnischen Kämpfe der jüngsten Zeit, die den europäischen Kontinent aufs neue mit Blut befleckten, haben allen deutlich gemacht, wie zerbrechlich der Friede ist, wie sehr er des tätigen Einsatzes aller bedarf und daß er nur durch das Erschließen neuer Perspektiven des Austausches, der Vergebung und der Versöhnung zwischen den Personen, den Völkern und den Nationen gewährleistet werden kann.

Angesichts dieses Standes der Dinge muß sich Europa mit allen seinen Bewohnern unermüdlich dafür einsetzen, innerhalb seiner Grenzen und in der ganzen Welt Frieden herzustellen. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, »daß einerseits die nationalen Unterschiede als Fundament der europäischen Solidarität beibehalten und gepflegt werden müssen und andererseits die nationale Identität selbst nur durch die Öffnung zu anderen Völkern und durch die Solidarität mit ihnen verwirklicht werden kann« .177

 




168 Johannes Paul II., Predigt bei der Eucharistiefeier zum Abschluß der Zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa (23. Oktober 1999), 5: AAS 92 (2000), 179.



169 Propositio 39.



170 Ebd.



171 Vgl. ebd.; Propositio 28.



172 Johannes Paul II., Brief an Kardinal Miloslav Vlk, Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (16. Oktober 2000), 7: Insegnamenti XXIII/2 (2000), 628.



173 Ebd.



174 Johannes Paul II., Botschaft zum Weltfriedenstag 2000 (8. Dezember 1999), 17: AAS 92 (2000), 367-368.



175 Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai 1991), 35: AAS 83 (1991), 837.



176 Vgl. Propositio 39.



177 Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Instrumentum laboris, Nr. 85: L'Osservatore Romano, 6. August 1999, Suppl., S. 17. Vgl. Propositio 39.






zurück - vor

Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek

Best viewed with any browser at 800x600 or 768x1024 on Tablet PC
IntraText® (V89) - Some rights reserved by EuloTech SRL - 1996-2007. Content in this page is licensed under a Creative Commons License