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Johannes Paul II.
Ecclesia in Europa

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  • VI. KAPITEL DAS EVANGELIUM DER HOFFNUNG FÜR EIN NEUES EUROPA »Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen« (Offb 21, 2)
    • II. Der Aufbau Europas
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II. Der Aufbau Europas

Die Rolle der europäischen Institutionen

113. Auf dem Weg, das neue Gesicht Europas zu zeichnen, ist in vielerlei Hinsicht die Rolle der internationalen Institutionen, die an die europäische Region gebunden und hauptsächlich in ihr tätig sind, von maßgebender Bedeutung. Sie haben dazu beigetragen, den geschichtlichen Lauf der Ereignisse zu prägen, ohne sich in militärische Operationen verwickeln zu lassen. Diesbezüglich möchte ich vor allem die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) erwähnen, die – auch durch den Schutz und die Förderung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten – für die Erhaltung des Friedens und der Stabilität sowie auch für eine Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft und Umweltschutz arbeitet.

Sodann existiert der Europarat, dem die Staaten angehören, die die Europäische Menschenrechtskonvention von 1950 und die Europäische Sozialcharta von 1961 unterzeichnet haben. Ihm angeschlossen ist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Angestrebtes Ziel dieser beiden Institutionen ist es, durch die politische, soziale, rechtliche und kulturelle Zusammenarbeit sowie auch durch die Förderung der Menschenrechte und der Demokratie ein Europa der Freiheit und der Solidarität zu verwirklichen. Schließlich stellt die Europäische Union mit ihrem Parlament, dem Ministerrat und der Kommission ein Integrationsmodell auf, das durch die Aussicht, eines Tages ein gemeinsames Grundgesetz zu verabschieden, an Vollkommenheit gewinnt. Diese Institution hat die Verwirklichung einer größeren politischen, wirtschaftlichen und Währungseinheit zum Ziel, sowohl unter den derzeitigen Mitgliedsstaaten als auch mit jenen, die in Kürze beitreten sollen. In ihrer Verschiedenheit und unter der Voraussetzung ihrer jeweils spezifischen Identität fördern die genannten Institutionen die Einheit des Kontinents und stehen, in noch tieferem Sinne, im Dienst des Menschen.178

114. Zusammen mit den Synodenvätern 179 bitte ich diese europäischen Institutionen und die einzelnen Staaten Europas anzuerkennen, daß eine gute Gesellschaftsordnung in authentischen sittlichen und bürgerlichen Werten verwurzelt sein muß, die soweit wie möglich von den Bürgern geteilt werden. Dabei ist zu beachten, daß diese Werte an erster Stelle Bestand der verschiedenen gesellschaftlichen Körperschaften sind. Wichtig ist, daß die Institutionen und die einzelnen Staaten anerkennen, daß zu diesen gesellschaftlichen Körperschaften auch die Kirchen und die kirchlichen Gemeinschaften sowie die anderen religiösen Organisationen gehören. Wenn diese bereits vor der Gründung der europäischen Nationen bestehen, lassen sie sich mit um so größerem Recht nicht auf reine Privateinrichtungen reduzieren; sie wirken vielmehr mit einer besonderen institutionellen Substanz, die ernstgenommen zu werden verdient. Bei der Erfüllung ihrer Aufgaben müssen die verschiedenen staatlichen und europäischen Institutionen in dem Bewußtsein handeln, daß ihre Rechtsordnungen die Demokratie dann voll respektieren werden, wenn sie Formen eines »gesunden Zusammenwirkens« 180 mit den Kirchen und den religiösen Organisationen vorsehen.

Im Lichte dessen, was ich eben unterstrichen habe, möchte ich mich noch einmal an die Begründer der künftigen europäischen Verfassung wenden, auf daß darin ein Bezug auf das religiöse und insbesondere auf das christliche Erbe Europas deutlich werde. In völliger Respektierung der Unabhängigkeit der staatlichen Institutionen von der Kirche wünsche ich mir vor allem, daß drei ergänzende Elemente Anerkennung finden: das Recht der Kirchen und der religiösen Gemeinschaften, sich frei und entsprechend ihrer eigenen Statuten und Überzeugungen zu organisieren; die Berücksichtigung der spezifischen Identität der Glaubensgemeinschaften und Maßnahmen zur Einrichtung eines strukturierten Dialogs zwischen der Europäischen Union und eben diesen Glaubensgemeinschaften; die Achtung des rechtlichen Status, den die Kirchen und religiösen Institutionen schon jetzt in den Mitgliedsstaaten genießen.181

115. Erklärtes Ziel der europäischen Institutionen ist der Schutz der Rechte der menschlichen Person. In dieser Aufgabe tragen sie zum Aufbau eines Europas der Werte und des Rechtes bei. Die Synodenväter haben sich mit folgenden Worten an die europäischen Verantwortlichen gewandt: »Erhebt eure Stimme, wenn die Menschenrechte Einzelner, von Minderheiten und von Völkern verletzt werden, nicht zuletzt auch das Recht auf Religionsfreiheit; schenkt allen Fragen, die das menschliche Leben betreffen, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, und der Familie, die in der Ehe begründet liegt, größte Aufmerksamkeit: Das sind die Fundamente, auf denen das gemeinsame europäische Haus ruht; [...] befaßt euch nach Maßgabe von Gerechtigkeit und Unparteilichkeit und im Geiste einer großen Solidarität mit dem wachsenden Phänomen der Migration, damit sie eine neue Quelle für die europäische Zukunft werde; unternehmt jede nötige Anstrengung, damit den jungen Menschen durch die Arbeit, die Kultur und durch die Erziehung zu den moralischen und geistlichen Werten eine wirklich menschenwürdige Zukunft gesichert wird« .182

 

Die Kirche für das neue Europa

116. Europa braucht eine religiöse Dimension. Um ,,neu'' zu sein, muß es sich analog zu dem, was für die ,,neue Stadt'' in der Geheimen Offenbarung gesagt wird (vgl. 21, 2), vom Handeln Gottes erreichen lassen. Die Hoffnung, eine gerechtere und menschenwürdigere Welt zu bauen, kann nämlich nicht von der Erkenntnis absehen, daß die menschlichen Anstrengungen vergebens wären, wenn sie nicht von der göttlichen Hilfe begleitet würden, denn »wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut« (Ps 127, 1). Damit Europa auf soliden Grundlagen erbaut werden kann, ist es notwendig, sich auf die echten Werte zu stützen, die ihr Fundament in dem allgemeinen Sittengesetz haben, das in das Herz jedes Menschen eingeschrieben ist. »Die Christen können sich nicht nur mit allen Menschen guten Willens zusammenschließen, um für die Errichtung dieses großen Bauwerkes zu arbeiten, sondern sie sind eingeladen, gewissermaßen dessen Seele zu sein, indem sie auf die wahre Bedeutung der Organisation der irdischen Stadt hinweisen« .183

Die katholische Kirche kann als die eine und allgemeine – wenngleich in der Vielfalt ihrer Teilkirchen gegenwärtige – Kirche einen einzigartigen Beitrag zum Aufbau eines der Welt gegenüber offenen Europa leisten. Von der Katholischen Kirche stammt nämlich ein Modell wesenhafter Einheit in der Verschiedenheit der kulturellen Ausdrucksformen, das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer weltweiten Gemeinschaft, die in den Ortsgemeinden wurzelt, ohne sich jedoch in ihnen zu erschöpfen, also der Sinn für das Einende, das über das Unterscheidende hinausgeht.184

117. In den Beziehungen zu den Staaten fordert die Kirche keine Rückkehr zu Formen eines Bekenntnisstaates. Gleichzeitig bedauert sie jede Art von ideologischem Laizismus oder feindseliger Trennung zwischen den staatlichen Institutionen und den Glaubensgemeinschaften.

In der Logik der gesunden Zusammenarbeit zwischen kirchlicher Gemeinschaft und politischer Gesellschaft ist die Katholische Kirche ihrerseits davon überzeugt, ein einzigartiges Element zur Perspektive der Einigung beisteuern zu können, wenn sie in Kontinuität mit ihrer Tradition und in Übereinstimmung mit den Weisungen ihrer Soziallehre den europäischen Institutionen den Beitrag gläubiger Gemeinden anbietet, die versuchen, die Verpflichtung zur Humanisierung der Gesellschaft von dem im Zeichen der Hoffnung gelebten Evangelium her zu realisieren. Aus dieser Sicht ist eine Präsenz entsprechend ausgebildeter und kompetenter Christen in den verschiedenen europäischen Instanzen und Institutionen notwendig, um unter Respektierung der korrekten demokratischen Dynamismen und durch den Vergleich der Vorschläge ein europäisches Zusammenleben zu umreißen, das jeden Mann und jede Frau immer mehr respektiert und somit dem Gemeinwohl entspricht.

118. Europa, das dabei ist, sich als ,,Union'' aufzubauen, drängt auch die Christen zur Einheit, damit sie wahre Zeugen der Hoffnung seien. In diesem Rahmen muß jener Austausch der Gaben, der im letzten Jahrzehnt bedeutende Ausdrucksformen gefunden hat, fortgesetzt und weiter entwickelt werden. Der zwischen Gemeinden mit verschiedener Geschichte und verschiedenen Traditionen verwirklichte Austausch führt zur Knüpfung dauerhafterer Bande zwischen den Kirchen in den verschiedenen Ländern und zu ihrer gegenseitigen Bereicherung durch Begegnungen, vergleichende Gegenüberstellungen und wechselseitige Hilfe. Im besonderen muß der Beitrag geschätzt werden, den die katholischen Ostkirchen aus ihrer kulturellen und spirituellen Tradition heraus anzubieten haben.185

Eine wichtige Rolle für das Wachstum dieser Einheit können auch kontinentale kirchliche Verbände und Zusammenschlüsse spielen, die auf stärkere Förderung warten.186 Unter ihnen gebührt ein bedeutender Platz dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen, der auf der Ebene des ganzen Kontinentes die Aufgabe hat, »eine immer intensivere Gemeinschaft zwischen den Diözesen und den nationalen Bischofskonferenzen aufzubauen, ferner die ökumenische Zusammenarbeit unter den Christen und die Überwindung der Hindernisse zu fördern, die die Zukunft des Friedens und des Fortschritts der Völker bedrohen, schließlich die affektive und effektive Kollegialität und die hierarchische ,,communio'' zu verstärken« .187 Mit ihm muß auch der Dienst der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft anerkennend genannt werden, die den Konsolidierungs- und Erweiterungsprozeß der Europäischen Union verfolgt, den Informationsaustausch fördert und die pastoralen Initiativen der beteiligten europäischen Kirchen koordiniert.

119. Die Stärkung der Union im Schoße des europäischen Kontinents spornt die Christen dazu an, beim Integrations- und Versöhnungsprozeß durch einen theologischen, spirituellen, ethischen und sozialen Dialog mitzuwirken.188 In der Tat, »können wir es etwa zulassen, daß in dem Europa, das sich auf dem Weg zur politischen Einheit befindet, gerade die Kirche Christi ein Faktor der Entzweiung und Uneinigkeit ist? Wäre das nicht einer der größten Skandale unserer Zeit?« .189

 

Vom Evangelium neuer Schwung für Europa

120. Europa benötigt bei der Bewußtwerdung seines geistigen Erbes einen qualitativen Sprung. Dieser Impuls kann ihm nur von einem erneuerten Hören auf das Evangelium Christi zukommen. Es ist Sache aller Christen, sich für die Befriedigung dieses Hungers und Durstes nach Leben zu engagieren.

Darum »fühlt sich die Kirche verpflichtet, die ihr von Gott anvertraute Botschaft der Hoffnung mit Nachdruck zu erneuern« , und richtet an Europa abermals die Worte: »,,Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt!'' (Zef 3, 17). Ihr Aufruf zur Hoffnung basiert nicht auf einer utopischen Ideologie; im Gegenteil, er ist die von Christus verkündete unvergängliche Heilsbotschaft (vgl. Mk 1, 15). Mit der Vollmacht, die sie von ihrem Herrn erhält, wiederholt die Kirche vor dem Europa von heute: Europa des dritten Jahrtausends, ,,laß die Hände nicht sinken!'' (Zef 3, 16); verliere nicht den Mut, passe dich nicht Denk- und Lebensweisen an, die keine Zukunft haben, da sie sich nicht auf die unerschütterliche Gewißheit des Wortes Gottes stützen!« .190

Indem ich diesen Aufruf zur Hoffnung aufgreife, wiederhole ich noch einmal an dich, Europa, das du am Beginn des dritten Jahrtausends stehst: »Kehre du selbst um! Sei du selbst! Entdecke wieder deine Ursprünge. Belebe deine Wurzeln!« .191 Du hast im Laufe der Jahrhunderte den Schatz des christlichen Glaubens empfangen. Dieser begründet dein soziales Leben auf den Prinzipien des Evangeliums, und seine Spuren sind in den Künsten, in der Literatur, im Denken und in der Kultur deiner Nationen wahrnehmbar. Doch dieses Erbe gehört nicht nur der Vergangenheit an; es ist ein Zukunftsplan zum Weitergeben an die künftigen Generationen, weil es der Ursprung des Lebens der Menschen und Völker ist, die miteinander den europäischen Kontinent geschmiedet haben.

121. Fürchte dich nicht! Das Evangelium ist nicht gegen dich, sondern es ist auf deiner Seite. Dies bestätigt die Feststellung, daß die christliche Offenbarung den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenschluß in eine Form des Zusammenlebens verwandeln kann, in der sich alle Europäer zu Hause fühlen und eine Familie von Nationen bilden, von der sich andere Regionen der Welt fruchtbar inspirieren lassen können.

Hab Vertrauen! Im Evangelium, das Jesus ist, wirst du die feste und dauerhafte Hoffnung finden, nach der du dich sehnst. Es ist eine Hoffnung, die auf den Sieg Christi über die Sünde und den Tod gegründet ist. Er hat gewollt, daß dieser Sieg dir gehört, zu deinem Heil und deiner Freude.

Sei gewiß: Das Evangelium der Hoffnung bereitet keine Enttäuschung! In den Wechselfällen deiner Geschichte von gestern und heute ist es das Licht, das leuchtet und dir den Weg weist; es ist die Kraft, die dich in Prüfungen aufrechterhält; es ist die Prophezeiung einer neuen Welt; es ist der Hinweis auf einen Neuanfang; es ist die Einladung an alle – Glaubende und Nichtglaubende –, neue Wege einzuschlagen, die in das »Europa des Geistes« einmünden, um aus ihm ein wirkliches »gemeinsames Haus« zu machen, in dem Lebensfreude herrscht.

 




178 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an das Präsidium des Europaparlamentes (5. April 1979): Insegnamenti, II/1 (1979), 796-799.



179 Vgl. Propositio 37.



180 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 76.



181 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim Neujahrsempfang des Diplomatischen Korps (13. Januar 2003), 5: L'Osservatore Romano, 13./14. Januar 2003, S. 6.



182 Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Schlußbotschaft, 6: L'Osservatore Romano, 23. Oktober 1999, S. 5.



183 Johannes Paul II., Brief an Kardinal Miloslav Vlk, Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (16. Oktober 2000), 4: Insegnamenti XXIII/2 (2000), 626.



184 Vgl. Erste Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa, Schlußerklärung (13. Oktober 1991), 10: Ench. Vat. 13, Nr. 669.



185 Vgl. Propositio 22.



186 Vgl. ebd.



187 Johannes Paul II., Ansprache an den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) (16. April 1993), 5: AAS 86 (1994), 229.



188 Vgl. Propositio 39d.



189 Johannes Paul II., Predigt beim ökumenischen Wortgottesdienst anläßlich der Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa (7. Dezember 1991), 6: Insegnamenti XIV/2 (1991), 1330.



190 Johannes Paul II., Predigt bei der Eucharistiefeier zur Eröffnung der Zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa (1. Oktober 1999), 3: AAS 92 (2000), 174-175.



191 Ansprache an die europäischen Autoritäten und an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Europas (9. November 1982), 4: AAS 75 (1983), 330.






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