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Kongregation fur Die Glaubenslehre
NOTIFIKATION bezüglich einiger Schriften von P. MARCIANO VIDAL, C.Ss.R.

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  • LEHRMÄßIGE NOTE
    • 1.Allgemeine Beurteilung
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LEHRMÄßIGE NOTE

1.Allgemeine Beurteilung

Das Handbuch Moral de actitudes besteht aus drei Bänden. Der erste Band behandelt die Fundamentalmoral.1 Der zweite Band besteht aus zwei Teilen, in denen die Moral der Person und die theologische Bioethik2 bzw. die Moral der Liebe und der Sexualität3 dargelegt werden. Der dritte Band beschäftigt sich mit der Sozialmoral. 4 Das Diccionario de ética teológica5 ist ein kürzeres, aber doch hinreichend detailliertes Werk über grundlegende Begriffe und Themen der christlichen Moral

Das Handbuch Moral de actitudes ist durch das pastorale Anliegen um einen Dialog mit »dem autonomen, säkularen und konkreten Menschen«6 gekennzeichnet. Dieses Ziel wird verfolgt durch eine wohlwollende und verständnisvolle Haltung, die den graduellen und voranschreitenden Charakter des Lebens und der moralischen Erziehung beachtet, sowie durch die Suche nach einer Vermittlung, die unter Berücksichtigung der Daten, die von den Humanwissenschaften und verschiedenen gegenwärtigen kulturellen Einstellungen geliefert werden, für extrem betrachtete Positionen abzuschwächen versucht. Oft erreicht dieses lobenswerte Anliegen aber nicht das angestrebte Ziel, weil die pastorale Sorge die Oberhand gewinnt gegenüber anderen Aspekten, die für eine vollständige Darlegung der kirchlichen Morallehre grundlegend und konstitutiv sind, insbesondere die Verwendung einer korrekten theologischen Methode, die angemessene Definition des objektiven moralischen Wertes der Handlungen, die Genauigkeit der Sprache und die Vollständigkeit der Argumente

Wie der Autor ausführt, ist das Handbuch aufgebaut auf der »Option für das Paradigma der ‘theonomen Autonomie’, die von der ‘Ethik der Befreiungneu interpretiert wird«.7 Er will eine persönliche Überarbeitung dieses Paradigmas vornehmen, es gelingt ihm aber nicht, einige der mit dem gewählten Modell verbundenen Irrtümer zu vermeiden, die im Wesentlichen den von der Enzyklika Veritatis splendor angeführten Auffassungen entsprechen.8 In der Tat wird nicht beachtet, dass Glaube und Vernunft bei aller Verschiedenheit doch eine gemeinsame Quelle und ein gemeinsames Ziel haben und ihr gegenseitiges Verhältnis nicht darin besteht, in immer ausschließlicher und ausschließender Weise nur den eigenen Kompetenzbereich abzugrenzen oder zum Schaden des anderen in einer Optik der Emanzipation auszudehnen. Gemäß dem Autor ist die »normative Ratio«9 nicht als etwas zu begreifen, das zwischen Mensch und Gott steht wie ein verbindendes Glied,10 sondern vielmehr wie eine Wand, die sich zwischen Mensch und Gott schiebt und es unmöglich macht, in der »göttlichen Weisheit« das ontologische (und darum objektive) Fundament der moralischen Kompetenz zu finden, die jeder Mensch unzweifelhaft besitzt.11 In der Folge wird nicht mehr eingeräumt, dass die moralische Vernunft »von der göttlichen Offenbarung und vom Glauben« erleuchtet werden kann.12 

Der Autor wiederholt verschiedene Male eine für den Ansatz des Werkes ausschlaggebende Behauptung: »Das Proprium und das Spezifische des christlichen Ethos ist nicht in der Ordnung der konkreten Inhalte des moralischen Bemühens zu finden«, sondern »in der Ordnung der Weltsicht«, die diese Inhalte begleitet.13 Nur auf dem Hintergrund dieser Behauptung kann man gemäß dem Autor verstehen, was »der Verweis auf Jesus von Nazaret als Horizont oder neues Umfeld des Verstehens und der Lebenserfahrung der Wirklichkeit«14 bedeutet, oder in welchem Sinn der Glaube einen »Einfluss«, einen »Kontext«, eine »Orientierung«,15 ein »neues Beziehungsfeld« und eine »Dimension« bietet.16 Auch wenn der Autor gelegentlich anführt, dass »Christus die maßgebliche Norm der christlichen Ethik ist« und »es außer dem Ereignis Jesu von Nazaret keine andere Norm für den Christen gibt«,17 gelingt es ihm in seinem Versuch einer christologischen Grundlegung nicht, der Offenbarung Gottes in Christus konkrete normative Bedeutung für die Ethik zu geben.18 Die christologische Grundlegung der Ethik wird nur insofern angenommen, als sie »die innerweltliche normative Bedeutung des zwischenmenschlichen Personalismus neu dimensioniert«.19

Die daraus resultierende christliche Ethik ist »eine Ethik, die vom Glauben beeinflusst ist«,20 aber es handelt sich um einen schwachen Einfluss, denn er steht faktisch einer säkularisierten Rationalität gegenüber, die ganz auf horizontaler Ebene entworfen ist. Deshalb wird in dem Handbuch die vertikale, aufsteigende Dimension der christlichen Moral nicht hinreichend hervorgehoben. Die großen christlichen Themen — wie Erlösung, Kreuz, Gnade, theologische Tugenden, Gebet, Seligpreisungen, Auferstehung, Gericht, ewiges Leben — sind wenig präsent und haben fast keinen Einfluss auf die Darlegung der moralischen Inhalte

Als Folge des gewählten Moralmodells werden die Tradition und das Lehramt der Kirche in unzureichendem Maß berücksichtigt und durch die häufigen »Optionen« und »Präferenzen« des Autors gefiltert. 21 Insbesondere dem Kommentar zur Enzyklika Veritatis splendor ist ein mangelhaftes Verständnis der moralischen Kompetenz des kirchlichen Lehramts zu entnehmen.22 Auch wenn der Autor die Leser über die kirchliche Lehre in Kenntnis setzt, entfernt er sich bei der Lösung verschiedener Fragen der speziellen Moral in kritischer Weise davon, wie weiter unten dargelegt wird. 

Zu bedenken sind schließlich die Tendenz, beim Studium verschiedener ethischer Probleme auf die Methode des Werte-oder Güterkonflikts zurückzugreifen, sowie die Rolle, welche Verweise auf die ontische oder vor-moralische Ebene einnehmen.23 Dadurch kommt es zu einer Verkürzung theoretischer und praktischer Probleme — wie das Verhältnis zwischen Freiheit und Wahrheit, zwischen Gewissen und Gesetz, zwischen Grundentscheidung und konkreten Verhaltensweisen —, die vom Autor wegen der fehlenden entsprechenden Stellungnahme nicht positiv gelöst werden können. Auf der praktischen Ebene nimmt er die traditionelle Lehre von den in sich schlechten Handlungen und vom absoluten Wert der Normen, die solche Handlungen verbieten, nicht an.

 




1 Moral de actitudes, I. Moral fundamental, Editorial PS, Madrid 1990, 8. erweiterte und überarbeitete Auflage, 902 Seiten. Italienische Ausgabe: Manuale di etica teologica, I. Morale fondamentale, Cittadella Editrice, Assisi 1994, 958 Seiten. Nachfolgend zitiert mit Ma I unter Angabe der Seitenzahl der spanischen Ausgabe, der die Seitenzahl der italienischen Fassung nach dem Zeichen = folgt.



2 Moral de actitudes, II-1. Moral de la persona y bioética teológica, Editorial PS, Madrid 1991, 8. Auflage, 797 Seiten. Italienische Ausgabe: Manuale di etica teologica, II-1. Morale della persona e bioetica teologica, Cittadella Editrice, Assisi 1995, 896 Seiten. Nachfolgend zitiert mit Ma II/1 unter Angabe der Seitenzahl der spanischen Ausgabe, der die Seitenzahl der italienischen Fassung nach dem Zeichen = folgt.



3 Moral de actitudes, II-2. Moral del amor y de la sexualidad, Editorial PS, Madrid 1991, 8. Auflage, 662 Seiten. Italienische Ausgabe: Manuale di etica teologica, II-2. Morale dellamore e della sessualità, Cittadella Editrice, Assisi 1996, 748 Seiten. Nachfolgend zitiert mit Ma II/2 unter Angabe der Seitenzahl der spanischen Ausgabe, der die Seitenzahl der italienischen Fassung nach dem Zeichen = folgt.



4 Moral de actitudes, III. Moral social, Editorial PS, Madrid 1995, 8. Auflage, 1015 Seiten. Italienische Ausgabe: Manuale di etica teologica, III. Morale sociale, Cittadella Editrice, Assisi 1997, 1123 Seiten. Nachfolgend zitiert mit Ma III unter Angabe der Seitenzahl der spanischen Ausgabe, der die Seitenzahl der italienischen Fassung nach dem Zeichen = folgt.



5 Diccionario de ética teológica, Editorial Verbo Divino, Estella (Navarra) 1991, 649 Seiten. Nachfolgend zitiert mit Det.



6 Ma I, 266 = 283; vgl. Ma I, 139 = 147-148, 211-215 = 222-226.



7 Ma I, 260 = 276; vgl. Ma I, 260-284 = 276-301.



8 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Veritatis splendor (6. August 1993), vor allem 36-37: AAS 85 (1993) 1162-1163.



9 Ma I, 213 = 224.



10 Vgl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I-II, q. 100, a. 2, c.



11 Vgl. Enzyklika Veritatis splendor, 36, 42-45: AAS 85 (1993) 1162-1163, 1166-1169.



12 Enzyklika Veritatis splendor, 44: AAS 85 (1993) 1168-1169.



13 Ma I, 203 = 214. Dieselbe Behauptung findet sich auch in Ma II/1, 131 = 140, 139 = 148; Ma III, 99-100 = 107-108; Ma I, 99 = 103 mit Verweis auf die Heilige Schrift. Das Ganze ist zu konfrontieren mit der Enzyklika Veritatis splendor, 37: AAS 85 (1993) 1163: »Folglich gelangte man dahin, das Vorhandensein eines spezifischen und konkreten, universal gültigen und bleibenden sittlichen Gehaltes der göttlichen Offenbarung zu leugnen: Das heute bindende Wort Gottes würde sich darauf beschränken, eine Ermahnung, eine allgemeineParäneseanzubieten; sie mit wahrhaftobjektiven’, d.h. an die konkrete geschichtliche Situation angepassten, normativen Bestimmungen aufzufüllen, wäre dann allein Aufgabe der autonomen Vernunft«.



14 Ma I, 203-204 = 214.



15 Ma I, 192-193 = 202-203.



16 Ma I, 274 = 291.



17 Ma I, 452 = 476.



18 Vgl. Ma I, 268-270 = 285-287.



19 Ma I, 275 = 291.



20 Ma I, 192 = 202-203.



21 Vgl. etwa Ma I, 260 = 276, 789-790 = 837-839, 816 = 872, 848 = 904; Ma II/1, 400-403 = 434-437, 497 = 550-551, 597 = 660-661; Ma II/2, 189 = 202, 191 = 204, 263 = 311, 264 = 312, 495 = 553.



22 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25; Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum veritatis (24. Mai 1990), 16: AAS 82 (1990) 1557. Vgl. dazu: La propuesta moral de Juan Pablo II. Comentario teológico-moral de la encíclica Veritatis splendor, PPC, Madrid 1994, vor allem die Seiten 24-26, 29, 54, 76-78, 82, 89-90, 94-95, 98, 102, 116, 120, 130-131, 136, 167; Ma I, 82-83 = 80; 154 = 145; Det, 362-365; Manuale di etica teologica, I. Morale fondamentale, Cittadella Editrice, Assisi 1994, 142-145: Diese Seiten über die Enzyklika Veritatis splendor sind nach der Veröffentlichung der spanischen Ausgabe verfasst worden und deshalb nur in der italienschen Fassung enthalten.



23 Vgl. etwa Ma I, 468 = 492.






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