|
4. Notwendigkeit der Belehrung über die Ehe
Wenn die heutigen Totengräber der Ehe mit allen Mitteln
und allen Kräften, durch Reden, Bücher, Schriften und in zahllosen anderen
Formen die Auffassungen verwirren, die Herzen verderben, die eheliche
Keuschheit lächerlich machen, den gemeinsten Lastern lautes Lob spenden, dann
müßt Ihr, Ehrwürdige Brüder, die „der Heilige Geist als Bischöfe eingesetzt
hat, die Kirche Gottes zu leiten, die er mit seinem Blute sich
erworben“83um so mehr Eure ganze Kraft daran setzen, um selbst und durch die Euch
unterstellten Priester, dann aber auch durch klug ausgewählte und in der von
Uns so sehr gewünschten und empfohlenen Katholischen Aktion als Hilfstruppe des
hierarchischen Apostolats zusammengeschlossene Laien in jeder nur erlaubten
Form dem Irrtum die Wahrheit, dem Schmutz des Lasters den Glanz der Reinheit,
der Sklaverei der Leidenschaft die Freiheit der Kinder Gottes84der verwerflichen Leichtigkeit der Ehescheidung die ewige Dauer echter
Gattenliebe und den bis zum Tod unverletzt gewahrten Treueid entgegen zu
halten.
So werden die Gläubigen aus ganzem Herzen Gott Dank sagen
dafür, daß sie durch sein Gebot gehalten, ja mit milder Gewalt gezwungen sind,
sich von jedem Götzendienst des Fleisches und jeder unrühmlichen Knechtschaft
der Begierde möglichst fernzuhalten. Ebenso werden sie wirksam abgeschreckt
werden und sich auch selbst mit ganzer Seele von den gottlosen Gedanken und
Auffassungen abwenden, die zur Schmach der Menschenwürde mit Wort und Schrift
gerade jetzt unter dem Namen der „vollkommenen Ehe“ im Umlauf sind und die ja
schließlich aus dieser vollkommenen Ehe nichts anderes machen als eine
„verkommene Ehe“.
Diese heilsame und vom religiösen Geiste getragene
Unterweisung über die christliche Ehe wird sich scharf unterscheiden von jener
übertriebenen physiologischen Unterweisung, mit der heute einige Ehereformer den
Eheleuten helfen zu können vorgeben: sie machen dabei über physiologische
Vorgänge viele Worte, aus denen man schließlich doch eher die Kunst, schlau zu
sündigen, als die Tugend, rein zu leben, lernt.
So machen wir Uns denn, Ehrwürdige Brüder, voll und ganz
die Worte zu eigen, die Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., in
seinem Rundschreiben über die christliche Ehe an die Bischöfe des gesamten
Erdkreises gerichtet hat: „Soviel Ihr durch Euer eifriges Bemühen, soviel Ihr
durch Eure Autorität vermögt, setzt Euch ganz dafür ein, daß bei den Eurer
Obsorge anvertrauten Völkern vollkommen und unverfälscht die Lehre festgehalten
werde, die Christus der Herr und die Apostel als die Interpreten des göttlichen
Willens hinterlassen haben und die katholische Kirche selbst in Treue und
Ehrfurcht bewahrt und allen Gläubigen durch alle Zeiten hindurch zu beobachten
befohlen hat.“85 Indes genügt auch die beste Unterweisung durch die
Kirche für sich allein noch nicht, damit die Angleichung der Ehe an das Gesetz
Gottes wieder Tatsache werde. Zu der verstandesmäßigen Unterweisung muß von
seiten der Gatten der feste Entschluß treten, die heiligen Ehegesetze Gottes und
der Natur zu beobachten. Mögen andere in Wort und Schrift verbreiten, was sie
wollen, für die Gatten muß es unerschütterlich feststehen, daß sie sich in
allem, was die Ehe angeht, ohne Zögern an die Gebote Gottes halten wollen: in
steter gegenseitiger, von Liebe getragener Hilfeleistung, in der Wahrung reiner
Treue, ohne je die Festigkeit des Ehebandes irgendwie anzutasten, ohne je von
ihren ehelichen Rechten anders Gebrauch zu machen als in christlicher und
würdiger Weise, namentlich im Anfang der Ehe. Denn wenn später die Verhältnisse
einmal Enthaltsamkeit verlangen, wird es so beiden leicht, sie zu üben, da sie
sich ja schon daran gewöhnt haben.
Um einen festen Vorsatz zu fassen, zu halten und in
die Tat umzusetzen, wird den Eheleuten ernstes Nachdenken über ihren Stand und
die vom guten Willen geleitete Erinnerung an das Sakrament, das sie empfangen
haben, viel helfen. Sie mögen mit allem Eifer bedenken, daß sie zu den
Pflichten und der hohen Würde ihres Standes durch ein besonderes Sakrament
geheiligt und gestärkt worden sind, ein Sakrament, dessen wirksame Kraft,
wenngleich es keinen sakramentalen Charakter einprägt, dennoch unausgesetzt
fortdauert. Sie sollen zu diesem Zweck die trostvollen Worte des hl. Kardinals
Robert Bellarmin erwägen, der frommen Sinnes mit anderen großen Theologen denkt
und schreibt: „Man kann das Ehesakrament unter zweifacher Rücksicht betrachten.
Einmal wie es wird, sodann wie es fortdauert, nachdem es geworden ist. Es ist
nämlich in ähnlicher Weise Sakrament wie die Eucharistie, die nicht nur in
ihrem Werden, sondern auch in ihrem Weiterbestehen ein Sakrament ist. Denn
solange die Ehegatten leben, solange ist ihre Gemeinschaft ein geheimnisvolles
Gnadenzeichen Christi und der Kirche.“86
|