|
Text
Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen !
1 Die Uneinigkeit der Menschen in Dingen der Religion und
Moral wie auch ihr Abirren von der Wahrheit war von jeher für alle Guten,
besonders die gläubigen und aufrechten Söhne der Kirche, der Grund und die
Ursache allertiefsten Schmerzes. Heute gilt das ganz besonders, da Wir überall
Angriffe gegen die Grundlagen der christlichen Kultur wahrnehmen.
2 Es wundert Uns zwar nicht, daß eine solche Uneinigkeit
und solche Irrtümer sich immer außerhalb der Kirche Christi fanden; denn wenn
auch der menschliche Verstand mit seinen natürlichen Erkenntniskräften an sich
zur wahren und sicheren Erkenntnis des einen persönlichen Gottes, der durch
seine Vorsehung die Welt schützt und regiert, sowie des Naturgesetzes, das der
Schöpfer in unser Herz legte, kommen kann, so bestehen doch für ihn nicht
wenige Hindernisse, von seiner ursprünglichen Fähigkeit einen wirklich
fruchtbaren Gebrauch zu machen; denn alle Dinge, die sich auf Gott beziehen und
das zwischen Gott und den Menschen bestehende Verhältnis angehen, ruhen in
Wahrheiten, die die Welt der Sinne überragen. Diese verlangen vom Menschen die
Eigenhingabe und Selbstverleugnung, wenn sie auf die Lebensführung Einfluß
gewinnen und sie bestimmen. Der menschliche Verstand wird in der Erkenntnis
solcher Wahrheiten behindert durch die Gewalt der Sinne und der
Einbildungskraft, wie auch durch die verkehrten Leidenschaften, die ihren
Ursprung in der Erbsünde haben. Darum reden sich Menschen in diesen Dingen gern
ein, es sei das falsch oder zweifelhaft, was sie nicht wahrhaben möchten.
3 Darum muß gesagt werden, daß die göttliche
”Offenbarung” moralisch notwendig ist, damit, was in Fragen der Religion und
der Sitten dem Verstand an sich nicht verborgen ist, auch bei dem gegenwärtigen
Zustande des Menschengeschlechts, von allen leicht, mit fester Gewißheit und
ohne jeglichen Irrtum erkannt werden kann.1
4 Ja, zuweilen kann der menschliche Verstand
Schwierigkeiten haben bei der Bildung eines sicheren Urteils der
”Glaubwürdigkeit” um den katholischen Glauben selbst, obwohl so zahlreiche und
wunderbare Zeichen von Gott kamen, auf Grund derer schon in der Kraft des
natürlichen Verstandes der göttliche Ursprung der christlichen Religion sicher
bewiesen werden kann. Der Mensch kann ja entweder durch Vorurteile verleitet
oder durch Leidenschaft und schlechten Willen angestachelt, sowohl die Evidenz
der äußeren Zeichen leugnen, die feststeht, wie auch den übernatürlichen
Einflüsterungen widerstehen, durch die Gott zu unseren Herzen spricht.
5 Wer heute die Welt außerhalb der Hürde Christi
beobachtet, kann leicht die Hauptwege erkennen, die nicht wenige Gelehrte
wählten. Einige lassen unklug und urteilslos die sogenannte Entwicklungslehre,
die auf dem eigenen Gebiet der Naturwissenschaften noch nicht sicher bewiesen
ist, für den Ursprung aller Dinge zu und verlangen sie; vermessentlich huldigen
sie der monistischen und pantheistischen Auffassung, daß das Weltall einer
ständigen Entwicklung unterworfen sei. Die Freunde des Kommunismus aber benützen
mit Freuden diese Ansicht, um ihren „dialektischen Materialismus”
wirkungsvoller zu verteidigen und verbreiten, wobei sie jeden Gedanken an Gott
aus den Herzen entfernen.
6 Die Behauptungen dieser Entwicklungslehre, die alles,
was absolut, fest, unveränderlich ist, leugnet, haben dem Irrtum einer neueren
Philosophie, die mit dem ”Idealismus”, ”Immanentismus” und ”Pragmatismus”
wetteifert und sich ”Existenzialismus” nennt, die Wege bereitet; er kümmert
sich nicht um das unveränderliche Wesen der Dinge und wendet seine
Aufmerksamkeit nur der ”Existenz” der Einzelgegenstände zu.
7 Dazu kommt noch ein falscher ”Historizismus”, der nur
auf das Geschehen im menschlichen Leben achtet und die Grundlagen jeder
Wahrheit und jedes allgemein gültigen Gesetzes vernichtet, sowohl für die
Philosophie wie auch für die christlichen Glaubenssätze.
8 Bei einer solchen Verwirrung der Meinungen tröstet es Uns
ein wenig, zu sehen, daß solche, die in den Grundsätzen des ”Rationalismus”
erzogen wurden, heute nicht selten zu den Quellen der göttlichen Offenbarung
zurückkehren wünschen und das Wort Gottes, das in der Heiligen Schrift
enthalten ist, als Grundlage der Theologie anerkennen und verkünden. Zugleich
aber ist es zu beklagen, wie nicht wenige von ihnen, je fester sie dem Worte
Gottes anhängen, desto mehr die menschliche Vernunft herabsetzen, und je höher
sie in ihrer Begeisterung die Autorität der göttlichen Offenbarung erheben,
desto heftiger das Lehramt der Kirche verachten, das Christus, der Herr,
einsetzte, um die von Gott geoffenbarten Wahrheiten zu bewahren und zu
erklären. Das steht aber nicht nur in offenem Widerspruch zur Heiligen Schrift,
sondern erweist sich auch in der Erfahrung als falsch; häufig nämlich beklagen
sich diese, die sich von der wahren Kirche getrennt halten, über ihre eigene
Uneinigkeit in dogmatischen Fragen, so daß sie gegen ihren Willen die
Notwendigkeit des lebendigen Lehramtes bezeugen.
9 Es ist aber Pflicht der katholischen Theologen und
Philosophen, die die große Aufgabe haben, die göttliche und menschliche
Wahrheit zu verteidigen und den Herzen der Menschen einzupflanzen, diese mehr
oder weniger vom rechten Weg abirrenden Ansichten zu kennen und zu beachten.
Ja, diese Lehrmeinungen selbst sollen ihnen gut bekannt sein, weil schon
Krankheiten nicht gut geheilt werden können, wenn sie nicht richtig
erkannt sind, dann auch, weil in falschen Ansichten häufig ein Körnchen
Wahrheit liegt; endlich auch drängen diese dazu, bestimmte philosophische und
theologische Wahrheiten eifriger zu untersuchen und durchzudenken.
10 Wenn unsere Philosophen und Theologen aus der
gründlichen Untersuchung dieser Lehren nur solche Früchte suchen wollten, hätte
das kirchliche Lehramt keinen Grund, Einspruch zu erheben. Aber wenn Wir auch
wissen, daß die katholischen Lehrer sich im allgemeinen vor diesen Irrtümern
hüten, so fehlt es doch heute, wie in den apostolischen Zeiten, nicht an
solchen, die allzusehr das Neue suchen, oder aber auch fürchten, in den
Dingen des wissenschaftlichen Fortschritts für unwissend gehalten
zu werden, und darum sich der Leitung des heiligen Lehramtes zu entziehen trachten;
so laufen sie Gefahr, sich unmerklich den geoffenbarten Wahrheiten zu entfernen
und auch andere mit sich in den Irrtum zu ziehen.
11 Es zeigt sich auch eine andere Gefahr, die umso größer
ist, als sie sich mehr in den Schein der Tugend hüllt. Viele, die den Zwiespalt
und die Verirrung der Geister betrauern, lassen sich von einem unklugen Eifer
treiben, von ihrem Inneren drängen und brennen in unüberlegter Begierde, die
Umzäunungen zu entfernen, durch die gute und aufrechte Menschen voneinander
getrennt sind; sie geben sich einem solchen ”Irenismus” hin, daß sie unter
Beiseitesetzung der trennenden Fragen nicht nur auf den Atheismus schauen, den
sie mit vereinten Kräften bekämpfen, sondern auch auf die Beseitigung der
Gegensätze in den Glaubenslehren. Und wie es eine Zeit gab, da sich manche
fragten, ob nicht die herkömmliche Apologetik mehr ein Hindernis sei, die
Seelen für Christus zu gewinnen, so fehlt es auch heute nicht an
solchen, die so weit zu gehen wagen, daß sie ernstlich die Frage vorlegen, ob
nicht die heutige Theologie und ihre Methode, die von der kirchlichen Autorität
gebilligt werden, nicht nur vervollkommnet, sondern ganz reformiert werden
müßte, damit das Reich Christi auf der ganzen Welt, unter Menschen jeder Kultur
und jeder religiösen Anschauung wirkungsvoller verbreitet werden könne.
12 Wenn diese nur die Absicht hätten, durch Einführung
irgendeiner Neuerung die kirchliche Lehre und ihre Methode den modernen
Verhältnissen und Anforderungen anzupassen, gäbe es kaum einen Grund zur
Besorgnis; aber in dem unklugen Übereifer ihres ”Irenismus” halten anscheinend
einige auch die Dinge für Hindernisse der brüderlichen Verständigung, die auf
den Gesetzen und Grundsätzen Christi und den von ihm gegründeten Einrichtungen
selbst beruhen, oder die als Bollwerk und Stütze des unversehrten Glaubens
dastehen; wenn diese fallen, dann ist zwar alles geeint, aber nur zum
allgemeinen Ruin.
13 Moderne Ansichten dieser Art, ob sie nun aus der
traurigen Sucht nach Neuerungen hervorgehen oder einen lobenswerten Grund
haben, werden nicht immer in der gleichen Abstufung, derselben Deutlichkeit
oder den gleichen Ausdrücken vorgelegt, auch nicht immer unter einmütiger
Zustimmung ihrer Urheber; denn was heute von einigen mit gewissen
Einschränkungen und Unterscheidungen, in mehr verdeckter Weise gelehrt wird,
das bringen morgen andere, die weniger zurückhaltend sind, offen, in
übertriebene Weise vor; und zwar zum Ärgernis für viele, besonders den jüngeren
Klerus und zum Schaden der kirchlichen . Autorität. Was bei Veröffentlichungen
in Buchform mit mehr Vorsicht behandelt wird, das wird offener vorgestellt in
privat verarbeiteten Schriften, in Verlesungen und Besprechungen. Diese
Auffassungen finden ihre Verbreitung nicht nur beim Welt und Ordensklerus und
in den Seminarien, sondern auch in Laienkreisen, besonders bei den
Jugenderziehern.
14 In der Theologie aber gehen einige darauf aus, den
Begriff der Dogmen möglichst abzuschwächen; das Dogma selbst möchten sie von
der in der Kirche seit langem üblichen Ausdrucksweise und den Begriffen der
katholischen Philosophie freimachen, um bei der Erklärung der katholischen
Lehre zu den Formulierungen der Heiligen Schrift und der heiligen Väter
zurückzukehren. So hoffen sie, daß das Dogma, gereinigt von allen
Bestandteilen, die nach ihren Worten äußerliche Bestandteile der göttlichen
Offenbarung sind, zu einem fruchtbaren Vergleich kommt mit den Glaubenssätzen
der von der Kirche Getrennten, um dann so den Weg zu finden, das katholische
Dogma und die von ihm abweichenden Ansichten einander anzugleichen.
15 Haben sie dann die katholische Lehre zu diesem Stand
gebracht, so glauben sie, werde der Weg bereitet, auf dem den modernen
Bedürfnissen entsprechend das Dogma auch in den Begriffen der heutigen
Philosophie ausgedrückt werden könne, ganz gleich, ob es der ”Immanentismus”,
”Idealismus”, ”Existenzialismus“ oder irgendein anderes System ist. Es könne
und müsse das deshalb auch geschehen, behaupten einige mit einiger Kühnheit,
weil die Geheimnisse des Glaubens sich niemals in Begriffe fassen lassen, die
vollständig der Wahrheit entsprechen, sondern nur in Ausdrücken, die
”annäherungsweise” wahr, und ständig Veränderungen unterworfen sind; diese deuten
die Wahrheiten zwar einigermaßen, gestalten sie aber auch notwendigerweise um.
Darum halten sie es nicht für abwegig, sondern für durchaus notwendig, daß die
Theologie entsprechend den verschiedenen Philosophien, deren sie sich im Laufe
der Zeit als Instrument bedient, neue Begriffe an die Stelle der alten setze,
so daß sie auf verschiedene Weise, die unter sich sogar in gewissem Sinn im
Widerspruch stehen, aber, wie sie sagen, das gleiche bedeuten, die gleichen
göttlichen Wahrheiten in menschlicher Art ausdrücken. Sie fügen noch hinzu, die
Geschichte der Dogmen bestehe in der Wiedergabe der verschiedenen
aufeinanderfolgenden Formen, in die die Wahrheit sich gekleidet habe,
entsprechend den verschiedenen Lehren und Ansichten, die im Laufe der Zeiten
entstanden.
16 Die bisherigen Ausführungen zeigen deutlich, daß diese
Versuche nicht nur zum sogenannten dogmatischen ”Relativismus” führen, sondern
ihn bereits enthalten; er ist auch allzu sehr begünstigt durch die Verachtung
der gewöhnlich überlieferten Lehre gegenüber, sowie der Worte, mit denen sie
sich ausdrückt. Es leugnet wohl niemand, daß die Bezeichnungen für diese
Begriffe, wie sie in der Schule und vom kirchlichen Lehramt benützt werden,
verbessert und gefeilt werden können; außerdem ist bekannt, daß sich die Kirche
im Gebrauch dieser Ausdrücke noch immer gleich blieb. Klar ist auch, daß sie
sich nicht an irgendein kurzlebiges philosophisches System binden kann; die
Begriffe und Bezeichnungen, die von den katholischen Gelehrten nach gemeinsamer
Übereinkunft im Laufe mehrerer Jahrhunderte geprägt wurden, um eine
Glaubenslehre verständlich zu machen, stützen sich wahrhaftig nicht auf ein so
hinfälliges Fundament. Sie stützen sich im Gegenteil auf Prinzipien und
Begriffe, die aus wahrheitsgemäßer Erkenntnis der geschaffenen Welt abgeleitet
wurden; allerdings erleuchtete die geoffenbarte Wahrheit durch die Kirche wie
ein heller Stern den Verstand des Menschen. Es wundert Uns darum nicht, wenn
einige von diesen Begriffen von den Allgemeinen Konzilien nicht nur angewandt,
sondern auch feierlich bestätigt wurden; es ist darum unrecht, sie fallen zu
lassen.
17 Es wäre sehr töricht, die Begriffe und Bezeichnungen,
an denen Menschen außergewöhnlicher Geisteskraft und Heiligkeit unter der
Aufsicht des kirchlichen Lehramtes, in der Gnade und unter Leitung des Heiligen
Geistes jahrhundertelang geformt und gefeilt haben, um geistige
Glaubenswahrheiten noch stets genauer in Werte zu fassen, zu vernachlässigen,
zu verwerfen oder ihres Wertes zu berauben, um ihre Stelle mutmaßliche Begriffe
zu stellen und Worte einer neuen Philosophie, die weder eine feste Form noch
Gestalt hat, Begriffe, die wie die Blumen des Feldes heute bestehen und morgen
fallen; es macht diese Auffassung das Dogma zu einem Rohr, das vom Winde
hin- und hergetrieben wird. Die Verachtung der Bezeichnungen und
Begriffe, die die scholastische Theologie gebraucht, führt auch von selbst zur
Schwächung der spekulativen Theologie, der sie keine Sicherheit zuschreiben,
weil sie sich auf theologische Beweisgründe stützt.
18 Leider gehen diese Neuerer von der Verachtung der
scholastischen Theologie sehr leicht dazu über, das Lehramt der Kirche selbst,
das diese Theologie mit ihrer Autorität so sehr stützt, nicht zu beachten oder
sogar zu verachten. Sie stellen dieses Lehramt als ein Hemmnis für den
Fortschritt und als ein Hindernis für die Wissenschaft hin. Einige
Nichtkatholiken aber sehen es als ungerechten Zwang an, der Theologen von
höherer Bildung davon abhält, ihre Lehrmeinungen zu reformieren. Und wenn auch
dieses heilige Lehramt für einen jeden Theologen in Dingen des Glaubens und der
Sitten die nächste und allgemeine Norm sein muß (da Christus, der Herr, ihm den
ganzen Glaubensschatz anvertraut hat, d. h. die Heilige Schrift und die
göttliche Überlieferung, um ihn zu behüten, zu verteidigen und zu erklären), so
gerät doch immer wieder in Vergessenheit, als wenn sie nicht bestände, die
Pflicht der Gläubigen, ebenfalls diese Irrtümer zu fliehen, die sich mehr oder
weniger der Häresie nähern, und also ”auch die Konstitutionen und Erlasse zu
beachten, mit denen der Heilige Stuhl falsche Ansichten dieser Art verworfen
und verboten hat.“ 2 Mit Absicht haben sich einige daran gewöhnt, das
nicht zu beachten, was die Rundschreiben der Römischen Päpste über die Natur
und die Einrichtung der Kirche sagen, nur um eine mehr unbestimmte Auffassung
vorherrschen zu lassen, die sie aus den Schriften der alten Väter, besonders
der griechischen, geschöpft zu haben behaupten. Die Päpste, so pflegen sie zu
sagen, wollen kein Urteil abgeben in den Fragen, über die die Theologen
disputieren, und darum sei es nötig, zu den ersten Quellen zurückzugehen und
die neueren Konstitutionen und Erlasse des kirchlichen Lehramtes nach den
Schriften der Alten zu erklären.
19 Wenn das auch geistreich zu sein scheint, es liegt
doch ein Irrtum darin. Wahr ist, daß die Päpste im allgemeinen den Theologen
die Freiheit lassen in den Fragen, in denen hervorragende Geisteslehrer
verschiedener Meinung sind; die Geschichte lehrt aber auch, daß in
verschiedenen Fragen, die vorher umstritten waren, nachher keine
Verschiedenheit der Meinungen zugelassen wurde.
20 Man darf ebenfalls nicht annehmen, man brauche den
Rundschreiben nicht zuzustimmen, weil die Päpste darin nicht ihr höchstes
Lehramt ausüben. Sie sind aber doch Äußerungen des ordentlichen Lehramtes, von
dem auch das Wort Christi gilt: ”Wer euch hört, der hört mich.“ 3 Sehr
häufig gehört das, was die Enzykliken lehren und einschärfen, sonstwie schon
zum katholischen Lehrgut. Wenn die Päpste in ihren Akten ein Urteil über eine
bislang umstrittene Frage aussprechen, dann ist es für alle klar, daß diese
nach der Absicht und dem Willen dieser Päpste nicht mehr der freien Erörterung
unterliegen kann.
21 Wahr ist ebenfalls, daß die Theologen ständig auf die
Quellen der göttlichen Offenbarung zurückgreifen sollen; es ist ja ihre
Aufgabe, aufzuzeigen,. warum das, was das lebendige Lehramt vorbringt, sich in
der Heiligen Schrift und in der göttlichen „Überlieferung” entweder
ausdrücklich oder einschließend findet. 4 Sicher ist, daß dieser
doppelte Quell der Lehre göttlicher Offenbarung so viele und so große Schätze
der Wahrheiten enthält, daß er nie wirklich ganz ausgeschöpft werden kann.
Darum erneuern auch die heiligen Wissenschaften durch das Studium der heiligen
Quellen ihre Kraft, während die Spekulation, die eine weitere Untersuchung des
Glaubensschatzes vernachlässigt, wie Wir durch Erfahrung feststellen konnten,
ohne Frucht bleibt. Aus diesem Grunde kann auch die sogenannte positive
Theologie nicht einfach mit der Geschichtswissenschaft gleichgestellt werden,
da Gott der Kirche zusammen mit diesen heiligen Quellen das lebendige Lehramt
schenkte, um auch die Wahrheiten zu erklären und zu entfalten, die im
”Depositum fidei” nur dunkel und gleichsam eingehüllt enthalten sind. Diesen
Glaubensschatz hat der Heiland weder den einzelnen Christgläubigen noch auch
den Theologen selbst zur authentischen Erklärung hinterlassen, sondern allein
dem kirchlichen Lehramt. Wenn aber die Kirche dieses ihr Amt, wie es im Laufe
der Zeiten häufig geschehen ist, durch einen ordentlichen oder
außerordentlichen Akt ausübt, so steht als sicher fest, daß die Methode falsch
ist, nach der man klare Wahrheiten aus unklaren beweisen will; im Gegenteil
müssen alle den entgegengesetzten Weg gehen. Darum fügte Unser unvergeßlicher
Vorgänger, Pius IX., bei der Erklärung, daß es vornehmste, Aufgabe der Theologie
sei, zu zeigen, wie die von der Kirche feierlich aufgestellte Lehre in den
Quellen enthalten sei, nicht ohne wichtigen Grund die Worte hinzu: ”in dem
gleichen Sinn, wie die Kirche sie definierte”.
22 Kehren wir zu den neuen Ansichten zurück, die oben
berührt wurden. Mehrere Dinge werden von einigen vorgetragen und den Herzen
eingeflößt zum Schaden der göttlichen Autorität der Heiligen Schrift. Sie
verdrehen kühn den Sinn der Definition des Vatikanischen Konzils über Gott als
den Urheber der Heiligen Schrift und erneuern den bereits öfters verworfenen
Satz, nach dem sich die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift nur auf die
Gegenstände bezieht, die über Gott und Fragen der Moral und der Religion
handeln. In falscher Weise sprechen sie über einen menschlichen Sinn der
heiligen Bücher, unter dem nach ihrer Erklärung der göttliche Sinn verborgen
liege. Bei der Auslegung der Heiligen Schrift wollen sie der Analogie des
Glaubens und der ”Überlieferung” keine Rechnung tragen, so daß mehr die Lehre
der heiligen Väter und des kirchlichen Lehramtes zu messen sei nach der
Heiligen Schrift – die von den Exegeten in rein menschlicher Weise erklärt
werden müsse –, als die Heilige Schrift zu erklären sei nach dem Sinn der
Kirche, die aber von Christus dem Herrn als Hüterin und Erklärerin des ganzen
von Gott offenbarten Glaubensschatzes aufgestellt ist.
23 Außerdem müßte der wörtliche Sinn der Heiligen Schrift
und ihre Auslegung, die von so vielen und so großen Exegeten unter der Aufsicht
der Kirche ausgearbeitet wurde, nach ihrer falschen Ansicht einer neuen
Schrifterklärung weichen, die sie die symbolische oder geistige nennen; nach
dieser Exegese würden endlich einmal die Bücher des Alten Testamentes, die
heute wie ein verschlossener Brunnen in der Kirche verborgen lägen, allen
geöffnet werden. Auf die gleiche Weise, so behaupten sie, verschwinden alle
Schwierigkeiten, die nur für solche ein Hindernis bilden, die am wörtlichen
Sinn der Heiligen Schrift festhalten.
24 Jeder sieht, wie sich alle diese Ansichten von den
Grundsätzen und Normen der Schrifterklärung entfernen, die mit Recht
aufgestellt wurden von Unseren Vorgängern sel. Angedenkens, Leo XIII. in der
Enzyklika ”Providentissimus”, von Benedikt XV. in der Enzyklika ”Spiritus
Paraclitus” und von Uns selbst in der Enzyklika „Divino afflante Spiritu”.
25 Es braucht uns nicht zu wundern, daß das Gift dieser
Neuerungen in alle Teile der Theologie gelangte. So wird in Zweifel gezogen,
daß der menschliche Verstand ohne Hilfe der göttlichen Offenbarung und der
Gnade mit Beweisen aus der Schöpfung die Existenz eines persönlichen Gottes
beweisen könne; geleugnet wird, daß die Welt einen Anfang hat, und gezeigt, daß
die Schöpfung notwendig ist, da sie aus der notwendigen Freigebigkeit Gottes
hervorgehe; verneint wird ebenfalls das ewige und unfehlbare Vorherwissen
Gottes um die freien Handlungen der Menschen: All diese Ansichten stehen im
Widerspruch zu den Erklärungen des Vatikanischen Konzils. 5
26 Einige werfen auch die Frage auf, ob die Engel
persönliche Geschöpfe sind, ob Stoff und Geist sich wesentlich unterscheiden.
Andere verwerfen es, daß die übernatürliche Ordnung ein freies Geschenk Gottes
sei, mit der Behauptung, Gott könne keine vernunftbegabten Wesen schaffen, ohne
sie auf die Anschauung der Seligen hinzuordnen und sie dazu zu berufen. Damit
nicht genug : Der Begriff der Erbsünde wird, unter Außerachtlassung der
Entscheidungen des Konzils von Trient, ebenso wie dieser der Sünde im
allgemeinen als Beleidigung Gottes vernichtet, wie auch der Begriff der
Genugtuung, die Christus für uns leistete. Es finden sich auch solche, die
behaupten, die Lehre von der Wesensverwandlung, die sich auf den veralteten
philosophischen Begriff der Substanz stütze, müsse so verändert werden, daß die
wirkliche Gegenwart Christi in der heiligsten Eucharistie auf einen gewissen
Symbolismus zurückgeführt werde. Demnach sollen die heiligen Gestalten nur
wirksame Zeichen sein der geistigen Gegenwart Christi und Seiner innigen
Vereinigung mit den gläubigen Gliedern im geheimnisvollen Leibe Christi.
27 Einige halten sich nicht gebunden an die vor einigen
Jahren in einem Rundschreiben erklärte Lehre, die sich auf die Quellen der
”Offenbarung” stützt und erklärt, daß der geheimnisvolle Leib Christi und die
Römische katholische Kirche ein und dasselbe seien. 6 Andere schwächen
die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zur wahren Kirche, um das ewige Heil zu
erlangen, zu einer bloßen Formel ab. Schließlich tun wieder andere dem
Charakter der ”Glaubwürdigkeit” des christlichen Glaubens, der dem Verstand
einsichtig ist, Gewalt an.
28 Es steht fest, daß diese und ähnliche Irrtümer sich in
die Herzen einiger unserer Söhne einschlichen, die sich täuschen ließen von
einem, unklugen Seeleneifer oder einer Wissenschaft, die diesen Namen nicht
verdient; traurigen Herzens sind Wir mit schwerer Sorge gezwungen, diese
bereits bekannten Wahrheiten zu wiederholen und offenbare Irrtümer wie ihre
Gefahren anzuzeigen.
29 Es ist allen bekannt, wie hoch die Kirche den Wert der
menschlichen Vernunft stellt, der es zukommt, die Existenz des einen
persönlichen Gottes mit Sicherheit zu beweisen, wie auch die des christlichen
Glaubens unwiderleglich durch göttliche Zeichen aufzuzeigen; gleicherweise soll
sie auch das Gesetz, das der Schöpfer in die Herzen der Menschen schrieb, in
das rechte Licht stellen; endlich auch zu einer beschränkten, aber äußerst
fruchtbaren Erkenntnis der Geheimnisse kommen. 7 Aber dieser Aufgabe
kann die Vernunft nur dann in entsprechender Weise und mit Sicherheit gerecht
werden, wenn sie nach Gebühr ausgebildet wird; wenn sie also mit jener gesunden
Philosophie genährt wird, die wie ein Erbteil früherer christlicher
Jahrhunderte überliefert ist, also auch ein höheres Ansehen besitzt, weil das
Lehramt der Kirche selbst, ihre Grundsätze und wesentlichsten Behauptungen, die
von geistvollen Männern allmählich aufgedeckt und bestimmt wurden, zum Maßstab
der göttlichen „Offenbarung“ gemacht hat. Diese gleiche Philosophie, von der
Kirche anerkannt und zugelassen, verteidigt den wirklichen Wert der
menschlichen Erkenntnis, die unerschütterlichen Grundgesetze der Metaphysik –
vom hinreichenden Grund, von der Ursächlichkeit und Zweckhaftigkeit – und
endlich die Erreichung der sicheren und unveränderlichen Wahrheit.
30 In dieser Philosophie gibt es sicherlich verschiedene
Fragen, die sich weder unmittelbar noch mittelbar auf den Glauben und die
Sitten beziehen, und die von der Kirche der freien Erörterung der Fachgelehrten
überlassen werden; aber für verschiedene andere Dinge, besonders die Grundsätze
und Hauptlinien, die Wir oben erwähnten, kann nicht die gleiche Freiheit
gelten. Aber es kann auch in diesen wesentlichen Fragen der Philosophie ein
mehr entsprechendes und reicheres Gewand angelegt werden; man kann ihre Kraft
vergrößern durch die Formung neuer zweckentsprechender Ausdrücke, sie von
weniger passenden, schulmäßigen Dingen freimachen, sie auch – aber mit Vorsicht
– bereichern mit bestimmten Anteilen des Fortschritts menschlichen Geistes; nie
aber hat man das Recht, sie zugrundezurichten oder sie mit falschen Grundsätzen
zu beflecken oder sie als ein gewaltiges, aber doch veraltetes Monument zu
achten; denn die Wahrheit und jede ihrer philosophischen Äußerungen kann nicht
täglichen Veränderungen unterworfen werden. Das gilt besonders, wenn es sich um
der menschlichen Vernunft an sich bekannte Grundsätze handelt oder jene Sätze,
die sich auf die Weisheit von Jahrhunderten wie auch auf die Zustimmung und das
Fundament der göttlichen Offenbarung stützen. Die Wahrheiten, die der
menschliche Verstand in ehrlichem Suchen entdecken wird, vermögen nicht im
Gegensatz zu stehen zu einer bereits entdeckten Wahrheit; Gott, die höchste
Wahrheit, hat den menschlichen Verstand erschaffen und leitet ihn, aber nicht
so, daß er der in ehrlichem Streben erworbenen Wahrheit täglich neue
Erkenntnisse entgegenstellt, sondern um nach Entfernung etwaiger Irrtümer, das
Wahre durch andere neue Erkennniswahrheiten zu überhöhen, in der gleichen
Ordnung und Verbindung, in der wir die Natur selbst, aus der wir die Wahrheit
schöpfen, aufgebaut sehen. Darum soll der Christ, Philosoph oder Theologe,
nicht eilfertig und leichtsinnig all die neuen Ideen in sich aufnehmen, die
täglich ausgedacht werden, sondern muß sie mit größter Sorgfalt prüfen und nach
rechtem Maß abwägen, um nicht die bereits erworbene Wahrheit mit großer Gefahr
und großem Schaden für seinen Glauben zu verlieren oder zu verderben.
31 Nach diesen Überlegungen versteht man leicht, warum
die Kirche verlangt, daß ihre zukünftigen Priester in den philosophischen
Fächern unterrichtet werden ”nach der Methode, der Lehre und den Grundsätzen
des Englischen Lehrers. 8 Sie weiß ja nach einer Erfahrung von
Jahrhunderten gut, daß die Methode des Aquinaten sich vor andern bewährt,
sowohl im Unterricht wie auch in der Suche nach verborgenen Wahrheiten; daß
seine Lehre fernerhin in Harmonie mit der göttlichen Offenbarung steht und in
wirkungsvoller Weise sichere Fundamente des Glaubens legt, wie auch mit Nutzen
und Sicherheit die Früchte eines gesunden Fortschritts bringt. 9
32 Darum ist es sehr zu beklagen, daß man die Philosophie,
die von der Kirche aufgenommen und anerkannt ist, heute von mancher Seite der
Verachtung preisgibt, als veraltet in der Form und rationalistisch –, wie sie
sagen – in der Denkweise erklärt. Die Gegner behaupten, daß diese unsere
Philosophie irrtümlicherweise die Meinung verteidige, es gebe eine absolut
gültige Metaphysik; während sie im Gegenteil sagen, die Wahrheiten, besonders
die transzendenten, könnten keinen geeigneteren Ausdruck finden als in ganz
verschiedenen Lehrsätzen, die sich ergänzen, obwohl sie untereinander in
gewisser Weise im Gegensatz stehen. Darum geben sie auch zu, daß die auf
unseren Schulen gelehrte Philosophie mit ihrer klaren Beschreibung der
Fragestellung und Lösung, mit der genauen Bestimmung der Begriffe und ihren klaren
Unterscheidungen wohl nützlich sein könne zum Studium der scholastischen
Theologie, die sich der Denkungsart des mittelalterlichen Menschen in
hervorragender Weise anpaßte; aber – so fügen sie hinzu – sie kann keine
philosophische Methode bieten, die unserer modernen Kultur mit ihren
Bedürfnissen entspricht. Sie wenden ferner ein, daß die ”philosophia perennis”
nur eine Philosophie der unveränderlichen Wesenheiten sei, während das moderne
Denken interessiert sein müsse an der ”Existenz” der Einzeldinge und dem stets
fließenden Leben. Während sie aber diese Philosophie verachten, preisen sie
andere Systeme hoch, alte oder neue, solche östlicher oder westlicher Völker,
in einer Art, die andeuten zu wollen scheint, jede beliebige Philosophie oder
Meinung könne unter Beifügung – wenn das notwendig ist - einiger Verbesserungen
oder Ergänzungen mit dem katholischen Dogma vereint werden. Aber kein Katholik
kann daran zweifeln, daß dieses ein vollständiger Irrtum ist, besonders da es
sich um Systeme handelt, wie den ”Immanentismus”, ”Idealismus”, den
geschichtlichen oder dialektischen ”Materialismus” oder auch den
”Existenzialismus”, entweder in der Form des Atheismus oder wie er sich
wenigstens gegen den Wert der metaphysischen Schlußfolgerung wendet.
33 Schließlich werfen sie der Philosophie unserer Schulen
noch vor, daß sie im Erkenntnisvorgang nur den Verstand berücksichtige, die
Tätigkeit des Willens aber und der Gemütsbewegungen vernachlässige. Das
entspricht nicht der Wahrheit. Denn niemals hat die christliche Philosophie den
Nutzen und die Wirksamkeit geleugnet, die die gute Verfassung der Gesamtseele
für die volle Erkenntnis und Erfassung der religiösen und sittlichen Wahrheiten
haben; im Gegenteil, sie hat immer gelehrt, daß das Fehlen einer solchen
Verfassung der Grund dafür sein kann, daß der Verstand unter dem Einfluß der
Leidenschaften und des bösen Willens so verdunkelt wird, daß er nicht mehr
richtig sieht. Mehr noch, der ”Doctor Communis” glaubt, daß der Verstand in
irgendeiner Weise die höheren Güter der natürlichen oder übernatürlichen
Sittenordnung begreifen könne, insofern, als er in seinem Innern eine gewisse
gemütsmäßige natürliche oder gnadenhafte ”Naturgleichheit”
(Connaturalitas) mit diesen Gütern verspürt.10 Es versteht sich, wie
sehr diese, wenn auch nur im Unterbewußtsein liegende Erkenntnis den Bemühungen
der Vernunft helfen kann. Den Willensaffekten die Kraft zuerkennen, der
Vernunft zu helfen, zu einer sichereren und festeren Erkenntnis der sittlichen
Wahrheiten zu kommen, bedeutet aber nicht, was diese Neuerer behaupten, daß
nämlich der Wille und das Gefühl eine gewisse intuitive Kraft haben, und daß
der Mensch, wo er durch Verstandestätigkeit nicht mit Sicherheit die Wahrheit
erkennen kann, sich an den Willen wendet, mit dem er einen freien Entschluß und
eine Wahl zwischen entgegengesetzten Meinungen treffen kann; dabei vermischt er
in übler Weise die Erkenntnis und den Willensakt miteinander.
34 Es nimmt kein Wunder, daß diese neuen Ansichten zwei
philosophische Fächer in Gefahr bringen, die ihrer Natur nach sehr eng mit dem
Glaubensunterricht verbunden sind, die natürliche Gotteserkenntnis (Theodizee)
und die natürliche Sittenlehre (Ethik). Sie sind der Ansicht, daß es nicht die
Aufgabe dieser beiden Fächer sei, mit Sicherheit irgendeine Wahrheit über Gott
oder ein anderes transzendentes Wesen zu beweisen, sondern vielmehr zu zeigen,
wie doch die Wahrheiten, die der Glaube über den persönlichen Gott und
seine Gebote lehrt, so eng mit den Bedürfnissen des Lebens zusammenhängen und
wie diese Wahrheiten darum von allen anzunehmen seien, um der Verzweiflung aus
dem Wege zu gehen und das ewige Heil zu erreichen. Alle diese Behauptungen und
Ansichten stehen in offenem Widerspruch mit den Entscheidungen Unserer
Vorgänger Leo XIII. und Pius X.; sie sind auch unvereinbar mit Verordnungen des
Vatikanischen Konzils. Es wäre unnötig, diese Irrtümer zu betrauern, wenn alle,
auch auf dem Gebiet der Philosophie, mit gebührender Ehrfurcht auf das Lehramt
der Kirche schauten. Seine Aufgabe ist es nach göttlicher Anordnung nicht nur,
den Glaubensschatz der Offenbarung zu bewahren und zu erklären, sondern auch
über die philosophischen Fächer zu wachen, damit die katholischen
Glaubenslehren durch diese Irrtümer keinen Schaden leiden.
35 Es ist jetzt noch zu den Fragen Stellung zu nehmen,
die aus den positiven Wissenschaften entspringen und mehr oder weniger mit den
Wahrheiten des christlichen Glaubens zusammenhängen. Nicht wenige bitten ja
dringend darum, die katholische Religion möge mit dieser Wissenschaft möglichst
stark Rechnung halten. Es ist das lobenswert, soweit es sich um bewiesene
Tatsachen handelt; es heißt aber, vorsichtig voranzugehen, wenn es sich mehr um
Hypothesen handelt – auch wenn sie irgendwie wissenschaftlich begründet sind –,
mit denen Lehren der Heiligen Schrift oder der Tradition in Berührung stehen.
Wenn diese Hypothesen sich direkt oder indirekt gegen die Offenbarung wenden,
so können sie in keiner Weise zugelassen werden.
36 Aus diesem Grund verbietet das Lehramt der Kirche
nicht, daß in Übereinstimmung mit dem augenblicklichen Stand der menschlichen
Wissenschaften und der Theologie die Entwicklungslehre Gegenstand der
Untersuchungen und Besprechungen der Fachleute beider Gebiete sei, insoweit sie
Forschungen anstellt über den Ursprung des menschlichen Körpers aus einer
bereits bestehenden, lebenden Materie, während der katholische Glaube uns
verpflichtet, daran festzuhalten, daß die Seelen unmittelbar von Gott
geschaffen sind. Es sollen diese Verhandlungen in der Weise geschehen, daß die
Gründe für beide Ansichten, also dieser, die der Entwicklungslehre zustimmt,
wie jener, die ihr entgegensteht, mit nötigen Ernst abgewogen und beurteilt,
vorausgesetzt, daß alle bereit sind, das Urteil der Kirche anzunehmen, der
Christus das Amt anvertraut hat, die Heilige Schrift authentisch zu erklären
und die Grundsätze des Glaubens zu schützen.11 Einige überschreiten nun
verwegen diese Freiheit der Meinungsäußerung, da sie so tun, als sei der
Ursprung des menschlichen Körpers aus einer bereits bestehenden und lebenden
Materie durch bis jetzt gefundene Hinweise und durch Schlußfolgerungen aus
diesen bereits mit vollständiger Sicherheit bewiesen; ebenso tun sie, als ob
aus den Quellen der Offenbarung kein Grund vorliege, der auf diesem Gebiet
nicht die allergrößte Mäßigung und Vorsicht geböte.
37 Wenn es sich aber um eine andere Hypothese handelt, den
so genannten Polygenismus, läßt die Kirche nicht die gleiche Freiheit. Darum
können Gläubige sich nicht der Meinung anschließen, nach der es entweder nach
Adam hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben habe, die nicht von ihm, als dem
Stammvater aller auf natürliche Weise abstammen, oder daß Adam eine Menge von
Stammvätern bezeichne, weil auf keine Weise klar wird, wie diese Ansicht in
Übereinstimmung gebracht werden kann mit dem, was die Quellen der Offenbarung
und die Akten des kirchlichen Lehramts über die Erbsünde sagen; diese geht
hervor aus der wirklich begangenen Sünde Adams, die durch die Geburt auf alle
überging und jedem einzelnen zu eigen ist.12
38 Wie in den biologischen und anthropologischen
Wissenschaften, so mißachten auch in der Geschichte einige kühn die von der
Kirche vorsichtig gezogenen Grenzen. In besonderer Weise gibt ein System
Anlaß zur Trauer, das die geschichtlichen Bücher des Alten Testamentes mit
allzu großer Freiheit erklärt. Um ihre Gründe zu verteidigen berufen sich die
Vertreter dieses Systems auf ein Schreiben, das vor nicht langer Zeit von der
Päpstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von Paris gerichtet wurde.13
Es weist ausdrücklich darauf hin, daß die ersten elf Kapitel des Buches der
Schöpfung doch in einem wahren Sinn, der von den Exegeten noch weiter zu
erforschen und zu erklären ist, geschichtlich sind, wenn sie auch eigentlich
nicht der Methode der Geschichtsschreibung entsprechen, die von den besten
griechischen und lateinischen Autoren, auch von den Fachleuten unserer Zeit,
angewandt wurde. Die gleichen Kapitel, so heißt es weiter, berichten in ihrer
einfachen und bildhaften, der Denkart eines wenig gebildeten Volkes angepaßten
Sprache die Hauptwahrheiten, die für unser Heil von grundlegender Bedeutung
sind; zugleich geben sie aber auch einen volkstümlichen Bericht vom Ursprung
des Menschengeschlechtes und des auserwählten Volkes.
39 Wenn auch die alten Verfasser der Heiligen Bücher
einiges aus den volkstümlichen Erzählungen nahmen – was ruhig zugegeben werden
kann –, so darf man doch nie vergessen, daß sie es unter dem Beistand
göttlicher Eingebung taten, der sie bei der Wahl und der Wertung dieser
Dokumente vor allem Irrtum bewahrte. Es können auch die der Heiligen Schrift
eingefügten volkstümlichen Erzählungen in keiner Weise mit Mythologien oder
dergleichen auf die gleiche Stufe gestellt werden, da diese mehr Frucht einer ausschweifenden
Einbildungskraft sind als des Strebens nach Wahrheit und Einfachheit, das in
den Büchern des Alten Testamentes sosehr hervorleuchtet; darum muß auch von
seinen Verfassern gesagt werden, daß sie alle Profanschriftsteller deutlich
übertreffen.
40 Wir wissen nun gut, daß die meisten katholischen
Lehrer, die die Früchte ihrer Studien den Universitäten, Seminarien und
religiösen Kollegien zukommen lassen, weit von diesen Irrtümern entfernt sind,
die heute offen oder versteckt durch Neuerungssucht oder übertriebenen
apostolischen Eifer Verbreitung finden. Wir wissen aber auch, daß diese neuen
Auffassungen die Unvorsichtigen anlocken können; darum wollen Wir ihnen lieber
gleich beim Beginn entgegentreten, als dann erst die Heilmittel verordnen, wenn
das Übel bereits eingewurzelt ist.
41 Um daher Unserer heiligen Pflicht nachzukommen,
schreiben Wir nach reiflicher Überlegung im Herrn den Bischöfen und Obern der
Ordensgenossenschaften unter schwerer Verpflichtung für ihr Gewissen vor, mit
allem Eifer dafür zu sorgen, daß weder in der Schule, bei Zusammenkünften, in
Schriften irgendwelcher Art solche Meinungen vorgebracht, noch sie auch
Klerikern oder Christgläubigen auf irgendeine Weise vorgetragen werden.
42 Alle, die in kirchlichen Anstalten lehren, sollen
wissen, daß sie das ihnen anvertraute Lehramt nicht ruhigen Gewissens ausüben
können, wenn sie die von Uns erlassenen Lehrnormen nicht in religiösem Geist
annehmen und beim Unterricht genauestens befolgen. Diese schuldige Ehrfurcht
und diesen Gehorsam, die sie fortwährend in ihrem Wirken dem kirchlichen
Lehramt entgegenbringen müssen, sollen sie auch dem Verstand und dem Herzen
ihrer Schüler einprägen.
43 Sicher sollen sie mit aller Kraft und Anstrengung ihr
Lehrfach fördern, sich aber auch davor hüten, die von Uns zum Schutz der
Wahrheit des Glaubens und der katholischen Lehre gezogenen Grenzen zu
mißachten. Die neuen Fragen, wie sie die moderne Kultur und der Fortschritt
aufwirft, sollen sie sehr genau, aber auch mit der gebotenen Klugheit und
Vorsicht untersuchen. Schließlich sollen sie nicht in einer falschen
Friedensliebe (oder ”Irenismus”) glauben, die Getrennten und Irrenden könnten
anders glücklich in den Schoß der Kirche zurückgeführt werden, als daß
sie ehrlich die ganze Wahrheit der Kirche, ohne jegliche Entstellung und jeden
Abstrich, entgegennehmen.
44 In dieser Hoffnung, die wächst durch Eure Hirtensorge,
geben Wir als den Träger himmlischer Gnaden und als den Beweis Unseres
väterlichen Wohlwollens Euch allen einzeln, Ehrwürdige Brüder, wie auch Eurem
Klerus und Volk von Herzen den Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 12.
August 1950,
im zwölften Jahr unseres Pontifikates.
PIUS PP. XII.
|