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Gegenstand
10. Ihr alle,
Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, seid woffivertraut mit jener
bewunderungswürdigen Lehre, die der unvergängliche Ruhm des Rundschreibens
Rerum novarum ist. Voll Schmerz, einen so großen Teil der Menschheit unter
jammervollen, kläglichen Verhältnissen in unwürdiger Lage erblicken zu müssen,
nachdem die wirtschaftliche Entwicklung "den Arbeiter in seiner
Vereinzelung schutzlos der Unmenschlichkeit der Arbeitsherren und dem Eigennutz
eines zügellosen Wettbewerbs ausgeliefert" hatte9, macht der oberste
Hirte die Sache der Arbeiterschaft zu der seinen. Dabei entlehnt er Hilfe weder
von Liberalismus noch vom Sozialismus, da ersterer zur Lösung der sozialen
Frage sich völlig unfähig erwiesen hatte, letzterer aber ein Heilmittel
anempfahl, das schlimmer als das zu heilende Übel selbst die menschliche
Gesellschaft nur noch näher an den Abgrund herangeführt hätte.
11. Aus
eigenster Machtvollkommenheit und erfüllt von dem Bewußtsein, daß ihm an erster
Stelle die Obhut der Religion und die Führung in alle dem, was eng mit ihr
zusammenhängt, anvertraut ist, griff der Papst die Angelegenheit auf, in der
"ohne Hilfe der Religion und der Kirche kein glücklicher
Ausgang"10 abzusehen war. Einzig gestützt auf die unwandelbaren
Grundsätze von Vernunft und Offenbarung beleuchtete er die
"wechselseitigen Rechte und Pflichten der Besitzenden und der Enterbten,
der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer"11. Voll zuversichtlichen
Mutes und redend "wie einer, der Macht hat"12, erläuterte und
stellte er fest, was die Kirche, was der Staat, was die Beteiligten selbst zur
Lösung der Frage beizutragen haben.
12. Nicht
umsonst ließ der Papst sein apostolisches Wort ergehen. Voll Staunen lauschten
ihm, mit Begeisterung nahmen es in sich auf nicht allein die getreuen Söhne der
Kirche, sondern auch viele, die fernab von dem einen wahren Glauben im Irrtum
wandeln, ja, mit wenigen Ausnahmen alte, die hinfort in gelehrter Forschung
oder praktisch er, gesetzgeberischer Arbeit mit gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Fragen sich befaßten.
13. Mit
besonderer Freude aber griffen das päpstliche Rundschreiben die christlichen
Arbeiter auf, die sich von der höchsten Autorität auf Erden verstanden und
verteidigt sahen, sowie all jene hochherzigen Männer, die bei ihren
unverdrossenen Bemühungen um die Hebung der Lage der Arbeiterschaft bis dahin
kaum etwas anderes angetroffen hatten als eine allgemeine Interesselosigkeit,
nicht ganz vereinzelt auch gehässige Verdächtigung, wenn nicht gar
ausgesprochene Feindseligkeit. Mit Recht steht bei ihnen allen das Apostolische
Schreiben in so hoher Verehrung, daß es bereits stehender Brauch geworden ist,
allenthalben Jahr für Jahr auf die eine oder andere Art seiner dankbar zu
gedenken.
14. Von dieser
allgemeinen Übereinstimmung machten einige eine Ausnahme, deren sich eine
gewisse Beunruhigung bemächtigte. In der Tat fand die hochherzige und
hochsinnige Lehre des Papstes, die für die Welt etwas Unerhörtes war, auch bei
Katholiken hier und da eine zweideutige und vereinzelt sogar eine ablehnende
Aufnahme. In zu kühnem Ansturm hat Leo XIII. die Götzen des Liberalismus
gestürzt, zu rücksichtslos mit eingerosteten Vorurteilen aufgeräumt, zu
unverhofft zukünftige Entwicklungen vorweggenommen. Da mußten doch die
Saumseligen ihre Herzen gegen die Aufnahme einer so unerhört neuen
Sozialphilosophie sperren und die zaghaften Gemüter vor dem Aufstieg zu so
schwindelnder Höhe zurückschrecken. Ja, nicht einmal solche fehlten, die die
strahlende Lichtfülle zwar bewunderten, aber das Ganze nur als ein traumhaftes
Wunschbild ansahen, das sich niemals in die Wirklichkeit überführen lasse.
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