III.
Wandlungen seit Leo XIIL
99.
Tiefgreifende Wandlungen sind es, die seit den Tagen Leos XIII. sowohl die
Wirtschaftsweise als der Sozialismus durchgemacht haben.
100. Völlig
verändert, um damit zu beginnen, zeigt sich das Bild der Wirtschaft. Es ist
Euch bewußt, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, daß Unser Vorgänger sel.
Anged. in seinem Rundschreiben besonders jene Wirtschaftsweise im Auge hatte,
bei der es im allgemeinen andere sind, die die Produktionsmittel, und andere,
die die Arbeit zum gemeinsamen Wirtschaftsvollzuge beistellen, wie er es kurz
und treffend kennzeichnet: "so wenig das Kapital ohne die Arbeit, so wenig
kann die Arbeit ohne das Kapital bestehen"51.
1. Wandlungen der
kapitalistischen Wirtschaftsweise
101. Dieser
Wirtschaftsweise bemüht sich Leo die rechte Ordnung zu geben; daraus folgt, daß
sie als solche nicht zu verdammen ist. Und in der Tat, sie ist nicht in sich
schlecht. Die Verkehrtheit beginnt vielmehr erst dann, wenn das Kapital die
Lohnarbeiterschaft in seinen Dienst nimmt, um die Unternehmungen und die
Wirtschaft insgesamt einseitig nach seinem Gesetz und zu seinem Vorteil
ablaufen zu lassen, ohne Rücksicht auf die Menschenwürde des Arbeiters, ohne
Rücksicht auf den gesellschaftlichen Charakter der Wirtschaft, ohne Rücksicht
auf Gemeinwohl und Gemeinwohlgerechtigkeit.
102. Diese
Wirtschaftsweise ist auch heute noch keineswegs die allein herrschende. Auch
heute gilt noch, daß der an Zahl und Bedeutung überwiegende Teil der Menschheit
auf andere Weise wirtschaftet, ganz besonders der bäuerliche Berufsstand, in
welchem der größte Teil des Menschengeschlechts ehrbar und rechtschaffen seine
Nahrung findet. Auch dieser außerkapitalistische Wirtschaftsraum hat seine
eigenen Schwierigkeiten und Nöte, auf die Unser Vorgänger an zahlreichen
Stellen seines Rundschreibens Bezug nimmt, wie auch Wir die eine oder andere
Bemerkung darüber hier eingeflochten haben.
103. Gerade im
Gefolge der reißend schnellen Ausbreitung des Industrialismus hat aber die
kapitalistische Wirtschaftsweise seit dem Erscheinen des Rundschreibens Leos
XIII. eine ungeheure Ausweitung erfahren, so daß sie tatsächlich auch den
wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen des außerkapitalistischen Raumes
ihr Gepräge aufdrückt, sie mit ihren Vorzügen, nicht minder aber mit ihren
Nachteilen und Schäden maßgebend beeinflußt.
104. Es geht
darum nicht nur um die besonderen Belange der hochkapitalistischen Länder oder
der Industriewirtschaft allein, sondern um die Belange der Gesamtmenschheit,
wenn Wir hier die Wandlungen der kapitalistischen Wirtschaftsweise, wie sie seit
den Tagen Leos XIII. sich ereignet haben, näher ins Auge fassen.
Vermachtung als Ergebnis der
Wettbewerbsfreiheit
105. Am
auffallendsten ist heute die geradezu ungeheure Zusammenballung nicht nur an
Kapital, sondern an Macht und wirtschaftlicher Herrschgewalt in den Händen
einzelner, die sehr oft gar nicht Eigentümer, sondern Treuhänder oder Verwalter
anvertrauten Gutes sind, über das sie mit geradezu unumschränkter
Machtvollkommenheit verfügen.
106. Zur
Ungeheuerlichkeit wächst diese Vermachtung der Wirtschaft sich aus bei
denjenigen, die als Beherrscher und Lenker des Finanzkapitals unbeschränkte
Verfügung haben über den Kredit und seine Verteilung nach ihrem Willen
bestimmen. Mit dem Kredit beherrschen sie den Blutkreislauf des ganzen
Wirtschaftskörpers; das Lebenselement der Wirtschaft ist derart unter ihrer
Faust, daß niemand gegen ihr Geheiß auch nur zu atmen wagen kann.
107. Diese
Zusammenballung von Macht, das natürliche Ergebnis einer grundsätzlich
zügellosen Konkurrenzfreiheit, die nicht anders als mit dem Überleben des
Stärkeren, d. i. allzu oft des Gewalttätigeren und Gewissenloseren, enden kann,
ist das Eigentümliche der jüngsten wirtschaftlichen Entwicklung.
108. Solch
gehäufte Macht führt ihrerseits wieder zum Kampf, zu einem dreifachen Kampf:
zum Kampf um die Macht innerhalb der Wirtschaft selbst; zum Kampf sodann um die
Macht über den Staat, der selbst als Machtfaktor in den wirtschaftlichen
Interessenkämpfen eingesetzt werden soll; zum Machtkampf endlich der Staaten
untereinander, die mit Mitteln staatlicher Macht wirtschaftliche Interessen
ihrer Angehörigen durchzusetzen suchen und wieder umgekehrt zum Austrag
zwischenstaatlicher Streithändel wirtschaftliche Macht als Kampfmittel
einsetzen.
Schlimme Folgen
109. Die
letzten Auswirkungen des individualistischen Geistes sind es, die Ihr,
Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, vor Augen habt und beklagt: der freie
Wettbewerb hat zu sein er Selbstaufhebung geführt; an die Stelle der freien
Marktwirtschaft trat die Vermachtung der Wirtschaft; das Gewinnstreben
steigerte sich zum zügellosen Machtstreben. Dadurch kam in das ganze
Wirtschaftsleben eine furchtbare, grausenerregende Härte. Dazu traten die
schweren Schäden einer Vermengung und unerfreulichen Verquickung des
staatlichen und des wirtschaftlichen Bereichs. Als einen der schwersten Schäden
nennen Wir die Erniedrigung der staatlichen Hoheit, die, unparteiisch und allem
Interessenstreit entrückt, einzig auf das gemeine Wohl und die Gerechtigkeit
bedacht, als oberste Schlichterin in königlicher Würde thronen sollte, zur
willenlos gefesselten Sklavin selbstsüchtiger Interessen. Im
zwischenstaatlichen Leben aber entsprang der gleichen Quelle ein doppeltes
Übel: hier ein übersteigerter Nationalismus und Imperialismus wirtschaftlicher
Art, dort ein nicht minder verderblicher und verwerflicher
finanzkapitalistischer Internationalismus oder Imperialismus des
internationalen Finanzkapitals, das sich überall da zu Hause fühlt, wo sich ein
Beutefeld auftut.
Abhilfe
110. Die
Mittel, um diesen schweren Übelständen abzuhelfen, haben Wir im lehrhaften
(zweiten) Teil dieses Rundschreibens dargelegt, so daß hier eine kurze
Erinnerung genügt. Da Kapital und Arbeit die heutige Wirtschaft bestimmen,
kommt es darauf an, die rechten Vernunftgrundsätze, das sind die gesunden
Prinzipien christlicher Sozialphilosophie, über Kapital, Arbeit und deren
Verbindung wieder zur theoretischen Anerkennung und zur praktischen Anwendung
zu bringen. Dem Doppelcharakter sowohl des Eigentums als der Arbeit, d. i.
ihrer Individual- und Sozial-Natur, ist billig und sorglich Rechnung zu tragen,
um die Klippen gleicherweise des Individualismus wie des Kollektivismus zu
vermeiden. Die wechselseitigen Beziehungen von Kapital und Arbeit sind nach den
Anforderungen der strengsten Verkehrsgerechtigkeit auszurichten unter Beihilfe
der christlichen Liebesgesinnung. Der freie Wettbewerb, innerhalb der gehörigen
Schranken gehalten, mehr noch die wirtschaftliche Macht, sind der öffentlichen
Gewalt in allem, was deren Amtes ist, entschieden unterzuordnen. Das
menschliche Gemeinschaftsleben insgesamt ist durch die öffentlichen
Einrichtungen den Erfordernissen des Gemeinwohls, oder, was dasselbe besagt,
den Anforderungen der Gemeinwohlgerechtigkeit entsprechend zu gestalten, womit
es nicht ausbleiben kann, daß auch jener überaus bedeutsame Zweig
gesellschaftlichen Lebens, den die Wirtschaft ausmacht, zur rechten und
gesunden Ordnung sich zurückfindet.
2. Wandlungen im Sozialismus
111. Aber nicht
nur das Bild der Wirtschaft hat sich seit den Tagen Leos XIII. gewandelt.
Mindestens in gleichem Maße gilt dies von dem Gegner, gegen den Leo XIII. zu
kämpfen hatte, vom Sozialismus. War der Sozialismus zu Leos Zeiten in der
Hauptsache wenigstens ein einheitliches Gebilde mit einem bestimmten und
geschlossenen Lehrsystern, so hat er sich heute in zwei einander scharf
entgegengesetzte und einander leidenschaftlich bekämpfen die Hauptrichtungen
auseinander entwickelt, ohne allerdings die dem ganzen Sozialismus gemeinsame
widerchristliche Grundlage verlassen zu haben.
a) Die schärfere Richtung:
Kommunismus
112. Nach der
einen Seite hin hat der Sozialismus die gleiche Vermachtung durchgemacht, die
Wir soeben von der sogenannten kapitalistischen Wirtschaftsweise beschrieben
haben. Dieser zum Kommunismus gewordene Sozialismus verfolgt in Theorie und
Praxis seine beiden Hauptziele: schärfster Klassenkampf und äußerste
Eigentumsfeindlichkeit. Nicht auf Schleich- und Umwegen, sondern mit offener
und rücksichtsloser Gewalt geht er aufs Ziel. Vor nichts schreckt er zurück;
nichts ist ihm heilig. Zur Macht gelangt, erweist er sich von unglaublicher und
unbeschreiblicher Härte und Unmenschlichkeit. Die unseligen Trümmer und
Verwüstungen, die er in dem ungeheueren Ländergebiet von Osteuropa und Asien
angerichtet hat, sprechen eine beredte Sprache. In welchem Maße dieser
kommunistische Sozialismus offen kirchenfeindlich und gottfeindlich ist, das
ist leider nur zu sehr bekannt, nur zu sehr durch Tatsachen belegt! Für die
guten und treuen Kinder der Kirche bedarf es da wahrlich keiner Warnung mehr
vor dem gottlosen und ungerechten Kommunismus. Aber nur mit tiefem Schmerze
können Wir die Sorglosigkeit derer mit ansehen, die der von dieser Seite
drohenden Gefahr nicht achtend ruhig zusehen, wie die Bestrebungen eines
gewaltsamen und blutigen Umsturzes in alle Welt getragen werden. Noch schärfere
Verurteilung aber verdient der Leichtsinn, der um all dieses unbekümmert
Zustände weiterbestehen bestimmte Arten von Gütern der öffentlichen Hand
vorzubehalten läßt, die den fruchtbaren Nährboden berechtigter Unzufriedenheit
abgeben und So der angestrebten Weltrevolution Schrittmacherdienste leisten.
b) Die gemäßigtere Richtung im
Sozialismus
113. Anders
verhält es sich mit der gemäßigteren Richtung, die auch heute noch die
Bezeichnung "Sozialismus" weiter führt. Dieser Sozialismus verzichtet
nicht nur auf die Anwendung roher Gewalt, sondern kommt mehr oder weniger
selbst zu einer Abmilderung des Klassenkampfs und der Eigentumsfeindlichkeit,
wenn nicht zu ihrer gänzlichen Preisgabe. Erschreckt vor seinen eigenen
Grundsätzen und den vom Kommunismus davon gemachten Anwendungen wende, so
möchte man meinen, der Sozialismus sich wieder zurück zu Wahrheiten, die
christliche Erbweisheit sind, oder tue jedenfalls einige Schritte darauf zu.
Unleugbar ist hier gelegentlich eine bemerkenswerte Annäherung sozialistischer
Propagandaforderungen an die Postulate einer christlichen Sozialreform zu
beobachten.
Milderung des Klassenkampfes und
der Eigentumsfeindlichkeit
114. Werden die
Feindseligkeiten und der Haß gegenüber der andern Klasse aufgegeben, so kann
der verwerfliche Klassenkampf entgiftet werden und sich wandeln in ehrliche,
vom Gerechtigkeitswillen getragene Auseinandersetzung zwischen den Klassen, die
zwar noch nicht den allseits ersehnten sozialen Frieden bedeutet, aber doch als
Ausgangspunkt dienen kann und soll, von dem aus man sich zur einträchtigen
Zusammenarbeit der Stände emporarbeitet. Auch die Eigentumsfeindlichkeit kann
sich mehr und mehr läutern, so daß nicht mehr das Eigentum an den
Produktionsmitteln als solches bekämpft wird, sondern nur eine wider alles
Recht angemaßte gesellschaftliche Herrschaftsstellung des Eigentums. In der Tat
kommt ja eine solche Herrschaftsstellung von Rechts wegen gar nicht dem
Eigentum zu, sondern der öffentlichen Gewalt. Alsdann kann auch hier ein fließender
Grenzübergang stattfinden, von den Forderungen eines solchen gemäßigten
Sozialismus zu durchaus berechtigten Bestrebungen christlicher Sozialreformer.
Mit vollem Recht kann man ja dafür eintreten, weil die mit ihnen verknüpfte
übergroße Macht ohne Gefährdung des öffentlichen Wohls Privathänden nicht
überantwortet bleiben kann.
115.
Berechtigte Bestrebungen und Forderungen solcher Art haben nichts mehr an sich,
was mit christlicher Auffassung im Widerspruch stünde; noch viel weniger sind
sie spezifisch sozialistisch. Wer nichts anderes will als dies, hat daher keine
Veranlassung, sich zum Sozialismus zu bekennen.
116. Gebe sich
aber niemand der Täuschung hin, zu glauben, alle nichtkommunistischen
Richtungen des Sozialismus ohne Ausnahme hätten in Programm und Praxis diese
Wendung zur besseren Einsicht schon vollzogen. Meistens handelt es sich nicht
um Aufgabe, sondern nur um eine gewisse Milderung des Klassenkampfprinzips und
der Eigentumsfeindlichkeit.
Ein Mittelweg?
Gerade im letzteren Falle der
bloßen Abmilderung oder Verwischung falscher Grundsätze erhebt sich - oder
vielmehr erhebt man unbegründeterweise - die Frage, ob sich vielleicht auch die
christlichen Grundsätze ein wenig abschwächen oder abbauen ließen, so daß man
dem Sozialismus entgegenkomme und sich sozusagen auf halbem Wege begegne.
Dieser und jener wiegt sich in der Hoffnung, auf diese Weise ließen sich die
Sozialisten zu uns hinüberziehen. Trügerische Hoffnung! Wer als Apostel in den
Kreisen des Sozialismus wirken will, der muß die christliche Wahrheit in vollem
Umfang offen und ehrlich bekennen und darf sich auf keine Halbheiten einlassen.
Wer ein rechter Künder der Frohbotschaft sein will, verlege sich vor allem
darauf, den Sozialisten vor Augen zu führen, wie ihre Forderungen, soweit sie
die Gerechtigkeit für sich haben, aus den Grundsätzen des christlichen Glaubens
eine viel schlagendere Begründung, aus der Kraft christlicher Liebesgesinnung
eine viel machtvollere Förderung erfahren.
117. Wie aber,
wenn in bezug auf Klassenkampf und Sondereigentum der Sozialismus sich wirklich
so weit gemäßigt und geläutert hat, daß dieserhalb nichts mehr an ihm
auszusetzen ist? Hat er damit auch schon seinem widerchristlichen Wesen
entsagt? Das ist die Frage, die viele tiefinnerlichst bewegt. Gerade die vielen
Katholiken aber, die ganz klar sehen, daß eine Preisgabe oder Verwischung
christlicher Grundsätze niemals in Betracht kommen darf, richten ihre fragenden
Blicke auf den Hl. Stuhl und erwarten sehnlichst Unsere Entscheidung, ob ein
solcher Sozialismus von seinen irrigen Aufstellungen so völlig abgegangen sei,
daß er ohne Preisgabe irgendeines christlichen Grundsatzes anerkannt und
sozusagen getauft werden könne. Um diesen Fragestellern gemäß Unserer
väterlichen Hirtensorge Genüge zu tun, erklären Wir: der Sozialismus,
gleichviel ob als Lehre, als geschichtliche Erscheinung oder als Bewegung, auch
nachdem er in den genannten Stücken der Wahrheit und Gerechtigkeit Raum gibt,
bleibt mit der Lehre der katholischen Kirche immer unvereinbarer müßte denn
aufhören, Sozialismus zu sein: der Gegensatz zwischen sozialistischer und
christlicher Gesellschaftsauffassung ist unüberbrückbar.
Gegensatz zur christlichen
Gesellschaftsauffassung
118. Nach
christlicher Auffassung ist der Mensch mit seiner gesellschaftlichen Anlage von
Gott geschaffen, um in der Gesellschaft und in Unterordnung unter die
gottgesetzte gesellschaftliche Autorität52 sich zur ganzen Fülle und
zum ganzen Reichtum dessen, was Gott an Anlagen in ihn hineingelegt hat, zur
Ehre Gottes zu entfalten und durch treue Erfüllung seines irdischen
Lebensberufs sein zeitliches und zugleich sein ewiges Glück zu wirken. Von all
dem weiß der Sozialismus nichts; vollkommen unbekannt und gleichgültig ist ihm
diese erhabene Bestimmung sowohl des Menschen als der Gesellschaft; er sieht in
der Gesellschaft lediglich eine Nutzveranstaltung.
119. Da die
Erzeugung der irdischen Güter arbeitsteilig erfolgreicher vor sich geht, als
wenn jeder für sich allein darin sich versuchen wollte, müsse die Wirtschaft,
die als reines Gütergeschehen aufgefaßt wird, gesellschaftlich betrieben
werden. Um dieser sachlich gegebenen Notwendigkeit willen müßten die Menschen
in bezug auf die Gütererzeugung sich ganz der Gesellschaft hingeben und
unterordnen. Ja, die möglichst beste Versorgung mit all dem, was der
Annehmlichkeit des irdischen Lebens dienen kann, erscheint so sehr als das
höchste aller Güter, daß hier bedenkenlos die höheren Güter des Menschen, nicht
zuletzt das Gut seiner Freiheit, geopfert werden in restloser Unterordnung
unter die Sachnotwendigkeiten der absolut rationalsten Gütererzeugung. Die
Entschädigung für dieses Opfer seiner menschlichen Persönlichkeit im vergesellschafteten
Wirtschaftsprozeß soll der Mensch leicht und reichlich finden in der
überströmenden Güterfülle, die als sein Anteil am Ertrag dieses
vergesellschafteten Wirtschaftsprozesses ihm ausgeschüttet wird, deren er
alsdann, wie immer es ihm beliebt, zur Annehmlichkeit und Verschönerung des
Daseins in voller Freiheit genießen mag. Während so die sozialistische
Gesellschaft auf der einen Seite ohne ein Übermaß von Zwang weder vorzustellen
noch durchzuführen ist, huldigt sie auf der andern Seite einer nicht minder
falschen Freiheitsidee. Echte gesellschaftliche Autorität aber findet in der
sozialistischen Gesellschaft keinen Raum. In Nützlichkeit, im Diesseits kann
wahre Autorität nun einmal nicht gründen: ihr Ursprung ist eben nur in Gott,
dem Schöpfer und letzten Ziel aller Dinge53.
Katholik und Sozialist
unvereinbar
120. Enthält
der Sozialismus - wie übrigens jeder Irrtum - auch einiges Richtige (was die
Päpste nie bestritten haben), so liegt ihm doch eine Gesellschaftsauffassung
zugrunde, die ihm eigentümlich ist, mit der echten christlichen Auffassung aber
in Widerspruch steht. Religiöser Sozialismus, christlicher Sozialismus sind
Widersprüche in sich; es ist unmöglich, gleichzeitig guter Katholik und
wirklicher Sozialist zu sein.
Kultursozialismus
121. Dieses von
Uns hiermit ausdrücklich erneuerte und bestätigte Urteil gilt gleicherweise
auch gegenüber einer neuen Erscheinung im Sozialismus, die früher in dieser
Form unbekannt war, heute aber keineswegs auf eine Richtung innerhalb des
Sozialismus beschränkt ist. Wir meinen den Sozialismus als Bildungs- und
Erziehungsbewegung. Mit aller Macht suchen die sozialistischen Kinderfreunde
schon die zarte Jugend an sich zu ziehen und für sich zu gewinnen. Aber darüber
hinaus soll die Gesamtheit des Volkes erfaßt werden, um den
"sozialistischen Menschen" zu bilden als Träger der sozialistischen
Gesellschaftsordnung.
122. Nachdem
Wir in Unserm Rundschreiben Divini illius Magistri die Grundsätze und Ziele
einer christlichen Erziehung ausführlich entwickelt haben54, liegt die
Unvereinbarkeit der von diesem Bildungs- und Erziehungssozialismus
eingeschlagenen Wege und angestrebten Ziele mit den christlichen Grundsätzen so
klar und offen zutage, daß Wir Uns nicht noch eigens darüber zu verbreiten
brauchen. Aber Größe und Ernst der hier dr6henden Gefahr werden offenbar noch
längst nicht überall gebührend gewürdigt, woher es denn auch vielfach an
entsprechend entschlossenen Gegenmaßnahmen fehlt. Vor dem hier drohenden Unheil
zu warnen ist Pflicht Unseres Hirtenamtes. Möge sich jedermann darüber klar
sein; am Anfang dieses Kultursozialismus steht der Kulturliberalismus; an
seinem Ende steht der Kulturbolschewismus.
Katholiken im Lager des
Sozialismus
123. Nach all
dem begreift Ihr, Ehrwürdige Brüder, die Größe Unseres Schmerzes, sehen zu
müssen, wie - namentlich in einzelnen Ländern - nicht wenige Unserer Söhne, von
deren gläubiger Gesinnung und deren aufrichtig gutem Willen Wir immer noch
überzeugt sein möchten, der Kirche den Rücken gekehrt haben und in den Reihen
des Sozialismus stehen; viele, die sich offen und selbstbewußt Sozialisten
nennen und zu sozialistischen Programmen bekennen; viele auch, die mehr oder
weniger gleichgültig oder selbst widerwillig Verbänden angehören, die
eingestandenermaßen oder doch tatsächlich sozialistisch sind.
124. In der
Bekümmernis Unseres Vaterherzens quält Uns immer wieder die Frage: Wie konnten
sie sich dorthin verirren? Es ist Uns, als vernähmen Wir die Antwort, mit der
viele von ihnen sich rechtfertigen wollen: Kirche und kirchlich Gesinnte
hielten es mit den Besitzenden, kümmerten sich nicht um den Arbeiter und nähmen
sich seiner nicht an; darum müßten die Arbeiter im Sozialismus sich
zusammenschließen, um selbst ihre Sache in die Hand zu nehmen.
125. Gott sei
es geklagt, Ehrwürdige Brüder, wirklich hat es Kreise gegeben und gibt es sogar
heute noch, die sich des katholischen Namens rühmen, bei denen aber jenes
erhabene Gesetz der Gerechtigkeit und Liebe, nach dem wir nicht nur jedem das
Seine zu gewähren haben, sondern der notleidenden Brüder wie Christus des Herrn
selber uns annehmen sollen55, fast völlig dem Bewußtsein entschwunden
ist, ja, was noch ernster zu nehmen, bei denen das Gewissen sogar zu
gewinnsüchtiger Ausbeutung des Arbeiten schweigt. Ja, selbst das findet sich,
daß man gerade die Religion vorzuschützen sucht als Wandschirm, hinter dem man
mit seinen ungerechten Machenschaften sich verstecken und durchaus gerechten
Forderungen der Arbeiterschaft sich entziehen will. Niemals werden Wir davon
ablassen, diesen Leuten auf das ernsteste ins Gewissen zu reden. Sie sind es, die
die Schuld tragen, daß auf die Kirche der falsche Schein und die Verdächtigung
fallen konnte, sie begünstige die Besitzenden und sähe die Leiden und Nöte der
Enterbten dieser Erde teilnahmslos mit an. Wie falsch dieser Schein, wie
ungerecht diese Verdächtigung ist, dafür zeugt die ganze Kirchengeschichte;
wenn aber irgend etwas, dann müßte das Rundschreiben, dessen Jubelfeier Wir
hier begehen, aller Welt sichtbar machen, wie bitteres Unrecht diese
verleumderischen und ehrenkränkenden Anklagen der Kirche antun.
Einladung zur Heimkehr
126. Aber weit
entfernt, im Bewußtsein des Uns angetanen Unrechts in gekränktem Vaterschmerz
diese Unsere Söhne, die so elend in die Irre gingen und jetzt so fern der
Wahrheit und dem Heile sind, von Uns zu weisen und zu verstoßen, rufen Wir sie
mit aller Inständigkeit zum mütterlichen Schoß der Kirche zurück. Möchten sie
auf Unsere Stimme hören. Möchten sie heimkehren ins verlassene Vaterhaus und
ihren Platz einnehmen, wo wirklich ihr Platz ist, in den Reihen derer, die im
engsten Anschluß an die Weisungen, die Leo zuerst erteilt hat und die Wir hier
in feierlicher Weise von neuem als Losung ausgeben, das soziale Reformprogramm
der Kirche verwirklichen, in sozialer Gerechtigkeit und sozialer Liebe die Gesellschaft
zu erneuern! Mögen sie überzeugt sein, daß sie selbst irdisches Glück bei
niemand reichlicher finden werden als bei demjenigen, der "um
unseretwillen arm ward, da er reich war, damit seine Armut unser Reichtum
würde"56, der in Armut und Mühseligkeiten lebte von Jugend an, der
alle "Mühseligen und Beladenen" zu sich einlädt, um sie in der Liebe
seines Herzens zu erquicken57, der endlich ohne Ansehen der Person mehr
fordern wird von dem, dem mehr gegeben ward58, und einem jeden
vergelten wird nach seinen Werken59.
3. Sittliche Erneuerung
127. Tiefere
und eindringendere Betrachtung zeigt klar, daß der so heiß ersehnten Erneuerung
der Gesellschaft eine ganz innerliche Erneuerung im christlichen Geiste voraufgehen
muß, den so viele Menschen im wirtschaftlichen Leben verleugnen. Andernfalls
werden alle Bemühungen vergeblich sein, und das Gebäude wird statt auf
Felsengrund auf flüchtigen Sand gebaut60.
128; Inder Tat,
Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, Wir schauten der heutigen Wirtschaft ins
Gesicht und fanden sie schwer mißbildet. Ebenso hielten Wir von neuem Gericht
über den Kommunismus und Sozialismus und kamen zu der Feststellung, daß auch
ihre genullderten Richtungen vom Gesetz der Frohbotschaft weit abirren.
129. "Soll
daher der menschlichen Gesellschaft geholfen werden"', - das sind Worte
Unseres Vorgängers - "dann wird allein die Erneuerung christlichen Lebens
und christlicher Einrichtungen helfen"61. Sie allein kann der
übertriebenen Sorge um die vergänglichen Güter, die aller Übel Wurzel ist,
wirksam abhelfen; sie allein kann die Menschen, die wie gebannt auf die
Nichtigkeiten des diesseitigen Lebens starren, davon losreißen und ihre Blicke wieder
himmelwärts richten. Und wer möchte leugnen, daß im Augenblick die menschliche
Gesellschaft dieses Heilmittels am meisten bedarf?
Hauptübel des heutigen Zustandes:
das Verderben der Seelen
130. Die
zeitlichen Wirrnisse, Verluste und Verwüstungen nehmen ja alle Gemüter fast
völlig in Anspruch. Und doch, wenn wir, wie gehörig, die Dinge mit christlichen
Augen anschauen, was bedeuten dann alle zusammen gegenüber dem Verderben der
Seelen? Nun können aber die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Verhältnisse der Gegenwart ohne Übertreibung als derartig bezeichnet werden,
daß sie einer ungeheuer großen Zahl von Menschen es außerordentlich schwer
machen, das eine Notwendige, ihr ewiges Heil, zu wirken.
131. Zum Hirten
und Schützer dieser ganzen großen Herde vorn obersten Hirten bestellt, der sie
mit seinem Blute erkauft hat, können Wir diese ihre Gefährdung nicht
teilnahmslos mit ansehen. Nein, im Bewußtsein Unseres Hirtenamtes sinnen Wir
unablässig darüber nach, wie Wir ihnen Hilfe zu bringen vermögen, und rufen
alle zur hingebenden Mitarbeit auf, denen die Rechts- oder Liebespflicht dazu
obliegt. Denn was nützt es den Menschen, durch weisere Nutzung der Erdengüter
sich zu befähigen, die ganze Welt zu gewinnen, wenn sie dabei Schaden leiden an
ihren Seelen62? Was nützt es, sie verläßliche Grundsätze über die
Wirtschaft zu lehren, wenn sie in zügelloser und schmutziger Gier so von der
Selbstsucht sich beherrschen lassen, daß sie "die Gebote Gottes zwar hören,
aber in allem das Gegenteil davon tun"63?
Ursachen dieses Verlustes
132. Tiefste
Ursache dieser Abkehr vom Gesetze Christi in Gesellschaft und Wirtschaft und
des daher rührenden Abfalls so großer Arbeitermassen vom katholischen Glauben
ist die ungeordnete Begierlichkeit in der Menschenbrust, diese traurige Folge
der Erbsünde. Durch die Erbsünde ist ja die ursprüngliche wunderbare Harmonie
der menschlichen Anlagen so gestört, daß der Mensch allzu leicht seinen
ungeordneten Trieben unterliegt und die stärksten Lockungen verspürt, die
hinfälligen Güter dieser Welt den himmlischen und dauerhaften Gütern
vorzuziehen. Daher jene unstillbare Gier nach Reichtum an irdischen Gütern, die
zu allen Zeiten die Menschen zur Übertretung des göttlichen Gesetzes und zur
Verletzung der Rechte des Nebenmenschen verleitet hat, in der heutigen
Wirtschaftsweise aber der menschlichen Schwachheit ganz besonders zahlreiche
Gelegenheiten zum Falle bietet.
Die übermäßige Labilität der
Wirtschaftslage und der ganzen Wirtschaftsverfassung fordert vom
wirtschaftlichen Menschen dauernd die höchste Anspannung seiner Kräfte. Dadurch
sind viele Gewissen so abgestumpft, daß ihnen zum Geldverdienen jedes Mittel
gut genug ist und sie erst recht kein Mittel scheuen, um sich im Besitz des mit
so großen Anstrengungen Erworbenen gegen alle Wechselfälle des wirtschaftlichen
Lebens zu behaupten. Die Leichtigkeit für jedermann, im ungeregelten Markt
Gewinne zu machen, lockt viele zum Handel und Güterumsatz, die nur ein Ziel haben,
möglichst mühelos und bequem zu gewinnen, und zu diesem Ende ohne sachliche
Berechtigung, nur aus Beutegier, die Preise durch wilde Spekulation ruhelos
nach oben und wieder nach unten zu treiben, wodurch alle Berechnungen ernster
Wirtschafter durchkreuzt werden. Die vom Gesetz zur Verfügung gestellten
Rechtsformen für Erwerbsgesellschaften mit ihrer Teilung der Verantwortlichkeit
und ihrer Haftungsbeschränkung haben Anlaß geboten zu sehr üblen Mißbräuchen.
Es zeigt sich, daß die auf diese Weise stark geschwächte Rechenschaftspflicht
nur wenig Eindruck macht. Die schlimmsten Ungerechtigkeiten und Betrügereien
spielen sich ab im Halbdunkel der Anonymität hinter der Fassade einer neutralen
Firma. Verwaltungen von Erwerbsgesellschaften gehen in ihrer Pflichtvergessenheit
bis zur Untreue denen gegenüber, deren Ersparnisse sie zu verwalten haben. An
letzter Stelle ist noch zu nennen die skrupellose, aber wohlberechnete
Spekulation auf die niederen Triebe des Publikums, die man aufstachelt, um an
ihrer Befriedigung zu verdienen.
133. Eine
strenge und feste Handhabung der Wirtschaftsmoral seitens der Staatsgewalt
hätte diese überaus schweren Übelstände fernhalten oder ihnen zuvorkommen
können; daran fehlte es aber allzuoft kläglich. Da die Anfänge der neuen
Wirtschaft gerade in die Zeit fielen, da der Rationalismus die Geister
beherrschte und sich tief in sie eingefressen hatte, entstand bald eine
Wirtschaftswissenschaft, die es unterließ, sich an der wahren Sittennorm zu
orientieren. Das hatte zur Folge, daß den menschlichen Leidenschaften völlig
die Zügel gelockert wurden.
134.
Infolgedessen warfen sich die Menschen in noch viel größerer Zahl als früher
einzig auf den Reichtumserwerb mit allen Mitteln; ihren Eigennutz über alles
stellend und altem andern vorziehend, machten sie sich kein Gewissen aus noch
so schwerem Unrecht gegen andere. Die ersten, die diesen Weg einschlugen, der
zum Verderben führt64, fanden mit Leichtigkeit viele Nachahmer auf
ihrem Wege: ihre augenscheinlichen Erfolge, der Glanz ihres Reichtums, der
Spott, mit dem sie sich über die altväterliche Gewissenhaftigkeit der andern
lustig machten, die Rücksichtslosigkeit, mit der sie über die Leichen minder
skrupelloser Konkurrenten hinwegschritten, alles dies konnte ja seinen Eindruck
nicht verfehlen.
135. Wenn die
Wirtschaftsführer vom rechten Wege abkamen, konnte es kaum ausbleiben, daß auch
die breiten werktätigen Massen den gleichen Weg des Verderbens einschlugen.
Dies um so mehr, als viele Arbeitgeber ihre Arbeiter als bloße Werkzeuge
behandelten, ohne Rücksicht auf ihre Seele, ohne jeden Gedanken an höhere
Dinge. Wahrhaftig, man schaudert bei dem Gedanken an die zahllosen Gefahren,
denen auf der Arbeitsstätte die Sittlichkeit der Arbeiter, namentlich der
jugendlichen, sowie die Frauenehre der jungen Mädchen und übrigen Arbeiterinnen
ausgesetzt sind. Man ist erschüttert angesichts der Erschwerung, die die
heutige Wirtschaftsweise und namentlich die ganz unselige Entwicklung des
Wohnungswesens dem wirtschaftlichen Zusammenhalt und dem menschlichen
Zusammenleben der Familie bereitet. Wie viele Hindernisse für die
Sonntagsheiligung! Schmerzlich anzuschauen die allgemeine Erschlaffung
gläubig-christlichen Sinnes, an dem Einfältige und Ungelehrte eine so erhabene
Lebensweisheit besaßen, und seine Verdrängung durch die eine und einzige Sorge
ums tägliche Brot. So wird der Hände Arbeit, die Gott in seiner väterlichen
Vorsehung auch nach dem Sündenfalle zur leiblichen und seelischen Wohlfahrt der
Menschen bestimmt hatte, weit und breit zur Quelle sittlicher Verderbnis.
Während der tote Stoff veredelt die Stätten der Arbeit verläßt, werden die
Menschen dort an Leib und Seele verdorben.
Heilmittel:
a) Erneuerung der Wirtschaft in
christlichem Geiste
136. Für die
beklagenswerte Verderbnis der Seelen, an der alle Bestrebungen
gesellschaftlicher Erneuerung scheitern müssen, gibt es nur ein wirkliches
Heilmittel: aufrichtige und vollständige Rückkehr zur Heilslehre der
Frohbotschaft, zu den Geboten dessen, der allein Worte des ewigen Lebens
hat65, Worte, die niemals vergehen, wenn auch Himmel und Erde
vergehen". Alle wirklich sachverständigen Sozialreformer erstreben eine
vollkommene Rationalisierung, die die rechte Vernunftordnung des
wirtschaftlichen Lebens wiederherstellt. Aber diese Ordnung, die Wir selbst so
dringend wünschen und eifrig fördern, bleibt ganz und gar unzulänglich und
mangelhaft, wenn nicht alle wirtschaftlichen Betätigungen der Menschen in
Nachahmung der wunderbaren Einheit des göttlichen Weltplanes und, soweit
Menschen dies gegeben ist, zu seiner Verwirklichung freundwillig sich
vereinigen. Wir meinen jene vollkommene Ordnung, die von der Kirche mit aller
Kraft gepredigt, ja schon von der natürlichen Vernunft gefordert wird: alles
auf Gott hingeordnet, das erste und höchste Ziel aller geschöpflichen
Tätigkeit; alles, was nicht Gott ist, bloßes Mittel, das so weit in Anspruch
genommen wird, als es zur Erreichung des letzten Zieles und Endes dienlich ist.
Keineswegs erfährt dadurch die Erwerbstätigkeit eine Minderschätzung, als ob
sie gar der Menschwürde weniger entspräche. Im Gegenteil: wir lernen in ihr den
heiligen Willen Gottes verehren, der den Menschen in diese Welt hin einstellte,
um sie durch Arbeit seinen vielfältigen Lebensbedürfnissen nutzbar zu machen.
Auf ehrliche und rechtschaffene Weise ihren Wohlstand zu mehren, ist denen, die
in der Gütererzeugung tätig sind, mitnichten verwehrt; ja, es ist nur billig
und recht, daß, wer zum Nutzen der allgemeinen Wohlfahrt tätig ist, auch
entsprechend an der gemehrten Güterfülle Anteil habe und zu steigendem
Wohlstand gelange. Nur muß der Erwerb dieser Güter in schuldiger
Unterwürfigkeit unter Gottes Gesetz und ohne Rechtsverletzung gegenüber dem
Nächsten sich vollziehen und ihre Verwendung nach den Grundsätzen des Glaubens
und der Vernunft wohlgeordnet sein. Wollten alle immer und überall sich daran
halten, dann würden bald nicht nur Gütererzeugung und Vermögenserwerb, sondern
auch die heute so häufig ungeordnete Reichtumsverwendung wieder in die rechten
Bahnen kommen. Gegenüber der häßlichen Selbstsucht aber, die so recht der
Schandfleck und die große Sünde unserer Zeit ist, würde mit sanfter Gewalt das
Gesetz christlicher Mäßigung sich durchsetzen, das den Menschen zuerst das
Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen heißt, gewiß, daß Gottes
Freigebigkeit und Verheißungstreue auch die zeitlichen Güter, soviel nötig,
beigeben werde67.
b) Anteil der Liebe
137. Den
Hauptanteil an allem aber muß die Liebe haben, die das Band der Vollkommenheit
ist68. Einer großen Täuschung erliegen daher alle unbesonnenen
Reformer, die einzig bedacht auf Herstellung der Gerechtigkeit - obendrein nur
der Verkehrsgerechtigkeit - die Mitwirkung der Liebe hochmütig ablehnen. Gewiß
kann die Liebe kein Ersatz sein für geschuldete, aber versagte Gerechtigkeit.
Aber selbst wenn der Mensch alles erhielte, was er nach der Gerechtigkeit zu
erhalten hat, bliebe immer noch ein weites Feld für die Liebe: die Gerechtigkeit,
so treu sie auch immer geübt werde, kann nur den Streitstoff sozialer Konflikte
aus der Welt schaffen; die Herzen innerlich zu verbinden vermag sie nicht. Nun
ist aber die innere Gesinnungsverbundenheit unter den Beteiligten die feste
Grundlage aller Einrichtungen zur Sicherung des sozialen Friedens und zur
Förderung der Zusammenarbeit unter den Menschen. Das gilt gerade auch von den
vortrefflichsten Veranstaltungen dieser Art. Ja, die Erfahrung lehrt immer
wieder, daß ohne solche Gesinnungseinheit die weisesten Anordnungen zu gar
nichts nütze sind. Ein wahres Zusammenwirken aller zu dem einen Ziel des
Gemeinwohls ist daher nur dann möglich, wenn die verschiedenen
gesellschaftlichen Gruppen sich ganz durchdringen lassen von dem Bewußtsein
ihrer Zusammengehörigkeit als Glieder einer großen Familie, als Kinder eines
und desselben himmlischen Vaters, wenn sie sich fühlen als ein Leib in Christo,
"einer des andern Glied"69, so daß, "wenn ein Glied
leidet, alle anderen mit ihm Leiden"70. Alsdann werden die
vermögenden und einflußreichen Kreise ihre frühere Gleichgültigkeit gegenüber
ihren weniger mit Erdengütern gesegneten Mitbrüdern in fürsorgliche und tätige
Liebe wandeln; deren gerechtfertigten Ansprüchen werden sie großherzig entgegenkommen;
allenfallsigen Fehlern und Mißgriffen gegenüber werden sie verstehende
Nachsicht üben. Umgekehrt werden die Arbeiter allen Klassenhaß und Klassenneid,
den die Hetzer zum Klassenkampf so geschickt aufzupeitschen verstehen,
aufrichtig ablegen; sie werden den von der göttlichen Vorsehung innerhalb der
menschlichen Gesellschaft ihnen zugewiesenen Platz nicht bloß willig einnehmen,
sondern zu schätzen wissen in dem erhebenden Bewußtsein des Wertes und der
Ehre, die einem jeden zukommen, der an seinem Platze rechtschaffen seinen
Beitrag zum allgemeinen Wohl leistet; ja, sie dürfen sich sagen, in besonderer
Weise demjenigen auf seinem Wege nachzufolgen, der, da er in der Herrlichkeit
Gottes war, Handwerker hier auf Erden sein und für einen Handwerkerssohn gehalten
werden wollte.
Schwere des Werkes
138. Von solch
neuer Ausgießung des Geistes der Frohbotschaft, des Geistes christlicher
Mäßigung und allumfassender Liebe versprechen Wir uns die ersehnte
durchgreifende Erneuerung der menschlichen Gesellschaft in Christus und den
"Frieden Christi im Reiche Christi" wofür Wir mit all Unsern Kräften,
all Unserer Hirtensorge zu arbeiten gleich eingangs Unseres Pontifikates Uns
vorgenommen und zum unverrückbaren Ziel gesetzt haben71. Ihr, Ehrwürdige
Brüder, die Ihr auf Geheiß des Geistes Gottes seine Kirche mit Uns
regieret72, seid in der ganzen Welt, nicht zu vergessen auch in den
Gebieten der Heidenmissionen, Unsere Mitarbeiter zu diesem hohen und heute
besonders notwendigen Ziel mit einem Eifer, der höchste Anerkennung verdient.
Verdientes Lob und Anerkennung sei Euch und allen, Geistlichen und Laien, die
Wir mit großer Freude als Euere täglichen Mitarbeiter und tatkräftigen Helfer
am Werke sehen, Unsere geliebten Söhne in der Katholischen Aktion, die mit
besonderem Eifer die soziale Frage bearbeiten, soweit die Kirche kraft ihrer
göttlichen Stiftung die Zuständigkeit dafür besitzt und die Verantwortung dafür
trägt. Sie alle ermahnen Wir unablässig im Herrn, keine Mühe zu scheuen, durch
keine Schwierigkeiten sich abschrecken zu lassen; mögen sie von Tag zu Tag an
Stärke wachsen und in Tatkraft wirken73. Wahrhaftig, schwer ist die
Aufgabe, zu der Wir sie aufrufen; wohl bewußt ist es Uns, wie viele Hindernisse
von beiden Seiten, von den höheren und von den niederen Gesellschaftskreisen
her sich in den Weg stellen und überwunden werden müssen. Sie sollen den Mut
nicht sinken lassen: Christenart ist es, sich dahin zu stellen, wo der Kampf am
heißesten tobt; schwere Mühen sind der Anteil derer, die als Christi tapfere
Kriegsmannen74 seine engste Gefolgschaft bilden wollen.
139. Im
Vertrauen auf die allmächtige Hilfe dessen, der "will, daß alle Menschen
selig werden"75, soll es an uns nicht fehlen, den
bemitleidenswerten gottentfremdeten Seelen nach besten Kräften zu Hilfe zu
kommen, sie von der Verstrickung in zeitliche Sorgen zu lösen, und sie wieder
zu lehren, hoffnungsfreudig nach den ewigen Gütern zu trachten. Nicht selten
wird dies leichter gelingen, als auf den ersten Blick zu erwarten schien. Wenn
selbst in den Herzensfalten auch des tiefst gesunkenen Menschen, dem glimmenden
Funken unter der Asche gleich, sich der geheimnisvolle Zug zu Gott verbirgt,
ein untrüglicher Beweis der von Hause christlichen Seele, wieviel mehr dann in
den Kerzen all der vielen, die mehr aus Unwissenheit und infolge ungünstiger
Umstände in die Irre gegangen sind!
140.
Verheißungsvoll. Anzeichen einer Erneuerung der Gesellschaft sind die
Arbeiterverbände. Zu Unserer größten Freude erblicken Wir in ihren Reihen auch
die festgefügten Sturmtrupps der werktätigen Jugend, die dem Rufe der
göttlichen Gnade willig Folge leistet und mit bewundernswertem Eifer ihre
Berufs- und Altersgenossen für Christus zu gewinnen strebt. Keine geringere
Anerkennung verdienen die Arbeiterführer, die uneigennützig nur auf das Wohl
ihrer Berufsgenossen bedacht, in geschickter Weise deren berechtigte Ansprüche
mit dem Wohlergehen des ganzen Berufstandes in Einklang zu setzen verstehen und
beide zugleich zu fördern beflissen sind, wobei sie weder durch sachliche
Schwierigkeiten noch durch persönliche Verdächtigungen sich von ihrer ungemein
bedeutsamen Aufgabe abbringen lassen. Auch in den Kreisen derer, denen durch
Bildung und Besitz einflußreiche Stellungen im gesellschaftlichen Leben sicher
sind, sieht man den jungen Nachwuchs vielfach den Fragen des
Gesellschaftslebens mit großem Ernst sich zuwenden, um, wie hiernach zu hoffen
steht, sich einmal mit ganzer Kraft der Erneuerung der Gesellschaft anzunehmen.
Einzuschlagender Weg
141. So lassen
die Gegenwartsverhältnisse, Ehrwürdige Brüder, bereits ganz klar den
einzuschlagenden Weg erkennen. Uns steht heute wie es auch schon trüber mehr
als einmal in der Kirchengeschichte der Fall war - eine Welt gegenüber, die
großenteils ins Heidentum zurückgefallen ist. Um so weite Gesellschaftskreise
nach ihrem Abfall von Christus wieder zu Christus zurückzuführen, braucht es
eine Auslese wohl ausgebildeter Laienhelfer aus ihrer eigenen Mitte, die mit
ihrer ganzen Denkweise und Willensrichtung aufs genaueste vertraut sind und in
brüderlich freundwilliger Gesinnung den Weg zu ihren Herzen finden. Die ersten
und nächsten Apostel unter der Arbeiterschaft müssen Arbeiter sein; ebenso
müssen die Apostel für die Welt der Industrie und des Handels aus dieser selbst
hervorgehen.
142. Solche
Laienapostel der Arbeiterschaft wie der Unternehmerkreise mit Eifer zu suchen,
mit Klugheit auszuwählen, gründlich auszubilden und zu schulen, das ist,
Ehrwürdige Brüder, an erster Stelle Euere und Eueres Klerus Aufgabe. Gewiß ist
es ein schweres Stück Arbeit, das hier dem Priester zugemutet wird. Darum muß
der ganz priesterliche Nachwuchs durch angestrengtes Studium der Gese1lschaftswissenschaften
eine gediegene Ausrüstung dazu erhalten. Diejenigen aber, die Ihr eigens für
dieses Arbeitsfeld freistellt, müssen die unbedingte Gewähr hochentwickelten
Gerechtigkeitssinnes und Mutes bieten, um jedwedem, der ungerechtfertigte
Ansprüche stellt oder ungerechte Machenschaften sich erlaubt, mit
Entschiedenheit entgegenzutreten; sie müssen sich auszeichnen durch Klugheit
und Maßhaltung, die sie vor der Gefahr des Radikalismus nach der einen oder
anderen Seite hin bewahrt: sie müssen vor allem ganz erfüllt und durchdrungen
sein von der Liebe Christi, der allein es gegeben ist, mit unwiderstehlicher
und doch sanfter Gewalt Herz und Sinn der Menschen dem Gesetz der Gerechtigkeit
und Billigkeit geneigt zu machen. Das ist der einzuschlagende Weg: vielfältige
Erfahrung der Vergangenheit hat ihn erprobt: jetzt darf es kein Zögern mehr
geben, sondern nur noch ein mutiges Voranschreiten!
143. Unsere zu
einer so hohen Aufgabe erwählten Söhne aber beschwören Wir im Herrn, mit ganzem
Eifer der Heranbildung der ihnen anbefohlenen Laienapostel obzuliegen. Bei
diesem hervorragend priesterlichen und apostolischen Werk mögen sie die Kraft
christlicher Erziehungskunst sich auswirken lassen in Unterweisung der Jugend,
durch Gründung katholischer Vereine, durch Veranstaltungen zur Vertiefung des
Wissens nach Maßgabe der Glaubensgrundsätze. Vor allem mögen sie das kostbare
Werkzeug zur inneren Erneuerung der einzelnen und der Gesellschaft hochschätzen
und zum Nutzen ihrer Anbefohlenen fleißig benutzen, das Wir in Unserm
Rundschreiben Mens Nostra76 in den "Geistlichen Übungen"
bezeichnet haben. Wir haben dort die Geistlichen Übungen nicht nur im
allgemeinen für Laien empfohlen, sondern ausdrücklich den Nutzen besonderer
Arbeiterexerzitien hervorgehoben und dringend zu solchen aufgefordert. In
dieser Geistesschule werden nicht nur vortreffliche Christen, sondern auch
wahre Apostel für alle Lebensverhältnisse gebildet und mit dem Feuer erfüllt,
das im Herzen Jesu brennt. Wie am ersten Pfingstfest die Apostel aus dem
Abendmahlssaale, so werden auch aus dieser Geistesschule Männer hervorgehen,
stark im Glauben, unüberwindlich standhaft in der Verfolgung, voll glühenden
Eifers für das Reich Christi und seine immer weitere Ausbreitung.
144. Gerade
jetzt tun solch wackere Streiter Christi not, um die Menschheit vor dem
namenlosen Unheil zu bewahren, du ihr droht, wenn eine Gestaltung der Dinge
sich durchsetzen sollte - allen Lehren der Frohbotschaft zum Trotz, bei der alles
natürliche und göttliche Recht mit Füßen getreten wird. Die Kirche Christi, auf
den unerschütterlichen Felsen gegründet, hat für sich selbst nichts zu
fürchten, da sie gewiß weiß, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen
werden77; ja, die Erfahrung der Jahrhunderte beweist ihr, daß sie aus
den schwersten Stürmen nur gestärkt und in neuem Glanze strahlend hervorgeht.
Aber ihr mütterliches Herz muß zittern bei dem Gedanken an das maßlose Leid,
wovon während eines solchen Sturmes so viele Menschen betroffen würden, und
besonders an das furchtbare Verderben, das so viele durch Christi Blut erkaufte
Seelen in die Gefahr brächte, ewig verlorenzugehen.
145. Nichts
darf daher unversucht bleiben, um solches Unheil von der menschlichen
Gesellschaft fernzuhalten; hierauf müssen alle Anstrengungen, alle
Veranstaltungen, hierauf muß unser anhaltendes und heißes Gebet sich
vereinigen. Mit Gottes Hilfe liegen ja die Geschicke der Menschheit in unsern
Händen.
146. Lassen wir
nicht zu, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, daß die Kinder dieser Welt sich
klüger erweisen als wir, die wir durch Gottes Güte Kinder des Lichtes
sind78. Jene sehen wir nach wohlüberlegtem Plan eine Auslese
entschlossener Anhänger schulen, um durch sie ihre falschen Ideen in alle
Kreise, in alle Länder tragen und Tag um Tag weiter verbreiten zu lassen. Und
jedesmal, wenn es einen Hauptansturm auf die Kirche Christi gilt, sehen wir sie
alle inneren Streitigkeiten zurückstellen, eine geschlossene Angriffsfront
bilden und alle Kräfte vereint einsetzen, um ihr Ziel zu erreichen.
Einheit und Einigkeit
147. Gewiß kann
niemand die großen Leistungen verkennen, die der unermüdliche Eifer der
Katholiken aufzuweisen hat, sowohl auf gesellschaftlichem und wirtschaftlichem,
als auf schulisch cm und kirchlichem Gebiet. Aber alle diese bewundernswerte
und hingebungsvolle Arbeit hat oft nicht den entsprechenden Erfolg wegen
übermäßiger Zersplitterung der Kräfte. Darum mögen alle, die guten Willens
sind, alle die unter Führung der Hirten der Kirche diesen guten und friedlichen
Kampf für die Sache Christi bestehen wollen, mögen alle, von der Kirche geführt
und belehrt, sich zusammenschließen zur Erneuerung der menschlichen
Gesellschaft im christlichen Geiste, wie sie Leo XIII. durch sein herrliches
Rundschreiben Rerum novarum eingeleitet hat. Jeder wolle nach seiner Begabung,
nach seinen Kräften, nach seinen Lebensverhältnissen das Seine dazu beitragen;
nicht sich und seinen Vorteil suchen, sondern nur die Sache Jesu
Christi79, nicht die eigene Meinung um jeden Preis durchsetzen wollen,
sondern bereit sein, selbst die eigene bessere Meinung zurücktreten zu lassen,
wenn das höhere Gut des allgemeinen Wohles dieses Opfer erheischt; auf daß in
allem und über alles Christus herrsche, Christus gebiete, dem Ehre und Ruhm und
Macht sei in Ewigkeit80.
148. Daß dies
geschehe, dazu erteilen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, Euch
allen, die ihr Glieder der großen, vom Herrn Uns anvertrauten Familie der
Katholischen Kirche seid, in besonderer Liebe Unseres Herzens aber den
Arbeitern und allen übrigen mit ihrer Hände Arbeit Werktätigen, die von der
göttlichen Vorsehung Uns ganz besonders anbefohlen sind, sowie den christlichen
Arbeitgebern und Unternehmern in väterlichem Wohlwollen den Apostolischen
Segen.
Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter,
am 15. Mai 1931, im zehnten Jahre
Unseres Pontifikates.
Pius XI., Papst
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