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Pius XII
Mediator Dei

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I. Wesen, Ursprung und Entfaltung der Liturgie

 

221. Die erste Pflicht des Menschen ist es zweifelsohne, sich und sein Leben auf Gott hinzuordnen. „Er ist es, dem wir als unserem ewigen Urgrund vor allem verbunden sein müssen, auf den als letztes Ziel auch unsere Wahl immerfort zu richten ist, den wir verlieren, wenn wir ihn in der Sünde hintansetzen, und den wir durch den Glauben und das Bekenntnis des Glaubens wieder gewinnen müssen10Der Mensch ist aber richtig auf Gott hingeordnet, wenn er dessen höchste Majestät und Lehrgewalt anerkennt, wenn er die von Gott geoffenbarten Wahrheiten bereitwillig aufnimmt, wenn er die von ihm erlassenen Gesetze in gläubiger Unterwerfung beobachtet, wenn er sein ganzes Tun auf ihn ausrichtet, wenn er, um es kurz zu sagen, durch die Tugend der Gottesverehrung dem einen und wahren Gott den gebührenden Kult und die gebührende Hingabe erweist.

222. Wenn diese Aufgabe in erster Linie den Einzelmenschen verpflichtet, so obliegt sie doch auch der ganzen durch soziale Bindungen gebildeten Menschengemeinschaft, da diese gleicherweise von Gottes höchster Autorität abhängt.

223. Dabei ist zu beachten, daß jene Pflicht die Menschen noch in besonderer Weise bindet, weil sie Gott nämlich zur übernatürlichen Ordnung erhoben hat.

Wenn wir deshalb Gott als Gesetzgeber des Alten Bundes betrachten, so sehen wir, wie er auch über die sakralen Riten Vorschriften erläßt und genaue Richtlinien gibt, die das Volk bei dem ihm zu erweisenden gesetzmäßigen Kult einhalten soll. Er verordnete dementsprechend verschiedene Opfer und verschiedene Zeremonien zur Darbringung der ihm geweihten Gaben; alles bestimmte er genau, was die Bundeslade, den Tempel und die Festtage betraf. Er setzte einen Priesterstamm und einen Hohenpriester ein; sogar die Gewänder, welche die Kultdiener tragen sollten, bestimmte und beschrieb er, und was sonst noch zum Gottesdienst gehörte11

224. Indessen war dieser Gottesdienst nur ein schattenhaftes Bild12jenes Kultes, den der Hohepriester des Neuen Bundes dem himmlischen Vater erweisen sollte.

Kaum nämlich ist das Wort Fleisch geworden13als es auch schon mit dem Priesteramt bekleidet sich der Welt offenbart, indem es sich dem Ewigen Vater unterwirft und diese Unterwerfung sein ganzes Leben hindurch ununterbrochen fortsetzt  Beim Eintritt in die Welt spricht Christus: ... Siehe ich komme . . . Deinen Willen, O Gott, zu erfüllen . . .14und im blutigen Kreuzesopfer hat er dies wunderbar erfüllt : Kraft dieses Willens sind wir ein für allemal geheiligt durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi15Sein tatenreiches Menschendasein strebt diesem einen Ziele zu. Als kleines Kind wird er im Tempel zu Jerusalem dem Herrn dargestellt; als Knabe begibt er sich wieder dorthin; später betritt er den Tempel immer und immer wieder, um das Volk zu lehren und dort zu beten. Bevor er seine öffentliche Tätigkeit beginnt, beobachtet er ein vierzigtägiges Fasten; durch seinen Rat und sein Beispiel mahnt er alle, ihre Bitten bei Tag und bei Nacht an Gott zu richten. Er, der Lehrer der Wahrheit, erleuchtet jeden Menschen16 damit die Sterblichen den unsichtbaren Gott gebührend anerkennen und nicht Söhne feigen Versagens seien zu ihrem Verderben, sondern Kinder des Glaubens, durch den das Leben gewonnen wird17Als Hirt leitet er seine Herde, führt sie auf die Weide des Lebens und erläßt sein Gesetz so, daß niemand von ihm und dem rechten Wege, den er weist, sich abbringen lasse, sondern alle unter dem Hauch seines Geistes und in seiner Kraft heilig leben. Beim letzten Abendmahle begeht er in feierlicher Form das neue Pascha, dessen Fortbestand er durch die Einsetzung der heiligen Eucharistie sichert; am folgenden Tag bringt er, zwischen Himmel und Erde schwebend, das heilbringende Opfer seines Lebens dar und läßt seiner durchbohrten Brust gleichsam die Sakramente entströmen, die den Menschen die Schätze der Erlösung zuführen sollen. Bei alledem schaut er einzig auf die Ehre seines himmlischen Vaters und darauf, die Menschen mit immer größerer Heiligkeit zu erfüllen.

225. Nach seinem Einzug in die ewige Herrlichkeit will er, daß der Gottesdienst, den er im Laufe seines irdischen Lebens eingesetzt und ausgeübt hat, ununterbrochen weiterbestehe. Denn er überläßt die Menschheit keineswegs hilflos sich selbst, sondern wie er ihr durch seinen mächtigen und lebendig gegenwärtigen Schutz immerfort beisteht, indem er des Amtes eines Fürsprechers beim Vater waltet18kommt er ihr auch zu Hilfe durch seine Kirche, in der seine göttliche Gegenwart durch die Jahrhunderte fortdauert, die er zur Säule der Wahrheit19und Spenderin der Gnade bestimmt und durch sein Kreuzesopfer gegründet, geheiligt und auf ewige Zeiten gefestigt hat20

226. Die Kirche hat daher Zweck, Aufgabe und Amt gemeinsam mit dem menschgewordenen Gottessohn; sie hat alle die Wahrheit zu lehren, die Menschen richtig zu lenken und zu leiten, Gott ein wohlgefälliges Opfer darzubringen und so jene wunderbare Zusammengehörigkeit und Eintracht zwischen Gott dem Schöpfer und den geschaffenen Dingen wiederherzustellen, die der Völkerapostel mit folgenden Worten anschaulich umschreibt: So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und Beisassen, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, auferbaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei der Eckstein Jesus Christus selbst ist. In ihm ist der ganze Bau fest zusammengefügt und wächst empor zu einem heiligen Tempel im Herrn, in dem auch ihr miterbaut werdet zu einer Wohnung Gottes im Geiste21Deshalb zielt die vom göttlichen Erlöser gestiftete Gesellschaft mit ihrer Lehre und Leitung, dem von ihm eingesetzten Opfer und den von ihm gestifteten Sakramenten, mit der von ihm überkommenen Verwaltung und dem von ihr verströmten Gebet und Blut nur auf das eine hin, daß sie täglich sich weite nach außen und innerlich zusammenwachse; das wird auch erreicht, wenn Christus in den Menschenseelen Leben gewinnt und sich entfaltet, und umgekehrt die Menschenseelen durch Christus gleichsam auferbaut werden und wachsen; so daß in der irdischen Verbannung der heilige Tempel sich täglich weiter wölbt, in dem der göttlichen Majestät die rechte und ihr wohlgefällige Verehrung gezollt wird.

227. Deshalb ist in jeder liturgischen Handlung zugleich mit der Kirche ihr göttlicher Stifter zugegen. Zugegen ist Christus im hochheiligen Opfer des Altares, in der Person des seine Stelle vertretenden Priesters und vor allem unter den eucharistischen Gestalten. Zugegen ist er in den Sakramenten durch die Kraft, die er ihnen zuströmen läßt als den Werkzeugen der Heiligung. Zugegen ist er endlich im Lob Gottes und im Bittgebet, gemäß dem Worte: Wo nämlich zwei oder drei in meinem Namen vereint sind, bin ich mitten unter ihnen22

228. Die heilige Liturgie bildet folglich den öffentlichen Kult, den unser Erlöser, das Haupt der Kirche, dem himmlischen Vater erweist und den die Gemeinschaft der Christgläubigen ihrem Gründer und durch ihn dem Ewigen Vater darbringt; um es zusammenfassend kurz auszudrücken: sie stellt den gesamten öffentlichen Gottesdienst des mystischen Leibes Jesu Christi dar, seines Hauptes nämlich und seiner Glieder.

229. Die liturgische Betätigung nahm ihren Anfang, sobald die Kirche von Gott gegründet war. Die Christen der Urkirche, so heißt es ja, verharrten in der Lehre der Apostel, in der brüderlichen Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet23Wo es den Hirten gelingt, eine Gemeinschaft von Gläubigen zu sammeln, dort errichten sie den Altar, auf dem sie das Opfer darbringen und um den alle übrigen Riten sich ranken, damit sich die Menschen durch sie heiligen und Gott die ihm gebührende Ehre erweisen. Unter diesen Riten nehmen die erste Stelle ein die Sakramente, die sieben Hauptquellen des Heils; dann der Lobpreis Gottes, mit dem die Christen auch als Gemeinschaft der Mahnung des Apostels Paulus gehorchen: Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit. Singt Gott dankbaren Herzens Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder24Weiter die Lesung aus dem Gesetz und den Propheten, aus den Evangelien und den Briefen der Apostel, und endlich die Homilie oder Predigt, wodurch der Vorsteher der Gemeinde die Vorschriften des göttlichen Meisters in Erinnerung ruft und sodann nutzbringend erklärt, wichtigere Begebenheiten aus dem Leben Christi erwähnt und den Anwesenden geeignete Mahnungen und Beispiele vorlegt.

230. Je nach den Umständen und den Bedürfnissen der Christen wird der Gottesdienst veranstaltet, ausgebaut und mit neuen Riten, Zeremonien und Gebetsformen bereichert, immer zu dem Zwecke, „daß wir durch jene Sinnbilder uns selbst anspornen und innewerden, wieviel Fortschritt wir gemacht haben, und zu dessen Förderung uns entschieden aneifern denn die Wirkung wird um so wertvoller sein, je stärker der Eifer ist, der ihr vorausgeht25So erhebt sich das Gemüt beschwingter und leichter zu Gott, und das Priestertum Jesu Christi lebt und wirkt jederzeit durch alle Jahrhunderte hindurch, da die heilige Liturgie nichts anderes ist als die Ausübung dieses Priesteramtes. Wie ihr göttliches Haupt, so ist die Kirche ihren Kindern immerfort gegenwärtig, sie hilft ihnen, mahnt sie zu einem heiligen Leben, damit sie einmal mit dieser übernatürlichen Zier geschmückt zum himmlischen Vater zurückkehren. Die zum irdischen Leben Gebotenen bereichert sie in einer Art von Wiedergeburt mit dem übernatürlichen Leben; für den Kampf gegen den unversöhnlichen Feind stärkt sie dieselben mit der Kraft des Heiligen Geistes; sie ruft die Christen zu den Altären, eifert sie durch wiederholte Einladung an zur andächtigen Feier des eucharistischen Opfers und nährt sie mit der Engelspeise, damit sie immer mehr erstarken; die durch die Sünde Verwundeten und Befleckten söhnt sie aus mit Gott und tröstet sie; die unter dem Antrieb der Gnade zum Priestertum Berufenen weiht sie mit dem rechtmäßigen Ritus. Die aber zur Gründung und zum Aufbau einer christlichen Familie bestimmt sind, deren reine Ehe unterbaut sie mit himmlischen Gnadenpfändern. Nachdem sie endlich für die letzte Stunde des irdischen Daseins durch die eucharistische Wegzehrung und die Heilige Ölung Mut und Kraft verliehen, begleitet sie die sterblichen Überreste ihrer Kinder in liebevoller Gesinnung zu Grabe, bestattet sie ehrfürchtig und stellt sie unter den Schutz des Kreuzes, damit sie einstens nach siegreicher Überwindung des Todes auferstehen. Aber auch jene, die zur Erreichung der religiösen Vollkommenheit sich ganz dem Dienste Gottes weihen, segnet sie mit feierlichem Segen und Gebet. Schließlich reicht sie den Seelen im Fegfeuer, die ihre Fürbitte anrufen, ihre hilfreiche Hand, um sie glücklich der ewigen Seligkeit zuzuführen.

231. Der gesamte Kult, den die Kirche Gott darbringt, muß äußerlich und innerlich sein. Äußerlich, weil es so das Wesen des aus Leib und Seele zusammengesetzten Menschen verlangt; dann weil es von Gott so gefügt ist, daß „dieweil wir Gott mit leiblichem Auge erkennen, er in uns die Liebe zum Unsichtbaren entflammt26ferner liegt es in unserer Natur, daß alles Seelische sich sinnenhaften Ausdruck gibt; weiterhin ist die Gottesverehrung nicht nur Sache der Einzelnen, sondern ebenso der menschlichen Gemeinschaft und muß deshalb sozialen Charakter tragen, was sie nicht kann, wenn nicht auch der Bereich des Religiösen äußere Bindungen und Kundgebungen kennt. Endlich offenbart das Sinnenfällige in besonderer Weise die Einheit des mystischen Leibes und stellt sie ins rechte Licht, spornt dessen heiligen Eifer an, stärkt seine Kraft und erhöht sein Wirken. „Denn wenn auch die Zeremonien aus sich selbst keine Vollkommenheit und Heiligkeit beinhalten, so sind sie  doch äußere religiöse Akte, durch die der Geist wie durch Zeichen zur Verehrung alles Heiligen angeeifert, der Sinn zum Himmlischen emporgehoben, die Frömmigkeit genährt und die Liebe entflammt wird; durch sie wächst der Glaube und wird die Andacht vertieft; durch sie werden die weniger Gebildeten unterrichtet, der Gottesdienst verschönert, die Religion erhalten und die wahren Gläubigen von den unechten Christen und Irrgläubigen unterschieden27

232. Jedoch ist das Hauptgewicht bei der Gottesverehrung auf das Innere zu verlegen. Wir müssen immer in Christus leben und uns ihm ganz hingeben, damit in ihm, mit ihm und durch ihn dem himmlischen Vater die gebührende Ehre erwiesen werde. Die heilige Liturgie verlangt aber, daß die beiden Elemente aufs engste miteinander verknüpft seien; sie selbst wird nicht müde, das immer und immer wieder zu empfehlen, sooft sie nämlich einen äußeren Akt religiösen Kultes vorschreibt. So mahnt sie uns z. B. beim Fasten, „unser sittliches Verhalten möge das, wovon es nach außen Zeugnis gibt, in unserem Innern verwirklichen28Sonst wird die Religion zweifelsohne zum leeren Ritus und reinen Formalismus. Wie euch, ehrwürdige Brüder, bekannt ist, hält der göttliche Meister jene des Gotteshauses für unwürdig und möchte sie aus ihm entfernt wissen, die vermeinen, sie könnten allein schon mit klangvollen schönen Stimmen nach Art der Schauspieler Gott verehren, und die sich einbilden, für ihr ewiges Heil ordentlich Sorge zu tragen, auch wenn sie ihre tief eingewurzelten Fehler nicht mit der Wurzel ausrotten29Die Kirche wünscht also, daß alle Christgläubigen sich zu den Füßen des Erlösers niederwerfen, um ihm ihre Verehrung und Liebe zu erzeigen; sie wünscht, daß die Scharen nach dem Beispiel der Jugend, die Christus bei seinem Einzug in Jerusalem mit Freudengesang entgegenzog, lobsingen und dem König der Könige, dem höchsten Geber aller Güter Jubellieder ertönen lassen und Danksagung darbringen; daß ihren Lippen Gebete entströmen, Bittgebete und froher Lobpreis, durch die sie wie die Apostel am See Genesareth seine barmherzige und allmächtige Hilfe anrufen; oder daß sie, wie Petrus auf dem Berge Tabor vom Lichtglanz und der Wonne seliger Beschauung hingerissen, sich und das Ihrige dem Ewigen Gott anheimstellen.

233. Daher haben jene vom wahren Begriff und Sinn der heiligen Liturgie entschieden eine falsche Vorstellung, die unter ihr nur den äußeren und sinnfälligen Teil des Gottesdienstes oder etwa eine würdige Aufmachung von Zeremonien verstehen. Und ebenso gehen jene fehl, die sie nur für eine Sammlung von Gesetzen und Vorschriften halten, wonach die kirchliche Hierarchie die heiligen Riten regelt.

Es muß allen eine Selbstverständlichkeit sein, daß Gott nicht würdig verehrt werden kann, wenn nicht Geist und Herz zur Vollkommenheit angeeifert werden, und daß der Kult, den die Kirche in Einheit mit ihrem göttlichen Haupt Gott darbringt, die höchste Wirkkraft zur Weckung wahrer Heiligkeit in sich birgt.

234. Diese Wirkkraft kommt, wo es sich um das eucharistische Opfer und die Sakramente handelt, vor allem und an erster Stelle ex opere operato (aus der heiligen Handlung selbst). Wenn wir hingegen die Funktionen der unversehrten Braut Jesu Christi ins Auge fassen, wodurch sie mit Gebeten und heiligen Zeremonien das eucharistische Opfer und die Sakramente umrankt, oder wenn die Rede ist von den Sakramentalien und den übrigen Riten, die von der kirchlichen Hierarchie angeordnet sind, so kommt die Wirkkraft vor allem ex opere operantis Ecclesiae (aus der Handlung als einer Handlung der Kirche), insofern sie heilig ist und in engster Verbindung mit ihrem Haupte wirkt.

235. In diesem Zusammenhang möchten Wir, ehrwürdige Brüder, eure Aufmerksamkeit auf jene neue Theorie der christlichen Frömmigkeit hinlenken, die man „objektive“ (sachliche) Frömmigkeit nennt; während diese Theorie das Geheimnis des Mystischen Leibes, die wahrhaft heiligende Wirkkraft der Gnade sowie die göttliche Wirkung der Sakramente und des eucharistischen Opfers klar herausstellt, scheint sie dahin zu zielen, die „subjektive“ oder „persönlicheAndacht herabzumindern oder ganz zu übersehen.

In den liturgischen Feiern und besonders im hochheiligen Opfer des Altares wird das Werk unserer Erlösung weitergeführt und seine Frucht uns zugewendet. Christus wirkt in den Sakramenten und in seinem Opfer tagtäglich unser Heil; durch sie entsühnt er jederzeit die Menschheit und weiht sie Gott. Sie besitzen also eine „objektive“ (in ihnen selbst liegende) Kraft, die unseren Seelen das göttliche Leben Jesu Christi tatsächlich mitteilt. Also nicht aus unserer, sondern aus Gottes Kraft wohnt ihnen jene Wirksamkeit inne, welche die gläubige Gesinnung der Glieder mit jener des Hauptes verbindet und sie gewissermaßen zur Haltung der ganzen Gemeinschaft macht. Aus diesen scharfsinnigen Gedankengängen schließen manche, die ganze christliche Frömmigkeit müsse im Geheimnis des Mystischen Leibes Christi ihren Bestand haben ohne „persönliche“ oder „subjektiveBeziehung; und sie sind sogar der Meinung, die übrigen religiösen Übungen, die nicht eng mit der heiligen Liturgie verbunden sind und sich außerhalb des öffentlichen Kultes vollziehen, seien hintanzusetzen.

So richtig nun die oben dargelegten Grundsätze sind, die Schlußfolgerungen bezüglich der beiden Arten von Frömmigkeit erkennt jedermann als irreführend, verfänglich und sehr verderblich.

236. Gewiß ist daran festzuhalten, daß die Sakramente und das Meßopfer eine durchaus innere Kraft in sich bergen, weil sie eben Handlungen Christi sind, welche die Gnade des göttlichen Hauptes den Gliedern des Mystischen Leibes zuleiten und zuteilen; damit sie aber die entsprechende Wirksamkeit haben, muß notwendig von unserer Seite die richtige seelische Verfassung dazukommen. Deshalb mahnt der Apostel Paulus bezüglich der Eucharistie : So prüfe sich denn der Mensch, und dann esse er von dem Brot und trinke aus dem Kelch30Deshalb nennt die Kirche alle Übungen, durch die besonders während der Fastenzeit unser Inneres geläutert wird, „Wachtpostendienst des christlichen Kampflebens31sind sie doch tatkräftige Bemühungen der Glieder, die auf Anregung und mit Hilfe der Gnade ihrem göttlichen Haupt anhangen wollen, damit, wie Augustinus sagt, „uns in unserem Haupte die Quelle der Gnade selbst erscheine32Aber wohlgemerkt, diese Glieder leben und sind mit eigenem Verstand und freiem Willen begabt; deshalb müssen sie unbedingt selber die Lippen an die Quelle legen, die lebenspendende Nahrung aufnehmen und in sich umwandeln sowie alles ausstoßen, was der Wirksamkeit dieser Nahrung hinderlich sein könnte. Es gilt also: das Erlösungswerk, das in sich etwas von unserem Willen Unabhängiges ist, verlangt unser inneres Mittun, damit wir das ewige Heil erlangen können.

237. Wenn die private und persönliche Frömmigkeit der einzelnen das heilige Meßopfer und die Sakramente vernachlässigt und sich der heilbringenden Kraft entzieht, die vom Haupt in die Glieder strömt, so wird sie zweifelsohne eine verwerfliche und unfruchtbare Sache sein. Wenn aber alle mit der Liturgie nicht eng verbundenen Weisungen und Übungen der Frömmigkeit sich gerade deshalb mit den menschlichen Handlungen befassen, um sie auf den himmlischen Vater hinzurichten, die Menschen heilsam zur Buße und heiligen Gottesfurcht anzueifern, sie von den Verlockungen der Welt und Sünde hinweg und auf steilem Pfade glücklich zum Gipfel der Heiligkeit zu führen, so sind sie wahrlich nicht nur höchsten Lobes würdig, sondern einfachhin notwendig, weil sie nämlich die Gefahren des geistlichen Lebens aufdecken, uns zur Tugendhaftigkeit erziehen und jenes lebendige Streben in uns stärken, wodurch wir uns und all das Unsrige dem Dienste Jesu Christi weihen sollen.

238. Die echte und wahre Frömmigkeit, die der engelgleiche Lehrerdevotio, Hingabenennt und die der hauptsächlichste Akt ist, - durch den wie von selbst im Menschenleben Ordnung und zwar Hinordnung auf Gott geschaffen wird, und durch den die Menschen sich bereitwillig all dem hingeben, was die Gottesverehrung in sich begreift33diese echte Frömmigkeit also bedarf der Betrachtung der übernatürlichen Welt sowie der geistlichen Übungen, damit sie genährt und lebendig erhalten werde, damit sie kräftig sei und uns zu höherer Vollkommenheit ansporne. Die christliche Religion verlangt nämlich, richtig gepflegt, daß vor allem der Wille Gott geweiht werde und mit seiner Kraft auf die übrigen Seelenfähigkeiten einwirke. Nun aber setzt jeder Willensakt Verstandestätigkeit voraus; und bevor das Verlangen und der Vorsatz zustande kommen, sich dem ewigen Gott durch das Opfer zu weihen, ist die Erkenntnis der Tatsachen und Wahrheiten, welche die Gottesverehrung zur Pflicht machen, unbedingt erfordert; dazu gehören z. B. das letzte Ziel des Menschen und die Erhabenheit der göttlichen Majestät, die Pflicht der Unterwerfung unter den Schöpfer, sodann die unergründlichen Schätze der Liebe, mit denen Gott uns zu bereichern wünscht, die Notwendigkeit des übernatürlichen Lebens zur Erreichung des uns gesteckten Zieles und jener besondere, von der göttlichen Vorsehung uns gewiesene Weg, insofern wir ja alle als Glieder des Leibes mit Christus dem Haupte verbunden sind. Weil aber die Beweggründe der Liebe nicht immer über unseren bisweilen von verkehrten Regungen verwirrten Geist Gewalt haben, ist es sehr angebracht, daß die Betrachtung der göttlichen Gerechtigkeit uns in heilsamer Weise erschüttere und uns zu christlicher Demut, Buße und Besserung des Lebens führe.

239. Das alles darf aber nicht in bloßer Erinnerung und in unfruchtbaren Erwägungen versanden, sondern es muß wirksam dahin zielen, unsere Sinne mit ihren Fähigkeiten der von der katholischen Wahrheit erleuchteten Vernunft unterzuordnen, unser Inneres zu entsühnen und zu reinigen, damit es täglich enger mit Christus verbunden, damit es mehr und mehr ihm gleichgestaltet werde und den göttlichen Geist und die göttliche Kraft, deren es bedarf aus ihm schöpfe; alles soll die Menschen immer wirksamer anspornen und entflammen zum Guten, zu treuer Pflichterfüllung, zu religiösem Eifer und zur Tugendübung: Ihr gehört Christus, Christus aber Gott34Alles geschehe deshalb in gehöriger, organischer Ordnung und, um den Ausdruck zu gebrauchen, „theozentrisch“, sofern wir wirklich wollen, daß alles zur Ehre Gottes gereiche durch das Leben, das aus dem göttlichen Haupt in uns einströmt: So haben wir denn, Brüder, kraft des Blutes Jesu die zuversichtliche Hoffnung auf den Eintritt in das Allerheiligste. Das ist der neue Lebensweg, den er uns durch den Vorhang hindurch, nämlich durch sein Fleisch, erschlossen hat. Auch haben wir einen erhabenen Hohenpriester, der über dem Hause Gottes waltet. Laßt uns darum aufrichtigen Sinnes voll Glaubenszuvericht hinzutreten, das Herz gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser. Laßt uns unerschütterlich festhalten am Bekenntnis unserer Hoffnung. . . Seien wir auch darauf bedacht, einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen35

240. Daraus ergibt sich ein harmonisches Gleichgewicht der Glieder im Mystischen Leibe Jesu Christi. Indem die Kirche uns im katholischen Glauben unterrichtet und zum Gehorsam gegen die christlichen Gebote ermahnt, bereitet sie den Weg zu ihrer eigentlich priesterlichen, unsere Heiligung bewirkenden Aufgabe; ebenso leitet sie uns zu einer eingehenderen Betrachtung des Lebens unseres göttlichen Erlösers an und führt uns zu einer tieferen Erkenntnis der Glaubensgeheimnisse. So spendet sie uns überirdische Nahrung, damit wir durch sie gestärkt und mit der Hilfe Christi sicheren Fortschritt in der Vollkommenheit machen können. Nicht allein durch ihre Diener, sondern auch durch die einzelnen Gläubigen, die so den Geist Jesu Christi in sich aufgenommen haben, bemüht sich die Kirche, das private, eheliche, soziale, ja selbst das wirtschaftliche und politische Leben und Handeln der Menschen zu durchdringen, damit alle, die Kinder Gottes heißen, das ihnen gesteckte Ziel leichter erreichen können.

Derlei private Übungen der Gläubigen und der religiöse Eifer, der sie zur inneren Läuterung treibt, wecken daher in ihnen gerade jene Kräfte, die es ihnen ermöglichen, besser am hochheiligen Opfer des Altares teilzunehmen, die Sakramente fruchtbringender zu empfangen und die gottesdienstlichen Handlungen so mitzufeiern, daß sie noch entschlossener und befähigter werden zum Gebet und zur christlichen Entsagung, zur bereitwilligen Aufnahme der Anregungen der göttlichen Gnade und zur täglich vollkommeneren Nachahmung des Tugendlebens unseres Erlösers; und das nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern ebenso zu dem der ganzen Kirche: denn alles Gute, das in ihr gewirkt wird, ist ein Kraftstrom, der ausgeht von ihrem Haupte und sich heilsfördernd auf alle Glieder auswirkt.

241. Im geistlichen Leben kann es also keinen Widerstreit geben zwischen dem göttlichen Wirken, das zur ununterbrochenen Fortführung unserer Erlösung den Seelen die Gnade zuleitet, und dem willigen Mitwirken der Menschen, die Gottes Geschenk nicht vergeblich empfangen dürfen36keinen Widerspruch zwischen der Wirksamkeit des äußeren Zeichens der Sakramente, die ex opere operato, d. h. aus dem Sakrament selber kommt, und dem verdienstlichen Werk derer, welche die Sakramente spenden oder empfangen, was wir opus operantis, d.h. das Werk des Handelnden nennen; keinen Widerspruch zwischen öffentlichem und privatem Gebet, zwischen Sittenlehre und Mystik, zwischen Aszese und liturgischer Frömmigkeit; keinen Widerspruch schließlich zwischen der Rechts- und Lehrgewalt der kirchlichen Hierarchie und ihrer priesterlichen Gewalt im eigentlichen Sinne, die sich im heiligen Amt betätigt.

242. Aus schwerwiegenden Gründen besteht die Kirche darauf, daß die amtlichen Diener des Altares und die Ordensleute zur festgesetzten Zeit der Betrachtung, der eifrigen Gewissenserforschung und Gewissensreinigung, sowie den übrigen geistlichen Übungen obliegen37gerade weil sie in besonderer Weise zu den liturgischen Funktionen des heiligen Opfers und des Lobes Gottes bestimmt sind. Zweifellos hat das liturgische Gebet als öffentliches Gebet der erhabenen Braut Jesu Christi eine höhere Würde als das private. Allein diese höhere Würde besagt keinen Gegensatz oder Widerspruch zwischen diesen beiden Gebetsarten. Da sie von ein- und demselben Geiste beseelt sind, fließen sie zu harmonischer Einheit zusammen nach dem Worte alles und in allem Christus38 und streben demselben Ziele zu, bis Christus in uns Gestalt gewinnt39

243. Um aber das Wesen der heiligen Liturgie vollständiger zu erfassen, muß man sie noch nach einer anderen, nicht weniger wichtigen Seite der Betrachtung unterziehen.

Die Kirche ist eine Gesellschaft, und deshalb erhebt sie Anspruch auf eine eigene Autorität und Hierarchie. Wenn alle Glieder des Mystischen Leibes Christi an denselben Gütern teilhaben und nach denselben Zielen streben, so besitzen doch nicht alle dieselbe Vollmacht, noch können alle dieselben Handlungen vollziehen. Denn der göttliche Erlöser wollte, daß sein Reich auf eine heilige Ordnung gegründet sei und auf einem unerschütterlichen Fundament beruhe. Diese Ordnung ist gleichsam ein Abbild der himmlischen Hierarchie.

Nur den Aposteln und späterhin denen, die rechtmäßig von ihnen und ihren Nachfolgern die Handauflegung empfangen haben, wird die priesterliche Gewalt erteilt, kraft deren sie gegenüber dem ihnen anvertrauten Volk die Person Jesu Christi darstellen, vor Gott aber eben dieses ihr Volk vertreten. Dieses Priestertum wird nicht durch Vererbung oder leibliche Abstammung weitergeleitet; auch stammt es nicht von der Gemeinschaft der Gläubigen und wird nicht vom Volke verliehen. Bevor der Priester im Namen des Volkes vor Gott erscheint, ist er schon der Gesandte des göttlichen Erlösers; und weil Jesus Christus das Haupt jenes Leibes ist, dessen Glieder die Gläubigen sind, vertritt der Priester Gottes Stelle bei dem ihm anvertrauten Volk. Die ihm übertragene Gewalt ist also ihrem Wesen nach nicht irdisch-menschlich; sie ist vielmehr wesentlich übernatürlich und geht von Gott aus : Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch40Wer euch hört, der hört mich41Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium allen Geschöpfen: wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden42

244.Deshalb wird das sichtbare, nach außen in Erscheinung tretende Priestertum Jesu Christi in der Kirche nicht als ein der Gesamtheit allgemein und gemeinhin zustehendes Anrecht weitergegeben, vielmehr wird es auserwählten Männern übertragen durch eine Art geistlichen Zeugungsaktes jener Priesterweihe, die eines der sieben Sakramente ist und die nicht allein die diesem besonderen Lebensstand und Amt eigentümlichen Gnaden verleiht, sondern außerdem ein unauslöschliches Merkmal einprägt, das die Diener des Heiligtums dem Priester Jesus Christus gleichförmig macht und sie befähigt, rechtmäßig jene religiösen Handlungen vorzunehmen, wodurch die Menschen geheiligt werden und Gott die gebührende Ehre erwiesen wird gemäß den von Gott gegebenen Weisungen und Vorschriften.

245. Wie die Taufe alle Christen als solche bezeichnet und von den übrigen Menschen sondert, die im Läuterungsbad nicht gewaschen und keine Glieder Christi sind, so unterscheidet gleicherweise das Sakrament der Priesterweihe die Priester von allen übrigen mit dieser Gnadengabe nicht ausgestatteten Christen, weil lediglich sie, von einer höheren Macht berufen, in den heiligen Dienst eingetreten sind, der sie dem Altar weiht und sozusagen zu göttlichen Werkzeugen macht, durch welche das von oben stammende übernatürliche Leben dem Mystischen Leibe Jesu Christi mitgeteilt wird. Außerdem sind sie allein, wie wir schon vorhin sagten, mit dem unauslöschlichen Merkmal gekennzeichnet, wodurch sie dem Hohenpriester Jesus Christus gleichförmig werden; nur ihnen werden die Hände geweiht, „damit alles, was sie segnen, gesegnet, und alles, was sie weihen, geweiht und geheiligt sei im Namen unseres Herrn Jesus Christus43Zu ihnen mögen deshalb alle eilen, die in Christus zu leben verlangen, denn bei ihnen finden sie Trost und Nahrung für das innere Leben; von ihnen empfangen sie das heilbringende Mittel, dank dem sie genesen und gekräftigt, der unheilvollen Verstrickung in die Sünde glücklich entrinnen können. Von ihnen wird schließlich ihr Ehe- und Familienbund gesegnet, von ihnen noch der letzte Hauch ihres sterblichen Lebens zum Eingang in die ewige Seligkeit geweiht.

246. Weil also die heilige Liturgie an erster Stelle von den Priestern im Namen der Kirche vollzogen wird, muß ihr Aufbau, ihre Regelung und ihre Form von der kirchlichen Obergewalt abhängen. Wenn sich dies schon aus der Natur des christlichen Gottesdienstes ergibt, so wird es auch durch das Zeugnis der Geschichte bestätigt.

247. Noch etwas anderes bestätigt dieses unbestreitbare Recht der kirchlichen Hierarchie: nämlich die enge Beziehung der heiligen Liturgie zu den Grundwahrheiten der Glaubenslehre, die von der Kirche als Hauptstücke der vollkommen gesicherten Wahrheit vorgelegt werden. Deshalb ist die Liturgie in Einklang zu halten mit den katholischen Glaubensvorschriften, die das oberste kirchliche Lehramt erlassen hat, um die Unversehrtheit der von Gott geoffenbarten Religion zu schützen.

In diesem Zusammenhang glauben Wir, etwas, das euch, ehrwürdige Brüder, sicher nicht unbekannt ist, in seinem wahren Licht zeigen zu müssen. Wir meinen den Irrtum und Trugschluß jener, welche die heilige Liturgie gewissermaßen als ein Unterscheidungsmittel für die aus dem Glauben beizubehaltenden Wahrheiten betrachten; das ist so zu verstehen: wenn eine bestimmte Lehre mittels der Liturgie Früchte der Frömmigkeit und Heiligkeit gezeitigt habe, sei sie von der Kirche zu bejahen, andernfalls jedoch abzulehnen. Daher der bekannte Ausspruch: „Lex orandi, lex credendi, das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens“.

248. So lehrt die Kirche jedoch nicht, so unterweist sie nicht. Der Kult, der von ihr Gott dem Herrn erwiesen wird, ist, wie Augustinus kurz und treffend sagt, ein fortgesetztes Bekenntnis des katholischen Glaubens und eine Übung der Hoffnung und Liebe: „Durch Glaube, Hoffnung und Liebe - so erklärt er - ist Gott zu verehren44In der heiligen Liturgie bekennen wir den katholischen Glauben ausdrücklich und offen nicht nur durch die Feier der Geheimnisse, die Darbringung des heiligen Opfers und die Spendung der Sakramente, sondern ebenso durch das Beten oder Singen des Glaubensbekenntnisses, welches das Kennzeichen oder sozusagen der Ausweis der Gläubigen ist, sowie durch die Lesung anderer Texte und besonders der unter Eingebung des Heiligen Geistes aufgezeichneten Heiligen Schrift. Die Liturgie als Ganzes enthält daher den katholischen Glauben, insofern sie den Glauben der Kirche öffentlich bezeugt.

249. Sooft es sich deshalb um die feierliche Entscheidung über eine göttlich geoffenbarte Wahrheit handelte, haben die Päpste und Konzilien, wenn sie aus den sogenannten theologischen Quellen schöpften, nicht selten auch dieser theologischen Disziplin Beweise entnommen; so tat es z.B. Unser Vorgänger unvergeßlichen Andenkens Pius IX., als er die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria zum Glaubenssatz erhob. Und in ähnlicher Weise haben, wenn Zweifel oder Streitfragen über eine Wahrheit zur Erörterung standen, die Kirche und die heiligen Väter es nicht versäumt, auch aus den ehrwürdigen, althergebrachten Riten Licht zu schöpfen. Daher der bekannte, ehrwürdige Satz: „Legem credendi lex statuat supplicandi, das Gesetz des Glaubens soll bestimmt werden durch das Gesetz des Betens45Es ist also nicht so, daß die heilige Liturgie einfachhin und aus eigener Autorität den katholischen Glauben umschreibt und bestimmt; wohl aber kann sie, da auch sie ein stets dem obersten kirchlichen Lehramt unterstelltes Bekenntnis der übernatürlichen Wahrheiten ist, nicht zu unterschätzende Beweise und Zeugnisse zur Klarstellung eines einzelnen Punktes der christlichen Lehre an die Hand geben. Wollen wir aber das Verhältnis zwischen Glauben und Liturgie in allgemein und unbedingt gültiger Form genau erfassen und abgrenzen, so kann vollkommen richtig gesagt werden: „Lex credendi legem statuat supplicandi, durch das Gesetz des Glaubens soll das Gesetz des Betens bestimmt werden“. Ganz dasselbe gilt von den übrigen theologischen Tugenden: „In ... Glaube, Hoffnung und Liebe beten wir immer mit unablässigem Verlangen46

250. Die kirchliche Hierarchie hat jederzeit von ihrem Recht in liturgischen Dingen Gebrauch gemacht; sie hat den Gottesdienst eingeführt, geregelt und mit immer neuer Pracht und Würde zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gläubigen bereichert. Sie hat auch kein Bedenken getragen - immer unter strenger Wahrung der wesentlichen Eigenart des eucharistischen Opfers und der Sakramente - zu ändern, was sie nicht für angebracht hielt; hinzuzufügen, was geeignet schien zur größeren Verherrlichung Jesu Christi und der Heiligsten Dreifaltigkeit, wie zur Belehrung und heilsamen Aneiferung des christlichen Volkes47

251. Die heilige Liturgie besteht nämlich aus menschlichen und göttlichen Bestandteilen; die letzteren lassen, da sie vom göttlichen Erlöser festgesetzt sind, natürlich in keiner Weise Änderungen durch Menschenhand zu; die ersteren hingegen können, den Forderungen der Zeiten, Verhältnisse und Seelen entsprechend, mannigfache Umgestaltungen erfahren, so wie sie die kirchliche Hierarchie unter dem Beistand des Heiligen Geistes gutheißt. Daher jene staunenswerte Vielfalt der morgen- und abendländischen Riten; daher die allmählich voranschreitende Entwicklung einzelner religiöser Bräuche und frommer Werke, von denen frühere Zeiten nur schwache Spuren aufweisen; daher aber auch die Erscheinung, daß bisweilen fromme Gepflogenheiten, die im Laufe der Zeit außer Übung gekommen waren, von neuem aufleben und wieder zu Ehren kommen. Das alles zeugt von der durch die vielen Jahrhunderte anhaltenden Lebenskraft der unversehrten Braut Jesu Christi; es ist das heilige Gespräch, das sie im Laufe der Zeiten mit ihrem göttlichen Bräutigam führte, um ihm ihren Glauben und den Glauben der ihr anvertrauten Völker, sowie ihre nicht zu erschöpfende Liebe zum Ausdruck zu bringen; es zeigt aber auch die Erziehungsweisheit, womit sie den „Geist Christi“ in den Gläubigen weckt und täglich wirksamer macht.

252. Nicht gering an Zahl waren die Ursachen, aus denen die Entfaltung und Entwicklung der heiligen Liturgie in den langen und ruhmvollen Jahrhunderten der Kirche vor sich gingen.

So sind, um Beispiele anzuführen, mit der bestimmteren und klareren Erfassung der katholischen Lehre von der Menschwerdung des Göttlichen Wortes, von der Eucharistie als Sakrament und Opfer, von der Jungfrau und Gottesmutter Maria rituelle Neuerungen getroffen worden, durch welche die gottesdienstlichen Handlungen das aus den Erklärungen des kirchlichen Lehramtes heller erstrahlende Licht vollständiger und anschaulicher wiedergaben, ja gleichsam widerspiegelten, damit es leichter in Geist und Herz des christlichen Volkes Eingang finde.

253. Die Weiterentwicklung der kirchlichen Ordnung in der Spendung der Sakramente, wie z. B. in der Verwaltung des Bußsakramentes, die Einführung des Katechumenates und dessen spätere Aufhebung, und dann die heilige Kommunion unter einer einzigen Gestalt in der Lateinischen Kirche: das alles hat zweifellos nicht wenig dazu beigetragen, daß uralte Riten im Laufe der Zeit abgeändert und allmählich neue eingeführt wurden, die zu den diesbezüglichen Neubestimmungen besser zu passen schienen.

254. Zu dieser schrittweisen Umgestaltung trugen die nicht streng liturgischen Andachtsformen und Übungen der Frömmigkeit nicht wenig bei; nach Gottes wunderbarem Ratschluß sind sie im Laufe der Zeiten aufgekommen und wurden bald heimisch im Volk; so z. B. die zunehmende und täglich innigere Verehrung der heiligen Eucharistie, des bitteren Leidens unseres Erlösers, des heiligsten Herzens Jesu, der jungfräulichen Gottesmutter und ihres keuschen Bräutigams.

255. Einen zeitbedingten Beitrag lieferten ferner die in gläubiger Gesinnung veranstalteten Volkswallfahrten zu den Gräbern der Märtyrer, besondere Fastenübungen in gleicher Absicht, endlich die Bußprozessionen zu den Stationskirchen in Unserer Ewigen Stadt, an denen nicht selten die Päpste selbst teilnahmen.

256. Natürlich wirkte sich auch die fortschreitende Vervollkommnung der schönen Künste, insbesondere der Baukunst, Malerei und Musik, in nicht geringem Maße auf die Festlegung und Anpassung von äußeren liturgischen Formen aus.

257. Des gleichen Vorrechtes in liturgischen Dingen hat sich die Kirche bedient, um die Heiligkeit des Gottesdienstes vor Mißbräuchen zu schützen, die von einzelnen Gläubigen oder Einzelkirchen ohne vorsichtige Überlegung eingeführt worden waren. Als daher im 16. Jahrhundert derlei Gewohnheiten und Bräuche zu sehr überhand genommen hatten und als Neuerungen auf diesem Gebiet vonseiten Unberufener die Reinheit des Glaubens- und Andachtslebens gefährdeten, übrigens sehr zum Vorteil der Irrgläubigen und zur Ausbreitung ihrer verfänglichen Lehre, gründete Unser Vorgänger unsterblichen Andenkens Sixtus V. zum Schutz der rechtmäßigen kirchlichen Riten und zu ihrer Säuberung von jenen ungehörigen Einschlägen im Jahre 1588 die Heilige Ritenkongregation48deren Aufgabe es auch heute noch ist, in wachsamer Obsorge Anordnungen und Bestimmungen auf dem Gebiet der Liturgie zu treffen49

258. Deshalb steht nur dem Papst das Recht zu, eine gottesdienstliche Praxis anzuerkennen oder festzulegen, neue Riten einzuführen und gutzuheißen, sowie auch jene zu ändern, die er für änderungsbedürftig hält50Die Bischöfe aber haben das Recht und die Pflicht, sorgfältig darüber zu wachen, daß die kirchenrechtlichen Vorschriften betreffs des Gottesdienstes genau eingehalten werden51Es ist also nicht erlaubt, dem Gutdünken von Privatpersonen, auch wenn sie zum Klerus zählen, all das Heilige und Verehrungswürdige zu überlassen, das zum religiösen Leben der christlichen Gemeinschaft, zur Ausübung des Priestertums Jesu Christi und zum Gottesdienst, zur würdigen Verehrung der Heiligsten Dreifaltigkeit, des Menschgewordenen Wortes, seiner gebenedeiten Mutter und der anderen Heiligen, sowie zur seelsorglichen Tätigkeit gehört; und ebenso ist kein Privater irgendwie befugt, auf diesem Gebiet äußere Handlungen anzuordnen, die mit der kirchlichen Disziplin, mit dem Aufbau, der Einheit und Eintracht des Mystischen Leibes Christi, ja nicht selten auch mit der Reinheit des katholischen Glaubens in engster Beziehung stehen.

259. Die Kirche ist ohne Zweifel ein lebendiger Organismus; deshalb wächst sie und entfaltet sie sich auch im Bereich ihrer heiligen Liturgie und paßt sich den zeitbedingten Notwendigkeiten und Umständen an, immer jedoch unter Wahrung der Unversehrtheit ihrer Lehre. Ganz zu verurteilen ist aber das vermessene Unterfangen jener, die mit Absicht neue liturgische Bräuche einführen, oder überlebte, mit den geltenden Gesetzen und Rubriken nicht mehr übereinstimmende Gepflogenheiten wiederaufleben lassen. Daß dies vorkommt, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, und zwar nicht nur in unbedeutenden Dingen, sondern auch in solchen von sehr großer Tragweite, haben Wir nicht ohne bitteren Schmerz erfahren. Es gibt tatsächlich Leute, die bei der Darbringung des hochheiligen eucharistischen Opfers sich der Volkssprache bedienen; die bestimmte, aus reiflich erwogenen Gründen schon genau festgelegte Feste auf andere Termine verlegen; die schließlich aus den amtlichen Gebetbüchern die Schrifttexte des Alten Testamentes ausmerzen, weil sie nach ihrem Dafürhalten unserer heutigen Zeit wenig entsprechen und nicht recht zu ihr passen.

260. Der Gebrauch der lateinischen Sprache, wie er in einem großen Teil der Kirche Geltung hat, ist ein allen erkennbares und schönes Zeichen der Einheit und eine mächtige Schutzwehr gegen jegliche Verderbnis der wahren Lehre. Bei manchen kirchlichen Zeremonien kann indes die Verwendung der Landessprache dem Volke sehr nützlich sein; nichtsdestoweniger ist es ausschließliche Sache des Apostolischen Stuhles, dies zu gestatten. Deshalb darf ohne seine Befragung und Billigung nichts Derartiges geschehen, weil eben, wie Wir schon sagten, die Regelung der Liturgie ganz von seinem Entscheid und seinem Willen abhängt.

261. Gleich zu beurteilen sind die Versuche und Bestrebungen, alle möglichen alten Riten und Zeremonien wieder in Gebrauch zu bringen. Ganz gewiß, die Liturgie der alten Zeit ist zweifelsohne verehrungswürdig. Aber ein alter Brauch ist nicht allein schon deshalb, weil er Altertum ausstrahlt, in sich oder für spätere Zeiten und neue Verhältnisse als geeigneter und besser zu betrachten. Auch die neueren liturgischen Riten sind ehrfürchtiger Beobachtung würdig, weil sie unter Eingebung des Heiligen Geistes entstanden sind, der immerdar der Kirche beisteht bis zur Vollendung der Zeiten52und auch sie sind gleichberechtigte Werte, mit deren Hilfe die ruhmreiche Braut Christi die Menschen zur Heiligkeit anspornt und zur Vollkommenheit führt.

Mit Geist und Herz zu den Quellen der heiligen Liturgie zurückzukehren, ist sicher weise und sehr lobenswert, da das Studium dieses Wissenszweiges durch Zurückgreifen auf dessen Anfänge nicht wenig dazu beiträgt, die Bedeutung der Feste und den Sinn der verwendeten heiligen Texte und Zeremonien tiefer und genauer zu erforschen; dagegen ist es nicht weise und nicht lobenswert, alles um jeden Preis auf das Altertum zurückzuführen. So würde z. B. vom rechten Weg abweichen, wer dem Altar die alte Form der Mensa, des Tisches, wiedergeben wollte; wer die liturgischen Gewänder nie in Schwarz haben wollte; wer die Heiligenbilder und Statuen aus den Kirchen entfernen wollte; wer die Nachbildung des gekreuzigten Erlösers so machen ließe, daß sein Leib die bitteren Qualen, die er erduldete, nicht zum Ausdruck brächte; wer endlich den polyphonen (mehrstimmigen) Gesang mißbilligte und ablehnte, auch wenn er den vom Heiligen Stuhl gegebenen Weisungen entspräche.

262. Denn wie kein vernünftiger Katholik in der Absicht, zu den alten, von den früheren Konzilien gebrauchten Formeln zurückzukehren, die Fassungen der christlichen Lehre ablehnen kann, welche die Kirche unter der Leitung des Heiligen Geistes in der neueren Zeit zum größten Nutzen der Seelen vorgelegt und als verbindlich erklärt hat, oder wie kein vernünftiger Katholik die geltenden Gesetze ablehnen kann, um zu den aus den ältesten Quellen des kanonischen Rechtes geschöpften Bestimmungen zurückzugreifen, so ist gleichermaßen, wenn es sich um die heilige Liturgie handelt, offensichtlich von keinem weisen und gesunden Eifer getrieben, wer zu den alten Riten und Bräuchen zurückkehren und die neuen ablehnen wollte, die doch unter dem Walten der göttlichen Vorsehung mit Rücksicht auf die veränderten Verhältnisse eingeführt worden sind.

263.  Diese Denk- und Handlungsweise läßt jene übertriebene und ungesunde Altertumssucht wiederaufleben, der die unrechtmäßige Synode von Pistoja Auftrieb gegeben hat, und ebenso trachtet sie, die vielfachen Irrtümer wieder auf den Plan zu rufen, welche die Ursache zur Einberufung jener Synode waren und zum großen Schaden der Seelen sich aus ihr ergaben, und welche die Kirche, die immer treue Hüterin des ihr von ihrem Stifter anvertrauten Glaubensgutes, mit vollem Recht verworfen hat53Denn solch verkehrtes Beginnen geht nur darauf aus, die heiligmachende Tätigkeit zu beeinträchtigen und zu schwächen, durch welche die Liturgie Gottes Gnadenkinder auf dem Wege des Heils dem himmlischen Vater zuführt.

264. Alles möge daher so geschehen, daß die gehörige Verbindung mit der kirchlichen Hierarchie gewahrt bleibe. Niemand nehme sich heraus, sich selbst Gesetze zu geben und sie dann eigenmächtig anderen aufzuzwingen. Der Papst als Nachfolger des heiligen Petrus, dem der göttliche Erlöser die Sorge anvertraut hat, die gesamte Herde zu weiden54und mit ihm die Bischöfe, die in Unterordnung unter den Apostolischen Stuhl vom Heiligen Geiste bestellt sind . . . , die Kirche Gottes zu regieren55sind allein im Besitz des Rechtes und der Pflicht, das christliche Volk zu lenken und zu leiten. Sooft ihr deshalb, ehrwürdige Brüder, eure Autorität wahrt, wenn nötig auch mit Strenge, erfüllt ihr nicht nur eure Amtspflicht, sondern nehmt auch den Willen des Stifters der Kirche in sicheren Schutz.

 




10 Thomas von Aquin, Sum. Theol. II-II q. 81 a. 1.



11 Vgl. Levit.



12 Vgl. Hebr. X 1.



13 JohI 14.



14 Hebr. X 5-7.



15 Hebr. X 10.



16 Joh. I 9.



17 Hebr. X 39.



18 Vgl. I Joh. II 1.



19 Vgl. I Tim. III 15.



20 Vgl. Bonifatius IX., Ab origine mundi vom 7. Oktober 1391; Calixtus III., Summus Pontifex vom 1. Januar

    1456; Pius II., Triumphans Pastor vom 22. April 1459; Innozenz XI., Triumphans Pastor vom 3. Oktober

    1678.



21 Eph. II 19-22.



22 Matth. XVIII 20.



23 Apg. II 42.



24 Kol. III 16.



25 Augustinus, Epist. CXXX, ad Probam, 18. PL 33, 501.



26 Römisches Missale, Weihnachtspräfation.



27 J. Kard. Bona, De divina psalmodia, c. 19 § III, 1.



28 Römisches Missale, Stillgebet am Donnerstag nach dem zweiten Fastensonntag.



29 Vgl. Mark. VII 6 und Is. XXIX 13.



30 I Kor. XI 28.



31 Römisches Missale, Aschermittwoch, Gebet nach der Aschenaufstreuung.



32 Augustinus, De praedestinatione sanctorum, 31. PL 44, 982.



33 Vgl. Thomas von Aquin, Sum. theol. II-II q. 82 a. 1.



34 I Kor. III 23.



35 Hebr. X 19-24.



36 Vgl. II Kor. VI 1.



37 Vgl. Cod. iur. can., c. 125, 126, 565, 571, 595, 1367.



38 Kol. III 11.



39 Vgl. Gal. IV 19.



40 Joh. XX 21.



41 Luk. X 16.



42 Mark. XVI 15-16.



43 Römisches Pontifikale, Priesterweihe (Salbung der Hände).



44 Augustinus, Enchiridion, c. 3. PL 40, 232.



45 De gratia DeiIndiculus“.



46 Augustinus, Epist. CXXX ad Probam, 18. PL 33, 501.



47 Vgl. Pius XI., Konstit. Divini cultus vom 20. Dezember 1928. AAS XXI (1929) 33-41.



48 Sixtus V., Konstit. Immensa vom 22. Januar 1588.



49 Vgl. Cod. iur. can., c. 253.



50 Vgl. Cod. iur. can., c. 1257.



51 Vgl. Cod. iur. can., c. 1261.



52 Vgl. Matth. XXVIII 20.



53 Vgl. Pius VI., Konstit. Auctorem fidei vom 28. August 1794, Nrn. 31-34, 39, 62, 66, 69-74. Fontes II 696,

    699, 705, 706-707.



54 Vgl. Joh. XXI 15-17.



55 Apg. XX 28.






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