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Pius XII
Mediator Dei

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III. Breviergebet und Kirchenjahr

 

321. Das Hochziel des christlichen Lebens besteht im engen und dauernden Anschluß eines jeden Menschen an Gott. Darum ist der Kult, den die Kirche dem Ewigen zollt, und dessen Kernstück vor allem im eucharistischen Opfer und im Empfang der Sakramente besteht, so angeordnet und eingeteilt, daß er im Breviergebet die Stunden des Tages, die Wochen sowie den ganzen Lauf des Jahres umfaßt und Rücksicht nimmt auf alle Zeiten und all die verschiedenen Lagen des menschlichen Lebens.

Da der göttliche Meister das Gesetz aufgestellt hat: Man soll immer beten und nie müde werden132erlahmt die Kirche, treu dieser Ermahnung, nie im Gebet und richtet an uns die Aufforderung des Apostels: Durch ihn (Jesus) wollen wir Gott das Lobopfer darbringen ohne Unterlaß133

322. Das öffentliche und gemeinsame Gebet, das alle vereint zu Gott verrichten, war in der ältesten Zeit auf bestimmte Tage und festgesetzte Stunden beschränkt. Aber nicht nur in größeren Gemeinschaften wurde zu Gott gebetet, sondern auch in den einzelnen Familien, zuweilen im Verein mit Nachbarn und Freunden. Schon bald kam aber in verschiedenen Teilen der christlichen Welt der Brauch auf, besondere Zeiten für das Gebet festzulegen, so z. B. die letzte Stunde des Tages, wenn man bei der Abenddämmerung das Licht anzündete, oder die erste Stunde, wenn die Nacht zu Ende ging, d. h. nach dem Hahnenschrei und bei Sonnenaufgang. Weitere zum Gebet besonders geeignete Zeiten ergaben sich aus der Heiligen Schrift oder aus dem überlieferten Brauchtum der Juden und aus der Gewohnheit des täglichen Lebens. So waren nach der Apostelgeschichte die Jünger Jesu Christi um die dritte Stunde zu gemeinsamem Gebet versammelt, als sie erfüllt wurden vom Heiligen Geist134der Apostelfürst ging vor dem Essen zum Gebet ins Obergemach hinauf, um die sechste Stunde135Petrus und Johannes gingen zum Tempel hinauf zum Gebet der neunten Stunde136Paulus und Silas beteten und lobten Gott um Mitternacht137

Verschiedene dieser Gebetsübungen wurden dann vor allem unter dem Einfluß der Mönche und derer, die sich dem aszetischen Leben widmeten, im Laufe der Zeit immer mehr ausgebaut und allmählich durch kirchliche Bestimmungen auch in die eigentliche Liturgie aufgenommen.

323. So ist denn das sogenannte Stundengebet das Gebet des Mystischen Leibes Christi, das im Namen und zum Frommen aller Christen Gott dargebracht wird, wenn es verrichtet wird von den Priestern und von anderen Dienern der Kirche sowie von Ordensleuten, und zwar im ausdrücklichen Auftrag der Kirche.

324. Eigenart und Wert dieses Gotteslobes ergeben sich aus den Worten, mit denen nach dem Rat der Kirche das Stundengebet beginnen soll, und wo es heißt, daß es „würdig, aufmerksam und andächtig“ zu verrichten sei.

325. Das Wort Gottes hat bei seiner Menschwerdung in dieser irdischen Verbannung jenen Lobgesang eingeführt, der durch alle Ewigkeit in den Höhen des Himmels erklingt. Die ganze Menschheit verbindet er mit sich zur Einheit und läßt sie an diesem göttlichen Lobgesang teilnehmen. Worum wir richtig beten sollen, wissen wir ja nicht, so müssen wir demütig gestehen, aber der Geist selbst bittet für uns mit unaussprechlichem Seufzen138Doch auch Christus selbst fleht durch seinen Geist für uns zum Vater. „Ein größeres Geschenk hätte Gott den Menschen nicht gewähren können ... Es betet (Jesus) für uns als unser Priester, er betet in uns als unser Haupt; zu ihm wird gebetet von uns als zu unserem Gott ... Wir wollen also in ihm unsere eigenen Stimmen erkennen und seine Stimme in uns ... Es wird zu ihm gebetet in seiner Gottesgestalt, er betet in seiner Knechtsgestalt; dort ist es der Schöpfer, hier der Geschaffene, der, ohne Veränderung zu erleiden, die geschaffene Natur annimmt, um sie zu verwandeln und uns mit sich vereint zu einem Menschen, Haupt und Leib139

326. Der hohen Würde dieses Gebetes der Kirche müssen auch Andacht und Frömmigkeit unserer Seele entsprechen. Und da ja die Stimme des Betenden die Lieder wiedergibt, die unter dem Hauch des Heiligen Geistes geschrieben wurden und Gottes Vollkommenheit in der ganzen Welt künden und preisen, so muß auch bei uns dieses Wort begleitet sein vom inneren Mitschwingen der Seele, so daß wir diese nämlichen Gesinnungen uns zu eigen machen, auf ihren Fittichen uns zum Himmel erheben, die heiligste Dreifaltigkeit anbeten, und ihr gebührend Lob und Dank sagen: „Wenn wir dastehen und Psalmen singen, wollen wir es so tun, daß unser Herz dabei mit unseren Stimmen zusammenklinge140Es handelt sich also nicht nur um ein Hersagen, nicht nur um ein Singen, das jedoch, mag es auch allen Anforderungen der Kunst und der rituellen Vorschriften noch so vollkommen entsprechen, nur eine Sache des Gehöres bliebe; es handelt sich vielmehr darum, daß wir mit Herz und Sinn uns zu Gott erheben, um ihm uns selbst und all unser Tun in Vereinigung mit Jesus Christus vollkommen hinzugeben.

327. Das ist es, wovon die Wirksamkeit unserer Gebete zum größten Teil abhängt. Deshalb schließen sie denn auch, soweit sie sich nicht unmittelbar an das menschgewordene Wort wenden, mit den Worten: „Durch unseren Herrn Jesus Christus“. Als Friedensstifter zwischen uns und Gott zeigt er seine verklärten Wundmale dem himmlischen Vater, immer lebend, um für uns Fürsprache einzulegen141

328. Die Psalmen bilden bekanntlich einen Hauptteil des Stundengebetes. Sie umfassen den ganzen Tageslauf, heiligen und adeln ihn. Treffend zeigt das Cassiodor von den Psalmen, wie sie im Stundengebet seiner Zeit verteilt waren: „Sie gewinnen den kommenden Tag durch den Morgenjubel, sie weihen unsere erste Tagesstunde, sie heiligen uns die dritte Stunde, sie erfüllen mit Freude die sechste Stunde beim Brechen des Brotes, sie lösen unser Fasten zur neunten Stunde, sie beenden den Tag, sie bewirken beim Hereinbrechen der Nacht, daß es nicht finster werde in unserer Seele142

329. Sie rufen Wahrheiten ins Bewußtsein, die dem auserwählten Volk von Gott geoffenbart sind, bald solche voll Schrecken, bald solche voll köstlicher Wonne. Sie wecken und entflammen die Hoffnung auf den verheißenen Erlöser, die einst, sei es am häuslichen Herd, sei es in der hoheitsvollen Pracht des Tempels aus diesen Gesängen sich nährte. Sie lassen die vorausverkündete Herrlichkeit Jesu Christi und seine höchste, ewige Macht in wunderbarem Lichte erstrahlen; dann aber auch sein Kommen in diese irdische Verbannung und seine Erniedrigung, seine königliche Würde und seine priesterliche Gewalt; und endlich sein wohltätiges Wirken und sein zu unserer Erlösung vergossenes Blut. Nicht weniger bringen sie zum Ausdruck unseres Herzens Freude, Kummer, Hoffen und Bangen sowie unseren guten Willen, ganz auf Gott zu vertrauen und ihm Liebe mit Liebe zu vergelten, und unseren mystischen Aufstieg zu den Gezelten Gottes.

„Der Psalm ... ist Segen für das Volk, Lob Gottes, Preislied des Volkes, Beifall aller, Wort der Gesamtheit, Stimme der Kirche, lautes Bekenntnis des Glaubens, volle Ergebung in den allerhöchsten Willen, Erlösungsglück, Jubelruf, Jauchzen der Freude143

330. In früheren Zeiten war die Teilnahme der Gläubigen an diesem Stundengebet reger. Aber dieser Brauch verlor sich mehr und mehr und, wie Wir eben ausführten, in unserer Zeit ist das Stundengebet ausschließlich Sache des Klerus und der Ordensgemeinschaften. Die Laien haben also diesbezüglich keinerlei rechtliche Verpflichtung. Aber es wäre dringend zu wünschen, daß sie betend oder singend sich daran beteiligten, wo es am Abend von Feiertagen in den Pfarreien verrichtet wird. Dringend ermahnen Wir euch, ehrwürdige Brüder, diesen Brauch nicht aufzugeben und ihn, wo er schon verschwunden ist, nach Möglichkeit wieder aufzunehmen. Das wird sicher besonders dann fruchtbar sein, wenn die Vesperandacht nicht nur würdig und feierlich abgehalten wird, sondern auch derart, daß sie in mannigfacher Weise auf den frommen Sinn der Gläubigen anziehend wirkt.

331. Die Feiertage, die in besonderer Weise Gott zu widmen und zu weihen sind, müssen im öffentlichen wie privaten Leben gewissenhaft gehalten werden. Vor allem gilt das vom Tag des Herrn, den die Apostel, auf Eingebung des Heiligen Geistes hin, anstelle des Sabbats eingeführt haben. Die Juden hatten das Gesetz : An sechs Tagen sollst du arbeiten, am siebten aber ist Sabbat: Ruhe, die dem Herrn heilig ist; jeder, der an diesem Tage arbeitet, soll sterben144Wie sollten die Christen nicht den Tod der Seele befürchten, wenn sie an Feiertagen knechtliche Arbeit verrichten und die Zeit der Arbeitsruhe nicht auf Frömmigkeit und Gottesdienst verwenden, sie vielmehr ohne Maß in den Vergnügungen der Welt verbringen? Der Sonntag und die anderen Feiertage sind also dem zu weihen, was Gottes ist, wodurch Gottes Ehre gefördert und die Seele mit himmlischer Nahrung gestärkt wird. Mag auch die Vorschrift der Kirche nur die Enthaltung von knechtlicher Arbeit und die Beteiligung am eucharistischen Opfer fordern, ohne über die abendliche Andacht etwas zu verfügen, so empfiehlt sie doch immer und immer wieder eine Mehrleistung und wünscht sie dringend; übrigens ist es für jeden einzelnen ein notwendiges Bedürfnis und eine Forderung, Gottes Huld zu gewinnen, um seiner Wohltaten teilhaftig zu werden.

332. Mit großem Schmerz ist Unser Herz erfüllt, wenn Wir sehen müssen, in welcher Weise heutzutage das christliche Volk die Hälfte des Feiertages, Wir meinen den Nachmittag, verbringt. Öffentliche Vergnügungslokale und Spielplätze verzeichnen einen Massenzulauf, während die Gotteshäuser ungebührlich schwach besucht sind. Und doch sollten alle in die Kirche gehen, um dort über die Wahrheiten des katholischen Glaubens belehrt zu werden, um Gottes Lob zu singen, um durch den Priester den eucharistischen Segen zu empfangen und gegen alle Widerwärtigkeiten dieses Lebens mit himmlischer Kraft gefeit zu werden. Alle sollten nach Kräften die Texte erlernen, die bei den abendlichen Andachten gemeinsam gesungen werden, und sich mit ihrer Bedeutung innerlich vertraut machen; denn unter dem Eindruck dieser Worte werden sie erfahren, was Augustinus von sich selber sagt: „Wie habe ich doch geweint bei deinen Hymnen und Liedern, tief bewegt von den tröstlichen Klängen deiner singenden Kirche. Diese Klänge drangen in mein Ohr, die Wahrheit strömte mir ins Herz, Liebe und Frömmigkeit blühten auf, die Tränen rannen, und es wurde mir wohl145

333. Im ganzen Verlauf des Jahres kreist die Feier des eucharistischen Opfers wie auch das Stundengebet vor allem um die Person Jesu Christi, und alles ist so zweckmäßig und trefflich angeordnet, daß dabei unser Erlöser mit den Geheimnissen seines verborgenen Lebens, seines Erlösungswerkes und seines Triumphes beherrschend hervortritt.

Wenn die heilige Liturgie diese Geheimnisse Jesu Christi in Erinnerung ruft, so geschieht dies in der Absicht, daß alle Gläubigen derart an ihnen Anteil nehmen, daß das göttliche Haupt des Mystischen Leibes seine vollkommene Heiligkeit in den einzelnen Gliedern entfalte. Die Herzen der Christen sollten wie Altäre sein, auf denen die einzelnen Augenblicke des Opfers, das der Hohepriester darbringt, gleichsam von neuem vollzogen werden: die Schmerzen und Tränen, welche die Sünden tilgen und sühnen; das Gebet zu Gott, das bis zum Himmel dringt; die Hingabe und gleichsam die Opferung seiner selbst, die aus einem bereiten, großmütigen und eifrigen Herzen entspringt; und endlich die innige Verbundenheit, mit der wir uns und all das Unsrige Gott anvertrauen und in ihm den Frieden finden, „ist es doch Inbegriff der Religion, dem ähnlich zu werden, den man verehrt146

334. Im Einklang mit diesen Anordnungen, womit uns die Liturgie zu bestimmten Zeiten das Leben Jesu Christi zur Betrachtung vorlegt, weist uns die Kirche auf Vorbilder hin, die nachzuahmen sind, und zeigt die Schätze der Heiligkeit, die wir uns anzueignen haben. Denn was der Mund singt, muß das Herz glauben, und was das Herz glaubt, muß ins öffentliche und private Leben übergehen.

In der heiligen Adventszeit weckt sie in uns das Bewußtsein der Sünden, die wir leider begangen haben, ermahnt uns, durch Beherrschung der Triebe und durch freiwillige körperliche Buße uns in frommer Betrachtung zu sammeln und uns mit dem lebendigen Verlangen zu erfüllen, zu Gott zurückzukehren, der allein mit seiner Gnade uns von der Makel unserer Sünden und von den verhängnisvollen Übeln, die daraus entspringen, zu befreien vermag.

335. Wenn der Geburtstag unseres Erlösers wiederkehrt, ist es, als führte sie uns nach Bethlehem zur Grotte, damit wir dort erkennen, wie unerläßlich notwendig es für uns ist, wiedergeboren zu werden und uns gründlich zu erneuern, was nur dadurch erfolgen kann, daß wir uns innig und lebendig anschließen an Gottes menschgewordenes Wort und teilhaben an dessen göttlicher Natur, zu der wir erhoben sind.

336. Mit dem Fest der Erscheinung des Herrn erinnert sie an die Berufung der Heiden zum christlichen Glauben und wünscht, daß wir täglich dem ewigen Gott für sein großes Geschenk unseren Dank abstatten, mit starkem Glauben den lebendigen und wahren Gott suchen, die übernatürliche Welt gläubig und gründlich erfassen, das Schweigen stiller Betrachtung lieben, um so leichter die Gaben des Himmels zu schauen und zu erlangen.

337. In den Tagen der Vorfasten und der Fastenzeit geht es unserer Mutter, der Kirche, in erhöhtem Maße darum, daß wir alle unser Elend gründlich erwägen, daß wir uns zur eifrigen Besserung unseres Lebens aufraffen, daß wir mehr als sonst unsere Sünden verabscheuen und sie mit Gebet und Buße tilgen; denn anhaltendes Gebet und Buße für unsere Sünden erwirken uns die Hilfe, ohne die all unser Tun nichtig bleibt und unfruchtbar.

338. Zu der heiligen Zeit aber, in welcher das bittere Leiden Jesu Christi in der Liturgie dargestellt wird, lädt uns die Kirche nach Kalvaria ein, damit wir den blutigen Spuren des göttlichen Erlösers folgen, willig mit ihm das Kreuz auf uns nehmen, sein Verlangen nach Sühne und Versöhnung auch in unseren Herzen erwecken und alle gemeinsam mit ihm sterben.

339. Das Osterfest, mit dem Christi Triumph gefeiert wird, erfüllt unser Herz mit innigster Freude. Da gilt es ernstlich zu bedenken, daß auch wir zusammen mit dem Erlöser auferstehen müssen aus einem Leben der Lauheit und Trägheit zu einem Leben größeren Eifers und größerer Heiligkeit, in voller, großmütiger Hingabe an Gott, indem wir diese traurige Welt vergessen und nur noch nach dem Himmel streben: Wenn ihr mit Christus auferstanden seid, sucht, was droben ist; ... auf das, was droben ist, soll euer Sinn gerichtet sein147

340. Zur Pfingstzeit endlich ermahnt uns die Kirche durch ihr Wort und ihr Tun, uns empfänglich zu erweisen für das Wirken des Heiligen Geistes, der unsere Herzen mit göttlicher Liebe zu entzünden verlangt, damit wir täglich eifriger im Tugendstreben Fortschritt machen und heilig seien, wie Christus der Herr und sein Vater im Himmel heilig sind.

Das Kirchenjahr muß also aufgefaßt werden als ein herrlicher Lobgesang, den die Christenheit durch Jesus, ihren ewigen Mittler, dem himmlischen Vater darbringt; aber zugleich verlangt es auch von uns ein eifriges und zweckmäßiges Bestreben, das uns immer mehr und mehr unseren Heiland erkennen und preisen läßt. Dazu erfordert es ein ernstes, tatkräfriges Bemühen und unermüdliche Übung, seine Geheimnisse nachzuahmen, seinen Leidensweg willig zu gehen, um schließlich einmal an seiner Herrlichkeit und ewigen Glückseligkeit Anteil zu haben.

341. Aus den Anweisungen, die Wir bisher gegeben haben, erhellt, ehrwürdige Brüder, wie sehr sich vom echten und wahren Geist der Liturgie jene modernen Schriftsteller entfernten, die vom Schein einer höheren Mystik getäuscht, zu behaupten wagen, nicht der geschichtliche Christus sei es, auf den wir zu sehen hätten, sondern „der pneumatische oder verklärte“. Auch behaupten sie unbedenklich, das christliche Andachtsleben habe sich in einer Weise entwickelt, durch die Christus gleichsam entthront sei, da der verherrlichte Christus, der lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit und zur Rechten des Vaters thront, in den Hintergrund gedrängt und an seine Stelle jener Christus gesetzt worden sei, der dieses Erdenleben führte. Darum gehen manche sogar so weit, daß sie die Bilder des am Kreuze leidenden Erlösers aus den Kirchen entfernt wissen wollen.

342. Aber die falschen Auffassungen dieser Art stehen im Widerspruch mit der gesunden Lehre, wie sie von altersher überliefert ist. „Du glaubst an Christus, geboren im Fleisch“, schreibt der heilige Augustinus, „und gelangst zu Christus, geboren aus Gott, Gott bei Gott148Die heilige Liturgie stellt uns den ganzen Christus vor Augen in allen Lagen seines Lebens: Als den, der das Wort des Ewigen Vaters ist, der von der jungfräulichen Gottesmutter geboren wird, der uns die Wahrheit lehrt, der die Kranken heilt, die Betrübten tröstet, der leidet und stirbt, und der dann aufersteht als Sieger über den Tod, der in der Herrlichkeit des Himmels herrschend den Tröstergeist in unsere Herzen schickt, der schließlich unablässig lebt in seiner Kirche: Jesus Christus gestern und heute und in Ewigkeit149

343. Überdies stellt sie ihn uns nicht nur zur Nachfolge vor, sondern sie zeigt uns auch den Lehrer, dem wir willig lauschen, den Hirten, dem wir folgen sollen, den Mittler unseres Heils, den Urquell unserer Heiligkeit, das mystische Haupt, als dessen Glieder wir leben von seinem Leben.

Da aber sein bitteres Leiden das eigentliche Geheimnis ist, aus dem unser Heil erwächst, entspricht es ganz dem katholischen Glaubensgeist, jenes Leiden in volles Licht zu rücken, ist es doch auch das Kernstück unserer Gottesverehrung, sofern das eucharistische Opfer es täglich vergegenwärtigt und erneuert, und alle Sakramente in engstem Zusammenhang mit dem Kreuze stehen150

344. So ist denn das liturgische Jahr, von der Frömmigkeit der Kirche genährt und begleitet, nicht eine frostige, leblose Darstellung längst vergangener Dinge oder eine bloße Erinnerung an Ereignisse aus früheren Zeiten. Es ist vielmehr Christus selbst, der in seiner Kirche weiterlebt. Er geht da den Weg seines unermeßlichen Erbarmens, den er in diesem sterblichen Leben, als er Wohltaten spendend umherging151in der liebevollen Absicht begonnen hat, daß die Menschen seine Geheimnisse erfaßten und in ihnen sozusagen lebten, Geheimnisse, die dauernd gegenwärtig sind und wirken, nicht in der ungewissen, nebelhaften Weise, von der gewisse neuere Autoren sprechen, sondern wie es katholische Lehre ist. Denn nach der Auffassung der Kirchenlehrer sind sie sowohl Vorbilder der christlichen Vollkommenheit, als auch, kraft der Verdienste und Fürbitte Christi, Quellen der göttlichen Gnade. Mit ihrer Wirkung dauern sie fort in uns, ist doch jedes von ihnen je nach seiner Eigenart Ursache unseres Heils.

345. Dazu kommt, daß die Kirche, während sie die Geheimnisse unseres Heilandes uns zur Betrachtung vorstellt, mit ihrem Beten uns die Gnaden erfleht, durch die ihre Kinder in der Kraft Christi vom Geist dieser Geheimnisse tief durchdrungen werden. In seiner Kraft und unter seinem Einfluß können wir, vermöge der Mitarbeit unseres Willens, Lebenskraft in uns aufnehmen wie die Zweige aus dem Baum, wie die Glieder aus dem Haupt. Auch können wir uns langsam und in ernstlichem Bemühen zum Maß der Altersfülle Christi152 umgestalten.

346. Im Verlauf des Kirchenjahres werden nicht nur die Geheimnisse Jesu Christi gefeiert, sondern auch die Feste der Heiligen im Himmel. Mag es sich bei diesen Festen auch um einen geringeren und untergeordneten Rang handeln, so hat die Kirche dabei doch stets die Absicht, den Gläubigen Vorbilder der Heiligkeit vor Augen zu stellen, damit sie, von diesen angeregt, sich mit den Tugenden des göttlichen Erlösers selber schmücken.

Die Heiligen im Himmel nachzuahmen, in deren Tugendleben die Tugend Jesu Christi selbst in mannigfacher Brechung widerstrahlt, ist unsere Aufgabe, wie jene auch ihrerseits Nachahmer Christi waren. In den einen erstrahlt der apostolische Eifer, in anderen wieder aus der Schar unserer Helden bewährte sich der Starkmut bis zur Hingabe des eigenen Blutes, in anderen leuchtet die beharrliche Wachsamkeit, mit der sie dem göttlichen Erlöser entgegenharrten, in anderen die jungfräuliche Reinheit der Seele und die stille Bescheidenheit christlicher Demut; in allen schließlich glüht heiß die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Alle diese Zierden der Heiligkeit stellt uns die heilige Liturgie vor Augen, damit wir sie zu unserem Frommen betrachten und „uns entflammen lassen vom Beispiel derer, ob deren Verdienst wir uns freuen153

Es gilt also „in Einfalt die Unschuld zu bewahren, in Liebe die Eintracht, in Demut die Bescheidenheit, die Gewissenhaftigkeit in der Verwaltung, die stete Bereitwilligkeit zur Unterstützung der Leidenden, die Barmherzigkeit in der Pflege der Armen, die Standhaftigkeit im Kampf für die Wahrheit, die Gerechtigkeit bei aller Strenge der Zucht, damit in uns nichts fehle, was zu einem vorbildlichen Christenleben gehört. Denn das sind die Spuren, welche die Heiligen uns bei ihrer Heimkehr ins Vaterland zurückgelassen haben, auf daß wir, auf ihren Wegen wandelnd, ihnen auch in ihren Freuden folgen154Damit aber auch unsere Sinne zum Guten angeregt werden, ist es der Wunsch der Kirche, daß in unseren Gotteshäusern die Bilder der Heiligen stehen, immer aber in der Absicht, daß wir die „Tugend derer nachahmen, deren Bilder wir verehren155

347. Aber es gibt noch einen anderen Grund für die Verehrung der Heiligen durch das christliche Volk, nämlich das Verlangen, ihren Beistand zu erflehen, „damit uns durch die Fürsprache derer geholfen werde, an deren Lob wir uns erfreuen156Daraus kann man sich leicht erklären, warum die heilige Liturgie uns zahlreiche Gebetsformeln an die Hand gibt, in denen die Fürbitte der Heiligen im Himmel angerufen wird.

348. Unter den Himmelsbewohnern wird aber in besonderer Weise die jungfräuliche Gottesmutter Maria verehrt. Ist doch ihr Leben wegen der Aufgabe, die sie von Gott empfangen hat, aufs innigste verwoben mit den Geheimnissen Jesu Christi. Niemand ist ja den Spuren des menschgewordenen Wortes so nahe und so vollkommen gefolgt wie sie; niemand steht mehr in Gnade und vermag mehr beim heiligsten Herzen des Gottessohnes und durch dieses beim himmlischen Vater. Sie übertrifft die Cherubim und Seraphim an Heiligkeit, und ihre Herrlichkeit übertrifft jene aller anderen Himmelsbewohner, da sie die Gnadenvolle157die Gottesgebärerin ist und uns in glückverheißender Geburt den Erlöser geschenkt hat. Da sie also „die Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unser Trost und unsere Hoffnung“ ist, wollen wir alle zu ihr rufenseufzend und weinend in diesem Tale der Tränen158und uns sowie all das Unsrige voll Zuversicht ihr anvertrauen. Sie ist unsere Mutter geworden, als der göttliche Erlöser das Opfer seiner selbst darbrachte, und so sind wir auch kraft dieses Titels ihre Kinder. Sie lehrt uns jegliche Tugend, sie reicht uns ihren Sohn und mit ihm alle Hilfe, die uns nottut, denn Gott wollte, „daß uns alles durch Maria zuteil werde159

349. Auf diesem Weg der Liturgie, der jedes Jahr sich neu uns öffnet, wollen wir, gedrängt durch das Mühen der heiligmachenden Kirche, gestärkt durch die Hilfe und das Beispiel der Heiligen im Himmel und vor allem der Unbefleckten Jungfrau Maria, aufrichtigen Sinnes, voll Glauben, das Herz gereinigt von sündigem Gewissen, den Leib abgewaschen mit reinem Wasser, hintreten160 zum Hohenpriester161um, eines Lebens und eines Sinnes mit ihm, vordringen zu können durch ihn bis hinter den Vorhang162um dort den himmlischen Vater zu verherrlichen in alle Ewigkeit.

350. Das ist Wesen und Sinn der heiligen Liturgie. Sie befaßt sich mit dem Opfer, mit den Sakramenten, mit dem Gott darzubringenden Lob, aber ebenso bezweckt sie die Verbindung unserer Seelen mit Christus, ihre durch den göttlichen Erlöser zu erwirkende Heiligung, auf daß Christus geehrt werde und durch ihn und mit ihm die heiligste Dreifaltigkeit: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist!

 




132 Luk. XVIII 1.



133 Hebr. XIII 5.



134 Apg. II 1-15.



135 Apg.  X 9.



136 Apg. III 1.



137 Apg. XVI 25.



138 Röm. VIII 26.



139 Augustinus, Enarr. in Ps. LXXXV, n. 1. PL 37, 1081.



140 Benediktus, Regula Monarchorum, c. 19.



141 Hebr. VII 25.



142 Cassidorus, Explikatio in Psalterium, praefatio.



143 Ambrosius, Enarr. in Ps. I, n. 9. PL 14, 924.



144 Exod. XXXI 15.



145 Augustinus, Confessiones, lib. IX., c. 6. PL 32, 783.



146 Augustinus, De Civ. Dei, lib. VIII, c. 17. PL 41, 242.



147 Kol. III 1-2.



148 Augustinus, Enarr. in Ps. CXXIII., n. 2. PL 37, 1641.



149 Hebr. XIII 8.



150 Vgl. Thomas von Aquin, Sum. theol. III q. 49 und q. 62 a. 5.



151 Vgl. Apg. X 38.



152 Eph. IV 13.



153 Römisches Missale, Oration der 3. Messe für mehrere Märtyrer außerhalb der Osterzeit.



154 Beda Venerabilis, Hom. LXX in solemn. omnium Sanct. PL 94, 450.



155 Römisches Missale, Oration der Messe vom heiligen Johannes Damascenus.



156 Bernhard, Sermo II in festo omnium sanct. PL 185, 210.



157 Luk. I 28.



158Salve Regina“.



159 Bernhard, In Nativ. B. M. V., 7. PL 183, 441.



160 Hebr. X 22.



161 Hebr. X 21.



162 Hebr. VI 19.






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