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DAS EUCHARISTISCHE MYSTERIUM WIRD IM MESSOPFER
BEWIRKT
Zur gemeinsamen Erbauung und Freude aller möchten Wir mit Euch, ehrwürdige
Brüder, von neuem die Lehre über das eucharistische Mysterium bewußt machen, an
der die katholische Kirche als überliefert festhält und die sie einmütig lehrt.
Es ist von Nutzen, sich vor allem an das zu erinnern, was gleichsam die
Zusammenfassung und der Gipfel der Lehre ist: Durch das eucharistische
Mysterium wird auf wunderbare Weise das Kreuzesopfer gegenwärtig, das einmal
auf Kalvaria vollbracht wurde; es wird immer ins Gedächtnis zurückgerufen, und
seine heilbringende Kraft kommt in der Vergebung der Sünden, die täglich von
uns begangen werden, zur Wirkung12.
Christus der Herr hat durch die Einsetzung des eucharistischen Mysteriums
mit seinem Blut den Neuen Bund begründet, dessen Mittler er ist, wie einst
Moses den Alten Bund mit dem Blut von Kälbern geschlossen hat13. Wie die
Evangelisten berichten, nahm er beim letzten Abendmahl ,,Brot, sprach das
Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: ,Das ist mein
Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!‘ Ebenso nahm
er nach dem Mahl den Kelch und sagte: ,Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem
Blut, das für euch vergossen wird‘“14. Indem er aber den Aposteln den
Auftrag gab, es zu seinem Andenken zu tun, wollte er, daß es immerdar erneuert
werde. Das hat die Urkirche treu ausgeführt, indem sie in der Lehre der Apostel
verharrte und zur Feier des eucharistischen Opfers zusammenkam. ,,Sie hielten“,
wie der heilige Lukas sorgfältig berichtet, ,,an der Lehre der Apostel fest, am
Brechen des Brotes und an den Gebeten“ 15. Und so groß war der Eifer,
den die Gläubigen daraus empfingen, daß man von ihnen sagen konnte: ,,Die
Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele“ 16.
Der Apostel Paulus, der uns auf das Treueste überliefert hat, was er vom
Herrn empfangen hatte17, spricht deutlich vom eucharistischen Opfer,
wenn er den Christen darlegt, daß sie an den heidnischen Opfern nicht
teilnehmen dürfen, weil sie des Tisches des Herrn teilhaftig geworden sind:
,,Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am
Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?
... Ihr könnt nicht den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen. Ihr
könnt nicht Gäste sein am Tisch des Herrn und am Tisch der Dämonen“ 18.
Dieses neue Opfer des Neuen Bundes, auf das Maleachi im voraus hingewiesen
hatte19, hat die Kirche, vom Herrn und den Aposteln belehrt, immer
dargebracht, ,,nicht nur für die Sünden der lebenden Gläubigen, für ihre
Strafen, Genugtuungen und andere Nöte, sondern auch für die in Christus
Verstorbenen, die noch nicht vollkommen gereinigt sind“ 20.
An ein Zeugnis erinnern Wir noch, um von den übrigen zu schweigen, nämlich
an das des heiligen Cyrill von Jerusalem, der bei der Unterweisung der
Neugetauften im christlichen Glauben die beachtenswerten Worte sprach:
,,Nachdem das geistliche Opfer, der unblutige Kult vollendet ist, flehen wir
über diesem Versöhnungsopfer Gott an für den allgemeinen Frieden der Kirchen,
für die rechte Ordnung der Welt, für die Kaiser, das Heer und die
Bundesgenossen, für die Kranken und Betrübten, und insgemein für alle
Hilfsbedürftigen bitten wir und bringen wir dieses Opfer dar ... Dann bitten
wir auch für die entschlafenen heiligen Väter und Bischöfe und für alle
insgemein, die unter uns entschlafen sind, weil wir glauben, daß das Gebet
jenen Seelen, für die es dargebracht wird, am meisten hilft, wenn das heilige
und ehrfurchtgebietende Opfer auf dem Altar liegt“. Nachdem er diesen
Gegenstand mit dem Beispiel des Kranzes erläutert hat, der für den Kaiser
geflochten wird, damit er den Verbannten Verzeihung gewähre, schließt der
Kirchenlehrer seine Predigt mit den Worten: ,,Auf die gleiche Weise verhalten
auch wir uns; wenn wir für die Verstorbenen, obgleich sie Sünder sind, Gott
Gebete darbringen, so flechten wir zwar keinen Kranz, sondern wir bringen den
für unsere Sünden geopferten Christus dar, um Gott, der die Menschen liebt,
ihnen und uns gnädig zu stimmen“ 21. Der heilige Augustinus bezeugt,
daß dieser Brauch, ,,das Opfer unseres Lösepreises“ auch für die Verstorbenen
darzubringen, in der Römischen Kirche lebendig ist. 22 Gleichzeitig
bemerkt er, daß der Brauch als von den Vätern überliefert von der ganzen Kirche
gehalten wird. 23
Aber es ist noch etwas anderes, was Wir hinzufügen möchten, weil es sehr
dazu dient, das Geheimnis der Eucharistie zu illustrieren. Die ganze Kirche,
die mit Christus zusammen das Amt des Priesters und Opfers ausübt, bringt das
Meßopfer dar und wird in ihm auch selbst ganz dargebracht. Diese in der Tat
wunderbare Lehre wurde schon von den Vätern vorgetragen. 24 Unser
Vorgänger Pius XII. hat sie vor einigen Jahren dargelegt25, und
neuerdings hat das 2. Vatikanische Konzil sie in der Konstitution über die
Kirche im Abschnitt über das Volk Gottes ausgedrückt. 26 Wir wünschen
sehr, daß sie bei aller notwendigen Wahrung des nicht nur gradmäßigen, sondern
wesensmäßigen Unterschieds zwischen dem gemeinsamen und dem hierarchischen
Priestertum27 immer wieder erklärt und den Gläubigen tief eingeprägt
werde; sie ist nämlich sehr geeignet, die eucharistische Frömmigkeit zu
fördern, die Würde aller Gläubigen zu betonen und sie anzueifern, den Gipfel
der Heiligkeit zu erreichen oder, was dasselbe ist, mit einer hochherzigen
Selbsthingabe sich ganz der göttlichen Majestät zu eigen zu geben.
Außerdem muß an die Folgerung, die sich daraus für den ,,öffentlichen und
sozialen Charakter jeder Messe“ ergibt28, erinnert werden. Jede Messe nämlich,
auch wenn sie privat vom Priester zelebriert wird, ist dennoch nicht privat,
sondern ein Handeln Christi und der Kirche; die Kirche lernt ja im Opfer, das
sie darbringt, sich selbst als ein universales Opfer darzubringen, und sie
wendet die einzige und unendlich erlösende Kraft des Kreuzesopfers der ganzen
Welt zum Heile zu. Denn jede Messe, die zelebriert wird, wird nicht nur für das
Heil einiger, sondern auch für das Heil der ganzen Welt dargebracht. Daraus
folgt: Wenn der Feier der Messe die häufige und tätige Teilnahme der Gläubigen
gewissermaßen wesensgemäß höchst angemessen ist, ist doch eine Messe nicht zu
tadeln, sondern vielmehr gutzuheißen, die nach den Vorschriften der Kirche und
den rechtmäßigen Traditionen aus gerechtem Grund vom Priester privat gehalten
wird, auch wenn nur ein Ministrant dient und antwortet; aus ihr kommt nämlich
kein geringes, sondern ein sehr großes Maß besonderer Gnaden zum Heil sowohl
des Priesters selbst als auch des gläubigen Volkes, der gesamten Kirche und der
ganzen Welt. Dieses Maß an Gnaden wird durch den Kommunionempfang allein nicht
erlangt.
Darum empfehlen Wir also väterlich und ernstlich den Priestern, die Unsere
besondere Freude und Unsere Krone im Herrn sind, daß sie eingedenk sind der
Vollmacht, die sie durch den weihenden Bischof empfangen haben, nämlich das
Opfer Christi darzubringen und Messen zu zelebrieren sowohl für die Lebenden
als auch für die Verstorbenen im Namen des Herrn29,daß sie täglich
würdig und andächtig die Messe feiern, damit sie selbst und die übrigen
Christgläubigen die Zuwendung der Früchte genießen, die aus dem Kreuzesopfer
überreich hervorgehen. So werden sie auch am meisten zum Heil des
Menschengeschlechtes beitragen.
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