II.
DIE
GRUNDAUSSAGEN
DER BIBLISCHEN ANTHROPOLOGIE
5. Eine
erste Reihe biblischer Texte, die es zu untersuchen gilt, sind die ersten drei
Kapitel der Genesis. Sie führen uns »in den Bereich jenes biblischen ”Anfangs“,
wo die über den Menschen als ”Abbild und Gleichnis Gottes“ offenbarte Wahrheit
die unveränderliche Grundlage der gesamten christlichen Anthropologie
darstellt«.4
Der erste Text (Gen 1,1-2,4)
beschreibt die Schöpfermacht des Wortes Gottes, die bewirkt, dass im ursprünglichen
Chaos das eine vom anderen geschieden wird. So erscheinen Licht und Finsternis,
Meer und Land, Tag und Nacht, Pflanzen und Bäume, Fische und Vögel, alle »nach
ihrer Art«. Ausgehend von Verschiedenheiten, die zugleich neue Beziehungen
verheißen, entsteht eine geordnete Welt. Dies ist der allgemeine Rahmen, in den
die Erschaffung des Menschen eingeordnet ist. »Dann sprach Gott: Lasst uns
Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich... Gott schuf also den Menschen
als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er
sie« (Gen 1,26-27). Der Mensch wird hier als ein Wesen beschrieben, das
sich von seinem ersten Anfang an in der Beziehung von Mann und Frau
artikuliert. Dieser geschlechtlich differenzierte Mensch wird ausdrücklich »Abbild
Gottes« genannt.
6. Der
zweite Schöpfungsbericht (Gen 2,4-25) bekräftigt in unzweideutiger Weise
die Wichtigkeit der geschlechtlichen Verschiedenheit. Einmal von Gott geformt
und in den Garten gesetzt, um ihn zu bebauen, macht jener, der noch mit dem
allgemeinen Ausdruck Mensch beschrieben wird, die Erfahrung einer
Einsamkeit, die von den anwesenden Tieren nicht ausgefüllt werden kann. Er
braucht eine Hilfe, die ihm entspricht. Dieser Ausdruck bezeichnet hier
nicht eine untergeordnete Rolle, sondern eine vitale Hilfe. 5
Das Ziel besteht darin, es möglich zu machen, dass das Leben des Menschen
nicht in einer fruchtlosen und am Ende tödlichen Beschäftigung nur mit sich
selbst versinkt. Es ist notwendig, dass er mit einem anderen, auf seiner Ebene
lebenden Wesen in Beziehung tritt. Nur die Frau, die aus demselben «Fleisch»
geschaffen und von demselben Mysterium umhüllt ist, gibt dem Leben des Mannes
eine Zukunft. Die Erschaffung der Frau durch Gott charakterisiert den Menschen auf
seinsmäßiger Ebene als Wesen in Beziehung. In dieser Begegnung fällt auch das
Wort, das den Mund des Mannes zum ersten Mal in einem Ausdruck des Staunens
öffnet: »Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch« (Gen
2,23).
Der Heilige Vater hat mit
Bezug auf diesen Text der Genesis geschrieben: »Die Frau ist ein anderes
”Ich“ im gemeinsamen Menschsein. Von Anfang an erscheinen sie [Mann und Frau]
als ”Einheit von zweien“, und das bedeutet die Überwindung der ursprünglichen
Einsamkeit, in welcher der Mensch ”keine Hilfe fand, die ihm entsprach“ (Gen
2,20). Handelt es sich hier nur um die ”Hilfe“ bei der Arbeit, beim
”Unterwerfen der Erde“ (vgl. Gen 1,28)? Mit Sicherheit handelt es sich
um die Lebensgefährtin, mit der sich der Mann als mit seiner Frau verbinden
kann, so dass er ”ein Fleisch“ mit ihr wird und deshalb ”Vater und Mutter
verlässt“ (vgl. Gen 2,24)«. 6
Die vitale Verschiedenheit ist
auf die Gemeinschaft ausgerichtet und wird in friedlicher Weise gelebt, wie es
im Thema des Nacktseins zum Ausdruck kommt. »Beide, Adam und Eva, waren nackt,
aber sie schämten sich nicht voreinander« (Gen 2,25). Der menschliche
Leib, der vom Siegel der Männlichkeit bzw. der Weiblichkeit geprägt ist,
»umfasst von ”Anfang“ an auch die Eigenschaft des ”Bräutlichen“, das heißt die
Fähigkeit, der Liebe Ausdruck zu geben: jener Liebe, in welcher der Mensch als
Person Geschenk wird und — durch dieses Geschenk — den eigentlichen Sinn
seines Seins und seiner Existenz verwirklicht«.7 In der weiteren
Auslegung dieser Verse der Genesis fährt der Heilige Vater fort: »In dieser
seiner Besonderheit ist der Leib Ausdruck des Geistes und dazu gerufen, gerade
im Mysterium der Schöpfung in der Gemeinschaft der Personen ”das Ebenbild
Gottes“ zu sein«.8
In der gleichen bräutlichen
Perspektive versteht man, in welchem Sinn der alte Bericht der Genesis erkennen
lässt, wie die Frau in ihrem tiefsten und ursprünglichsten Sein »für den
anderen« (vgl. 1 Kor 11,9) da ist. Diese Aussage will in keiner Weise
eine Entfremdung heraufbeschwören. Sie bringt vielmehr einen grundlegenden
Aspekt der Ähnlichkeit mit der heiligen Dreifaltigkeit zum Ausdruck, deren
Personen sich durch das Kommen Christi als Gemeinschaft der gegenseitigen Liebe
offenbaren. »In der ”Einheit der zwei“ sind Mann und Frau von Anfang an
gerufen, nicht nur ”nebeneinander“ oder ”miteinander“, sondern auch einer
für den anderen zu leben... Der Text von Gen 2,18-25 weist darauf
hin, dass die Ehe die erste und gewissermaßen grundlegende Dimension dieser
Berufung ist. Allerdings nicht die einzige. Die gesamte Geschichte des Menschen
auf Erden vollzieht sich im Rahmen dieser Berufung. Aufgrund des Prinzips, dass
in der interpersonalen ”Gemeinschaft“ einer ”für“ den anderen da ist,
entwickelt sich in dieser Geschichte die Integration dessen, was ”männlich“ und
was ”weiblich“ ist, in das von Gott gewollte Menschsein«.9
Die friedliche Schau am Ende
des zweiten Schöpfungsberichts ist ein Echo jenes »sehr gut«, das im ersten
Bericht die Erschaffung des ersten Menschenpaares abgeschlossen hat. Hier ist
die Herzmitte des ursprünglichen Planes Gottes und der tiefsten Wahrheit über
Mann und Frau, so wie Gott sie gewollt und geschaffen hat. Diese ursprünglichen
Verfügungen des Schöpfers, wie sehr sie auch durch die Sünde entstellt und
verdunkelt sind, können niemals zunichte gemacht werden.
7. Die
Erbsünde verfälscht die Art, in welcher der Mann und die Frau das Wort Gottes
aufnehmen und leben, sowie ihre Beziehung zum Schöpfer. Sofort nachdem Gott dem
Menschen den Garten anvertraut hat, gibt er ihm ein positives (vgl. Gen
2,16) und dann ein negatives Gebot (vgl. Gen 2,17), in dem implizit die
wesentliche Verschiedenheit zwischen Gott und Mensch ausgesagt wird. Verführt
durch die Schlange, wird diese Verschiedenheit vom Mann und von der Frau
bestritten. Als Folge davon wird auch die Art verzerrt, in der sie ihre
geschlechtliche Verschiedenheit leben. Der Bericht der Genesis stellt so eine
Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen den beiden Verschiedenheiten her:
Wenn der Mensch Gott als seinen Feind betrachtet, wird auch die Beziehung von
Mann und Frau verdorben. Andererseits droht der Zugang zum Antlitz Gottes
gefährdet zu werden, wenn die Beziehung von Mann und Frau entstellt wird.
In den Worten, die Gott nach
dem Sündenfall an die Frau richtet, kommt in knapper, aber erschütternder Weise
zum Ausdruck, welches Gepräge die Beziehungen zwischen Mann und Frau nun haben
werden: »Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen«
(Gen 3,16). Häufig wird die Liebe durch die bloße Suche nach dem eigenen
Ich entstellt, so dass eine Beziehung entsteht, in der die Liebe missachtet und
getötet und durch das Joch der Herrschaft des einen Geschlechts über das andere
ersetzt wird. Die Geschichte der Menschheit gibt diese Verhältnisse wieder, in
denen sich offen die dreifache Begierde ausdrückt, an die der heilige Johannes
erinnert, wenn er von der Begierde des Fleisches, der Begierde der Augen und
der Hoffart der Welt spricht (vgl. 1 Joh 2,16). In dieser tragischen
Situation gehen jene Gleichheit, Achtung und Liebe verloren, die für die
Beziehung von Mann und Frau nach dem ursprünglichen Plan Gottes erforderlich
sind.
8. Eine
Durchsicht dieser grundlegenden Texte macht es möglich, einige Kernaussagen der
biblischen Anthropologie zu bekräftigen.
Vor allem muss der personale
Charakter des Menschen unterstrichen werden. »Der Mensch ist eine Person:
das gilt in gleichem Maße für den Mann und für die Frau; denn beide sind
nach dem Bild und Gleichnis des personhaften Gottes geschaffen«.10
Die gleiche Würde der Personen verwirklicht sich als physische, psychologische
und ontologische Komplementarität, die eine auf Beziehung angelegte harmonische
»Einheit in der Zweiheit« schafft. Nur die Sünde und die in der Kultur
eingeschriebenen »Strukturen der Sünde« haben aus dieser Beziehung eine
potentielle Konfliktsituation gemacht. Die biblische Anthropologie legt nahe,
die Probleme im Zusammenhang mit der Verschiedenheit des Geschlechts auf
öffentlicher und privater Ebene in einer Weise anzugehen, die von der
gegenseitigen Beziehung und nicht von Konkurrenz oder Rache ausgeht.
Darüber hinaus ist zu
unterstreichen, wie wichtig und sinnvoll die Verschiedenheit der Geschlechter
als eine dem Mann und der Frau tief eingeschriebene Wirklichkeit ist. »Die
Geschlechtlichkeit kennzeichnet Mann und Frau nicht nur auf der physischen,
sondern auch auf der psychologischen und geistigen Ebene und prägt alle ihre
Ausdrucksweisen«.11 Sie kann nicht auf einen unbedeutenden
biologischen Aspekt reduziert werden, sondern »ist eine grundlegende Komponente
der Persönlichkeit; sie ist eine ihrer Weisen zu sein, sich zu äußern, mit den
anderen in Kontakt zu treten und die menschliche Liebe zu empfinden,
auszudrücken und zu leben«.12 Diese Fähigkeit zu lieben,
Abglanz und Bild Gottes, der die Liebe ist, äußert sich auch im bräutlichen
Charakter des Leibes, in dem die Männlichkeit bzw. die Weiblichkeit der Person
eingeschrieben ist.
Diese anthropologische
Dimension der Geschlechtlichkeit kann nicht von der theologischen Dimension
getrennt werden. Das menschliche Geschöpf in seiner Einheit von Seele und Leib
ist von Anfang an durch die Beziehung zum anderen gekennzeichnet. Diese Beziehung
ist immer gut und zugleich entstellt. Sie ist gut, von einer ursprünglichen
Güte, die Gott vom ersten Augenblick der Schöpfung an kundgetan hat. Sie ist
aber auch entstellt durch die Disharmonie zwischen Gott und Mensch, die mit der
Sünde gekommen ist. Diese Verfälschung entspricht jedoch weder dem anfänglichen
Plan Gottes über Mann und Frau noch der Wahrheit der Beziehung zwischen den
Geschlechtern. Daraus ergibt sich, dass diese gute, aber verwundete Beziehung
der Heilung bedarf.
Welche Wege der Heilung kann
es geben? Würden die Probleme im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen den
Geschlechtern nur ausgehend von der durch die Sünde geprägten Situation
betrachtet und analysiert, fiele das Denken notwendigerweise in die oben erwähnten
Irrtümer zurück. Man muss deshalb die Logik der Sünde durchbrechen und einen
Weg suchen, der es möglich macht, diese Logik aus dem Herzen des sündigen
Menschen zu beseitigen. Einen klaren Hinweis in diesem Sinn enthält die
göttliche Verheißung eines Retters, in welche die »Frau« und ihr »Nachwuchs«
einbezogen sind (vgl. Gen 3,15). Diese Verheißung kennt vor ihrer
Verwirklichung eine lange Vorbereitung in der Geschichte.
9. Ein erster
Sieg über das Böse wird in der Geschichte des Noach geschildert, einem
gerechten Mann, der von Gott geführt wird und mit seiner Familie und den
verschiedenen Tierarten der Sintflut entkommt (vgl. Gen 6-9). Aber vor
allem durch die göttliche Erwählung Abrahams und seiner Nachkommen (vgl. Gen
12,1ff.) wird die Hoffnung auf Heil bekräftigt. So beginnt Gott, sein
Antlitz zu enthüllen, damit die Menschheit durch das auserwählte Volk den Weg
der Ähnlichkeit mit ihm lerne: den Weg der Heiligkeit und damit der Verwandlung
des Herzens. Unter den vielen Weisen, in denen sich Gott — gemäß einer langen
und geduldigen Pädagogik — seinem Volk offenbart (vgl. Hebr 1,1), findet
sich auch der regelmäßig wiederkehrende Hinweis auf das Thema des Bundes von
Mann und Frau. Dies ist paradox, wenn man das Drama, an das die Genesis
erinnert und das sich zur Zeit der Propheten auf sehr konkrete Weise wiederholt
hat, sowie die Vermischung zwischen Sakralem und Sexualität in den Religionen
rund um Israel in Betracht zieht. Dieser Symbolismus scheint aber unerlässlich,
um die Weise zu verstehen, in der Gott sein Volk liebt: Er gibt sich als
Bräutigam zu erkennen, der Israel, seine Braut, liebt.
Wenn Gott in dieser Beziehung
als »eifersüchtiger Gott« (vgl. Ex 20,5; Nah 1,2) beschrieben und
Israel als »ehebrecherische« Frau oder als »Dirne« (vgl. Hos 2,4-15; Ez
16,15-34) angeklagt wird, hat dies seinen Grund gerade in der durch das
Prophetenwort bekräftigten Hoffnung, das neue Jerusalem als die vollkommen
gewordene Braut zu sehen: »Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt,
so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die
Braut, so freut sich dein Gott über dich« (Jes 62,5). Neu geschaffen in
»Gerechtigkeit und Recht«, in »Liebe und Erbarmen« (Hos 2,21), wird
jene, die sich abgewandt hat, um Leben und Glück bei falschen Göttern zu
suchen, zu dem zurückkehren, der zu ihrem Herzen spricht. Sie wird singen »wie
in den Tagen ihrer Jugend« (Hos 2,17), und sie wird hören, wie er
verkündet: »Dein Schöpfer ist dein Gemahl« (Jes 54,5). Hier kommt im
Wesentlichen dasselbe zum Ausdruck wie an den Stellen, an denen das Buch Jesaja
parallel zum Mysterium des Werkes, das Gott durch die männliche Gestalt des
leidenden Knechts vollbringt, die weibliche Gestalt von Zion erwähnt, die
geschmückt ist mit einer Transzendenz und Heiligkeit, die das Geschenk des für
Israel bestimmten Heils ankündigen.
Im Gebrauch dieser Weise der
Offenbarung ist das Hohelied zweifellos von herausragender Bedeutung. In den
Worten einer ganz und gar menschlichen Liebe, welche die Schönheit der Leiber
und das Glück der gegenseitigen Suche besingt, kommt auch die göttliche Liebe
für sein Volk zum Ausdruck. Die Kirche ist deshalb nicht in die Irre gegangen,
wenn sie in der kühnen Verbindung des ganz und gar Menschlichen mit dem ganz
und gar Göttlichen durch die Verwendung derselben Ausdrücke das Mysterium ihrer
Beziehung zu Christus erkannt hat.
Das ganze Alte Testament
hindurch nimmt eine Heilsgeschichte Gestalt an, bei der sowohl männliche als
auch weibliche Gestalten mitwirken. Die Begriffe von Bräutigam und Braut oder
auch von Bund, durch die sich die Dynamik des Heils auszeichnet, haben gewiss
eine offenkundig bildliche Dimension, sind aber doch viel mehr als bloße
Metaphern. Das hochzeitliche Vokabular berührt nämlich das Wesen der Beziehung,
die Gott mit seinem Volk aufbaut, auch wenn diese Beziehung über das
hinausgeht, was mit der menschlichen Erfahrung der Hochzeit zum Ausdruck
gebracht werden kann. Zugleich sind in der Art, in der etwa die Weissagungen
des Jesaja männliche und weibliche Rollen bei der Ankündigung und Verheißung
des Heilswerkes durch Gott miteinander verknüpfen, die konkreten Bedingungen
der Erlösung im Spiel. Dieses Heil weist den Leser sowohl auf die männliche
Gestalt des leidenden Knechts als auch auf die weibliche Gestalt von Zion hin.
In den Weissagungen des Jesaja wechseln die Gestalt von Zion und jene des
Gottesknechts einander ab, bevor sie am Ende des Buches in der geheimnisvollen
Schau der Stadt Jerusalem gipfeln, die ein Volk an einem einzigen Tag gebiert
(vgl. Jes 66,7-14): Prophetie der großen Neuheit, die Gott dabei ist zu
verwirklichen (vgl. Jes 48,6-8).
10. Im Neuen
Testament gehen alle diese Verheißungen in Erfüllung. Auf der einen Seite umfasst
und verwandelt Maria, die auserwählte Tochter Zions, als Frau das Brautsein des
Volkes Israel, das auf den Tag seines Heils wartet. Auf der anderen Seite kann
man im Mannsein des Sohnes erkennen, wie Jesus in seiner Person all das
aufnimmt, was der alttestamentliche Symbolismus auf die Liebe Gottes zu seinem
Volk angewandt hatte, die als die Liebe eines Bräutigams zu seiner Braut
beschrieben wird. Jesus und Maria, seine Mutter, sichern so nicht nur die
Kontinuität des Alten Testaments mit dem Neuen, sondern ragen darüber hinaus,
weil mit Jesus Christus »die ganze Neuheit«13 sichtbar wird,
wie der heilige Irenäus sagt.
Dieser Aspekt wird besonders
durch das Johannesevangelium herausgestrichen. Bei der Hochzeit in Kana zum
Beispiel wird Jesus von seiner Mutter — die »Frau« genannt wird — gebeten, für
das Zeichen des neuen Weines der zukünftigen Hochzeit mit der Menschheit zu
sorgen (vgl. Joh 2,1-12). Diese messianische Hochzeit verwirklicht sich
unter dem Kreuz, wo — wieder in Gegenwart der Mutter, die als »Frau«
angesprochen wird — aus dem geöffneten Herzen des Gekreuzigten das Blut/der
Wein des Neuen Bundes strömt (vgl. Joh 19,25-27.34). 14
Es ist deshalb nicht überraschend, dass Johannes der Täufer auf die Frage, wer
er sei, sich »Freund des Bräutigams« nennt, der sich freut, wenn er die Stimme
des Bräutigams hört, und der bei seinem Kommen zurücktreten muss: »Wer die
Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabei steht
und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun
für mich Wirklichkeit geworden. Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden«
(Joh 3,29-30). 15
In seinem apostolischen Wirken
entfaltet Paulus den ganzen hochzeitlichen Sinn der Erlösung, wenn er das
christliche Leben als hochzeitliches Mysterium begreift. Er schreibt an die von
ihm gegründete Kirche von Korinth: »Ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes;
ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu
Christus zu führen« (2 Kor 11,2).
Im Brief an die Epheser wird
die bräutliche Beziehung zwischen Christus und der Kirche aufgegriffen und
ausführlich vertieft. Im Neuen Bund ist die geliebte Braut die Kirche. Im Brief
an die Familien lehrt der Heilige Vater: »Diese Braut, von der der Epheserbrief
spricht, vergegenwärtigt sich in jedem Getauften und ist wie eine Person, die
vor dem Blick ihres Bräutigams erscheint: Er hat ”die Kirche geliebt und sich
für sie hingegeben... So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen
lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und
makellos“ (Eph 5,25-27)«. 16
Bei der Betrachtung der
Vereinigung von Mann und Frau, wie sie im Zusammenhang mit der Erschaffung der
Welt beschrieben wird (vgl. Gen 2,24), ruft der Apostel aus: »Dies ist
ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche« (Eph
5,32). Die in der Kraft der Taufgnade gelebte Liebe von Mann und Frau wird nun
zum Sakrament der Liebe Christi und der Kirche, zum Zeugnis für das Mysterium
der Treue und der Einheit, aus dem die »neue Eva« geboren wird und von dem sie
auf ihrem irdischen Pilgerweg lebt, während sie auf die Vollendung der ewigen
Hochzeit wartet.
11. Die
christlichen Eheleute, die in das Paschamysterium eingetaucht und zu lebendigen
Zeichen der Liebe Christi und der Kirche gemacht wurden, sind in ihrem Herzen
erneuert. Sie können die Beziehungen meiden, die von der Begierde und der
Tendenz, den anderen zu beherrschen, geprägt sind, welche der Bruch mit Gott
durch die Sünde im ersten Menschenpaar hinterlassen hatte. Die Güte der Liebe,
nach der sich das verwundete menschliche Herz immerfort gesehnt hatte,
offenbart sich durch sie mit neuen Akzenten und Möglichkeiten. In diesem Licht
kann Jesus im Zusammenhang mit der Frage nach der Scheidung (vgl. Mt
19,3-9) an die Forderungen des Bundes zwischen Mann und Frau erinnern, wie Gott
sie am Anfang stellte, also vor dem Einbruch der Sünde, der die nachfolgenden
Anordnungen des mosaischen Gesetzes gerechtfertigt hatte. Dieses Wort Jesu will
in keiner Weise eine starre, unbarmherzige Ordnung auferlegen, sondern ist in
Wirklichkeit die Ankündigung einer »frohen Botschaft«, der Botschaft der Treue,
die stärker ist als die Sünde. In der Kraft der Auferstehung ist der Sieg der
Treue über die Schwächen, die erlittenen Verwundungen und die Sünden des
Ehepaares möglich. In der Gnade Christi, der ihr Herz erneuert, werden Mann und
Frau fähig, sich von der Sünde zu befreien und die Freude der gegenseitigen
Hingabe zu erkennen.
12. »Denn
ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt.
Es gibt nicht mehr... Mann und Frau«, schreibt der heilige Paulus an die
Galater (3,27-28). Der Apostel erklärt hier nicht, dass die Unterscheidung von
Mann und Frau hinfällig ist, von der er an anderer Stelle sagt, dass sie zum
Plan Gottes gehört. Er will vielmehr sagen, dass in Christus die Rivalität, die
Feindschaft und die Gewalt, welche die Beziehung von Mann und Frau entstellt
haben, überwunden werden können und überwunden wurden. In diesem Sinn wird die
Unterscheidung von Mann und Frau mehr als je zuvor bekräftigt, welche die
biblische Offenbarung übrigens bis zum Ende begleitet. In der letzten Stunde
der gegenwärtigen Geschichte erscheinen in der Offenbarung des Johannes «ein
neuer Himmel« und »eine neue Erde« (Offb 21,1), und es taucht in der
Vision die weibliche Gestalt der Stadt Jerusalem auf, »bereit wie eine Braut,
die sich für ihren Mann geschmückt hat« (Offb 21,2). Die Offenbarung
schließt mit dem Wort des Geistes und der Braut, die um das Kommen des
Bräutigams beten: »Komm, Herr Jesus!« (Offb 22,20).
Mannsein und Frausein sind so
als ontologisch zur Schöpfung gehörend offenbart und deshalb dazu
bestimmt, über die gegenwärtige Zeit hinaus Bestand zu haben, natürlich
in einer verwandelten Form. Auf diese Weise charakterisieren sie die Liebe, die
niemals aufhört (vgl. 1 Kor 13,8), wenngleich die zeitliche, irdische
Ausdrucksweise der Geschlechtlichkeit in ihrer Hinordnung auf die durch Zeugung
und Tod geprägten Lebensbedingungen vergänglich ist. Für diese Form der
zukünftigen Verwirklichung des Mann- und Frauseins will die Ehelosigkeit um des
Himmelreiches willen ein prophetisches Zeichen sein. Jene, die zölibatär leben,
nehmen eine Wirklichkeit des Daseins vorweg, die jene eines Mannes bzw. einer
Frau bleibt, aber nicht mehr den gegenwärtigen Begrenzungen der ehelichen
Beziehung unterworfen sein wird (vgl. Mt 22,30). Für jene, die in der
Ehe leben, ist dieser Stand zudem ein Hinweis und ein prophetisches Zeichen für
die Vollendung, die ihre Beziehung in der Begegnung mit Gott von Angesicht zu
Angesicht finden wird.
Mann und Frau sind von Beginn
der Schöpfung an unterschieden und bleiben es in alle Ewigkeit. In das
Paschamysterium Christi eingefügt, erfahren sie ihre Verschiedenheit nicht mehr
als Ursache von Uneinigkeit, die durch Leugnung oder Einebnung überwunden
werden müsste, sondern als Möglichkeit zur Zusammenarbeit, die in der
gegenseitigen Achtung der Verschiedenheit zu verwirklichen ist. Von hier aus eröffnen
sich neue Perspektiven für ein tieferes Verständnis der Würde der Frau und
ihrer Rolle in der menschlichen Gesellschaft und in der Kirche.
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