III.
DIE
AKTUALITÄT
DER FRAULICHEN WERTE
IM LEBEN DER GESELLSCHAFT
13. Unter
den Grundwerten, die mit dem konkreten Leben der Frau verbunden sind, ist jener
zu erwähnen, den man ihre »Fähigkeit für den anderen« genannt hat. Trotz der
Tatsache, dass eine gewisse Strömung des Feminismus Ansprüche »für sie selber« einfordert,
bewahrt die Frau doch die tiefgründige Intuition, dass das Beste ihres Lebens
darin besteht, sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum,
für seinen Schutz.
Diese Intuition ist mit ihrer
physischen Fähigkeit verbunden, Leben zu schenken. Die gelebte oder potentielle
Fähigkeit zur Mutterschaft ist eine Wirklichkeit, die die weibliche
Persönlichkeit zutiefst prägt. Sie hilft ihr, sehr schnell Reife, Sinn für die
Bedeutung des Lebens und die damit verbundene Verantwortung zu erlangen. Sie
entfaltet in ihr den Sinn und die Ehrfurcht gegenüber dem Konkreten, das sich
den Abstraktionen entgegenstellt, die für das Leben des Einzelnen und der
Gesellschaft oft tödlich sind. Schließlich besitzt die Frau auch in den
aussichtslosesten Situationen — Vergangenheit und Gegenwart sind dafür Zeugen —
eine einzigartige Fähigkeit, in den Widerwärtigkeiten standzuhalten, in
extremen Umständen das Leben noch möglich zu machen, einen festen Sinn für die
Zukunft zu bewahren und durch Tränen an den Preis jedes Menschenlebens zu
erinnern.
Auch wenn die Mutterschaft
eine zentrale Bedeutung für die weibliche Identität hat, ist es aber nicht
richtig, die Frau nur unter dem Aspekt der biologischen Fortpflanzung zu sehen.
In dieser Hinsicht kann es schwerwiegende Übertreibungen geben, welche die
biologische Fruchtbarkeit mit vitalistischen Ausdrücken verherrlichen und oft
mit einer gefährlichen Abwertung der Frau verbunden sind. Die christliche
Berufung zur Jungfräulichkeit, die gegenüber der alttestamentlichen Tradition
und den Ansprüchen vieler menschlicher Gesellschaftssysteme eine echte
Herausforderung ist, hat in dieser Hinsicht größte Bedeutung. 17
Diese Berufung widerlegt radikal jeden Anspruch, die Frauen in ein bloß
biologisches Schicksal einzuschließen. Wie die Jungfräulichkeit durch die
leibliche Mutterschaft daran erinnert wird, dass zur christlichen Berufung
immer die konkrete Selbsthingabe an den anderen gehört, so wird die leibliche
Mutterschaft durch die Jungfräulichkeit an ihre wesentlich geistliche Dimension
erinnert: Um dem anderen wirklich das Leben zu schenken, darf man sich nicht
mit der physischen Zeugung begnügen. Dies bedeutet, dass es Formen der vollen
Verwirklichung der Mutterschaft auch dort geben kann, wo keine physische Zeugung
erfolgt.18
In dieser Perspektive wird die
unersetzliche Rolle der Frau in allen Bereichen des familiären und
gesellschaftlichen Lebens verständlich, bei denen es um die menschlichen
Beziehungen und die Sorge um den anderen geht. Hier zeigt sich deutlich, was
der Heilige Vater den Genius der Frau genannt hat. 19
Dies beinhaltet vor allem, dass die Frauen aktiv und auch fest in der Familie,
»der anfänglichen und in gewissem Sinn ”souveränen“ Gesellschaft«,20
gegenwärtig sein sollen. Besonders hier wird nämlich das Antlitz eines Volkes
geformt, hier eignen sich seine Glieder die grundlegenden Kenntnisse an. Sie
lernen lieben, weil sie selber umsonst geliebt werden; sie lernen jede andere
Person achten, weil sie selber geachtet werden; sie lernen das Antlitz Gottes
kennen, weil sie dessen erste Offenbarung von einem Vater und einer Mutter
erhalten, die ihnen ihre ganze Zuwendung schenken. Jedes Mal, wenn diese
Grunderfahrungen fehlen, wird der ganzen Gesellschaft Gewalt angetan und bringt
die Gesellschaft dann ihrerseits vielfältige Formen der Gewalt hervor. Dies
beinhaltet darüber hinaus, dass die Frauen in der Welt der Arbeit und des
gesellschaftlichen Lebens gegenwärtig sein und zu verantwortungsvollen Stellen
Zugang haben sollen, die ihnen die Möglichkeit bieten, die Politik der Völker
zu inspirieren und neue Lösungen für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme
anzuregen.
Man darf aber in diesem
Zusammenhang nicht vergessen, dass die Überschneidung von zwei Tätigkeiten —
Familie und Arbeit — bei der Frau andere Merkmale annimmt als beim Mann.
Deshalb stellt sich die Aufgabe, die Gesetzgebung und die Organisation der
Arbeit mit den Anforderungen der Sendung der Frau innerhalb der Familie zu
harmonisieren. Hier geht es nicht nur um eine rechtliche, wirtschaftliche und
organisatorische Frage, sondern vor allem um eine Frage der Mentalität, der
Kultur und der Achtung. Erforderlich ist eine gerechte Wertschätzung der
Arbeit, welche die Frau in der Familie leistet. So könnten die Frauen, die es
freiwillig wünschen, ihre ganze Zeit der häuslichen Arbeit widmen, ohne sozial
gebrandmarkt und wirtschaftlich bestraft zu werden. Jene hingegen, die auch
andere Tätigkeiten verrichten möchten, könnten dies in einem angepassten
Arbeitsrhythmus tun, ohne vor die Alternative gestellt zu werden, ihr
Familienleben aufzugeben oder einer ständigen Stresssituation ausgesetzt zu
sein, die weder dem persönlichen Gleichgewicht noch der Harmonie in der Familie
förderlich ist. Johannes Paul II. hat darüber geschrieben: »Es wird einer
Gesellschaft zur Ehre gereichen, wenn sie es der Mutter ermöglicht, sich ohne
Behinderung ihrer freien Entscheidung, ohne psychologische oder praktische
Diskriminierung und ohne Benachteiligung gegenüber ihren Kolleginnen der Pflege
und Erziehung ihrer Kinder je nach den verschiedenen Bedürfnissen ihres Alters
zu widmen«.21
14. Es ist
jedoch angebracht, daran zu erinnern, dass die eben erwähnten fraulichen Werte vor
allem menschliche Werte sind: Die menschliche Verfassung, sowohl des Mannes als
auch der Frau, die als Abbild Gottes erschaffen wurden, ist nämlich eine und
unteilbar. Nur weil die Frauen spontaner mit den genannten Werten
übereinstimmen, können sie ein Aufruf und ein bevorzugtes Zeichen für diese
Werte sein. Letztlich ist aber jeder Mensch, ob Mann oder Frau, dazu bestimmt,
»für den anderen« da zu sein. In dieser Perspektive ist das, was man
»Fraulichkeit« nennt, mehr als ein bloßes Attribut des weiblichen Geschlechts.
Der Ausdruck beschreibt nämlich die grundlegende Fähigkeit des Menschen, für
den anderen und dank des anderen zu leben.
Deshalb muss die Förderung der
Frau innerhalb der Gesellschaft als eine Vermenschlichung verstanden und
gewollt werden, welche durch die dank der Frauen neu entdeckten Werte
Wirklichkeit wird. Jede Perspektive, die sich als Kampf der Geschlechter
ausgeben möchte, ist nur Illusion und Gefahr: Sie würde in Situationen der
Abkapselung und der Rivalität zwischen Männern und Frauen enden und eine
Ichbezogenheit fördern, die von einem falschen Freiheitsverständnis genährt
wird.
Unbeschadet der Bemühungen zur
Förderung der Rechte, welche die Frauen in der Gesellschaft und in der Familie
anstreben, wollen diese Anmerkungen eine Perspektive korrigieren, in der die
Männer als Feinde betrachtet werden, die zu besiegen wären. Die Beziehung
zwischen Mann und Frau kann ihre gerechte Ordnung nicht in einer Art
misstrauischer, defensiver Gegnerschaft finden. Es ist notwendig, dass diese Beziehung
im Frieden und im Glück der ungeteilten Liebe gelebt wird.
Auf einer mehr konkreten Ebene
müssen die sozialpolitischen Maßnahmen — bezüglich der Erziehung, der Familie,
der Arbeit, dem Zugang zu Dienstleistungen, der Mitwirkung am bürgerlichen Leben
— auf der einen Seite jegliche ungerechte geschlechtliche Diskriminierung
bekämpfen und auf der anderen Seite die Bestrebungen und Bedürfnisse eines
jeden wahrzunehmen und zu erkennen wissen. Die Verteidigung und die Förderung
der gleichen Würde und der gemeinsamen persönlichen Werte müssen mit der
sorgsamen Anerkennung der gegenseitigen Verschiedenheit harmonisiert werden, wo
dies von der Verwirklichung des eigenen Mann- oder Frauseins gefordert wird.
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