Kapitel II
Die
Teilnahme der christgläubigen Laien an der Feier der Eucharistie
1. Die tätige und bewusste Teilnahme
36. Als Handlung Christi
und der Kirche ist die Meßfeier der Mittelpunkt des ganzen christlichen Lebens,
und zwar für die Gesamtkirche wie auch für die Teilkirche und für die einzelnen
Gläubigen,87 die «“in verschiedener Weise, entsprechend der
Verschiedenheit von Stand, Aufgabe und tätiger Teilnahme”88 daran
beteiligt sind. Auf diese Weise drückt das christliche Volk, “ein auserwähltes
Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das
sein besonderes Eigentum wurde”,89 seine ihm entsprechende und
hierarchische Ordnung aus».90 «Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen
aber und das amtliche oder hierarchische Priestertum unterscheiden sich zwar
dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach, sind jedoch einander zugeordnet: das
eine wie das andere nämlich nimmt auf je besondere Weise an dem einen
Priestertum Christi teil».91
37. Alle Christgläubigen,
die durch die Taufe von ihren Sünden befreit und in die Kirche eingegliedert
worden sind, werden durch das ihnen eingeprägte Siegel zum Kult der
christlichen Religion bestellt,92 damit sie sich kraft ihres
königlichen Priestertums,93 beharrlich im Gebet und im Lob
Gottes,94 als lebendiges und heiliges Opfer darbringen, das Gott
gefällt und sich in allen ihren Taten bewährt,95 und damit sie überall
auf der Erde von Christus Zeugnis ablegen und jedem Rede und Antwort stehen,
der nach der Hoffnung auf das ewige Leben fragt, die sie erfüllt.96
Daher kann die Teilnahme der gläubigen Laien an der Feier der Eucharistie und
der anderen Riten der Kirche auch nicht auf eine bloß passive Anwesenheit
reduziert werden, sondern ist als wahre Ausübung des Glaubens und der Taufwürde
zu betrachten.
38. Die beständige Lehre
der Kirche über das Wesen der Eucharistie, die nicht nur ein Gastmahl, sondern
auch und vor allem ein Opfer ist, muß mit Recht zu den grundlegenden Kriterien
für eine volle Teilnahme aller Gläubigen an diesem so großen Sakrament gezählt
werden.97 «Bisweilen wird ein stark verkürzendes Verständnis des
eucharistischen Mysteriums sichtbar. Es wird seines Opfercharakters beraubt und
in einer Weise vollzogen, als ob es den Sinn und den Wert einer brüderlichen
Mahlgemeinschaft nicht übersteigen würde».98
39. Um die tätige
Teilnahme zu fördern und zum Ausdruck zu bringen, hat die jüngste Reform der
liturgischen Bücher gemäß dem Willen des Konzils den Akklamationen des Volkes,
den Antworten, dem Psalmengesang, den Antiphonen, den Liedern sowie den
Handlungen und Gesten und den Körperhaltungen Aufmerksamkeit geschenkt, für die
Einhaltung des heiligen Schweigens zu gegebener Zeit Sorge getragen und in den
Rubriken auch die Teile, die das Volk betreffen, in Betracht gezogen.99
Außerdem wird für eine angemessene Gestaltung nach dem Grundsatz, daß jede
Feier gemäß den durch die liturgischen Normen festgesetzten Befugnissen den
Bedürfnissen, dem Fassungsvermögen, der geistigen Vorbereitung und der
Wesensart der Teilnehmer entsprechen soll, ein weiter Raum gewährt. In der
Auswahl der Gesänge, der Melodien, der Orationen und der biblischen Lesungen,
in der Homilie, die zu halten ist, in der Vorbereitung der Fürbitten, in den
Hinweisen, die manchmal zu verlesen sind, und im Schmuck der Kirche
entsprechend den verschiedenen Zeiten gibt es vielfältige Möglichkeiten, in
jede Feier eine gewisse Abwechslung einzufügen, die dazu beiträgt, den Reichtum
der liturgischen Tradition deutlicher in Erscheinung treten zu lassen und der
Feier mit Sorgfalt unter Beachtung der pastoralen Erfordernisse eine besondere
Note zu verleihen, so daß die innere Teilnahme gefördert wird. Es muß jedoch daran
erinnert werden, daß die Wirksamkeit der liturgischen Handlungen nicht in der
ständigen Änderung der Riten liegt, sondern in der tieferen Besinnung auf das
Wort Gottes und das Mysterium, das gefeiert wird.100
40. Obwohl die Feier der
Liturgie zweifellos das Kennzeichen der tätigen Teilnahme aller Christgläubigen
hat, folgt daraus jedoch nicht, daß alle über die Gesten und Körperhaltungen
hinaus gleichsam aus Notwendigkeit tatsächlich etwas tun müßten, so als ob
jeder zwingend irgendeine besondere liturgische Aufgabe verrichten müßte. In
der katechetischen Ausbildung ist gewissenhaft dafür zu sorgen, daß
oberflächliche Auffassungen und Gewohnheiten korrigiert werden, die sich in den
letzten Jahren mancherorts eingeschlichen haben, und daß bei allen
Christgläubigen immer wieder neu der Sinn für das echte Staunen vor der Größe
jenes Glaubensmysterium geweckt wird, das die Eucharistie ist, in deren Feier
die Kirche immerfort «von der alten in die neue Wirklichkeit» übergeht.101
Denn in der Feier der Eucharistie wie auch im ganzen christlichen Leben, das
aus ihr Kraft schöpft und zu ihr hinstrebt, wirft sich die Kirche, wie der
heilige Apostel Thomas, anbetend vor dem Herrn nieder, der gekreuzigt wurde,
gestorben ist, begraben wurde und auferstanden ist, und ruft «in der Fülle
seines göttlichen Glanzes [...] in alle Ewigkeit aus: “Mein Herr und mein
Gott!”».102
41. Um den inneren Sinn für
die liturgische Teilnahme zu wecken, zu fördern und zu nähren, sind die
eifrige, ausgedehnte Feier des Stundengebetes, der Gebrauch der Sakramentalien
und die Übungen der christlichen Volksfrömmigkeit sehr nützlich. Die Übungen
dieser Art, «die, obwohl sie nicht streng zur heiligen Liturgie gehören,
gleichwohl von besonderer Bedeutung und Würde sind», müssen in einer gewissen
Verbindung mit der liturgischen Ordnung gesehen werden, besonders wenn sie vom
Lehramt empfohlen und bestätigt wurden,103 wie dies besonders beim
Gebet des Rosenkranzes der Fall ist.104 Da diese Formen der Frömmigkeit
das christliche Volk zur Mitfeier der Sakramente, vor allem der Eucharistie,
«wie auch zur Betrachtung der Mysterien unserer Erlösung und zur Nachahmung der
leuchtenden Beispiele der Heiligen im Himmel» führen, «machen sie uns daher
nicht ohne heilsamen Nutzen des liturgischen Kultes teilhaftig».105
42. Man muß verstehen,
daß die Kirche nicht aus menschlichem Willen zusammenkommt, sondern von Gott im
Heiligen Geist zusammengerufen wird und im Glauben auf eine ungeschuldete
Berufung antwortet (ekklesia ist nämlich eng verbunden mit klesis
– Berufung).106 Das eucharistische Opfer darf ferner nicht als
«Konzelebration» des Priesters mit dem anwesenden Volk im strengen Sinn
betrachtet werden.107 Im Gegenteil, die von den Priestern gefeierte
Eucharistie ist eine Gabe, «die auf radikale Weise die Vollmacht der Gemeinde
überragt. [...] Die Gemeinde, die zur Feier der Eucharistie zusammenkommt,
bedarf unbedingt eines geweihten Priesters, der ihr vorsteht, um wirklich
eucharistische Versammlung sein zu können. Die Gemeinde kann sich aber nicht
selbst einen geweihten Amtsträger geben».108 Es bedarf dringend des gemeinsamen
Willens, daß in dieser Sache jede Zweideutigkeit vermieden und für die
Schwierigkeiten der letzten Jahre eine Abhilfe geschaffen wird. Daher sollen
Ausdrücke wie «zelebrierende Gemeinde» oder «zelebrierende Versammlung» - oder
in anderen modernen Sprachen «celebrating assembly», «asamblea celebrante»,
«assemblée célébrante», «assemblea celebrante» - und ähnliche Redewendungen nur
behutsam gebraucht werden.
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