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Hohe Herren von der
Akademie!
Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der
Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen.
In diesem Sinne kann ich
leider der Aufforderung nicht nachkommen. Nahezu fünf Jahre trennen mich
vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender gemessen, unendlich lang
aber durchzugaloppieren, so wie ich es getan habe, streckenweise begleitet von
vortrefflichen Menschen, Ratschlägen, Beifall und Orchestralmusik, aber im
Grunde allein, denn alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit
von der Barriere. Diese Leistung wäre unmöglich gewesen, wenn ich
eigensinnig hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend
festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot,
das ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch. Dadurch verschlossen sich
mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer mehr. War mir zuerst die
Rückkehr, wenn die Menschen gewollt hätten, freigestellt durch das
ganze Tor, das der Himmel über der Erde bildet, wurde es gleichzeitig mit
meiner vorwärtsgepeitschten Entwicklung immer niedriger und enger; wohler
und eingeschlossener fühlte ich mich in der Menschenwelt; der Sturm, der
mir aus meiner Vergangenheit nachblies, sänftigte sich; heute ist es nur
ein Luftzug, der mir die Fersen kühlt; und das Loch in der Ferne, durch
das er kommt und durch das ich einstmals kam, ist so klein geworden, daß
ich, wenn überhaupt die Kräfte und der Wille hinreichen würden,
um bis dorthin zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden
müßte, um durchzukommen. Offen gesprochen, so gerne ich auch Bilder
wähle für diese Dinge, offen gesprochen: Ihr Affentum, meine Herren,
sofern Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als
mir das meine. An der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den
kleinen Schimpansen wie den großen Achilles.
In eingeschränktestem
Sinn aber kann ich doch vielleicht Ihre Anfrage beantworten und ich tue es
sogar mit großer Freude.
Das erste, was ich lernte,
war: den Handschlag geben; Handschlag bezeigt Offenheit; mag nun heute, wo ich
auf dem Höhepunkt meiner Laufbahn stehe, zu jenem ersten Handschlag auch
das offene Wort hinzukommen. Es wird für die Akademie nichts wesentlich
Neues beibringen und weit hinter dem zurückbleiben, was man von mir
verlangt hat und was ich beim besten Willen nicht sagen kann - immerhin, es
soll die Richtlinie zeigen, auf welcher ein gewesener Affe in die Menschenwelt
eingedrungen ist und sich dort festgesetzt hat. Doch dürfte ich selbst das
Geringfügige, was folgt, gewiß nicht sagen, wenn ich meiner nicht
völlig sicher wäre und meine Stellung auf allen großen
Varietébühnen der zivilisierten Welt sich nicht bis zur
Unerschütterlichkeit gefestigt hätte:
Ich stamme von der
Goldküste. Darüber, wie ich eingefangen wurde, bin ich auf fremde
Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck - mit dem
Führer habe ich übrigens seither schon manche gute Flasche Rotwein
geleert - lag im Ufergebüsch auf dem Anstand, als ich am Abend inmitten
eines Rudels zur Tränke lief. Man schoß; ich war der einzige, der
getroffen wurde; ich bekam zwei Schüsse.
Einen in die Wange; der war
leicht; hinterließ aber eine große ausrasierte rote Narbe, die mir
den widerlichen, ganz und gar unzutreffenden, förmlich von einem Affen
erfundenen Namen Rotpeter eingetragen hat, so als unterschiede ich mich von dem
unlängst krepierten, hie und da bekannten, dressierten Affentier Peter nur
durch den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei.
Der zweite Schuß traf
mich
unterhalb der Hüfte. Er war schwer, er hat es verschuldet, daß ich
noch heute ein wenig hinke. Letzthin las ich in einem Aufsatz irgendeines der
zehntausend Windhunde, die sich in den Zeitungen über mich auslassen:
meine Affennatur sei noch nicht ganz unterdrückt; Beweis dessen sei,
daß ich, wenn Besucher kommen, mit Vorliebe die Hosen ausziehe, um die
Einlaufstelle jenes Schusses zu zeigen. Dem Kerl sollte jedes Fingerchen seiner
schreibenden Hand einzeln weggeknallt werden. Ich, ich darf meine Hosen
ausziehen, vor wem es mir beliebt; man wird dort nichts finden als einen
wohlgepflegten Pelz und die Narbe nach einem - wählen wir hier zu einem
bestimmten Zwecke ein bestimmtes Wort, das aber nicht mißverstanden werden
wolle - die Narbe nach einem frevelhaften Schuß. Alles liegt offen
zutage; nichts ist zu verbergen; kommt es auf Wahrheit an, wirft jeder
Großgesinnte die allerfeinsten Manieren ab. Würde dagegen jener
Schreiber die Hosen ausziehen, wenn Besuch kommt, so hätte dies allerdings
ein anderes Ansehen, und ich will es als Zeichen der Vernunft gelten lassen,
daß er es nicht tut. Aber dann mag er mir auch mit seinem Zartsinn vom
Halse bleiben.
Nach jenen Schüssen
erwachte ich - und hier beginnt allmählich meine eigene Erinnerung - in
einem Käfig im Zwischendeck des Hagenbeckschen Dampfers. Es war kein
vierwandiger Gitterkäfig; vielmehr waren nur drei Wände an einer
Kiste festgemacht; die Kiste also bildete die vierte Wand. Das Ganze war zu
niedrig zum Aufrechtstehen und zu schmal zum Niedersitzen. Ich hockte deshalb
mit eingebogenen, ewig zitternden Knien, und zwar, da ich zunächst
wahrscheinlich niemanden sehen und immer nur im Dunkeln sein wollte, zur Kiste
gewendet, während sich mir hinten die Gitterstäbe ins Fleisch
einschnitten. Man hält eine solche Verwahrung wilder Tiere in der
allerersten Zeit für vorteilhaft, und ich kann heute nach meiner Erfahrung
nicht leugnen, daß dies im menschlichen Sinn tatsächlich der Fall
ist.
Daran dachte ich aber
damals nicht. Ich war zum erstenmal in meinem Leben ohne Ausweg; zumindest
geradeaus ging es nicht; geradeaus vor mir war die Kiste, Brett fest an Brett
gefügt. Zwar war zwischen den Brettern eine durchlaufende Lücke, die
ich, als ich sie zuerst entdeckte, mit dem glückseligen Heulen des
Unverstandes begrüßte, aber diese Lücke reichte bei weitem
nicht einmal zum Durchstecken des Schwanzes aus und war mit aller Affenkraft
nicht zu verbreitern.
Ich soll, wie man mir
später sagte, ungewöhnlich wenig Lärm gemacht haben, woraus man
schloß, daß ich entweder bald eingehen müsse oder daß
ich, falls es mir gelingt, die erste kritische Zeit zu überleben, sehr
dressurfähig sein werde. Ich überlebte diese Zeit. Dumpfes
Schluchzen, schmerzhaftes Flöhesuchen, müdes Lecken einer
Kokosnuß, Beklopfen der Kistenwand mit dem Schädel, Zungenblecken,
wenn mir jemand nahekam - das waren die ersten Beschäftigungen in dem
neuen Leben. In alledem aber doch nur das eine Gefühl: kein Ausweg. Ich
kann natürlich das damals affenmäßig Gefühlte heute nur mit
Menschenworten nachzeichnen und verzeichne es infolgedessen, aber wenn ich auch
die alte Affenwahrheit nicht mehr erreichen kann, wenigstens in der Richtung
meiner Schilderung liegt sie, daran ist kein Zweifel.
Ich hatte doch so viele
Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich war festgerannt. Hätte man mich angenagelt, meine
Freizügigkeit wäre dadurch nicht kleiner geworden. Warum das? Kratz
dir das Fleisch zwischen den Fußzehen auf, du wirst den Grund nicht
finden. Drück dich hinten gegen die Gitterstange, bis sie dich fast
zweiteilt, du wirst den Grund nicht finden. Ich hatte keinen Ausweg,
mußte mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben.
Immer an dieser Kistenwand - ich wäre unweigerlich verreckt. Aber Affen
gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand - nun, so hörte ich auf, Affe
zu sein. Ein klarer, schöner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch
ausgeheckt haben muß, denn Affen denken mit dem Bauch.
Ich habe Angst, daß
man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg verstehe. Ich gebrauche das Wort
in seinem gewöhnlichsten und vollsten Sinn. Ich sage absichtlich nicht
Freiheit. Ich meine nicht dieses große Gefühl der Freiheit nach
allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht und ich habe Menschen kennengelernt,
die sich danach sehnen. Was mich
aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute. Nebenbei: mit
Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die Freiheit
zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende
Täuschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den Varietés vor
meinem Auftreten irgendein Künstlerpaar oben an der Decke an Trapezen
hantieren sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie
schwebten einander in die Arme, einer trug den andern an den Haaren mit dem
Gebiß. ›Auch das ist Menschenfreiheit‹, dachte ich,
›selbstherrliche Bewegung.‹ Du Verspottung der heiligen Natur! Kein
Bau würde standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem
Anblick.
Nein, Freiheit wollte ich
nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin immer; ich stellte keine anderen
Forderungen; sollte der Ausweg auch nur eine Täuschung sein; die Forderung
war klein, die Täuschung würde nicht größer sein.
Weiterkommen, weiterkommen! Nur nicht mit aufgehobenen Armen stillestehn,
angedrückt an eine Kistenwand.
Heute sehe ich klar: ohne
größte innere Ruhe hätte ich nie entkommen können. Und
tatsächlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden bin, der Ruhe,
die mich nach
den ersten Tagen dort im Schiff überkam. Die Ruhe wiederum aber verdankte
ich wohl den Leuten vom Schiff.
Es sind gute Menschen,
trotz allem. Gerne erinnere ich mich
noch heute an den Klang ihrer schweren Schritte, der damals in meinem
Halbschlaf widerhallte. Sie hatten die Gewohnheit, alles äußerst
langsam in Angriff zu nehmen. Wollte sich einer die Augen reiben, so hob er die
Hand wie ein Hängegewicht. Ihre Scherze waren grob, aber herzlich. Ihr
Lachen war immer mit einem gefährlich klingenden aber nichts bedeutenden
Husten gemischt. Immer hatten sie im Mund etwas zum Ausspeien und wohin sie
ausspien war ihnen gleichgültig. Immer klagten sie, daß meine
Flöhe auf sie überspringen; aber doch waren sie mir deshalb niemals
ernstlich böse; sie wußten eben, daß in meinem Fell Flöhe
gedeihen und daß Flöhe Springer sind; damit fanden sie sich ab. Wenn
sie dienstfrei waren, setzten sich manchmal einige im Halbkreis um mich nieder;
sprachen kaum, sondern gurrten einander nur zu; rauchten, auf Kisten
ausgestreckt, die Pfeife; schlugen sich aufs Knie, sobald ich die geringste Bewegung
machte; und hie und da nahm einer einen Stecken und kitzelte mich dort, wo es
mir angenehm war. Sollte ich heute eingeladen werden, eine Fahrt auf diesem
Schiffe mitzumachen, ich würde die Einladung gewiß ablehnen, aber
ebenso gewiß ist, daß es nicht nur häßliche Erinnerungen
sind, denen ich dort im Zwischendeck nachhängen könnte.
Die Ruhe, die ich mir im
Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich
vor allem von jedem Fluchtversuch ab. Von heute aus gesehen scheint es mir, als
hätte ich zumindest geahnt, daß ich einen Ausweg finden müsse,
wenn ich leben wolle, daß dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu
erreichen sei. Ich weiß nicht mehr, ob Flucht möglich war, aber ich
glaube es; einem Affen sollte Flucht immer möglich sein. Mit meinen
heutigen Zähnen muß ich schon beim gewöhnlichen
Nüsseknacken vorsichtig sein, damals aber hätte es mir wohl im Laufe
der Zeit gelingen müssen, das Türschloß durchzubeißen.
Ich tat es nicht. Was wäre damit auch gewonnen gewesen? Man hätte
mich, kaum war der Kopf hinausgesteckt, wieder eingefangen und in einen noch
schlimmeren Käfig gesperrt; oder ich hätte mich unbemerkt zu anderen
Tieren, etwa zu den Riesenschlangen mir gegenüber flüchten
können und mich in ihren Umarmungen ausgehaucht; oder es wäre mir gar
gelungen, mich bis aufs Deck zu stehlen und über Bord zu springen, dann
hätte ich ein Weilchen auf dem Weltmeer geschaukelt und wäre
ersoffen. Verzweiflungstaten. Ich rechnete nicht so menschlich, aber unter dem
Einfluß meiner Umgebung verhielt ich mich so, wie wenn ich gerechnet hätte.
Ich rechnete nicht, wohl
aber beobachtete ich in aller Ruhe. Ich sah diese Menschen auf und ab gehen,
immer die gleichen Gesichter, die gleichen Bewegungen, oft schien es mir, als
wäre es nur einer. Der Mensch oder diese Menschen gingen also unbehelligt.
Ein hohes Ziel dämmerte mir auf. Niemand versprach mir, daß, wenn
ich so wie sie werden würde, das Gitter aufgezogen werde. Solche
Versprechungen für scheinbar unmögliche Erfüllungen werden nicht
gegeben. Löst man aber die Erfüllungen ein, erscheinen
nachträglich auch die Versprechungen genau dort, wo man sie früher
vergeblich gesucht hat. Nun war an diesen Menschen an sich nichts, was mich sehr verlockte.
Wäre ich ein Anhänger jener erwähnten Freiheit, ich hätte
gewiß das Weltmeer dem Ausweg vorgezogen, der sich mir im trüben
Blick dieser Menschen zeigte. Jedenfalls aber beobachtete ich sie schon lange
vorher, ehe ich an solche Dinge dachte, ja die angehäuften Beobachtungen
drängten mich
erst in die bestimmte Richtung.
Es war so leicht, die Leute
nachzuahmen. Spucken konnte ich schon in den ersten Tagen. Wir spuckten
einander dann gegenseitig ins Gesicht; der Unterschied war nur, daß ich
mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres nicht. Die Pfeife rauchte ich bald
wie ein Alter; drückte ich dann auch noch den Daumen in den Pfeifenkopf,
jauchzte das ganze Zwischendeck; nur den Unterschied zwischen der leeren und
der gestopften Pfeife verstand ich lange nicht.
Die meiste Mühe machte mir die Schnapsflasche. Der Geruch peinigte mich;
ich zwang mich mit allen Kräften; aber es
vergingen Wochen, ehe ich mich
überwand. Diese inneren Kämpfe nahmen die Leute
merkwürdigerweise ernster als irgend etwas sonst an mir. Ich unterscheide
die Leute auch in meiner Erinnerung nicht, aber da war einer, der kam immer wieder,
allein oder mit Kameraden, bei Tag, bei Nacht, zu den verschiedensten Stunden;
stellte sich mit der Flasche vor mich hin und gab mir Unterricht. Er begriff mich nicht, er wollte
das Rätsel meines Seins lösen. Er entkorkte langsam die Flasche und
blickte mich dann an, um zu prüfen, ob ich verstanden habe; ich gestehe,
ich sah ihm immer mit wilder, mit überstürzter Aufmerksamkeit zu;
einen solchen Menschenschüler findet kein Menschenlehrer auf dem ganzen
Erdenrund; nachdem die Flasche entkorkt war, hob er sie zum Mund; ich mit
meinen Blicken ihm nach bis in die Gurgel; er nickt, zufrieden mit mir, und
setzt die Flasche an die Lippen; ich, entzückt von allmählicher
Erkenntnis, kratze mich quietschend der Länge und Breite nach, wo es sich
trifft; er freut sich, setzt die Flasche an und macht einen Schluck; ich,
ungeduldig und verzweifelt, ihm nachzueifern, verunreinige mich in meinem
Käfig, was wieder ihm große Genugtuung macht; und nun weit die
Flasche von sich streckend und im Schwung sie wieder hinaufführend, trinkt
er sie, übertrieben lehrhaft zurückgebeugt, mit einem Zuge leer. Ich,
ermattet von allzu großem Verlangen, kann nicht mehr folgen und
hänge schwach am Gitter, während er den theoretischen Unterricht
damit beendet, daß er sich den Bauch streicht und grinst.
Nun erst beginnt die
praktische Übung. Bin ich nicht schon allzu erschöpft durch das
Theoretische? Wohl, allzu erschöpft. Das gehört zu meinem Schicksal.
Trotzdem greife ich, so gut ich kann, nach der hingereichten Flasche; entkorke
sie zitternd; mit dem Gelingen stellen sich allmählich neue Kräfte
ein; ich hebe die Flasche, vom Original schon kaum zu unterscheiden; setze sie
an und - und werfe sie mit Abscheu, mit Abscheu, trotzdem sie leer ist und nur
noch der Geruch sie füllt, werfe sie mit Abscheu auf den Boden. Zur Trauer
meines Lehrers, zur größeren Trauer meiner selbst; weder ihn noch
mich versöhne ich dadurch, daß ich auch nach dem Wegwerfen der
Flasche nicht vergesse, ausgezeichnet meinen Bauch zu streichen und dabei zu
grinsen.
Allzuoft nur verlief so der
Unterricht. Und zur Ehre meines Lehrers: er war mir nicht böse; wohl hielt
er mir manchmal die brennende Pfeife ans Fell, bis es irgendwo, wo ich nur
schwer hinreichte, zu glimmen anfing, aber dann löschte er es selbst wieder
mit seiner riesigen guten Hand; er war mir nicht böse, er sah ein,
daß wir auf der gleichen Seite gegen die Affennatur kämpften und
daß ich den schwereren Teil hatte.
Was für ein Sieg dann
allerdings für ihn wie für mich, als ich eines Abends vor
großem Zuschauerkreis - vielleicht war ein Fest, ein Grammophon spielte,
ein Offizier erging sich zwischen den Leuten - als ich an diesem Abend, gerade
unbeachtet, eine vor meinem Käfig versehentlich stehengelassene
Schnapsflasche ergriff, unter steigender Aufmerksamkeit der Gesellschaft sie
schulgerecht entkorkte, an den Mund setzte und ohne Zögern, ohne
Mundverziehen, als Trinker von Fach, mit rund gewälzten Augen,
schwappender Kehle, wirklich und wahrhaftig leer trank; nicht mehr als
Verzweifelter, sondern als Künstler die Flasche hinwarf; zwar vergaß
den Bauch zu streichen; dafür aber, weil ich nicht anders konnte, weil es
mich drängte, weil mir die Sinne rauschten, kurz und gut
»Hallo!« ausrief, in Menschenlaut ausbrach, mit diesem Ruf in die
Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo - »Hört nur, er
spricht!« wie einen Kuß auf meinem ganzen schweißtriefenden
Körper fühlte.
Ich wiederhole: es
verlockte mich
nicht, die Menschen nachzuahmen; ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte,
aus keinem anderen Grund. Auch war mit jenem Sieg noch wenig getan. Die Stimme
versagte mir sofort wieder; stellte sich erst nach Monaten ein; der Widerwille
gegen die Schnapsflasche kam sogar noch verstärkter. Aber meine Richtung
allerdings war mir ein für allemal gegeben.
Als ich in Hamburg dem ersten
Dresseur übergeben wurde, erkannte ich bald die zwei Möglichkeiten,
die mir offenstanden: Zoologischer Garten oder Varieté. Ich zögerte
nicht. Ich sagte mir: setze alle Kraft an, um ins Varieté zu kommen; das
ist der Ausweg; Zoologischer Garten ist nur ein neuer Gitterkäfig; kommst
du in ihn, bist du verloren.
Und ich lernte, meine
Herren. Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt, wenn man einen Ausweg
will; man lernt rücksichtslos. Man beaufsichtigt sich selbst mit der
Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten Widerstand. Die Affennatur
raste, sich überkugelnd, aus mir hinaus und weg, so daß mein erster
Lehrer selbst davon fast äffisch wurde, bald den Unterricht aufgeben und
in eine Heilanstalt gebracht werden mußte. Glücklicherweise kam er
bald wieder hervor.
Aber ich verbrauchte viele
Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig. Als ich meiner Fähigkeiten
schon sicherer geworden war, die Öffentlichkeit meinen Fortschritten
folgte, meine Zukunft zu leuchten begann, nahm ich selbst Lehrer auf, ließ
sie in fünf aufeinanderfolgenden Zimmern niedersetzen und lernte bei allen
zugleich, indem ich ununterbrochen aus einem Zimmer ins andere sprang.
Diese Fortschritte! Dieses
Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne
nicht: es beglückte mich.
Ich gestehe aber auch ein: ich überschätzte es nicht, schon damals
nicht, wieviel weniger heute. Durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der
Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines
Europäers erreicht. Das wäre an sich vielleicht gar nichts, ist aber
insofern doch etwas, als es mir aus dem Käfig half und mir diesen
besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte. Es gibt eine
ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die Büsche schlagen; das habe
ich getan, ich habe mich
in die Büsche geschlagen. Ich hatte keinen anderen Weg, immer
vorausgesetzt, daß nicht die Freiheit zu wählen war.
Überblicke ich meine
Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich
zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die Weinflasche auf dem Tisch,
liege ich halb, halb sitze ich im Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster.
Kommt Besuch, empfange ich ihn, wie es sich gebührt. Mein Impresario sitzt
im Vorzimmer; läute ich, kommt er und hört, was ich zu sagen habe. Am
Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde
Erfolge. Komme ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen
Gesellschaften, aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine
halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr
wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn
des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich, und ich kann
es nicht ertragen.
Im ganzen habe ich jedenfalls
erreicht, was ich erreichen wollte. Man sage nicht, es wäre der Mühe
nicht wert gewesen. Im übrigen will ich keines Menschen Urteil, ich will
nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von der
Akademie, habe ich nur berichtet.
Ein Besuch im Bergwerk Ein
Besuch im Bergwerk
Heute waren die obersten
Ingenieure bei uns unten. Es ist irgendein Auftrag der Direktion ergangen, neue
Stollen zu legen, und da kamen die Ingenieure, um die allerersten Ausmessungen
vorzunehmen. Wie jung diese Leute sind und dabei schon so verschiedenartig! Sie
haben sich alle frei entwickelt, und ungebunden zeigt sich ihr klar bestimmtes
Wesen schon in jungen Jahren.
Einer, schwarzhaarig,
lebhaft, läßt seine Augen überallhin laufen.
Ein Zweiter mit einem Notizblock,
macht im Gehen Aufzeichnungen, sieht umher, vergleicht, notiert.
Ein Dritter, die Hände
in den Rocktaschen, so daß sich alles an ihm spannt, geht aufrecht; wahrt
die Würde; nur im fortwährenden Beißen seiner Lippen zeigt sich
die ungeduldige, nicht zu unterdrückende Jugend.
Ein Vierter gibt dem
Dritten Erklärungen, die dieser nicht verlangt; kleiner als er, wie ein
Versucher neben ihm herlaufend, scheint er, den Zeigefinger immer in der Luft,
eine Litanei über alles, was hier zu sehen ist, ihm vorzutragen.
Ein Fünfter,
vielleicht der oberste im Rang, duldet keine Begleitung; ist bald vorn, bald
hinten; die Gesellschaft richtet ihren Schritt nach ihm; er ist bleich und
schwach; die Verantwortung hat seine Augen ausgehöhlt; oft drückt er
im Nachdenken die Hand an die Stirn.
Der Sechste und Siebente
gehen ein wenig gebückt, Kopf nah an Kopf, Arm in Arm, in vertrautem
Gespräch; wäre hier nicht offenbar unser Kohlenbergwerk und unser
Arbeitsplatz im tiefsten Stollen, könnte man glauben, diese knochigen, bartlosen,
knollennasigen Herren seien junge Geistliche. Der eine lacht meistens mit
katzenartigem Schnurren in sich hinein; der andere, gleichfalls lächelnd,
führt das Wort und gibt mit der freien Hand irgendeinen Takt dazu. Wie
sicher müssen diese zwei Herren ihrer Stellung sein, ja welche Verdienste
müssen sie sich trotz ihrer Jugend um unser Bergwerk schon erworben haben,
daß sie hier, bei einer so wichtigen Begehung, unter den Augen ihres
Chefs, nur mit eigenen oder wenigstens mit solchen Angelegenheiten, die nicht
mit der augenblicklichen Aufgabe zusammenhängen, so unbeirrbar sich
beschäftigen dürfen. Oder sollte es
möglich sein, daß sie, trotz alles Lachens und aller
Unaufmerksamkeit, das, was nötig ist, sehr wohl bemerken? Man wagt
über solche Herren kaum ein bestimmtes Urteil abzugeben.
Andererseits ist es aber
doch wieder zweifellos, daß zum Beispiel der Achte unvergleichlich mehr
als diese, ja mehr als alle anderen Herren bei der Sache ist. Er muß
alles anfassen und mit einem kleinen Hammer, den er immer wieder aus der Tasche
zieht und immer wieder dort verwahrt, beklopfen. Manchmal kniet er trotz seiner
eleganten Kleidung in den Schmutz nieder und beklopft den Boden, dann wieder
nur im Gehen die Wände oder die Decke über seinem Kopf Einmal hat er
sich lang hingelegt und lag dort still; wir dachten schon, es sei ein
Unglück geschehen; aber dann sprang er mit einem kleinen Zusammenzucken
seines schlanken Körpers auf. Er hatte also wieder nur eine Untersuchung
gemacht. Wir glauben unser Bergwerk und seine Steine zu kennen, aber was dieser
Ingenieur auf diese Weise hier immerfort untersucht, ist uns
unverständlich.
Ein Neunter schiebt vor
sich eine Art Kinderwagen, in welchem die Meßapparate liegen.
Äußerst kostbare Apparate, tief in zarteste Watte eingelegt. Diesen
Wagen sollte ja eigentlich der Diener schieben, aber es wird ihm nicht
anvertraut; ein Ingenieur mußte heran, und er tut es gern, wie man sieht.
Er ist wohl der jüngste, vielleicht versteht er noch gar nicht alle
Apparate, aber sein Blick ruht immerfort auf ihnen, fast kommt er dadurch
manchmal in Gefahr, mit dem Wagen an eine Wand zu stoßen.
Aber da ist ein anderer
Ingenieur, der neben dem Wagen hergeht und es verhindert. Dieser versteht
offenbar die Apparate von Grund aus und scheint ihr eigentlicher Verwahrer zu
sein. Von Zeit zu Zeit nimmt er, ohne den Wagen anzuhalten, einen Bestandteil
der Apparate heraus, blickt hindurch, schraubt auf oder zu, schüttelt und
beklopft, hält ans Ohr und horcht; und legt schließlich, während
der Wagenführer meist stillsteht, das kleine, von der Ferne kaum sichtbare
Ding mit aller Vorsicht wieder in den Wagen. Ein wenig herrschsüchtig ist
dieser Ingenieur, aber doch nur im Namen der Apparate. Zehn Schritte vor dem
Wagen sollen wir schon, auf ein wortloses Fingerzeichen hin, zur Seite weichen,
selbst dort, wo kein Platz zum Ausweichen ist.
Hinter diesen zwei Herren
geht der unbeschäftigte Diener. Die Herren haben, wie es bei ihrem
großen Wissen selbstverständlich ist, längst jeden Hochmut
abgelegt, der Diener dagegen scheint ihn in sich aufgesammelt zu haben. Die
eine Hand im Rücken, mit der anderen vorn über seine vergoldeten
Knöpfe oder das feine Tuch seines Livreerockes streichend, nickt er
öfters nach rechts und links, so als ob wir gegrüßt hätten
und er antwortete, oder so, als nehme er an, daß wir gegrüßt
hätten, könne es aber von seiner Höhe aus nicht nachprüfen.
Natürlich grüßen wir ihn nicht, aber doch möchte man bei
seinem Anblick fast glauben, es sei etwas Ungeheures, Kanzleidiener der
Bergdirektion zu sein. Hinter ihm lachen wir allerdings, aber da auch ein
Donnerschlag ihn nicht veranlassen könnte, sich umzudrehen, bleibt er doch
als etwas Unverständliches in unserer Achtung.
Heute wird wenig mehr
gearbeitet; die Unterbrechung war zu ausgiebig; ein solcher Besuch nimmt alle
Gedanken an Arbeit mit sich fort. Allzu verlockend ist es, den Herren in das
Dunkel des Probestollens nachzublicken, in dem sie alle verschwunden sind. Auch
geht unsere Arbeitsschicht bald zu Ende; wir werden die Rückkehr der Herren
nicht mehr mit ansehen.
Ein Brudermord Ein
Brudermord
Es ist erwiesen, daß
der Mord auf folgende Weise erfolgte:
Schmar, der Mörder,
stellte sich gegen neun Uhr abends in der mondklaren Nacht an jener
Straßenecke auf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in welcher sein
Büro lag, in jene Gasse einbiegen mußte, in der er wohnte.
Kalte, jeden
durchschauernde Nachtluft. Aber Schmar hatte nur ein dünnes blaues Kleid
angezogen; das Röckchen war überdies aufgeknöpft. Er fühlte
keine Kälte; auch war er immerfort in Bewegung. Seine Mordwaffe, halb
Bajonett, halb Küchenmesser, hielt er ganz bloßgelegt immer fest im
Griff. Betrachtete das Messer gegen das Mondlicht; die Schneide blitzte auf,
nicht genug für Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteine des
Pflasters, daß es Funken gab; bereute es vielleicht; und um den Schaden
gutzumachen, strich er mit ihr violinbogenartig über seine Stiefelsohle,
während er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt, gleichzeitig dem Klang des
Messers an seinem Stiefel, gleichzeitig in die schicksalsvolle Seitengasse
lauschte.
Warum duldete das alles der
Private Pallas, der in der Nähe aus seinem Fenster im zweiten Stockwerk
alles beobachtete? Ergründe die Menschennatur! Mit hochgeschlagenem
Kragen, den Schlafrock um den weiten Leib gegürtet, kopfschüttelnd,
blickte er hinab.
Und fünf Häuser
weiter, ihm schräg gegenüber, sah Frau Wese, den Fuchspelz über
ihrem Nachthemd, nach ihrem Manne aus, der heute ungewöhnlich lange
zögerte.
Endlich ertönt die
Türglocke vor Weses Büro, zu laut für eine Türglocke,
über die Stadt hin, zum Himmel auf, und Wese, der fleißige
Nachtarbeiter, tritt dort, in dieser Gasse noch unsichtbar, nur durch das
Glockenzeichen angekündigt, aus dem Haus; gleich zählt das Pflaster
seine ruhigen Schritte.
Pallas beugt sich weit hervor;
er darf nichts versäumen. Frau Wese schließt, beruhigt durch die
Glocke, klirrend ihr Fenster. Schmar aber kniet nieder; da er augenblicklich
keine anderen Blößen hat, drückt er nur Gesicht und Hände
gegen die Steine; wo alles friert, glüht Schmar.
Gerade an der Grenze,
welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehen, nur mit dem Stock stützt
er sich in die jenseitige Gasse.
Eine Laune. Der Nachthimmel
hat ihn angelockt, das Dunkelblaue und das Goldene. Unwissend blickt er es an,
unwissend streicht er das Haar unter dem gelüpften Hut; nichts rückt
dort oben zusammen, um ihm die allernächste Zukunft anzuzeigen; alles
bleibt an seinem unsinnigen, unerforschlichen Platz. An und für sich sehr
vernünftig, daß Wese weitergeht, aber er geht ins Messer des Schmar.
»Wese!« schreit
Schmar, auf den Fußspitzen stehend, den Arm aufgereckt, das Messer scharf
gesenkt. »Wese! Vergebens wartet Julia! « Und rechts in den Hals
und links in den Hals und drittens tief in den Bauch sticht Schmar. Wasserratten,
aufgeschlitzt, geben einen ähnlichen Laut von sich wie Wese.
»Getan«, sagt
Schmar und wirft das Messer, den überflüssigen blutigen Ballast,
gegen die nächste Hausfront. »Seligkeit des Mordes! Erleichterung,
Beflügelung durch das Fließen des fremden Blutes! Wese, alter Nachtschatten,
Freund, Bierbankgenosse, versickerst im dunklen Straßengrund. Warum bist
du nicht einfach eine mit Blut gefüllte Blase, daß ich mich auf dich setzte und
du verschwändest ganz und gar. Nicht alles wird erfüllt, nicht alle
Blütenträume reiften, dein schwerer Rest liegt hier, schon
unzugänglich jedem Tritt. Was soll die stumme Frage, die du damit
stellst?«
Pallas, alles Gift
durcheinanderwürgend in seinem Leib, steht in seiner zweiflügelig
aufspringenden Haustür. »Schmar! Schmar! Alles bemerkt, nichts
übersehen.« Pallas und Schmar prüfen einander. Pallas
befriedigt's, Schmar kommt zu keinem Ende.
Frau Wese mit einer
Volksmenge zu ihren beiden Seiten eilt mit vor Schrecken ganz gealtertem
Gesicht herbei. Der Pelz öffnet sich, sie stürzt über Wese, der
nachthemdbekleidete Körper gehört ihm, der über dem Ehepaar sich
wie der Rasen eines Grabes schließende Pelz gehört der Menge.
Schmar, mit Mühe die
letzte Übelkeit verbeißend, den Mund an die Schulter des
Schutzmannes gedrückt, der leichtfüßig ihn davonführt.
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