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In den letzten Jahrzehnten
ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen.
Während es sich früher gut lohnte, große derartige
Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig
unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze
Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die
Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich
sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem
kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen
statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen
wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder,
denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die
Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen,
sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei
der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig
vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem
Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen
beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit
befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um
niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so wichtigen
Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war,
sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da aus
einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten.
Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom
Publikum gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich
Fleischhauer, welche, immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und
Nacht den Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine
heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich eine
Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die
Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler während
der Hungerzeit niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht,
auch das geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies.
Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich
manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax
durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort
sich ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem
Hungerkünstler eine kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer
Meinung nach aus irgendwelchen geheimen Vorräten hervorholen konnte.
Nichts war dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie
machten ihn trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer;
manchmal überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit,
solange er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn
verdächtigten. Doch half
das wenig; sie wunderten sich dann nur über seine Geschicklichkeit, selbst
während des Singens zu essen.
Viel lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit
der trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern
ihn mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario
zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht,
schlafen konnte er ja überhaupt nicht, und ein wenig hindämmern
konnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im
übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen
Wächtern die Nacht gänzlich ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit,
mit ihnen zu scherzen, ihnen Geschichten aus seinem Wanderleben zu
erzählen, dann wieder ihre Erzählungen anzuhören, alles nur, um
sie wachzuhalten, um ihnen immer wieder zeigen zu können, daß er
nichts Eßbares im Käfig hatte und daß er hungerte, wie keiner
von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er, wenn dann der
Morgen kam und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches
Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit
gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab zwar
sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche
Beeinflussung der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und
wenn man sie fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne
Frühstück die Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie sich,
aber bei ihren Verdächtigungen blieben sie dennoch.
Dieses allerdings
gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu trennenden
Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und Nächte
beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen, niemand
also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich ununterbrochen,
fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler selbst konnte das
wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen befriedigte
Zuschauer sein. Er war aber wieder aus einem andern Grunde niemals befriedigt;
vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr abgemagert, daß manche zu
ihrem Bedauern den Vorführungen fernbleiben mußten, weil sie seinen
Anblick nicht ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit
mit sich selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter
sonst wußte das, wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache
von der Welt. Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt
ihn günstigenfalls für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig
oder gar für einen Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil
er es sich leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es
halb zu gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe
der Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer
an ihm, und noch niemals, nach keiner Hungerperiode - dieses Zeugnis
mußte man ihm ausstellen - hatte er freiwillig den Käfig verlassen.
Als Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario vierzig Tage
festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den
Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte man
erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das
Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das Publikum,
eine wesentliche Abnahme des Zuspruchs war festzustellen; es bestanden
natürlich in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den Städten
und Ländern, als Regel aber galt, daß vierzig Tage die
Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit
Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte
Zuschauerschaft erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle
spielte, zwei Ärzte betraten den Käfig, um die nötigen Messungen
am Hungerkünstler vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem
Saale verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen,
glücklich darüber, daß gerade sie ausgelost worden waren, und
wollten den Hungerkünstler aus dem Käfig ein paar Stufen
hinabführen, wo auf einem kleinen Tischchen eine sorgfältig
ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und in diesem Augenblick wehrte
sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er noch freiwillig seine
Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten Hände der zu ihm
hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht. Warum gerade jetzt nach
vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange, unbeschränkt
lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im besten, ja noch
nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben,
weiter zu hungern, nicht nur der größte Hungerkünstler aller
Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon war, aber auch noch sich
selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche, denn für seine
Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum hatte diese
Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld mit ihm; wenn er es
aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie es nicht aushalten? Auch war
er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun hoch und lang
aufrichten und zu dem Essen
gehn, das ihm schon allein in der Vorstellung Übelkeiten verursachte,
deren Äußerung er nur mit Rücksicht auf die Damen mühselig
unterdrückte. Und er blickte empor in die Augen der scheinbar so
freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen Damen und schüttelte den auf
dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber dann geschah, was immer
geschah. Der Impresario kam, hob stumm - die Musik machte das Reden
unmöglich - die Arme über dem Hungerkünstler, so, als lade er
den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal anzusehn, diesen
bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler allerdings war,
nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um die dünne
Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen wollte, mit
einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und übergab ihn -
nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß der
Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin und
her schwankte - den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun duldete der
Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es war, als sei er
hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war ausgehöhlt;
die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den Knien
aneinander, scharrten aber doch den Boden, so, als sei es nicht der wirkliche,
den wirklichen suchten sie erst; und die ganze, allerdings sehr kleine Last des
Körpers lag auf einer der Damen, welche hilfesuchend, mit fliegendem Atem
- so hatte sie sich dieses Ehrenamt nicht vorgestellt - zuerst den Hals
möglichst streckte, um wenigstens das Gesicht vor der Berührung mit
dem Hungerkünstler zu bewahren, dann aber, da ihr dies nicht gelang und
ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht zu Hilfe kam, sondern sich
damit begnügte, zitternd die Hand des Hungerkünstlers, dieses kleine
Knochenbündel, vor sich herzutragen, unter dem entzückten
Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von einem längst
bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam das Essen,
von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines
ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter
lustigem Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers
ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum ausgebracht,
welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler zugeflüstert
worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen großen
Tusch, man ging auseinander, und niemand hatte das Recht, mit dem Gesehenen
unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer nur er.
So lebte er mit
regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in scheinbarem Glanz,
von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber Laune, die immer
noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu nehmen verstand.
Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu wünschen
übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn bedauerte
und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich von
dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener Hungerzeit,
geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch antwortete
und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu rütteln begann. Doch
hatte für solche Zustände der Impresario ein Strafmittel, das er gern
anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor versammeltem Publikum,
gab zu, daß nur die durch das Hungern hervorgerufene, für satte
Menschen nicht ohne weiteres begreifliche Reizbarkeit das Benehmen des
Hungerkünstlers verzeihlich machen könne; kam dann im Zusammenhang
damit auch auf die ebenso zu erklärende Behauptung des Hungerkünstlers
zu sprechen, er könnte noch viel länger hungern, als er hungere;
lobte das hohe Streben, den guten Willen, die große Selbstverleugnung,
die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten seien; suchte dann aber die
Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von Photographien, die gleichzeitig
verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf den Bildern sah man den
Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag, im Bett, fast
verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar
wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung der Wahrheit war
ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung des Hungerns war, stellte
man hier als die Ursache dar! Gegen diesen Unverstand, gegen diese Welt des
Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich. Noch hatte er immer wieder in
gutem Glauben begierig am Gitter dem Impresario zugehört, beim Erscheinen
der Photographien aber ließ er das Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen
ins Stroh zurück, und das beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und
ihn besichtigen.
Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran
zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn
inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich
war das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag daran, sie
aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte
Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die
lieber zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der
Impresario mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da
das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen
Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das
Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht
plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt
nachträglich an manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht
genügend beachtete, nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber
jetzt etwas dagegen zu unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch
für das Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden
war das kein Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen
Tausende umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen
Jahrmärkten zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler
nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben. So
verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn
ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus engagieren; um
seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar nicht an.
Ein großer Zirkus mit
seiner Unzahl von einander immer wieder ausgleichenden und ergänzenden
Menschen und Tieren und Apparaten kann jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch
einen Hungerkünstler, bei entsprechend bescheidenen Ansprüchen
natürlich, und außerdem war es ja in diesem besonderen Fall nicht
nur der Hungerkünstler selbst, der engagiert wurde, sondern auch sein
alter berühmter Name, ja man konnte bei der Eigenart dieser im zunehmenden
Alter nicht abnehmenden Kunst nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter,
nicht mehr auf der Höhe seines Könnens stehender Künstler sich
in einen ruhigen Zirkusposten flüchten wolle, im Gegenteil, der
Hungerkünstler versicherte, daß er, was durchaus glaubwürdig
war, ebensogut hungere wie früher, ja er behauptete sogar, er werde, wenn
man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach man ihm ohne weiteres,
eigentlich erst jetzt die Welt in berechtigtes Erstaunen setzen, eine
Behauptung allerdings, die mit Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler
im Eifer leicht vergaß, bei den Fachleuten nur ein Lächeln
hervorrief.
Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die
wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin,
daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in
die Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut
zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt gemalte
Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort zu sehen
war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den Ställen
drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich, daß
es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man
wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen
Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den
ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung
unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der
Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck
natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten
Zeit hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt
hatte er der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald
- auch die hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt
den Erfahrungen nicht stand - davon überzeugte, daß es zumeist der
Absicht nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser
Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis zu
ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen der
ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche - sie wurde dem
Hungerkünstler bald die peinlichere - ihn bequem ansehen wollte, nicht
etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und jener zweiten, die
zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der große Haufe
vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen es
nicht mehr verwehrt war, stehenzubleiben, solange sie nur Lust hatten, eilten
mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick, vorüber, um rechtzeitig zu
den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu häufiger Glücksfall,
daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit dem Finger auf den
Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um was es sich hier
handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei ähnlichen,
aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war, und
dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule und
Leben her, zwar immer noch verständnislos blieben - was war ihnen Hungern?
-, aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen, kommenden,
gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der
Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser
werden, wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre.
Den Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon,
daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in
der Nacht, das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die
Raubtiere, die Schreie bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd
bedrückten. Aber bei der Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht;
immerhin verdankte er ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich
hie und da auch ein für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte,
wohin man ihn verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte
und damit auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem
Wege zu den Ställen war.
Ein kleines Hindernis
allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis. Man gewöhnte sich an
die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten Aufmerksamkeit für einen
Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit dieser Gewöhnung war
das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut hungern, als er nur
konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr retten, man ging an ihm
vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht
fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen. Die schönen
Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie herunter,
niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der Ziffer der
abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig täglich
erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn nach den
ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit überdrüssig
geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter, wie er es
früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz
so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage,
niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie
groß die Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal
in der Zeit ein Müßiggänger stehenblieb, sich über die
alte Ziffer lustig machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn
die dümmste Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene
Bösartigkeit erfinden konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog,
er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.
Doch vergingen wieder viele
Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal fiel einem Aufseher der Käfig
auf, und er fragte die Diener, warum man hier diesen gut brauchbaren Käfig
mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenutzt stehenlasse; niemand wußte es,
bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte.
Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler
darin. »Du hungerst noch immer?« fragte der Aufseher, »wann
wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«,
flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr ans
Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß«, sagte der Aufseher und
legte den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers
dem Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort
wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert«, sagte der
Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«, sagte der Aufseher
entgegenkommend. »Ihr solltet es aber nicht bewundern«, sagte der
Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also nicht«, sagte
der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?«
»Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der
Hungerkünstler. »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher,
»warum kannst du denn nicht anders?« »Weil ich«, sagte
der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum
Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit
nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir
schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen
gemacht und mich
vollgegessen wie du und alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in
seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze
Überzeugung, daß er weiterhungere.
»Nun macht aber
Ordnung«, sagte der Aufseher, und man begrub den Hungerkünstler samt
dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen Panther. Es war eine
selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in dem so lange öden
Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm fehlte nichts. Die
Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes Nachdenken die
Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle, mit
allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper
schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im Gebiß schien
sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit derart starker Glut aus seinem
Rachen, daß es für die Zuschauer nicht leicht war, ihr standzuhalten.
Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig und wollten sich
gar nicht fortrühren.
Ein Landarzt Ein Landarzt
Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor;
ein Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten Dorfe;
starkes Schneegestöber füllte den weiten Raum zwischen mir und ihm;
einen Wagen hatte ich, leicht, großräderig, ganz wie er für
unsere Landstraßen taugt; in den Pelz gepackt, die Instrumententasche in
der Hand, stand ich reisefertig schon auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte, das
Pferd. Mein eigenes Pferd war in der letzten Nacht, infolge der
Überanstrengung in diesem eisigen Winter, verendet; mein
Dienstmädchen lief jetzt im Dorf umher, um ein Pferd geliehen zu bekommen;
aber es war aussichtslos, ich wußte es, und immer mehr vom Schnee
überhäuft, immer unbeweglicher werdend, stand ich zwecklos da. Am Tor erschien das Mädchen,
allein, schwenkte die Laterne; natürlich, wer leiht jetzt sein Pferd her
zu solcher Fahrt? Ich durchmaß noch einmal den Hof; ich fand keine Möglichkeit;
zerstreut, gequält stieß ich mit dem Fuß an die brüchige
Tür des schon seit Jahren unbenützten Schweinestalles. Sie
öffnete sich und klappte in den Angeln auf und zu. Wärme und Geruch
wie von Pferden kam hervor. Eine trübe Stallaterne schwankte drin an einem
Seil. Ein Mann, zusammengekauert in dem niedrigen Verschlag, zeigte sein
offenes blauäugiges Gesicht. » Soll ich anspannen?« fragte er,
auf allen vieren hervorkriechend. Ich wußte nichts zu sagen und beugte mich nur, um zu sehen,
was es noch in dem Stalle gab. Das Dienstmädchen stand neben mir.
»Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause
vorrätig hat«, sagte es, und wir beide lachten. »Holla,
Bruder, holla, Schwester!« rief der Pferdeknecht, und zwei Pferde,
mächtige flankenstarke Tiere, schoben sich hintereinander, die Beine eng
am Leib, die wohlgeformten Köpfe wie Kamele senkend, nur durch die Kraft
der Wendungen ihres Rumpfes aus dem Türloch, das sie restlos
ausfüllten. Aber gleich standen sie aufrecht, hochbeinig, mit dicht
ausdampfendem Körper. »Hilf ihm«, sagte ich, und das willige
Mädchen eilte, dem Knecht das Geschirr des Wagens zu reichen. Doch kaum
war es bei ihm, umfaßt es der Knecht und schlägt sein Gesicht an
ihres. Es schreit auf und flüchtet sich zu mir; rot eingedrückt sind
zwei Zahnreihen in des Mädchens Wange. »Du Vieh«, schreie ich
wütend, »willst du die Peitsche?«, besinne mich aber gleich, daß es ein Fremder
ist, daß ich nicht weiß, woher er kommt, und daß er mir
freiwillig aushilft, wo alle andern versagen. Als wisse er von meinen Gedanken,
nimmt er meine Drohung nicht übel, sondern wendet sich nur einmal, immer
mit den Pferden beschäftigt, nach mir um. »Steigt ein«, sagt
er dann, und tatsächlich: alles ist bereit. Mit so schönem Gespann,
das merke ich, bin ich noch nie gefahren, und ich steige fröhlich ein.
»Kutschieren werde aber ich, du kennst nicht den Weg«, sage ich.
»Gewiß«, sagt er, »ich fahre gar nicht mit, ich bleibe
bei Rosa.« »Nein«, schreit
Rosa und läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit ihres
Schicksals ins Haus; ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt;
ich höre das Schloß einspringen; ich sehe, wie sie überdies im
Flur und weiterjagend durch die Zimmer alle Lichter verlöscht, um sich unauffindbar
zu machen. »Du fährst mit«, sage ich zu dem Knecht,
»oder ich verzichte auf die Fahrt, so dringend sie auch ist. Es
fällt mir nicht ein, dir für die Fahrt das Mädchen als Kaufpreis
hinzugeben.« »Munter!« sagt er; klatscht in die Hände;
der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in die Strömung; noch höre ich,
wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm des Knechts birst und
splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu allen Sinnen
gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen Augenblick,
denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof meines Kranken,
bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde; der Schneefall hat aufgehört;
Mondlicht ringsum; die Eltern des Kranken eilen aus dem Haus; seine Schwester
hinter ihnen; man hebt mich fast aus dem Wagen; den verwirrten Reden entnehme
ich nichts; im Krankenzimmer ist die Luft kaum atembar; der
vernachlässigte Herdofen raucht; ich werde das Fenster aufstoßen;
zuerst aber will ich den Kranken sehen. Mager, ohne Fieber, nicht kalt, nicht
warm, mit leeren Augen, ohne Hemd hebt sich der junge unter dem Federbett,
hängt sich an meinen Hals, flüstert mir ins Ohr: »Doktor,
laß mich sterben. « Ich sehe mich
um; niemand hat es gehört; die Eltern stehen stumm vorgebeugt und erwarten
mein Urteil; die Schwester hat einen Stuhl für meine Handtasche gebracht.
Ich öffne die Tasche und suche unter meinen Instrumenten; der Junge tastet
immerfort aus dem Bett nach mir hin, um mich
an seine Bitte zu erinnern; ich fasse eine Pinzette, prüfe sie im
Kerzenlicht und lege sie wieder hin. »Ja«, denke ich lästernd,
»in solchen Fällen helfen die Götter, schicken das fehlende
Pferd, fügen der Eile wegen noch ein zweites hinzu, spenden zum
Übermaß noch den Pferdeknecht -.« Jetzt erst fällt mir
wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich sie, wie ziehe ich sie unter diesem
Pferdeknecht hervor, zehn Meilen von ihr entfernt, unbeherrschbare Pferde vor
meinem Wagen? Diese Pferde, die jetzt die Riemen irgendwie gelockert haben; die
Fenster, ich weiß nicht wie, von außen aufstoßen? jedes durch
ein Fenster den Kopf stecken und, unbeirrt durch den Aufschrei der Familie, den
Kranken betrachten. »Ich fahre gleich wieder zurück«, denke
ich, als forderten mich die Pferde zur Reise
auf, aber ich dulde es, daß die Schwester, die mich durch die Hitze betäubt glaubt,
den Pelz mir abnimmt. Ein Glas Rum wird mir bereitgestellt, der Alte klopft mir
auf die Schulter, die Hingabe seines Schatzes rechtfertigt diese
Vertraulichkeit. Ich schüttle den Kopf; in dem engen Denkkreis des Alten
würde mir übel; nur aus diesem Grunde lehne ich es ab zu trinken. Die
Mutter steht am Bett und lockt mich
hin; ich folge und lege, während ein Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert,
den Kopf an die Brust des Jungen, der unter meinem nassen Bart erschauert. Es
bestätigt sich, was ich weiß: der Junge ist gesund, ein wenig
schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter mit Kaffee durchtränkt,
aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem Bett zu treiben. Ich bin
kein Weltverbesserer und lasse ihn liegen. Ich bin vom Bezirk angestellt und tue
meine Pflicht bis zum Rand, bis dorthin, wo es
fast zu viel wird. Schlecht bezahlt, bin ich doch freigebig und hilfsbereit
gegenüber den Armen. Noch für Rosa
muß ich sorgen, dann mag der Junge recht haben und auch ich will sterben.
Was tue ich hier in diesem endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist
niemand im Dorf, der mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich mein
Gespann ziehen; wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich
mit Säuen fahren. So ist es. Und ich nicke der Familie zu. Sie wissen
nichts davon, und wenn sie es wüßten, würden sie es nicht
glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen sich mit den Leuten
verständigen, ist schwer. Nun, hier wäre also mein Besuch zu Ende,
man hat mich wieder einmal unnötig bemüht, daran bin ich
gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der ganze Bezirk, aber
daß ich diesmal auch noch Rosa hingeben mußte, dieses schöne
Mädchen, das jahrelang, von mir kaum beachtet, in meinem Hause lebte -
dieses Opfer ist zu groß, und ich muß es mir mit Spitzfindigkeiten
aushilfsweise in meinem Kopf irgendwie zurechtlegen, um nicht auf diese Familie
loszufahren, die mir ja beim besten Willen Rosa nicht zurückgeben kann.
Als ich aber meine Handtasche schließe und nach meinem Pelz winke, die
Familie beisammensteht, der Vater schnuppernd über dem Rumglas in seiner
Hand, die Mutter, von mir wahrscheinlich enttäuscht ja, was erwartet denn
das Volk? - tränenvoll in die Lippen beißend und die Schwester ein
schwer blutiges Handtuch schwenkend, bin ich irgendwie bereit, unter
Umständen zuzugeben, daß der Junge doch vielleicht krank ist. Ich
gehe zu ihm, er lächelt mir entgegen, als brächte ich ihm etwa die
allerstärkste Suppe - ach, jetzt wiehern beide Pferde; der Lärm soll
wohl, höhern Orts angeordnet, die Untersuchung erleichtern - und nun finde
ich: ja, der Junge ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend
hat sich eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa,
in vielen Schattierungen, dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern,
zartkörnig, mit ungleichmäßig sich aufsammelndem Blut, offen
wie ein Bergwerk obertags. So aus der Entfernung. In der Nähe zeigt sich
noch eine Erschwerung. Wer kann das ansehen ohne leise zu pfeifen? Würmer,
an Stärke und Länge meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem
und außerdem blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde
festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht.
Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. Ich habe deine große Wunde
aufgefunden; an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde. Die Familie ist
glücklich, sie sieht mich in Tätigkeit; die Schwester sagt's der
Mutter, die Mutter dem Vater, der Vater einigen Gästen, die auf den
Fußspitzen, mit ausgestreckten Armen balancierend, durch den Mondschein
der offenen Tür hereinkommen. »Wirst du mich retten?« flüstert
schluchzend der Junge, ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde. So sind
die Leute in meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den
alten Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die
Meßgewänder, eines nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten
mit seiner zarten chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich nicht angeboten; verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch das
mit mir geschehen; was will ich Besseres, alter Landarzt, meines
Dienstmädchens beraubt! Und sie kommen, die Familie und die
Dorfältesten, und entkleiden mich;
ein Schulchor mit dem Lehrer an der Spitze steht vor dem Haus und singt eine
äußerst einfache Melodie auf den Text:
Entkleidet ihn, dann wird
er heilen,
Und heilt er nicht, so
tötet ihn!
's ist nur ein Arzt, 's ist
nur ein Arzt.
Dann bin ich entkleidet und
sehe, die Finger im Barte, mit geneigtem Kopf die Leute ruhig an. Ich bin
durchaus gefaßt und allen überlegen und bleibe es auch, trotzdem es
mir nichts hilft, denn jetzt nehmen sie mich
beim Kopf und bei den Füßen und tragen mich ins Bett. Zur Mauer, an die Seite der
Wunde legen sie mich.
Dann gehen alle aus der Stube; die Tür wird zugemacht; der Gesang
verstummt; Wolken treten vor den Mond; warm liegt das Bettzeug um mich,
schattenhaft schwanken die Pferdeköpfe in den Fensterlöchern.
»Weißt du«, höre ich, mir ins Ohr gesagt, »mein
Vertrauen zu dir ist sehr gering. Du bist ja auch nur irgendwo
abgeschüttelt, kommst nicht auf eigenen Füßen. Statt zu helfen,
engst du mir mein Sterbebett ein. Am liebsten kratzte ich dir die Augen
aus.« »Richtig«, sage ich, »es ist eine Schmach. Nun
bin ich aber Arzt. Was soll ich tun? Glaube mir, es wird auch mir nicht
leicht.« »Mit dieser Entschuldigung soll ich mich begnügen? Ach, ich muß wohl.
Immer muß ich mich
begnügen. Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt; das war meine
ganze Ausstattung.« »Junger Freund«, sage ich, »dein
Fehler ist: du hast keinen Überblick. Ich, der ich schon in allen
Krankenstuben, weit und breit, gewesen bin, sage dir: deine Wunde ist so
übel nicht. Im spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke geschaffen. Viele
bieten ihre Seite an und hören kaum die Hacke im Forst, geschweige denn,
daß sie ihnen näher kommt.« »Ist es wirklich so oder
täuschest du mich
im Fieber? « »Es ist wirklich so, nimm das Ehrenwort eines
Amtsarztes mit hinüber.« Und er nahm's und wurde still. Aber jetzt
war es Zeit, an meine Rettung zu denken. Noch standen treu die Pferde an ihren
Plätzen. Kleider, Pelz und Tasche waren schnell zusammengerafft; mit dem
Ankleiden wollte ich mich
nicht aufhalten; beeilten sich die Pferde wie auf der Herfahrt, sprang ich ja
gewissermaßen aus diesem Bett in meines. Gehorsam zog sich ein Pferd vom
Fenster zurück; ich warf den Ballen in den Wagen; der Pelz flog zu weit,
nur mit einem.Ärmel hielt er sich an einem Haken fest. Gut genug. Ich
schwang mich
aufs Pferd. Die Riemen lose schleifend, ein Pferd kaum mit dem andern
verbunden, der Wagen irrend hinterher, den Pelz als letzter im Schnee.
»Munter!« sagte ich, aber munter ging's nicht; langsam wie alte
Männer zogen wir durch die Schneewüste; lange klang hinter uns der
neue, aber irrtümliche Gesang der Kinder:
Freuet euch, ihr Patienten,
Der Arzt ist euch ins Bett
gelegt!
Niemals komme ich so nach
Hause; meine blühende Praxis ist verloren; ein Nachfolger bestiehlt mich, aber ohne Nutzen, denn er kann mich
nicht ersetzen; in meinem Hause wütet der ekle Pferdeknecht; Rosa ist sein Opfer; ich will es nicht ausdenken. Nackt,
dem Froste dieses unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt, mit irdischem
Wagen, unirdischen Pferden, treibe ich alter Mann mich umher. Mein Pelz hängt hinten am
Wagen, ich kann ihn aber nicht erreichen, und keiner aus dem beweglichen
Gesindel der Patienten rührt den Finger. Betrogen! Betrogen! Einmal dem
Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt - es ist niemals gutzumachen.
Ein Traum Ein Traum
Josef K. träumte:
Es war ein schöner Tag
und K. wollte spazierengehen. Kaum aber hatte er zwei Schritte gemacht, war er
schon auf dem Friedhof. Es waren dort sehr künstliche, unpraktisch
gewundene Wege, aber er glitt über einen solchen Weg wie auf einem
reißenden Wasser in unerschütterlich schwebender Haltung. Schon von
der Ferne faßte er einen frisch aufgeworfenen Grabhügel ins Auge,
bei dem er haltmachen wollte. Dieser Grabhügel übte fast eine
Verlockung auf ihn aus und er glaubte, gar nicht eilig genug hinkommen zu
können. Manchmal aber sah er den Grabhügel kaum, er wurde ihm
verdeckt durch Fahnen, deren Tücher sich wanden und mit großer Kraft
aneinanderschlugen; man sah die Fahnenträger nicht, aber es war, als
herrsche dort viel Jubel.
Während er den Blick
noch in die Ferne gerichtet hatte, sah er plötzlich den gleichen
Grabhügel neben sich am Weg, ja fast schon hinter sich. Er sprang eilig
ins Gras. Da der Weg unter seinem abspringenden Fuß weiter raste,
schwankte er und fiel gerade vor dem Grabhügel ins Knie. Zwei Männer
standen hinter dem Grab und hielten zwischen sich einen Grabstein in der Luft;
kaum war K. erschienen, stießen sie den Stein in die Erde und er stand
wie festgemauert. Sofort trat aus einem Gebüsch ein dritter Mann hervor,
den K. gleich als einen Künstler erkannte. Er war nur mit Hosen und einem
schlecht zugeknöpften Hemd bekleidet; auf dem Kopf hatte er eine
Samtkappe; in der Hand hielt er einen gewöhnlichen Bleistift, mit dem er
schon beim Näherkommen Figuren in der Luft beschrieb.
Mit diesem Bleistift setzte
er nun oben auf dem Stein an; der Stein war sehr hoch, er mußte sich gar
nicht bücken, wohl aber mußte er sich vorbeugen, denn der
Grabhügel, auf den er nicht treten wollte, trennte ihn von dem Stein. Er
stand also auf den Fußspitzen und stützte sich mit der linken Hand
auf die Fläche des Steines. Durch eine besonders geschickte Hantierung
gelang es ihm, mit dem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen;
er schrieb: ›Hier ruht -‹ Jeder Buchstabe erschien rein und
schön, tief geritzt und in vollkommenem Gold. Als er die zwei Worte
geschrieben hatte, sah er nach K. zurück; K., der sehr begierig auf das
Fortschreiten der Inschrift war, kümmerte sich kaum um den Mann, sondern
blickte nur auf den Stein. Tatsächlich setzte der Mann wieder zum
Weiterschreiben an, aber er konnte nicht, es bestand irgendein Hindernis, er
ließ den Bleistift sinken und drehte sich wieder nach K. um. Nun sah auch
K. den Künstler an und merkte, daß dieser in großer
Verlegenheit war, aber die Ursache dessen nicht sagen konnte. Alle seine
frühere Lebhaftigkeit war verschwunden. Auch K. geriet dadurch in Verlegenheit;
sie wechselten hilflose Blicke; es lag ein häßliches
Mißverständnis vor, das keiner auflösen konnte. Zur Unzeit
begann nun auch eine kleine Glocke von der Grabkapelle zu läuten, aber der
Künstler fuchtelte mit der erhobenen Hand und sie hörte auf. Nach
einem Weilchen begann sie wieder; diesmal ganz leise und, ohne besondere
Aufforderung, gleich abbrechend; es war, als wolle sie nur ihren Klang
prüfen. K. war untröstlich über die Lage des Künstlers, er
begann zu weinen und schluchzte lange in die vorgehaltenen Hände. Der
Künstler wartete, bis K. sich beruhigt hatte, und entschloß sich
dann, da er keinen andern Ausweg fand, dennoch zum Weiterschreibcn. Der erste
kleine Strich, den er machte, war für K. eine Erlösung, der
Künstler brachte ihn aber offenbar nur mit dem äußersten
Widerstreben zustande; die Schrift war auch nicht mehr so schön, vor allem
schien es an Gold zu fehlen, blaß und unsicher zog sich der Strich hin,
nur sehr groß wurde der Buchstabe. Es war ein J, fast war es schon
beendet, da stampfte der Künstler wütend mit einem Fuß in den
Grabhügel hinein, daß die Erde ringsum in die Höhe flog.
Endlich verstand ihn K.; ihn abzubitten war keine Zeit mehr; mit allen Fingern
grub er in die Erde, die fast keinen Widerstand leistete; alles schien
vorbereitet; nur zum Schein war eine dünne Erdkruste aufgerichtet; gleich
hinter ihr öffnete sich mit abschüssigen Wänden ein großes
Loch, in das K., von einer sanften Strömung auf den Rücken gedreht,
versank. Während er aber unten, den Kopf im Genick noch aufgerichtet,
schon von der undurchdringlichen Tiefe aufgenommen wurde, jagte oben sein Name
mit mächtigen Zieraten über den Stein. Entzückt von diesem
Anblick erwachte er.
Ein altes Blatt Ein altes
Blatt
Es ist, als wäre viel
vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres Vaterlandes. Wir haben
uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer Arbeit nachgegangen; die
Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber Sorgen.
Ich habe eine
Schusterwerkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen Palast. Kaum öffne
ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich schon die Eingänge
aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten besetzt. Es sind aber nicht
unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden aus dem Norden. Auf eine mir
unbegreifliche Weise sind sie bis in die Hauptstadt gedrungen, die doch sehr
weit von der Grenze entfernt ist. jedenfalls sind sie also da; es scheint,
daß es jeden Morgen mehr werden.
Ihrer Natur entsprechend
lagern sie unter freiem Himmel, denn Wohnhäuser verabscheuen sie. Sie
beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der
Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Aus diesem stillen, immer ängstlich
rein gehaltenen Platz haben sie einen wahren Stall gemacht. Wir versuchen zwar
manchmal aus unseren Geschäften hervorzulaufen und wenigstens den
ärgsten Unrat wegzuschaffen, aber es geschieht immer seltener, denn die
Anstrengung ist nutzlos und bringt uns überdies in die Gefahr, unter die
wilden Pferde zu kommen oder von den Peitschen verletzt zu werden.
Sprechen kann man mit den
Nomaden nicht. Unsere Sprache kennen sie nicht, ja sie haben kaum eine
eigene. Untereinander
verständigen sie sich ähnlich wie Dohlen. Immer wieder hört man
diesen Schrei der Dohlen. Unsere Lebensweise, unsere Einrichtungen sind ihnen
ebenso unbegreiflich wie gleichgültig. Infolgedessen zeigen sie sich auch
gegen jede Zeichensprache ablehnend. Du magst dir die Kiefer verrenken und die
Hände aus den Gelenken winden, sie haben dich doch nicht verstanden und
werden dich nie verstehen. Oft machen sie Grimassen; dann dreht sich das
Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie
damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie tun es, weil es so ihre Art
ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß sie Gewalt
anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt
ihnen alles.
Auch von meinen
Vorräten haben sie manches gute Stück genommen. Ich kann aber
darüber nicht klagen, wenn ich zum Beispiel zusehe, wie es dem Fleischer
gegenüber geht. Kaum bringt er seine Waren ein, ist ihm schon alles
entrissen und wird von den Nomaden verschlungen. Auch ihre Pferde fressen
Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide nähren sich vom
gleichen Fleischstück, jeder an einem Ende. Der Fleischhauer ist
ängstlich und wagt es nicht, mit den Fleischlieferungen aufzuhören.
Wir verstehen das aber, schießen Geld zusammen und unterstützen ihn.
Bekämen die Nomaden kein Fleisch, wer weiß, was ihnen zu tun
einfiele; wer weiß allerdings, was ihnen einfallen wird, selbst wenn sie
täglich Fleisch bekommen.
Letzthin dachte der
Fleischer, er könne sich wenigstens die Mühe des Schlachtens sparen,
und brachte am Morgen einen lebendigen Ochsen. Das darf er nicht mehr
wiederholen. Ich lag wohl eine Stunde ganz hinten in meiner Werkstatt platt auf
dem Boden und alle meine Kleider, Decken und Polster hatte ich über mir
aufgehäuft, nur um das Gebrüll des Ochsen nicht zu hören, den
von allen Seiten die Nomaden ansprangen, um mit den Zähnen Stücke aus
seinem warmen Fleisch zu reißen. Schon lange war es still ehe ich mich auszugehen
getraute; wie Trinker um ein Weinfaß lagen sie müde um die Reste des
Ochsen.
Gerade damals glaubte ich
den Kaiser selbst in einem Fenster des Palastes gesehen zu haben; niemals sonst
kommt er in diese äußeren Gemächer, immer nur lebt er in dem
innersten Garten; diesmal aber stand er, so schien es mir wenigstens, an einem
der Fenster und blickte mit gesenktem Kopf auf das Treiben vor seinem
Schloß.
»Wie wird es
werden?« fragen wir uns alle. »Wie lange werden wir diese Last und
Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden angelockt, versteht es
aber nicht, sie wieder zu vertreiben. Das Tor bleibt verschlossen; die Wache,
früher immer festlich ein- und ausmarschierend, hält sich hinter
vergitterten Fenstern. Uns Handwerkern und Geschäftsleuten ist die Rettung
des Vaterlandes anvertraut; wir sind aber einer solchen Aufgabe nicht
gewachsen; haben uns doch auch nie gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein
Mißverständnis ist es; und wir gehen daran zugrunde.«
Eine kaiserliche Botschaft
Eine kaiserliche Botschaft
Der Kaiser - so heißt
es - hat dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor
der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade
dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten
hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr
geflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, daß er sich sie noch ins
Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des
Gesagten bestätigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes - alle
hindernden Wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich
schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Großen des Reichs - vor allen
diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht;
ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den
andern Arm vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er
Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch
leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre
Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie
würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen
seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht
er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des
innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm
dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müßte er sich
kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die
Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite
umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein
Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem
äußersten Tor - aber niemals, niemals kam es geschehen -, liegt erst
die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres
Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. -
Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend
kommt.
Elf Söhne Elf
Söhne
Ich habe elf Söhne.
Der erste ist
äußerlich sehr unansehnlich, aber ernsthaft und klug; trotzdem
schätze ich ihn, wiewohl ich ihn als Kind wie alle andern liebe, nicht
sehr hoch ein. Sein Denken scheint mir zu einfach. Er sieht nicht rechts noch
links und nicht in die Weite; in seinem kleinen Gedankenkreis läuft er
immerfort rundum oder dreht sich vielmehr.
Der zweite ist schön,
schlank, wohlgebaut; es entzückt, ihn in Fechterstellung zu sehen. Auch er
ist klug, aber überdies welterfahren; er hat viel gesehen, und deshalb
scheint selbst die heimische Natur vertrauter mit ihm zu sprechen als mit den
Daheimgebliebenen. Doch ist gewiß dieser Vorzug nicht nur und nicht
einmal wesentlich dem Reisen zu verdanken, er gehört vielmehr zu dem
Unnachahmlichen dieses Kindes, das zum Beispiel von jedem anerkannt wird, der
etwa seinen vielfach sich überschlagenden und doch geradezu wild
beherrschten Kunstsprung ins Wasser ihm nachmachen will. Bis zum Ende des
Sprungbrettes reicht der Mut und die Lust, dort aber statt zu springen, setzt
sich plötzlich der Nachahmer und hebt entschuldigend die Arme. - Und trotz
dem allen (ich sollte doch eigentlich glücklich sein über ein solches
Kind) ist mein Verhältnis zu ihm nicht ungetrübt. Sein linkes Auge
ist ein wenig kleiner als das rechte und zwinkert viel; ein kleiner Fehler nur,
gewiß, der sein Gesicht sogar noch verwegener macht als es sonst gewesen
wäre, und niemand wird gegenüber der unnahbaren Abgeschlossenheit
seines Wesens dieses kleinere zwinkernde Auge tadelnd bemerken. Ich, der Vater,
tue es. Es ist natürlich nicht dieser körperliche Fehler, der mir weh
tut, sondern eine ihm irgendwie entsprechende kleine
Unregelmäßigkeit seines Geistes, irgendein in seinem Blut irrendes
Gift, irgendeine Unfähigkeit, die mir allein sichtbare Anlage seines Lebens
rund zu vollenden. Gerade dies macht ihn allerdings andererseits wieder zu
meinem wahren Sohn, denn dieser sein Fehler ist gleichzeitig der Fehler unserer
ganzen Familie und an diesem Sohn nur überdeutlich.
Der dritte Sohn ist
gleichfalls schön, aber es ist nicht die Schönheit, die mir
gefällt. Es ist die Schönheit des Sängers: der geschwungene
Mund; das träumerische Auge; der Kopf, der eine Draperie hinter sich
benötigt, um zu wirken; die unmäßig sich wölbende Brust;
die leicht auffahrenden und viel zu leicht sinkenden Hände; die Beine, die
sich zieren, weil sie nicht tragen können. Und überdies: der Ton
seiner Stimme ist nicht voll; trügt einen Augenblick; läßt den
Kenner aufhorchen; veratmet aber kurz darauf - Trotzdem im allgemeinen alles
verlockt, diesen Sohn zur Schau zu stellen, halte ich ihn doch am liebsten im
Verborgenen; er selbst drängt sich nicht auf, aber nicht etwa deshalb,
weil er seine Mängel kennt, sondern aus Unschuld. Auch fühlt er sich
fremd in unserer Zeit; als gehöre er zwar zu meiner Familie, aber
überdies noch zu einer andern, ihm für immer verlorenen, ist er oft
unlustig und nichts kann ihn aufheitern.
Mein vierter Sohn ist
vielleicht der umgänglichste von allen. Ein wahres Kind seiner Zeit, ist
er jedermann verständlich, er steht auf dem allen gemeinsamen Boden und
jeder ist versucht, ihm zuzunicken. Vielleicht durch diese allgemeine
Anerkennung gewinnt sein Wesen etwas Leichtes, seine Bewegungen etwas Freies,
seine Urteile etwas Unbekümmertes. Manche seiner Aussprüche
möchte man oft wiederholen, allerdings nur manche, denn in seiner
Gesamtheit krankt er doch wieder an allzu großer Leichtigkeit. Er ist wie
einer, der bewundernswert abspringt, schwalbengleich die Luft teilt, dann aber
doch trostlos im öden Staube endet, ein Nichts. Solche Gedanken vergällen
mir den Anblick dieses Kindes.
Der fünfte Sohn ist
lieb und gut; versprach viel weniger, als er hielt; war so unbedeutend,
daß man sich förmlich in seiner Gegenwart allein fühlte; hat es
aber doch zu einigem Ansehen gebracht. Fragte man mich, wie das geschehen ist, so könnte
ich kaum antworten. Unschuld dringt vielleicht doch noch am leichtesten durch
das Toben der Elemente in dieser Welt, und unschuldig ist er. Vielleicht allzu
unschuldig. Freundlich zu jedermann. Vielleicht allzu freundlich. Ich gestehe:
mir wird nicht wohl, wenn man ihn mir gegenüber lobt. Es heißt doch,
sich das Loben etwas zu leicht zu machen, wenn man einen so offensichtlich
Lobenswürdigen lobt, wie es mein Sohn ist.
Mein sechster Sohn scheint,
wenigstens auf den ersten Blick, der tiefsinnigste von allen. Ein
Kopfhänger und doch ein Schwätzer. Deshalb kommt man ihm nicht leicht
bei. Ist er am Unterliegen, so verfällt er in unbesiegbare Traurigkeit;
erlangt er das Obergewicht, so wahrt er es durch Schwätzen. Doch spreche
ich ihm eine gewisse selbstvergessene Leidenschaft nicht ab; bei hellem Tag
kämpft er sich oft durch das Denken wie im Traum. Ohne krank zu sein -
vielmehr hat er eine sehr gute Gesundheit - taumelt er manchmal, besonders in
der Dämmerung, braucht aber keine Hilfe, fällt nicht. Vielleicht hat
an dieser Erscheinung seine körperliche Entwicklung schuld, er ist viel zu
groß für sein Alter. Das macht ihn unschön im Ganzen, trotz
auffallend schöner Einzelheiten, zum Beispiel der Hände und
Füße. Unschön ist übrigens auch seine Stirn; sowohl in der
Haut als in der Knochenbildung irgendwie verschrumpft.
Der siebente Sohn
gehört mir vielleicht mehr als alle andern. Die Welt versteht ihn nicht zu
würdigen; seine besondere Art von Witz versteht sie nicht. Ich
überschätze ihn nicht; ich weiß, er ist geringfügig genug;
hätte die Welt keinen anderen Fehler als den, daß sie ihn nicht zu
würdigen weiß, sie wäre noch immer makellos. Aber innerhalb der
Familie wollte ich diesen Sohn nicht missen. Sowohl Unruhe bringt er, als auch
Ehrfurcht vor der Überlieferung, und beides fügt er, wenigstens
für mein Gefühl, zu einem unanfechtbaren Ganzen. Mit diesem Ganzen
weiß er allerdings selbst am wenigsten etwas anzufangen; das Rad der
Zukunft wird er nicht ins Rollen bringen, aber diese seine Anlage ist so
aufmunternd, so hoffnungsreich; ich wollte, er hätte Kinder und diese
wieder Kinder. Leider scheint sich dieser Wunsch nicht erfüllen zu wollen.
In einer mir zwar begreiflichen, aber ebenso unerwünschten
Selbstzufriedenheit, die allerdings in großartigem Gegensatz zum Urteil
seiner Umgebung steht, treibt er sich allein umher, kümmert sich nicht um
Mädchen und wird trotzdem niemals seine gute Laune verlieren.
Mein achter Sohn ist mein
Schmerzenskind, und ich weiß eigentlich keinen Grund dafür. Er sieht
mich fremd an, und ich fühle mich doch väterlich
eng mit ihm verbunden. Die Zeit hat vieles gut gemacht; früher aber befiel
mich manchmal
ein Zittern, wenn ich nur an ihn dachte. Er geht seinen eigenen Weg; hat alle
Verbindungen mit mir abgebrochen; und wird gewiß mit seinem harten
Schädel, seinem kleinen athletischen Körper - nur die Beine hatte er
als Junge recht schwach, aber das mag sich inzwischen schon ausgeglichen haben
- überall durchkommen, wo es ihm beliebt. Öfters hatte ich Lust, ihn
zurückzurufen, ihn zu fragen, wie es eigentlich um ihn steht, warum er
sich vom Vater so abschließt und was er im Grunde beabsichtigt, aber nun
ist er so weit und so viel Zeit ist schon vergangen, nun mag es so bleiben wie
es ist. Ich höre, daß er als der einzige meiner Söhne einen
Vollbart trägt; schön ist das bei einem so kleinen Mann
natürlich nicht.
Mein neunter Sohn ist sehr
elegant und hat den für Frauen bestimmten süßen Blick. So
süß, daß er bei Gelegenheit sogar mich
verführen kann, der ich doch weiß, daß förmlich ein nasser Schwamm genügt, um allen diesen
überirdischen Glanz wegzuwischen. Das Besondere an diesem Jungen aber ist,
daß er gar nicht auf Verführung ausgeht; ihm würde es
genügen, sein Leben lang auf dem Kanapee zu liegen und seinen Blick an die
Zimmerdecke zu verschwenden oder noch viel lieber ihn unter den Augenlidern
ruhen zu lassen. Ist er in dieser von ihm bevorzugten Lage, dann spricht er
gern und nicht übel; gedrängt und anschaulich; aber doch nur in engen
Grenzen; geht er über sie hinaus, was sich bei ihrer Enge nicht vermeiden
läßt, wird sein Reden ganz leer. Man würde ihm abwinken, wenn
man Hoffnung hätte, daß dieser mit Schlaf gefüllte Blick es
bemerken könnte.
Mein zehnter Sohn gilt als
unaufrichtiger Charakter. Ich will diesen Fehler nicht ganz in Abrede stellen,
nicht ganz bestätigen. Sicher ist, daß, wer ihn in der weit
über sein Alter hinausgehenden Feierlichkeit herankommen sieht, im immer
festgeschlossenen Gehrock, im alten, aber übersorgfältig geputzten
schwarzen Hut, mit dem unbewegten Gesicht, dem etwas vorragenden Kinn, den
schwer über die Augen sich wölbenden Lidern, den manchmal an den Mund
geführten zwei Fingern - wer ihn so sieht, denkt: das ist ein grenzenloser
Heuchler. Aber, nun höre man ihn reden! Verständig; mit Bedacht; kurz
angebunden; mit boshafter Lebendigkeit Fragen durchkreuzend; in erstaunlicher,
selbstverständlicher und froher Übereinstimmung mit dem Weltganzen;
eine Übereinstimmung, die notwendigerweise den Hals strafft und den
Körper erheben läßt. Viele, die sich sehr klug dünken und
die sich, aus diesem Grunde wie sie meinten, von seinem Äußern
abgestoßen fühlten, hat er durch sein Wort stark angezogen. Nun gibt
es aber wieder Leute, die sein Äußeres gleichgültig läßt,
denen aber sein Wort heuchlerisch erscheint. Ich, als Vater, will hier nicht
entscheiden, doch muß ich eingestehen, daß die letzteren Beurteiler
jedenfalls beachtenswerter sind als die ersteren.
Mein elfter Sohn ist zart,
wohl der schwächste unter meinen Söhnen; aber täuschend in
seiner Schwäche; er kann nämlich zu Zeiten kräftig und bestimmt
sein, doch ist allerdings selbst dann die Schwäche irgendwie grundlegend.
Es ist aber keine beschämende Schwäche, sondem etwas, das nur auf
diesem unsern Erdboden als Schwäche erscheint. Ist nicht zum Beispiel auch
Flugbereitschaft Schwäche, da sie doch Schwanken und Unbestimmtheit und
Flattern ist? Etwas Derartiges zeigt mein Sohn. Den Vater freuen natürlich
solche Eigenschaften nicht; sie gehen ja offenbar auf Zerstörung der
Familie aus. Manchmal blickt er mich an, als
wollte er mir sagen: ›Ich werde dich mitnehmen, Vater.‹ Dann denke
ich: ›Du wärst der Letzte, dem ich mich vertraue.‹ Und sein Blick scheint
wieder zu sagen: ›Mag ich also wenigstens der Letzte sein.‹
Das sind die elf
Söhne.
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