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Versunken in die Nacht. So
wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die
Nacht. Ringsum schlafen die Menschen. Eine kleine Schauspielerei, eine
unschuldige Selbsttäuschung, daß sie in Häusern schlafen, in festen
Betten, unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt auf Matratzen, in
Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden wie
damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager im Freien,
eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel
auf kalter Erde, hingeworfen wo man früher stand, die Stirn auf den Arm
gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. Und du wachst,
bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des
brennenden Holzes aus dem Reisighaufen neben dir. Warum wachst du? Einer
muß wachen, heißt es. Einer muß da sein.
Schakale und Araber
Schakale und Araber
Wir lagerten in der Oase.
Die Gefährten schliefen. Ein Araber, hoch und weiß, kam an mir
vorüber; er hatte die Kamele versorgt und ging zum Schlafplatz.
Ich warf mich
rücklings ins Gras; ich wollte schlafen; ich konnte nicht; das Klagegeheul
eines Schakals in der Ferne; ich saß wieder aufrecht. Und was so weit
gewesen war, war plötzlich nah. Ein Gewimmel von Schakalen um mich her; in
mattem Gold erglänzende, verlöschende Augen; schlanke Leiber, wie
unter einer Peitsche gesetzmäßig und flink bewegt.
Einer kam von
rückwärts, drängte sich, unter meinem Arm durch, eng an mich,
als brauche er meine Wärme, trat dann vor mich und sprach, fast Aug in Aug
mit mir:
»Ich bin der
älteste Schakal, weit und breit. Ich bin glücklich, dich noch hier
begrüßen zu können. Ich hatte schon die Hoffnung fast
aufgegeben, denn wir warten unendlich lange auf dich; meine Mutter hat gewartet
und ihre Mutter und weiter alle ihre Mütter bis hinauf zur Mutter aller
Schakale. Glaube es!«
»Das wundert
mich«, sagte ich und vergaß, den Holzstoß anzuzünden,
der bereitlag, um mit seinem Rauch die Schakale abzuhalten, »das wundert
mich sehr zu hören. Nur zufällig komme ich aus dem hohen Norden und
bin auf einer kurzen Reise begriffen. Was wollt ihr denn, Schakale?«
Und wie ermutigt durch
diesen vielleicht allzu freundlichen Zuspruch zogen sie ihren Kreis enger um
mich; alle atmeten kurz und fauchend.
»Wir wissen«,
begann der Älteste, »daß du vom Norden kommst, darauf eben
baut sich unsere Hoffnung. Dort ist der Verstand, der hier unter den Arabern
nicht zu finden ist. Aus diesem kalten Hochmut, weißt du, ist kein Funken
Verstand zu schlagen. Sie töten Tiere, um sie zu fressen, und Aas
mißachten sie.«
»Rede nicht so
laut«, sagte ich, »es schlafen Araber in der Nähe.«
»Du bist wirklich ein
Fremder«, sagte der Schakal, »sonst wüßtest du,
daß noch niemals in der Weltgeschichte ein Schakal einen Araber
gefürchtet hat. Fürchten sollten wir sie? Ist es nicht Unglück
genug, daß wir unter solches Volk verstoßen sind?«
»Mag sein, mag
sein«, sagte ich, »ich maße mir kein Urteil an in Dingen, die
mir so fern liegen; es scheint ein sehr alter Streit; liegt also wohl im Blut;
wird also vielleicht erst mit dem Blute enden.«
»Du bist sehr
klug«, sagte der alte Schakal; und alle atmeten noch schneller; mit
gehetzten Lungen, trotzdem sie doch stillestanden; ein bitterer, zeitweilig nur
mit zusammengeklemmten Zähnen erträglicher Geruch entströmte den
offenen Mäulern, »du bist sehr klug; das, was du sagst, entspricht
unserer alten Lehre. Wir nehmen ihnen also ihr Blut und der Streit ist zu
Ende.«
»Oh!« sagte ich
wilder, als ich wollte, »sie werden sich wehren; sie werden mit ihren
Flinten euch rudelweise niederschießen.«
»Du
mißverstehst uns«, sagte er,»nach Menschenart, die sich also
auch im hohen Norden nicht verliert. Wir werden sie doch nicht töten. So
viel Wasser hätte der Nil nicht, um uns rein zu waschen. Wir laufen doch
schon vor dem bloßen Anblick ihres lebenden Leibes weg, in reinere Luft,
in die Wüste, die deshalb unsere Heimat ist.«
Und alle Schakale ringsum,
zu denen inzwischen noch viele von fern her gekommen waren, senkten die
Köpfe zwischen die Vorderbeine und putzten sie mit den Pfoten; es war, als
wollten sie einen Widerwillen verbergen, der so schrecklich war, daß ich
am liebsten mit einem hohen Sprung aus ihrem Kreis entflohen wäre.
»Was beabsichtigt ihr
also zu tun?« fragte ich und wollte aufstehn; aber ich konnte nicht; zwei
junge Tiere hatten sich mir hinten in Rock und Hemd festgebissen; ich
mußte sitzenbleiben. »Sie halten deine Schleppe«, sagte der
alte Schakal erklärend und ernsthaft, »eine Ehrbezeigung.«
»Sie sollen mich loslassen!« rief ich, bald zum Alten, bald zu den
Jungen gewendet. »Sie werden es natürlich«, sagte der Alte,
»wenn du es verlangst. Es dauert aber ein Weilchen, denn sie haben nach
der Sitte tief sich eingebissen und müssen erst langsam die Gebisse voneinander
lösen. Inzwischen höre unsere Bitte.« »Euer Verhalten hat
mich dafür nicht sehr empfänglich gemacht«, sagte ich.
»Laß uns unser Ungeschick nicht entgelten«, sagte er und nahm
jetzt zum erstenmal den Klageton seiner natürlichen Stimme zu Hilfe,
»wir sind arme Tiere, wir haben nur das Gebiß; für alles, was
wir tun wollen, das Gute und das Schlechte, bleibt uns einzig das
Gebiß.« »Was willst du also?« fragte ich, nur wenig
besänftigt.
»Herr« rief er,
und alle Schakale heulten auf; in fernster Ferne schien es mir eine Melodie zu
sein. »Herr, du sollst den Streit beenden, der die Welt entzweit. So wie
du bist, haben unsere Alten den beschrieben, der es tun wird. Frieden
müssen wir haben von den Arabern; atembare Luft; gereinigt von ihnen den
Ausblick rund am Horizont; kein Klagegeschrei eines Hammels, den der Araber
absticht; ruhig soll alles Getier krepieren; ungestört soll es von uns
leergetrunken und bis auf die Knochen gereinigt werden. Reinheit, nichts als
Reinheit wollen wir«, - und nun weinten, schluchzten alle - »wie
erträgst nur du es in dieser Welt, du edles Herz und süßes
Eingeweide? Schmutz ist ihr Weiß; Schmutz ist ihr Schwarz; ein Grauen ist
ihr Bart; speien muß man beim Anblick ihrer Augenwinkel; und heben sie
den Arm, tut sich in der Achselhöhle die Hölle auf. Darum, o Herr,
darum, o teuerer Herr, mit Hilfe deiner alles vermögenden Hände, mit
Hilfe deiner alles vermögenden Hände schneide ihnen mit dieser Schere
die Hälse durch!« Und einem Ruck seines Kopfes folgend kam ein
Schakal herbei, der an einem Eckzahn eine kleine, mit altem Rost bedeckte
Nähschere trug.
»Also endlich die
Schere und damit Schluß!« rief der Araberführer unserer
Karawane, der sich gegen den Wind an uns herangeschlichen hatte und nun seine
riesige Peitsche schwang.
Alles verlief sich eiligst,
aber in einiger Entfernung blieben sie doch, eng zusammengekauert, die vielen
Tiere so eng und starr, daß es aussah wie eine schmale Hürde, von
Irrlichtern umflogen.
»So hast du, Herr,
auch dieses Schauspiel gesehen und gehört«, sagte der Araber und
lachte so fröhlich, als es die Zurückhaltung seines Stammes erlaubte.
»Du weißt also, was die Tiere wollen?« fragte ich.
»Natürlich, Herr«, sagte er, »das ist doch allbekannt;
solange es Araber gibt, wandert diese Schere durch die Wüste und wird mit
uns wandern bis ans Ende der Tage. jedem Europäer wird sie angeboten zu
dem großen Werk; jeder Europäer ist gerade derjenige, welcher ihnen
berufen scheint. Eine unsinnige Hoffnung haben diese Tiere; Narren, wahre
Narren sind sie. Wir lieben sie deshalb; es sind unsere Hunde; schöner als
die eurigen. Sieh nur, ein Kamel ist in der Nacht verendet, ich habe es
herschaffen lassen.«
Vier Träger kamen und
warfen den schweren Kadaver vor uns hin. Kaum lag er da, erhoben die
Schakale ihre Stimmen. Wie von
Stricken unwiderstehlich jeder einzelne gezogen, kamen sie, stockend, mit dem
Leib den Boden streifend, heran. Sie hatten die Araber vergessen, den Haß
vergessen, die alles auslöschende Gegenwart des stark ausdunstenden
Leichnams bezauberte sie. Schon hing einer am Hals und fand mit dem ersten
Biß die Schlagader. Wie eine kleine rasende Pumpe, die ebenso unbedingt
wie aussichtslos einen übermächtigen Brand löschen will, zerrte
und zuckte jede Muskel seines Körpers an ihrem Platz. Und schon lagen in
gleicher Arbeit alle auf dem Leichnam hoch zu Berg.
Da strich der Führer
kräftig mit der scharfen Peitsche kreuz und quer über sie. Sie hoben
die Köpfe; halb in Rausch und Ohnmacht; sahen die Araber vor sich stehen;
bekamen jetzt die Peitsche mit den Schnauzen zu fühlen; zogen sich im
Sprung zurück und liefen eine Strecke rückwärts. Aber das Blut
des Kamels lag schon in Lachen da, rauchte empor, der Körper war an
mehreren Stellen weit aufgerissen. Sie konnten nicht widerstehen; wieder waren
sie da; wieder hob der Führer die Peitsche; ich faßte seinen Arm.
»Du hast recht, Herr«, sagte er, »wir lassen sie bei ihrem
Beruf, auch ist es Zeit aufzubrechen. Gesehen hast du sie. Wunderbare Tiere,
nicht wahr? Und wie sie uns hassen!«
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