Diejenigen,
ich gehöre zu ihnen, die schon einen kleinen gewöhnlichen Maulwurf
widerlich finden, wären wahrscheinlich vom Widerwillen getötet worden,
wenn sie den Riesenmaulwurf gesehen hätten, der vor einigen Jahren in der
Nähe eines kleinen Dorfes beobachtet worden ist, das dadurch eine gewisse
vorübergehende Berühmtheit erlangt hat. Jetzt ist es allerdings schon
längst wieder in Vergessenheit geraten und teilt damit nur die
Ruhmlosigkeit der ganzen Erscheinung, die vollständig unerklärt
geblieben ist, die man aber zu erklären sich auch nicht sehr bemüht
hat und die infolge einer unbegreiflichen Nachlässigkeit jener Kreise, die
sich darum hätten kümmern sollen und die sich tatsächlich
angestrengt um viel geringfügigere Dinge kümmern, ohne genauere
Untersuchung vergessen worden ist. Darin, daß das Dorf weit von der
Eisenbahn abliegt, kann jedenfalls keine Entschuldigung dafür gefunden
werden. Viele Leute kamen aus Neugierde von weither, sogar aus dem Ausland, nur
diejenigen, die mehr als Neugierde hätten zeigen sollen, die kamen nicht.
Ja, hätten nicht einzelne ganz einfache Leute, Leute, deren
gewöhnliche Tagesarbeit ihnen kaum ein ruhiges Aufatmen gestattete,
hätten nicht diese Leute uneigennützig sich der Sache angenommen, das
Gerücht von der Erscheinung wäre wahrscheinlich kaum über den
nächsten Umkreis hinausgekommen. Es muß zugegeben werden, daß
selbst das Gerücht, das sich doch sonst kaum aufhalten läßt, in
diesem Falle geradezu schwerfällig war; hätte man es nicht
förmlich gestoßen, es hätte sich nicht verbreitet. Aber auch
das war gewiß kein Grund, sich mit der Sache nicht zu beschäftigen,
im Gegenteil, auch diese Erscheinung hätte noch untersucht werden
müssen. Statt dessen überließ man die einzige schriftliche
Behandlung des Falles dem alten Dorflehrer, der zwar ein ausgezeichneter Mann
in seinem Berufe war, aber dessen Fähigkeiten ebensowenig wie seine
Vorbildung es ihm ermöglichten, eine gründliche und weiterhin
verwertbare Beschreibung, geschweige denn eine Erklärung zu liefern. Die
kleine Schrift wurde gedruckt und an die damaligen Besucher des Dorfes viel
verkauft, sie fand auch einige Anerkennung, aber der Lehrer war klug genug
einzusehen, daß seine vereinzelten, von niemandem unterstützten
Bemühungen im Grunde wertlos waren. Wenn er dennoch in ihnen nicht
nachließ und die Sache, obwohl sie ihrer Natur nach von Jahr zu Jahr
verzweifelter wurde, zu seiner Lebensaufgabe machte, so beweist das einerseits,
wie groß die Wirkung war, welche die Erscheinung ausüben konnte, und
andererseits, welche Anstrengung und Überzeugungstreue sich in einem
alten, unbeachteten Dorflehrer vorfinden kann. Daß er aber unter der
abweisenden Haltung der maßgebenden Persönlichkeiten schwer gelitten
hat, beweist ein kleiner Nachtrag, den er seiner Schrift folgen ließ,
allerdings erst nach einigen Jahren, aber zu einer Zeit, als sich kaum jemand
mehr erinnern konnte, worum es sich hier gehandelt hatte. In diesem Nachtrag
führt er, vielleicht nicht durch Geschicklichkeit, aber durch Ehrlichkeit
überzeugend, Klage über die Verständnislosigkeit, die ihm bei
Leuten begegnet ist, wo man sie am wenigsten hätte erwarten sollen. Von
diesen Leuten sagt er treffend: »Nicht ich, aber sie reden wie alte
Dorflehrer.« Und er führt unter anderem den Ausspruch eines
Gelehrten an, zu dem er eigens in seiner Sache gefahren ist. Der Name des
Gelehrten ist nicht genannt, aber aus verschiedenen Nebenumständen läßt
sich erraten, wer es gewesen ist. Nachdem der Lehrer große
Schwierigkeiten überwunden hatte, überhaupt Einlaß zu erlangen, merkte er schon
bei der Begrüßung, daß der Gelehrte in einem
unüberwindbaren Vorurteil in betreff seiner Sache befangen war. In welcher
Zerstreutheit er dem langen Bericht des Lehrers zuhörte, den dieser an der
Hand seiner Schrift erstattete, zeigte sich in der Bemerkung, die er nach
einiger scheinbarer Überlegung machte: »Die Erde ist doch in Ihrer
Gegend besonders schwarz und schwer. Nun, sie gibt deshalb auch den
Maulwürfen besonders fette Nahrung und sie werden ungewöhnlich
groß.« »Aber so groß doch nicht«, rief der Lehrer
und maß, in seiner Wut ein wenig übertreibend, zwei Meter an der
Wand ab. »O doch«, antwortete der Gelehrte, dem das Ganze offenbar
sehr spaßhaft vorkam. Mit diesem Bescheide fuhr der Lehrer nach Hause
zurück. Er erzählt, wie ihn am Abend im Schneefall auf der
Landstraße seine Frau und seine sechs Kinder erwartet hätten und wie
er ihnen das endgültige Mißlingen seiner Hoffnungen bekennen mußte.
Als ich
von dem Verhalten des Gelehrten gegenüber dem Lehrer las, kannte ich noch
gar nicht die Hauptschrift des Lehrers. Aber ich entschloß mich, sofort alles, was
ich über den Fall in Erfahrung bringen konnte, selbst zu sammeln und
zusammenzustellen. Da ich dem Gelehrten nicht die Faust vor das Gesicht halten
konnte, sollte wenigstens meine Schrift den Lehrer verteidigen oder, besser
ausgedrückt, nicht so sehr den Lehrer als die gute Absicht eines
ehrlichen, aber einflußlosen Mannes. Ich gestehe, ich bereute später
diesen Entschluß, denn ich fühlte bald, daß seine
Ausführung mich
in eine wunderbare Lage bringen mußte. Einerseits war auch mein
Einfluß bei weitem nicht hinreichend, um den Gelehrten oder gar die
öffentliche Meinung zugunsten des Lehrers umzustimmen, andererseits aber
mußte der Lehrer merken, daß mir an seiner Hauptabsicht, dem
Nachweis der Erscheinung des großen Maulwurfes, weniger lag als an der
Verteidigung seiner Ehrenhaftigkeit, die ihm wiederum selbstverständlich und
keiner Verteidigung bedürftig schien. Es mußte also dahin kommen,
daß ich, der ich mich dem Lehrer verbinden wollte, bei ihm kein
Verständnis fand, und wahrscheinlich, statt zu helfen, für mich einen
neuen Helfer brauchen würde, dessen Auftreten wohl sehr unwahrscheinlich
war. Außerdem bürdete ich mir mit meinem Entschluß eine
große Arbeit auf. Wollte ich überzeugen, so durfte ich mich nicht auf den
Lehrer berufen, der ja nicht hatte überzeugen können. Die Kenntnis
seiner Schrift hätte mich
nur beirrt und ich vermied es daher, sie vor Beendigung meiner eigenen Arbeit
zu lesen. Ja, ich trat nicht einmal mit dem Lehrer in Verbindung. Allerdings
erfuhr er durch Mittelspersonen von meinen Untersuchungen, aber er wußte
nicht, ob ich in seinem Sinne arbeitete oder gegen ihn. Ja, er vermutete
wahrscheinlich sogar das letztere, wenn er es später auch leugnete, denn
ich habe Beweise darüber, daß er mir verschiedene Hindernisse in den
Weg gelegt hat. Das konnte er sehr leicht, denn ich war ja gezwungen, alle
Untersuchungen, die er schon durchgeführt hatte, nochmals vorzunehmen und
er konnte mir daher immer zuvorkommen. Das war aber der einzige Vorwurf, der
meiner Methode mit Recht gemacht werden konnte, übrigens ein
unausweichlicher Vorwurf, der aber durch die Vorsicht, ja Selbstverleugnung
meiner Schlußfolgerungen sehr entkräftet wurde. Sonst aber war meine
Schrift von jeder Einflußnahme des Lehrers frei, vielleicht hatte ich in
diesem Punkte sogar allzu große Peinlichkeit bewiesen, es war durchaus
so, als hätte bisher niemand den Fall untersucht, als wäre ich der
erste, der die Augen- und Ohrenzeugen verhörte, der erste, der die Angaben
aneinanderreihte, der erste, der Schlüsse zog. Als ich später die
Schrift des Lehrers las - sie hatte einen sehr umständlichen Titel:
»Ein Maulwurf, so groß, wie ihn noch niemand gesehen hat« -,
fand ich tatsächlich, daß wir in wesentlichen Punkten nicht
übereinstimmten, wenn wir auch beide die Hauptsache, nämlich die
Existenz des Maulwurfs, bewiesen zu haben glaubten. Immerhin verhinderten jene
einzelnen Meinungsverschiedenheiten die Entstehung eines freundschaftlichen
Verhältnisses zum Lehrer, das ich eigentlich trotz allem erwartet hatte.
Es entwickelte sich fast eine gewisse Feindseligkeit von seiner Seite. Er blieb
zwar immer bescheiden und demütig mir gegenüber, aber desto
deutlicher konnte man seine wirkliche Stimmung merken. Er war nämlich der
Meinung, daß ich ihm mit der Sache durchaus geschadet habe, und daß
mein Glaube, ich hätte ihm genützt oder nützen können, im
besten Fall Einfältigkeit, wahrscheinlich aber Anmaßung oder
Hinterlist sei. Vor allem wies er öfters darauf hin, daß alle seine
bisherigen Gegner ihre Gegnerschaft überhaupt nicht oder bloß unter
vier Augen oder wenigstens nur mündlich gezeigt hätten, während
ich es für nötig gehalten hätte, alle meine Aussetzungen sofort
drucken zu lassen. Außerdem hätten die wenigen Gegner, welche sich
wirklich mit der Sache, wenn auch nur oberflächlich, beschäftigt
hätten, doch wenigstens seine, des Lehrers Meinung, also die hier maßgebende
Meinung angehört, ehe sie sich selber geäußert hätten, ich
aber hätte aus unsystematisch gesammelten und zum Teil
mißverstandenen Angaben Ergebnisse hervorgebracht, die, selbst wenn sie
in der Hauptsache richtig waren, doch unglaubwürdig wirken mußten,
und zwar sowohl auf die Menge als auch auf die Gebildeten. Der schwächste
Schein der Unglaubwürdigkeit wäre aber das Schlimmste, was hier
geschehen konnte.
Auf diese,
wenn auch verhüllt vorgebrachten, Vorwürfe hätte ich ihm leicht
antworten können - so stellte zum Beispiel gerade seine Schrift wohl den
Höhepunkt der Unglaubwürdigkeit dar -, weniger leicht aber war es,
gegen seinen sonstigen Verdacht anzukämpfen, und das war der Grund, warum
ich mich überhaupt im ganzen ihm gegenüber sehr zurückhielt. Er
glaubte nämlich im geheimen, daß ich ihn um den Ruhm hatte bringen
wollen, der erste öffentliche Fürsprecher des Maulwurfs zu sein. Nun
war ja für seine Person gar kein Ruhm vorhanden, sondern nur eine Lächerlichkeit,
die sich aber auch auf einen immer kleineren Kreis einschränkte und um die
ich mich gewiß nicht bewerben wollte. Außerdem aber hatte ich in
der Einleitung zu meiner Schrift ausdrücklich erklärt, daß der
Lehrer für alle Zeiten als Entdecker des Maulwurfs zu gelten habe - der
Entdecker aber war er nicht einmal - und daß nur die Anteilnahme am
Schicksal des Lehrers mich zur Abfassung der Schrift gedrängt habe.
»Der Zweck dieser Schrift ist es«, - so schloß ich allzu
pathetisch, aber es entsprach meiner damaligen Erregung - »der Schrift
des Lehrers zur verdienten Verbreitung zu helfen. Gelingt dies, dann soll mein
Name, der vorübergehend und nur äußerlich in diese
Angelegenheit verwickelt wird, sofort aus ihr gelöscht werden.« Ich
wehrte also geradezu jede größere Beteiligung an der Sache ab; es
war fast, als hätte ich irgendwie den unglaublichen Vorwurf des Lehrers
vorausgeahnt. Trotzdem fand er gerade in dieser Stelle die Handhabe gegen mich,
und ich leugne nicht, daß eine scheinbare Spur von Berechtigung in dem,
was er sagte oder vielmehr andeutete, enthalten war, wie mir überhaupt
einigemal auffiel, daß er in mancher Hinsicht mir gegenüber fast
mehr Scharfsinn zeigte als in seiner Schrift. Er behauptete nämlich, meine
Einleitung sei doppelzüngig. Wenn mir wirklich nur daran lag, seine
Schrift zu verbreiten, warum befaßte ich mich nicht ausschließlich
mit ihm und seiner Schrift, warum zeigte ich nicht ihre Vorzüge, ihre
Unwiderlegbarkeit, warum beschränkte ich mich nicht darauf, die Bedeutung
der Entdeckung hervorzuheben und begreiflich zu machen, warum drängte ich
mich vielmehr unter vollständiger Vernachlässigung der Schrift in die
Entdeckung selbst. War sie etwa nicht schon getan? Blieb etwa in dieser
Hinsicht noch etwas zu tun übrig? Wenn ich aber wirklich glaubte, die
Entdeckung noch einmal machen zu müssen, warum sagte ich mich dann in der Einleitung von der
Entdeckung so feierlich los? Das hätte heuchlerische Bescheidenheit sein
können, aber es war etwas Ärgeres. Ich entwertete die Entdeckung, ich
machte auf sie aufmerksam nur zu dem Zweck, sie zu entwerten, während er
sie doch erforscht und beiseite gelegt hatte. Es war vielleicht rings um diese
Sache ein wenig stiller geworden, nun machte ich wieder Lärm, machte aber
gleichzeitig die Lage des Lehrers schwieriger, als sie jemals gewesen war. Was
bedeutete denn für den Lehrer die Verteidigung seiner Ehrenhaftigkeit! An
der Sache, nur an der Sache lag ihm. Diese aber verriet ich, weil ich sie nicht
verstand, weil ich sie nicht richtig einschätzte, weil ich keinen Sinn
für sie hatte. Sie ging himmelhoch über meinen Verstand hinaus. Er
saß vor mir und sah mich
mit seinem alten, faltigen Gesicht ruhig an, und doch war nur dieses seine
Meinung. Allerdings war es nicht richtig, daß ihm nur an der Sache lag,
er war sogar recht ehrgeizig und wollte auch Geld gewinnen, was mit
Rücksicht auf seine zahlreiche Familie sehr begreiflich war. Trotzdem
schien ihm mein Interesse an der Sache vergleichsweise so gering, daß er
glaubte, sich als vollständig uneigennützig hinstellen zu
dürfen, ohne eine allzu große Unwahrheit zu sagen. Und es
genügt tatsächlich nicht einmal für meine innere Befriedigung,
wenn ich mir sagte, daß die Vorwürfe des Mannes im Grunde nur darauf
zurückgehen, daß er gewissermaßen seinen Maulwurf mit beiden
Händen festhält und jeden, der ihm nur mit dem Finger nahe kommen
will, einen Verräter nennt. Es war nicht so, sein Verhalten war nicht
durch Geiz, wenigstens nicht durch Geiz allein zu erklären, eher durch die
Gereiztheit, welche seine großen Anstrengungen und deren vollständige
Erfolglosigkeit in ihm hervorgerufen hatten. Aber auch die Gereiztheit
erklärte nicht alles. Vielleicht war mein Interesse an der Sache wirklich
zu gering. An Fremden war für den Lehrer Interesselosigkeit schon etwas
Gewöhnliches, er litt darunter im allgemeinen, aber nicht mehr im
einzelnen. Hier aber hatte sich endlich einer gefunden, der sich der Sache in
außerordentlicher Weise annahm, und selbst dieser begriff die Sache
nicht. Einmal in diese Richtung gedrängt, wollte ich gar nicht leugnen.
Ich bin kein Zoologe, vielleicht hätte ich mich für diesen Fall, wenn ich ihn
selbst entdeckt hätte, bis auf den Herzensgrund ereifert, aber ich hatte
ihn doch nicht entdeckt. Ein so großer Maulwurf ist gewiß eine
Merkwürdigkeit, aber die dauernde Aufmerksamkeit der ganzen Welt darf man
nicht dafür verlangen, besonders wenn die Existenz des Maulwurfs nicht
vollständig einwandfrei festgestellt ist und man ihn jedenfalls nicht
vorführen kann. Und ich gestand auch ein, daß ich mich wahrscheinlich für den Maulwurf selbst,
wenn ich der Entdecker gewesen wäre, niemals so eingesetzt hätte, wie
ich es für den Lehrer gern und freiwillig tat.
Nun
hätte sich wahrscheinlich die Nichtübereinstimmung zwischen mir und
dem Lehrer bald aufgelöst, wenn meine Schrift Erfolg gehabt hätte. Aber
gerade dieser Erfolg blieb aus. Vielleicht war sie nicht gut, nicht
überzeugend genug geschrieben, ich bin Kaufmann, die Abfassung einer
solchen Schrift geht vielleicht über den mir gesetzten Kreis noch weiter
hinaus, als dies beim Lehrer der Fall war, obwohl ich allerdings in allen
hierfür nötigen Kenntnissen den Lehrer bei weitem übertraf. Auch
ließ sich der Mißerfolg noch anders deuten, der Zeitpunkt des
Erscheinens war vielleicht ungünstig. Die Entdeckung des Maulwurfes, die
nicht hatte durchdringen können, lag einerseits nicht so weit zurück,
als daß man sie vollständig vergessen hätte und durch meine
Schrift also etwa überrascht worden wäre, andererseits aber war Zeit
genug vergangen, um das geringe Interesse, das ursprünglich vorhanden
gewesen war, gänzlich zu erschöpfen. Jene, die sich überhaupt
über meine Schrift Gedanken machten, sagten sich mit einer Trostlosigkeit,
die schon vor Jahren diese Diskussion beherrscht hatte, daß nun wohl
wieder die nutzlosen Anstrengungen für diese öde Sache beginnen
sollen, und manche verwechselten sogar meine Schrift mit der des Lehrers. In
einer führenden landwirtschaftlichen Zeitschrift fand sich folgende
Bemerkung, glücklicherweise nur zum Schluß und klein gedruckt:
»Die Schrift über den Riesenmaulwurf ist uns wieder zugeschickt
worden. Wir erinnern uns, schon einmal vor Jahren über sie herzlich
gelacht zu haben. Sie ist seitdem nicht klüger geworden und wir nicht
dümmer. Bloß lachen können wir nicht zum zweitenmal. Dagegen
fragen wir unsere Lehrervereinigungen, ob ein Dorfschullehrer nicht
nützlichere Arbeit finden kann, als Riesenmaulwürfen
nachzujagen.« Eine unverzeihliche Verwechslung! Man hatte weder die
erste, noch die zweite Schrift gelesen, und die zwei armseligen in der Eile aufgeschnappten
Worte Riesenmaulwurf und Dorfschullehrer genügten schon den Herren, um
sich als Vertreter anerkannter Interessen in Szene zu setzen. Dagegen
hätte gewiß Verschiedenes mit Erfolg unternommen werden können,
aber die mangelnde Verständigung mit dem Lehrer hielt mich davon ab. Ich
versuchte vielmehr, die Zeitschrift vor ihm geheimzuhalten, so lange es mir
möglich war. Aber er entdeckte sie sehr bald, ich erkannte es schon aus
einer Bemerkung in einem Brief, in dem er mir seinen Besuch für die Weihnachtsfeiertage
in Aussicht stellte. Er schrieb dort: »Die Welt ist schlecht und man
macht es ihr leicht«, womit er ausdrücken wollte, daß ich zu
der schlechten Welt gehöre, mich aber mit der mir innewohnenden
Schlechtigkeit nicht begnüge, sondern es der Welt auch noch leicht mache,
das heißt, tätig bin, um die allgemeine Schlechtigkeit
hervorzulocken und ihr zum Sieg zu verhelfen. Nun, ich hatte schon die
nötigen Entschlüsse gefaßt, konnte ihn ruhig erwarten und ruhig
zusehen, wie er ankam, sogar weniger höflich grüßte als sonst,
sich stumm mir gegenübersetzte, sorgfältig aus der Brusttasche seines
eigentümlich wattierten Rockes die Zeitschrift hervorzog und sie
aufgeschlagen vor mich hinschob. »Ich kenne es«, sagte ich und
schob die Zeitschrift ungelesen wieder zurück. »Sie kennen
es«, sagte er seufzend, er hatte die alte Lehrergewohnheit, fremde
Antworten zu wiederholen. »Ich werde das natürlich nicht ohne Abwehr
hinnehmen«, fuhr er fort, tippte aufgeregt mit dem Finger auf die
Zeitschrift und sah mich dabei scharf an, als wäre ich der
entgegengesetzten Meinung; eine Ahnung dessen, was ich sagen wollte, hatte er
wohl; ich habe auch sonst nicht so sehr aus seinen Worten, als aus sonstigen
Zeichen zu bemerken geglaubt, daß er oft eine sehr richtige Empfindung für
meine Absichten hatte, ihr aber nicht nachgab und sich ablenken ließ.
Das, was ich ihm damals sagte, kann ich fast wortgetreu wiedergeben, da ich es
kurz nach der Unterredung notiert habe. »Tut, was Ihr wollt«, sagte
ich, »unsere Wege scheiden sich von heute ab. Ich glaube, daß es
Euch weder unerwartet, noch ungelegen kommt. Die Notiz hier in der Zeitschrift
ist nicht die Ursache meines Entschlusses, sie hat ihn bloß
endgültig befestigt; die eigentliche Ursache liegt darin, daß ich
ursprünglich glaubte, Euch durch mein Auftreten nützen zu
können, während ich jetzt sehen muß, daß ich Euch in
jeder Richtung geschadet habe. Warum es sich so gewendet hat, weiß ich
nicht, die Gründe für Erfolg und Mißerfolg sind immer
vieldeutig, sucht nicht nur jene Deutungen hervor, die gegen mich sprechen.
Denkt an Euch, auch Ihr hattet die besten Absichten und doch Mißerfolg,
wenn man das Ganze ins Auge faßt. Ich meine es nicht im Scherz, es geht
ja gegen mich
selbst, wenn ich sage, daß auch die Verbindung mit mir leider zu Euren
Mißerfolgen zählt. Daß ich mich jetzt von der Sache zurückziehe,
ist weder Feigheit noch Verrat. Es geschieht sogar nicht ohne
Selbstüberwindung; wie sehr ich Eure Person achte, geht schon aus meiner
Schrift hervor, Ihr seid mir in gewisser Hinsicht ein Lehrer geworden, und
sogar der Maulwurf wurde mir fast lieb. Trotzdem trete ich beiseite, Ihr seid
der Entdecker, und wie ich es auch anstellen wollte, ich hindere immer,
daß der mögliche Ruhm Euch trifft, während ich den Mißerfolg
anziehe und auf Euch weiterleite. Wenigstens ist dies Eure Meinung. Genug
davon. Die einzige Buße, die ich auf mich nehmen kann, ist, daß ich
Euch um Verzeihung bitte und wenn Ihr es verlangt, das Geständnis, das ich
Euch hier gemacht habe, auch öffentlich, zum Beispiel in dieser
Zeitschrift, wiederhole.«
Das waren
damals meine Worte, sie waren nicht ganz aufrichtig, aber das Aufrichtige war
ihnen leicht zu entnehmen. Meine Erklärung wirkte auf ihn so, wie ich es
ungefähr erwartet hatte. Die meisten alten Leute haben jüngeren
gegenüber etwas Täuschendes, etwas Lügnerisches in ihrem Wesen,
man lebt ruhig neben ihnen fort, glaubt das Verhältnis gesichert, kennt
die vorherrschenden Meinungen, bekommt fortwährend Bestätigungen des
Friedens, hält alles für selbstverständlich und plötzlich,
wenn sich doch etwas Entscheidendes ereignet und die so lange vorbereitete Ruhe
wirken sollte, erheben sich diese alten Leute wie Fremde, haben tiefere,
stärkere Meinungen, entfalten förmlich jetzt erst ihre Fahne und man
liest darauf mit Schrecken den neuen Spruch. Dieser Schrecken stammt vor allem
daher, weil das, was die Alten jetzt sagen, wirklich viel berechtigter,
sinnvoller, und als ob es eine Steigerung des Selbstverständlichen
gäbe, noch selbstverständlicher ist. Das unübertrefflich
Lügnerische daran aber ist, daß sie das, was sie jetzt sagen, im
Grunde immer gesagt haben. Ich muß mich
tief in diesen Dorfschullehrer eingebohrt haben, daß er mich jetzt nicht ganz überraschte.
»Kind«, sagte er, legte seine Hand auf die meine und rieb sie
freundschaftlich, »wie kamt Ihr denn überhaupt auf den Gedanken,
Euch auf diese Sache einzulassen? - Gleich als ich zum erstenmal davon
hörte, sprach ich mit meiner Frau darüber.« Er rückte vom
Tische ab, breitete die Arme aus und blickte zu Boden, als stehe dort unten
winzig seine Frau und er spreche mit ihr. »>So viele Jahre<, sagte
ich zu ihr, >kämpfen wir allein, jetzt aber scheint in der Stadt ein
hoher Gönner für uns einzutreten, ein städtischer Kaufmann,
namens Soundso. Jetzt sollten wir uns doch sehr freuen, nicht? Ein Kaufmann in
der Stadt bedeutet nicht wenig; wenn ein lumpiger Bauer uns glaubt und es
ausspricht, so kann uns das nichts helfen, denn was ein Bauer macht, ist immer
unanständig, ob er nun sagt: Der alte Dorfschullehrer hat recht, oder ob
er etwa unpassenderweise ausspuckt, beides ist in der Wirkung einander gleich.
Und stehen statt des einen Bauern zehntausend Bauern auf, so ist die Wirkung
womöglich noch schlechter. Ein Kaufmann in der Stadt ist dagegen etwas
anderes, ein solcher Mann hat Verbindungen, selbst das, was er nur nebenbei
sagt, spricht sich in weiteren Kreisen herum, neue Gönner nehmen sich der
Sache an, einer sagt zum Beispiel: Auch von Dorfschullehrern kann man lernen,
und am nächsten Tag flüstern es sich schon eine Menge von Leuten zu,
von denen man es, nach ihrem Äußeren zu schließen, niemals
annehmen würde. Jetzt finden sich Geldmittel für die Sache, einer
sammelt und die anderen zahlen ihm das Geld in die Hand, man meint, der Dorfschullehrer
müsse aus dem Dorf hervorgeholt werden, man kommt, kümmert sich nicht
um sein Aussehen, nimmt ihn in die Mitte und, da sich die Frau und die Kinder
an ihn hängen, nimmt man auch sie mit. Hast du schon Leute aus der Stadt
beobachtet? Das zwitschert unaufhörlich. Ist eine Reihe von ihnen
beisammen, so geht das Zwitschern von rechts nach links und wieder zurück
und auf und ab. Und so heben sie uns zwitschernd in den Wagen, man hat kaum
Zeit, allen zuzunicken. Der Herr auf dem Kutschbock rückt seinen Zwicker
zurecht, schwingt die Peitsche und wir fahren. Alle winken zum Abschied dem
Dorfe zu, so als ob wir noch dort wären und nicht mitten unter ihnen
säßen. Aus der Stadt kommen einige Wagen mit besonders Ungeduldigen
uns entgegen. Wie wir uns nähern, stehen sie von ihren Sitzen auf und
strecken sich, um uns zu sehen. Der, welcher Geld gesammelt hat, ordnet alles
und ermahnt zur Ruhe. Es ist schon eine große Wagenreihe, wie wir in der
Stadt einfahren. Wir haben geglaubt, daß die Begrüßung schon
vorüber ist, aber nun vor dem Gasthof beginnt sie erst. In der Stadt
sammeln sich eben auf einen Aufruf gleich sehr viele Leute an. Worum sich der
eine kümmert, kümmert sich gleich auch der andere. Sie nehmen
einander mit ihrem Atem die Meinungen weg und eignen sich sie an. Nicht alle
diese Leute können mit dem Wagen fahren, sie warten vor dem Gasthof,
andere könnten zwar fahren, aber sie tun es aus Selbstbewußtsein
nicht. Auch diese warten. Es ist unbegreiflich, wie der, welcher Geld gesammelt
hat, den Überblick über alles behält.<«
Ich hatte
ihm ruhig zugehört; ja, ich war während der Rede immer ruhiger
geworden. Auf dem Tisch hatte ich alle Exemplare meiner Schrift, so viele ich
ihrer noch besaß, aufgehäuft. Es fehlten nur sehr wenige, denn ich
hatte in der letzten Zeit durch ein Rundschreiben alle ausgeschickten Exemplare
zurückgefordert und hatte auch die meisten erhalten. Von vielen Seiten war
mir übrigens sehr höflich geschrieben worden, daß man sich gar
nicht erinnere, eine solche Schrift erhalten zu haben und daß man sie,
wenn sie etwa doch gekommen sein sollte, bedauerlicherweise verloren haben
müsse. Auch so war es richtig, ich wollte im Grunde nichts anderes. Nur
einer bat mich,
die Schrift als Kuriosum behalten zu dürfen, und verpflichtete sich, sie
im Sinne meines Rundschreibens während der nächsten zwanzig Jahre
niemandem zu zeigen. Dieses Rundschreiben hatte der Dorfschullehrer noch gar
nicht gesehen. Ich freute mich,
daß seine Worte es mir leicht machten, es ihm zu zeigen. Ich konnte dies
aber auch sonst ohne Sorge tun, weil ich bei der Abfassung sehr vorsichtig
vorgegangen war und das Interesse des Dorfschullehrers und seiner Sache niemals
außer acht gelassen hatte. Die Hauptsätze des Schreibens lauteten
nämlich: »Ich bitte nicht deshalb um Rückgabe der Schrift, weil
ich etwa von den in der Schrift vertretenen Meinungen abgekommen bin oder sie
vielleicht in einzelnen Teilen als irrig oder auch nur als unbeweisbar ansehen
würde. Meine Bitte hat lediglich persönliche, allerdings sehr
zwingende Gründe; auf meine Stellung zur Sache läßt sie jedoch
nicht die allergeringsten Rückschlüsse zu. Ich bitte dies besonders
zu beachten, und wenn es behebt, auch zu verbreiten.«
Vorläufig
hielt ich dieses Rundschreiben noch mit den Händen verdeckt und sagte:
»Wollt Ihr mir Vorwürfe machen, weil es nicht so gekommen ist? Warum
wollt Ihr das tun? Verbittern wir uns doch nicht das Auseinandergehen. Und
versucht endlich einzusehen, daß Ihr zwar eine Entdeckung gemacht habt,
daß aber diese Entdeckung nicht etwa alles andere überragt und
daß infolgedessen auch das Unrecht, das Euch geschieht, nicht ein alles
andere überragendes Unrecht ist. Ich kenne nicht die Satzungen der
gelehrten Gesellschaften, aber ich glaube nicht, daß Euch selbst im günstigsten
Falle ein Empfang bereitet worden wäre, der nur annähernd an jenen
herangereicht hätte, wie Ihr ihn vielleicht Eurer armen Frau beschrieben
habt. Wenn ich selbst etwas von der Wirkung der Schrift erhoffte, so glaubte
ich, daß vielleicht ein Professor auf unseren Fall aufmerksam gemacht
werden könnte, daß er irgendeinen jungen Studenten beauftragen
würde, der Sache nachzugehen, daß dieser Student zu Euch gefahren
und dort Eure und meine Untersuchungen nochmals in seiner Weise
überprüfen würde, und daß er schließlich, wenn ihm
das Ergebnis erwähnenswert schiene - hier ist festzuhalten, daß alle
jungen Studenten voll Zweifel sind -, daß er dann eine eigene Schrift
herausgeben würde, in welcher das, was Ihr geschrieben habt,
wissenschaftlich begründet wäre. Jedoch selbst dann, wenn sich diese
Hoffnung erfüllt hätte, wäre noch nicht viel erreicht gewesen.
Die Schrift des Studenten, die einen so sonderbaren Fall verteidigt hätte,
wäre vielleicht lächerlich gemacht worden. Ihr seht hier an dem
Beispiel der landwirtschaftlichen Zeitschrift, wie leicht das geschehen kann,
und wissenschaftliche Zeitschriften sind in dieser Hinsicht noch
rücksichtsloser. Es ist auch verständlich, die Professoren tragen
viel Verantwortung vor sich, vor der Wissenschaft, vor der Nachwelt, sie können
sich nicht jeder neuen Entdeckung gleich an die Brust werfen. Wir andern sind
ihnen gegenüber darin im Vorteil. Aber ich sehe von dem ab und will jetzt
annehmen, daß die Schrift des Studenten sich durchgesetzt hätte. Was
wäre dann geschehen? Euer Name wäre wohl einigemal in Ehren genannt
worden, er hätte wahrscheinlich auch Eurem Stand genützt, man
hätte gesagt: >Unsere Dorfschullehrer haben offene Augen<, und die
Zeitschrift hier hätte, wenn Zeitschriften Gedächtnis und Gewissen
hätten, Euch öffentlich abbitten müssen, es hätte sich dann
auch ein wohlwollender Professor gefunden, um ein Stipendium für Euch zu
erwirken, es ist auch wirklich möglich, daß man versucht hätte,
Euch in die Stadt zu ziehen, Euch eine Stelle an einer städtischen
Volksschule zu verschaffen und Euch so Gelegenheit zu geben, die
wissenschaftlichen Hilfsmittel, welche die Stadt bietet, für Eure weitere
Ausbildung zu verwerten. Wenn ich aber offen sein soll, so muß ich sagen,
ich glaube, man hätte es nur versucht. Man hätte Euch hierher berufen,
Ihr wäret auch gekommen, und zwar als gewöhnlicher Bittsteller, wie
es Hunderte gibt, ohne allen festlichen Empfang, man hätte mit Euch
gesprochen, hätte Euer ehrliches Streben anerkannt, hätte aber doch
auch gleichzeitig gesehen, daß Ihr ein alter Mann seid, daß in
diesem Alter der Beginn eines wissenschaftlichen Studiums aussichtslos ist und
daß Ihr vor allem mehr zufällig als planmäßig zu Eurer
Entdeckung gelangt seid und über diesen Einzelfall hinaus nicht einmal weiter
zu arbeiten beabsichtigt. Man hätte Euch aus diesen Gründen wohl im
Dorf gelassen. Eure Entdeckung allerdings wäre weitergeführt worden,
denn so klein ist sie nicht, daß sie, einmal zur Anerkennung gekommen,
jemals vergessen werden könnte. Aber Ihr hättet nicht mehr viel von
ihr erfahren, und was Ihr erfahren hättet, hättet Ihr kaum
verstanden. Jede Entdeckung wird gleich in die Gesamtheit der Wissenschaften
geleitet und hört damit gewissermaßen auf, Entdeckung zu sein, sie
geht im Ganzen auf und verschwindet, man muß schon einen wissenschaftlich
geschulten Blick haben, um sie dann noch zu erkennen. Sie wird gleich an
Leitsätze geknüpft, von deren Dasein wir noch gar nicht gehört
haben, und im wissenschaftlichen Streit wird sie an diesen Leitsätzen bis
in die Wolken hinaufgerissen. Wie wollen wir das begreifen? Wenn wir gelehrten
Diskussionen zuhören, glauben wir zum Beispiel, es handle sich um die
Entdeckung, aber unterdessen handelt es sich um ganz andere Dinge, und ein
nächstes Mal glauben wir, es handle sich um anderes, nicht um die Entdeckung,
nun handelt es sich aber gerade um sie.
Versteht
Ihr das? Ihr wäret im Dorf geblieben, hättet mit dem erhaltenen Geld
Euere Familie ein wenig besser ernähren und kleiden dürfen, aber Eure
Entdeckung wäre Euch entzogen gewesen, ohne daß Ihr Euch mit
irgendwelcher Berechtigung dagegen hättet wehren können, denn erst in
der Stadt kam sie zu ihrer wirklichen Geltung. Und man wäre vielleicht
gegen Euch gar nicht undankbar gewesen, man hätte etwa über der
Stelle, wo die Entdeckung gemacht worden ist, ein kleines Museum bauen lassen,
es wäre eine Sehenswürdigkeit des Dorfes geworden, Ihr wäret der
Schlüsselbewahrer gewesen und, um es auch an äußeren
Ehrenzeichen nicht fehlen zu lassen, hätte man Euch eine kleine, an der
Brust zu tragende Medaille verliehen, wie sie die Diener der wissenschaftlichen
Institute zu tragen pflegen. Das alles wäre möglich gewesen; war es
aber das, was Ihr wolltet?«
Ohne sich
mit einer Antwort aufzuhalten, wandte er ganz richtig ein: »Und das suchtet
Ihr also für mich
zu erreichen?«
»Vielleicht«,
sagte ich, »ich habe damals nicht so sehr aus Überlegungen
gehandelt, als daß ich Euch jetzt bestimmt antworten könnte. Ich
wollte Euch helfen, es ist aber mißlungen und ist sogar das Mißlungenste,
was ich jemals getan habe. Darum will ich jetzt davon zurücktreten und es
ungeschehen machen, soweit meine Kräfte reichen.«
»Nun
gut«, sagte der Dorfschullehrer, nahm seine Pfeife heraus und begann, sie
mit dem Tabak zu stopfen, den er lose in allen Taschen mit sich trug.
»Ihr habt Euch freiwillig der undankbaren Sache angenommen und tretet
jetzt auch freiwillig zurück. Es ist alles ganz richtig!«
»Ich bin nicht starrköpfig«, sagte ich. »Findet Ihr an
meinem Vorschlag vielleicht etwas auszusetzen?« »Nein, gar nichts«, sagte der
Dorfschullehrer, und seine Pfeife dampfte schon. Ich vertrug den Geruch seines
Tabaks nicht und stand deshalb auf und ging im Zimmer herum. Ich war es schon
von früheren Besprechungen her gewöhnt, daß der Dorfschullehrer
mir gegenüber sehr schweigsam war und sich doch, wenn er einmal gekommen
war, aus meinem Zimmer nicht fortrühren wollte. Es hatte mich schon manchmal sehr befremdet; er will
noch etwas von mir, hatte ich dann immer gedacht und ihm Geld angeboten, das er
auch regelmäßig annahm. Aber weggegangen war er immer erst dann,
wenn es ihm beliebte. Gewöhnlich war dann die Pfeife ausgeraucht, er
schwenkte sich um den Sessel herum, den er ordentlich und respektvoll an den
Tisch rückte, griff nach seinem Knotenstock in der Erde, drückte mir
eifrig die Hand und ging. Heute aber war mir sein schweigsames Dasitzen
geradezu lästig. Wenn man einmal jemandem den endgültigen Abschied
anbietet, wie ich es getan hatte, und dies vom andern als ganz richtig betrachtet
wird, dann führt man doch das wenige noch gemeinsam zu Erledigende
möglichst schnell zu Ende und bürdet dem anderen nicht zwecklos seine
stumme Gegenwart auf. Wenn man den kleinen zähen Alten von
rückwärts ansah, wie er an meinem Tische saß, konnte man
glauben, es werde überhaupt nicht möglich sein, ihn aus dem Zimmer
hinauszubefördern.--
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