Wirklichkeit und Wert als gegeneinander selbständige Kategorien, durch die
unsere Vorstellungsinhalte zu Weltbildern werden.
Die psychologische Tatsache
des objektiven Wertes. Das Objektive in der Praxis als
Normierung oder Gewähr für die Totalität des Subjektiven.
Der wirtschaftliche Wert als Objektivation subjektiver Werte, vermöge der
Distanzierung zwischen dem unmittelbar geniessenden Subjekt und dem Gegenstand.
Analogie: der ästhetische Wert.
Die Wirtschaft als Distanzierung (durch Mühen, Verzicht, Opfer) und
gleichzeitige Überwindung derselben.
Die Ordnung der Dinge, in
die sie sich als natürliche Wirklichkeiten einstellen, ruht auf der
Voraussetzung, dass alle Mannigfaltigkeit ihrer Eigenschaften von einer Einheit
des Wesens getragen werde: die Gleichheit vor dem Naturgesetz, die beharrenden
Summen der Stoffe und der Energien, die Umsetzbarkeit der verschiedenartigsten
Erscheinungen ineinander versöhnen die Abstände des ersten Anblicks
in eine durchgängige Verwandtschaft, in eine Gleichberechtigtheit aller.
Allein bei näherem
Hinsehen bedeutet dieser Begriff doch nur, dass die Erzeugnisse des Naturmechanismus
als solche jenseits der Frage nach einem Rechte
stehen: ihre unverbrüchliche Bestimmtheit gibt keiner Betonung Raum, von
der ihrem Sein und Sosein noch Bestätigung oder Abzug kommen könnte.
Mit dieser
gleichgültigen Notwendigkeit, die das naturwissenschaftliche Bild der
Dinge ausmacht, geben wir uns dennoch ihnen gegenüber nicht zufrieden.
Sondern, unbekümmert
um ihre Ordnung in jener Reihe, verleihen wir ihrem inneren Bilde eine andere,
in der die Allgleichheit völlig durchbrochen ist, in der die höchste
Erhebung des einen Punktes neben dem entschiedensten Herabdrücken des
anderen steht, und deren tiefstes Wesen nicht die Einheit, sondern der
Unterschied ist: die Rangierung nach Werten.
Dass Gegenstände,
Gedanken, Geschehnisse wertvoll sind, das ist aus ihrem bloß
natürlichen Dasein und Inhalt niemals abzulesen; und ihre Ordnung, den
Werten gemäß vollzogen, weicht von der natürlichen aufs
weiteste ab.
Unzählige Male
vernichtet die Natur das, was vom Gesichtspunkt seines Wertes aus eine
längste Dauer fordern könnte, und konserviert das Wertloseste, ja dasjenige, was dein Wertvollen den Existenzraum benimmt.
Damit ist nicht etwa eine
prinzipielle Gegnerschaft und durchgängiges Sich-Ausschließen beider
Reihen gemeint; denn dies (> 4) würde immerhin eine Beziehung der einen
zur anderen bedeuten, und zwar eine teuflische Welt ergeben, aber eine vom
Gesichtspunkte des Wertes, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, bestimmte.
Vielmehr, das Verhältnis zwischen beiden ist
absolute Zufälligkeit.
Mit derselben Gleichgültigkeit,
mit der uns die Natur die Gegenstände unserer Wertschätzungen einmal
darbietet, versagt sie uns ein anderes Mal; so dass gerade die gelegentliche
Harmonie beider Reihen, die Realisierung der aus der Wertreihe stammenden
Forderungen durch die Wirklichkeitsreihe, die ganze Prinziplosigkeit ihres
Verhältnisses nicht minder offenbart als der entgegengesetzte Fall.
Derselbe Lebensinhalt mag
uns sowohl als wirklich wie als wertvoll bewusst
werden; aber die inneren Schicksale, die er in dem einen und in dem anderen
Falle erlebt, haben völlig verschiedenen Sinn.
Man könnte die Reihen
des natürlichen Geschehens mit lückenloser Vollständigkeit
beschreiben, ohne dass der Wert der Dinge darin vorkäme - gerade wie die
Skala unserer Wertungen ihren Sinn unabhängig davon bewahrt, wie oft und
ob überhaupt ihr Inhalt auch in der Wirklichkeit vorkommt.
Zu dem sozusagen fertigen,
in seiner Wirklichkeit allseitig bestimmten, objektiven Sein tritt nun erst die
Wertung hinzu, als Licht und Schatten, die nicht aus
ihm selbst, sondern nur von anderswoher stammen können.
Es muss aber das
Missverständnis ferngehalten werden, als sollte
damit die Bildung der Wertvorstellung, als psychologische Tatsache, dem
naturgesetzlichen Werden entrückt sein.
Ein übermenschlicher
Geist, der das Weltgeschehen mit absoluter Vollständigkeit nach
Naturgesetzen begriffe, würde unter den Tatsachen desselben auch die
vorfinden, dass die Menschen Wertvorstellungen haben. Aber
diese würden für ihn, der bloß theoretisch erkennt, keinen Sinn
und keine Gültigkeit über ihre psychologische Existenz hinaus
besitzen.
Was hier der Natur als
mechanischer Kausalität abgesprochen wird, ist nur die sachliche,
inhaltliche Bedeutung der Wertvorstellung, während das seelische
Geschehen, das jenen Inhalt zu unserer Bewusstseinstatsache macht, ohne
weiteres in die Natur hineingehört.
Die Wertung, als ein wirklicher psychologischer Vorgang, ist ein
Stück der natürlichen Welt; das aber, was wir mit ihr meinen, ihr
begrifflicher Sinn, ist etwas dieser Welt unabhängig Gegenüberstehendes,
und so wenig ein Stück ihrer, dass es vielmehr die ganze Welt ist, von
einem besonderen Gesichtspunkt angesehen.
Man macht sich selten klar,
dass unser ganzes Leben, seiner Bewusstseinsseite nach, in Wertgefühlen
und Wertabwägungen verläuft und überhaupt nur dadurch Sinn und
Bedeutung bekommt, dass die mechanisch abrollenden Elemente der Wirklichkeit
über ihren Sachgehalt hinaus unendlich mannigfaltige Maße und Arten
von Wert für uns besitzen.
In jedem Augenblick, in dem
unsere Seele kein bloßer interesseloser Spiegel der Wirklichkeit ist -
was sie vielleicht niemals ist, da selbst das objektive Erkennen nur aus einer
Wertung seiner hervorgehen kann -lebt sie in der Welt der Werte, die die
Inhalte der Wirklichkeit in eine völlig autonome Ordnung fasst.
Damit bildet der Wert
gewissermaßen das Gegenstück zu dem Sein und ist
nun gerade als umfassende Form und Kategorie des Weltbildes mit ihm vielfach
vergleichbar.
Kant hat hervorgehoben, das
Sein sei keine Eigenschaft der Dinge; denn wenn ich von einem Objekte, das
bisher nur in meinen Gedanken bestand, sage: es existiere, so gewinnt es
dadurch keine neue Eigenschaft; denn sonst würde ja
nicht eben dasselbe Ding, das ich vorhin dachte, sondern ein anderes
existieren.
So wächst einem Dinge
auch dadurch, dass ich es wertvoll nenne, durchaus keine neue Eigenschaft zu;
denn wegen der Eigenschaften, die es besitzt, wird es ja gerade erst gewertet -
genau sein schon allseitig bestimmtes Sein wird in die Sphäre des Wertes
erhoben.
Dies wird
von einer der tiefstgehenden Zerlegungen unseres Denkens getragen. Wir sind
fähig, die Inhalte des Weltbildes zu denken, unter völligem Absehen
von ihrer realen Existenz oder Nichtexistenz.
Die Komplexe von
Eigenschaften, die wir Dinge nennen, samt allen Gesetzen ihres Zusammenhanges
und ihrer Entwicklung, können wir in ihrer rein sachlichen, logischen
Bedeutung vorstellen und, ganz unabhängig davon, fragen: ob, wo, wie oft
alle diese Begriffe oder inneren Anschauungen verwirklicht sind.
Wie dieser inhaltliche Sinn
und Bestimmtheit der Objekte nicht von der Frage berührt wird, ob sie sich
im Sein wiederfinden, ebenso wenig von der anderen, ob sie eine Stelle und
welche in der Skala der Werte einnehmen.
Wenn es aber einerseits zu
einer Theorie, andrerseits zu einer Praxis für uns kommen soll, so
müssen wir die Denkinhalte nach diesem beiden fragen, und in beiderlei
Hinsicht kann sich keiner einer Antwort entziehen.
Von jedem vielmehr muss ein
unzweideutiges Sein oder Nichtsein aussagbar sein, und jeder muss für uns
auf der Stufenleiter der Werte - von dem höchsten durch die
Gleichgültigkeit hindurch zu den negativen Werten - eine ganz bestimmte
Stelle haben; denn die Gleichgültigkeit ist ein Ablehnen der Wertung, das
sehr positiven Wesens sein kann, in ihrem Hintergrund steht immer die
Möglichkeit des Interesses, von der nur gerade kein Gebrauch gemacht wird.
Die prinzipielle Bedeutung
dieser Forderung, die die gesamte Konstitution unseres Weltbildes bedingt, wird
natürlich gar nicht dadurch alteriert, dass unsere Erkenntnismittel sehr
oft zu der Entscheidung über die Realität der Begriffe nicht
ausreichen und ebenso oft Umfang und Sicherheit unserer
Gefühle nicht zu einer Wertrangierung der Dinge, insbesondere nicht zu einer
beständigen oder allgemein gültigen.
Der Welt der bloßen
Begriffe, der sachlichen Qualitäten und Bestimmungen stehen die
großen Kategorien des Seins und des Wertes gegenüber, allumfassende
Formen, die ihr Material aus jener Welt der reinen Inhalte entnehmen.
Beiden ist
der Charakter der Fundamentalität gemeinsam, d. h. die Unmöglichkeit,
aufeinander oder auf einfachere Elemente zurückgeführt zu werden.
Deshalb ist unmittelbar das Sein irgendwelchen Dinges nie logisch erweisbar;
vielmehr, das Sein ist eine ursprüngliche Form unseres Vorstellens, die
empfunden, erlebt, geglaubt, aber nicht dem, der sie noch nicht kennte,
deduziert werden kann.
Hat sie erst einmal einen
einzelnen Inhalt ergriffen, durch eine jenseits des Logischen liegende Tat, so
nehmen die logischen Zusammenhänge sie auf und tragen sie, soweit sie
selbst reichen.
So können wir freilich
in der Regel sagen, weshalb wir eine bestimmte Wirklichkeit annehmen: weil wir nämlich eine andere bereits angenommen haben,
deren Bestimmtheiten mit jener inhaltlich verbunden sind. Die Wirklichkeit der
ersten jedoch ist nur durch eine gleiche
Zurückschiebung auf eine noch fundamentalere zu erweisen.
Dieser Regress aber muss
ein letztes Glied haben, dessen Sein nur durch das unmittelbare Gefühl
einer Überzeugung, Bejahung, Anerkennung oder
richtiger: als ein solches Gefühl gegeben ist. Genau so verhält sich
der Wert den Objekten gegenüber.
Alle Beweise für den
Wert eines solchen bedeuten nur die Nötigung, den für irgendein
Objekt bereits vorausgesetzten und jetzt augenblicklich fraglosen Wert auch
einem anderen, jetzt fraglichen Objekt zuzuerkennen.
Auf welche Motive hin wir
dies tun, ist später festzustellen; hier nur,
dass, was wir durch Wertbeweise einsehen, immer nur die Überleitung eines
bestehenden Wertes auf neue Objekte ist, dagegen weder das Wesen des Wertes
selbst noch der Grund, weshalb er ursprünglich an denjenigen Gegenstand
geheftet wurde, der ihn nachher auf andere ausstrahlt.
Gibt es erst einmal einen
Wert, so sind die Wege seiner Verwirklichung, ist
seine Weiterentwicklung verstandesmäßig zu begreifen, denn nun folgt
sie - mindestens abschnittsweise - der Struktur der Wirklichkeitsinhalte. Dass
es ihn aber gibt, ist ein Urphänomen.
Alle Deduktionen des Wertes
machen nur die Bedingungen kenntlich, auf die hin er sich, schließlich
ganz unvermittelt, einstellt, ohne doch aus ihnen hergestellt zu werden - wie
alle theoretischen Beweise nur die Bedingungen bereiten können, auf die
hin jenes Gefühl der Bejahung oder des Daseins eintritt.
So wenig man zu sagen wüsste, was denn das Sein eigentlich sei, so wenig kann
man diese Frage dem Wert gegenüber beantworten. Und
gerade indem sie so das formal gleiche Verhältnis zu den Dingen haben, sind sie einander so fremd wie bei Spinoza das Denken und
die Ausdehnung: weil diese beiden eben dasselbe, die absolute Substanz,
ausdrücken, jedes aber auf seine Weise und für sich vollständig,
kann nie eines in das andere übergreifen.
Sie berühren sich
nirgends, weil sie die Begriffe der Dinge nach
völlig Verschiedenem fragen.
Aber mit diesem
berührungslosen Nebeneinander von Wirklichkeit und Wert ist die Welt
keineswegs in eine sterile Zweiheit zerrissen, bei der sich das
Einheitsbedürfnis des Geistes niemals beruhigen würde - selbst wenn
es sein Schicksal und die Formel seines Suchens wäre, sich von der
Vielheit zur Einheit und von der Einheit zur Vielheit abschlußlos zu
bewegen.
Oberhalb von Wert und
Wirklichkeit liegt, was ihnen gemeinsam ist: die Inhalte, das, was Plato
schließlich mit den "Ideen" gemeint hat, das Bezeichenbare,
Qualitative, in Begriffe zu Fassende an der Wirklichkeit und in unseren
Wertungen, das, was gleichmäßig in die eine wie in die andere
Ordnung eintreten kann.
Unterhalb aber dieser
beiden liegt das, dem sie beide gemeinsam sind: die
Seele, die das eine wie das andere in ihre geheimnisvolle Einheit aufnimmt oder
aus ihr erzeugt.
Die Wirklichkeit und der
Wert sind gleichsam zwei verschiedene Sprachen, in denen die logisch
zusammenhängenden, in ideeller Einheit gültigen Inhalte der Welt,
das, was man ihr "Was" genannt hat, sich der einheitlichen Seele
verständlich machen - oder auch die Sprachen, in denen die Seele das
reine, an sich noch jenseits dieses Gegensatzes stehende Bild dieser Inhalte
ausdrücken kann.
Und vielleicht werden diese
beiden Zusammenfassungen ihrer, die erkennende und die wertende, noch einmal
von einer metaphysischen Einheit umfasst, für die die Sprache kein Wort
hat, es sei denn in religiösen Symbolen.
Vielleicht gibt es einen
Weltgrund, von dem aus gesehen die Fremdheiten und Divergenzen, die wir
zwischen der Wirklichkeit und dem Wert empfinden, nicht mehr bestehen, wo beide
Reihen sich als eine einzige enthüllen - sei es, dass diese Einheit
überhaupt von jenen Kategorien nicht berührt wird, in erhabener
Indifferenz über ihnen steht, sei es, dass sie eine durchweg harmonische,
an allen Punkten gleichartige Verflechtung beider bedeutet, die nur von unserer
Auffassungsweise wie von einem fehlerhaften Sehapparat auseinandergezogen, zu
Bruchstücken und Gegenrichtungen verzerrt wird.
Den Charakter des Wertes
nun, wie er sich zuvor in seinem Kontrast gegen die Wirklichkeit herausstellte,
pflegt man als seine Subjektivität zu bezeichnen.
Indem ein und derselbe
Gegenstand in einer Seele den höchsten, in einer anderen den niedrigsten
Grad des Wertes besitzen kann, und umgekehrt die allseitige
und äußerste Verschiedenheit der Objekte sich mit der Gleichheit
ihres Wertes verträgt, so scheint als Grund der Wertung nur das Subjekt
mit seinen normalen oder ausnahmsweisen, dauernden oder wechselnden Stimmungen
und Reaktionsweisen übrigzubleiben.
Es bedarf kaum der
Erwähnung, dass diese Subjektivität nichts mit jener zu tun hat, der
man die Gesamtheit der Welt, da sie »meine
Vorstellung« ist, anheimgegeben hat. Denn die Subjektivität, die vom
Werte ausgesagt wird, stellt ihn in den Gegensatz zu den fertigen, gegebenen
Objekten, völlig gleichgültig dagegen, auf welche Weise diese selbst
zustande gekommen sind.
Anders ausgedrückt:
das Subjekt, das alle Objekte umfasst, ist ein anderes als dasjenige, das sich
ihnen gegenüberstellt, die Subjektivität, die der Wert mit allen
Objekten teilt, kommt dabei gar nicht in Frage.
Auch kann seine
Subjektivität nicht den Sinn der Willkür haben: all jene
Unabhängigkeit vom Wirklichen bedeutet nicht, dass der Wille ihn mit
ungebundener oder launenhafter Freiheit da und dorthin
verteilen könnte. Das Bewusstsein findet ihn vielmehr als
eine Tatsache vor, an der es unmittelbar so wenig ändern kann wie an den
Wirklichkeiten.
Nach Ausschluss dieser
Bedeutungen bleibt der Subjektivität des Wertes zunächst nur die
negative: dass der Wert nicht in demselben Sinne an den Objekten selbst haftet
wie die Farbe oder die Temperatur; denn diese, obgleich von unseren
Sinnesbeschaffenheiten bestimmt, werden doch von einem Gefühle
unmittelbarer Abhängigkeit von dem Objekt begleitet - einem Gefühle,
auf das uns dem Werte gegenüber die eingesehene Gleichgültigkeit
zwischen der Wirklichkeits- und der Wertreihe leicht verzichten lehrt.
Allein wesentlicher und
fruchtbarer als diese Bestimmung sind diejenigen
Fälle, in denen die psychologischen Tatsachen sie dennoch zu dementieren
scheinen. In welchem empirischen oder transzendentalen Sinne man auch von
»Dingen« im Unterschied vom Subjekte sprechen möge -- eine »Eigenschaft«
ihrer ist der Wert in keinem Fall, sondern ein im
Subjekt verbleibendes Urteil über sie.
Allein weder der tiefere
Sinn und Inhalt des Wertbegriffs, noch seine Bedeutung innerhalb des
individuellen Seelenlebens, noch die praktisch-sozialen, an ihn geknüpften
Ereignisse und Gestaltungen sind mit seiner Zuweisung
an das »Subjekt« irgend zulänglich begriffen.
Die Wege zu diesem
Begreifen liegen in einer Schicht, von der aus gesehen jene Subjektivität als etwas bloß Vorläufiges und eigentlich nicht
sehr Wesentliches erscheint. Die Scheidung zwischen Subjekt und Objekt ist
keine so radikale, wie die durchaus legitimierte Aufteilung ebenso der
praktischen wie der wissenschaftlichen Welt über diese
Kategorien glauben macht.
Das seelische Leben beginnt
vielmehr mit einem Indifferenzzustand, in dem das Ich und seine Objekte noch
ungeschieden ruhen, in dem Eindrücke oder Vorstellungen das Bewusstsein
erfüllen, ohne dass der Träger dieser Inhalte sich von diesen selbst
schon getrennt hätte.
Dass in dem aktuell bestimmten,
momentan wirklichen Zustand ein Subjekt, das ihn hat, von dem Inhalt, den er
hat, zu unterscheiden ist, das ist erst ein sekundäres Bewusstsein, eine
nachträgliche Zerlegung. Die Entwicklung führt offenbar pari passu
dahin, dass der Mensch zu sich selbst Ich sagt, und dass er für sich
seiende Objekte außerhalb dieses Ich anerkennt.
Wenn die Metaphysik
manchmal meint, dass das transzendente Wesen des Seins absolut einheitlich
wäre, jenseits des Gegensatzes Subjekt-Objekt, so findet dies sein
psychologisches Pendant an dem einfachen, primitiven Erfülltsein mit einem
Vorstellungsinhalt, wie es an dem Kinde, das noch nicht von sich als Ich
spricht, und in rudimentärer Art vielleicht das ganze Leben hindurch zu
beobachten ist.
Diese Einheit, aus der sich
die Kategorien Subjekt und Objekt erst aneinander und durch einen noch zu
erörternden Prozess entwickeln, erscheint uns nur deshalb als eine
subjektive, weil wir an sie mit dem erst nachher ausgebildeten Begriff der
Objektivität herantreten, und weil wir für derartige Einheiten keinen
rechten Ausdruck haben, sondern sie nach einem der einseitigen Elemente zu
benennen pflegen, als deren Zusammenwirken sie in der nachträglichen
Analyse erscheinen.
So hat man behauptet, alles
Handeln wäre seinem absoluten Wesen nach schlechthin egoistisch,
während der Egoismus doch erst innerhalb des Handelns und im Gegensatz zu
dem ihm korrelativen Altruismus einen verständlichen Inhalt hat; so hat
der Pantheismus die Allheit des Seins Gott genannt, von dem man doch einen
positiven Begriff nur in seinem Sichabheben von allem Empirischen gewinnen
kann.
Diese evolutionistische
Beziehung zwischen Subjekt und Objekt wiederholt sich schließlich im
größten Maßstab: die Geisteswelt des klassischen Altertums
unterscheidet sich von der Neuzeit im wesentlichen dadurch, dass erst die
letztere es auf der einen Seite zu der völligen Tiefe und Schärfe des
Ichbegriffes gebracht hat - wie er sich zu der dem Altertum unbekannten
Bedeutung des Freiheitsproblems aufgegipfelt hat -, auf der anderen zu der
Selbständigkeit und Stärke des Objektbegriffes, wie er in der
Vorstellung der undurchbrechlichen Naturgesetzlichkeit ausgedrückt ist.
Das
Altertum war dem Indifferenzzustande, in dem Inhalte schlechthin, ohne
zerlegende Projizierung auf Subjekt und Objekt vorgestellt werden, noch nicht
so weit entrückt wie die späteren Epochen. Diese auseinanderzweigende Entwicklung scheint auf ihren beiden
Seiten von demselben, aber wie in verschiedenen Schichten wirkenden Motiv
getragen zu sein. Denn das Bewusstsein, ein Subjekt zu sein, ist selbst schon eine Objektivierung.
Hier liegt das
Urphänomen der Persönlichkeitsform des Geistes; dass wir uns selbst
betrachten, kennen, beurteilen können, wie irgendeinen
»Gegenstand«, dass wir das als Einheit empfundene Ich dennoch in
ein vorstellendes Ich-Subjekt und ein vorgestelltes Ich-Objekt zerlegen, ohne
dass es darum seine Einheit verliert, ja, an diesem inneren Gegenspiel sich
seiner Einheit eigentlich erst bewusst werdend - das ist die fundamentale Leistung
unseres Geistes, die seine gesamte Gestaltung bestimmt.
Das gegenseitige
Sichfordern von Subjekt und Objekt ist hier wie in einen Punkt
zusammengerückt, es hat das Subjekt selbst ergriffen, dem sonst die ganze
Welt als Objekt gegenübersteht.
So hat der Mensch, sobald
er sich seiner selbst bewusst wird, zu sich selbst Ich sagt, die grundlegende
Form seines Verhältnisses zur Welt, seiner Aufnahme der Welt realisiert.
Vor ihr aber, sowohl dem Sinne nach, wie der seelischen Entwicklung nach, liegt
das einfache Vorstellen eines Inhalts, das nicht nach Subjekt und Objekt fragt,
das noch nicht zwischen sie aufgeteilt ist.
Und von der anderen Seite
her gesehen: dieser Inhalt selbst, als logisches,
begriffliches Gebilde, steht nicht weniger jenseits der Entscheidung zwischen
subjektiver und objektiver Realität.
Wir können jeden
beliebigen Gegenstand rein seinen Bestimmungen und ihrem Zusammenhange nach
denken, ohne im geringsten danach zu fragen, ob dieser ideelle Komplex von
Qualitäten auch als objektive Existenz gegeben
sei oder sein könne.
Freilich, indem ein solcher
reiner Sachgehalt gedacht wird, ist er eine
Vorstellung und insofern ein subjektives Gebilde. Allein das Subjektive ist hier nur der dynamische Akt des Vorstellens, die
Funktion, die jenen Inhalt aufnimmt; er selbst wird gerade als etwas von diesem
Vorgestelltwerden Unabhängiges gedacht.
Unser Geist hat die
merkwürdige Fähigkeit, Inhalte als von ihrem Gedachtwerden
unabhängig zu denken - eine primäre, keiner weiteren Reduktion
fähige Eigenschaft seiner; solche Inhalte haben ihre begrifflichen oder
sachlichen Bestimmtheiten und Zusammenhänge, die zwar vorgestellt werden
können, aber darin nicht aufgehen, sondern gelten, gleichviel, ob sie von
meinem Vorstellen aufgenommen werden oder nicht - gleichviel auch, ob sie von
der objektiven Realität aufgenommen werden oder nicht: der Inhalt eines
Vorstellens fällt mit dem Vorstellen des Inhalts nicht zusammen.
So wenig jenes primitive,
undifferenzierte Vorstellen, das schlechthin nur im Bewusstwerden eines Inhaltes
besteht, als subjektiv bezeichnet werden darf, weil es in den Gegensatz:
Subjekt-Objekt überhaupt noch nicht eingetaucht ist, so
wenig ist dieser reine Inhalt der Dinge oder Vorstellungen etwas Objektives,
sondern von dieser differentiellen Form ebenso frei wie von ihrem Gegensatz und
erst bereit, sich in der einen oder der anderen darzustellen.
Subjekt und Objekt werden
in demselben Akte geboren, logisch, indem der rein begriffliche, ideelle
Sachgehalt einmal als Inhalt des Vorstellens, ein anderes Mal als Inhalt der
objektiven Wirklichkeit gegeben wird - psychologisch, indem das noch ichlose,
Person und Sache im Indifferenzzustande enthaltende Vorstellen in sich
auseinander tritt und zwischen dem Ich und seinem Gegenstand eine Distanz
entsteht, durch die jedes von beiden erst sein vom anderen sich abhebendes
Wesen erhält.
Dieser
Prozess nun, der schließlich unser intellektuelles Weltbild zustande
bringt, vollzieht sich auch innerhalb der willensmäßigen Praxis. Auch hier umfasst die Scheidung in
das begehrende, genießende, wertende Subjekt und das als
Wert beurteilte Objekt weder die ganzen seelischen Zustände noch die
gesamte sachliche Systematik des praktischen Gebietes.
Insoweit
der Mensch irgendeinen Gegenstand nur genießt, liegt ein in sich
völlig einheitlicher Aktus vor. Wir haben in solchem Augenblick eine
Empfindung, die weder ein Bewusstsein eines uns gegenüberstehenden
Objektes als solchen, noch ein Bewusstsein eines Ich
enthält, das von seinem momentanen Zustande gesondert wäre.
Hier
begegnen sich Erscheinungen der tiefsten und der höchsten Art. Der rohe Trieb, insbesondere der
von unpersönlich-genereller Natur, will sich an einem Gegenstande nur
selbst los werden, es kommt ihm nur auf seine Befriedigung an, gleichviel,
wodurch sie gewonnen sei; das Bewusstsein wird ausschließlich von dem
Genuss erfüllt, ohne sich seinem Träger auf der einen Seite, seinem
Gegenstand auf der anderen mit getrennten Akzentuierungen zuzuwenden.
Andrerseits
zeigt der ganz gesteigerte ästhetische Genuss dieselbe Form.
Auch hier »vergessen
wir uns selbst«, aber wir empfinden auch das Kunstwerk nicht mehr als etwas uns Gegenüberstehendes, weil die Seele
völlig mit ihm verschmolzen ist, es ebenso in sich eingezogen, wie sie
sich ihm hingegeben hat. Hier wie dort wird der psychologische Zustand von dem
Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt noch nicht oder nicht mehr berührt,
aus seiner unbefangenen Einheit löst erst ein neu einsetzender
Bewusstseinsprozess jene Kategorien aus und betrachtet nun erst den reinen
Inhaltsgenuss einerseits als den Zustand eines dem Objekt
gegenüberstehenden Subjekts, andrerseits als die Wirkung eines von dem
Subjekt unabhängigen Objekts.
Diese Spannung, die die
naiv-praktische Einheit von Subjekt und Objekt auseinander treibt und beides -
eines am anderen - erst für das Bewusstsein erzeugt,
wird zunächst durch die bloße Tatsache des Begehrens hergestellt.
Indem wir begehren, was wir noch nicht haben und
genießen, tritt dessen Inhalt uns gegenüber.
In dem ausgebildeten
empirischen Leben steht zwar der fertige Gegenstand vor uns und wird daraufhin
erst begehrt schon, weil außer den Ereignissen des Wollens viele andere,
theoretische und gefühlsmäßige, zu der Objektwerdung der
seelischen Inhalte wirken; allein innerhalb der praktischen Welt für sich
allein, auf ihre innere Ordnung und ihre Begreiflichkeit hin angesehen, sind
die Entstehung des Objekts als solchen und sein Begehrtwerden durch das Subjekt
Korrelatbegriffe, sind die beiden Seiten des Differenzierungsprozesses, der die
unmittelbare Einheit des Genussprozesses spaltet.
Man hat behauptet, dass
unsere Vorstellung von objektiver Realität aus dem Widerstand
entspränge, den wir, insbesondere vermittelst des Tastsinnes, seitens der Dinge erfahren. Dies ist
ohne weiteres auf das praktische Problem zu übertragen.
Wir begehren die Dinge erst
jenseits ihrer unbedingten Hingabe an unseren Gebrauch und Genuss, d. h. indem
sie eben diesem irgendeinen Widerstand entgegensetzen; der Inhalt wird
Gegenstand, sobald er uns entgegensteht, und zwar nicht nur in seiner
empfundenen Undurchdringlichkeit, sondern in der Distanz des
Nochnichtgenießens, deren subjektive Seite das Begehren ist.
Wie Kant einmal sagt: die
Möglichkeit der Erfahrung ist die Möglichkeit der Gegenstände
der Erfahrung - weil Erfahrungen machen heißt: dass unser Bewusstsein die
Sinnesempfindungen zu Gegenständen bildet - so ist die Möglichkeit
des Begehrens die Möglichkeit der Gegenstände des Begehrens.
Das so zustande gekommene
Objekt, charakterisiert durch den Abstand vom Subjekt, den dessen Begehrung
ebenso feststellt wie zu überwinden sucht - heißt uns ein Wert. Der
Augenblick des Genusses selbst, in dem Subjekt und Objekt ihre Gegensätze
verlöschen, konsumiert gleichsam den Wett; er entsteht erst wieder in der
Trennung vom Subjekt, als Gegenüber, als Objekt.
Die trivialen Erfahrungen:
dass wir viele Besitztümer erst dann recht als Werte schätzen, wenn
wir sie verloren haben; dass die bloße Versagtheit eines begehrten Dinges
es oft mit einem Werte ausstattet, dem sein erlangter Genuss nur in sehr
geringem Maße entspricht; dass die Entferntheit von den Gegenständen
unserer Genüsse - in jedem unmittelbaren und übertragenen Sinne der
Entfernung - sie in verklärtem Lichte und gesteigerten Reizen zeigt -
alles dies sind Abkömmlinge, Modifikationen, Mischungsformen der
grundlegenden Tatsache, dass der Wert nicht in der ungebrochenen Einheit des
Genussmomentes entspringt, sondern indem dessen Inhalt sich als Objekt von dem Subjekt löst und ihm als jetzt erst Begehrtes
gegenübertritt, das zu gewinnen es der Überwindung von
Abständen, Hemmnissen, Schwierigkeiten bedarf.
Um die obige Analogie
wieder aufzunehmen: im letzten Grunde vielleicht drängten sich nicht die
Realitäten durch die Widerstände, die sie uns leisten, in unser
Bewusstsein, sondern diejenigen Vorstellungen, an welche
Widerstandsempfindungen und Hemmungsgefühle geknüpft wären,
hießen uns die objektiv realen, von uns unabhängig außerhalb
unser befindlichen.
So ist
es nicht deshalb schwierig, die Dinge zu erlangen,
weil sie wertvoll sind, sondern wir nennen diejenigen wertvoll, die unserer
Begehrung, sie zu erlangen,
Hemmnisse entgegensetzen.
Indem dies Begehren sich
gleichsam an ihnen bricht oder zur Stauung kommt, erwächst ihnen eine
Bedeutsamkeit, zu deren Anerkennung der ungehemmte Wille sich niemals
veranlasst gesehen hätte. Der Wert, der so gleichzeitig mit dem
begehrenden Ich und als sein Korrelat in einem und demselben
Differenzierungsprozess auftritt, untersteht darüber hinaus einer weiteren
Kategorie; es ist dieselbe, die auch für das auf dem Wege des
theoretischen Vorstellens gewonnene Objekt galt.
Dort hatte sich ergeben, dass die
Inhalte, die einerseits in der objektiven Welt realisiert sind, andrerseits als
subjektive Vorstellungen in uns leben, jenseits dieser beiden eine
eigentümliche ideelle Dignität besitzen.
Der Begriff des Dreiecks
oder der des Organismus, die Kausalität oder das Gravitationsgesetz haben
einen logischen Sinn, eine Gültigkeit ihrer inneren Struktur, mit der sie
zwar ihre Verwirklichungen im Raume und im Bewusstsein bestimmen, die aber,
auch wenn es zu solchen niemals käme, unter die nicht weiter
auflösbare Kategorie des Gültigen oder Bedeutsamen gehören und
sich von fantastischen oder widerspruchsvollen Begriffsgebilden unbedingt
unterscheiden würden, denen sie doch in bezug auf physische oder
psychische Nichtrealität völlig gleichstünden. Analog nun, mit
den durch die Gebietsänderung bedingten Modifikationen, verhält sich
der Wert, der den Objekten des subjektiven Begehrens zuwächst.
Wie wir gewisse Sätze
als wahr vorstellen, mit dem begleitenden Bewusstsein, dass ihre Wahrheit von
diesem Vorgestelltwerden unabhängig ist - so empfinden wir Dingen,
Menschen, Ereignissen gegenüber, dass sie nicht nur von uns als wertvoll
empfunden werden, sondern wertvoll wären, auch wenn niemand sie
schätzte.
Das einfachste Beispiel ist
der Wert, den wir der Gesinnung der Menschen zusprechen, der sittlichen,
vornehmen, kraftvollen, schönen.
Ob solche inneren
Beschaffenheiten sich je in Taten äußern, die die Anerkennung ihres
Wertes ermöglichen oder erzwingen, ja, ob ihr Träger selbst mit dem
Gefühl eigenen Wertes über sie reflektiert,
erscheint uns nicht nur für die Tatsache ihres Wertes gleichgültig,
sondern diese Gleichgültigkeit gegen ihr Anerkannt- und Bewusstwerden
macht gerade die bezeichnende Färbung dieser Werte aus.
Und weiter: die
intellektuelle Energie und die Tatsache, dass sie die geheimsten Kräfte
und Ordnungen der Natur in das Licht des Bewusstseins hebt; die Gewalt und der
Rhythmus der Gefühle, die in dem engen Raum der individuellen Seele doch
aller Außenwelt mit unendlicher Bedeutsamkeit überlegen sind, selbst
wenn die pessimistische Behauptung von dem Übermaß des Leidens richtig
ist; dass jenseits des Menschen die Natur überhaupt sich in der
Zuverlässigkeit fester Normen bewegt, dass die Vielheit ihrer Gestaltungen
dennoch einer tiefen Einheit des Ganzen Raum gibt, dass ihr Mechanismus sich
weder der Deutung nach Ideen entzieht, noch sich weigert, Schönheit und
Anmut zu erzeugen - auf alles dies hin stellen wir vor: die Welt sei eben
wertvoll, gleichviel, ob diese Werte von einem Bewusstsein empfunden werden
oder nicht.
Und dies geht hinunter bis
zu dem ökonomischen Wertquantum, das wir einem Objekt des Tauschverkehrs
zusprechen, auch wenn niemand etwa den entsprechenden Preis zu bewilligen
bereit ist, ja, wenn es überhaupt unbegehrt und unverkäuflich bleibt.
Auch nach dieser Richtung
hin macht sich die fundamentale Fähigkeit des Geistes geltend: sich den Inhalten,
die er in sich vorstellt, zugleich gegenüberzustellen, sie vorzustellen,
als wären sie von diesem Vorgestelltwerden unabhängig.
Gewiss ist jeder Wert, den
wir fühlen, insoweit eben ein Gefühl: allein, was wir mit diesem
Gefühl meinen, ist ein an und für sich bedeutsamer Inhalt, der von
dem Gefühl zwar psychologisch realisiert wird, aber mit ihm nicht
identisch ist und sich mit ihm nicht erschöpft.
Ersichtlich stellt sich
diese Kategorie jenseits der Streitfrage nach der Subjektivität oder
Objektivität des Wertes, weil sie die Korrelativität zum Subjekt
ablehnt, ohne die ein »Objekt« nicht möglich ist; sie ist
vielmehr ein Drittes, Ideelles, das zwar in jene Zweiheit eingeht, aber nicht
in ihr aufgeht. Entsprechend dem praktischen Charakter ihres Gebietes, hat sie
eine besondere Beziehungsform zum Subjekt zur Verfügung, das der
Reserviertheit des nur abstrakt »gültigen« Inhaltes unserer
theoretischen Vorstellungen abgeht.
Diese Form ist als
Forderung oder Anspruch zu bezeichnen. Der Wert, der, an irgendeinem Dinge,
einer Person, einem Verhältnis, einem Geschehnis haftet, verlangt es,
anerkannt zu werden.
Dieses Verlangen ist
natürlich als Ereignis nur in uns, den Subjekten, anzutreffen; allein,
indem wir ihm nachkommen, empfinden wir, dass wir damit nicht einfach einer von
uns selbst an uns selbst gestellten Forderung genügen - ebenso wenig
freilich eine Bestimmtheit des Objekts nachzeichnen.
Die Bedeutung irgendeines
körperhaften Symbols, uns zu religiösen Gefühlen zu erregen; die
sittliche Forderung einer bestimmten Lebenslage, sie zu revolutionieren oder
bestehen zu lassen, sie weiterzuentwickeln oder zurückzubilden; die
pflichtartige Empfindung, großen Ereignissen gegenüber nicht
gleichgültig zu bleiben, sondern unsere Innerlichkeit auf sie reagieren zu
lassen; das Recht des Anschaulichen, nicht einfach hingenommen, sondern in die
Zusammenhänge ästhetischer Würdigung eingestellt zu werden -
alles dies sind Ansprüche, die zwar ausschließlich innerhalb des Ich
empfunden oder verwirklicht werden, ohne in den Objekten selbst ein Gegenbild
oder sachlichen Ansatzpunkt zu finden, die aber, als Ansprüche, in dem Ich
so wenig unterzubringen sind wie in den Gegenständen, die sie betreffen.
Von der natürlichen
Sachlichkeit aus gesehen, mag solcher Anspruch als subjektiv erscheinen, von
dem Subjekte aus als etwas Objektives; in Wirklichkeit ist es eine dritte, aus
jenen nicht zusammensetzbare Kategorie, gleichsam etwas zwischen uns und den
Dingen.
Ich sagte, dass der Wert
der Dinge zu jenen Inhaltsgebilden gehörte, die wir, indem wir sie
vorstellen, zugleich als etwas innerhalb dieses Vorgestelltwerdens dennoch
Selbständiges empfinden, als etwas von der Funktion, durch die es in uns
lebt, Gelöstes; dieses »Vorstellen« ist nun in dem Falle, wo
ein Wert seinen Inhalt bildet, genauer angesehen, eben eine Empfindung von
Anspruch, jene »Funktion« ist eine Forderung, die als solche nicht
außerhalb unser existiert, aber ihrem Inhalt nach dennoch aus einem
ideellen Reiche stammt, das nicht in uns liegt, das auch nicht den Objekten der
Wertschätzung als eine Qualität ihrer anhaftet; es besteht vielmehr
in der Bedeutung, die sie durch ihre Stellung in den Ordnungen jenes ideellen
Reiches für uns als Subjekte besitzen.
Dieser Wert, den wir als
von seinem Anerkanntwerden unabhängig denken, ist eine metaphysische
Kategorie; als solche steht er ebenso jenseits des Dualismus von Subjekt und
Objekt, wie das unmittelbare Genießen diesseits desselben gestanden
hatte.
Das letztere ist die
konkrete Einheit, auf die jene differentiellen Kategorien noch nicht angewendet
sind, das erstere die abstrakte oder ideelle Einheit, in deren
fürsichseiender Bedeutung er wieder verschwunden ist - wie in dem
allbefassenden Bewusstseinszusammenhang, den Fichte das Ich nennt, der Gegensatz
des empirischen Ich und des empirischen Nicht-Ich verschwunden ist.
Wie der Genuss in dem
Moment der völligen Verschmelzung der Funktion mit ihrem Inhalt nicht als
subjektiv zu bezeichnen ist, weil kein gegenüberstehendes Objekt den
Subjektsbegriff rechtfertigt, so ist dieser für sich seiende, an sich
geltende Wert nichts Objektives, weil er gerade von dem
Subjekt, das ihn denkt, unabhängig gedacht wird, innerhalb des Subjekts
zwar als Forderung des Anerkanntwerdens auftritt, aber auch durch die
Nichterfüllung dieser Forderung nichts von seinem Wesen
einbüßt.
Für die
Wertempfindungen, in denen die tägliche Lebenspraxis verläuft, kommt
diese metaphysische Sublimierung des Begriffes nicht in Betracht.
Hier handelt es sich nur um
den im Bewusstsein von Subjekten lebendigen Wert und um diejenige
Objektivität, die in diesem psychologischen Wertungsprozess als sein
Gegenstand entsteht. Ich zeigte vorhin, dass dieser Prozess der Wertbildung
sich mit dem Aufwachsen eines Abstandes zwischen dem Genießenden und der
Ursache seines Genusses vollzieht.
Und indem die
Größe dieses Abstandes variiert - gemessen nicht von dem Genuss her,
in dem er verschwunden ist, sondern von der Begehrung her, die mit ihm
entsteht, und die er zu überwinden sucht - entspringen nun erst jene
Unterschiedenheiten der Wertbetonung, die man als subjektive und objektive
auseinanderhalten kann.
Mindestens für jene
Objekte, auf deren Schätzung die Wirtschaft beruht, ist der Wert zwar das
Korrelat des Begehrens - wie die Welt des Seins meine Vorstellung ist, so ist
die Welt des Wertes meine Begehrung -; allein trotz der logisch-physischen
Notwendigkeit, dass jeder Begehrungstrieb seine Befriedigung von einem
Gegenstand erwarte, richtet er sich in vielen Fällen seiner psychologischen
Struktur nach doch auf diese Befriedigung allein, so dass der Gegenstand selbst
ganz gleichgültig ist, wenn er nur den Trieb stillt.
Wenn der Mann sich an jedem
beliebigen Weibe ohne individuelle Auswahl genügen lässt, wenn er
alles isst, was er nur kauen und verdauen kann; wenn er auf jeder
Lagerstätte schläft, wenn sich seine Kulturbedürfnisse noch aus
dem einfachsten, von der Natur ohne weiteres dargebotenen Material befriedigen
lassen - so ist das praktische Bewusstsein noch ein völlig subjektives, es
wird ausschließlich von dem eignen Zustand des Subjektes, dessen
Erregungen und Beruhigungen, erfüllt, und das Interesse an den Dingen
beschränkt sich darauf, dass sie unmittelbare Ursachen dieser Wirkungen
sind.
Das naive
Projektionsbedürfnis des primitiven Menschen, sein nach außen
gerichtetes, die Innerlichkeit selbstverständlich hinnehmendes Leben
verdeckt dies zwar. Allein der bewusste Wunsch darf nicht immer als
zureichender Index des wirklich wirksamen Wertempfindens gelten.
Eine leichtbegreifliche
Zweckmäßigkeit in der Dirigierung unserer praktischen Kräfte
stellt uns oft genug den Gegenstand als wertvoll dar, während, was uns
eigentlich erregt, nicht er in seiner sachlichen Bedeutung, sondern die
subjektive Bedürfnisbefriedigung ist, die er uns schaffen soll.
Von diesem Zustand aus -
der natürlich nicht immer als der zeitlich erste, sondern als der
einfachste, fundamentale, gleichsam systematisch erste zu gelten hat - wird das
Bewusstsein auf zwei Wegen, die sich aber wieder vereinigen, auf das Objekt
selbst hingeleitet.
Sobald nämlich das
gleiche Bedürfnis eine Anzahl von Befriedigungsmöglichkeiten, ja
vielleicht alle bis auf eine einzige zurückweist, wo also nicht nur
Befriedigung überhaupt, sondern Befriedigung durch einen bestimmten Gegenstand
gewünscht wird, da ist die prinzipielle Wendung vom Subjekt weg auf das
Objekt angebahnt.
Man könnte freilich
einwerfen: es handle sich doch in jedem Falle nur um die subjektive
Triebbefriedigung; nur sei im letzteren Falle der Trieb selbst schon von sich
aus so differenziert, dass nur ein genau bestimmtes Objekt ihn befriedigen
kann; auch hier also werde der Gegenstand nur als Ursache der Empfindung, nicht
aber an sich selbst geschätzt.
Dieser Einwand würde
allerdings den fraglichen Unterschied annullieren, wenn die Differenzierung des
Triebes diesen wirklich auf ein einziges ihm genügendes Objekt so
ausschließlich zuspitzte, dass die Befriedigung durch andere
überhaupt ausgeschlossen wäre.
Allein dies ist ein sehr
seltener Ausnahmefall. Die breitere Basis, von der aus sich auch die
differenziertesten Triebe entwickeln, die ursprüngliche Allgemeinheit des
Bedürfnisses, das eben nur ein Getriebenwerden, aber noch keine
Einzelbestimmtheit des Zieles enthält, pflegt auch weiterhin der Untergrund
zu bleiben, an dem die Verengerungen der Befriedigungswünsche sich erst
ihrer individuellen Besonderheit bewusst werden.
Indem die Verfeinerung des
Subjekts den Kreis der Objekte, die seinen Bedürfnissen genügen,
einschränkt, hebt es die Gegenstände seines Begehrens in einen
scharfen Gegensatz zu allen anderen, die das Bedürfnis an sich auch
stillen würden, trotzdem aber jetzt nicht mehr gesucht werden.
Dieser Unterschied zwischen
den Objekten lenkt, nach bekannten psychologischen Erfahrungen, das Bewusstsein
in besonders hohem Maße auf sie und lässt sie in diesem als
Gegenstände von selbständiger Bedeutsamkeit auftreten.
In diesem Stadium erscheint
das Bedürfnis von dem Gegenstande determiniert, das praktische Empfinden
wird in dem Maße, in dem der Trieb sich nicht mehr auf jede, obgleich
mögliche, Befriedigung stürzt, mehr und mehr von seinem terminus ad
quem statt von seinem terminus a quo gelenkt; so dass der Raum .sich
vergrößert, den das Objekt als solches im Bewusstsein einnimmt.
Das hängt auch noch
folgendermaßen zusammen. Insoweit der Mensch von seinen Trieben
vergewaltigt wird, bildet die Welt für ihn eigentlich eine
unterschiedslose Masse; denn da sie ihm nur das an sich irrelevante Mittel der
Triebbefriedigung bedeutet, diese Wirkung zudem auch aus
vielerlei Ursachen hervorgehen kann, so knüpft sich so lange an den
Gegenstand in seinem selbständigen Wesen kein Interesse.
Dass wir aber ein ganz
besonderes, einziges Objekt bedürfen, hebt die Tatsache, dass wir
überhaupt eines Objektes bedürfen, in schärferes Bewusstsein.
Aber dieses Bewusstsein ist gewissermaßen ein mehr theoretisches, das die
blinde Energie des nur auf sein eigenes Verlöschen losgehenden Triebes
herabsetzt.
Indem die differenzierende
Zuspitzung des Bedürfnisses mit der Schwächung seiner elementaren
Gewalt Hand in Hand geht, wird im Bewusstsein mehr Platz für das Objekt. Oder eben von der anderen Seite gesehen: weil die
Verfeinerung und Spezialisierung des Bedürfnisses das Bewusstsein zu einer
größeren Hingabe an das Objekt zwingt, wird dem solipsistischen
Bedürfnis ein Quantum von Kraft entzogen.
Allenthalben steht die
Schwächung der Affekte, d. h. der unbedingten Hingabe des Ich an seinen
momentanen Gefühlsinhalt, in Wechselbeziehung mit der Objektivation der
Vorstellungen, mit der Heraussetzung derselben in eine uns
gegenüberstehende Existenzform. So ist z. B. das
Sichaussprechenkönnen eines der mächtigsten Dämpfungsmittel der
Affekte.
In dem Worte projiziert
sich der innere Vorgang gleichsam nach außen, man hat ihn nun als ein wahrnehmbares
Gebilde sich gegenüber und damit die Heftigkeit des Affektes abgeleitet.
Die Beruhigung der
Leidenschaften und die Vorstellung des Objektiven als solchen in seiner
Existenz und Bedeutung sind nur zwei Seiten eines und desselben Grundprozesses.
Die Wendung des innerlichen Interesses von dem bloßen Bedürfnis und
seiner Befriedigung zum Objekt mittelst verengerter Möglichkeiten der
letzteren ist ersichtlich ebenso gut von der Seite des Objekts aus herzustellen
und zu steigern - indem dasselbe die Befriedigung schwer, selten, nur auf
Umwegen und durch besonderen Krafteinsatz erreichbar macht.
Wenn wir nämlich
selbst ein sehr differenziertes, nur auf ganz ausgewählte Objekte
gerichtetes Begehren voraussetzen, so wird doch auch dieses seine Befriedigung
noch relativ wie selbstverständlich hinnehmen, solange dieselbe sich ohne
Schwierigkeit und Widerstand darbietet.
Worauf es ankommt, um die
Eigenbedeutung der Dinge zu erkennen, das ist doch die Distanz, die sich
zwischen ihnen und unserem Aufnehmen bildet. Es ist nur einer der vielen
Fälle, in denen man von den Dingen hinwegtreten, einen Raum zwischen uns
und sie legen muss, um ein objektives Bild von ihnen zu bekommen.
Sicher ist ein solches
nicht weniger subjektiv-optisch bestimmt als das undeutliche oder verzerrte bei
zu großem oder zu kleinem Abstand; allein aus inneren
Zweckmäßigkeitsgründen des Erkennens gewinnt die
Subjektivität gerade bei den Extremen der Distanz
spezifische Betonung.
Ursprünglich besteht
das Objekt nur in unserer Beziehung zu ihm, ist ganz in diese eingeschmolzen
und tritt uns erst in dem Maß gegenüber, in dem es sich dieser
Beziehung nicht mehr ohne weiteres fügt. Auch zu dem eigentlichen Begehren
der Dinge, das ihr Fürsichsein anerkennt, indem es dasselbe gerade zu
überwinden sucht, kommt es erst da, wo Wunsch und Erfüllung nicht
zusammenfallen.
Die Möglichkeit des
Genusses muss sich erst, als ein Zukunftsbild, von unserem augenblicklichen
Zustand getrennt haben, damit wir die Dinge begehren, die nun in Distanz von
uns stehen.
Wie im Intellektuellen die
ursprüngliche Einheit der Anschauung, die wir noch an Kindern beobachten,
erst allmählich in das Bewusstsein des Ich und des ihm
gegenüberstehenden Objektes auseinandergeht, so wird der naive Genuss erst
dann einem Bewusstsein von der Bedeutung des Dinges, gleichsam einem Respekt
vor ihm, Raum geben, wenn das Ding sich ihm entzieht.
Auch hier tritt der
Zusammenhang zwischen der Schwächung der Begehrungsaffekte und der
beginnenden Objektivation der Werte hervor, indem das Herabsetzen der
elementaren Heftigkeit des Wollens und Fühlens das Bewusstwerden des Ich
begünstigt.
Solange sich die
Persönlichkeit noch ohne Reserve dem momentanen Affekt hingibt, von ihm
ganz und gar erfüllt und hingenommen wird, kann sich das Ich noch nicht
herausbilden; das Bewusstsein eines Ich vielmehr, das jenseits seiner einzelnen
Erregungen steht, kann sich erst dann als das Beharrende in allem Wechsel
dieser letzteren zeigen, wenn nicht jede derselben den ganzen Menschen mehr
mitreißt; sie müssen vielmehrirgendeinen Teil seiner unergriffen
lassen, der den Indifferenzpunkt ihrer Gegensätze bildet, so dass also
erst eine gewisse Herabsetzung und Einschränkung ihrer ein Ich als den
immer gleichen Träger ungleicher Inhalte entstehen lässt.
Wie aber das Ich und das
Objekt in allen möglichen Provinzen unserer Existenz Korrelatbegriffe
sind, die in der ursprünglichen Form des Vorstellens noch ungeschieden
liegen und sich aus ihr, das eine am anderen, erst herausdifferenzieren - so dürfte
auch der selbständige Wert der Objekte sich erst an dem Gegensatz zu einem
selbständig gewordenen Ich entfalten.
Erst die Repulsionen, die
wir von dem Objekt erfahren, die Schwierigkeiten seiner Erlangung, die Warte-
und Arbeitszeit, die sich zwischen Wunsch und Erfüllung schieben, treiben
das Ich und das Objekt auseinander, die in dem unmittelbaren Beieinander von
Bedürfnis und Befriedigung unentwickelt und ohne gesonderte Betonung
ruhen.
Mag die hier wirkende
Bestimmung des Objekts nun in seiner bloßen Seltenheit - relativ zu
seiner Begehrtheit - oder in den positiven Aneignungsmühen bestehen,
jedenfalls setzt es erst dadurch jene Distanz zwischen ihm
und uns, die schließlich gestattet, ihm einen Wert jenseits seines
bloßen Genossenwerdens zuzuteilen.
So kann man sagen, dass der
Wert eines Objekts zwar auf seinem Begehrtwerden beruht, aber auf einer
Begehrung, die ihre absolute Triebhaftigkeit verloren hat. Ebenso wenig aber
darf das Objekt, wenn es ein wirtschaftlicher Wert bleiben soll, sein Wertquantum
zu einer Höhe steigern, bei der es praktisch wie ein absolutes wirkt.
Die Distanz zwischen dem
Ich und dem Gegenstand seiner Begehrung kann eine so weite werden - sei es
durch die sachlichen Schwierigkeiten der Beschaffung, sei es durch exorbitante
Höhe des Preises, sei es durch Bedenken sittlicher oder anderer Art, die
sich dem Streben nach ihm entgegenstellen -, dass es zu gar keinem realen
Willensakt kommt, sondern das Begehren entweder erlischt oder zu einem
schattenhaften Wünschen wird.
Der Abstand zwischen
Subjekt und Objekt, mit dessen Aufwachsen der Wert, mindestens in dem
wirtschaftlichen Sinne, entsteht, hat also eine untere und eine obere Grenze,
so dass die Formulierung, das Maß des Wertes sei gleich dem Maße
des Widerstandes, der sich der Erlangung begehrter Dinge nach Natur-,
Produktions- und sozialen Chancen entgegensetze - den Sachverhalt nicht trifft.
Gewiss würde Eisen
kein wirtschaftlicher Wert sein, wenn sich seiner Erlangung keine
größeren Schwierigkeiten entgegensetzten, als etwa der Erlangung der
Luft zum Atmen; aber andrerseits mussten diese Schwierigkeiten unter ein
gewisses Maß sinken, damit man das Eisen überhaupt zu derjenigen
Fülle von Werkzeugen verarbeiten konnte, die es wertvoll machte.
Oder auch: man hat behauptet, die Werke
eines fruchtbaren Malers würden, bei gleicher Kunstvollendung, weniger
kostbar sein als die des minder produktiven; das ist erst oberhalb einer
bestimmten Quantitätsgrenze richtig. Denn es bedarf gerade einer gewissen
Fülle von Werken eines Malers, damit er überhaupt erst einmal
denjenigen Ruhm erwerbe, der den Preis seiner Bilder hochhebt.
So hat ferner in einigen
Papierwährungsländern gerade die Seltenheit des Goldes es dahin
gebracht, dass das niedere Volk überhaupt nicht mehr Gold nehmen mag, wenn
es ihm zufällig geboten wird. ja, gerade den Edelmetallen gegenüber,
deren Eignung zur Geldsubstanz man auf ihre Seltenheit zu gründen pflegt,
darf die Theorie nicht übersehen, dass diese Seltenheitsbedeutung erst
Oberhalb einer ziemlich erheblichen Häufigkeit einsetzen kann, ohne welche
diese Metalle dem praktischen Geldbedürfnis gar nicht dienen und also den
Wert, den sie als Geldstoffe besitzen, gar nicht erlangen könnten.
Vielleicht lässt nur die praktische Habsucht, die über jedes gegebene
Quantum von Gütern hinausbegehrt, und der deshalb jeder
Wert zu knapp erscheint, es verkennen, dass nicht Seltenheit, sondern ein
gewisses Mittleres zwischen Seltenheit und Nichtseltenheit in den meisten
Fällen die Bedingung des Wertes bildet.
Das Seltenheitsmoment ist,
wie eine leichte Überlegung zeigt, in die Bedeutung der
Unterschiedsempfindlichkeit einzurangieren; das Häufigkeitsmoment in die
Bedeutung der Gewöhnung.
Wie nun das Leben
allenthalben durch die Proportion dieser beiden Tatsachen: dass wir ebenso
Unterschied und Wechsel seiner Inhalte, wie Gewöhnung an jeden derselben
bedürfen - bestimmt wird, so stellt sich diese allgemeine Notwendigkeit
hier in der speziellen Form dar, dass der Wert der Dinge einerseits einer
Seltenheit, also eines Sichabhebens, einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf,
andrerseits aber einer gewissen Breite, Häufigkeit, Dauer, damit die Dinge
überhaupt die Schwelle des Wertes überschreiten.
Ich will an einem Beispiel,
das den ökonomischen Werten ganz fern liegt und gerade deshalb die
prinzipielle Seite auch dieser zu verdeutlichen geeignet ist, die allgemeine
Bedeutung der Distanzierung für die als objektiv vorgestellte Wertung
darstellen: an der ästhetischen.
Was wir jetzt die Freude an
der Schönheit der Dinge nennen, ist relativ spät entwickelt. Denn wie
viel unmittelbar sinnliches Genießen ihr einzelner Fall auch jetzt noch
aufweise, so beruht doch das Spezifische ihrer gerade in dem Bewusstsein, die
Sache zu würdigen und zu genießen und nicht nur einen Zustand
sinnlichen oder übersinnlichen Angeregtseins, den sie uns etwa bereite.
jeder kultivierte Mann wird prinzipiell mit großer Sicherheit zwischen
der ästhetischen und der sinnlichen Freude an Frauenschönheit
unterscheiden, so wenig er vielleicht der einzelnen Erscheinung gegenüber
diese Komponenten seines Gesamtgefühles mag gegeneinander abgrenzen
können.
In der einen Beziehung
geben wir uns dem Objekt, in der anderen gibt sich der Gegenstand uns hin. Mag
der ästhetische Wert, wie jeder andere, der Beschaffenheit der Dinge
selbst fremd und eine Projektion des Gefühles in sie hinein sein, so ist
es ihm doch eigentümlich, dass diese Projektion eine vollkommene ist, d.
h. dass der Gefühlsinhalt sozusagen völlig in den Gegenstand
hineingeht und als eine dem Subjekt mit eigener Norm gegenüberstehende
Bedeutsamkeit erscheint, als etwas, was der Gegenstand ist.
Wie mag es nun
historisch-psychologisch zu dieser objektiven, ästhetischen Freude an den
Dingen gekommen sein, da doch der primitive Genuss ihrer, von dem jeder
höhere ausgegangen sein muss, sich sicher nur an ihre subjektiv -
unmittelbare Genießbarkeit und Nützlichkeit geknüpft hat?
Vielleicht gibt uns eine
ganz einfache Beobachtung den Schlüssel dazu. Wenn ein Objekt
irgendwelcher Art uns große Freude oder Förderung
bereitet hat, so haben wir bei jedem späteren Anblick dieses Objekts ein
Freudegefühl, und zwar auch dann, wenn jetzt von einem Benutzen oder
Genießen desselben nicht mehr die Rede ist.
Diese echoartig anklingende
Freude trägt einen ganz eigenen psychologischen Charakter, der dadurch
bestimmt ist, dass wir jetzt nichts mehr von dem Gegenstande wollen; an die
Stelle der konkreten Beziehung, die uns vorher mit ihm verband, tritt jetzt das
bloße Anschauen seiner als die Ursache der angenehmen Empfindung; wir
lassen ihn jetzt in seinem Sein unberührt, so dass sich unser Gefühl
nur an seine Erscheinung, nicht aber an das knüpft, was von ihm in
irgendeinem Sinne konsumierbar ist.
Kurz, während uns der
Gegenstand früher als Mittel für unsere praktischen oder
eudämonistischen Zwecke wertvoll war, ist es jetzt sein bloßes
Anschauungsbild, das uns Freude macht, indem wir ihm dabei reservierter,
entfernter, ohne ihn zu berühren, gegenüberstehen.
Hierin scheinen mir schon
die entscheidenden Züge des Ästhetischen präformiert zu sein,
wie sich sogleich unverkennbar zeigt, wenn man diese Umsetzung der Empfindungen
von dem Individualpsychologischen in die Gattungsentwicklung hineinverfolgt.
Man hat die Schönheit
schon längst aus der Nützlichkeit ableiten wollen, ist aber in der
Regel, weil man beides zu nahe aneinander ließ, in einer banausischen
Vergröberung des Schönen stecken geblieben.
Diese lässt sich
vermeiden, wenn man die äußerlichen Zweckmäßigkeiten und
sinnlich-eudämonistischen Unmittelbarkeiten nur weit genug in die
Geschichte der Gattung zurückschiebt, derart, da sich an das Bild dieser
Dinge innerhalb unseres Organismus ein instinkt- oder reflexartiges
Lustgefühl geknüpft hat, das nun in dem Einzelnen, auf den diese
physisch-psychische Verbindung vererbt ist, wirksam wird, auch ohne dass eine
Nützlichkeit des Gegenstandes für ihn selbst ihm bewusst wäre
oder bestünde.
Auf die Kontroverse
über die Vererbung derartig erworbener Verbindungen brauche ich nicht
einzugehen, da es für unseren Zusammenhang genügt, dass die
Erscheinungen so verlaufen, als ob erworbene Eigenschaften erblich wären.
So wäre schön
für uns zunächst einmal dasjenige, was sich als der Gattung
nützlich erwiesen hat, und dessen Wahrnehmung uns deshalb Lust bereitet,
ohne dass wir als Individuen ein konkretes Interesse an diesem Objekt
hätten - was natürlich weder Uniformität noch Fesselung des
individuellen Geschmacks an ein Durchschnitts- oder Gattungsniveau bedeutet.
jene Nachklänge der generellen Nützlichkeit werden von den ganzen
Mannigfaltigkeiten der individuellen Seelen aufgenommen und zu völlig
unpräjudizierten Besonderheiten weitergebildet - so dass man vielleicht
sagen könnte, jene Lösung des Lustgefühles
von der Realität seiner ursprünglichen Veranlassung wäre schließlich
zu einer Form unseres Bewusstseins geworden, unabhängig von den ersten
Inhalten, die ihre Bildung veranlassten, und bereit, jegliche andere in sich
aufzunehmen, die die seelische Konstellation in sie hineinwachsen lässt.
In Fällen, wo wir zu
einer realistischen Lust noch Veranlassung haben, ist unser Gefühl dem
Dinge gegenüber nicht das spezifisch ästhetische, sondern ein
konkretes, das erst durch eine gewisse Distanzierung, Abstraktion, Sublimierung
die Metamorphose zu jenem erfährt.
Es ereignet sich hier nur
das sehr Häufige, dass, nachdem einmal eine bestimmte Verbindung gestiftet
ist, das verbindende Element in Wegfall kommt, weil seine Dienste nicht
länger erforderlich sind.
Die Verbindung zwischen
gewissen nützlichen Objekten und Lustgefühlen ist in der Gattung
durch einen vererbbaren oder sonst irgendwie tradierten Mechanismus so fest
geworden, dass nun schon der bloße Anblick dieser Objekte, auch ohne dass
wir ihre Nützlichkeit genössen, für uns zur Lust wird. Daraus
erklärt sich das, was Kant die ästhetische Interesselosigkeitnennt,
die Gleichgültigkeit gegen die reale Existenz des Gegenstandes, wenn nur
seine »Form«, d. h. seine Sichtbarkeit gegeben ist; daher jene
Verklärung und Überirdischkeit des Schönen - diese ist durch die
zeitliche Ferne der realen Motive bewirkt, aus denen wir jetzt ästhetisch
empfinden; daher die Vorstellung, das Schöne sei etwas Typisches,
Überindividuelles, Allgemeingültiges - denn die
gattungsmäßige Entwicklung hat alles Spezifische, bloß
Individuelle der einzelnen Motive und Erfahrungen längst aus diesen
inneren Bewegungen hinweggeläutert; daher die häufige
Unmöglichkeit, das ästhetische Urteil verstandesmäßig zu
begründen, und der Gegensatz, in den es sich manchmal gerade zu dem setzt,
was uns als Individuen nützlich oder angenehm ist.
Diese ganze Entwicklung der
Dinge nun von ihrem Nützlichkeitswert zu ihrem Schönheitswert ist ein
Objektivationsprozeß. Indem ich das Ding schön nenne, ist seine
Qualität und Bedeutung in ganz anderer Weise von den Dispositionen und Bedürfnissen
des Subjekts unabhängig, als wenn es bloß nützlich ist.
Solange die Dinge nur dies
sind, sind sie fungibel, d. h. jedes andere, das denselben Erfolg hat, kann
jedes ersetzen. Sobald sie schön sind, bekommen sie individuelles
Fürsichsein, so dass der Wert, den eines für uns hat ' durchaus nicht
durch ein anderes zu ersetzen ist, das etwa in seiner Art ebenso schön
ist.
Wir brauchen die Genesis
des Ästhetischen nicht aus diesen dürftigen Andeutungen in die
Fülle ihrer Ausgestaltungen zu verfolgen, um zu erkennen: die
Objektivierung des Wertes entsteht in dem Verhältnis der Distanz, die sich
zwischen dem subjektiv-unmittelbaren Ursprung der Wertung des Objekts und unserem momentanen Empfinden seiner bildet. je weiter die Nützlichkeit
für die Gattung, die zuerst an den Gegenstand ein Interesse und einen Wert
knüpfen ließ, zeitlich zurückliegt und als solche vergessen
ist, desto reiner ist die ästhetische Freude an der bloßen Form und
Anschauung des Objekts, d. h. desto mehr steht es uns mit eigener Würde
gegenüber, desto mehr geben wir ihm eine Bedeutung, die nicht in seinem
zufälligen subjektiven Genossenwerden aufgeht, desto mehr macht die
Beziehung, in der wir die Dinge nur als Mittel für uns werten, dem Gefühle
ihres selbständigen Wertes Platz.
Ich habe dieses Beispiel
gewählt, weil die objektivierende Wirkung dessen, was ich die
Distanzierung nenne, an einem zeitlichen Abstand besonders anschaulich wird.
Der Vorgang ist natürlich ein intensiver und qualitativer, so dass die
quantitative Bezeichnung durch eine Distanz eine bloß symbolische ist.
Es kann deshalb der gleiche
Effekt durch eine Reihe anderer Momente hervorgerufen werden, wie es sich
tatsächlich schon gezeigt hat: durch die Seltenheit des Objekts, durch die
Schwierigkeit der Erlangung, durch die Notwendigkeit des Verzichtes.
Mag nun in diesen, für
die Wirtschaft wesentlichen Fällen die Bedeutsamkeit der Dinge immer eine
Bedeutsamkeit für uns und deshalb von unserer Anerkennung abhängig
bleiben - die entscheidende Wendung ist doch, dass sie uns nach diesen
Entwicklungen wie Macht zu Macht gegenüberstehen, eine Welt von Substanzen
und Kräften, die durch ihre Eigenschaften bestimmen, ob und inwieweit sie
unsere Begehrungen befriedigen, und die Kampf und Mühsal von uns fordern,
ehe sie sich uns ergeben.
Erst wenn die Frage des
Verzichtes auftaucht - des Verzichtes auf eine Empfindung, auf die es doch
schließlich ankommt - ist Veranlassung, das Bewusstsein auf den
Gegenstand derselben zu richten.
Der Zustand, den die
Vorstellung des Paradieses stilisiert, und in dem Subjekt und Objekt, Begehrung
und Erfüllung noch nicht auseinandergewachsen sind - ein Zustand nicht
etwa einer historisch abgegrenzten Epoche, sondern ein allenthalben und in sehr
mannigfachen Graden auftretender -, ist freilich zur Auflösung bestimmt,
aber eben damit auch wieder zur Versöhnung: der Sinn jener Distanzierung
ist, dass sie überwunden werde.
Die Sehnsucht,
Bemühung, Aufopferung, die sich zwischen uns und die Dinge schieben, sind
es doch, die sie uns zuführen sollen. Distanzierung und Annäherung
sind auch im Praktischen Wechselbegriffe, jedes das andere voraussetzend und
beide die Seiten der Beziehung zu den Dingen bildend, die wir, subjektiv, unser
Begehren, objektiv, ihren Wert nennen. Den genossenen Gegenstand freilich
müssen wir von uns entfernen, um ihn wieder zu
begehren; dem fernen gegenüber aber ist dies Begehren die erste Stufe der
Annäherung, die erste ideelle Beziehung zu ihm.
Diese Doppelbedeutung des
Begehrens -. dass es nur bei einer Distanz gegen die Dinge entstehen kann, die
es eben zu überwinden strebt, dass es aber doch irgendein Nahesein
zwischen den Dingen und uns schon voraussetzt, damit die vorhandene Distanz
überhaupt empfunden werde - hat Plato in dem schönen Worte ausgesprochen,
dass die Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nichthaben sei.
Die Notwendigkeit des
Opfers, die Erfahrung, dass das Begehren nicht umsonst gestillt wird, ist nur
die Verschärfung oder Potenzierung dieses Verhältnisses: sie bringt
uns die Entfernung zwischen unserem gegenwärtigen Ich und dem Genuss der
Dinge zum eindringlichsten Bewusstsein; aber eben dadurch, dass sie uns auf den
Weg zu ihrer Überwindung führt.
Diese innere Entwicklung zu
dem gleichzeitigen Wachstum von Distanz und Annäherung tritt deutlich auch
als historischer Differenzierungsprozeß auf. Die Kultur bewirkt eine
Vergrößerung des Interessenkreises, d. h., dass die Peripherie, in
der die Gegenstände des Interesses sich befinden, immer weiter von dem Zentrum,
d. h. dem Ich, abrückt.
Diese Entfernung ist aber
nur durch eine gleichzeitige Annäherung möglich. Wenn für den
modernen Menschen Objekte, Personen und Vorgänge, die hundert oder tausend
Meilen von ihm entfernt sind, vitale Bedeutung besitzen, so müssen sie ihm
zunächst näher gebracht sein als dem Naturmenschen, für den
dergleichen überhaupt nicht existiert; daher stehen sie für diesen
überhaupt noch jenseits der positiven Bestimmungen: Nähe und
Entfernung.
Beides pflegt sich erst in
Wechselwirkung aus jenem Indifferenzzustand heraus zu entwickeln. Der moderne
Mensch muss ganz anders arbeiten, ganz andere Bemühungsintensitäten
hingeben als der Naturmensch, d. h. der Abstand zwischen ihm und den
Gegenständen seines Wollens ist außerordentlich viel weiter, viel
härtere Bedingungen stehen zwischen beiden; aber dafür ist das
Quantum dessen, was er sich ideell, durch sein Begehren, und real, durch seine
Arbeitsopfer, nahe bringt, ein unendlich viel größeres.
Der Kulturprozess - eben
der, der die subjektiven Zustände des Triebes und Genießens in die
Wertung der Objekte überführt - treibt die Elemente unseres
Doppelverhältnisses von Nähe und Entfernung den Dingen gegenüber
immer schärfer auseinander.
Die subjektiven
Vorgänge des Triebes und des Genießens objektivieren sich im Werte,
d. h. aus den objektiven Verhältnissen erwachsen uns Hemmnisse,
Entbehrungen, Forderungen irgendwelcher »Preise«, durch die
überhaupt erst die Ursache oder der Sachgehalt von
Trieb und Genuss von uns abrückt und damit in ein und demselben Akt uns
zum eigentlichen »Objekt« und zum Wert wird.
So ist die
begrifflich-radikale Frage nach Subjektivität oder Objektivität des
Wertes überhaupt falsch gestellt. Insbesondere wird ihre Entscheidung im
Sinne der Subjektivität höchst missverständlich darauf
gegründet, dass kein Gegenstand es zu durchgängiger Allgemeinheit des
Wertmaßes bringen kann, sondern dieses von Ort zu Ort, von Person zu
Person, ja von Stunde zu Stunde wechselt.
Hier liegt die Verwechslung
zwischen Subjektivität und Individualität des Wertes vor. Dass ich zu
genießen begehre oder genieße, ist freilich insofern etwas
bloß Subjektives, als darin an und für sich keinerlei Bewusstseins
oder Interessenakzent für den Gegenstand als solchen enthalten ist.
Nun aber tritt als ein ganz
neuer Prozess, der der Wertung ein: der Willens- und Gefühlsinhalt
erhält die Form des Objekts. Dieses steht nun dem Subjekt mit einem
Maße von Selbständigkeit gegenüber, sich ihm gewährend
oder versagend, an seinen Gewinn Forderungen knüpfend, durch die
ursprüngliche Willkür seiner Wahl in eine gesetzliche Ordnung
gehoben, in der es durchaus notwendige Schicksale und Bedingtheiten
erfährt.
Dass die Inhalte, die diese
Objektivitätsform annehmen, nicht für alle Subjekte dieselben sind,
ist hierfür ganz irrelevant.
Angenommen, die ganze
Menschheit vollzöge die genau gleiche Wertung, so würde dieser damit
keinerlei Maß von »Objektivität« über dasjenige
hinaus zuwachsen, das sie auch schon in einem ganz individuellen Falle besitzt;
denn indem ein Inhalt überhaupt gewertet wird, statt bloß als
Triebbefriedigung, als Genuss zu funktionieren, steht er in einer objektiven
Distanz von uns, die durch die sachlichen Bestimmtheiten von Hemmnissen und
notwendigen Kämpfen, von Gewinn und Verlust, von Abwägungen und
Preisen festgelegt ist.
Der Grund, aus dem immer
wieder die schiefe Frage nach Objektivität oder Subjektivität des
Wertes gestellt wird, ist der: dass wir in dem ausgebildeten empirischen
Zustande eine unabsehliche Zahl von Objekten vorfinden, die aus rein
vorstellungsmäßigen Ursachen zu solchen geworden sind.
Steht aber erst einmal ein
fertiges Objekt in unserem Bewusstsein, so scheint freilich der ihm zuwachsende
Wert ausschließlich auf der Seite des Subjektes zu liegen; der erste
Aspekt, von dem ich ausging, die Einstellung der Inhalte in die Reihen des
Seins und des Wertes, scheint mit ihrer Aufteilung in Objektivität und
Subjektivität einfach synonym zu sein.
Allein man bedenkt dabei
nicht, dass das Objekt des Willens als ein solches etwas anderes ist als das
Objekt des Vorstellens.
Mögen beide noch so
sehr an der gleichen Stelle der Raum-, Zeit- und Qualitätsreihen stehen:
der begehrte Gegenstand steht uns ganz anders gegenüber, bedeutet uns etwas ganz anderes als der vorgestellte. Ich erinnere an die
Analogie der Liebe. Der Mensch, den wir lieben, ist gar nicht dasselbe Gebilde
wie derjenige, den wir erkenntnismäßig vorstellen.
Damit meine ich nicht
Verschiebungen oder Fälschungen, die etwa der Affekt in das Erkenntnisbild
bringt. Denn dies verbleibt doch immer auf dem Gebiet der Vorstellung und
innerhalb der intellektuellen Kategorien, wie sich auch ihr Inhalt modifiziere.
Es ist aber eine vom Grund
her andere Art, in der der geliebte Mensch für uns Objekt ist, als der
intellektuell vorgestellte, er bedeutet, trotz aller logischen Identität
für uns etwas anderes, ungefähr, wie der Marmor der Venus von Milo
für den Kristallographen etwas anderes bedeutet als für den
Ästhetiker.
So kann ein Seinselement,
gewissen Bestimmtheiten nach als »eines und dasselbe«
rekognosziert, uns auf die ganz verschiedenen Weisen: des Vorstellens und des
Begehrens, zum Objekt werden.
Innerhalb jeder dieser
Kategorien hat die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt andere
Veranlassungen und andere Wirkungen, so dass es nur zu Verwirrungen führt,
wenn man die praktische Beziehung zwischen dem Menschen und seinen Objekten vor
diejenige Art der Alternative zwischen Subjektivität und Objektivität
stellt, die nur auf dem Gebiet der intellektuellen Vorstellung gelten kann.
Denn wenn der Wert eines
Gegenstandes auch nicht in demselben Sinne objektiv ist wie seine Farbe oder
seine Schwere, so ist er darum noch keineswegs in dem dieser Objektivität
entsprechenden Sinne subjektiv; eine solche Subjektivität kommt vielmehr
etwa einer Färbung zu, die durch Sinnestäuschung entspringt, oder
irgendeiner Qualität des Dinges, die ein fehlerhafter Schluss ihm beilegt,
oder einem Sein, dessen Realität uns ein Aberglaube suggeriert.
Das praktische
Verhältnis zu den Dingen dagegen erzeugt eine ganz andere Art von
Objektivität: dadurch, dass die Umstände der Wirklichkeit den Inhalt
des Begehrens und Genießens von diesem subjektiven Geschehen selbst
abdrängen und damit für sie die eigentümliche Kategorie
erzeugen, die wir ihren Wert nennen.
Innerhalb der Wirtschaft
nun verläuft dieser Prozess so, dass der Inhalt des Opfers oder
Verzichtes, der sich zwischen den Menschen und den Gegenstand seines Begehrens
stellt, zugleich der Gegenstand des Begehrens eines anderen ist: der erste muss
auf einen Besitz oder Genuss verzichten, den der andere begehrt, um diesen zum
Verzicht auf das von ihm Besessene, aber von jenem Begehrte zu bewegen.
Ich werde zeigen, dass auch
die Wirtschaft des isolierten Eigenproduzenten sich auf dieselbe Formel
reduzieren lässt. Es verschlingen sich also zwei Wertbildungen ineinander,
es muss ein Wert eingesetzt werden, um einen Wert zu gewinnen. Dadurch
verläuft die Erscheinung so, als ob die Dinge sich
ihren Wert gegenseitig bestimmten.
Denn indem sie
gegeneinander ausgetauscht werden, gewinnt jeder die praktische Verwirklichung
und das Maß seines Wertes an dem anderen.
Dies ist die entschiedenste
Folge und Ausdruck der Distanzierung der Gegenstände vom Subjekt. Solange
sie diesem unmittelbar nahe sind, solange nicht Differenziertheit der
Begehrungen, Seltenheit des Vorkommens, Schwierigkeiten und Widerstände
der Erlangung sie von dem Subjekte fortschieben, sind sie ihm sozusagen
Begehrung und Genuss, aber noch nicht Gegenstand von beidem.
Der angedeutete Prozess,
mit dem sie dies werden, vollendet sich dadurch, dass der distanzierende und
zugleich die Distanz überwindende Gegenstand eigens zu diesem Zwecke
hergestellt wird.
Damit wird die reinste
wirtschaftliche Objektivität, die Lösung des Gegenstandes aus der
subjektiven Beziehung zur Persönlichkeit gewonnen; und indem diese
Herstellung für einen anderen geschieht, der die entsprechende für
jenen vornimmt, treten die Gegenstände in gegenseitige objektive Relation.
Die Form, die der Wert im
Tausch annimmt, reiht ihn in jene beschriebene Kategorie jenseits des strengen
Sinnes von Subjektivität und Objektivität ein; im Tausch wird der
Wert übersubjektiv, überindividuell, ohne doch eine sachliche
Qualität und Wirklichkeit an dem Dinge selbst zu werden - er tritt als
die, gleichsam über die immanente Sachlichkeit des Dinges hinausreichende
Forderung desselben auf, nur gegen einen entsprechenden Gegenwert fortgegeben,
nur für einen solchen erworben zu werden.
Das Ich, wenngleich die
allgemeine Quelle der Werte überhaupt, tritt so weit von seinen
Geschöpfen zurück, dass sie nun ihre Bedeutungen aneinander, ohne
jedesmaliges Zurückbeziehen auf das Ich, messen können.
Dieses rein sachliche
Verhältnis der Werte untereinander, das sich im Tausche vollzieht und von
ihm getragen wird, hat aber seinen Zweck ersichtlich in dem schließlichen
subjektiven Genuss derselben, d. h. darin, dass eine größere Anzahl
und Intensität derselben uns nahe gebracht wird, als es ohne diese Hingabe
und objektive Ausgleichung des Tauschverkehrs möglich wäre.
Wie man von dem
göttlichen Prinzip gesagt hat, dass es, nachdem es die Elemente der Welt
mit ihren Kräften versehen habe, zurückgetreten sei und sie dem
gegenseitigen Spiele dieser Kräfte überlassen habe, so dass wir nun
von einer objektiven, ihren eigenen Relationen und Gesetzen folgenden Welt
sprechen können; wie aber die göttliche Macht dieses
Aus-sich-heraussetzen des Weltprozesses als das geeignetste Mittel erwählt
hat, ihre Zwecke mit der Welt am vollständigsten zu erreichen: so
bekleiden wir innerhalb der Wirtschaft die Dinge mit einem Wertquantum wie mit
einer eigenen Qualität ihrer und überlassen sie
dann den Austauschbewegungen, einem durch jene Quanten objektiv bestimmten
Mechanismus, einer Gegenseitigkeit unpersönlicher Wertwirkungen - aus der
sie vermehrt und intensiver genießbar in ihren Endzweck, der ihr
Ausgangspunkt war: das Fühlen der Subjekte, zurückkehren.
Hiermit ist die Richtung
der Wertbildung begründet und begonnen, in der sich die Wirtschaft
vollzieht, und deren Konsequenzen den Sinn des Geldes tragen. Ihrer
Ausführung haben wir uns nun zuzuwenden.
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