Ein Eigenwert des Geldes
für seine Funktion, Werte zu messen, scheinbar erforderlich.
Widerlegung durch
Verwandlung der unmittelbaren Äquivalenz zwischen der einzelnen Ware und
der einzelnen Geldsumme in die Gleichheit zweier Proportionen: zwischen jener
und dem momentan wirksamen Gesamtwarenquantum einerseits, und dieser und dem
momentan wirksamen Geldquantum andererseits.
Unbewusstheit der Nenner
dieser Brüche.
Logische Möglichkeit
einer von allem Substanzwert unabhängigen Geldfunktion.
Ursprüngliche
Erfordertheit wertvollen Geldes.
Entwicklung der
Äquivalenzvorstellungen über dieses Stadium hinaus und auf den reinen
Symbolcharakter des Geldes zu.
Die Diskussion über
das Wesen des Geldes wird allenthalben von der Frage durchzogen: ob das Geld,
um seine Dienste des Messens, Tauschens, Darstellens von Werten zu leisten,
selbst ein Wert sei und sein müsse, oder ob es für diese genüge,
wenn es, ohne eigenen Substanzwert, ein bloßes Zeichen und Symbol
wäre, wie eine Rechenmarke, die Werte vertritt, ohne ihnen wesensgleich zu
sein.
Die ganze sachliche und
historische Erörterung dieser, in die letzten Tiefen der Geld- und
Wertlehre hinunterreichenden Frage würde sich erübrigen, wenn ein oft
hervorgehobener logischer Grund sie von vornherein entschiede.
Ein Messmittel, so sagt
man, muss von derselben Art sein, wie der Gegenstand, den es misst: ein
Maß für Längen muss lang sein, ein Maß für Gewichte
muss schwer sein, ein Maß für Rauminhalte muss räumlich
ausgedehnt sein.
Ein Maß für
Werte muss deshalb wertvoll sein.
So beziehungslos zwei
Dinge, - die ich aneinander messe, auch in allen ihren sonstigen Bestimmungen
sein mögen - in Hinsicht derjenigen Qualität, in der ich sie
vergleiche, müssen sie übereinstimmen.
Alle quantitative und
zahlenmäßige Gleichheit oder Ungleichheit, die ich zwischen zwei
Objekten aussage, wäre sinnlos, wenn sie nicht die relativen
Quantitäten einer und derselben Qualität beträfe.
Ja, diese
Übereinstimmung in der Qualität darf nicht einmal eine allzu
allgemeine sein; man kann z. B. die Schönheit einer Architektur nicht der
Schönheit eines Menschen gleich oder ungleich groß setzen, obgleich
in beiden doch die einheitliche Qualität »Schönheit« ist,
sondern nur die speziellen architektonischen oder die speziellen menschlichen
Schönheiten ergeben je untereinander die Möglichkeit eines
Vergleichs.
Wenn man aber doch eine Vergleichbarkeit,
bei völligem Mangel jeder gemeinsamen Eigenschaft, in der Reaktion
erblicken wollte, die das empfindende Subjekt an die Gegenstände
knüpft; wenn die Schönheit des Gebäudes und die Schönheit
des Menschen vergleichbar sein sollen nach dem Maß von Beglückung,
das wir bei der Betrachtung (> 102) des einen und der des anderen empfinden:
so würde auch hier, unter abweichendem Scheine, eine Gleichheit von
Qualitäten ausgesprochen sein.
Denn die Gleichheit der
Wirkung, an demselben Subjekt hervortretend, bedeutet unmittelbar die
Gleichheit der Objekte in der hier fraglichen Beziehung.
Zwei völlig
verschiedene Erscheinungen, die demselben Subjekt die gleiche Freude bereiten,
haben unter aller ihrer Verschiedenheit eine Gleichheit der Kraft oder des Verhältnisses
zu jenem Subjekt, wie ein Windstoß und eine menschliche Hand, wenn sie
beide einen Baumzweig brechen, unter aller Unvergleichbarkeit ihrer
Qualitäten, dennoch eine Gleichheit der Energie beweisen.
So mag der Geldstoff und
alles, dessen Wert man mit ihm misst, einander ganz unähnlich sein, aber
in dem Punkte, dass beide Wert haben, müssen sie übereinstimmen; und
selbst wenn der Wert überhaupt nichts anderes ist, als ein subjektives
Fühlen, mit dem wir auf die Eindrücke der Dinge antworten, so muss
wenigstens diejenige - wenngleich nicht isolierbare - Qualität, durch
welche sie überhaupt sozusagen auf den Wertsinn der Menschen wirken, bei
beiden dieselbe sein.
So soll wegen der Tatsache,
dass es mit Werten verglichen wird, d. h. in eine quantitative Gleichung mit
ihnen eintritt, das Geld die Wertqualität nicht entbehren können.
Dieser
Überlegungsreihe stelle ich eine andere mit abweichendem Resultate
gegenüber.
Wir können allerdings
in dem obigen Beispiel die Kraft des Windes, der den Baumzweig bricht, mit der
der Hand, die dasselbe tut, nur insofern vergleichen, als diese Kraft in beiden
qualitativ gleich vorhanden ist.
Allein, wir können die
Kraft des Windes auch an der Dicke des Zweiges messen, den er geknickt hat.
Zwar -drückt der
geknickte Zweig nicht an und für sich schon das Energiequantum des Windes
in demselben Sinne aus, wie der Kraftaufwand der Hand es ausdrücken mag;
allein das Stärkeverhältnis zwischen zwei Windstößen und
damit die relative Stärke des einzelnen ist wohl daran zu messen, dass der
eine einen Zweig zerbrochen hat, den der andere noch nicht verletzen konnte.
Und ganz entscheidend
scheint mir das folgende Beispiel.
Die ungleichartigsten
Objekte, die wir überhaupt kennen, die Pole des Weltbildes, die
aufeinander zu reduzieren weder der Metaphysik noch der Naturwissenschaft
gelungen ist - sind materielle Bewegungen und Bewusstseinserscheinungen.
Die reine Extensität
der einen, die reine Intensität der anderen haben bisher keinen Punkt
entdecken lassen, der allgemein überzeugend als ihre Einheit gälte.
Dennoch kann der
Psychophysiker nach den Änderungen der äußeren Bewegungen, die
als Reize unsere Sinnesapparate treffen, die relativen
Stärkeänderungen (> 103) der bewussten Empfindungen messen.
Indem also zwischen den
Quanten des einen und denen des anderen Faktors ein konstantes Verhältnis
besteht, bestimmen die Größen des einen die relativen
Größen des anderen, ohne dass irgendeine qualitative Beziehung oder
Gleichheit zwischen ihnen zu existieren braucht.
Damit ist das logische Prinzip
durchbrochen, das die Fähigkeit des Geldes, Werte zu messen, von der
Tatsache seines eigenen Wertes abhängig zu machen schien.
Das ist freilich richtig:
vergleichen kann man die Quanten verschiedener Objekte nur, wenn sie von einer
und derselben Qualität sind; wo also das Messen nur durch unmittelbare
Gleichung zwischen zwei Quanten geschehen kann, da setzt es
Qualitätsgleichheit voraus.
Wo aber eine Änderung,
eine Differenz oder das Verhältnis je zweier Quanten gemessen werden soll,
da genügt es, dass die Proportionen der messenden Substanzen sich in denen
der gemessenen spiegeln, um diese völlig zu bestimmen, ohne dass zwischen
den Substanzen selbst irgendeine Wesensgleichheit zu bestehen brauchte.
Es lassen sich also nicht
zwei Dinge gleich setzen, die qualitativ verschieden sind, wohl aber zwei
Proportionen zwischen je zwei qualitativ verschiedenen Dingen.
Die beiden Objekte m und n
mögen in irgendeiner Beziehung stehen, die aber absolut nicht die der
Qualitätsgleichheit ist, so dass unmittelbar keine von ihnen zum
Maßstab für die andere dienen kann; die zwischen ihnen bestehende
Beziehung mag die der Ursache und Wirkung, oder der Symbolik, oder des
gemeinsamen Verhältnisses zu einem dritten oder was sonst sein.
Es sei nun das Objekt a
gegeben, von dem ich weiß, dass es 114 m ist, es sei ferner das Objekt b
gegeben, von dem man nur weiß, dass es irgendein Teilquantum von n ist.
Wenn nun eine Beziehung
zwischen a und b entsteht, welche der zwischen m und n entspricht, so folgt
daraus, dass b gleich 1/4 n sein muss.
Trotz aller
Qualitätsungleichheit und Unmöglichkeit eines direkten Vergleiches
zwischen a und b ist es so doch möglich, die Quantität des einen nach
der des anderen zu bestimmen.
So besteht z. B. zwischen
einem gewissen Quantum von Speisen und dem momentanen Nahrungsbedürfnis,
zu dessen völliger Stillung es ausreichen würde, gewiss kein
Gleichungsverhältnis; allein, wenn so viel Speisen gegeben sind, dass
gerade die Hälfte jenes Bedürfnisses dadurch befriedigt wird, so kann
ich demnach unmittelbar bestimmen, dass dieses verfügbare Quantum gleich
der Hälfte jenes ersteren ist.
Unter solchen
Umständen genügt also das Bestehen eines Gesamtverhältnisses, um
die Quanten der Glieder aneinander zu messen.
Wenn es nun möglich
ist, das Messen der Objekte am Gelde als ein nach diesem Schema erfolgendes
anzusehen, so ist die direkte Vergleichbarkeit (> 104) beider und damit die
logische Forderung des Wertcharakters des Geldes selbst insoweit
hinfällig.
Um von dieser gleichfalls
nur logischen Möglichkeit zur Wirklichkeit zu kommen, setzen wir nur ein
ganz allgemeines Maßverhältnis zwischen Güterquantum und
Geldquantum voraus, wie es sich in dem freilich oft verdeckten und an Ausnahmen
reichen Zusammenhange zwischen wachsendem Geldvorrat und steigenden Preisen,
wachsendem Gütervorrat und sinkenden Preisen zeigt.
Wir bilden danach, alle
nähere Bestimmung vorbehalten, die Begriffe eines Gesamtwarenvorrates und
eines Gesamtgeldvorrates und eines Abhängigkeitsverhältnisses
zwischen ihnen.
Jede einzelne Ware ist nun
ein bestimmter Teil jenes verfügbaren Gesamtwarenquantums; nennen wir das
letztere a, so ist jene etwa 1/m a; der Preis, den sie bedingt, ist der
entsprechende Teil jenes Gesamtgeldquantums, so dass er, wenn wir dieses b
nennen, gleich 1/m b ist.
Kennten wir also die
Größen a und b, und wüssten wir, einen wie großen Teil
der verkäuflichen Werte überhaupt ein bestimmter Gegenstand ausmacht,
so wüssten wir auch seinen Geldpreis, und umgekehrt.
Ganz unabhängig davon
also, ob das Geld und jenes wertvolle Objekt irgendeine qualitative Gleichheit
haben, gleichgültig also dagegen, ob das erstere selbst ein Wert ist oder
nicht, kann die bestimmte Geldsumme den Wert des Gegenstandes bestimmen oder
messen. - Man muss hierbei immer den vollständigen Relativitätscharakter
des Messens im Auge behalten.
Absolute Quanten, welche
einander äquivalent gesetzt werden, messen sich damit in einem ganz
anderen Sinne, als die hier fraglichen Teilquanten.
Wenn etwa vorausgesetzt
würde, dass die Gesamtsumme des Geldes - unter bestimmten Restriktionen -
den Gegenwert für die Gesamtsumme der Verkaufsgegenstände bildete, so
brauchte man dies noch nicht als ein Messen des einen am anderen anzuerkennen.
Es ist eben nur das
Verhältnis beider zu dem wertsetzenden Menschen und seinen praktischen
Zwecken, das sie untereinander in eine Beziehung von Äquivalenz setzt.
Wie stark die Tendenz ist,
Geld überhaupt und Ware überhaupt ohne weiteres als einander
entsprechend zu behandeln, zeigt eine Erscheinung wie die folgende, die an mehr
als einer Stelle aufgetreten ist.
Wenn ein roherer Stamm eine
naturale Tauscheinheit hat und in Verkehr mit einem höher entwickelten,
Metallgeld besitzenden Nachbar tritt, so wird häufig die naturale Einheit
als gleichwertig der Münzeinheit dieses letzteren behandelt.
So setzten die alten Iren,
als sie in Beziehung zu den Römern traten, ihre Werteinheit, die Kuh,
gleich einer Unze Silber; die wilden Bergstämme in Anam, die nur
Naturaltausch treiben, (> 105) haben den Büffel als Grundwert, und bei
ihrem Verkehr mit den kultivierteren Bewohnern der Ebene wird die Werteinheit
dieser, eine Silberstange von bestimmter Größe, gleich einem
Büffel gewertet.
Derselbe Grundzug ist bei
einem wilden Volksstamm nahe Laos wirksam: diese treiben nur Tauschhandel, ihre
Einheit ist die eiserne Hacke.
Aber sie waschen Flussgold
aus, das sie den Nachbarstämmen verkaufen und das der einzige Gegenstand
ist, den sie wägen.
Dazu haben sie kein anderes
Mittel als das Maiskorn; und nun verkaufen sie je ein Maiskorn Gold für je
eine Hacke!
Da die Wareneinheit des
Naturaltausches ebenso die Wertidee des ganzen Objektskreises versinnlicht oder
vertritt, wie die Geldeinheit die des Münzkomplexes, so ist diese
Formulierung: Eins gegen Eins - nur die naiv ausgedrückte Äquivalenz
der fraglichen Gesamtheiten.
Man darf wohl annehmen,
dass das Verhältnis der Einheiten als mindestens symbolische Darstellung
des Verhältnisses der Ganzheiten empfunden wird.
Liegt nun aber einmal die
Äquivalenz der letzteren gleichsam als wirksames, wenn auch nicht
gewusstes Apriori zum Grunde, so stellt sich über dessen subjektiver
Zufälligkeit eine objektive Proportion zwischen den Teilquanten her.
Denn nun ist wirklich etwas
da, was auf beiden Seiten das genau Gleiche ist: nämlich der Bruch
zwischen jeder der beiden vorliegenden Teilgrößen und dem absoluten
Quantum, zu dem die einzelne gehört.
Vollkommene
Ausgeglichenheit aller Verschiebungen und zufälligen
Ungleichmäßigkeiten in der Preisbildung vorausgesetzt, würde
sich in dem Bezirke des Geld-WarenTausches jede Ware zu ihrem Preis verhalten,
wie alle momentan ökonomisch wirksamen Waren zu allem momentan wirksamen
Geld.
Ob dieses letztere mit dem
anderen eine begriffliche, qualitative Verwandtschaft hat, ist hierbei
völlig irrelevant.
Wenn eine Ware also 20 in
kostet, so ist dies 1/n des Geldvorrats überhaupt; d. h. sie ist an Wert
1/n des Gütervorrats überhaupt.
Durch diese Vermittlung
hindurch können 2o m sie völlig messen, obgleich sie generell von ihr
völlig verschieden sind; wobei immer wieder betont werden muss, dass die
Voraussetzung einer einfachen Beziehung zwischen allen Waren und allem Geld
eine ganz vorläufige, rohe und schematische ist.
Dass die Ware und ihr
Maßstab gleichen Wesens sein müssen, wäre eine richtige
Forderung, wenn man eine einzelne Ware unmittelbar einem Geldwert gleich zu
setzen hätte.
Aber man hat ja bloß
für Zwecke des Tausches und der Wertbestimmung das Verhältnis
verschiedener (bzw. aller) Waren zueinander (also das Resultat der Division der
einzelnen durch alle anderen) zu bestimmen und der Geldsumme, d. h. dem
entsprechenden Bruchteil des wirksamen Geldvorrates gleichzusetzen; und dazu
bedarf es nur irgend (> 106) einer numerisch bestimmbaren Größe.
Wenn sich die Ware n zu der
Summe A aller verkäuflichen Waren verhält, wie a Geldeinheiten zu der
Summe B aller vorhandenen Geldeinheiten: so ist der ökonomische Wert von n
ausgedrückt durch a/B.
Dass man dies meistens
nicht so vorstellt, liegt daran, dass B ebenso wie A ganz
selbstverständlich sind - weil ihre Wandlungen nicht leicht in unsere
Wahrnehmung treten - und deshalb in ihrer Funktion als Nenner gar nicht
besonders bewusst werden; was uns im einzelnen Falle interessiert, sind
ausschließlich die Zähler n und a.
Daher konnte die
Vorstellung entstehen, dass n und a sich an und für sich, unmittelbar und
absolut entsprächen, wozu sie allerdings gleichen Wesens sein
müssten.
Dass jener allgemeine, das
Verhältnis überhaupt begründende Faktor in Vergessenheit
geriete, bzw. nur tatsächlich, aber nicht bewusst wirkte, wäre ein
Beispiel für einen der durchgreifendsten Züge der menschlichen Natur.
Die beschränkte
Aufnahmefähigkeit unseres Bewusstseins einerseits, die kraftsparende
Zweckmäßigkeit seiner Verwendung andrerseits bewirkt, dass von den
unzähligen Seiten und Bestimmungen eines Interessenobjekts immer nur eine
geringe Zahl wirklich beachtet werden.
Den verschiedenen
Gesichtspunkten, von denen die Auswahl und Rangierung der bewusstwerdenden
Momente ausgeht, entspricht es, dass diese letzteren in eine systematische
Stufenfolge gegliedert werden können; dieselbe beginnt damit, dass von
einer Reihe von Erscheinungen nur dasjenige, was ihnen allen gemeinsam ist,
beachtet wird, an jeder nur die Grundlage, die sie mit den anderen teilt, ins
Bewusstsein tritt; das entgegengesetzte Endglied der Skala bezeichnet es, wenn
an jeder Erscheinung gerade nur das zum Bewusstsein kommt, was sie von jeder
anderen unterscheidet, das absolut Individuelle, während das Allgemeine
und Fundamentale unter der Schwelle des Bewusstseins bleibt.
Zwischen diesen beiden
Extremen bewegen sich in den mannigfaltigsten Abstufungen die Punkte, an welche
sich, als an Seiten der Gesamterscheinungen, das höchste Bewusstsein
heftet.
Ganz durchschnittlich kann
man nun sagen, dass theoretische Interessen das Bewusstsein mehr auf die
Gemeinsamkeiten, praktische mehr auf die Individualität der Dinge
hinweisen werden.
Dem metaphysisch
interessierten Denker verschwinden oft genug die individuellen Differenzen der
Dinge als unwesentlich, bis er etwa an so allgemeinen Vorstellungen wie Sein
oder Werden haften bleibt, die allen Dingen schlechthin gemeinsam sind.
Umgekehrt verlangt das
praktische Leben allenthalben, an den uns angehenden Menschen und
Verhältnissen die Unterschiede, Eigenheiten, Nuancen mit schärfstem
Bewusstsein aufzufassen, während die allgemein menschlichen (> 107)
Eigenschaften oder die gemeinsame Grundlage aller der fraglichen
Verhältnisse als selbstverständlich keiner besonderen Aufmerksamkeit
bedürfen, ja selbst eine solche sie sich oft nur mühsam klar machen
kann. Innerhalb des Familienlebens z. B. bauen sich die Verhältnisse der
Mitglieder untereinander Bewussterweise auf der Erfahrung derjenigen
persönlichen Qualitäten auf, durch welche sich jeder allen anderen
gegenüber unterscheidet, während der allgemeine Familiencharakter gar
kein Gegenstand besonderer Beachtung für die an ihm Teilhabenden zu sein
pflegt, so wenig, dass oft nur Fernerstehende denselben überhaupt zu
beschreiben vermögen.
Das verhindert aber nicht,
dass diese allgemeine und unbewusste Grundlage dennoch psychisch wirksam wird.
Die individuellen
Eigenschaften der Familienmitglieder werden tatsächlich sehr verschiedene
Verhältnisse unter ihnen hervorrufen, je nach dem allgemeinen Charakter
und Ton, der in der ganzen Familie herrscht; erst dieser gibt doch den freilich
unbeachteten Untergrund ab, auf dem jene ihre eindeutig bestimmten Folgen
entfalten können.
Ganz dasselbe gilt für
weitere Kreise.
So sehr alle
Verhältnisse zwischen Menschen überhaupt auf den besonderen
Bedingungen beruhen, die jeder Einzelne hinzubringt, so kommen sie doch in
ihrer bestimmten Art tatsächlich nur dadurch zustande, dass außer
ihnen gewisse ganz allgemeinmenschliche Tatsachen und Voraussetzungen
selbstverständlich vorhanden sind und gleichsam den Generalnenner bilden,
zu dem jene individuellen Differenzen als die bestimmenden Zähler treten
und erst so die Totalität des Verhältnisses erzeugen.
Ganz dasselbe
psychologische Verhältnis könnte nun bezüglich der Geldpreise
obwalten.
Die Gleichsetzung zwischen
dem Werte einer Ware und dem Werte einer Geldsumme bedeutet keine Gleichung
zwischen einfachen Faktoren, sondern eine Proportion, d. h. die Gleichheit
zweier Brüche, deren Nenner einerseits die Summe aller Waren, andrerseits
die Summe alles Geldes - beides natürlich noch erheblicher Determinationen
bedürftig - eines bestimmten Wirtschaftskreises ist.
Als Gleichung kommt sie
dadurch zustande, dass diese beiden Summen aus praktischen Gründen a
priori als einander äquivalent gesetzt werden; oder genauer: das
praktische Verhältnis, in dem wir beide Kategorien handhaben, spiegelt
sich im theoretischen Bewusstsein in der Form einer Äquivalenz.
Allein, da dies die
allgemeine Begründung aller Gleichungen zwischen einzelnen Waren und
einzelnen Preisen ist, so kommt sie nicht zum Bewusstsein, sondern bildet zu
jenen allein interessierenden und deshalb allein bewussten Einzelgliedern den
unbewusst mitwirkenden Faktor, ohne den jene überhaupt nicht die
Möglichkeit einer Beziehung hätten.
Die ungeheure (> 108)
Wichtigkeit jener absoluten und fundamentalen Gleichung würde ihre
Unbewusstheit so wenig unwahrscheinlich, ja eigentlich gerade so wahrscheinlich
machen, wie es entsprechend in den angeführten Analogien der Fall ist.
Gewiss würde unter
Voraussetzung eines an sich wertlosen Geldes der einzelne Geldpreis ganz
beziehungslos neben der Ware stehen, deren Wert er ausdrücken soll, wenn
sich die Betrachtung auf diese beiden Momente beschränkte; man würde
nicht wissen, woraufhin das eine Objekt einen um ein ganz Bestimmtes
höheren oder niederen Preis bedingen sollte, als ein anderes.
Sobald aber, als absolute
Voraussetzung dieser ganzen Relation die Summe alles Verkäuflichen der
Summe alles Geldes - in einem nachher zu erörternden Sinn der
»Summe« - äquivalent gesetzt wird, ergibt sich die
Preisbestimmtheit jeder einzelnen Ware einfach als der Bruch zwischen ihrem
Wert und jenem Totalwert, der sich als der Bruch zwischen ihrem Preis und dem
Gesamtgeldquantum wiederholt.
Dies enthält, worauf
ich nochmals hinweise, keineswegs den Zirkel: dass die Fähigkeit einer bestimmten
Geldsumme, den Wert einer einzelnen Ware zu messen, auf das
Gleichungsverhältnis alles Geldes mit allen Waren gegründet wird,
dieses selbst ja aber schon die Messbarkeit des einen am anderen voraussetze;
die Frage, ob jede Messung eine Wesensgleichheit zwischen dem Objekt und dem
Maßstab fordere, würde so freilich den konkreten Fall nicht mehr
treffen, um aber an der Voraussetzung desselben ungelöst haften zu
bleiben.
Tatsächlich indes ist
eine Messung relativer Quanten daraufhin möglich, dass ihre absoluten
Quanten in irgendeinem Verhältnis stehen, welches nicht Messung oder
Gleichheit zu sein braucht.
Gewiss besteht zwischen der
Dicke eines Eisenrohres und einer bestimmten Wasserkraft keine Gleichheit und
Messungsmöglichkeit; allein, wenn beide integrierende Teile eines
mechanischen Systems mit einem bestimmten Krafteffekt bilden, so kann ich, wenn
eine gewisse Modifikation dieses letzteren gegeben ist, unter Umständen an
der mir bekannt werdenden Änderung der Wasserkraft genau ermessen, welches
der Durchmesser des in dem System verwendeten Rohres ist.
So mögen Waren
überhaupt und Geld überhaupt aneinander nicht messbar sein; es
würde genügen, dass sie beide für das Leben des Menschen eine
gewisse Rolle innerhalb seines praktischen Zwecksystems spielen, damit die
quantitative Modifikation des einen den Index für die des anderen
abgäbe.
Zu dieser Reduzierung der
Bedeutung jedes Geldquantums als solchen auf einen Bruch, der es noch ganz
dahingestellt sein lässt, von welcher absoluten Größe er diesen
bestimmten Teil ausmacht, ist es nicht ohne Beziehung, dass (> 109) die
Römer ihre Münzen - mit einer besonders begründeten Ausnahme -
nicht nach der absoluten, sondern der relativen Schwere benannten.
So bedeutet das nur ein
Ganzes aus 12 Teilen, das ebenso gut auf die Erbschaft wie auf die Maße
oder Gewichte beziehbar ist und ebenso für das Pfund wie für jeden
beliebigen Teil desselben gesetzt werden kann.
Und dass hier bloß
die Relativität des Maßes bewusst und wirksam ist, wird auch durch
die Hypothese nicht alteriert, nach der das das vor Urzeiten eine Kupferstange
von absolut bestimmtem Gewicht bedeutet habe.
Jetzt muss die schon
angedeutete Restriktion an dem Begriff des Gesamtgeldquantums etwas genauer
vollzogen werden.
Dass man nicht einfach
sagen kann, es gäbe so viel kaufendes Geld, wie es kaufbare Ware gibt,
liegt nicht etwa an der unermesslichen Quantitätsdifferenz, die zwischen
allen angehäuften Waren auf der einen Seite und allem angehäuften
Geld auf der anderen bestünde.
Denn da es keinen gemeinsamen
Maßstab für beide, wie für qualitativ gleichgeartete Dinge,
gibt, so besteht zwischen ihnen überhaupt kein unmittelbares Mehr oder
Weniger.
Kein Warenquantum hat von
sich aus eine bestimmte Beziehung zu einem bestimmten Geldquantum, da
prinzipiell alle Zwecke des Geldes mit einem beliebig verkleinerten Geldquantum
erreichbar wären.
Wieweit dies in
Wirklichkeit gehen kann, ohne den Verkehr zu unterbinden, zeigt die berichtete
Tatsache: es habe vor einigen Jahrhunderten in Russland Silbermünzen von
solcher Kleinheit gegeben, dass man sie überhaupt nicht mehr mit den
Händen vom Tisch habe aufnehmen können, sondern sie aus dem Beutel
auf denselben schüttete, und die zu zahlende Summe abteilte, worauf dann
beide Parteien ihre Teile mit der Zunge aufleckten und in die Beutel
zurückspuckten.
Man könnte sagen:
welches auch der absolute Umfang des Geldvorrats sei, er bleibt, solange er die
Dienste des Geldes leistet, immer gleich viel »Geld«; es variiert
nur das Quantum, das diese Zeichen oder Stücke in anderer Beziehung,
nämlich als Material irgendwelcher Art betrachtet, darstellen, aber ihr
Quantum als Geld braucht sich dadurch nicht zu ändern.
Darum gibt jener direkte
Vergleich aller Waren und alles Geldes überhaupt keinen Schluss.
Die
Unverhältnismäßigkeit zwischen der Totalität des Geldes
und der der Waren, als Nenner jener wertausdrückenden Brüche, ruht
vielmehr auf der Tatsache, dass der Geldvorrat als ganzer sich viel schneller
umsetzt als der Warenwert als ganzer.
Denn niemand lässt,
soweit er es vermeiden kann , erheblichere Geldsummen still liegen, und man
kann es tatsächlich fast immer vermeiden; kein Kaufmann aber entgeht dem,
dass beträchtliche Teile seines Vorrates lange liegen, ehe sie verkauft
(> 110) werden.
Diese Differenz des
Umsatztempos wird noch viel größer, wenn man diejenigen Objekte
einrechnet, die sich nicht zum Verkaufe anbieten, trotzdem aber gelegentlich
und für ein verführerisches Gebot verkäuflich sind.
Legt man also die wirklich
gezahlten Preise für die einzelnen Waren zum Grunde und fragt nach dem
Geldquantum, das daraufhin zum Ankauf des gesamten Vorrats erforderlich
wäre, so sieht man allerdings, dass dasselbe den tatsächlichen
Geldvorrat unermesslich übersteigt.
Von diesem Gesichtspunkt
aus muss man sagen, dass es sehr viel weniger Geld als Ware gibt, und dass der
Bruch zwischen der Ware und ihrem Preise durchaus nicht dem zwischen allen
Waren und allem Gelde gleich, sondern, wie sich leicht aus dem vorhergehenden
ergibt, erheblich kleiner als dieser ist.
Auf zwei Wegen aber
lässt sich dennoch unsere grundlegende Proportion retten.
Man könnte
nämlich, erstens, als das in sie eintretende Gesamtwarenquantum dasjenige
ansehen, das sich in aktueller Verkaufsbewegung befindet.
Aristotelisch zu reden, ist
die unverkaufte Ware nur eine Ware »der Möglichkeit nach«, sie
wird zur Ware »der Wirklichkeit nach« erst in dem Moment ihres
Verkauftwerdens.
Wie das Geld erst in dem
Augenblick, wo es kauft, d. h. die Funktion des Geldes übt, wirklich Geld
ist, so entsprechend die Ware erst, wenn sie verkauft wird; vorher ist sie
Verkaufsobjekt nur vermöge und innerhalb einer ideellen Antizipation.
Von diesem Standpunkte aus
ist es ein ganz selbstverständlicher, ja identischer Satz, dass es so viel
Geld gibt, wie es Verkaufsobjekte gibt - wobei natürlich unter Geld auch
alle durch den Kredit und Giroverkehr ermöglichten Geldsubstitute
einbegriffen sind.
Nun sind zwar die momentan
ruhenden Waren keineswegs wirtschaftlich unwirksam, und das wirtschaftliche
Leben wäre unermesslich verändert, wenn auf einmal der Warenvorrat so
restlos in die Bewegung jedes Momentes einginge, wie der Geldvorrat es tut.
Allein genauer betrachtet
scheint mir der ruhende Warenvorrat nur nach drei Seiten hin auf die wirklichen
Geldkäufe zu wirken: auf das Tempo des Geldumlaufs, auf die Beschaffung
der Geldstoffe oder -äquivalente, auf das Verhältnis der Geldausgaben
zu den Reserven.
Aber diese Momente haben
auf die aktuellen Umsätze schon ihre Wirkung geübt, unter ihrem
Einfluss hat sich das empirische Verhältnis zwischen Ware und Preis
gebildet, und sie verhindern also gar nicht, in jener fundamentalen Proportion
das Gesamtwarenquantum als dasjenige zu verstehen, das sich aus den in jedem
gegebenen Moment wirklich geschehenden Käufen zusammensetzt.
Das kann aber, zweitens,
auch als Folge der Tatsache anerkannt werden, dass dasselbe Geldquantum, weil
es nicht wie die Waren konsumiert wird, eine unbegrenzte Zahl (> 111) von
Umsätzen vermittelt und die Geringfügigkeit seiner Gesamtsumme im
Verhältnis zu der der Waren, die in jedem isolierten Augenblick besteht,
durch die Schnelligkeit seiner Zirkulation ausgleicht.
An einigen Höhepunkten
des Geldwesens wird es ganz unmittelbar anschaulich, eine wie verschwindend
geringe Rolle die Geldsubstanz in den durch sie vermittelten Wertausgleichen
spielt: im Jahre 189o hat die französische Bank auf Kontokorrent das
135fache des tatsächlich darauf eingezahlten Geldes umgesetzt (54
Milliarden auf 400 Mill. Fr.), ja, die Deutsche Reichsbank das 190fache.
Innerhalb der
funktionierenden Geldsummen, auf die hin die Geldpreisbestimmung der Waren
erfolgt, wird die Geldsumme gegenüber dem, was durch ihr Funktionieren aus
ihr wird, eine verschwindende Größe.
Man kann deshalb zwar nicht
von einem einzelnen Augenblick, wohl aber von einer bestimmt ausgedehnten
Periode sagen, dass das Totalquantum des in ihr umgesetzten Geldes der
Totalsumme der in ihr verkäuflich gewesenen Objekte entspräche.
Der Einzelne macht doch
auch seine Ausgaben, bewilligt insbesondere die Preise für
größere Anschaffungen nicht von ihrem Verhältnis zu seinem
momentanen Geldbestand aus, sondern im Verhältnis zu seinen
Gesamteinnahmen innerhalb einer längeren Periode.
So mag in unserer
Proportion der Geldbruch seine Gleichheit mit dem Warenbruch dadurch gewinnen,
dass sein Nenner nicht das substanziell vorhandene Geldquantum, sondern ein
durch die Zahl der Umsätze in einer gewissen Periode zu bestimmendes
Vielfaches desselben enthält.
Von diesen Gesichtspunkten
aus lässt sich die Antinomie zwischen den überhaupt vorhandenen und
den aktuellen Waren als Gegenwerten des Geldes lösen und die Behauptung
aufrecht halten, dass zwischen der Gesamtsumme der Waren und der des Geldes in
einem geschlossenen Wirtschaftskreise keine prinzipielle Disproportion
herrschen kann - so sehr man über das richtige Verhältnis zwischen
einer einzelnen Ware und einem einzelnen Preise streiten mag, so viel
Schwankungen und Disproportionalitäten entstehen mögen, wenn eine
bestimmte Größe der fraglichen Brüche psychologisch fest
geworden und daneben durch objektive Verschiebungen eine andere richtig
geworden ist, so sehr namentlich eine rasche Steigerung des Verkehrseinen
zeitweiligen Mangel an Umsatzmitteln fühlbar machen mag.
Die Metallimporte und
-exporte, die aus einem Mangel bzw. einem Überfluss von Geld in dem betreffenden
Lande im Verhältnis zu seinen Warenwerten hervorgehen, sind nur
Ausgleichungen innerhalb eines Wirtschaftskreises, dessen Provinzen die
beteiligten Länder bilden, und bedeuten, dass das allgemeine, in diesem
Wirtschaftskreise jetzt wirkliche Verhältnis zwischen beiden aus der
Verschiebung, (> 112) die es in einem einzelnen Teile erlitten hat, wieder
hergestellt wird.
Unter diesen Annahmen
würde die Frage, ob ein Preis angemessen ist oder nicht, sich unmittelbar
aus den beiden Vorfragen beantworten: erstens, welche Summe von Geld und welche
Summe von Verkaufsobjekten momentan wirksam sind, und zweitens, welchen Teil
des letzteren Quantums das jetzt in Rede stehende Objekt ausmacht.
Die letztere ist die
eigentlich entscheidende, und die Gleichung zwischen dem Objektbruch und dem
Geldbruch kann eine objektiv und berechenbar wahre oder falsche sein,
während es sich bei der zwischen den Objekten überhaupt und dem Geld
überhaupt nur um Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit,
nicht aber um Wahrheit im Sinne einer logischen Erweislichkeit handeln kann.
Dieses Verhältnis der
Totalitäten zueinander hat gewissermaßen die Bedeutung eines Axioms,
das gar nicht in demselben Sinne wahr ist, wie die einzelnen Sätze, die
sich auf dasselbe gründen; nur diese sind beweisbar, während jenes
auf nichts hinweisen kann, von dem es sich logisch herleite.
Eine methodische Norm von
großer Bedeutsamkeit kommt hier zur Geltung, für die ich ein
Beispiel aus einer ganz anderen Kategorie von Werten anführen will.
Die Grundbehauptung des Pessimismus
ist, dass die Gesamtheit des Seins einen erheblichen Überschuss der Leiden
über die Freuden aufweise; die Welt der Lebewesen, als eine Einheit
betrachtet, oder auch der Durchschnitt derselben, empfinde sehr viel mehr
Schmerz als Lust.
Eine solche Behauptung ist
nun von vornherein unmöglich.
Denn sie setzt voraus, dass
man Lust und Schmerz, wie qualitativ gleiche Größen mit
entgegengesetztem Vorzeichen, unmittelbar gegeneinander abwägen und
aufrechnen könne.
Das kann man aber in
Wirklichkeit nicht, da es keinen gemeinsamen Maßstab für sie gibt.
Keinem Quantum Leid kann es
an und für sich anempfunden werden, ein wie großes Quantum Freude
dazu gehört, um es aufzuwiegen.
Wie kommt es, dass dennoch
solche Abmessungen in einem fort stattfinden, dass wir sowohl in den
Angelegenheiten des Tages, wie in dem Zusammenhang der Schicksale, wie in der
Gesamtheit des Einzellebens das Urteil fällen, das Freudenmaß sei
hinter dem Maß der Schmerzen zurückgeblieben, oder habe es
überschritten?
Das ist nicht anders möglich,
als dass die Erfahrung des Leben uns - genauer oder ungenauer - darüber
belehrt, wie Glück und Unglück tatsächlich verteilt sind, wie
viel Leid im Durchschnitt hingenommen werden muss, um ein gewisses Lustquantum
damit zu erkaufen, und wie viel von beiden das typische Menschenlos aufweist.
Erst wenn hierüber
irgendeine Vorstellung besteht, wie unbewusst und unbestimmt auch immer, kann
man sagen, dass in einem einzelnen Falle ein Genuss zu teuer (> 113) - d. h.
mit einem zu großen Leidquantum - erkauft ist, oder dass ein einzelnes
Menschenschicksal einen Überschuss von Schmerzen über seine Freuden
zeige.
Jener Durchschnitt selbst
ist aber nicht »unverhältnismäßig«, weil er
vielmehr dasjenige ist, woran sich das Verhältnis der Empfindungen im
einzelnen Falle erst als ein angemessenes oder unangemessenes bestimmt - so
wenig wie man sagen kann, der Durchschnitt der Menschen wäre groß
oder klein, da dieser Durchschnitt ja erst den Maßstab abgibt, an dem der
einzelne Mensch - als welcher allein groß oder klein sein kann - sich
misst; ebenso, wie man nur sehr missverständlich sagen kann, dass
»die Zeit« schnell oder langsam verginge - das Vergehen der Zeit
vielmehr, d. h. das als Durchschnitt erfahrene und empfundene Tempo der
Ereignisse überhaupt ist die messende Größe, an der sich die
Schnelligkeit oder Langsamkeit des Ablaufs der einzelnen Erlebnisse ergibt,
ohne dass jener Durchschnitt selbst schnell oder langsam wäre.
So also ist die Behauptung
des Pessimismus, dass der Durchschnitt des Menschenlebens mehr Leid als Lust
aufweise, ebenso methodisch unmöglich wie der des Optimismus, dass er mehr
Lust als Leid einschließe; das Empfundenwerden der Gesamtquanten von Lust
und Leid (oder, anders ausgedrückt, ihres auf das Individuum oder die Zeitperiode
entfallenden Durchschnitts) ist das Urphänomen, dessen Seiten nicht
miteinander verglichen werden können, weil es dazu eines außerhalb
beider gelegenen und sie gleichmäßig umfassenden Maßstabes
bedürfte.
Der Typus des Erkennens, um
den es sich hier handelt, dürfte so hinreichend charakterisiert sein.
Innerhalb der
angeführten und mancher anderen Gebiete sind die primären, sie
bildenden Elemente an sich unvergleichbar, weil sie von verschiedener
Qualität sind, also nicht aneinander oder an einem dritten gemessen werden
können.
Nun aber bildet die
Tatsache, dass das eine Element überhaupt in diesem, das andere in jenem
Maße vorhanden ist, ihrerseits den Maßstab für die Beurteilung
des singulären und partiellen Falles, Ereignisses, Problems, in dem beiderlei
Elemente mitwirken.
Indem die Elemente des
einzelnen Vorkommnisses die Proportion der Gesamtquanten wiederholen, haben sie
das »richtige«, d. h. das normale, durchschnittliche, typische
Verhältnis, während die Abweichung davon als »Übergewicht«
des einen Elementes, als »Unverhältnismäßigkeit«
erscheint.
An und für sich
besitzen natürlich diese Elemente der Einzelfälle so wenig ein
Verhältnis von Richtigkeit oder Falschheit, Gleichheit oder Ungleichheit,
wie ihre Gesamtheiten es haben; sie gewinnen es vielmehr erst dadurch, dass die
Maße der Gesamtquanten das Absolute bilden, nach dem das Einzelne, als
das Relative, geschätzt (> 114) wird; das Absolute selbst aber
unterliegt nicht den Bestimmungen der Vergleichbarkeit, die es seinerseits dem
Relativen ermöglicht. - Diesem Typus könnte nun das Verhältnis
zwischen dem Verkaufsobjekt und seinem Geldpreis angehören.
Vielleicht haben beide
inhaltlich gar nichts miteinander gemeinsam, sind qualitativ so ungleich, dass
sie quantitativ unvergleichbar sind.
Allein da nun einmal alles
Verkäufliche und alles Geld zusammen einen ökonomischen Kosmos
ausmachen, so könnte der Preis einer Ware der »entsprechende«
sein, wenn er denjenigen Teil des wirksamen Gesamtgeldquantums darstellt, den
die Ware von dem wirksamen Gesamtwarenquantum ausmacht.
Nicht der gleiche
»Wert« in der Ware und der bestimmten Geldsumme braucht ihre
gegenseitige Verhältnismäßigkeit zu begründen; der
Geldpreis braucht vielmehr keinen Wert überhaupt oder wenigstens keinen
Wert in demselben Sinne zu enthalten, sondern nur denselben Bruch mit allem
Geld überhaupt zu bilden, den die Ware mit allen Warenwerten
überhaupt bildet.
Auch der Verlauf der
Individualwirtschaft zeigt, wie abhängig der Geldpreis einer Ware von dem
Verhältnis dieser zu einer Warengesamtheit ist.
Man sagt: wir bringen ein
Geldopfer - das uns an sich beschwerlich ist - nur wenn wir einen angemessenen
Gegenwert erhalten.
Jede Ersparnis an jenem
Opfer wird als ein positiver Gewinn gerechnet.
Allein sie ist ein Gewinn
nur dadurch, dass sie ermöglicht, dasselbe Opfer bei einer anderen
Gelegenheit zu bringen.
Wüsste ich mit dem
Geld sonst nichts anzufangen, so würde ich meinen ganzen Geldbesitz ohne
weiteres für das eine Objekt, für das er gefordert würde,
hingeben.
Die Angemessenheit des
Preises bedeutet also nur, dass ich - als Durchschnittswesen - nachdem ich ihn
bezahlt habe, noch so viel übrigbehalten muss, um die übrigen
gleichfalls begehrten Dinge zu kaufen.
Der Aufwand für jeden
einzelnen Gegenstand muss sich danach richten, dass ich noch andere Gegenstände
außer ihm kaufen will.
Wenn jedermann seine
privaten Ausgaben so reguliert, dass sein Aufwand für jede Warengattung
seinem Gesamteinkommen proportioniert ist, so bedeutet dies, dass sein Aufwand
für das Einzelne sich zu seinem Aufwand für das Ganze der Wirtschaft
verhält, wie sich die Bedeutung des beschafften Einzelobjekts zu der der
zu beschaffenden Gesamtheit der ihm wünschbaren und zugängigen
Objekte verhält.
Und dieses Schema der
Individualwirtschaft ist offenbar nicht nur eine Analogie der Wirtschaft
überhaupt, sondern aus seiner durchgängigen Anwendung muss die
Festsetzung der Durchschnittspreise hervorgehen: die fortwährenden
subjektiven Abwägungen müssen als Niederschlag das objektive
Verhältnis zwischen Ware und Preis erzeugen, das also ebenso von die (>
115) Proportion zwischen dem wirksamen Gesamtwarenvorrat und dem
Gesamtgeldquantum abhängt, wie - alle Modifikationen vorbehalten von der
Proportion zwischen den Gesamtbedürfnissen des Einzelnen und seinem
dafür verfügbaren Gesamtgeldeinkommen.
Die ganze bisherige
Deduktion berührte in keiner Weise die Frage, ob das Geld in Wirklichkeit
ein Wert ist oder nicht; sondern nur, dass seine Funktion, Werte zu messen, ihm
den Charakter eines Eigenwertes nicht aufzwingt, galt es zu beweisen.
Aber diese bloße
Möglichkeit macht doch den Weg für die Erkenntnis nicht nur seines
wirklichen Entwicklungsganges, sondern vor allem seines innerlichen Wesens
frei. - Auf den primitiven Wirtschaftsstufen treten allenthalben Gebrauchswerte
als Geld auf: Vieh, Salz, Sklaven, Tabak, Felle usw.
Auf welche Weise sich das
Geld auch entwickelt habe, am Anfang muss es jedenfalls ein Wert gewesen sein,
der - unmittelbar als solcher empfunden wurde. Dass man die wertvollsten Dinge
gegen einen bedruckten Zettel fortgibt, ist erst bei einer sehr großen
Ausdehnung und Zuverlässigkeit der Zweckreihen möglich, die es sicher
macht, dass das unmittelbar Wertlose uns weiterhin zu Werten verhilft.
So kann man logische
Schlussreihen, die auf durchaus bündige Schlusssätze führen,
durch an sich unmögliche oder widerspruchsvolle Glieder hindurchleiten -
aber doch nur, wenn das Denken seiner Richtung und Richtigkeit ganz sicher ist;
ein primitives, noch schwankendes Denken würde an einem solchen Punkte
sofort seine Direktion und sein Ziel verlieren und muss deshalb seine
Funktionen an Sätzen ausüben, von denen jeder für sich
möglichst konkret und von greifbarer Richtigkeit ist - freilich um den
Preis der Beweglichkeit des Denkens und der Weite seiner Ziele. Entsprechend steigert
die Durchführung der Wertreihen durch das Wertlose ihre Ausdehnung und
Zweckmäßigkeit ganz außerordentlich, kann sich aber erst bei
einer gewachsenen Intellektualität der Einzelnen und stetigen Organisation
der Gruppe verwirklichen.
Niemand wird so
töricht sein, einen Wert gegen etwas wegzugeben, was er unmittelbar
überhaupt nicht verwenden kann, wenn er nicht sicher ist, dieses Etwas
mittelbar wieder in Werte umsetzen zu können.
Es ist also nicht anders
denkbar, als dass der Tausch ursprünglich ein Naturaltausch, d. h. ein
zwischen unmittelbaren Werten erfolgender gewesen ist.
Man nimmt an, dass Objekte,
welche gerade wegen ihrer allgemeinen Erwünschtheit besonders häufig
eingetauscht wurden und kursierten, also besonders häufig mit anderen
Gegenständen dem Werte nachgemessen wurden, psychologisch am ehesten zu
allgemeinen Wertmaßen auswachsen konnten.
In scheinbar entschiedenem
Gegensatz gegen das eben gewonnene Resultat, nach dem das Geld an und für
(> 116) sich kein Wert zu sein braucht, sehen wir hier, dass zunächst gerade
das Notwendigste und Wertvollste dazu neigt, zum Geld zu werden.
Das Notwendigste verstehe
ich hier keineswegs im physiologischen Sinn; vielmehr kann z. B. das
Schmuckbedürfnis die herrschende Rolle unter den empfundenen
»Notwendigkeiten« spielen; wie wir denn auch tatsächlich von
Naturvölkern hören, dass der Schmuck ihres Körpers, bzw. die
dazu verwendeten Gegenstände, ihnen wertvoller ist als alle die Dinge, die
wir uns als viel dringlicher notwendig vorstellen.
Da die Notwendigkeit der
Dinge für uns immer nur ein Akzent ist, den unser Gefühl ihren an
sich ganz gleichberechtigten -richtiger: an sich überhaupt nicht
»berechtigten« Inhalten erteilt, und der ausschließlich von
den Zwecken abhängt, die wir uns setzen - so ist von vornherein in keiner
Weise auszumachen, welches denn nun jene unmittelbar dringlichen und den
Geldcharakter anzunehmen geneigten Werte eigentlich sind; nur dass sich der
letztere ursprünglich an solche geknüpft hat, die durch ihre
empfundene Notwendigkeit eine besondere Häufigkeit des Austausches gegen
die Mannigfaltigkeit anderer Dinge aufwiesen, scheint mir eine
unumgängliche Annahme.
Weder als Tauschmittel noch
als Wertmesser hätte es entstehen können, wenn es nicht seinem Stoffe
nach als unmittelbar wertvoll empfunden worden wäre.
Vergleichen wir damit den
jetzigen Zustand, so ist unzweifelhaft, dass das Geld für uns nicht mehr
deshalb wertvoll ist, weil sein Stoff als unmittelbar notwendig, als ein
unentbehrlicher Wert vorgestellt würde.
Kein Mensch
europäischer Kultur findet heute ein Geldstück wertvoll, weil sich
ein Schmuckgegenstand daraus herstellen ließe.
Und schon deshalb kann der
heutige Geldwert nicht auf seinen Metallwert zurückgehen, weil das
Edelmetall jetzt in viel zu großen Quantitäten vorhanden ist, um
bloß zu Schmuck- und technischen Zwecken noch lohnende Verwendung zu
finden.
Denkt man sich, wie es in
der Konsequenz der Metallwerttheorie liegt, einen solchen Übergang als
vollzogen, so würde dies eine derartige Plethora von Gegenständen aus
Edelmetall erzeugen, dass der Wert derselben auf ein Minimum sinken
müsste.
Dass man das Geld also auf
seine mögliche Umsetzung in sonstige Metallobjekte wertet, ist gerade nur
unter der Bedingung möglich, dass diese Umsetzung nicht oder nur in ganz
verschwindendem Maße erfolge.
So sehr also auch am Anfang
der Entwicklung, d. h. bei einem sehr geringen Bestande von Edelmetallen, ihre
Verwendung als Schmuck ihren Geldwert bestimmt haben möge, so verschwindet
diese Beziehung doch in dem Maße ihrer gesteigerten Produktion.
Diese Entwicklung wird noch
dadurch unterstützt, dass der primitive Mensch, wie ich hervorhob, (>
117) es zwar für eine vitale Notwendigkeit hält, sich in einer
bestimmten Weise zu schmücken, dass aber die spätere Ausbildung der
Wertskalen dieses Interesse tatsächlich in die Kategorie des
»Entbehrlichen« oder »Überflüssigen«
einreiht.
Der Schmuck spielt im
modernen Kulturleben absolut nicht mehr die soziale Rolle, die wir mit Staunen
in den ethnologischen, aber auch noch in mittelalterlichen Berichten finden.
Auch dieser Umstand muss
dazu dienen, die Bedeutung des Geldes, die es seinem Material verdankt,
herabzudrücken.
Man kann sagen, dass der
Wert des Geldes immer mehr von seinem terminus a quo auf seinen terminus ad
quem übergeht, und dass so das Metallgeld, in bezug auf die psychologische
Vergleichgültigung seines Materialwertes, mit dem Papiergeld auf einer
Stufe steht.
Man darf die materiale
Wertlosigkeit dieses letzteren nicht deshalb als irrelevant erklären, weil
es nur eine Anweisung auf Metall wäre.
Dagegen spricht schon die
Tatsache, dass selbst ein völlig ungedecktes Papiergeld doch immer als
Geld gewertet wird.
Denn wenn man auch auf den
politischen Zwang hinweisen wollte, der allein solchem Papiergeld seinen Kurs
verschaffte, so heißt das ja gerade, dass andere Gründe als der der
unmittelbaren und materialen Verwertung einem bestimmten Stoff den Geldwert
verleihen können und jetzt tatsächlich verleihen.
Der steigende Ersatz des
baren Metallgeldes durch Papiergeld und die mannigfaltigen Formen des Kredits wirken
unvermeidlich auf den Charakter jenes selbst zurück - ungefähr wie im
Persönlichen jemand, der sich fortwährend durch andere vertreten
lässt, schließlich keine andere Schätzung erfährt, als die
seinen Vertretern gebührende.
Zu je ausgedehnteren und mannigfaltigeren
Diensten das Geld berufen ist und je schneller das einzelne Quantum zirkuliert,
desto mehr muss sein Funktionswert über seinen Substanzwert hinauswachsen.
Der modern entwickelte
Verkehr strebt offenbar dahin, das Geld als substanziellen Wertträger mehr
und mehr auszuschalten, und er muss dahin streben, weil auch die gesteigertste
Edelmetallproduktion nicht ausreichen würde, alle Umsätze in bar zu
begleichen.
Der Giroverkehr einerseits,
der internationale Wechselversand andrerseits sind nur hervortretende Punkte
dieser allgemeinen Tendenz, deren schon frühe und charakteristische
Erscheinungen der letzte Abschnitt dieses Kapitels behandeln wird.
Im ganzen wird, je
primitiver die wirtschaftlichen Vorstellungen sind, um so mehr auch das Messen
ein sinnlich-unmittelbares Verhältnis zwischen den verglichenen Werten
voraussetzen.
Die eben geschilderte
Auffassung: dass die Wertgleichung zwischen einer Ware und einer Geldsumme die
Gleichheit des Bruches bedeute, welcher zwischen diesen beiden als Zählern
und den ökonomisch in (> 118) Betracht kommenden Gesamtquanten aller
Waren und alles Geldes als Nennern bestehe - ist offenbar der Tatsache nach
überall wirksam, weil sie erst die eine Objektart wirklich zum Gelde
macht; allein da das Geld als solches eben nur allmählich entsteht, wird
auch dieser Modus sich aus dem primitiveren einer unmittelbaren Vergleichung
der auszutauschenden Objekte entwickeln.
Die niedrigste Stufe
bezeichnet vielleicht ein Fall, der von den neubritannischen Inseln gemeldet
wird.
Die Eingeborenen benutzen
dort als Geld schnurweise aufgereihte Kaurimuscheln, welche sie Dewarra nennen.
Dies Geld wird nach
Längenmaßen: Armlängen usw. zum Einkauf verwandt; für
Fische wird in der Regel so viel in Dewarra gegeben, wie sie selbst lang sind.
Auch sonst wird aus dem
Gebiet des Kaurigeldes gelegentlich gemeldet, der Typus des Kaufes sei, dass
das gleiche Maß zweier Waren als wertgleich gelte: ein Maß Getreide
z. B. gilt das gleiche Maß Kaurirnuscheln.
Hier hat offenbar die
Unmittelbarkeit in der Äquivalenz von Ware und Preis ihren
vollständigsten und einfachsten Ausdruck erlangt, der gegenüber eine
Wertvergleichung, die nicht auf quantitative Kongruenz hinausläuft, schon
einen höheren geistigen Prozess darstellt.
Ein Rudiment jener naiven
Gleichwertung gleicher Quanten liegt in der Erscheinung, die Mungo Park im 18.
Jahrhundert von einigen westafrikanischen Stämmen berichtet.
Dort habe Eisengeld in
Stangenform als Geld kursiert und zur Bezeichnung der Warenquanten gedient, so
dass man ein bestimmtes Maß Tabak oder Rum je eine Stange Tabak, eine
Stange Rum genannt habe.
Hier hat sich das
Bedürfnis, Wertgleichheit als Quantitätsgleichheit anzusehen
-offenbar ein starker, sinnlich eindrucksvoller Anhalt primitiver Wertbildung -
in den sprachlichen Ausdruck geflüchtet.
Bei sehr verschiedenem
Aussehen gehören doch der gleichen prinzipiellen Empfindung einige andere
Erscheinungen an.
Von der Stadt Olbia am
Dnjepr, einer milesischen Kolonie, sind uns alte Bronzemünzen erhalten,
welche die Gestalt von Fischen haben, mit Aufschriften, welche wahrscheinlich
Thunfisch und Fischkorb bedeuten.
Nun wird angenommen, dass
jenes Fischervolk ursprünglich den Thunfisch als Tauscheinheit benutzte
und es - vielleicht wegen des Verkehrs mit tieferstehenden Nachbarstämmen
bei Einführung der Münze nötig fand, den Wert je eines
Thunfisches in einer Münze darzustellen, die durch die Gleichheit ihrer
Form diese Gleichwertigkeit und Ersetzbarkeit unmittelbar versinnlichte
während man an anderen Stellen, weniger nachdrücklich und doch auf
das äußerliche Sichentsprechen nicht verzichtend, auf die Münze
nur das Bild des Gegenstandes (Ochse, Fisch, Axt) prägte, der in der
Tauschepoche die Grundeinheit bildete und dessen Wert eben die (> 119)
Münze darstellte.
Dasselbe Grundgefühl
herrscht, wenn der Zend-Avesta vorschreibt, der Arzt solle als Honorar für
die Heilung eines Hausbesitzers den Wert eines schlechten Ochsen fordern,
für die eines Dorfvorstandes den Wert eines mittelguten, für die
eines Stadtherrn den Wert eines hochwertigen, für die eines
Provinzstatthalters den Wert eines Viergespanns; dagegen käme ihm für
die Heilung der Frau eines Hausbesitzers eine Eselin an Wert zu, für die
Frau eines Dorfvorstandes eine Kuh, für die Frau eines Stadtherrn eine
Stute, für die Frau eines Statthalters ein weibliches Kamel.
Die Gleichheit des
Geschlechtes am Leistungsobjekt und am Leistungsentgelt bezeugt auch hier die
Neigung, die Äquivalenz von Wert und Gegenwert auf eine unmittelbar
äußerliche Gleichheit zu gründen.
Ebenso verhält es sich
mit der Tatsache, dass das Geld am Anfang seiner Entwicklung aus Stücken
von großer und schwerer Quantität zu bestehen pflegte: Felle, Vieh,
Kupfer, Bronze; oder aus sehr massenhaften, wie das Kaurigeld; dahin
gehört die Tatsache, dass die erste Banknote, von der wir wissen und die
uns aufbewahrt ist, aus China vom Ende des 14. Jahrhunderts, 18 englische Zoll
lang und 9 Zoll breit ist.
Es wirkt hier noch die
Tendenz der Bauernregel: viel hilft viel - für die ein natürliches
und erst durch eine feinere und reflektierende Empirie widerlegbares
Gefühl spricht.
Auch von Edelmetallgeld
finden wir die größten Münzen fast ausschließlich bei
Völkern von unausgebildeter oder naturalwirtschaftlicher Kultur: als die
größten Goldstücke gelten der Lool der Anamiten, der 880 Mk.
wert ist, der japanische Obang (220 Mk.), der Benta der Aschantis; auch hat
Anam eine Silbermünze im Werte von 60 Mk.
Aus demselben Gefühl
von der Bedeutung des Quantums heraus bleibt das Prägerecht der
größten Münzen oft den obersten Machthabern vorbehalten,
während die kleineren (auch von dem gleichen Metall!) von niederen
Instanzen geschlagen werden: so prägte der Großkönig von
Persien das Großgeld, die Satrapen aber die goldene Kleinmünze, vom
Viertel abwärts.
Der Charakter erheblicher
Quantität ist sogar nicht nur primitiven Metallgeldformen, sondern auch
den Geldarten, die diesen vorangehen, manchmal eigen: die Slawen, welche in dem
1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung zwischen Saale und Elbe saßen und ein
außerordentlich rohes Naturvolk waren, bedienten sich als Geldes leinener
Tücher; die Kaufkraft eines solchen betrug 100 Hühner, oder Weizen
für 10 Mann auf einen Monat!
Und selbst innerhalb des
ausgebildeteren Geldwesens ist bemerkbar, wie die Geldbegriffe von immer
geringeren Metallwerten erfüllt werden.
Der mittelalterliche Gulden
war eine Goldmünze im Wert eines Dukaten ? der heutige zählt 100
Kupferkreuzer; (> 120) der ehemalige Groschen war eine dicke (grossus)
Silbermünze; die ehemalige Mark betrug ein Pfund Silber, das Pfund Sterling
war 70 Mk. wert.
In primitiven,
naturalwirtschaftlichen Verhältnissen wird der Geldverkehr überhaupt
nicht die kleinen Bedürfnisse des Tages, sondern nur relativ
größere und wertvollere Objekte betroffen haben, und ihnen
gegenüber wird die Neigung zur Symmetrie, die allen unausgebildeten
Kulturen eigen ist, auch den Geldtausch beherrscht und für
äußerlich Großes auch ein äußerlich großes
Wertzeichen gefordert haben: dass die äußerste quantitative Ungleichheit
der Erscheinungen dennoch eine Gleichheit der Kraft, der Bedeutung, des Wertes
gestattet, pflegt erst von höheren Bildungsstufen eingesehen zu werden.
Wo eine Praxis auf das
Vollziehen von (Gleichungen gestellt ist, da wird zuerst eine möglichst
anschauliche Unmittelbarkeit des Gleichseins verlangt, wie die quantitative
Mächtigkeit des primitiven Geldes es im Verhältnis zu ihren
Gegenwerten zeigt.
Die Abstraktion, die
später ein kleines Metallstückchen als Äquivalent irgendeines
umfänglichsten Objektes anerkennt, steigert sich, in der gleichen
Richtung, auf das Ziel hin, dass die eine Seite der Wertgleichung gar nicht
mehr als Wert an und für sich, sondern nur noch als abstrakter Ausdruck
für den Wert der andern funktioniere.
Daher ist denn auch die
Messfunktion des Geldes, die von vornherein am wenigsten an die
Materialität seines Substrates geknüpft ist, durch die
Veränderungen der modernen Wirtschaft am wenigsten alteriert worden.
Ein
Maßverhältnis zwischen zwei Größen nicht mehr durch
unmittelbares Aneinanderhalten herzustellen, sondern daraufhin, dass jede
derselben zu je einer anderen Größe ein Verhältnis hat und
diese beiden Verhältnisse einander gleich oder ungleich sind - das ist
einer der größten Fortschritte, die die Menschheit gemacht hat, die
Entdeckung einer neuen Welt aus dem Material der alten.
Zwei Leistungen ganz
verschiedener Höhe bieten sich dar - sie werden vergleichbar, da sie im
Verhältnis zu dem Kraftmaß, das jeder der Leistenden einzusetzen
hatte, die gleiche Willensanspannung und Hingebung zeigen; zwei Schicksale
stehen auf der Skala des Glücks weit voneinander ab -aber sie gewinnen
sogleich eine messbare Beziehung, wenn man jedes auf das Maß des
Verdienstes hin ansieht, durch das sein Träger seiner würdig oder
unwürdig ist.
Zwei Bewegungen, die
völlig verschiedene Geschwindigkeiten haben, gewinnen eine
Zusammengehörigkeit und Gleichheit, sobald wir beobachten, dass die
Beschleunigung, die jede von ihnen im Verhältnis zu ihrem Anfangsstadium
erfährt, bei beiden die gleiche ist. Nicht nur für unser Gefühl
spinnt sich eine Art von Zusammengehörigkeit (> 121) zwischen zwei
Elementen, die zwar in ihrer substanziellen Unmittelbarkeit einander fremd,
deren Verhältnisse zu einem dritten und vierten Element aber die gleichen
sind; sondern eben damit wird das eine zu einem Faktor für die Ausrechenbarkeit
des anderen.
Und nun weiter ausgreifend.
- so unvergleichbar zwei Personen in ihren angebbaren Eigenschaften sein
mögen, so stiften Beziehungen zu einem je dritten Menschen doch eine
Gleichheit zwischen ihnen; sobald die erste die gleiche Liebe oder Hass,
Herrschaft oder Unterworfenheit einer dritten gegenüber zeigt, wie die
zweite einer vierten gegenüber, so haben diese Relationen hier der
Fremdheit des Fürsichseins jener eine tiefe und wesentliche Gleichheit
untergebaut.
Endlich ein letztes Beispiel.
Die Vollendung
verschiedenartiger Kunstwerke würden wir nicht miteinander vergleichen
können, ihre Werte würden sich nicht in den Zusammenhang einer
Stufenleiter ordnen, wenn nicht jedes zu dem eigentümlichen Ideale seiner
Art ein bestimmtes Verhältnis hätte.
Aus dem Problem, dem
Material, der Stilart jedes Kunstwerkes wächst uns eine Norm heraus, und
zu ihr hat seine Wirklichkeit eine fühlbare Relation von Nähe oder
Abstand, die offenbar bei der größten Mannigfaltigkeit der Werke die
gleiche oder vergleichbare sein kann.
Durch diese mögliche
Gleichheit solcher Relation erst wird aus den einzelnen, an sich einander ganz
fremden Werken eine ästhetische Welt, eine genau gefügte Ordnung, ein
ideelles Zusammengehören dem Werte nach.
Und dies erstreckt sich
nicht nur auf den Kosmos der Kunst, sondern dass überhaupt aus dem Stoff
unserer isolierten Schätzungen eine Gesamtheit gleicher oder abgestufter
Bedeutsamkeiten erwächst, dass auch das Disharmonische nur über der
Forderung einer einheitlichen Ordnung und inneren Beziehung der Werte
untereinander als solches empfunden wird - diesen wesentlichen Zug verdankt
unser Weltbild allenthalben unserer Fähigkeit, nicht nur je zwei Dinge,
sondern auch die Verhältnisse je zweier zu je zwei anderen gegeneinander
abzuwägen und in der Einheit eines Gleichheits- oder
Ähnlichkeitsurteils zusammenzufassen.
Das Geld, als Produkt
dieser fundamentalen Kraft oder Form unseres Inneren, ist nicht nur deren
weitestes Beispiel, sondern sozusagen gar nichts anderes, als die reine Verkörperung
derselben.
Denn das Geld kann das im
Tausch zu realisierende Wertverhältnis der Dinge zueinander doch nur so
ausdrücken, dass das Verhältnis der singulären Summe zu einem
irgendwie gewonnenen Nenner dasselbe ist, das zwischen der ihr entsprechenden
Ware und der Totalität der für den Austausch in Frage kommenden Waren
besteht.
Das Geld ist seinem Wesen
nach nicht ein wertvoller Gegenstand, dessen Teile untereinander oder zum (>
122) Ganzen zufällig dieselbe Proportion hätten wie andere Werte untereinander;
sondern es erschöpft seinen Sinn darin, das Wertverhältnis eben
dieser andern Objekte zueinander auszudrücken, was ihm mit Hilfe jener
Fähigkeit des ausgebildeten Geistes gelingt: die Relationen der Dinge auch
da gleichzusetzen, wo die Dinge selbst keine Gleichheit oder Ähnlichkeit
besitzen.
Da diese Fähigkeit
sich aber erst allmählich aus der primitiveren entwickelt, die Gleichheit
oder Ähnlichkeit zweier Objekte unmittelbar zu beurteilen und
auszudrücken, so entstehen die oben berührten Erscheinungen, in denen
man auch das Geld in eine unmittelbare Beziehung dieser Art zu seinen
Gegenwerten zu bringen suchte.
Innerhalb der modernen
Wirtschaft setzt der fragliche Übergang z. B. an das Merkantilsystem an.
Das Bestreben der
Regierungen, möglichst viel bares Geld ins Land zu bekommen, wurde zwar
auch noch von dem Prinzip: viel hilft viel - geleitet; allein der
schließliche Zweck, zu dem es helfen sollte, war doch schon die
funktionelle Belebung der Industrie und des Marktes.
Der Fortschritt
darüber hinaus bestand in der Einsicht, dass die diesem Zwecke dienstbaren
Werte der substanziellen Geldform nicht bedürften, vielmehr das
unmittelbare Produkt der Arbeit schon als solches den entscheidenden Wert
darstellte.
Das verhält sich
ungefähr wie mit den Zielen früherer Politik: nur möglichst viel
Land zu gewinnen und es mit möglichst viel Menschen zu
»peuplieren«: bis tief in das 18. Jahrhundert hinein fiel es kaum
einem Staatsmann ein, dass die eigentliche nationale Größe anders
als durch den Gewinn von Land gefördert werden könnte.
Die Berechtigung solcher
Ziele unter gewissen historischen Umständen hat doch die Einsicht nicht
verhindert, dass alle diese substanzielle Fülle nur als Grundlage
dynamischer Entwicklungen bedeutsam ist, dass diese letzteren aber
schließlich nur eine sehr begrenzte Unterlage jener Art fordern.
Es hat sich gezeigt, dass
für die Steigerung der Produktion und des Reichtums die physische
Gegenwart des Geldäquivalents immer entbehrlicher wird und dass, selbst
wenn das »viele« Geld nicht mehr um seinethalben, sondern um
bestimmter funktioneller Zwecke willen erstrebt wird, diese gleichsam in
freischwebenden Prozessen, unter Ausschaltung jenes erreicht werden können
- wie insbesondere der moderne internationale Warenaustausch erweist.
Die Bedeutung des Geldes,
die relativen Werte der Waren auszudrücken, ist nach unseren obigen
Ausführungen von einem an ihm bestehenden Eigenwert ganz unabhängig;
wie es für eine Skala zur Messung von Raumgrößen gleichgültig
ist, ob sie aus Eisen, Holz oder Glas besteht, weil nur das Verhältnis
ihrer Teile zueinander, bzw. zu einer dritten Größe, (> 123) in
Betracht kommt - so hat die Skala, die das Geld für die Bestimmung von
Werten darbietet, mit dem Charakter seiner Substanz nichts zu tun.
In dieser seiner ideellen
Bedeutung als Maßstab und Ausdruck für den Wert von Waren ist es
ganz ungeändert geblieben, während es als Zwischenware,
Wertaufbewahrungs- und Werttransportmittel seinen Charakter teils geändert
hat, teils noch weiter zu ändern im Begriff steht: aus der Form der
Unmittelbarkeit und Substanzialität, in der es diese Obliegenheiten zuerst
erfüllte, geht es in die ideelle über, d. h. es übt seine
Wirkungen als bloße Idee, welche sich an irgendein vertretendes Symbol knüpft.
Hiermit scheint sich die Entwicklung
des Geldes in eine tiefgelegene Kulturtendenz einzuordnen.
Man kann die verschiedenen
Kulturschichten danach charakterisieren, inwieweit und an welchen Punkten sie
zu den Gegenständen ihrer Interessen ein unmittelbares Verhältnis
haben, und wo andrerseits sie sich der Vermittlung von Symbolen bedienen.
Ob z. B. die
religiösen Bedürfnisse durch symbolische Dienste und Formeln
erfüllt werden oder durch ein unmittelbares Sich-Hinwenden des Individuums
zu seinem Gott; ob die Achtung der Menschen füreinander sich in einem
festgesetzten, die gegenseitigen Positionen durch bestimmte Zeremonien
andeutenden Schematismus offenbart oder in der formfreien Höflichkeit,
Ergebenheit und Respekt; ob Käufe, Zusagen, Verträge durch einfache
Verlautbarung ihres Inhaltes vollzogen werden, oder ob sie durch ein
äußeres Symbol feierlicher Handlungen erst legalisiert und
zuverlässig gemacht werden; ob das theoretische Erkennen sich unmittelbar
an die sinnliche Wirklichkeit wendet, oder sich mit der Vertretung derselben durch
allgemeine Begriffe und metaphysische oder mythologische Sinnbilder zu tun
macht - das gehört zu den tiefgreifendsten Unterschieden der
Lebensrichtungen.
Diese Unterschiede aber
sind natürlich nicht starr; die innere Geschichte der Menschheit zeigt vielmehr
ein fortwährendes Auf- und Absteigen zwischen ihnen; auf der einen Seite
wächst die Symbolisierung der Realitäten, zugleich aber werden, als
Gegenbewegung, stetig Symbole aufgelöst und auf ihr ursprüngliches
Substrat reduziert.
Ich führe ein ganz singuläres
Beispiel an.
Die sexuellen Dinge standen
schon lange unter der Verhüllung durch Zucht und Scham, während die
Worte, die sie bezeichneten, noch völlig ungeniert gebraucht wurden; erst
in den letzten Jahrhunderten ist das Wort unter dieselben Kautelen gestellt -
das Symbol rückte in die Gefühlsbedeutung der Realität ein.
Nun aber bahnt sich in der
allerneuesten Zeit wieder eine Lösung dieser Verbindung an.
Die naturalistische
Kunstrichtung hat auf die Undifferenziertheit und Unfreiheit des Empfindens hin
(> 124) gewiesen, das an das Wort, also an ein bloßes, zu
künstlerischen Zwecken verwandtes Symbol, dieselben Empfindungen
knüpfe, wie an die Sache selbst; die Darstellung des Unanständigen
sei noch keine unanständige Darstellung, und man müsse die Realitätsempfindungen
von der symbolischen Welt lösen, in der jede Kunst, auch die
naturalistische, sich bewege.
Vielleicht in Zusammenhang
hiermit kommt eine allgemeine größere Freiheit der gebildeten
Stände im Besprechen heikler Objekte auf; wo objektive und reine Gesinnung
vorausgesetzt wird, ist mancherlei früher Verbotenes auszusprechen erlaubt
- die Schamempfindung ist eben wieder ausschließlicher der Sache
zugewandt und lässt das Wort, als ein bloßes Symbol ihrer, wieder
freier.
So schwankt, auf den engsten
wie auf den weitesten Gebieten, das Verhältnis zwischen Realität und
Symbol, und man möchte fast glauben - so wenig solche Allgemeinheiten ihre
Beweislast auf sich nehmen können - dass entweder jede Kulturstufe (und
schließlich jede Nation, jeder Kreis, jedes Individuum) eine besondere
Proportion zwischen symbolischer und unmittelbar realistischer Behandlung ihrer
Interessen aufweist; oder dass gerade diese Proportion im ganzen beharrt und
nur die Gegenstände, an denen sie sich darstellt, dem Wechsel unterliegen.
Vielleicht aber kann man
sogar etwas spezieller bestimmen, dass ein besonders augenfälliges
Hervortreten von Symbolik ebenso sehr primitiven und naiven, wie sehr
hochentwickelten und eigen ist; und dass, auf die Objekte komplizierten
Kulturzuständen hin angesehen, die aufwärtsschreitende Entwicklung
uns auf dem Gebiete des Erkennens immer mehr von Symbolen befreit, sie uns aber
auf praktischen Gebieten immer notwendiger macht.
Gegenüber der
nebelhaften Symbolistik mythologischer Weltanschauungen zeigt die moderne eine
gar nicht vergleichliche Unmittelbarkeit im Ergreifen der Objekte; dagegen
bringt die extensive und intensive Häufung der Lebensmomente es mit sich,
dass wir viel mehr mit Zusammenfassungen, Verdichtungen und Vertretungen ihrer
in symbolischer Form operieren müssen, als es in den einfacheren und
engeren Verhältnissen nötig war: die Symbolik, die auf den niederen
Lebensstufen so oft Umweg und Kraftvergeudung ist, dient auf den höheren
gerade einer die Dinge beherrschenden Zweckmäßigkeit und
Kraftersparnis.
Man mag hier etwa an die
diplomatische Technik denken, sowohl im internationalen wie im
parteipolitischen Sinne.
Sicher ist es das
Verhältnis der realen Machtquanten, das über den Ausgang des
Interessengegensatzes entscheidet.
Aber diese messen sich eben
nicht mehr unmittelbar, d. h. in physischem Kampfe, aneinander, sondern werden
durch bloße Vorstellungen vertreten. Hinter dem Repräsentanten jeder
Kollektiv (> 125) macht steht in verdichteter potenzieller Form die reale
Kraft seiner Partei, und genau nach dem Maße dieser ist seine Stimme
wirksam und kann sein Interesse sich durchsetzen.
Er selbst ist gleichsam das
Symbol dieser Macht; die intellektuellen Bewegungen zwischen den
Repräsentanten der verschiedenen Machtgruppen symbolisieren den Verlauf,
den der reale Kampf genommen hätte, derart, dass der Unterlegne sich in
das Resultat jener genau so fügt, als wäre er in diesem besiegt.
Ich erinnere z. B. an die
Verhandlungen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern zur Vermeidung eines drohenden
Streikes.
Hier pflegt jede Partei
genau nur bis zu dem Punkte nachzugeben, bis zu dem, ihrer Abschätzung der
Kräfte nach, auch der wirklich ausbrechende Streik sie zwingen würde.
Man vermeidet die ultima
ratio, indem man ihr Ergebnis in zusammenfassenden Vorstellungen antizipiert.
Wäre diese Vertretung
und Messung der realen Kräfte durch bloße Vorstellungen immer mit
Sicherheit möglich, so könnte überhaupt jeder Kampf erspart
werden. jener utopische Vorschlag: künftige Kriege durch eine Partie Schach
zwischen den Feldherren zu entscheiden - ist deshalb so absurd, weil der
Ausgang einer Schachpartie gar keinen Anhalt dafür gibt, welches der
Ausgang des Waffenkampf es gewesen wäre, und also diesen nicht mit
gültigem Erfolge versinnbildlichen und vertreten kann; wogegen etwa ein
Kriegsspiel, in dem alle Heeresmassen, alle Chancen, alle Intelligenz der
Führung einen vollständigen symbolischen Ausdruck fände, unter
der unmöglichen Voraussetzung seiner Herstellbarkeit allerdings den physischen
Kampf unnötig machen könnte.
Die Fülle der Momente
- der Kräfte, Substanzen und Ereignisse -, mit denen das vorgeschrittene
Leben zu arbeiten hat, drängt auf eine Verdichtung desselben in
umfassenden Symbolen, mit denen man nun rechnet, sicher, dass dasselbe Resultat
sich ergibt, wie wenn man mit der ganzen Breite der Einzelheiten operiert
hätte; so dass das Resultat ohne weiteres für diese Einzelheiten
gültig, auf sie anwendbar ist.
Das muss in dem Maße
möglicher werden, in dem die Quantitätsbeziehungen der Dinge sich gleichsam
selbständig machen.
Die fortschreitende
Differenzierung unseres Vorstellens bringt es mit sich, dass die Frage des Wie
viel eine gewisse psychologische Trennung von der Frage des Was erfährt -
so wunderlich dies auch in logischer Hinsicht erscheint.
In der Bildung der Zahlen
geschieht dies zuerst und am erfolgreichsten, indem aus den so und so vielen
Dingen das So und Soviel herausgehoben und zu eigenen Begriffen
verselbständigt wird.
Je feststehender die
Begriffe ihrem qualitativen Inhalt nach werden, desto mehr richtet sich das
Interesse auf ihre quantitativen Verhältnisse, und schließlich hat
man es für das Ideal (> 126) des Erkennens erklärt, alle
qualitativen Bestimmtheiten der Wirklichkeit in rein quantitative aufzulösen.
Diese Aussonderung und
Betonung der Quantität erleichtert die symbolische Behandlung der Dinge:
denn da die inhaltlich verschiedensten doch eben in quantitativen Hinsichten
übereinstimmen können, so vermögen derartige Beziehungen,
Bestimmtheiten, Bewegungen des einen ein gültiges Bild für eben
dieselben an einem anderen abzugeben; einfachste Beispiele sind etwa die
Rechenmarken, die uns zahlenmäßige Bestimmungen beliebiger Objekte
beweisend veranschaulichen, oder das Fensterthermometer, das uns das Mehr oder
Weniger zu erwartender Wärmeempfindungen in den Zahlen der Grade anzeigt.
Diese Ermöglichung von
Symbolen durch die psychologische Heraussonderung des Quantitativen aus den
Dingen, die uns heute freilich sehr selbstverständlich erscheint, ist eine
Geistestat von außerordentlichen Folgen.
Auch die Möglichkeit
des Geldes geht auf sie zurück, insofern es, von aller Qualität des
Wertes absehend, das reine Quantum desselben in numerischer Form darstellt.
Einen ganz bezeichnenden
Übergang von dem qualitativ bestimmbaren zu dem quantitativ symbolischen
Ausdruck bietet ein Bericht aus dem alten Russland.
Dort hätten zuerst
Marderfelle als Tauschmittel gegolten.
Im Laufe des Verkehrs aber
hätte die Größe und die Schönheit der einzelnen Felle
allen Einfluss auf ihre Tauschkraft verloren, jedes hätte schlechtweg nur
für eines und jedem anderen gleiches gegolten.
Die daraus folgende
alleinige Bedeutung ihrer Zahl hätte bewirkt, dass, als der Verkehr sich
steigerte, man einfach die Zipfel der Felle als Geld verwendete, bis
schließlich Lederstückchen, die wahrscheinlich von der Regierung
gestempelt wurden, als Tauschmittel kursierten.
Hier ist es sehr deutlich,
wie die Reduzierung auf den rein quantitativen Gesichtspunkt die Symbolisierung
des Wertes trägt, auf der erst die ganz reine Verwirklichung des Geldes
ruht.
Es scheint dagegen, als ob
ein von vornherein nur ideales Geld höheren wirtschaftlichen Anforderungen
nicht genügte, trotzdem der Mangel an Beziehung zu allen unmittelbaren
Werten - der die zu allen gleichartige Beziehung involviert - es zu besonders
weiter Verbreitung eignet.
Die merkwürdige
Ausdehnung des Kaurigeldes, das seit 1000 Jahren in einem großen Teile
Afrikas, früher im Gebiete des indischen Ozeans, prähistorisch in
Europa galt, wäre kaum möglich gewesen, wenn es nicht so rein ideal
wäre.
Auf den tieferen
Wirtschaftsstufen finden sich die äußersten Gegensätze der
Geldwerte zusammen; es begegnet einerseits ein so absolut wertkonkretes Geld,
wie das Rindergeld oder die Baumwollenstoffe, die auf den Philippinen als
Großgeld kursierten, andrerseits ein so absolut ideales, (> 126) wie
das Kaurigeld, wie das Geld aus der Rinde des Maulbeerbaums, das Marco Polo in
China entdeckte, wie die Porzellanstücke mit chinesischen Schriftzeichen,
die in Siam galten.
Eine gewisse funktionelle
Entwicklung über jene wertkonkreten Geldarten hinaus ist dort angebahnt,
wo zwar Naturalartikel, aber solche die zugleich besonders Exportartikel sind,
zu Tauschmitteln werden: Tabak in Virginia, Reis in Carolina, Klippfisch in
Neufundland, Tee in China, Pelze in Massachusetts.
Beim Exportartikel ist der
Wert einigermaßen aus der Unmittelbarkeit psychologisch
herausgerückt, die bei der Binnen-Konsumtion der Geldware stattfindet.
Allein die glücklichste Mitte zwischen abstrakten Geldarten, wie die
angeführten, und dem Konsumtivgeld stellt doch das Schmuckgeld, also Gold
und Silber, dar, indem es weder so launenhaft und sinnlos wie jene, noch so
grob und singulär wie dieses ist. Dies ist offenbar der Träger, der
das Geld zugleich am leichtesten und am festesten zu seiner Symbolwerdung
leitet; das Stadium dieser Bindung muss es passieren, um zu dem Maximum seiner
Leistungsfähigkeit zu gelangen, und es scheint, dass es für absehbare
Zeiten nicht gänzlich aus ihm heraustreten kann.
Wenn sekundäre Symbole
- wie man sie im Unterschied gegen die naive Symbolistik naiver
Geisteszustände nennen kann -- immer mehr die unmittelbaren Greifbarkeiten
von Dingen und Werten für die Praxis ersetzen, so ist damit die Bedeutung
des Intellekts für die Lebensführung außerordentlich
gesteigert.
Sobald das Leben nicht mehr
zwischen sinnlichen Einzelheiten verläuft, sondern sich durch
Abstraktionen, Durchschnitte, Zusammenfassungen bestimmen lässt, so wird
insbesondere in den Beziehungen der Menschen untereinander der schnellere und genauere
Vollzug der Abstraktionsprozesse einen erheblichen Vorsprung verleihen.
Wenn da, wo in roheren
Zeiten die öffentliche Ordnung nur durch physische Gewalt hergestellt
werden konnte, heute das bloße Erscheinen eines Beamten dazu gehört;
wenn die bloße Namensunterschrift uns äußerlich und innerlich
bedingungslos bindet; wenn unter feinfühligen Menschen ein leise
andeutendes Wort oder eine Miene hinreicht, ihr Verhältnis dauernd
festzustellen, das sich unter tieferstehenden erst auf lange Auseinandersetzungen
oder praktische Handlungsweisen hin ergibt; wenn man uns durch eine Berechnung
auf dem Papiere zu Opfern bringen kann, die dem Unverständigen nur durch
die reale Einwirkung der betreffenden Faktoren abgezwungen werden - so ist
diese Bedeutung symbolischer Dinge und Taten offenbar nur bei sehr gesteigerter
Intellektualität möglich, nur bei dem Vorhandensein einer so
selbständigen geistigen Kraft, dass sie des Eintretens unmittelbarer
Einzelheiten nicht bedarf. (> 128)
Ich habe dies
ausgeführt, um die Einordnung des Geldes auch in diese Strömung der
Kultur einleuchtend zu machen.
Das immer wirkungsvoller
werdende Prinzip der Ersparnis an Kräften und Substanzen führt zu
immer ausgedehnterem Verfahren mit Vertretungen und Symbolen, welche mit
demjenigen, was sie vertreten, gar keine inhaltliche Verwandtschaft haben; so
dass es durchaus in derselben Richtung liegt, wenn die Operationen mit Werten
sich an einem Symbol vollziehen, das mehr und mehr die materielle Beziehung zu
den definitiven Realitäten seines Gebietes einbüßt und
bloß Symbol wird.
Diese Lebensform setzt
nicht nur eine außerordentliche Vermehrung der psychischen Prozesse
voraus - wie komplizierte psychologische Vorbedingungen fordert etwa nur die
Deckung von Banknoten durch Barreserve! - sondern auch eine Erhöhung
derselben, eine prinzipielle Wendung der Kultur zur Intellektualität.
Dass das Leben im
wesentlichen auf den Intellekt gestellt ist und dieser als die praktisch
wertvollste unter unseren psychischen Energien gilt - das pflegt, wie nachherige
Überlegungen noch ausführlich zeigen werden, mit dem Durchdringen der
Geldwirtschaft Hand in Hand zu gehen; wie denn auch innerhalb des
Handelsgebietes, insbesondere wo reine Geldgeschäfte in Frage stehen,
zweifellos der Intellekt im Besitz der Souveränität ist.
Die Steigerung der
intellektuellen, abstrahierenden Fähigkeiten charakterisiert die Zeit, in
der das Geld immer mehr zum reinen Symbol und gegen seinen Eigenwert
gleichgültig wird.
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