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Geschichtliche
Entwicklung des Geldes von der Substanz zur Funktion; soziologische Bedingtheit
derselben.
Die sozialen
Wechselwirkungen und ihre Kristallisierung zu Sondergebilden; das gemeinsame
Verhältnis von Käufern und Verkäufern zu der sozialen Einheit
als soziologische Voraussetzung des Geldverkehrs.
Größe und
Kleinheit, Lockerheit und Konzentriertheit des Wirtschaftskreises in ihrer
Bedeutung für den Substanzcharakter des Geldes.
Der Uebergang zum
Funktionscharakter an seinen Einzeldiensten entwickelt: Verkehrserleichterung,
Beständigkeit des Wertmaßes, Mobilisierung und Kondensierung der
Werte.
Sinkende Substanzbedeutung
und steigende Wertbedeutung des Geldes.
Es handelt sich jetzt um
die historische Ausgestaltung des prinzipiell Konstruierten.
Wesen und Bedeutung des
Geldes treten nach ihren großen kulturphilosophischen Zusammenhängen
an den Bewegungen hervor, die es auf seinen reinen Begriff zu und von seiner
Fesselung an bestimmte Substanzen abführen - sowenig dieser Weg das Ziel
erreichen kann, das ihm die Richtung gibt.
Hiermit erst schließt
sich das Geld der allgemeinen Entwicklung an, die auf jedem Gebiet und in jedem
Sinn das Substanzielle in freischwebende Prozesse aufzulösen strebt; und
zwar gewinnt das Geld diesen Anschluß in jeder überhaupt
möglichen Form: einerseits als ein Bestandteil jener umfassenden
Entwicklung, andrerseits, wegen seines eigentümlichen Verhältnisses
zu den konkreten Werten, als Symbol derselben; einerseits ferner als Wirkung
der von jener Entwicklung regulierten Kulturströmungen, andrerseits als
von sich aus wirksame Ursache derselben.
Dieser Zusammenhang
interessiert uns hier in derjenigen Richtung, in der er die Gestaltung des
Geldes als die Folge der Verfassungen und der Bedürfnisse menschlichen
Zusammenlebens bewirkt.
Jene Einschränkung
also, daß es sich um einen nicht zu vollendenden Weg handelt, ein
für allemal vorbehalten, behandle ich nun die Funktionsbedeutung des
Geldes und ihr Steigen bis zur Verdeckung seiner Substanzbedeutung.
Auf die letzten Grundlagen
hin angesehen ist die so bezeichnete Auflösung des Geldbegriffes viel
weniger radikal, als es scheint. Denn genau genommen ist auch der Substanzwert
des Geldes nichts als ein Funktionswert.
So sehr man die Edelmetalle
als bloße Substanzen schätzen mag, so schätzt man sie doch etwa
nur, weil sie schmücken, auszeichnen, technisch verwendbar sind,
ästhetische Freude gewähren u. ähnl. - also, weil sie gewisse
Funktionen ausüben; niemals kann ihr Wert in ihrem in sich ruhenden Sein
bestehen, sondern immer nur in dem, was sie leisten; ihre Substanz, wie die
aller praktischen Dinge, ist uns rein als solche und abgesehen von dem, was sie
leistet, das Gleichgültigste von der Welt.
Von der Mehrzahl der
Objekte kann man sagen: sie sind nicht wertvoll, (> 152) sondern sie werden
es - denn dazu müssen sie fortwährend aus sich heraus und in
Wechselwirkung mit anderen treten; es sind nur Wirkungen ihrer, an die sich ein
Wertgefühl knüpft.
Denn selbst wenn eine
ästhetische Stimmung die Edelmetalle jenen objektiven Werten zurechnete,
durch deren bloßes Dasein, jenseits alles Anerkannt- und Genossenwerdens,
die Welt an und für sich wertvoller bedeutsamer wird - so würden sie
doch mit diesem Werte keinesfalls in die Wirtschaft eintreten.
Hier vielmehr bleibt aller
Wert an ihre Leistung geheftet, und es ist eine bloß willkürliche
und den wahren Sachverhalt verhüllende Ausdrucksweise, daß sie einen
Substanzwert besäßen, der von ihren Leistungen als Geld prinzipiell
geschieden wäre; denn jener Substanzwert der Metalle ist gleichfalls
Funktionswert, nur nicht der ihrer Funktion als Geld.
Alle Werte des Edelmetalls
vielmehr bilden eine Reihe, die nichts anderes ist als eine Reihe von Funktionen.
Dies verbirgt sich
natürlich der Erkenntnis um so mehr, je weniger lebhaft diese Funktionen
in der Wirklichkeit sind.
Die ganzen Bedenken des
Mittelalters gegen das Zinsennehmen gehen darauf zurück, daß das
Geld viel starrer, substanzieller, den Dingen geschlossener
gegenüberstehend erschien und war als in der Neuzeit, in der es vielmehr
dynamisch, fließend, sich anschmiegend wirkt und erscheint.
Die Adoption der
Aristotelischen Lehre: es sei unnatürlich, daß Geld Geld
gebäre, und die Verurteilung des Zinses als Diebstahl, da ja das
zurückerstattete Kapital schon so viel sei wie das entliehene; die
Begründung ebendesselben durch Alexander von Hales: daß das Geld
sich doch durch den Gebrauch nicht abnütze, und daß es nicht, wie
die Objekte eines Mietsvertrages, dem Gläubiger einen Nutzen abwerfe; die
Lehre des hl. Thomas, daß beim Geld, weil es von vornherein zum Weggeben
bestimmt sei, Gebrauch und Verbrauch zusammenfielen und man deshalb jenen
nicht, wie etwa bei einem Wohnhaus, gesondert verkaufen könne - all diese
Lehren zeigen, wie starr, den Fluktuationen des Lebens unverbunden, wie wenig
als Produktivkraft das Geld erschien.
Die tatsächliche
Geringfügigkeit seiner Wirkungen verdeckte seinen funktionellen Charakter
überhaupt.
Das ist aber dasselbe Grundgefühl
dem Gelde gegenüber, das sein Wesen an eine Metallsubstanz als solche
gefesselt meint. Auch diese Meinung stellt es, wie das Mittelalter, den
Bewegungen der wirtschaftlichen Objekte als ein ens per se gegenüber,
statt es in sie einzubeziehen und zu erkennen, daß es, welches auch sein
Träger sei, als Geld nicht sowohl eine Funktion hat, als eine Funktion
ist.
Den Gegenpol zu der
Anschauungsweise des Mittelalters bildet die Kreditwirtschaft, in der die
Anweisung den Gelddienst versieht. (>153)
Für jene ist die
Substanz des Geldes, aber nicht seine Wirkung die beherrschende Idee - wodurch,
sowenig diese Wirkung tatsächlich auszuscheiden war, sie auf ihr Minimum
herabgedrückt wurde -, in der an das Metall gebundenen Geldvorstellung der
neueren Zeit ist die wirkende Substanz der Kernpunkt, die Kreditwirtschaft
endlich tendiert auf Ausscheidung der Substanz, nur deren Wirkung als das
übrig lassend, worauf es ankommt.
Zu jener
oberflächlichen Anschauung hat wohl das alte Schema mitgewirkt, das die
Erscheinungen durchgehends in Substanz und Akzidenzen teilen ließ.
Gewiß war dies
historisch von unermeßlicher Bedeutung; daß man jede Erscheinung in
einen substanziellen Kern und relative, bewegliche Äußerungsweisen
und Eigenschaften zerlegte, war eine erste Orientierung, ein erster fester
Leitfaden durch die rätselhafte Formlosigkeit der Dinge, ein Gestalten und
Unterwerfen ihrer unter eine durchgehende, unserem Geiste adäquate
Kategorie; die bloß sinnlichen Unterschiede des ersten Anblicks gewinnen
so eine Organisation und Bestimmtheit des gegenseitigen Verhältnisses.
Es ist aber das Wesen
solcher Formen, wie der sozialen Organisationen, unter dem Anschein und dem
Anspruch ewiger Dauer zu bestehen.
Wie es deshalb bei der
Vernichtung einer Gesellschaftsverfassung zugunsten einer anderen scheint, als
ob es mit aller Ordnung und Verfassung überhaupt vorbei wäre, so ruft
die Umbildung der intellektuellen Ordnungen den gleichen Eindruck hervor: die
objektive Festigkeit wie das subjektive Verständnis der Welt scheint zerbrochen,
wenn eine Kategorie fällt, die bisher gleichsam zu dem Rückgrat des
Weltbildes gehörte.
Der Geldwert wird aber der
Reduktion auf einen Funktionswert so wenig widerstehen können, wie das
Licht, die Wärme und das Leben ihren besonderen substanziellen Charakter
bewahren und sich der Auflösung in Bewegungsarten entziehen konnten.
Ich beobachte nun
zunächst gewisse Strukturverhältnisse des Wirtschaftskreises.
In welchem Maße es
von diesen und nicht von der Substanz des Geldes abhängt, inwieweit es
wirklich Geld ist, d. h. als Geld wirkt, das mag aus einem negativen, an eine
prinzipielle Überlegung anzuknüpfenden Beispiel hervorgehen.
Wir bemerken, daß in
einem Verhältnis zwischen zwei Menschen die äußere Form selten
der genau angepaßte Ausdruck seines inneren Intensitätsmaßes
ist; und zwar pflegt sich die Inadäquatheit beider so darzustellen,
daß sich die inneren Beziehungen kontinuierlich, die äußeren
aber sprungweise entwickeln.
Wenn also selbst zu einem
gegebenen Zeitpunkt beide einander entsprechen, so beharren die letzteren in
ihrer einmal ge-wonnenen Form,
während die ersteren sich steigern.
Von einem gewissen Grade ab
erfolgt nun ein plötzliches Wachstum jener, das - und hier liegt nun das
Charakteristische - in der Regel nicht bei dem Punkte haltmacht, der dem
gleichzeitigen inneren Verhältnis entspricht, sondern über diesen
hinaus eine noch vorgeschrittenere Innerlichkeit antizipiert.
So wird z. B. das Du
zwischen Freunden, das als der endliche Ausdruck einer schon lange bestehenden Zuneigung
auftritt, doch in der ersten Zeit oft noch als ein wenig exaggeriert empfunden
und schafft mit einem Schlage eine äußere Intimität, der die
ganz entsprechende innere erst in einiger Zeit nachzukommen pflegt.
Sie kommt ihr aber manchmal
auch nicht nach; es gehen manche Verhältnisse darüber zugrunde,
daß ihre Form, obgleich durch ihre Innerlichkeit bis zu einem gewissen
Grade berechtigt, von dieser nicht völlig eingeholt werden kann.
Etwas Entsprechendes findet
auch im Unpersönlichen statt. Kräfte des sozialen Lebens, die auf
ihren Ausdruck in bestimmten Konstellationen von Recht, Austauschformen,
Herrschaftsverhältnissen usw. hindrängen, finden denselben oft lange
nicht, weil die einmal erlangten Formen dieser Gebiete leicht erstarren.
Tritt nun die innerlich
erforderte äußere Änderung dennoch ein, so erfolgt sie oft in
einem Maße, für das die innerlichen Kräfte doch noch nicht ganz
reif sind, und dessen nachträgliche Legitimierung nicht immer gelingt.
So ist die Geldwirtschaft
manchmal aufgekommen.
Nachdem die allgemeinen
Wirtschaftsverhältnisse schon lange auf sie hindrängten, tritt sie
dann in Erscheinungen so gewaltigen Umfanges hervor, daß nun wieder jene
ihr nicht ganz genügen; dann können solche Erscheinungen ein tragisches
Ende finden, wenn die Entwicklung der inneren ökonomischen Kräfte die
Form, die sie vorweggenommen hat, nicht schnell genug einholen. Das war die
Situation, in der die Fugger, ja alle die großen oberdeutschen Bankiers
des 16. Jahrhunderts zugrunde gingen.
Ihre Geldgeschäfte, vollkommen
den Transaktionen moderner Weltbankiers vergleichbar, fielen in eine Zeit, die
zwar der naturalwirtschaftlichen Enge des Mittelalters entwachsen war, aber
doch noch nicht die Kommunikationen, Sicherheiten und Usancen besaß, die
das notwendige Korrelat solcher Geschäfte sind.
Die allgemeinen
Verhältnisse lagen noch nicht so, daß man Außenstände in
Spanien und bei regierenden Herren ohne weiteres hätte einziehen
können.
Die neuen
geldwirtschaftlichen Formen verleiteten Anton Fugger, sie weit über das
Maß zu spannen, in dem sie der adäquate Ausdruck der damaligen
realen Verfassung Europas gewesen wären.
Den Schuldnern jener
Finanzmächte ging es aus demselben Grunde nicht besser. Die spanische
Finanznot des 16. Jahrhunderts (> 155) entstand dadurch, daß das Geld
zwar in Spanien oft genug vorhanden war, aber nicht dort, wo es
großenteils gebraucht wurde: in den Niederlanden.
Dadurch entstanden
Schwierigkeiten, Verzögerungen, Kosten, die zum Ruin der spanischen
Finanzen sehr viel beitrugen.
Bei anderen lokalen
Bedingungen stellt sich auch sofort eine ganz andere Funktionierung des Geldes
ein: die Niederlande ihrerseits hatten in ihrem Kriege gegen Spanien den
ungeheuren Vorteil, daß ihr Geld eben da, wo es war, auch seine
Verwendung fand. In den Händen der Niederländer war es wirklich erst
»Geld«, weil es hier ungehindert funktionieren konnte - obgleich
sie, auch relativ, sehr viel weniger Geldsubstanz besaßen als Spanien und
ihre Existenz auf den Kredit gestellt war.
Je günstiger die
lokalen Bedingungen der Geldfunktion sind, mit desto weniger Substanz
können sie ausgeübt werden, so daß man paradoxerweise sagen
kann: je mehr es wirklich Geld (seiner wesentlichen Bedeutung nach) ist, desto
weniger braucht es Geld (seiner Substanz nach) zu sein.
Neben dem Einfluß
lokaler Bedingungen ist es nun weiterhin die Festigkeit und
Zuverlässigkeit der sozialen Wechselwirkungen, gleichsam die Konsistenz
des Wirtschaftskreises, die die Auflösung der Geldsubstanz vorbereitet.
Das zeigt sich etwa
gelegentlich der Tatsache, daß das Geld eine immer steigende Anzahl von
Wirkungen hervorbringt, während es selbst ruht.
Die manchmal auftretende
Vorstellung, daß die ökonomische Bedeutung des Geldes das Produkt
aus seinem Werte und der Häufigkeit seiner Umsetzungen in einer gegebenen
Zeit wäre, übersieht die mächtigen Wirkungen, die das Geld durch
bloße Hoffnung und Furcht, durch Begierde und Besorgnis, die sich mit ihm
verbinden, übt; es strahlt diese auch ökonomisch so bedeutsamen
Affekte aus, wie Himmel und Hölle sie ausstrahlen: als bloße Idee.
Die reine Vorstellung des
Vorhandenseins oder des Mangels von Geld an einer bestimmten Stelle wirkt
anspannend oder lähmend, und die Goldreserven in den Kellern der Banken,
die deren Noten decken, beweisen handgreiflich, wie das Geld in seiner rein
psychologischen Vertretung volle Wirkungen zustande bringt; hier ist es
wirklich als der »unbewegte Beweger« zu bezeichnen. Nun liegt es
auf der Hand, daß diese Wirkung des Geldes als bloßer
Potenzialität von der Feinheit und Sicherheit der wirtschaftlichen
Organisation überhaupt abhängt.
Wo die sozialen
Verbindungen locker, sporadisch, träge sind, da wird nicht nur bloß
gegen bar verkauft, sondern auch das ruhende Geld findet nicht die vielen
psychologischen Kanäle, durch die hin es wirken kann.
Hierhin gehört auch
die Doppelexistenz des ausgeliehenen Geldes: einmal in der ideellen, aber doch
höchst bedeutungsvollen Form des (>156) Außenstandes, und
außerdem als Realität in der Hand des Schuldners.
Als Forderung gehört
es in den Vermögensbestand des Gläubigers und ist, obgleich es gar
nicht an dieser Stelle vorhanden ist, doch an ihr äußerst wirksam;
andrerseits, obgleich dieser Wert sich gar nicht in dem Vermögen des
Entleihers befindet, so kann er doch mit ihm dieselben wirtschaftlichen
Wirkungen üben, als ob das der Fall wäre.
So wird durch das Ausleihen
des Geldes seine Wirksamkeit in zwei Teile zerlegt und damit der Ertrag seiner
wirtschaftlichen Energie außerordentlich gesteigert.
Aber die intellektuelle
Abstraktion, die diese Zerlegung bewirkt, kann ihre Erfolge eben nur unter
einer so gefesteten und verfeinerten Gesellschaftsverfassung üben,
daß man in ihr überhaupt mit relativer Sicherheit Geld ausleihen und
wirtschaftliche Aktionen auf jene Teilfunktionen seiner gründen kann.
Wie es einer gewissen
Extensität und Intensität der sozialen Beziehungen bedarf, um Geld
überhaupt wirksam werden zu lassen - vorher unterscheidet es sich nicht
von anderen Tauschwaren - so einer sehr verstärkten, um seine Wirkungen zu
vergeistigen.
An diesen gesteigerten
Erscheinungen dokumentiert sich besonders durchsichtig, wie wenig das Geld
seinem innersten Wesen nach an die Körperhaftigkeit seines Substrates
gebunden ist; da es nun aber ganz und gar eine soziologische Erscheinung ist,
eine Form der Wechselwirkung unter den Menschen, so tritt seine Art um so
reiner hervor, je kondensierter, zuverlässiger, leichter ansprechend die
sozialen Verbindungen sind.
Ja, bis in alle
Äußerlichkeiten der Geldform hinein wirkt die allgemeine Festigkeit
und Sicherheit der Verkehrskultur.
Daß ein so feiner und
leicht zerstörbarer Stoff wie Papier zum Träger höchsten
Geldwertes wird, ist nur in einem so fest und eng organisierten und
gegenseitigen Schutz garantierenden Kulturkreise möglich, daß eine
Reihe elementarer Gefahren für dasselbe - sowohl äußerer wie
namentlich psychologischer Natur - ausgeschlossen sind; bezeichnenderweise hat
deshalb das Mittelalter ziemlich häufig Ledergeld verwendet.
Wenn das Papiergeld wegen
seines gleichsam unsubstanziellen Wesens die vorschreitende Auflösung des
Geldwertes in bloßen Funktionswert bezeichnet, so mag das Ledergeld eine
Vorstufe dazu symbolisieren: von den Qualitäten, die das substanzielle
Geld charakterisieren, hat das Ledergeld wenigstens die der relativen
Unzerstörbarkeit noch bewahrt und kann sie erst bei einer bestimmten
vorgeschrittenen Struktur der individuellen und sozialen Verhältnisse
abgeben.
Die Praxis und die Theorie
der Geldpolitik scheint ebenso den Entwicklungsgang von der Substanzbedeutung
des Geldes zur Funktionsbedeutung, wie die Abhängigkeit desselben von den
soziologischen (> 157) Zuständen zu bestätigen.
Man könnte den
Fiskalismus des Mittelalters und den Merkantilismus als materialistische
Geldpolitik bezeichnen.
Wie der Materialismus den
Geist mit seinen Äußerungen und seinem Werte der Materie einordnet,
so meinten jene Standpunkte das Wesen und die Bewegungskraft des
staatlich-wirtschaftlichen Lebens an die Geldsubstanz gebunden. Es besteht aber
zwischen ihnen derselbe Unterschied wie zwischen der rohen und der feineren
Form des Materialismus.
Jene behauptet, daß
die Vorstellung selbst etwas Materielles wäre und das Gehirn Gedanken
absondere, wie die Drüsen ihre Flüssigkeit, wie die Leber die Galle.
Diese: die Vorstellung sei
nicht selbst materiell, aber eine Bewegungsform des Materiellen, der Gedanke
bestehe wie Licht, Wärme, Elektrizität in einer besonderen Art von
Schwingungen körperlicher Teile.
Diesem Unterschiede der
intellektuellen Standpunkte entspricht es, wenn einerseits der Fiskalismus das
Interesse der Regierung darein verlegt, möglichst viel bares Geld zur
unmittelbaren Verwendung des Fürsten oder für die Staatszwecke
herauszuschlagen, andrerseits der Merkantilismus zwar auch auf das bare Geld
einen Hauptwert legt, aber nicht, um es substanziell herauszuziehen, sondern um
die wirtschaftlichen Bewegungen des Landes funktionell zu beleben.
Innerhalb dieser
materialistischen Richtungen der Geldpolitik selbst, die noch ganz tief in der
Vorstellung steckten, daß die Geldsubstanz der Wert an und für sich
wäre, macht sich also doch schon die Wendung von der grob
äußerlichen zu der funktionellen Bedeutung dieser Substanz geltend.
Dem entspricht die
politische Verfassung der fraglichen Perioden.
Der Fürst da, wo die
mittelalterliche fiskalische Verfassung herrschte, in einem bloß
äußerlichen Verhältnis zu seinem Lande, oft in einem
völlig unorganischen, durch Erheiratung oder Eroberung hergestellten, so
daß es sich in der Tendenz, nur möglichst viel Geld aus dem Lande zu
ziehen, völlig adäquat ausdrückte -wovon der häufige
Verkauf ganzer Territorien gegen Geld der konsequente Abschluß war; indem
das starre, bloß substanzielle Geldinteresse Herrscher und Beherrschte
verband, zeigte es, wie unverbunden sie waren.
Für dieses
soziologische Verhältnis zwischen den beiden Parteien ist die im
Mittelalter so häufige Münzpolitik der Herrscher, die in einer
fortwährenden Verschlechterung der Münze bestand, die
nächstliegende Technik; nur bei einem völlig unorganischen Zusammen
sind derartige Politiken möglich, die auf der Seite des einen allen
Nutzen, auf der der anderen allen Schaden lassen.
Die Freude am baren Gelde,
die den Orientalen angeboren scheint, hat man auf den Fiskalismus ihrer
Fürsten zurückgeführt, die das Münzregal als Steuerquelle
benutzen, ohne sich um die Folgen der Valutaverschlechterung (>158) zu
sorgen: das notwendige Gegenstück dazu sei die Leidenschaft des Untertanen
für die Aufhäufung von barem Gold und Silber.
Der aufkommende
zentralistisch-despotische Staat bedeutete ein viel engeres und lebendigeres
Verhältnis zwischen den politischen Faktoren: die Vorstellung ihrer
organischen Einheit bildet das Gemeinsame der Fürstenideale, vom
l'état c'est moi bis zum Könige als dem ersten Diener seines
Volkes.
Wenn nun auch hier das
Interesse der Regierung noch an dem Hereinbringen möglichst reichlicher
Geldsubstanz haftet, so entspricht es doch der regeren Wechselwirkung zwischen
Haupt und Gliedern des Staatskörpers, der Belebtheit der Staatsexistenz
als solcher, daß nicht mehr in dem substanziellen Besitze, sondern in der
Fruchtbarkeit des Geldes für das Gedeihen der Industrie usw. der Endzweck
seines Erwerbes gesucht wurde.
Als dann die liberalen
Tendenzen das staatliche Leben zu immer freierem Fluß, immer
ungehemmterer Geschmeidigkeit, immer labilerem Gleichgewicht der Elemente
führten, war die materielle Grundlage für die Theorie Adam Smiths
gegeben: daß Gold und Silber bloße Werkzeuge sind, nicht anders als
Kochgeräte, und daß ihr Import an und für sich so wenig den
Wohlstand der Länder steigere, wie man durch die Vermehrung der
Kochgeräte schon mehr zu essen habe.
Haben sich
schließlich die alten substanziellen Ordnungen so weit aufgelöst, um
anarchistische Ideale zu ermöglichen, so wird in ihnen begreiflicherweise
auch diese Richtung der Geldtheorie ihr Extrem erreichen.
Proudhon, der alle festen
Staatsgebilde beseitigen und die freie unmittelbare Wechselwirkung der
Individuen als die einzig richtige Form des sozialen Lebens anerkennen will,
bekämpft den Gebrauch des Geldes überhaupt; denn in ihm sieht er ein
genaues Analogon jener Herrschaftsgebilde, die aus den Individuen ihre
lebendige Wechselwirkung heraussaugen und in sich kristallisieren.
Es müsse daher die
Tauschbarkeit der Werte ohne Dazwischenkunft des Geldes begründet werden,
ebenso wie die Regierung der Gesellschaft durch alle Bürger ohne
Dazwischenkunft des Königs; und wie man jedem Bürger das Stimmrecht
gegeben habe, so müsse jede Ware an und für sich und ohne Vermittlung
des Geldes zum Wertrepräsentanten werden.
Mit der Ansicht Adam Smiths
ist die Richtung auf die hier vertretene Geldtheorie eingeschlagen, die man im
Gegensatz zu den materialistischen als transzendentale bezeichnen kann.
Denn wenn der Materialismus
erklärt: der Geist ist Materie - so lehrt die Transzendentalphilosophie:
auch die Materie ist Geist. Nicht um den Geist im Sinne des Spiritualismus
handelt es sich, der auch eine Substanz, ein ruhendes Sein, wenn auch
immaterieller Art ist; sondern um die Erkenntnis, daß jegliches (>159)
Objekt, körperhafter oder geistiger Art, für uns nur besteht,
insofern es von der Seele in ihrem Lebensprozeß erzeugt wird, oder
genauer: insofern es eine Funktion der Seele ist.
Wenn nun die
materialistische Auffassung des Geldes als Irrtum erscheint, so zeigt die
historische Betrachtung, daß es kein zufälliger war, sondern der
angemessene theoretische Ausdruck eines tatsächlichen soziologischen
Zustandes, der erst durch reale Mächte überwunden werden mußte,
ehe sein theoretisches Gegenbild durch theoretische überwunden werden
konnte.
Der weitere Zusammenhang,
in den sich der soziologische Charakter des Geldes einstellt, ist dieser.
Als den Ausgangspunkt aller
sozialen Gestaltung können wir uns nur die Wechselwirkung von Person zu
Person vorstellen.
Gleichviel wie die in
Dunkel gehüllten historischen Anfänge des gesellschaftlichen Lebens
wirklich gestaltet waren - seine genetische und systematische Betrachtung
muß diese einfachste und unmittelbarste Beziehung zum Grunde legen, von
der wir doch schließlich auch heute noch unzählige gesellschaftliche
Neubildungen ausgehen sehen.
Die weitere Entwicklung
ersetzt nun diese Unmittelbarkeit der wechselwirkenden Kräfte durch die
Schaffung höherer überpersönlicher Gebilde, die als gesonderte
Träger eben jener Kräfte auftreten und die Beziehungen der Individuen
untereinander durch sich hindurchleiten und vermitteln. Diese Gebilde bieten
sich in den verschiedensten Erscheinungsarten dar: in greifbarer Realität
wie als bloße Ideen und Phantasieprodukte, als weitverzweigte
Organisationen wie in der Darstellung an Einzelpersonen.
So bildeten sich aus den
Erforderlichkeiten und Usancen, die sich im Verkehr der Gruppengenossen
zunächst von Fall zu Fall entwickeln und sich schließlich fixieren,
die objektiven Gesetze der Sitte, des Rechts, der Moral - ideale Erzeugnisse
des menschlichen Vorstellens und Wertens, die nun für unser Denken ganz
jenseits des einzelnen Wollens und Handelns stehen, gleichsam als dessen
losgelöste »reine Formen«.
So verkörpert sich,
diesen Prozeß fortsetzend, das Staatsgesetz in dem Richterstand und der
ganzen Verwaltungshierarchie; so die zusammenhaltende Kraft einer politischen
Partei in dem Parteivorstand und der parlamentarischen Vertretung; so verlegt
sich die Kohäsion eines Regimentes in seine Fahne, einer mystischen
Vereinigung in ihren Gral usw.
Es werden also die
Wechselwirkungen unter den primären Elementen selbst, die die soziale
Einheit erzeugen, dadurch ersetzt, daß jedes dieser Elemente für
sich zu dem darüber oder dazwischen geschobenen Organe in Beziehung tritt.
In diese Kategorie
substanzgewordener Sozialfunktionen gehört das Geld.
Die Funktion des Tausches,
eine unmittelbare (>160) Wechselwirkung unter Individuen, ist mit ihm zu
einem für sich bestehenden Gebilde kristallisiert.
Der Austausch der
Arbeitsprodukte oder des sonst aus irgendeiner Quelle her Besessenen ist
offenbar eine der reinsten und primitivsten Formen menschlicher
Vergesellschaftung, und zwar nicht so, daß die »Gesellschaft«
schon perfekt wäre, und dann käme es zu Tauschakten innerhalb ihrer;
sondern der Tausch selbst ist eine der Funktionen, die aus dem bloßen
Nebeneinander der Individuen ihre innerliche Verknüpfung, die
Gesellschaft, zustande bringen; denn die Gesellschaft ist nicht eine absolute
Einheit, die erst dasein müßte, damit alle die einzelnen Beziehungen
ihrer Mitglieder: Über- und Unterordnung, Kohäsion, Nachahmungen,
Arbeitsteilung, Tausch, gleichgerichtete Angriffe, und Verteidigungen,
religiöse Gemeinschaft, Parteibildung und viele andere in ihr als dem
Träger oder Rahmen jener entstünden.
Sondern Gesellschaft ist
nichts als die Zusammenfassung oder der allgemeine Name für die Gesamtheit
dieser speziellen Wechselbeziehungen.
Die einzelne freilich kann
ausscheiden, und es bleibt noch immer »Gesellschaft« übrig -
aber nur, wenn nach Wegfall der einen noch eine hinreichend große Anzahl
anderer in Kraft bleiben; fielen alle fort, so würde es auch keine
Gesellschaft mehr geben: gerade wie die Lebenseinheit eines organischen
Körpers noch damit weiterbestehen kann, daß eine oder die andere
seiner Funktionen, d. h. der Wechselbeziehungen zwischen seinen Teilen
aufhört, aber nicht mehr damit, daß sie alle aufhören - weil
»Leben« nichts anderes ist als die Summe solcher unter den Atomen
eines Körpers, wechselseitig ausgeübten Kräfte.
Fast ist es deshalb noch
ein zweideutiger Ausdruck, daß der Tausch Vergesellschaftung bewirke: er
ist vielmehr eine Verggsellschaftung, eine jener Beziehungen, deren Bestehen
eine Summe von Individuen zu einer sozialen Gruppe macht, weil
»Gesellschaft« mit der Summe dieser Beziehungen identisch ist.
Die oft hervorgehobenen
Unbequemlichkeiten und Unzulänglichkeiten des Naturaltausches nun sind
durchaus denen vergleichbar, die sich bei anderen sozialen Wechselwirkungen
einstellen, solange sie sich noch in dem Stadium der Unmittelbarkeit befinden:
wenn alle Regierungsmaßregeln von der Gesamtheit der Bürger beraten
und gebilligt werden müssen; wenn der Schutz der Gruppe nach außen
noch durch den primitiven Waffendienst jedes Gruppenangehörigen
bewerkstelligt wird; wenn Zusammenfassung und Organisation noch ausschließlich
auf persönlich ausgeübter Autorität und Gewalt beruht, wenn die
Verwaltung der Gerechtigkeit noch durch den unmittelbaren Urteilsspruch der
Gemeinde geschieht - so ergeben sich daraus bei wachsender Extensität und Komplikation
der Gruppe alle jene Unzweckmäßigkeiten,
Behinderungen und Lockerungen, die einerseits auf die Abgabe dieser Funktionen
an besondere arbeitsteilige Organe, andrerseits auf die Kreierung vertretender
und zusammenhaltender Ideale und Symbole hindrängen.
Die Tauschfunktion
führt tatsächlich zu Bildungen von beiderlei Art: einerseits zum
Stande der Händler, andrerseits zum Geld. Der Händler ist der
differenzierte Träger der sonst zwischen den Produzenten unmittelbar
ausgeübten Tauschfunktionen; statt der einfachen Wechselbeziehungen unter
diesen tritt die Beziehung ein, welche jeder derselben für sich zum
Händler hat, wie die unmittelbare Kontrolle und Kohäsion der
Gruppengenossen durch die gemeinsame Beziehung zu den Regierungsorganen ersetzt
wird.
Und nun kann man, genauere
Erkenntnis vorbereitend, sagen: wie der Händler zwischen den tauschenden
Subjekten steht, gerade so steht das Geld zwischen den Tauschobjekten.
Statt daß deren
Äquivalenz unmittelbar wirksam wird und ihre Bewegungen in sich
beschlossen sein läßt, tritt nun jedes von ihnen für sich in
ein Gleichungs- und Austauschverhältnis zum Geld.
Wie der Händler die
verkörperte Funktion des Austausches ist, so das Geld die verkörperte
Funktion des Ausgetauschtwerdens: es ist, wie wir früher sahen, das zur Substanz
gewordene bloße Verhältnis der Dinge zueinander, wie es in ihrer
wirtschaftlichen Bewegung zum Ausdruck kommt.
So steht es
schließlich jenseits der einzelnen Dinge, deren jedes zu ihm in Beziehung
steht, als ein nach eigenen Normen organisiertes Reich, das eben doch nur die
Objektivation der ursprünglich unter jenen einzelnen Dingen selbst
geschehenen Ausgleichs- und Austauschbewegungen ist.
Allein dies ist, wie
gesagt, nur eine vorbereitende Ansicht. Denn schließlich sind es doch
nicht die Dinge, sondern die Menschen, die diese Prozesse vollziehen, und die
Verhältnisse zwischen jenen sind auf dem hier fraglichen Gebiete doch
Verhältnisse zwischen diesen.
Was der Tausch unter
Individuen als Aktion ist, das ist das Geld in konkret gewordener, für sich
bestehender, gleichsam erstarrter Form, in demselben Sinne, wie die Regierung
das gegenseitige Sichinordnunghalten der Gruppenmitglieder, wie das Palladium
oder die Lade ihre Kohäsion, wie der Kriegerstand ihr Sichverteidigen
darstellt.
Alles dies sind gleichmäßig
Fälle jenes weitesten Typus: daß aus primären Erscheinungen,
Substanzen, Vorgängen eine einzelne Seite, die nur an und mit ihnen
existiert, wie die Eigenschaft an ihrer Substanz und die Tätigkeit an
ihrem Subjekt, dennoch von ihnen gelöst wird, indem sie sich mit einem
eigenen Körper bekleidet: die Abstraktion wird eben dadurch vollzogen,
daß sie zu einem konkreten Gebilde kristallisiert.
Außerhalb des
Tausches ist das Geld so wenig etwas, wie Regimenter und Fahnen außerhalb
(>162) der gemeinsamen Angriffe und Verteidigungen oder wie Priester und
Tempel außerhalb der gemeinsamen Religiosität.
Die Doppelnatur des Geldes:
zwar eine sehr konkrete und als solche geschätzte Substanz zu sein und
doch seinen Sinn nur in der völligen Auflösung in Bewegung und
Funktion zu besitzen - gründet sich darauf, daß es nur in der
Hypostasierung, gleichsam in der Fleischwerdung einer reinen Funktion, des
Tausches unter Menschen, besteht.
Die Entwicklungen des
Geldstoffes bringen seinen soziologischen Charakter zu immer vollkommenerem
Ausdruck.
Die primitiven
Tauschmittel, wie Salz, Vieh, Tabak, Getreide, sind ihrer Verwendung nach von
dem reinen Individualinteresse bestimmt, solipsistisch, d. h. sie werden
schließlich von einem einzelnen konsumiert, ohne daß in diesem
Augenblick andere noch ein Interesse daran hätten.
Das Edelmetall dagegen
weist durch seine Bedeutung als Schmuck auf die Beziehung zwischen den
Individuen hin; man schmückt sich für andere.
Der Schmuck ist ein
soziales Bedürfnis, und die Edelmetalle eignen sich eben durch ihren Glanz
ganz besonders dazu, die Augen auf sich zu ziehen.
Darum sind bestimmte
Schmuckarten auch bestimmten sozialen Positionen vorbehalten; so war im
mittelalterlichen Frankreich das Tragen von Goldschmuck allen unter einem
gewissen Range Stehenden verboten.
Dadurch, daß der
Schmuck seine ganze Bedeutung in den psychologischen Vorgängen hat, die er
außerhalb seines Trägers in anderen erregt, unterscheidet sich das
Edelmetall durchaus von jenen ursprünglicheren, sozusagen zentripetalen
Tauschmitteln. Der Tausch als das reinste soziologische Vorkommnis, d. h. als
die vollständigste Wechselwirkung, findet den entsprechenden Träger
in der Substanz des Schmuckes, der alle Bedeutung für seinen Besitzer nur
mittelbar, nämlich als Beziehung zu anderen Menschen, aufweist.
Wenn diese
Verkörperung der Tauschaktion in einem besonderen Gebilde sich technisch
so vollzieht, daß jedes Objekt, statt unmittelbar gegen ein anderes,
zunächst gegen jenes eingetauscht wird, so ist nun die Frage: welches ist,
näher angesehen, das dem entsprechende Verhalten der hinter den Objekten
stehenden Menschen? - denn das gemeinsame Verhalten zum Händler, so sehr
es Ursache und Wirkung des Geldverkehrs ist, konnte hierfür doch nur als
Gleichnis dienen.
Nun scheint es mir klar:
das Fundament und der soziologische Träger jenes Verhältnisses
zwischen den Objekten und dem Gelde ist das Verhältnis der wirtschaftenden
Individuen zu der Zentralmacht, die das Geld ausgibt oder garantiert.
Den Dienst, als absolute
Zwischeninstanz über allen Einzelprodukten zu stehen, leistet das Geld
erst, wenn die Prägung es über den bloßen Charakter als
(>163) Metallquantum - von naturaleren Geldarten nicht zu reden -
hinausgehoben hat.
Jene Abstraktion des
Tauschprozesses aus den einzelnen realen Tauschen und ihre Verkörperung in
einem objektiven Sondergebilde kann erst eintreten, wenn der Tausch etwas
anderes geworden ist als ein privater Vorgang zwischen zwei Individuen, der
völlig in den individuellen Aktionen und Gegenaktionen dieser beschlossen
liegt.
Dies andere und weitere
wird er, indem der Tauschwert, den die eine Partei gibt, seine Bedeutung
für die zweite nicht unmittelbar, sondern als bloße Anweisung auf
andere, definitive Werte enthält -eine Anweisung, deren Realisierung von
der Gesamtheit des Wirtschaftskreises oder von der Regierung als der Vertretung
desselben abhängt.
Indem der Naturaltausch
durch den Geldkauf ersetzt wird, tritt zwischen die beiden Parteien eine dritte
Instanz: die soziale Gesamtheit, die für das Geld einen entsprechenden
Realwert zur Verfügung stellt.
Der Drehpunkt der
Wechselwirkung jener beiden rückt damit weiter fort, er entfernt sich aus
der unmittelbaren Verbindungslinie zwischen ihnen und verlegt sich in das
Verhältnis, das jeder von ihnen als Geldinteressent zu dem
Wirtschaftskreise hat, der das Geld akzeptiert und dies durch die Prägung
seitens seiner höchsten Vertretung dokumentiert.
Hierauf beruht der Kern von
Wahrheit in der Theorie, daß alles Geld nur eine Anweisung auf die
Gesellschaft ist; es erscheint gleichsam als ein Wechsel, in dem der Name des
Bezogenen nicht ausgefüllt ist, oder auch: in dem die Prägung die
Stelle des Akzeptes vertritt.
Wenn man gegen die Lehre,
die auch im Metallgelde einen Kredit finden will, eingewendet hat, daß
der Kredit doch eine Verbindlichkeit begründe, die Metallgeldzahlung aber
jede Verbindlichkeit löse, so ist übersehen, daß das, was
für den einzelnen Lösung ist, für die Gesamtheit Bindung sein
kann.
Die Solvierung jeder
privaten Verbindlichkeit durch Geld bedeutet eben, daß jetzt die
Gesamtheit diese Verpflichtung gegen den Berechtigten übernimmt.
Die Verbindlichkeit aus
einer naturalen Leistung ist doch nur auf zweierlei Weise aus der Welt zu
schaffen: entweder durch direkte Gegenleistung oder durch Anweisung auf eine
solche.
Letztere hat der
Geldbesitzer in der Hand, und indem er sie an denjenigen, der vorgeleistet hat,
übergibt, weist er ihn an einen vorläufig anonymen Produzenten, der
auf Grund seiner Zugehörigkeit zu dem betreffenden Wirtschaftskreise jene erforderte
Leistung gegen eben dieses Geld auf sich nimmt.
Der Unterschied zwischen
dem gedeckten und dem ungedeckten Papiergeld, den man in Beziehung zu dem
Kreditcharakter des Geldes gesetzt hat, ist dabei ganz irrelevant.
Man hat gemeint, nur
uneinlösbares Papier sei wirklich Geld (papier-monnaie), wogegen
einlösbares nur eine Anweisung auf (>164) Geld sei (monnaie de papier);
dagegen ist nun wieder geltend gemacht, daß dieser Unterschied keine
Bedeutung für den Verkehr zwischen Käufer und Verkäufer habe,
denn in diesem funktioniere auch das gedeckte Papier nicht als
Zahlungsversprechen, sondern als definitive Zahlung, im Unterschiede etwa gegen
den Scheck, der auch zwischen Käufer und Verkäufer nur ein
Versprechen sei.
Diese ganze Fragestellung
dringt nicht zu dem soziologischen Sachverhalt hinunter; für diesen ist
kein Zweifel, daß auch das Metallgeld ein Versprechen ist und daß
es sich insofern von dem Scheck nur durch die Größe des Kreises
unterscheidet, der dessen Einlösung verbürgt.
Das gemeinsame
Verhältnis von Geldbesitzer und Verkäufer zu einem sozialen Kreise -
der Anspruch jenes an eine in diesem Kreise zu prästierende Leistung und
das Vertrauen des anderen, daß dieser Anspruch honoriert werden wird -
ist die soziologische Konstellation, in der sich der Geldverkehr im Gegensatz
zum Naturalverkehr vollzieht.
Tatsächlich stecken in
dem Metallgeld, das man als den absoluten Gegensatz des Kreditgeldes
aufzufassen pflegt, zwei in eigentümlicher Weise verschlungene
Kreditvoraussetzungen.
Zunächst ist innerhalb
des täglichen Verkehrs die Prüfung der Münze auf ihr Schrot und
Korn nur ausnahmsweise tunlich.
Ohne ein Vertrauen des
Publikums zu der emittierenden Regierung oder, gegebenenfalls, zu denjenigen
Personen, die den Realwert der Münze gegenüber ihrem Nominalwert
festzustellen imstande sind, kann es auch zu einem Bargeldverkehr nicht kommen.
Die Aufschrift der Malteser
Münzen: non aes sed fides - bezeichnet ganz vortrefflich den
integrierenden Zusatz des Glaubens, ohne den die noch so vollwichtige
Münze ihre Funktion in den weitaus meisten Fällen nicht ausüben
kann.
Gerade die
Mannigfaltigkeit, oft Entgegengesetztheit der Gründe für die
Akzeptierung des Geldstücks zeigt, daß nicht deren objektive
Beweiskraft das Wesentliche ist: in einigen Gegenden von Afrika muß der
MariaTheresia-Taler weiß und rein sein, in anderen gerade fettig und
schmutzig, damit man ihn als echt annehme ! Es muß aber, zweitens, der
Glaube vorhanden sein, daß das Geld, das man jetzt einnimmt, auch zu dem
gleichen Wert wieder auszugeben ist.
Auch hier ist das
Unentbehrliche und Entscheidende: non aes sed fides - das Vertrauen zu dem
Wirtschaftskreise, daß er uns das fortgegebene Wertquantum für den
dafür erhaltenen Interimswert, die Münze, ohne Schaden wieder
ersetzen werde.
Ohne so nach zwei Seiten
hin Kredit zu geben, kann niemand sich der Münze bedienen; dieser doppelte
Glaube erst verleiht der schmutzigen, vielleicht kaum erkennbaren Münze
das bestimmte Wertmaß.
Wie ohne den Glauben der
Menschen aneinander überhaupt die Gesellschaft auseinanderfallen
würde, (>165) - denn wie wenige Verhältnisse gründen sich
wirklich nur auf das, was der eine beweisbar vom anderen weiß, wie wenige
würden irgendeine Zeitlang dauern, wenn der Glaube nicht ebenso stark und
oft stärker wäre, als verstandesmäßige Beweise und sogar
als der Augenschein! - so würde ohne ihn der Geldverkehr zusammenbrechen.
Dieser Glaube ist indes in
einer bestimmten Weise nuanciert.
Die Behauptung, jedes Geld
sei eigentlich Kreditgeld, da sein Wert auf dem Glauben des Empfängers beruhe,
für das Tauschinstrument eine gewisse Menge Waren zu bekommen - ist noch
nicht vollständig aufklärend.
Denn auf derartigem Glauben
beruht nicht nur die Geldwirtschaft, sondern jede Wirtschaft überhaupt.
Wenn der Landwirt nicht
glaubte, daß das Feld in diesem Jahre so gut wie in früheren
Früchte tragen wird, so würde er nicht säen; wenn der
Händler nicht glaubte, daß das Publikum seine Waren begehren wird,
so würde er sie nicht anschaffen usw.
Diese Art des Glaubens ist
nichts als ein abgeschwächtes induktives Wissen.
Allein in dem Fall des
Kredites, des Vertrauens auf jemanden, kommt zu diesem noch ein weiteres,
schwer zu beschreibendes Moment hinzu, das am reinsten in dem religiösen
Glauben verkörpert ist.
Wenn man sagt, man glaube
an Gott, so ist das nicht nur eine unvollkommene Stufe des Wissens von ihm,
sondern ein überhaupt nicht in der Richtung des Wissens liegender
Gemütszustand, einerseits freilich weniger, andrerseits aber mehr als
dieses.
Es ist eine sehr feine und
tiefe Wendung der Sprache, daß man »an jemanden glaubt« -
ohne daß weiter hinzugesetzt oder auch nur deutlich dabei gedacht
würde, was man denn eigentlich von ihm glaube.
Es ist eben das
Gefühl, daß zwischen unserer Idee von, einem Wesen und diesem Wesen
selbst von vornherein ein Zusammenhang, eine Einheitlichkeit da sei, eine
gewisse Konsistenz der Vorstellung von ihm, eine Sicherheit und
Widerstandslosigkeit in der Hingabe des Ich an diese Vorstellung, die wohl auf
angebbare Gründe hin entsteht, aber nicht aus ihnen besteht.
Auch der wirtschaftliche
Kredit enthält in vielen Fällen ein Element dieses
übertheoretischen Glaubens, und nicht weniger tut dies jenes Vertrauen auf
die Allgemeinheit, daß sie uns für die symbolischen Zeichen,
für die wir die Produkte unserer Arbeit hingegeben haben, die konkreten
Gegenwerte gewähren wird. Das ist, wie gesagt, in sehr hohem Maße
ein einfacher Induktionsschluß, aber es enthält darüber hinaus
noch einen Zusatz jenes sozial-psychologischen, dem religiösen verwandten
»Glaubens«.
Das Gefühl der
persönlichen Sicherheit, das der Geldbesitz gewährt, ist vielleicht
die konzentrierteste und zugespitzteste Form und Äußerung des
Vertrauens auf die staatlich-gesellschaftliche Organisation und Ordnung. Die
Subjektivität dieses Vorganges ist (> 166) gleichsam die höhere
Potenz derjenigen, die den Metallwert überhaupt schafft: wenn dieser
letztere schon vorausgesetzt ist, so wird er nun durch jenen zweiseitigen
Glauben erst für den Geldverkehr praktisch. Es zeigt sich deshalb auch
hier, daß die Entwicklung vom Substanzgeld zum Kreditgeld weniger radikal
ist, als es scheint, weil das Kreditgeld als Evolution, Verselbständigung,
Herauslösung derjenigen Kreditmomente zu deuten ist, die schon in dem
Substanzgeld in entscheidender Weise vorhanden sind.
Die Garantie für die
Weiterverwertbarkeit des Geldes, in der das Verhältnis der Kontrahenten zu
der Gesamtgruppe beschlossen ist, hat indes eine eigenartige Form.
Abstrakt angesehen, ist sie
nämlich gar nicht vorhanden, da der Geldbesitzer niemanden zwingen kann,
ihm für Geld, selbst für das unzweifelhaft gute, etwas zu liefern;
was sich denn auch in Fällen von Boykottierung durchaus fühlbar
gemacht hat. Nur bei schon bestehenden Verpflichtungen kann der Berechtigte
gezwungen werden, die Verpflichtung, welcher Art sie auch sei, durch Geld
solvieren zu lassen - und auch das nicht einmal in allen Gesetzgebungen.
Diese Möglichkeit,
daß der im Geld liegende Anspruch doch auch nicht erfüllt
würde, bestätigt den Charakter des Geldes als eines bloßen
Kredites; denn das ist doch das Wesen des Kredites, daß der
Wahrscheinlichkeitsbruch seiner Realisierung niemals gleich eins wird, so sehr
er sich dem auch nähern mag. Tatsächlich ist der einzelne also frei,
sein Produkt oder seinen sonstigen Besitz dem Geldbesitzer hinzugeben oder nicht
während die Gesamtheit allerdings diesem gegenüber verpflichtet ist.
Diese Verteilung von
Freiheit und Gebundenheit, so paradox sie ist, dient doch nicht selten als
Erkenntniskategorie.
So haben z. B. Verteidiger
der »statistischen Gesetze« behauptet, die Gesellschaft
müßte zwar unter bestimmten Bedingungen naturgesetzlich eine
bestimmte Anzahl von Morden, Diebstählen, unehelichen Geburten
hervorbringen; der einzelne aber sei dadurch nicht zu einem bezüglichen
Verhalten genötigt, er vielmehr sei frei, moralisch oder unmoralisch zu
handeln; das statistische Gesetz bestimme nicht, daß gerade dieser
Bestimmte derartige Taten zu vollbringen habe, sondern nur, daß das
Ganze, dem er angehört, ein prädestiniertes Quantum derselben
produzieren müsse.
Oder wir hören auch:
die Gesamtheit der Gesellschaft oder der Gattung habe ihre festgesetzte Rolle
in dem göttlichen Weltplan, in der Entwicklung des Seins zu den letzten
transszendenten Zwecken zu spielen; die einzelnen Träger derselben aber
seien irrelevant, sie hätten die Freiheit, gleichsam die Gesamtleistung
unter sich zu verteilen, und der einzelne könne sich dem auch entziehen,
ohne daß jener Gesamtleistung Abbruch geschehe.
Endlich ist hervorgehoben,
(> 167) daß die Aktionen einer Gruppe immer durch den naturgesetzlichen
Zug ihrer Interessen schwankungslos bestimmt seien, wie die Materienmassen
durch die Gravitation; das Individuum dagegen sei von Theorien und Konflikten
beirrt, es stehe zwischen vielen Möglichkeiten, unter denen es richtig
oder irrtümlich wählen könne - im Unterschiede von den jeder
Freiheit entbehrenden, weil von schwankungslosen Instinkten und
Zweckmäßigkeiten geleiteten Kollektivhandlungen.
Wieviel richtiges und
falsches an diesen Vorstellungen ist, steht hier nicht zur Untersuchung,
sondern nur darauf ist hinzuweisen, wie auch sonst dieses Schema eines
Verhältnisses zwischen Allgemeinheit und Individuum gilt: jene als
nezessitiert und dieses als frei vorzustellen, die Gebundenheit jener durch die
Freiheit dieses zu mildern, die Freiheit dieses durch die Gebundenheit jener zu
begrenzen und in eine Bestimmtheit des Gesamterfolges einzustellen.
Die Garantie für die
Weiterverwertbarkeit des Geldes, die der Herrscher oder Vertreter der
Gesamtheit durch die Prägung des Metallstücks oder den Aufdruck auf
das Papier übernimmt, ist die Eskomptierung der ungeheuren
Wahrscheinlichkeit, daß jeder einzelne, trotz seiner Freiheit das Geld
zurückzuweisen, es nehmen wird.
Dies sind die
Zusammenhänge, aus denen heraus bemerkt worden ist, daß, je
größer ein Kreis ist, in dem ein Geld gelten soll, die Währung
um so höherwertig sein muß.
Innerhalb einer Gruppe von
lokaler Begrenztheit mag ein minderwertiges Geld zirkulieren.
So schon in der
primitivsten Kultur: in Darfur zirkulieren innerhalb jedes Distrikts lokale Tauschmittel:
Hacken, Tabak, Baumwollknäule usw.; die höhere Währung aber ist
allen gemeinsam: der Bekleidungsstoff, das Rind, der Sklave.
Es kommt vor, daß das
Papiergeld eines Staates sogar provinziell beschränkt ist: in der
Türkei wurden 1853 Noten ausgegeben, die nur in Konstantinopel gelten
sollten.
Ganz kleine und eng liierte
Gesellschaften verständigen sich gelegentlich darüber, irgendein
beliebiges Symbol - bis zur Spielmarke - als Geld anzusehen.
Die Erweiterung der
Handelsbeziehungen aber verlangt hochwertiges Geld, schon weil die notwendigen
Versendungen desselben auf weite Strecken die Konzentration seines Wertes auf
einen möglichst geringen Umfang zweckmäßig machen; so daß
ebenso die historischen Weltreiche wie die Handelsstaaten mit weitausgreifenden
Verkehrskreisen immer zu einem Geld von relativ hohem Substanzwert
hingedrängt worden sind.
Hierfür wird von
gewissen Erscheinungen auch der Beweis aus dem Gegenteil geliefert. Der
wesentliche Vorteil der mittelalterlichen Münzprivilegien bestand darin,
daß der Münzherr in seinem Gebiete jederzeit neue Pfennige (>
168) schlagen und den Umtausch aller alten oder fremden, die zu
Handelsgeschäften in dies Gebiet kamen, gegen die neuen erzwingen konnte;
er profitierte also bei jeder Verschlechterung seiner Münze die Differenz
zwischen ihr und der eingetauschten besseren.
Allein wie sich zeigte, war
dieser Nutzen dadurch bedingt, daß der Bezirk des Münzherrn ein
relativ großer war.
Für ganz kleine
Bezirke lohnte sich das Münzprivileg nicht, weil der Markt für ihre
Münzen ein zu beschränkter war, so daß bei dem unsäglichen
Leichtsinn, mit dem man jedem Kloster und jeder kleinen Stadt ein
Prägerecht verlieh, das Münzunheil in Deutschland noch viel
ärger geworden wäre, wenn nicht der Nutzen der Münzverschlechterung
an eine gewisse Größe des Bezirks gebunden wäre.
Gerade also, weil der
größere Kreis seiner sozialwirtschaftlichen Struktur nach ein gutes
Geld verlangt, ist der Vorteil an einem aufgezwungenen schlechten eben nur in
ihm nennenswert groß.
Positiv erwies sich dies
nun weiterhin, indem das Anwachsen des europäischen Verkehrs im 14.
Jahrhundert die Einführung des Guldens als allgemeiner Einheit des
Münzsystems, und die Verdrängung der Silberwährung durch
Goldwährung bewirkte.
Schillinge und Pfennige
waren nun Scheidemünze, die jedes Ländchen und Städtchen
für seinen Verkehr und so wertlos, wie es wollte, prägen konnte.
Deshalb betraf auch die
Verleihung des Münzrechtes im Mittelalter zunächst nur silberne
Münzen; das Recht, Goldmünzen zu schlagen, bedurfte besonderer
Gestattung, die wohl nur der Regierung eines größeren Territoriums
gegeben wurde. Es ist für diese Korrelation äußerst
bezeichnend, daß der letzte Rest der römischen Weltherrschaft, der
dem Hofe von Byzanz - bis zum 6. Jahrhundert - verblieb, das
ausschließliche Recht war, Goldmünzen zu schlagen.
Und endlich wird sie
dadurch bestätigt, daß unter den Fällen der oben erwähnten
lokalen Beschränktheit für die Papiergeldzirkulation innerhalb des
ausgebenden Staates selbst, auch dieser vorkommt: in Frankreich gab es einmal
Noten, welche überall, nur nicht in Hafenstädten, also nicht an den
Punkten des weitausstrahlenden Verkehrs, gelten sollten.
Ganz allgemein muß,
sobald der Kreis sich erweitert, auch dem Fremden und den Bezugsländern
die Währung annehmbar und verführerisch gemacht werden.
Denn mit der
Vergrößerung des Wirtschaftskreises geht - ceteris paribus -
Lockerung desselben Hand in Hand: die gegenseitige Einsicht in die
Verhältnisse wird unvollkommner, das Vertrauen bedingter» die
Vollstreckbarkeit der Ansprüche unsicherer.
Unter solchen
Umständen wird niemand Ware liefern, wenn das Geld, mit dem er bezahlt
wird, nur in dem Kreise des Abnehmers mit Sicherheit verwendbar ist,
während dies in anderen zweifelhaft ist.
Er wird also ein (> 169)
Geld verlangen, das an sich wertvoll ist, d. h. überall akzeptiert wird.
Die Steigerung des
Substanzwertes des Geldes bedeutet die Ver-größerung des Kreises von
Subjekten, in dem seine allgemeine An-erkennung gesichert ist, während in
einem engeren Kreise seine Weiterverwertbarkeit sich auf besondere soziale,
rechtliche, personale Garantien und Verknüpfungen hin ergeben kann.
Setzen wir voraus,
daß die Weiterverwertbarkeit des Geldes das Motiv seiner Annahme ist, so
bildet sein Substanzwert gleichsam das Pfand dafür, das auf Null sinken
kann, wenn die Verwertbarkeit durch andere Mittel ge-sichert ist, und um so
höher steigen muß, je größer das Risiko jener ist.
Nun aber bewirkt die
wachsende wirtschaftliche Kultur, daß der sehr vergrößerte,
schließlich internationale Kreis in dieser Hinsicht die Züge
erhält, die ursprünglich nur geschlossene Gruppen charakterisierten:
die wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen überwinden die
räumliche Trennung immer gründlicher und wirken ebenso sicher, exakt
und berechenbar in die Ferne, wie früher nur in die Nähe.
In dem Maße, in dem
das geschieht, kann jenes Pfand, d. h. der Eigenwert des Geldes, heruntergehen.
Die selbst Anhängern
des Bimetallismus geläufige Vorstellung, daß derselbe nur bei
internationaler Einführung möglich sei, liegt innerhalb dieser
Erwägung.
Wie weit wir auch von der
vollständigen Enge und Zuverlässigkeit des Zusammenhanges - sowohl
innerhalb der einzelnen Nationen wie der Nationen untereinander - noch entfernt
sein mögen, so geht doch die Entwicklung zweifellos auf ihn zu: die durch
Gesetze, Usancen und Interessen immer wachsende Verbindung - und
Vereinheitlichung immer größerer Kreise ist die Grundlage
dafür, daß der Substanzwert des Geldes immer geringer werden und
immer vollständiger durch seinen Funktionswert ersetzt werden kann.
Bezeichnenderweise
führt jene räumlich weite Erstreckung der Handelsbeziehungen, die,
wie oben erwähnt, die Substanzwertigkeit des Tauschmittels steigerte, in
der modernen Kultur gerade auf völlige Eliminierung eben derselben: auf
die interlokale und internationale Ausgleichung durch Giro und durch
Wechselversand.
Auch innerhalb einzelner
Interessenprovinzen des Geldes wird die Entwicklung von dieser Form beherrscht.
Die Steuerleistung z. B.
wird jetzt überwiegend nach dem Einkommen, aber nicht nach dem Besitz
gefordert.
In Preußen ist ein
reicher Bankier, der die letzten Jahre mit Geschäftsverlust gearbeitet
hat, steuerfrei bis auf die geringe und auch erst kürzlich
eingeführte Vermögenssteuer.
Also nicht einmal der
Geldbesitz, sondern erst das Erträgnis seines Arbeitens, das Geld aus dem
Gelde, entscheidet über die Pflichten, und, insoweit die Wahlrechte von
der Steuerleistung abhängen, auch über die (> 170) Rechte
gegenüber der Allgemeinheit.
In welcher Richtung die
allgemeine Entwicklung des Geldes damit festgelegt ist, zeigt ein Blick auf die
Rolle des Geldkapitals im alten Rom.
Wie dasselbe auf
unproduktivem Wege erworben war - durch Kriege, Tribute, Wechselgeschäfte
- so war es auch für den Borger nicht zur Produktion, sondern nur zur
Konsumtion bestimmt.
Dabei konnten auch die
Zinsen ersichtlich nicht als die natürlichen Früchte des Kapitals
gelten, und daher das unklare und unorganische Verhältnis zwischen beiden,
das sich in den weit in das Christentum hineinerstreckten Zinsschwierigkeiten
zeigte und erst durch Begriff und Tatsache des produktiven Kapitals sachlich
reguliert und organisiert wurde.
Jenes ist also der
äußerste Gegensatz zu dem jetzigen Zustand, in dem das Kapital seine
Bedeutung nicht mehr an dem, was es an und für sich ist, besitzt, sondern
an dem, was es leistet: seine Entwicklung hat es aus einem starren, der
Produktion innerlich fremden Elemente in lebendige Funktion in und an derselben
übergeführt.
Sehen wir nun noch einmal
auf die Garantierung des Geldes als seinen Lebensnerv zurück, so verliert
sie natürlich in dem Maße an Bündigkeit, in dem das objektive,
die Gesamtheit vertretende Gebilde nur beschränkte Abteilungen derselben
oder ihre Interessen nur unvollständig repräsentiert.
So ist z. B. auch eine
Privatbank ein relativ objektives überpersönliches Wesen, das sich
zwischen den Verkehr individueller Interessenten schiebt.
Dieser soziologische
Charakter ihrer befähigt sie allerdings zur Ausgabe von Geld, allein
sobald nicht staatliche Aufsicht die Garantie auf das wirklich allgemeine
Zentralgebilde überträgt, wird die bloße Partialität des
in ihr objektivierten Bezirkes sich in der Unvollkommenheit des
»Geld«charakters ihrer Noten zeigen. Die Mißstände der
nordamerikanischen Papiergeldwirtschaft entstammten zum Teil der Meinung, die
Münze sei zwar Staatssache, die Herstellung von Papiergeld aber komme den
Privatbanken zu und der Staat habe sich nicht hineinzumischen.
Man übersah dabei die
bloße Relativität des Unterschiedes zwischen Metall- und Papiergeld,
daß beide, insofern sie eben Geld sind, nur in einer Substanziierung der
Tauschfunktion durch gemeinsames Verhältnis der Interessenten zu einem
objektiven Organe bestehen, und daß das Geld seine Funktion nur insoweit
üben, d. h. nur insoweit die unmittelbaren Werte vertreten kann, als jenes
emittierende Organ wirklich den Interessenkreis in sich vertritt oder zum
Ausdruck bringt.
Deshalb suchen die
Münzen lokaler Machthaber auch manchmal wenigstens den Anschein der
Zugehörigkeit zu einem umfassenden Gebilde zu gewinnen.
Noch Jahrhunderte nach dem
Tode Philipps und Alexanders wurden an den verschiedensten Plätzen
Münzen mit (> 171) ihren Namen und Stempeln geprägt - formell
königliche, materiell städtische Münzen.
Die aufwärts gehende
Entwicklung strebt in Wirklichkeit auf eine Vergrößerung - und, was
hier unmittelbar dazu gehört, auf eine Zentralisierung - der Organe und
Potenzen, die die Geldwerte garantieren.
Es ist für diese
Richtung sehr bezeichnend, daß die Schatzanweisungen, die die Staaten vor
dem 18. Jahrhundert ausgaben, gewöhnlich auf einzelne Einkünfte der
Krone basiert und durch sie gewährleistet waren.
Erst die englischen
exchequer bills des 18. Jahrhunderts waren Anweisungen auf sämtliche
Staatseinnahmen; sie hatten also keine von besonderen Umständen
abhängige und besonders zu untersuchende Bonität, sondern diese
bestand nur noch in dem allgemeinen Zutrauen in die Zahlungsfähigkeit des
Staates überhaupt.
Hierin zeigt sich die
große zentralisierende Tendenz der Neuzeit, die ihrer gleichzeitig
individualisierenden in keiner Weise widerspricht: beides sind vielmehr die
Seiten eines Prozesses, einer schärferen Differenzierung, einer neuen
Zusammenfassung der der Gesellschaft und der dem eignen Subjekt zugewendeten
Seiten der Persönlichkeit.
Die Entwicklung
läutert aus dem Wesen des Geldes alle individualistisch vereinzelnden
Elemente heraus und macht die zentralisierten Kräfte des weitesten
sozialen Kreises zu seinen Trägern.
Die abstrakte
Vermögensform des Geldes trägt diese Entwicklung ebenso dem
Personalkredit wie dem Staatskredit ein.
Die Fürsten als
Personen besaßen noch im 15. und anfangs des 16. Jahrhunderts im ganzen
wenig Kredit; nicht nach ihrer eignen Kreditwürdigkeit, sondern nach dem
Wert der Bürgschaften und Pfänder wurde gefragt.
Der Personalkredit beruht
darauf, daß man annimmt: wie auch die Objekte wechseln mögen, die
den Besitz des Schuldners bilden, die Wertsumme seines Besitzes wird immer
für die bestimmte Schuld gut sein.
Erst wenn das Vermögen
jemandes als Wert überhaupt, d. h. in Geld taxiert ist, kann er als Person
einen dauernden Kredit haben; sonst muß dieser von dem wechselnden
Objektbesitze abhängen.
Es erscheint als ein
Übergang von dieser letzteren Stufe zu der heutigen, daß noch im 18.
Jahrhundert die meisten Schulden auf bestimmte Summen bestimmter
Münzsorten lauteten. Es war also der Begriff des abstrakten, von jeder
Spezialform gelösten Wertes noch nicht völlig wirksam geworden -
jenes Wertes, hinter dem nicht mehr eine sachliche Bestimmtheit, sondern nur
noch der Staat oder die Einzelpersönlichkeit als Garanten stehen.
Die Hauptsache aber ist,
daß die Bedeutung des Metalls für das Geldwesen immer mehr hinter
die Sicherung seines funktionellen Wertes durch die Organisation des
Gemeinwesens zurücktritt. Denn (> 172) das Metall ist eben
ursprünglich immer Privatbesitz und darum können die
öffentlichen Interessen und Kräfte nie absolut Herr darüber
werden.
Man kann sagen, daß
das Geld immer mehr eine öffentliche Einrichtung in immer strengerem Sinne
des Wortes wird: es besteht mehr und mehr aus dem, was die öffentliche
Macht, die öffentlichen Institutionen, die von der Gesamtheit getragenen
Verkehrsarten und Garantien daraus machen und wozu sie es legitimieren.
Es ist deshalb bezeichnend,
daß in früheren Epochen das Geld gleichsam noch nicht allein, auf
seiner abstrakten Funktion, stehen kann; das Geldgeschäft lehnt sich
entweder an spezifische Betriebe oder an die technische Herstellung der
Münze oder an den Handel mit Edelmetallen an.
So waren es in Wien anfangs
des 13. Jahrhunderts die flämischen Tuchfärber, die
regelmäßige Wechselgeschäfte besorgten, wie in England und
teilweise auch in Deutschland die Goldschmiede. Der Münzwechsel, der im
Mittelalter überhaupt erst den Geldverkehr trug (da in jedem Orte
prinzipiell nur in seiner Lokalmünze gezahlt werden durfte), war
ursprünglich das Privileg der Münze selbst, der »Münzer
Hausgenossen«.
Erst als später die
Städte die Münze erwarben, wurde das Wechselgeschäft und der
Edelmetallhandel von der Münze getrennt.
Die Funktion der Münze
ist also zunächst, gleichsam durch Personalunion, an ihren Stoff gebunden;
sobald die öffentliche Gewalt für sie garantiert, wird sie von den
sonst mit ihr liierten Beziehungen unabhängig, der Wechsel und der Handel
mit ihrem Material steht jedem frei, und zwar gerade in dem Maße, in dem
ihre Funktion als Geld überindividuell gesicherter wird.
Die wachsende
Entpersonalisierung des Geldes, sein immer engeres Verhältnis zu dem
zentralisierten größten Sozialkreise steht in genauer und wirksamer
Beziehung zu der Akzentuierung seiner Funktionen in ihrer Selbständigkeit
gegenüber dem Metallwert.
Es ist die Sicherheit des
Geldes, auf der sein Wert ruht und als deren Träger die politische
Zentralgewalt allmählich durch die unmittelbare Bedeutung des Metalls, sie
verdrängend, hindurchwächst.
Hier liegt eine Analogie zu
einer wenig beachteten Nuance des Wertempfindens vor.
Sobald der Wert eines
Objektes darauf beruht, daß es uns ein anderes zugängig macht, so
ist sein Wert durch die beiden Koeffizienten bestimmt: den inhaltlichen Wert
dessen, was es uns vermittelt, und die Sicherheit, mit der ihm diese
Vermittlung gelingt; die Erniedrigung des einen Koeffizienten kann, bis zu
einer gewissen Grenze, den Gesamtwert ungeändert lassen, wenn ihr eine Erhöhung
des andern entspricht.
So ist die Bedeutung einer
Erkenntnis für uns gleich dem Produkt aus ihrer Sicherheit und der
Wichtigkeit ihres Inhaltes.
In den Naturwissenschaften
pflegt der (> 173) erstere, in den Geisteswissenschaften der letztere
Koeffizient zu überwiegen, wodurch darin prinzipiell eine Gleichheit ihres
Gesamtwertes möglich ist; nur wenn man, wie Aristoteles, an der Sicherheit
des Wissens nicht zweifelt, kann man seinen Wert ausschließlich von dem
seines Objekts abhängen lassen.
So ist der Wert eines
Lotterieloses ein Produkt aus der Wahrscheinlichkeit, daß es gezogen
wird, und der Höhe des eventuellen Gewinnes, so der Wert jedes beliebigen
Handelns gleich dem Produkt aus der Wahrscheinlichkeit, daß es seinen
Zweck erreicht und der Wichtigkeit dieses Zweckes, so der Wert eines
Rentenpapiers zusammengesetzt aus der Sicherheit für das Kapital und der
Höhe der Verzinsung.
Nun verhält sich das
Geld zwar nicht genau ebenso, denn seiner steigenden Sicherheit entspricht
keine Wertminderung der Objekte, deren Erlangung es sichert; aber die Analogie
gilt doch so weit, daß mit der steigenden Sicherung seiner Verwertbarkeit
sein anderer Wertkoeffizient, der innere Metallwert, unbestimmt weit sinken
kann, ohne seinen Gesamtwert zu alterieren.
Andrerseits ergibt sich
unmittelbar als Ursache wie als Wirkung der soziologischen Stellung des Geldes,
daß es die Beziehungen zwischen der Zentralgewalt der Gruppe und ihren
einzelnen Elementen zahlreicher, stärker und enger machen muß, weil
eben jetzt die Beziehungen dieser Elemente untereinander gleichsam durch jenes
hindurchgeleitet werden.
So haben schon die
Karolinger ein deutliches Bestreben, den Natural- oder Viehtausch durch
Geldwirtschaft zu verdrängen.
Sie verordnen oft, die
Münzen dürften nicht zurückgewiesen werden und bestrafen ihre
Nichtannahme hart.
Das Münzrecht war
ausschließlich Königsrecht, und so bedeutete das Durchsetzen des
Verkehrs in Münze die Erstreckung der königlichen Macht dahin, wo
früher rein privater, persönlicher Verkehrsmodus bestand.
Es ist ganz in dem gleichen
Sinne, wenn die römischen Gold- und Silbermünzen seit Augustus
ausschließlich im Namen und Auftrag des Kaisers geprägt wurden,
wogegen das Recht, Scheidemünze auszugeben, einerseits dem Senat,
andrerseits den Kommunalverbänden verblieb; und es verallgemeinert diesen
Zusammenhang nur, daß große Fürsten so oft auch gewaltige
Münzsysteme geschaffen haben: Darius I., Alexander d. Gr., Augustus,
Diokletian, bis zu Napoleon I.
Die ganze Technik, durch
die in naturalwirtschaftlichen Zeiten eine große soziale Macht bestehen
kann, weist sie darauf hin, sich selbst zu genügen, sich - wie es z. B.
von den Großgrundherrschaften seit den Merovingern gilt zum Staat im
Staate zu machen; wogegen entsprechende Machtgebilde in der Geldwirtschaft
gerade im Anschluß an die Staatsorganisation erwachsen sind und sich
erhalten haben.
Der moderne (> 174)
zentralistische Staat wurde deshalb auch an dem ungeheuren Aufschwung der
Geldwirtschaft groß, den die beginnende Neuzeit aus der
Erschließung der amerikanischen Metallvorräte gewann.
Die Selbstgenugsamkeit
feudaler Verhältnisse wurde zerstört, indem sich in jede Transaktion
die auf die Zentralgewalt hinweisende, die Beziehungen der Kontrahenten
über sich hinausweisende Münze schob so daß man diese Macht des
Geldes, die einzelnen mehr an die Krone zu drängen, enger an sie zu
binden, als den tieferen Sinn des Merkantilsystems angesprochen hat.
Andrerseits gilt die
Tatsache, daß die deutschen Kaiser sich dieses Zentralisierungsmittel von
den Territorialherren entreißen ließen, als einer der wesentlichen
Gründe für die Zersplitterung des Reiches - während die
französischen und englischen Könige des 13. und 14. Jahrhunderts die
Einheit ihrer Reiche mit Hilfe der geldwirtschaftlichen Bewegung
gründeten.
Als das russische Reich im
ganzen schon als ein unteilbares galt, stattete Iwan III. doch seine
jüngeren Söhne noch mit Landesteilen aus, in denen sie souverän
schalten konnten, und für die er der Zentralgewalt außer der
höheren Gerichtsbarkeit nur das Münzrecht vorbehielt.
Ja, die lockere
Sphäre, die, aus den Handelsbeziehungen eines Landes bestehend, es
jenseits seiner politischen Grenzen umgibt, gewinnt außerordentlich an
Ausdehnung und Konsistenz, sobald das Landesgeld durch seine Solidität
allenthalben gültig wird und so alle Punkte dieses Kreises mit dem
Ursprungsland verbindet und immer wieder auf dasselbe zurückweist.
So verlieh der Kurs des
englischen Sovereigns in Portugal und Brasilien dem englischen Handel ein
großes Prestige und hielt die in diese Länder ausstrahlenden
Handelsbeziehungen einheitlich zusammen.
In Deutschland war der Gang
der, daß bald nach der Karolingerzeit der König einzelnen Personen
und Stiften das Prägerecht verlieh, wobei er indes noch selbst Schrot,
Korn und Form der Münzen bestimmte.
Aber schon vor dem 12.
Jahrhundert dürfen die so Beliehenen Münzfuß und Stempel
beliebig festsetzen und also so viel Profit, wie sie wollen, dabei
herausschlagen.
So geht die Lösung des
Münzwesens von der Zentralgewalt und die Verschlechterung der Münze
Hand in Hand: d. h. das Geld ist um so weniger wirklich Geld, je weniger der
größte soziologische Kreis bzw. dessen Zentralorgan es garantiert.
Die
Rückläufigkeit dieses Zusammenhanges bestätigt ihn nur: die
Verelendung des Geldes wirkte ihrerseits auf die Auflösung und den
Auseinanderfall des größten Kreises, auf dessen Einheit es
angewiesen gewesen wäre.
Ja sogar eine rein formale
und symbolische Beziehung mag in diesen Erscheinungen irgendwie mitgewirkt
haben.
Zu den wesentlichen
Charakterzügen von Gold und Silber gehört (> 175) ihre relative
Unzerstörbarkeit, in deren Konsequenz ihr Gesamtquantum lange Perioden
hindurch fast stetig bleibt, weil jedes durch Schürfung hinzukommende
Quantum im Verhältnis zu dem bereits vorhandenen nur minimal ist.
Während die Mehrzahl
aller anderen Objekte verbraucht wird, in ewigem Flusse verschwindet und sich
wieder ersetzt, bleibt das Geld in seiner fast unbegrenzten Dauerhaftigkeit von
diesem Wechsel der individuellen Dinge unberührt.
Damit aber erhebt es sich
über diese, wie die objektive Gruppeneinheit über die Fluktuation der
Persönlichkeiten.
Denn das eben ist ja die
charakteristische Lebensform jener konkret gewordenen Abstraktionen der
Gruppenfunktionen, daß sie jenseits der einzelnen Verwirklichungen dieser
stehen, ruhende Gebilde in der Flucht der individuellen
vorüberfließenden Erscheinungen, die gleichsam in sie aufgenommen,
von ihnen geformt und wieder entlassen werden: das ist die Unsterblichkeit des
Königs, die jenseits seiner zufälligen Persönlichkeit, seiner
einzelnen Maßregeln, der wechselnden Schicksale seiner Gruppe steht und
für die die relative Ewigkeit der Münze, die sein Bild trägt,
sowohl als Symbol wie als Beweis wirkt.
Die Geschäfte mit
Fürsten waren es, die im 16. Jahrhundert überhaupt erst das reine
Geldgeschäft großen Stiles schufen; der Verkehr mit dem
Fürsten, den es bewirkte, ließ den bis dahin damit verbundenen
Warenhandel als etwas Plebejisches erscheinen, über das sich der
Geldkaufmann in einer Analogie zu königlicher Würde erhob.
So mag auch der Haß
der Sozialisten gegen das Geldwesen nicht nur der diesem zugeschriebenen
privatwirtschaftlichen Übermacht des Kapitalisten über den Arbeiter
gelten, sondern auch ihren antimonarchischen Instinkten entspringen; denn so
wenig die Objektivierung der Gruppengesamtheit, deren das Geld bedarf, in
monarchischer Form geschehen muß, so hat doch in der neueren Geschichte
gerade diese Form aufs kräftigste der Einschiebung der Zentralgewalt in
die wirtschaftlichen Funktionen der Gruppe gedient.
Auch die festen Residenzen
der Fürsten, die die Zentralisation so sehr fördern, sind erst bei
Geldsteuern möglich; den nicht transportabeln Naturalsteuern entspricht
das Herumziehen des Hofes, der sie überall in natura verzehrt.
Es ist durchaus in diesem
Sinn, wenn moderne Steuerpolitik vielfach dahin strebt, den Kommunen die
Realsteuern zu überlassen, den Staat aber auf Einkommensteuer zu stellen.
Indem die Steuerforderung der Zentralgewalt sich auf das reine Geldeinkommen
der einzelnen richtet, erfaßt sie gerade dasjenige Besitzobjekt, zu dem
sie von vornherein das strikteste Verhältnis hat.
Die Ausbildung des
Beamtenwesens mit seiner engen Beziehung zum Geldwesen ist insofern nur ein
Symptom dieser zentralistischen Entwicklung; (> 176) das Beamtentum des
Lehenswesens ist ein dezentralisiertes, der räumlich ferne Landbesitz des
Belehnten führt sein Interesse von der Zentralstelle ab, während die
immer von neuem erfolgende Geldentlohnung ihn zu dieser hinführt, seine
Abhängigkeit von dieser immer von neuem eindringlich macht.
Deshalb war die Pforte bei
ihrer ständigen Münzverschlechterung doch anfangs des 19.
Jahrhunderts einmal genötigt, für ihre Beamten und Offiziere doppelt
schwere Münzen schlagen zu lassen, weil es gerade den eigentlichen
Staatsfunktionären gegenüber eines wirklich gültigen Geldes
bedurfte.
Darum war die ungeheure
Vermehrung und Verfeinerung des Beamtentums erst bei der Geldwirtschaft
möglich; sie ist aber nichts als eines der Symptome der Beziehung, die
zwischen dem Geld und der Objektivierung des Gruppenzusammenhanges zu einem
besonderen zentralen Gebilde besteht.
Bei den Griechen wurde
diese ursprünglich nicht von einer staatlichen, sondern von der
religiösen Einheit getragen. Alles hellenische Geld war einmal sakral,
ebenso von der Priesterschaft ausgegangen, wie die andern allgemein
gültigen Maßbegriffe: Gewichte, Umfangsmaße, Zeiteinteilungen.
Und diese Priesterschaft
repräsentierte zugleich die Verbandseinheit der Landschaften; die
ältesten Verbände ruhten durchaus auf religiöser Grundlage, die
manchmal für relativ weite Gebiete die einzige blieb.
Die Heiligtümer hatten
eine überpartikularistische, zentralisierende Bedeutung, und diese war es,
die das Geld, das Symbol der gemeinsamen Gottheit auf sich tragend, zum
Ausdruck brachte. Die religiöse soziale Einheit, die im Tempel
kristallisiert war, wurde in dem Gelde, das er ausgab, gleichsam wieder
flüssig und gab diesem ein Fundament und eine Funktion, weit über die
Metallbedeutung des individuellen Stückes hinaus.
Von diesen soziologischen
Konstellationen getragen und sie tragend, realisiert sich die steigende
Bedeutung der Geldfunktionen auf Kosten der Geldsubstanz.
Einige Beispiele und
Überlegungen mögen diesen Prozeß verdeutlichen, und zwar
knüpfe ich dieselben, unter den vielen, seinen Inhalt bildenden Diensten
des Geldes, an die folgenden: an die Erleichterung des Verkehrs, an die
Beständigkeit des Wertmaßstabes, an die Mobilisierung der Werte und
die Beschleunigung ihrer Zirkulation, an ihre Kondensierung in möglichst
kompendiöse Form.
Einleitenderweise möchte
ich hervorheben, daß gerade die oben erwähnten, von den Fürsten
begangenen Münzverschlechterungen durch die ungeheure Übervorteilung
der Massen den Funktionswert des Geldes seinem Metallwert gegenüber aufs
schärfste beleuchten.
Was die Untertanen bewog,
die verschlechterte Münze zu akzeptieren und für sie die an Metall
bessere hinzugeben, war doch eben, daß (>177) jene den Verkehrszweck
des Geldes erfüllte.
Was die Münzherren
herausschlugen, war das ungebührlich gesteigerte Äquivalent für
den Funktionswert des Geldes, um dessentwillen die Untertanen in den
Münztausch, d. h. in die Aufopferung seines Metallwertes willigen
mußten.
Allein dies ist nur das
ganz allgemeine Phänomen, als dessen spezifische Zuspitzung es erscheint,
daß das Geld, das durch seine Form dem Verkehr im allgemeinen besser
dient, als ein anderes, nicht nur bei gleichem Substanzgehalt diesem
überlegen ist; sondern es kann dadurch seine eigene Substanzbedeutung so
weit wie in dem folgenden Fall überflügeln.
Als im Jahre 1621 durch die
niederdeutsche Münzverschlechterung der Wert des Reichstalers auf 48 bis
54 Schillinge gestiegen war, erließen die Obrigkeiten von Holstein,
Pommern, Lübeck, Hamburg und anderen, ein gemeinsames Münzedikt,
wonach der Taler von einem gewissen Zeitpunkt an nur 40 Schillinge gelten
sollte.
Obgleich dies allgemein als
richtig und heilsam beurteilt und akzeptiert wurde, galt der Taler doch
weiterhin wegen der leichteren Verteilung und Rechnung noch lange 48
Schillinge.
Es ist auf einer viel
höheren und komplizierten Stufe dasselbe, wenn die Börsen jetzt bei
Rentenpapieren, die in größeren und kleineren Abschnitten ausgegeben
sind, die letzteren etwas höher zu notieren pflegen als die ersteren, weil
jene mehr gesucht sind und dem kleineren Verkehr besser dienen - obgleich der
Wert pro rata der genau gleiche ist.
Ja im Jahre 1749
erklärte ein Komitee für Münzzwecke in den amerikanischen
Kolonien: in Ländern mit unausgebildeter Wirtschaft, die mehr konsumieren
als produzieren, müsse das Geld immer schlechter sein als das ihrer
reicheren Nachbarn, weil es sonst unvermeidlich diesen zuflösse.
Dieser Fall ist also die
Steigerung und Aufgipfelung der vorhererwähnten Tatsache, daß die
Eignung einer bestimmten Geldform zu Berechnungen und Ausgleichungen dieser
Form einen Wert verschafft, der absichtlich weit über den sachlich
gültigen gehoben wird.
Die funktionelle
Zweckmäßigkeit des Geldes ist hier über seinen Substanzwert bis
zur Umkehrung seiner Bedeutung hinausgewachsen.
Hierhin gehören, als
Beweise für die Überwucherung des Metallwertes durch den
Funktionswert, alle die Fälle, in denen das völlig minderwertige
Kleingeld dem Edelmetall gegenüber einen manchmal unglaublichen Preis
behauptet hat.
Das kommt z. B. in
Goldgräberdistrikten vor, wo die gewonnenen Reichtümer einen
lebhaften Verkehr erzeugen, ohne daß man in ihnen doch das Tauschmittel
für die kleineren Bedürfnisse des Tages hätte.
So war unter den
Goldgräbern in Brasilien am Ende des 17. Jahrhunderts eine Not um kleine
Münze ausgebrochen, die der König von Portugal benutzte, um
Silbergeld gegen ein ungeheures (> 178) Agio in Gold hinüberzuschaffen.
Später ist es auch in
Kalifornien wie in Australien vorgekommen, daß die Goldgräber, um
nur Kleingeld zu haben, seinen 2- bis 16fachen Metallwert dafür in Gold
bezahlt haben.
Die ärgsten
Erscheinungen dieser Art bietet der bis vor kurzem herrschende - neuerdings,
wie man sagt, in der Reform begriffene - Münzzustand in der Türkei.
Dort existiert weder Nickel
noch Kupfergeld, sondern als Kleingeld nur jammervolle Silberlegierungen:
Altiliks, Beschliks und Metalliques, die alle in einer für den Verkehr
völlig unzureichenden Masse vorhanden sind.
Die Folge davon ist,
daß diese Münzen, deren nominellen Wert die Regierung selbst 1880 um
ungefähr die Hälfte herabsetzte, diesen fast unverändert
behalten haben und gegen Gold gar kein nennenswertes Disagio machen, ja die
Metalliques, die für das schlechteste in der ganzen Welt kursierende
Geldzeichen gehalten werden, stehen zeitweise über pari gegen Gold !
Gerade dies ist äußerst bezeichnend: die geringste Münze ist
eben für den Verkehr die wichtigste und wird ausschließlich nach
dieser Wichtigkeit gewertet - weshalb denn auch allenthalben die kleinen
Münzen die ersten Objekte der Münzverschlechterung sind.
Der Preis der Metalliques enthält
das Paradoxon, daß ein Geld um so wertvoller sein kann, je wertloser es
ist - weil gerade seine substanzielle Wertlosigkeit es zu gewissen
funktionellen Diensten geschickt macht, die seinen Wert nun fast unbegrenzt
heben können.
Das gesteigerte Bewußtsein
und die gesteigerte Tatsächlichkeit der Funktionsbedeutung des Geldes
ermöglichte auch den Einwand gegen die Silberwährung: was man vom
Geld fordere, sei zuerst und unbedingt Bequemlichkeit und Handlichkeit.
Man könne zwar ein
Nahrungsmittel beibehalten, wenn sein Gebrauch auch viele Unbequemlichkeiten
mit sich bringt, sobald es nur nahrhaft und wohlschmeckend sei, auch ein
unbequemes Kleidungsstück, weil es schön oder warm ist. Aber ein
unbequemes Geld sei wie ein ungenießbares Nahrungsmittel oder ein
untragbares Kleidungsstück.
Denn der oberste Zweck des
Geldes sei die Bequemlichkeit des Güteraustausches.
Der Unterschied gegen die
hier verglichenen Güter beruht eben darauf, daß das Geld weniger
Nebenqualitäten neben seiner Hauptqualität hat und haben darf, als
andere Güter.
Da es das absolute
Abstraktum über allen konkreten Gütern ist, so wird es von jeder
Qualität, die außerhalb seiner reinen Bestimmung liegt,
ungebührlich belastet und abgelenkt.
Daß die Steigerung
-oder Herabsetzung einer Funktion des Geldes seinen Wert unabhängig von
seinem Substanzwert erhöhen oder erniedrigen könne - gilt selbst
für denjenigen Schätzungsgrund (> 179) seiner, der besonders eng
mit seinem Substanzwert verbunden scheint: für seine
Wertbeständigkeit. Die römischen Kaiser besaßen, wie schon
erwähnt, das ausschließliche Recht der Gold- und Silberprägung,
während die Kupfermünzen, d. h. das Kreditgeld, vom Senat und im
Orient von den Städten geschlagen wurden.
Das bildete von vornherein
eine gewisse Garantie dagegen, daß der Kaiser das Land mit
substanzwertloser Scheidemünze überschwemmte.
Der Erfolg war
schließlich nur der, daß die Kaiser sich an die ihnen freistehende
Verschlechterung des Silbers hielten, von der dann auch der bodenlose Verfall
des römischen Münzwesens ausging.
Daraus entstand nun eine
merkwürdige Umkehrung der Wertverhältnisse.
Das Silber sank durch seine
Verschlechterung zur Kreditmünze herab, während das Kupfer dadurch,
daß es sich ziemlich unverändert behauptet hatte, wieder in
höherem Maße den Charakter der Wertmünze erhielt.
Die Eigenschaft der
Wertbeständigkeit also ist hier imstande, durch ihre relative Höhe
oder Erniedrigung die bisherigen Charaktere der Metallsubstanzen als
Geldwertträger völlig umzukehren.
In diesem Sinne des
Hinausragens des Stabilitätswertes über den Substanzwert hat man
jetzt hervorgehoben, daß der Übergang eines Notenlandes zur
Goldwährung keineswegs die Wiederaufnahme der Barzahlungen mit sich
bringen müßte. In einem Lande wie Österreich etwa, dessen Noten
kein Disagio gegen Silber mehr machen, wäre schon durch den Übergang
zur bloßen Goldrechnung der entscheidende Vorteil der Goldwährung,
nämlich die Stabilisierung des Geldwertes, gewonnen: die Funktion der
Substanz, auf die es ankommt, wäre so ganz ohne die Substanz selbst
erreichbar.
Und neuerdings hat das
Interesse an der Beständigkeit des Geldwertes sogar zu der Forderung
geführt, die metallische Deckung der Noten überhaupt abzuschaffen.
Denn sobald diese
bestände, wäre für die verschiedenen Länder eine
Gemeinsamkeit des Systems geschaffen, die den inneren Verkehr eines jeden all
den Schwankungen in den politischen und wirtschaftlichen Schicksalen der
anderen unterwirft !
Ein ungedecktes Papiergeld
biete durch seine Exportunfähigkeit nicht nur den Vorteil, überhaupt
im Lande zu bleiben und für alle Unternehmungen daselbst bereit zu sein,
sondern vor allem eine vollständige Wertbeständigkeit.
So angreifbar diese Theorie
ist, so zeigt ihre bloße Möglichkeit doch jene psychologische
Lösung des Geldbegriffes von dem Substanzbegriff und seine wachsende
Erfüllung durch die Vorstellung seiner funktionellen Dienste.
Übrigens unterliegen
alle derartigen Funktionen des Geldes ersichtlich den Bedingungen, unter denen
seine allgemeine Auflösung in Funktionen steht: daß sie in jedem gegebenen
Augenblick nur unvollkommen gelten und ihre Begriffe ein im Unendlichen
liegendes Entwicklungsziel bezeichnen.
Schon dadurch, (> 180)
daß die Werte, die es messen und deren gegenseitiges Verhältnis es
ausdrücken soll, etwas bloß Psychologisches sind, wird ihm die
Beständigkeit der Raum- oder Gewichtsmaße versagt.
Indes rechnet die Praxis
mit dieser Wertbeständigkeit als mit einer Tatsache angesichts der Frage,
wie man sich bei der Wiedererstattung eines Gelddarlehns zu verhalten habe,
wenn inzwischen der Wert des Geldes sich geändert hat.
Geschieht das etwa durch
Sinken des Geldwertes überhaupt, so daß die gleiche Summe bei der
Rückgabe weniger wert ist, so wird dies von den Gesetzen nicht in Betracht
gezogen; die identische Geldsumme gilt ohne weiteres als der identische Wert.
Wo die Münze sich
selbst verschlechtert, sei es durch Legierung, sei es durch Änderung des
Münzfußes, entscheiden die Gesetze bald so, daß die, nach dem
neuen Münzfuß, entsprechende Summe, bald das gleiche Quantum Feingehalt,
bald rein mechanisch der Nennwert der Schuld zu erstatten sei.
Im ganzen also
überwiegt die Vorstellung, daß das Geld seinen Wert unverändert
behalte.
Nun ist diese
Stabilität zwar auch an Naturalgegenständen, bei deren Ausleihe sie
niemand bezweifelt, eine Fiktion: ein Zentner Kartoffeln, den man sich im
Frühling leiht, um ihn später in natura wiederzugeben, kann dann viel
mehr oder viel weniger wert sein. Allein hier kann man sich auf die
unmittelbare Bedeutung des Gegenstandes zurückziehen: während der Tauschwert
der Kartoffeln schwanken mag, bleibt ihr Sättigungs- und Nährwert
genau der gleiche.
Da nun aber das Geld keinen
derartigen, sondern ausschließlich Tauschwert hat, so ist die
Voraussetzung seiner Stabilität eine um so auffallendere.
Die Entwicklung wird
zweckmäßigerweise dahin streben, diese praktisch notwendige Fiktion
mehr und mehr zu bewahrheiten.
Schon vom Edelmetallgeld
hat man hervorgehoben, daß seine Beziehung zum Schmuck seiner
Wertstabilität diene: denn da das Schmuckbedürfnis sehr elastisch
sei, so nehme es bei Vermehrung des Metallvorrates sogleich ein
größeres Quantum desselben auf und verhindere dadurch einen zu
starken Druck auf seinen Wert, während bei steigendem Bedürfnis nach
Geld die Schmuckvorräte als Reservoir dienen, aus dem das erforderliche
Quantum zu entnehmen und die Preiserhöhung zu begrenzen sei. In der
Fortsetzung dieser Tendenz aber scheint das Ziel zu liegen, die Geldsubstanz
überhaupt auszuschalten.
Denn selbst eine so
geeignete wie das Edelmetall kann nicht ganz den Schwankungen entzogen werden,
die aus seinen eigenen Bedingungen des Bedarfs, der Produktion, der
Verarbeitung usw. hervorgehen und die bis zu einem gewissen Grade mit seinem
Dienste als Tauschmittel und Ausdruck der relativen Warenwerte nichts zu tun
haben.
Die vollständige
Stabilität des Geldes wäre (> 181) erst erreichbar, wenn es
überhaupt nichts mehr für sich wäre, sondern nur der reine
Ausdruck des Wertverhältnisses zwischen den konkreten Gütern.
Damit wäre es in eine
Ruhelage gekommen, die sich durch die Schwankungen der Güter so wenig
verändert, wie der Meterstab durch die Verschiedenheit der realen
Größen, die er mißt.
Dann wäre auch der
Wert, der ihm durch das Leisten dieses Dienstes zukäme, auf ein Maximum
von Stabilität gelangt, weil so das Verhältnis von Angebot und
Nachfrage sich viel genauer regulieren ließe, als bei seiner
Abhängigkeit von einer Substanz, deren Quantum unserem Willen nur
unvollkommen unterliegt.
Damit ist freilich nicht
geleugnet, daß unter bestimmten historischen und psychologischen
Umständen die Bindung an das Metall dem Gelde noch eine größere
Stabilität garantieren könnte, als die Lösung von ihm - wie ich
es oben selbst behauptet habe.
So mag - um an die dort
gegebenen Analogien anzuknüpfen - die tiefste und sublimste Liebe diejenige
sein, die nur zwischen Seelen, unter völliger Ausschaltung jedes
Erdenrestes, besteht - allein solange diese nicht erreichbar ist, wird sich ein
Maximum von Liebesempfindung gerade da zeigen, wo die rein seelische Beziehung
einen Zusatz und Vermittlung durch sinnliche Nähe und Anziehung
erhält; so mag das Paradies das Wunderversprechen seiner Seligkeit darin
erfüllen, daß das Bewußtsein derselben keines Sichabhebens von
entgegengesetzten Empfindungen bedarf - so lange wir aber Menschen sind,
können allein sonst vorhandene, leidvolle, indifferente oder herabgesetzte
Gefühlszustände uns ein positives Glück, als
Unterschiedsempfindung, eintragen.
Wenn also auch in einer
idealen Sozialverfassung ein ganz substanzloses Geld das absolut
zweckmäßige Tauschmittel ist, so kann doch bis dahin seine relativ
höchste Zweckmäßigkeit gerade von seiner Bindung an eine
Substanz bedingt sein.
Dieser letztere Umstand
bedeutet also keine Ablenkung des unendlichen Weges, der zur Auflösung des
Geldes in einen bloß symbolischen Träger seiner reinen Funktion
führt.
Ein besonderes Stadium des
Scheidungsprozesses zwischen dem Funktions- und dem inneren Werte des Geldes
zeigen die Fälle, wo für die Schätzung der Werte als
Maßstab ein Geld angewandt wird, in dem die tatsächlichen Zahlungen
gar nicht erfolgen. Den Tauschdienst kann das Geld nicht leisten, ohne zugleich
Maßdienste zu leisten; wohl aber zeigen sich die letzteren in gewisser
Hinsicht von jenem unabhängig.
Im alten Ägypten
wurden die Preise nach dem Uten, einem Stück gewundenen Kupferdrahts,
bestimmt, während die Zahlungen in den verschiedensten Bedarfsartikeln
erfolgten.
Im Mittelalter wird
vielfach der Geldpreis festgesetzt, während der (> 182) Käufer ihn
zahlen darf, in quo potuerit.
An vielen Stellen Afrikas
wird heute der Güteraustausch nach einer, manchmal recht komplizierten,
Geld-Valuta vollzogen, aber das Geld selbst ist meistens nicht vorhanden.
Die Geschäfte der
außerordentlich wichtigen Genueser Wechselmessen des 16. Jahrhunderts
wurden nach der Werteinheit des Markenskudo (scudo de marchi) abgewickelt.
Diese war in keiner existierenden Münze ausgedrückt, war vielmehr
rein imaginär: 100 Skudi galten so viel wie 99 der besten Goldskudi.
Alle Verpflichtungen waren
auf Markenskudi gestellt, wodurch die Meßwährung, eben wegen ihrer
Idealität, eine vollkommen feste, aller Schwankung und Zerfahrenheit der
Prägungen entzogene war.
Auch die indische Kompagnie
hat, um der Verschlechterung, dem Verschleiß und der Fälschung der
indischen Münze zu begegnen, den rupee current eingeführt: eine
überhaupt nicht geprägte Münze, die einem gewissen Quantum
Silber entsprach und nur den Maßstab bildete, an dem der Wert der
wirklichen, deteriorierten Münzen festgestellt wurde.
Diese gewannen nun durch
ein solches festes ideelles Maß auch für sich einen festen relativen
Wert.
Damit war fast schon der
Zustand erreicht, den ein Theoretiker von Anfang des 19. Jahrhunderts vor Augen
hat.
Indem er alles
gemünzte oder in anderer Form den Verkehr vermittelnde Geld für eine
Anweisung auf tauschbare Güter erklärt, kommt er schließlich zu
einer Negation aller Realität des Geldes: er stellt dem Gelde im
eigentlichen Sinne die Münze gegenüber und erklärt nur die
letztere für jene »Anweisung«, die nach dem Geld berechnet
wäre, während das Geld selbst nur der ideale Maßstab für
alle Vermögenswerte wäre.
Hier ist also das Prinzip
des Markenskudo zu einer allgemeinen Theorie geworden, das Geld ist so sehr zu
einer reinen Form und Verhältnisbegriff idealisiert, daß es
überhaupt mit keiner greifbaren Wirklichkeit mehr identisch ist, sondern
zu dieser sich nur noch verhält, wie das abstrakte Gesetz zu einem
empirischen Fall.
In den oben
angeführten Vorkommnissen hat die Funktion des Wertmessers sich von dem
substanziellen Träger gelöst: die Rechenmünze tritt wie in einen
absichtlichen Gegensatz zu der Metallmünze, um ihre Stellung jenseits
dieser festzulegen. In der hier fraglichen Beziehung tut das ideale Geld
dieselben Dienste wie das gute Geld, denn auch dieses ist hier eben gutes nur
wegen seiner Funktion: der Sicherheit der Wertabmessungen, die sich mit Hilfe
seiner vollziehen.
Dies führt nun weiter
auf die Vertretung des Geldwertes durch Äquivalente, insoweit diese die
Mobilisierung der Werte als einen der wesentlichen Dienste des Geldes
hervortreten lassen.
Je mehr die Bedeutung des
Geldes als Tauschmittel, Wertmaß, Aufbewahrungsmittel usw. aus ihrer ursprünglichen
Geringfügigkeit zum Übergewicht über seinen sogenannten
Substanzwert aufwächst, desto mehr Geld kann auch in anderer als gerade in
Metallform in der Welt zirkulieren.
Und dieselbe Entwicklung,
die von der eingeschränkten Starrheit und substanziellen Festgelegtheit
des Geldes zu diesen Vertretungen führt, macht sich auch weiterhin
innerhalb dieser selbst geltend.
So etwa in der Entwicklung
von dem von Person zu Person lautenden Schuldschein zu dem Inhaberpapier.
Die Stufen dieser
Entwicklung sind noch zu verfolgen. Die Klausel des Schuldanerkenntnisses,
daß der Inhaber desselben und nicht nur der eigentliche Ausleiher zur
Einziehung berechtigt sei, kommt zwar schon im Mittelalter vor; aber nicht um
seinen Wert zu übertragen, sondern um die Einziehung durch einen Vertreter
des Gläubigers zu erleichtern.
Diese bloß formale
Mobilisierung des Papiers wurde eine mehr tatsächliche in dem
französischen billet en blanc, das an der Lyoner Börse kursierte.
Dasselbe wies seiner
Fassung nach noch auf einen individuellen Gläubiger an, dessen Name aber
nicht ausgefüllt war; wurde ein solcher indes an die leere Stelle
eingefügt, so war nun der Gläubiger individuell bestimmt.
Der eigentliche
Handelsverkehr mit reinen Inhaberpapieren begann im 16. Jahrhundert in
Antwerpen; wir wissen, daß anfänglich denselben, wenn sie ohne
besondere Zession in Zahlung gegeben waren, oft die Einlösung am
Verfallstage verweigert wurde, so daß eine kaiserliche Verordnung ihre
prinzipielle Gültigkeit feststellen mußte.
Hier haben wir eine sehr
deutliche Stufenfolge.
Der fragliche Wert ist
durch den individuell bestimmten Schuldschein sozusagen zwischen Gläubiger
und Schuldner festgeklemmt; er gewinnt seine erste Beweglichkeit, indem er
wenigstens von einem anderen eingezogen werden kann, wenngleich für
Rechnung des ursprünglichen Gläubigers; dies erweitert sich, indem
das Blankopapier die personale Bestimmtheit des Gläubigers zwar nicht
aufhebt, aber doch beliebig hinausschiebt, bis schließlich in dem reinen
Inhaberpapier, das wie eine Münze von Hand zu Hand gehen kann, der Wert
völlig mobilisiert ist.
Dies erscheint als der
Revers oder die gleichsam subjektive Wendung der oben an den staatlichen
Schatzassignationen beobachteten Entwicklung.
Indem dieselben statt auf
einzelne bestimmte Kroneinkünfte schließlich auf die
Staatseinkünfte überhaupt lauteten, verloren sie nach der Seite des
Schuldners hin ihre individuelle Fixiertheit, gingen aus ihrer substanziellen
Eingeschränktheit in die Bewegungen der allgemeinen Staatswirtschaft
über und wurden, schon weil die Prüfung ihrer besonderen
Qualität jetzt wegfiel, unendlich viel beweglichere Träger des
Wertes, den sie darstellten. (> 184)
An der allgemeinen
Zirkulationsbeschleunigung der Werte entwickelt sich nun auch unmittelbar das
Verhältnis von Substanz und Funktion des Geldes.
Gegenüber einer
einseitigen Auffassung des Verhältnisses zwischen Geld und Geldsurrogaten
hat man hervorgehoben, daß diese letzteren - Schecks, Wechsel, Warrants,
Giro das Geld - nicht verdrängen, sondern nur zu schnellerer Umsetzung
veranlassen.
Diese Funktion gerade der
Vertretungen des Geldes zeigt sich recht daran, daß die Noten von ihren
großen und also schwerer beweglichen Werten zu immer geringeren
herabsteigen: bis 1759 gab die englische Bank keine kleineren Noten aus als zu
20 Pfund, die Bank von Frankreich bis 1848 nur solche von 5oo Fr. Indem jene
Surrogate an die Stelle der Barzahlung treten, ersparen sie es dem Einzelnen
zwar, einen größeren Geldbestand in seiner Kasse zu halten, allein
der Vorteil davon liegt doch nur darin, daß das so frei werdende Geld
anderwärts bzw. bei der Scheckbank arbeiten kann.
Was erspart wird, ist also
nicht eigentlich das Geld, sondern nur sein passives Daliegen als
Kassenbestand.
So ist auch sonst zu
beobachten, daß Kredit- und Bargeld sich keineswegs nur einfach
gegenseitig ersetzen, sondern daß eines das andere gerade in lebhaftere
Bewegung bringt.
Wenn das meiste bare Geld
am Markte ist, steigt auch oft die Kreditwirtschaft ins Taumelhafte und bis zu
pathologischen Erscheinungen: so im 16. Jahrhundert, das an die großen
Metallimporte die größten und unsolidesten Kredite knüpfte, bis
zu dem Gründungsfieber der Fünf-Milliardenzeit in Deutschland.
Daß so Geld und
Kredit ihre Bedeutung gegenseitig steigern, bedeutet nur ihr Berufensein zu
demselben funktionellen Dienst; so daß, wenn er an der Entwicklung des
einen stärker hervortritt, auch das andere zu der gleichen Lebhaftigkeit
der Bewegung veranlaßt wird.
Dies widerspricht also gar
nicht der anderen Relation zwischen ihnen, wonach der Kredit das bare Geld
überflüssig macht: so hören wir, daß in England schon 1838
trotz der ungeheuer gestiegenen Produktion weniger bares Geld vorhanden gewesen
sei als 50 Jahre früher, ja in Frankreich weniger als vor der Revolution.
Zwischen zwei
Erscheinungen, die demselben Grundmotiv entsprießen, ist dieses
Doppelverhältnis: sich einerseits gegenseitig zu steigern, sich andrerseits
zu verdrängen und zu ersetzen - durchaus begreiflich und keineswegs
selten.
Ich erinnere daran, wie das
Fundamentalgefühl der Liebe sich sinnlich und geistig äußern
kann, und zwar derart, daß diese Erscheinungsweisen sich gegenseitig
stärken, aber auch so, daß eine von ihnen die andere
auszuschließen strebt, und daß oft gerade ein Wechselspiel zwischen
diesen beiden Möglichkeiten das Grundgefühl am tiefsten und
lebendigsten verwirklicht; ich erinnere daran, wie die (>185) verschiedenen
Betätigungen des Erkenntnistriebes, sowohl wenn sie sich gegenseitig
hervorrufen, wie wenn sie sich gegenseitig verdrängen,
gleichmäßig die Einheit des grundlegenden Interesses bekunden;
endlich, die politischen Energien in einer Gruppe verdichten sich je nach dem
Naturell und Milieu der Einzelnen zu divergenten Parteien, aber sie zeigen ihr
Kraftmaß ebenso in der Leidenschaft des Kampfes zwischen diesen, wie
darin, daß das Interesse des Ganzen sie gelegentlich zu gemeinsamer
Aktion zu vereinheitlichen imstande ist.
So weist die Bedeutung des
Kredits: einerseits mit der Bargeldzirkulation in einem Verhältnis
gegenseitiger Anregung zu stehen, andrerseits dieselbe zu ersetzen, nur auf die
Einheit des Dienstes hin, den beide zu leisten haben.
Nun tritt an die Stelle der
Vermehrung der Geldsubstanz, die durch die Steigerung des Umsatzes erfordert
scheint, immer mehr die Vermehrung seiner Umlaufsgeschwindigkeit.
Ich führte früher
an, daß schon im Jahre 1890 die französische Bank auf Kontokorrent
das 135 fache der tatsächlich darauf eingezahlten Gelder umgesetzt hat (54
Milliarden auf 400 Millionen Francs), die deutsche Reichsbank sogar das 190
fache. Man macht sich im allgemeinen selten klar, mit wie unglaublich wenig
Substanz das Geld seine Dienste leistet.
Die auffällige
Erscheinung, daß bei Ausbruch eines Krieges oder sonstiger Katastrophen
das Geld verschwindet, als ob es in die Erde gesunken wäre, bedeutet doch
nur die Stockung der Zirkulation, die durch die Ängstlichkeit des
Einzelnen, sich auch nur momentan von seinem Gelde zu trennen, veranlaßt
oder verstärkt ist.
In normalen Zeiten
läßt die Schnelligkeit der Zirkulation seine Substanz viel
ausgedehnter erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist - wie ein glühendes
Fünkchen, das im Dunkeln rasch im Kreise bewegt wird, als ein ganzer
glühender Kreis erscheint, - um in dem Augenblick, wo seine Bewegung
aufhört, sofort wieder in seine substanzielle Minimität
zusammenzuschmelzen.
Am heftigsten tritt dies
bei einem schlechten Gelde auf. Denn das Geld gehört in jene Kategorie von
Erscheinungen, deren Wirksamkeit sich bei regulärer Form und Verlauf in
angebbaren Grenzen und determiniertem Umfang hält, während sie bei
Ablenkungen und Verschlimmerungen einen unübersehbaren und kaum begrenzten
Schaden anrichten.
Die Typen dafür sind
die Mächte des Wassers und des Feuers.
Da das gute Geld nicht mit
so vielen Nebenwirkungen belastet ist wie das schlechte und deshalb nicht so
viel Erwägungen, Vorsicht und sekundäre Maßregeln bei seiner
Benutzung verlangt, so kann es leichter und flüssiger als dieses
kursieren.
In je präziserer Form
es die Dienste des bloßen Geldes leistet, desto geringer braucht sein
Quantum zu sein, desto leichter (> 186) ist es durch seine Bewegung zu
ersetzen.
Auch kann die Vermehrung
der Umsätze statt durch eine Vermehrung der kursierenden Geldsubstanz
durch Verkleinerung der Stücke erzielt werden.
Die Entwicklung der
Münze geht im allgemeinen von großen zu kleinen Stücken und ich
erwähne aus derselben hier des bezeichenden Falles: in England war lange
Zeit der Farthing (gleich o,12 gr Silber) das geringste Münzstück;
erst von 1843 an wurden halbe Farthings geschlagen.
Bis dahin waren also alle
Werte, die unter ein Farthing galten, vom Geldverkehr ausgeschlossen, und
für alle, die zwischen zwei ganzen Zahlen von Farthings standen, der
Verkehr erschwert.
Ein Reisender erzählt
aus Abessinien (1882), wie außerordentlich es den Handel behindere,
daß nur eine ganz bestimmte Münze, der Maria-Theresia-Taler von
1780, anerkannt werde, das Kleingeld aber so gut wie ganz fehle.
Wenn jemand also für
einen halben Taler Gerste kaufen wolle, so müsse er für den Rest des
Geldes irgend sonstige Gegenstände in Kauf nehmen.
Wogegen aus Bornu in den
sechziger Jahren von einem besonders leichten Verkehr berichtet wird, da der
Wert jenes Talers in zirka 4000 Kaurimuscheln zerlegt sei und der Arme deshalb
ein Geld für die kleinsten Warenmengen besitze.
Freilich hat die
Verkleinerung der Münze die Folge, daß nicht mehr so viel umsonst
geleistet wird, das Leihen und Aushelfen, das in primitiven Verhältnissen
Regel ist, fällt fort, sobald für den allerkleinsten Dienst ein
Geldäquivalent zur Verfügung steht und eben deshalb auch gefordert
wird.
Aber jene Hingabe ohne
Äquivalent, die zuerst soziale Notwendigkeit, dann moralische Pflicht oder
freie Freundlichkeit ist, bedeutet noch keine eigentliche und
entwicklungsfähige Wirtschaft, sowenig wie umgekehrt der Raub.
Zu dieser wird die Hingabe
erst mit der Objektivation des Verkehrs und seiner Gegenstände.
Jenes subjektive Verfahren
ist sicher von hohem, auch ökonomischem Werte - aber es setzt der
Wirtschaft sehr enge Grenzen; und diese können erst durch die
Maßregeln gesprengt werden, die freilich jene Werte unmittelbar
vernichten und zu denen die Einführung möglichst kleiner Münze
gehört.
Die Verflüchtigung des
Geldstoffes sozusagen in Atome hebt den Verkehr außerordentlich; indem
sie das Tempo der Geldumsätze beschleunigt, vermehrt sie ihre Zahl; d. h.
also, die bestimmte Art, in der das Geld funktioniert, ist imstande, die
quantitativen Mehrungen seiner Substanz zu ersetzen.
Auch haben nun endlich
gewisse Leistungen des Geldes von vornherein einen Sinn, der dem Wesen einer
Substanz heterogen ist. Es gehört zu den Funktionen des Geldes, die
ökonomische Bedeutung der Dinge in der ihm eigenen Sprache nicht nur
überhaupt darzustellen, (> 187) sondern zu kondensieren.
In der Einheit der
Geldsumme, mit der ein Gegenstand bezahlt wird, verdichten sich ebenso die
Werte aller, vielleicht durch einen langen Zeitraum hin erstreckten Momente
seiner Nutznießung, wie die Sonderwerte seiner räumlich
auseinanderliegenden Teile, wie die Werte aller vorbereitenden und in ihm
mündenden Kräfte und Substanzen.
Ein Geldpreis, aus wie
vielen Münzeinheiten er auch bestehe, wirkt doch als eine Einheit; dank
der völligen Ununterscheidbarkeit seiner Teile, die seinen Sinn
ausschließlich in seiner quantitativen Höhe bestehen
läßt, bilden diese Teile eine so völlige Einheit, wie sie auf
praktischem Gebiet sonst kaum besteht.
Wenn man selbst von einem
hochwertigen und vielverzweigten Objekt, etwa einem Landgut, sagt, es gelte
eine halbe Million Mark, so wird durch diese Summe, auf wie viele einzelne
Voraussetzungen und Erwägungen sie sich auch fundamentiere, doch der Wert
des Gutes in einen ganz einheitlichen Begriff zusammengezogen, nicht anders,
als wenn man eine auch in sich einheitliche Sache durch einen in sich
einheitlichen Münzbegriff schätzt, also etwa: eine Arbeitsstunde
gelte eine Mark.
Man könnte dies
höchstens mit der Einheit des Begriffes vergleichen, der das Wesentliche
einer Anzahl individueller Gestaltungen zusammenschließt; wenn ich z. B.
den Allgemeinbegriff Baum bilde, so liegen die Merkmale desselben, die ich aus
ihren sehr verschiedenartigen Verwirklichungen an den einzelnen Bäumen
heraus abstrahiere, nicht mehr nebeneinander, sondern durchdringen sich zu
einer einheitlichen Wesenheit.
Wie es der tiefere Sinn des
Begriffes ist, nicht ein bloßes Zusammen von Merkmalen zu sein, sondern
die ideale Einheit, in der diese Merkmale trotz aller ihrer Verschiedenheiten
sich begegnen, und in die sie sich einschmelzen - so läßt der
Geldpreis alle vielfache und extensiv-ökonomische Bedeutung des Objekts in
eine gleichsam unausgedehnte Einheit konvergieren.
Es scheint zwar, als ob
jener Charakter reiner Quantität dies gerade verhindern müßte:
niemals könne eine Mark mit einer zweiten eine solche Einheit bilden wie
die Elemente eines organischen Körpers oder einer sozialen Vereinigung,
die Verschlingung ineinander fehle ihnen, sie blieben ewig an die Form des
Nebeneinander gebunden.
Allein dies gilt
tatsächlich nicht für den Fall, daß die Geldsumme den Wert
eines Objektes ausdrückt.
Eine halbe Million Mark
sind an und für sich freilich ein bloßes additionales Konglomerat
zusammenhangsloser Einheiten; dagegen als Wert eines Landgutes sind sie das
einheitliche Symbol, Ausdruck oder Äquivalent seiner Werthöhe und so
wenig ein bloßes Nebeneinander einzelner Markeinheiten, wie, wenn man die
Lufttemperatur Mit 20o bezeichnet, damit nicht eine Summe von 20 einzelnen
(>188) Graden, sondern vielmehr ein in sich völlig einheitlicher
Wärmezustand gemeint ist.
Dies entspricht der
erwähnten Leistung des Geldes, Werte zu kondensieren; mit dieser
schließt es sich den großen Kulturmächten an, deren Wesen es
ist, überall in einem kleinsten Punkt die größte Kraft zu
sammeln und vermöge der Form der Konzentrierung der Energien die passiven
und aktiven Widerstände gegen unsere Zwecke zu überwinden.
Hier ist vor allem an die
Maschine zu erinnern, und zwar nicht nur nach der auf der Hand liegenden Seite,
daß sie die Naturkräfte in konzentrierter Weise in die Bahnen uns
erwünschter Betätigung lenkt; sondern auch nach der hin, daß
jede Verbesserung der Maschine und Erhöhung ihrer Geschwindigkeit den
Arbeiter zu erhöhter Intensifikation seines Krafteinsatzes zwingt.
Das eben ist der Grund,
weshalb Fortschritt der maschinellen Technik und Verkürzung der
Arbeitszeit so oft Hand in Hand gehen kann und muß: weil die verbesserte
Maschinerie nicht nur die Naturkräfte, sondern auch die
Menschenkräfte in zusammengedrängterer, gleichsam porenloserer Form
in den Dienst unserer Zwecke stellt.
Ich sehe die gleiche
Kulturtendenz sich an der Herrschaft des Naturgesetzes innerhalb unseres
Weltbildes verwirklichen: gegenüber dem Haften an der einzelnen
Erscheinung, der Zufälligkeit und der Isoliertheit primärer Empirie,
ist das Naturgesetz eine ungeheure Kondensierung des Erkennens; es faßt
in eine kurze Formel die Erscheinungsart und Bewegung endloser Einzelfälle
zusammen, der Geist komprimiert mit ihm die räumliche und zeitliche
Extensität des Geschehens in eine überschaubare Systematik, in der
sozusagen die ganze Welt latent enthalten ist.
An einem ganz anderen Pol
der Erscheinungen zeigt die Ablösung der Handwaffen durch die Feuerwaffen
dieselbe Entwicklungsform.
Im Pulver liegt die enorme
Kraftverdichtung, die mit einem Minimum von Muskelleistung eine unmittelbar gar
nicht erzielbare Extensität der Wirkung entfesselt.
Ja vielleicht ist die
Wichtigkeit und die Differenzierung der Persönlichkeit innerhalb der
historischen Bewegung, die an die Stelle der Gentil-, Familien-,
Genossenschaftsorganisationen tritt, dem gleichen Prinzip untertan.
Indem die bewegenden
Kräfte von immer individualisierteren, äußerlich enger
begrenzten Trägern ausstrahlen, erscheinen sie komprimierter als vorher,
die Schicksalsfaktoren, die bei enger Einschmelzung des einzelnen in seine
Gruppe durch diese hin verteilt sind, konzentrieren sich jetzt in ihm selbst;
das Selbstbestimmungsrecht des modernen Menschen hätte
zweckmäßigerweise nicht aufkommen können, wenn nicht in der
engen Form personaler Existenz ein sehr gestiegenes Quantum von
Wirkungsmöglichkeiten zusammengebunden wäre.
Und dem widerstreitet (>
189) es durchaus nicht, daß zugleich die Funktionen jener engen
Gemeinschaften zum großen Teil an den so viel extensiveren
Großstaat übergegangen sind. Denn auf die wirklichen Leistungen
angesehen, ist die Lebensform des modernen Staates mit seiner
Beamtenorganisation, seinen Machtmitteln, seiner Zentralisierung, eine
unendlich viel intensivere, als die der kleinen und primitiven Gemeinwesen.
Der moderne Staat beruht
auf einem ungeheuren Zusammennehmen, Ineinanderflechten und Vereinheitlichen
aller politischen Kräfte; so daß man direkt sagen kann -
gegenüber den Kraftverschwendungen, die die Zerfällung einer Nation
in jene selbständigen, in sich zentralisierten Gemeinwesen von geringster
Extensität bewirkt, stellt sowohl die freie und differenzierte
Persönlichkeit, wie andrerseits der moderne Großstaat ein
unvergleichliches Zusammennehmen der Kräfte dar; die sozialen Spannkräfte
sind hiermit in eine derartig kompendiöse Form gebracht, daß jeder
einzelnen Anforderung gegenüber mit einem Minimum von neuem Energieaufwand
ein Maximum von Leistung erzielt werden kann.
Es ist nun interessant zu
ersehen, wie das Geld sich nicht nur diesen Beispielen der historischen Tendenz
auf Kraftverdichtung anschließt, indem es die Werte der Dinge auf die
kürzeste und komprimierteste Weise ausdrückt sondern dies auch noch
so bestätigt, daß es zu vielen jener gleich gerichteten, aber ganz
anderen Gebieten zugehörigen Beispiele ein direktes Verhältnis hat.
In der Epoche der
aufkommenden Feuerwaffen wurde pecunia nervus belli, das Pulver entwand dem
Ritter und dem Bürger die Waffe und drückte sie dem Söldner in
die Hand, machte ihren Besitz und ihre Benutzung also zum Privileg der
Geldbesitzer. Wie eng das Aufkommen und die Fortschritte der Maschinentechnik
mit dem Geldwesen verbunden sind, bedarf keines Nachweises.
Dagegen werde ich
später einen solchen dafür zu führen haben, daß jene
Entwicklung der primären Gruppenbildung zur Befreiung der
Individualität einerseits und die Erweiterung zum Großstaat
andrerseits die innigste innere Beziehung zu dem Aufkommen der Geldwirtschaft
hat.
So sehen wir die
Kulturtendenz der Kondensierung der Kräfte in vielerlei direkten und
vermittelten Zusammenhängen mit der Geldform der Werte.
Alle jene indirekten
Bedeutungen seiner für die anderweitigen Seiten des Kulturprozesses
hängen an seiner wesentlichen Leistung, daß der ökonomische
Wert der Dinge mit ihm den gedrängtesten Ausdruck und eine Vertretung von
absoluter Intensität gewonnen hat.
Wenn man hergebrachterweise
unter die Hauptdienste des Geldes rechnet, daß es Wertaufbewahrungs- und
Werttransportmittel ist, so sind dies nur die groben und sekundären
Erscheinungen jener grundlegenden Funktion. Sie aber hat ersichtlich gar keine
(> 190) innere Beziehung zu dem Gebundensein des Geldes an eine Substanz, ja
an ihr tritt am empfindbarsten hervor, daß das Wesentliche des Geldes
Vorstellungen sind, die, weit über die eigene Bedeutung seines
Trägers hinaus, in ihm investiert sind.
Je größer die
Rolle des Geldes als Wertkondensator wird - und das wird sie nicht durch
Wertsteigerung seines einzelnen Quantums, sondern durch die Erstreckung dieser
seiner Funktion auf immer mehr Objekte, durch die Verdichtung immer
verschiedenartigerer Werte in seiner Form - desto weiter wird es von der
notwendigen Bindung an eine Substanz fortrücken; denn in ihrer
mechanischen Immergleichheit und Starrheit muß diese der Fülle, dem
Wechsel, der Mannigfaltigkeit der Werte immer inadäquater werden, die auf
ihre Vorstellung projiziert und in ihr kondensiert werden.
Man könnte dies als
eine steigende Vergeistigung des Geldes bezeichnen.
Denn das Wesen des Geistes
ist, der Vielheit die Form der Einheit zu gewähren.
In der sinnlichen
Wirklichkeit ist alles nebeneinander, im Geist allein gibt es ein Ineinander.
Vermittels des Begriffes
gehen dessen Merkmale, vermittels des Urteils gehen Subjekt und Prädikat
in eine Einheit ein, zu der es in der Unmittelbarkeit des Anschaulichen gar
keine Analogie gibt. Der Organismus, als die Brücke von der Materie zum
Geist, ist freilich ein Ansatz dazu, die Wechselwirkung schlingt seine Elemente
ineinander, er ist ein fortwährendes Streben nach einer ihm unerreichbaren
vollkommenen Einheit.
Erst im Geiste wird die
Wechselwirkung der Elemente ein wirkliches Sichdurchdringen.
Den Werten bereitet die
Wechselwirkung im Tausche diese geistige Einheit.
Darum kann das Geld, die
Abstraktion der Wechselwirkung, an allem Räumlich-Substanziellen nur ein
Symbol finden, denn das sinnliche Außereinander desselben widerstrebt
seinem Wesen. Erst in dem Maß, in dem die Substanz zurücktritt, wird
das Geld wirklich Geld, d. h. wird es zu jenem wirklichen Ineinander und
Einheitspunkte wechselwirkender Wertelemente, der nur die Tat des Geistes sein
kann.
Wenn so die Leistungen des
Geldes sich teils neben seiner Substanz, teils unabhängig von ihrem
Quantum vollziehen können, und wenn deshalb sein Wert sinken muß -
so bedeutet dies durchaus nicht, daß der Wert des Geldes überhaupt,
sondern nur, daß der des einzelnen konkreten Geldquantums herabgesetzt
ist.
Beides fällt so wenig
zusammen, daß man geradezu sagen kann: je weniger das einzelne
Geldquantum wert ist, desto wertvoller ist das Geld überhaupt.
Denn nur dadurch, daß
das Geld so billig, jede bestimmte Summe seiner so viel wertloser geworden ist,
kann es diejenige allgemeine Verbreitung, rasche Zirkulation, überall
hindringende Ver-wendbarkeit gewinnen, die ihm seine jetzige
Rolle sichert.
Innerhalb des Individuums
spielt sich dasselbe Verhältnis zwischen den einzelnen Geldquanten und
ihrer Totalität ab. Gerade diejenigen Personen, die sich vom Geld, wenn es
eine einzelne Ausgabe betrifft, am leichtesten und verschwenderischsten
trennen, pflegen vom Gelde überhaupt am abhängigsten zu sein.
Auch dies ist eine der
Bedeutungen der Redensart, daß man das Geld nur verachten könne,
wenn man sehr viel hätte.
In ruhigen Zeiten und
Orten, mit ökonomisch langsamerem Lebenstempo, wo das Geld viel
länger an einer Stelle liegt, wird sein einzelnes Quantum viel höher
gewertet als in der ökonomischen Jagd der großstädtischen
Gegenwart.
Die schnelle Zirkulation
erzeugt eine Gewohnheit des Weggebens und Wiedereinbekommens, macht jedes
einzelne Quantum psychologisch gleichgültiger und wertloser, während
es als Geld überhaupt da das Geldgeschäft den Einzelnen hier viel
intensiver und extensiver berührt als in jenem unbewegteren Dasein - immer
größere Bedeutung gewinnt.
Es handelt sich hier um den
sehr weit erstreckten Typus: daß der Wert eines Ganzen sich in demselben
Verhältnis hebt, in dem der seiner individuellen Teile sinkt.
Ich erinnere daran,
daß Maß und Bedeutung einer sozialen Gruppe oft um so höher
steigt, je geringer das Leben und die Interessen ihrer Mitglieder als
Individuen eingeschätzt werden; daß die objektive Kultur, die
Vielseitigkeit und Lebendigkeit ihrer sachlichen Inhalte ihren höchsten
Grad durch eine Arbeitsteilung erreichen, die den einzelnen Träger und
Anteilhaber dieser Kultur oft in eintöniges Spezialistentum,
Beschränktheit und Verkümmerung bannt: das Ganze ist um so
volllkommener und harmonischer, je weniger der Einzelne noch ein harmonisches
Ganzes ist.
Dieselbe Form stellt sich
auch sachlich dar.
Der besondere Reiz und die
Vollendung gewisser Gedichte besteht darin, daß die einzelnen Worte
durchaus keinen selbständigen Sinn, außer dem, der dem
beherrschenden Gefühl oder dem Kunstzweck des Ganzen dient, psychologisch
mitanklingen lassen, daß der Gesamtkreis der Assoziationen, der die
eigene Bedeutung des Wortes ausmacht, ganz zurücktritt, und nur die dem
Zentrum des Gedichtes zugewandten für das Bewußtsein beleuchtet
sind; so daß das Ganze in demselben Maße kunstvollendeter ist, in
dem seine Elemente ihre individuelle, für sich seiende Bedeutung
einbüßen.
Und endlich ein ganz
äußerlicher Fall.
Der Herstellungs - wie der
Kunstwert eines Mosaikbildes ist um so höher, je kleiner seine einzelnen
Steinchen sind; die Farben des Ganzen sind die treffendsten und nuanciertesten,
wenn der einzelne Bestandteil eine möglichst geringfügige, einfache
und für sich bedeutungslose Farbenfläche darbietet.
Es ist also ein (> 192)
im Gebiete der Wertungen keineswegs unerhörter Fall, daß die Werte
des Ganzen und die seiner Teile sich in umgekehrter Proportionalität
zueinander entwickeln, und zwar nicht durch ein zufälliges Zusammentreffen
von Umständen, sondern durch direkte Verursachung: daß jede einzelne
angebbare Geldsumme jetzt weniger wert ist als vor Jahrhunderten, ist die
unmittelbare Bedingung für die ungeheuer gesteigerte Bedeutung des Geldes.
Und diese Bedingung
hängt ihrerseits wieder von dem Steigen des Funktionswertes des Geldes auf
Kosten seines Substanzwertes ab.
Das zeigt sich nicht nur am
Geld im allgemeinen, sondern auch an den einzelnen davon abzweigenden
Erscheinungen: der Zinsfuß stand außerordentlich hoch, so lange es
teils wegen der kirchlichen Wucherlehre, teils wegen der
naturalwirtschaftlichen Verhältnisse überhaupt wenig verzinsliche
Darlehen gab; eine je größere Bedeutung der Zins im wirtschaftlichen
Leben erhielt, desto geringer wurde er.
Und auch von dem
allerprinzipiellsten Standpunkte aus wäre es das schwerste
Mißverständnis der Entwicklung von der Substanz zur Leistung, wenn
man sie auf ein »Wertlos«-Werden des Geldes deutete, und als sei
ihm damit ungefähr so viel genommen wie einem Menschen mit der Seele -
nämlich alles.
Diese Auffassung geht schon
deshalb an der Hauptsache vorbei, weil die Funktionen, in die das Geld sich
auflöst, selbst wertvolle sind, wodurch ihm ein Wert zuwächst, der
beim Metallgeld ein additioneller, beim Zeichengeld der einzige ist; so sicher
aber ist er ein reeller Wert, wie die Lokomotive durch das Ausüben ihrer
Transportfunktionen einen Wert hat, der mehr ist als der Wert ihres Materials.
Freilich kann es
zunächst die Geldfunktionen ausüben, weil es ein Wert ist; dann aber
wird es ein Wert, weil es sie übt.
Den Wert des Geldes in
seinen Substanzwert setzen, heißt den Wert der Lokomotive in den ihres
Eisengewichts, etwa noch um den darin steckenden Arbeitswert erhöht,
setzen.
Aber gerade diese Analogie
scheint die Annahme eines besonderen, aus der Funktion erwachsenden Wertes zu
widerlegen.
Der Preis einer Lokomotive
- wir brauchen in diesem Zusammenhange nicht zwischen Wert und Preis zu unterscheiden
- besteht allerdings aus Materialwert + Formwert, d. h. + Wert der darin
investierten Arbeitskraft.
Daß die Lokomotive
wie das Geld den Austausch von Objekten bewirkt, das sei zwar die Veranlassung,
sie überhaupt zu werten, davon hänge aber das Maß dieser
Wertung keineswegs ab wie auch sonst die Nützlichkeit unzähliger
Objekte bewirke, daß sie überhaupt einen Marktpreis haben, die
Höhe dieses aber von ganz anderen Momenten bestimmt werde; die
Nützlichkeit gebe bei solchen Objekten allenfalls eine Grenze an,
über die der Preis nicht (>193) steigen darf, aber sie könne hier
dessen positive Größe nicht erzeugen.
Gilt dieser Vergleich, so
scheint der Wert des Geldes doch wieder von seinen Funktionen auf seine
Substanz zurückgewiesen zu werden.
Allein an einem
entscheidenden Punkte gilt er eben nicht. Daß eine Lokomotive nur nach
ihrem Materialwert und Formungswert bezahlt wird, hängt
ausschließlich daran, daß jeder Beliebige Lokomotiven bauen darf,
und deshalb die Idee, ohne die Material + Arbeitskraft niemals eine Lokomotive
ergeben würden, keinen Einfluß auf die Preisbildung besitzt.
Sobald es ein Patent auf
Lokomotiven gäbe, würde sich in dem erhöhten Preise, den man
für sie bewilligte, der Wert zeigen, den sie über die Summe von
Materialwert und Arbeitswert hinaus besitzen; sobald die Idee Gemeingut ist,
haben ihre Verwirklichungen insoweit keine »Seltenheit«, und erst
diese würde ihrer Funktionsbedeutung einen besonderen Ausdruck im Preise
verschaffen.
Nun aber besteht am Gelde
etwas, was dem Patente entspricht: das Prägerecht der Regierungen, das
jeden Unlegitimierten die Idee des Geldes zu verwirklichen hindert; auf diesem
Monopol der Regierung ruht die »Seltenheit« des Geldes entweder
teilweise, wenn es aus Edelmetall besteht, oder völlig, wenn es Papier
oder Scheidemünze ist.
Ein chinesisches Gesetz
drückt im ersteren Falle das Monopol der Regierung dadurch mit
charakteristischer Schärfe aus, daß es den Falschmünzer, der
aus echtem Metall münzt, schwerer bestraft als den, der es aus
minderwertigem tut: weil, so wird dies begründet, er gerade damit in
unziemlichere Konkurrenz mit der Regierung träte und in ihre
Prärogative tiefer eingriffe, als im letzteren Fall!
Wenn jeder Beliebige Geld
prägen könnte, so würde sein Wert allerdings auf Materialwert +
Formwert sinken, - womit denn jenes Monopol mit seinen Vorteilen hinwegfiele.
Deshalb ist von
ethnologischer Seite bemerkt worden, daß, wo jeder selbst Geld beliebig
herstellen kann, wie beim Muschelgeld, die Machtstellung der Reichen und der
Häuptlinge sehr leicht erschüttert wird.
Umgekehrt hat an dem
Privileg des Staates für die Herstellung des Geldes jeder Geldbesitzer pro
rata teil - wie der Käufer eines patentierten Gegenstandes an dem Patent
des Erfinders.
Vermöge des der
Zentralgewalt vorbehaltenen Prägerechts, das dem Geld die stete
Möglichkeit, wirklich als Geld zu funktionieren, garantiert - gewinnen
diese Funktionen nun ihrerseits die Möglichkeit, dem Material- und
Formwert des Geldes ein weiteres wirksames Wertquantum hinzuzufügen, oder,
wo jene fortfallen, ihm überhaupt einen Wert zu verschaffen. Sehr
bezeichnend ist hierfür eine Norm des römischen Rechts, schon aus der
republikanischen Zeit.
Seit der Einführung
der geprägten Münze statt des gewogenen Kupfergeldes (> 194) haben
die Römer darauf gehalten, daß dieselbe rechtlich für ihren
konventionellen Wert akzeptiert werde, gleichviel, ob ihr Effektivwert damit
stimmte oder nicht.
Diese Unabhängigkeit
vom Metall aber fordert sogleich die Zusatzbestimmung: Geld sei überhaupt
nur eben diese Münze, jede andere sei bloße Ware; nur bei Forderung
auf jene kann man mit der strengen Geldschuldklage vorgehen, alle sonstigen
Geldschulden sind, wie Warenschulden, nur auf den wirklichen, also durch ihr
Nominal als Geld nicht beeinflußten Wert (quanti ea res est) einzuklagen.
Das heißt also, der
Wert des anderen Geldes war nicht Geldwert, sondern Stoffwert, weil man der
legalen Münze die Funktion des Geldes vorbehielt.
Eben dadurch erhielt sie
den Wert, den die anderen Münzen nur durch ihren Gehalt erreichen konnten,
und rechtfertigte es, daß sie unabhängig von ihrem inneren Werte
galt.
Wie ein Litermaß
wirtschaftlichen Wert hat, nicht weil es Material und Form enthält - denn
wenn es nicht durch diese zu einem außerhalb ihrer liegenden Zwecke
verwendbar wäre, so würde kein Mensch ihm nachfragen - sondern weil
es die Funktion des Messens zweckmäßig erfüllt, so hat auch das
Geld seinen Wert im Dienst des Messens und den anderen, die es leistet.
Nur daß man diesen
auch wieder nur in Geld mit hinreichender Allgemeinheit ausdrücken kann,
verhindert, dies so ohne weiteres zu erkennen wie bei dem Litermaß,
dessen Wert man in etwas anderem, als es selbst ist, ausdrückt.
Die Dienste des Geldes
bilden seinen »Gebrauchswert«, der doch in seinem
»Tauschwert« irgendwie zum Ausdruck kommen muß; es ist eines
der Objekte, in deren »Gebrauchswert«, da er an die Prägung
durch die Regierung gebunden ist, der »Seltenheitswert«, den diese
Prägung, wie ich zeigte, involviert, zugleich enthalten ist.
Die Substanztheorie des
Geldes wehrt sich gegen die doch unvermeidliche Erkenntnistendenz, die
Bedeutung der Dinge aus ihrem terminus a quo in ihren terminus ad quem zu
verlegen: nicht was das Geld ist, sondern wozu es ist, verleiht ihm seinen
Wert, so daß, wenn auch ein ursprünglicher Wert des Geldes es zu
seinen Funktionen disponiert hat, es seinen Wert dann durch die Ausübung
dieser Funktionen erhält und damit auf höherer Stufe
zurückgewinnt, was es auf niederer aufgegeben hat.
Wenn nun in den oben
geschilderten Entwicklungen das Geld einem Punkte zustrebt, wo es, zum reinen
Symbol geworden, ganz in seinen Tausch und Meßzweck aufginge so zeigen
mannigfache Parallelen die allgemeine geistesgeschichtliche Tendenz, die es in
jene Richtung führt.
Das Interesse, das wir
primärer und unbefangener Weise an den Erscheinungen nehmen, pflegt
dieselben als ungeschiedene Ganze zu umfassen: wie sie uns als Einheit von Form
(> 195) und Inhalt entgegentreten, so knüpft sich unser Wertgefühl
auch an ihre Form, weil sie die Form dieses Inhalts, an ihren Inhalt, weil er
der Inhalt dieser Form ist.
Auf höheren Stufen
sondern sich diese Elemente, und es wenden sich besondere Schätzungsweisen
an die Funktion als bloße Form.
Die Mannigfaltigkeit des
Inhalts, die von dieser getragen wird, erscheint ihr gegenüber oft
irrelevant.
So schätzen wir z. B.
die religiöse Stimmung, unter Gleichgültigkeit gegen ihren
dogmatischen Inhalt.
Daß diese bestimmte
Erhebung, Spannung und Versöhnung der Seele überhaupt vorhanden sei,
die, als ein Allgemeines, die unendliche Verschiedenheit der historischen
Glaubensinhalte trägt, - empfinden wir als wertvoll.
So flößt uns die
Kraftbewährung als solche oft einen Respekt ein, den wir ihren Ergebnissen
versagen müssen.
So wendet sich das
verfeinerte ästhetische Interesse immer mehr dem zu, was am Kunstwerk
bloß Kunst ist, der Kunstform im weitesten Sinne, unter wachsender
Gleichgültigkeit gegen seine Materie, d. h. gegen seinen Vorwurf und gegen
die ursprünglichen Gefühle, in deren Sublimierung und Objektivierung
erst die eigentlich ästhetische Funktion, in Produktion wie Konsumtion,
verläuft.
So empfinden wir die
Erkenntnis als wertvoll, rein als die formale Funktion des Geistes, die Welt in
sich zu spiegeln, und insoweit gleichgültig dagegen, ob die
Gegenstände und Resultate des Erkennens erfreuliche oder unerfreuliche,
verwertbare oder rein ideelle sind.
Diese Differenzierung der
Wertgefühle hat nun eine weitere bemerkenswerte Seite.
Die ganze Entwicklung des
modernen naturalistischen Geistes geht auf die Entthronung der
Allgemeinbegriffe und die Betonung des Einzelnen als des allein legitimen
Vorstellungsinhaltes.
In der Theorie wie in der
Praxis des Lebens wird das Allgemeine als bloß Abstraktes behandelt, das
seine Bedeutung nur an seinem Stoffe, d. h. an greifbaren Einzelheiten finden kann;
indem man sich über diese erhebt, glaubt man ins Leere zu fallen.
Dennoch aber ist das
Gefühl für die Bedeutsamkeit des Allgemeinen, das einst in Plato
seinen Höhepunkt erreichte, nicht verschwunden, und eine völlig
befriedigende Stellung zur Welt würden wir erst gewinnen, wenn jeder Punkt
unseres Bildes von ihr die stoffliche Realität des Singulären mit der
Tiefe und Weite des Formal-Allgemeinen versöhnte.
So ist der Historismus und
die soziale Weltanschauung ein Versuch, das Allgemeine zu bejahen und doch
seine Abstraktheit zu verneinen: ein Erheben über das Einzelne, ein
Ableiten des Einzelnen aus einem Allgemeinen, das doch volle und gediegene
Wirklichkeit besitzt; denn die Gesellschaft ist das Allgemeine, das nicht
abstrakt ist.
In dieser Richtung liegt
nun auch jene Wertung der Funktion in ihrer Sonderung vom Inhalte.
Die Funktion ist das (>
196) Allgemeine gegenüber dem speziellen Zweck, dem sie dient: das
religiöse Gefühl ist das Allgemeine gegenüber seinem
Glaubensinhalte, das Erkennen das Allgemeine gegenüber seinen einzelnen
Objekten, jede Kraft überhaupt das Allgemeine gegenüber den
speziellen Aufgaben, zu deren Mannigfaltigkeit sie sich als die immer gleiche
verhält - gleichsam eine Form und Fassung, die die verschiedenartigsten
Stoffe aufnimmt.
An dieser
Entwicklungstendenz scheint das Geld teilzunehmen, wenn das daran
geknüpfte Wertgefühl sich von seinem Stoffe unabhängig macht und
auf seine Funktion übergeht, die ein Allgemeines und doch kein Abstraktes
ist.
Die Schätzung, welche
anfangs den in bestimmter Weise funktionierenden Stoff als Einheit betraf,
differenziert sich, und während das Edelmetall als solches immer weiter
geschätzt wird, gewinnt nun auch seine Funktion, die jedem ihrer
stofflichen Träger gegenüber ein Überindividuelles ist, eine
besondere und selbständige Wertung.
Daß das Geld Tausche
vermittelt und Werte mißt, ist gleichsam die Form, in der es für uns
existiert; indem das Metall diese Form annimmt, wird es Geld - wie
Vorstellungen über das Überirdische zur Religion werden, indem die
religiöse Gefühlsfunktion sie aufnimmt, und wie der Marmorblock zum
Kunstwerk wird, wenn die künstlerische Produktivität ihm die Form
verleiht, die nichts anderes als eben diese Funktion in räumlichem
Festgewordensein ist.
Die Verfeinerung des Wertempfindens
löst dies ursprüngliche Ineinander und läßt die Form oder
Funktion sich zu einem selbständigen Werte für uns entwickeln.
Gewiß muß auch
dieser Wert des Geldes einen Träger haben; aber das Entscheidende ist,
daß er nicht mehr aus seinem Träger quillt, sondern umgekehrt der
Träger das ganz Sekundäre ist, auf dessen an sich seiende
Beschaffenheit es nur noch aus technischen, jenseits des Wertempfindens
liegenden Gründen ankommt.
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