Das Zweckhandeln als bewusste Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt.
Die Länge der
teleologischen Reihen.
Das Werkzeug als das
potenzierte Mittel, das Geld als das reinste Beispiel des Werkzeugs.
Die Wertsteigerung des
Geldes durch die Unbegrenztheit seiner Verwendungsmöglichkeiten.
Das Superaddititum des
Reichtums.
Unterschied des gleichen
Geldquantums als Teil eines grossen und eines kleinen Besitzes; die konsumtive
Preisbegrenzung.
Das Geld vermöge
seines reinen Mittelcharakters als Domäne der Persönlichkeiten, die
dem sozialen Kreise unverbunden sind.
Der große Gegensatz
aller Geistesgeschichte: ob man die Inhalte der Wirklichkeit von ihren Ursachen
oder von ihren Folgen aus ansieht und zu begreifen sucht - der Gegensatz der
kausalen und der teleologischen Denkrichtung - findet sein Urbild an einem
Unterschiede innerhalb unserer praktischen Motivationen. Das Gefühl, das
wir Trieb nennen, erscheint als an einen physiologischen Vorgang gebunden, in
dem gespannte Energien auf ihre Lösung drängen; indem jene sich in
ein Tun umsetzen, endet der Trieb; wenn er wirklich ein bloßer Trieb ist,
so ist er »befriedigt«, sobald er durch das Tun sozusagen sich
selbst los geworden ist.
Diesem gradlinigen
Kausalvorgange, der sich im Bewusstsein als das primitivste Triebgefühl
spiegelt, stehen diejenigen Aktionen gegenüber, deren Ursache, soweit sie
sich als Bewusstseinsinhalt kundgibt, in der Vorstellung ihres Erfolges
besteht.
Wir empfinden uns hier
gleichsam nicht von hinten getrieben, sondern von vorn gezogen.
Das
Befriedigungsgefühl tritt infolgedessen hier nicht durch das bloße
Tun ein, in dem der Trieb sich auslebt, sondern erst durch den Erfolg, den das
Tun hervorruft.
Wenn etwa eine ziellose
innere Unruhe uns zu einer heftigen Bewegung treibt, so liegt ein Fall der
ersten Kategorie vor; der zweiten, wenn wir uns die gleiche Motion machen, um
einen bestimmten hygienischen Zweck damit zu erreichen; das Essen
ausschließlich aus Hunger gehört in die erste, das Essen ohne Hunger,
nur um des kulinarischen Genusses willen, in die zweite Kategorie; die
Sexualfunktion, im Sinne des Tieres ausgeübt, in die erste, die in der
Hoffnung eines bestimmten Genusses gesuchte in die zweite.
Dieser Unterschied scheint
mir nun nach zwei Seiten hin wesentlich zu sein.
Sobald wir aus bloßem
Triebe heraus, also im engeren Sinne (> 198) rein kausal bestimmt handeln,
so besteht zwischen der psychischen Verfassung, die als Ursache des Handelns
auftritt, und dem Resultat, in das sie ausläuft, keinerlei inhaltliche
Gleichheit.
Der Zustand dessen Energien
uns in Bewegung setzen, hat insofern zu der Handlung und ihrem Erfolge so wenig
qualitative Beziehungen, wie der Wind zu dem Fall der Frucht, die er vom Baum
schüttelt.
Wo dagegen die Vorstellung
des Erfolges als Veranlassung gefühlt wird, da decken sich Ursache und
Wirkung ihrem begrifflichen oder anschaubaren Inhalte nach.
Die Ursache der Aktion ist
indes auch in diesem Falle die reale - wenn auch wissenschaftlich nicht
näher formulierbare - Kraft der Vorstellung bzw. ihres physischen
Korrelats, die von ihrem Gedankeninhalt durchaus zu trennen ist.
Denn dieser Inhalt, der
ideelle Sachgehalt des Handelns oder Geschehens, ist an und für sich
absolut kraftlos, er hat nur eine begriffliche Gültigkeit und kann nur
insoweit in der Wirklichkeit sein, als er der Inhalt einer realen Energie wird:
sowie die Gerechtigkeit oder die Sittlichkeit als Ideen niemals eine
Wirksamkeit in der Geschichte üben, das vielmehr erst können, wenn
sie von konkreten Mächten als Inhalt des Kraftmaßes derselben
aufgenommen werden.
Der Kompetenzstreit
zwischen Kausalität und Teleologie innerhalb unseres Handelns schlichtet
sich also so: indem der Erfolg, seinem Inhalte nach, in der Form psychischer
Wirksamkeit da ist, bevor er sich in die der objektiven Sichtbarkeit kleidet,
wird der Strenge der Kausalverbindung nicht der geringste Abbruch getan; denn
für diese kommen die Inhalte nur, wenn sie Energien geworden sind, in
Betracht, und insofern sind Ursache und Erfolg durchaus geschieden,
während die Identität, die die ideellen Inhalte beider zeigen,
wiederum mit der realen Verursachung überhaupt nichts zu tun hat.
Von tieferer Bedeutung
für die jetzige Aufgabe ist die andere Differenz, durch die sich das
triebhafte und das vom Zweck geleitete Wollen gegeneinander charakterisieren.
Sobald unser Handeln nur
kausal (im engeren Sinne) bestimmt wird, ist der ganze Vorgang mit der
Umsetzung der drängenden Energien in subjektive Bewegung beendet, das
Gefühl der Spannung, des Getriebenwerdens ist gehoben, sobald die Aktion
als Folge des Triebes eingetreten ist.
Der Trieb lebt sich mit der
ihm natürlichen Fortsetzung in Bewegung vollständig aus, so dass der
gesamte Vorgang innerhalb des Subjekts beschlossen bleibt.
Ganz anders verläuft
der Prozess, der durch das Bewusstsein des Zweckes geleitet ist.
Dieser geht zunächst
auf einen bestimmten objektiven Erfolg des Tuns und erreicht seinen Abschluss
durch die Reaktion dieses auf das Subjekt bzw. des Subjekts auf ihn.
Die prinzipielle Bedeutung
des Zweckhandelns liegt also in der (> 199) Wechselwirkung, die es zwischen
dem Subjekt und Objekt stiftet.
Indem schon die bloße
Tatsache unserer Existenz uns in diese Wechselwirkung verwebt, hebt das
zweckbestimmte Handeln sie in die Innerlichkeit des Geistes.
Durch eben dies stellt sich
unser Verhältnis zur Welt gleichsam als eine Kurve dar, die vom Subjekt
aus auf das Objekt geht, es in sich einbezieht und wieder zum Subjekt
zurückkehrt.
Und während freilich
jede zufällige und mechanische Berührung mit den Dingen
äußerlich dasselbe Schema zeigt, wird es als Zweckhandeln von der
Einheit des Bewusstseins durchströmt und zusammengehalten.
Als Naturwesen betrachtet
sind wir in fortwährender Wechselwirkung mit dem natürlichen Dasein
um uns herum, aber in völliger Koordination mit diesem; erst im
Zweckhandeln differenziert sich das Ich als Persönlichkeit von den
Naturelementen außerhalb (und innerhalb) seiner.
Oder, anders angesehen:
erst auf der Grundlage solcher Scheidung eines persönlich wollenden
Geistes und der rein kausal betrachteten Natur ist jene Einheit höherer
Stufe zwischen beiden möglich, die sich in der Zweckkurve ausdrückt.
Dieses prinzipielle
Verhältnis wiederholt sich, mit gewissen Abschwächungen, an dem
Unterschied, den man zwischen der Arbeit des Kulturmenschen und des
Naturmenschen zu finden meint: jene gehe regelmäßig und methodisch,
diese unregelmäßig und stoßweise vor sich; das heißt,
die erstere fordere eine willenshafte Überwindung der Widerstände, die
unser Organismus der Arbeit entgegensetze, während die andere nur die
Auslösung der in den psychischen Zentren angehäuften Nervenkraft sei.
Das ist nun nicht so
gemeint, als ob der eigentliche Zweck jedes Zweckhandelns im handelnden Subjekt
selbst liegen müsste, als ob der Grund, um dessentwillen irgendein
Objektives verwirklicht wird, immer in dem Gefühle bestünde, das es
rückwirkend in uns erregt. Wenn dies in den eigentlich egoistischen
Handlungen stattfindet, stehen daneben doch unzählige, in denen jene
Inhaltsgleichheit zwischen Motiv und Erfolg nur den Erfolg im Sinne des
Objekts, des außer-subjektiven Geschehens betrifft; unzählige Male
nimmt die innere Energie, aus der unser Handeln hervorgeht, ihrer
Bewusstseinsseite nach nur ihren sachlichen Erfolg in sich auf und lässt
die auf uns selbst zurückkehrende Weiterwirkung desselben ganz
außerhalb des teleologischen Prozesses.
Zwar, wenn nicht der Erfolg
unseres Tuns schließlich ein Gefühl in uns auslöste, so
würde von seiner Vorstellung nicht die bewegende Kraft ausgehen, die ihn
zu verwirklichen strebt.
Allein dieses
unentbehrliche Endglied des Handelns ist darum noch nicht sein Endzweck; unser
teleologisch bestimmtes Wollen macht vielmehr sehr oft an seinem sachlichen
Erfolge (>200) halt und fragt bewusst nicht über diesen hinaus.
Suchen wir also die Formel
des Zweckprozesses in seinem Gegensatz zu dem kausal-triebhaften - wobei
dahingestellt bleibt, ob dieser Gegensatz etwa nur ein solcher der
Betrachtungsweise, sozusagen ein methodologischer ist - so ist es die, dass das
Zweckhandeln die bewusste Verflechtung unserer subjektiven Energien mit einem
objektiven Dasein bedeutet, und dass diese Verflechtung in einem doppelten
Ausgreifen der Wirklichkeit in das Subjekt hinein besteht: einmal in der
Antizipation ihres Inhaltes in der Form der subjektiven Absicht und zweitens in
der Rückwirksamkeit ihrer Realisierung in der Form eines subjektiven
Gefühls.
Aus diesen Bestimmungen
entwickelt sich die Rolle des Zweckes im Lebenssystem.
Es geht zunächst
daraus hervor, dass sogenannte unmittelbare Zwecke einen Widerspruch gegen den
Begriff des Zweckes selbst bedeuten.
Wenn der Zweck eine
Modifikation innerhalb des objektiven Seins bedeutet, so kann dieselbe doch nur
durch ein Tun realisiert werden, welches die innere Zwecksetzung mit dem ihr
äußeren Dasein vermittelt; unser Handeln ist die Brücke,
über welche der Zweckinhalt aus seiner psychischen Form in die
Wirklichkeitsform übergeht. Der Zweck ist seinem Wesen nach an die
Tatsache des Mittels gebunden.
Hierdurch unterscheidet er
sich einerseits vom bloßen Mechanismus - und seinem psychischen Korrelat,
dem Trieb -, in dem die Energien jedes Momentes sich in dem unmittelbar
folgenden vollständig entladen, ohne über diesen hinaus auf einen
nächsten zu weisen; welcher nächste vielmehr nur von dem unmittelbar
vorhergehenden ressortiert.
Die Formel des Zweckes ist
dreigliedrig, die des Mechanismus nur zweigliedrig.
Andrerseits unterscheidet
sich der Zweck durch sein Angewiesensein auf das Mittel auch von demjenigen
Handeln, das man sich als das göttliche denken mag.
Für die Macht eines
Gottes kann unmöglich ein zeitliches oder sachliches Intervall zwischen
dem Willensgedanken und seiner Verwirklichung bestehen.
Das menschliche Handeln,
zwischen diese beiden Momente eingeschoben, ist nichts als das Überwinden
von Hemmungen, die für einen Gott nicht bestehen können; wenn wir ihn
nicht nach dem Bilde irdischer Unvollkommenheit denken, so muss sein Wille
unmittelbar als solcher schon Realität des Gewollten sein.
Von einem Endzweck, den
Gott mit der Welt hätte, kann man nur in einem sehr modifizierten Sinne
reden, nämlich als dem zeitlich letzten Zustand, der ihre Schicksale
abschließt.
Verhielte sich aber
für den göttlichen Ratschluss jener zu diesen vorhergehenden, wie
sich ein menschlicher Zweck zu seinen Mitteln verhält: nämlich als
das allein Wertvolle und Gewollte - so wäre nicht abzusehen, weshalb Gott
(> 201) ihn nicht unmittelbar und mit Übergehung jener wertlosen und
hemmenden Zwischenstadien sollte herbeigeführt haben; denn er bedarf doch
nicht der technischen Mittel, wie wir, die wir der selbständigen Welt mit
sehr beschränkten, auf Kompromisse mit ihren Hemmungen und auf
Allmählichkeit des Durchsetzens angewiesenen Kräften
gegenüberstehen.
Oder anders
ausgedrückt: für Gott kann es keinen Zweck geben, weil es für ihn
keine Mittel gibt.
Aus dieser
Gegenüberstellung wird die eigentliche Bedeutung des oben Betonten
ersichtlich, dass der Zweckprozess eine Wechselwirkung zwischen dem
persönlich wollenden Ich und der ihm äußeren Natur bedeutet.
Der Mechanismus, der zwischen
dem Willen und seiner Befriedigung steht, ist einerseits Verbindung,
andrerseits aber auch Trennung beider.
Er bedeutet die
Unmöglichkeit für den Willen, aus sich selbst heraus zu seiner
Befriedigung zu gelangen, er stellt die Hemmung dar, die er überwindet.
Zweckmäßigkeit
ist also ihrem Wesen nach ein relativer Begriff, weil sie immer das an sich
Zweckfremde voraussetzt, in dessen Umformung sie besteht.
Wenn es dieser letzteren
nicht bedürfte, der Wille vielmehr als solcher schon seine Erfüllung
in sich trüge, so käme es gar nicht zu einer Zwecksetzung.
Das eigene Tun, in das der
zweckbestimmte Wille sich fortsetzt, ist der erste Fall, an dem wir dieses
Doppelcharakters des Mittels inne werden: an ihm fühlen wir ganz nahe den
Widerstand des außerseelischen Seins unser selbst und die dirigierende
Energie, die ihn überwindet - eines am anderen bewusstwerdend und sein
spezifisches Wesen gewinnend.
Wenn nun das Tun den
äußeren Gegenstand des Zweckes nicht unmittelbar erzeugen kann,
sondern dazu erst ein anderes äußeres Ereignis einleiten muss, das
seinerseits das erwünschte Resultat bewirkt, so ist das
dazwischengeschobene Geschehen unserem eigenen Handeln hier wesensgleich:
beides ist gleichmäßig Mechanismus, aber beides auch gleichmäßig
vom Geist zum Geiste führender Mechanismus; beides setzt sich
kontinuierlich aneinander an, um die Kurve zu bilden, deren Anfangs- und
Endpunkte in der Seele liegen; die durchschnittliche Gliederzahl dieser Kurve
innerhalb eines bestimmten Lebensstiles zeigt nun die Kenntnis und Beherrschung
der Natur wie die Weite und Verfeinerung der Lebensführung an.
Und hier setzen die
gesellschaftlichen Komplikationen an, die in der Schaffung des Geldes gipfeln.
Zunächst ist folgender
Zusammenhang klar.
Wenn ein Zweck D erreicht
und dazu eine Kette mechanischer Vorgänge A B C produziert werden soll,
derart, dass B durch A, C durch B und D erst durch C veranlasst wird, so ist
diese in ihrem Inhalt und ihrer Richtung durch D bestimmte Reihe von der
Erkenntnis des Kausalzusammenhanges (>202) zwischen ihren Gliedern
abhängig.
Wenn ich nicht schon
wüsste, dass C imstande ist, D hervorzurufen, B ebenso C usw., so
würde ich mit meinem Verlangen nach D ganz hilflos dastehen.
Niemals kann also eine
teleologische Kette erwachsen, ohne dass die umgekehrtgerichteten, kausalen
Verbindungen ihrer Glieder bekannt wären.
Der Zweck vergilt dies,
indem er gewöhnlich seinerseits die psychologische Anregung gibt,
überhaupt nach kausalen Zusammenhängen zu forschen.
Die teleologische Kette
findet also ihre inhaltliche, logische Möglichkeit in der kausalen, diese
aber ihr Interesse, d. h. ihre regelmäßige psychologische
Möglichkeit in dem Wollen eines Zwecks.
Die so bezeichnete
Wechselwirkung, die, ganz allgemein gesprochen, das Verhältnis von Theorie
und Praxis bedeutet, hat ersichtlich zur Folge, dass die Vertiefung des
kausalen Bewusstseins mit der des teleologischen Hand in Hand geht.
Die Länge der
Zweckreihen hängt von der Länge der Kausalreihen ab; und andrerseits,
der Besitz der Mittel erzeugt unzählige Male nicht nur die Verwirklichung,
sondern erst den Gedanken des Zwecks.
Um diese Verwebung des
natürlichen und des geistigen Seins in ihrer Bedeutung einzusehen, muss
man sich das scheinbar Selbstverständliche vor Augen halten, dass wir mit
vielgliedrigen Reihen von Mitteln mehr und wesentlichere Zwecke erreichen
können als mit kurzen.
Der primitive Mensch,
dessen Kenntnis der natürlichen Ursächlichkeiten sehr beschränkt
ist, ist dadurch in seinen Zwecksetzungen ebenso beschränkt.
Die Zweckkurve wird bei ihm
als Mittelglieder kaum mehr als das eigene physische Tun und die unmittelbare
Einwirkung auf je ein Objekt enthalten; wenn nun von diesem nicht die erhoffte
Rückwirkung auf ihn erfolgt, so wird die Einschiebung einer magischen
Instanz, von der er durch irgendein Beeinflussen die Bewirkung des
gewünschten Erfolges erhofft, doch weniger als Verlängerung der
teleologischen Reihe, denn als Beweis für die Untunlichkeit derselben
erscheinen.
Wo jene kurze Reihe also
nicht ausreicht, wird er entweder auf den Wunsch verzichten, oder, unendlich
häufiger, ihn überhaupt nicht ausbilden.
Die Verlängerung der
Reihe bedeutet, dass das Subjekt die Kräfte der Objekte in steigendem
Maße für sich arbeiten lässt.
Je mehr die primitiven
Bedürfnisse schon befriedigt sind, desto mehr Glieder pflegt die
teleologische Reihe zu fordern, und erst einer sehr verfeinerten
Kausalerkenntnis gelingt dann manchmal die Reduktion der Gliederzahl, indem sie
unmittelbarere Zusammenhänge, kürzere Wege innerhalb der
natürlichen Ordnung der Dinge entdeckt.
Dies kann sich bis zu einer
Umkehrung des natürlichen Verhältnisses steigern: in relativ
primitiven Zeiten werden die einfachen Lebensbedürfnisse noch durch (>
203) einfache Zweckreiben beschafft, während es für die höheren
und differenzierten vielgliedriger Umwege bedarf; die vorgeschrittene
technische Kultur dagegen pflegt gerade für die letzteren relativ
einfachere, direktere Herstellungsarten zu besitzen, wogegen die Gewinnung der
fundamentalen Erfordernisse des Lebens auf immer größere Schwierigkeiten
stößt, die durch immer kompliziertere Mittel überwunden werden
müssen.
Die Kulturentwicklung geht,
mit einem Wort, auf Verlängerung der teleologischen Reihen für das
sachlich Naheliegende und Verkürzung derselben für das sachlich
Fernliegende.
Und hier tritt der
äußerst wichtige Begriff des Werkzeugs in unsere Erwägung des
Zweckhandelns ein.
Die primäre Form jener
teleologischen Kurve ist doch die, dass unser Tun ein äußeres Objekt
zu Reaktionen veranlasst, die, gemäß der eigenen Natur desselben
verlaufend, an den Punkt der erwünschten Einwirkung auf uns gelangen.
Das Werkzeug bedeutet nun
die Einschiebung einer Instanz zwischen dem Subjekt und diesem Objekt, die
nicht nur zeitlich-räumlich, sondern auch inhaltlich eine Mittelstellung
zwischen ihnen einnimmt.
Denn es ist einerseits zwar
ein äußeres Objekt von bloß mechanischer Wirksamkeit,
andrerseits aber auch eins, auf das nicht nur, sondern mit dem - wie mit der
Hand - gewirkt wird.
Das Werkzeug ist das
potenzierte Mittel, denn seine Form und sein Dasein ist schon durch den Zweck
bestimmt, während bei dem primären teleologischen Prozess die
natürlichen Existenzen erst nachträglich in den Dienst des Zweckes
gestellt werden.
Wer einen Samen in die Erde
steckt, um später die Frucht des Gewächses zu genießen, statt
sich mit der wild wachsenden zu begnügen, handelt teleologisch, aber die
Erscheinung des Zweckes mündet an der Grenze seiner Hand; wenn aber bei
dieser Gelegenheit Hacke und Spaten verwendet werden, so ist der Punkt, von dem
an die natürlichen Prozesse sich selbst überlassen sind, weiter
hinausgeschoben, das subjektiv bestimmte Moment ist dem objektiven
gegenüber verlängert.
Mit dem Werkzeug fügen
wir der Zweckreihe allerdings ein neues Glied freiwillig zu, damit aber nur
beweisend, dass keineswegs jeder Weg in dem Maße der kürzere ist, in
dem er der gerade ist.
Das Werkzeug ist der Typus
dessen, was man in der Außenwelt unser Geschöpf nennen könnte,
indem es, gleichsam an dem einen Ende, ganz von unseren Kräften geformt
wird und am anderen ganz in unsere Zwecke eingeht; gerade dadurch, dass es
selbst nicht Zweck ist, fehlt ihm jene relative Selbständigkeit, die der
Zweck besitzt, sei es, dass er uns als absoluter Wert an sich selbst gelte, sei
es, dass wir von ihm eine Wirkung auf uns erwarten: es ist das absolute Mittel.
Das Werkzeug-Prinzip ist
nun keineswegs nur an (> 204) Physischem wirksam.
Vielmehr dort, wo das
Interesse nicht unmittelbar der materiellen Produktion gilt, sondern geistige
Bedingungen und Seiten derselben oder überhaupt immaterielle Geschehnisse
in Frage stehen, gewinnt das Werkzeug eigentlich eine noch reinere Form,
insofern es nun wirklich ganz das Geschöpf unseres Willens ist und sich
nicht mit der Besonderheit und inneren Zweckfremdheit einer Materie abzufinden
hat. Den ausgeprägtesten Typus bilden hier vielleicht die sozialen
Institutionen, durch deren Benutzung der Einzelne Zwecke erreichen kann, zu
denen sein bloß persönliches Können niemals zureichen
würde.
Ganz abgesehen von dem
Allerallgemeinsten: dass das Teilhaben am Staat durch den äußeren
Schutz, den er gewährt, überhaupt die Bedingung für die Mehrzahl
individueller Zweckhandlungen ist - so verschaffen etwa die besonderen
Einrichtungen des Zivilrechts dem Wollen des Einzelnen Realisierungsmöglichkeiten,
die ihm sonst völlig versagt blieben.
Indem sein Wille den Umweg
über die Rechtsform des Vertrags, des Testaments, der Adoption usw.
einschlägt, benutzt er ein von der Allgemeinheit hergestelltes Werkzeug,
das seine eigene Kraft vervielfältigt, ihre Wirkungslinien verlängert,
ihre Resultate sichert.
Aus den Wechselwirkungen
der vielen entstehen, indem das Zufällige sich gegenseitig abschleift und
die Gleichmäßigkeit der Interessen eine Summierung der Beiträge
gestattet, objektive Einrichtungen, die gleichsam die Zentralstation für
unzählige teleologische Kurven der Individuen bilden und diesen ein
völlig zweckmäßiges Werkzeug für die Erstreckung derselben
auf sonst Unerreichbares bieten.
So verhält es sich
auch mit dem kirchlichen Kultus: er ist ein von der Gesamtheit der Kirche
bereitetes, die für dieselbe typischen Empfindungen objektivierendes
Werkzeug - gewiss ein Umweg für die innen und oben gelegenen Endziele der
Religiosität, aber der Umweg über ein Werkzeug, das, im Unterschiede
von allen materiellen Werkzeugen, sein ganzes Wesen darin hat, bloß
Werkzeug zu jenen Zielen zu sein, die das Individuum für sich allein, d.
h. auf direktem Wege, nicht glaubt gewinnen zu können.
Und damit ist endlich der
Punkt erreicht, an dem das Geld in den Verwebungen der Zwecke seinen Platz
findet.
Ich muss mit Allbekanntem
beginnen.
Beruht aller
wirtschaftliche Verkehr darauf, dass ich etwas haben will, was sich zur Zeit im
Besitze eines anderen befindet, und dass er es mir überlässt, wenn
ich ihm dafür etwas überlasse, was ich besitze und er haben will: so
liegt auf der Hand, dass das letztgenannte Glied dieses zweiseitigen Prozesses
sich nicht immer einstellen wird, wenn das erste auftaucht; unzählige Mal
werde ich den Gegenstand a begehren, der sich im Besitz von A befindet, während
(> 205) der Gegenstand oder die Leistung b, die ich gern dafür
hingäbe, für A völlig reizlos ist; oder aber, die gegenseitig
angebotenen Güter werden wohl beiderseitig begehrt, allein über die
Quanta, in denen sie sich gegenseitig entsprechen, lässt sich durch
unmittelbares Aneinanderhalten eine Einigung nicht erzielen.
Deshalb ist es für die
höchstmögliche Erreichung unserer Zwecke von größtem
Werte, dass ein Mittelglied in die Kette der Zwecke eingefügt werde, in
welches ich b jederzeit umsetzen und das sich seinerseits ebenso in a umsetzen
kann - ungefähr wie jede beliebige Kraft, des fallenden Wassers, der
erhitzten Gase, der windgetriebenen Mühlenflügel, wenn sie in die
Dynamomaschine geleitet ist, mittels dieser in jede beliebige Kraftform
umgesetzt werden kann.
Wie meine Gedanken die Form
der allgemein verstandenen Sprache annehmen müssen, um auf diesem Umwege
meine praktischen Zwecke zu fördern, so muss mein Tun oder Haben in die
Form des Geldwertes eingehen, um meinem weitergehenden Wollen zu dienen.
Das Geld ist die reinste
Form des Werkzeugs, und zwar von der oben bezeichneten Art: es ist eine
Institution, in die der einzelne sein Tun oder Haben einmünden lässt,
um durch diesen Durchgangspunkt hindurch Ziele zu erreichen, die seiner auf sie
direkt gerichteten Bemühung unzugängig wären.
Die Tatsache, dass
jedermann unmittelbar mit ihm arbeitet, lässt seinen Werkzeugcharakter
noch deutlicher hervortreten, als es in den vorhin erwähnten Typen
geschieht - obgleich das Geld ja sein Wesen und seine Wirksamkeit nicht in dem
Stück, das ich in der Hand habe, erschöpft, sondern dieselben an der
sozialen Organisation und den übersubjektiven Normen hat, die es,
über seine materielle Begrenztheit, Geringfügigkeit und Starrheit
hinaus, eben zum Werkzeug unbegrenzt mannigfaltiger und weitreichender Zwecke
werden lassen.
Für die Gebilde des
Staates und des Kultus war bezeichnend, dass sie, ausschließlich aus
geistigen Kräften gebildet und zu keinem Kompromiss mit der
Eigengesetzlichkeit äußerer Materie gezwungen, ihren Zweck in der
Ganzheit ihres Wesens restlos ausdrückten.
Aber sie stehen dabei ihren
spezifischen Zwecken so nahe, dass sie eigentlich schon in sie hinabreichen,
und dass das Gefühl sich oft gegen ihre Werkzeugsqualität - nach der
sie an sich selbst wertlose, durch den dahinterstehenden Willen jedes Mal erst
zu belebende Mittel wären - sträubt und sie für sittliche
Endwerte erklärt.
Das Geld steht einer
solchen Verdunkelung seines Mittelscharakters sehr fern.
Im Unterschied gegen jene
Institutionen hat es inhaltlich gar keine Beziehungen zu dem einzelnen Zweck,
zu dessen Erlangung es uns verhilft.
Es steht völlig
indifferent über den Objekten, da es von ihnen noch durch das Moment des
Tausches geschieden ist: denn (> 206) was das Geld als Ganzes vermittelt,
das ist ja nicht der Besitz des Objekts, sondern der Austausch der Objekte
untereinander.
Das Geld in seinen
vollkommenen Formen ist das absolute Mittel, indem es einerseits völlige
teleologische Bestimmtheit besitzt und jede aus anders gearteten Reihen stammende
abweist, andrerseits sich aber auch dem Zweck gegenüber auf das reine
Mittel- und Werkzeugsein beschränkt, durch keinen Einzelzweck in seinem
Wesen präjudiziert wird und sich der Zweckreihe als völlig
indifferenter Durchgangspunkt darbietet.
Es ist vielleicht der
entschiedenste Beweis und Ausdruck dafür, dass der Mensch das
»werkzeugmachende« Tier ist, was freilich damit zusammenhängt,
dass er das »zwecksetzende« Tier ist.
Die Idee des Mittels
bezeichnet überhaupt die Weltstellung des Menschen: er ist nicht wie das
Tier an den Mechanismus des Trieblebens und die Unmittelbarkeit von Wollen und
Genießen gebunden, er hat aber auch nicht die unmittelbare Macht - wie
wir sie an einem Gotte denken -, dass sein Wille schon an und für sich Verwirklichung
des Gewollten sei.
Er steht in der Mitte
zwischen beiden, indem er zwar weit über den Augenblick hinaus wollen,
aber dieses Wollen nur auf dem Umweg über eine gegliederte teleologische
Reihe verwirklichen kann.
Wenn für Plato die
Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nicht-Haben ist, so ist sie in
der subjektiven Innerlichkeit dasselbe, was das Mittel im Objektiven und
Äußerlichen ist.
Und wie für den
Menschen, den immer strebenden, niemals dauernd befriedigten, immer erst
werdenden, die Liebe in jenem Sinne der eigentlich menschliche Zustand ist, so
ist nach der anderen Seite hin das Mittel und seine gesteigerte Form, das
Werkzeug, das Symbol des Typus Mensch: es zeigt oder enthält die ganze
Größe des menschlichen Willens, zugleich aber die Form, die ihn
begrenzt.
Die praktische
Notwendigkeit, den Zweck um eine dazwischen gestellte Mittelreihe weit von uns
abzurücken, hat vielleicht die ganze Vorstellung der Zukunft erst
hervorgebracht - wie die Fähigkeit des Gedächtnisses die
Vergangenheit - und damit dem Lebensgefühl des Menschen seine Form: auf
der Wasserscheide zwischen Vergangenheit und Zukunft zu stehen, seine
Ausdehnung und seine Beschränkung, gegeben.
Im Geld aber hat das Mittel
seine reinste Wirklichkeit erhalten, es ist dasjenige konkrete Mittel, das sich
mit dem abstrakten Begriffe desselben ohne Abzug deckt: es ist das Mittel
schlechthin.
Und darin, dass es als
solches die praktische Stellung des Menschen - den man, mit etwas paradoxer
Kürze, das indirekte Wesen nennen könnte - zu seinen Willensinhalten,
seine Macht und Ohnmacht ihnen gegenüber verkörpert, aufgipfelt,
sublimiert - darin liegt die ungeheure Bedeutung des Geldes für das
Verständnis (> 207) der Grundmotive des Lebens.
Nach dieser, von ihm zu der
Ganzheit des Lebens hingehenden Richtung betrachte ich es aber hier nur so
weit, als dieselbe die umgekehrte, die vorläufig unser Zweck ist, gangbar
macht: das Wesen des Geldes aus den inneren und äußeren
Verhältnissen zu erkennen, die in ihm ihren Ausdruck, ihr Mittel oder ihre
Folge gewinnen.
Von den Bestimmungen, zu
denen sich die bisherige Feststellung seiner entfaltet, schließe ich eine
sogleich hier an, weil sie mit besonderer Unmittelbarkeit zeigt, in wie
praktische Wirklichkeiten sich jener abstrakte Charakter des Geldes umsetzt.
Ich habe oben erwähnt,
dass keineswegs immer nur ein bereits feststehender Zweck die Vorstellung und
Beschaffung der Mittel bedingt, dass vielmehr die Verfügung über
Substanzen und Kräfte uns oft genug erst dazu anregt, uns gewisse, durch
sie vermittelbare Zwecke zu setzen: nachdem der Zweck den Gedanken des Mittels
geschaffen hat, schafft das Mittel den Gedanken des Zweckes. In dem Werkzeug,
das ich als die gesteigertste Art des Mittels bezeichnete, wird dies
Verhältnis in eine zwar oft modifizierte, aber dafür gleichsam
chronische Form übergeführt.
Während das Mittel in
seiner gewöhnlichen und einfachen Gestalt sich an der Realisierung des
Zweckes völlig ausgelebt hat, seine Kraft und sein Interesse als Mittel
nach geleistetem Dienste einbüßt, ist es das Wesen des Werkzeugs , -
über seine einzelne Anwendung hinaus zu beharren, oder: zu einer im voraus
überhaupt nicht feststellbaren Anzahl von Diensten berufen zu sein.
Dies gilt nicht nur
für tausend Fälle der täglichen Praxis, wofür es keines
Beispiels bedarf, sondern auch in sehr komplizierten; wie oft sind
militärische Organisationen, ausschließlich zu Werkzeugen
äußerer Machtentfaltung bestimmt, in den Dienst innerpolitischer
Zwecke der Dynastie gestellt worden, die denen ihres Ursprungs völlig
entgegengesetzt waren; vor allem: wie oft wächst ein Verhältnis
zwischen Menschen, das zu bestimmten Einzelzwecken gestiftet wurde, zum
Träger sehr viel weitergehender, ganz anders charakterisierter Inhalte
aus; so dass man wohl sagen kann, jede dauernde Organisation zwischen Menschen
- familiärer, wirtschaftlicher, religiöser, politischer, geselliger
Art - hat die Tendenz, sich Zwecke anzubilden, zu denen sie von vornherein
nicht bestimmt war.
Nun liegt einerseits auf
der Hand, dass ein Werkzeug - cetenis paribus - um so bedeutsamer und
wertvoller sein wird, zu einer je größeren Anzahl von Zwecken es
eventuell dienen kann, ein je größerer Kreis von Möglichkeiten
seine Wirklichkeit umgibt; andrerseits, dass das Werkzeug in eben demselben Maß
an sich indifferenter, farbloser, allem einzelnen gegenüber objektiver
werden und in (> 208) weiterer Distanz von jedem besonderen Zweckinhalt
stehen muss.
Indem das Geld als das
Mittel schlechthin die letztere Bedingung in vollkommenem Maße
erfüllt, gewinnt es aus dem ersteren Gesichtspunkt eine sehr gesteigerte
Wichtigkeit.
Man kann das zunächst
so formulieren, dass der Wert des einzelnen Geldquantums über den Wert
jedes einzelnen bestimmten Gegenstandes hinausragt, der dafür
einzutauschen ist: denn es gewährt die Chance, statt dieses Gegenstandes
irgendeinen andern aus einem unbegrenzt großen Kreise zu wählen.
Freilich kann es
schließlich nur für einen verwandt werden; aber die Möglichkeit
der Wahl ist ein Vorteil, der im Werte des Geldes eskomptiert werden muss.
Indem das Geld überhaupt
keine Beziehung zu irgendeinem einzelnen Zweck hat, gewinnt es eine solche zu
der Gesamtheit der Zwecke.
Es ist dasjenige Werkzeug,
in dem die Möglichkeit der nicht vorausgesehenen Verwendungen auf ihr
Maximum gekommen ist und das dadurch den maximalen, auf diese Weise
überhaupt erreichbaren Wert gewonnen hat.
Die bloße
Möglichkeit unbegrenzter Verwendung, die das Geld wegen des absoluten
Mangels an eigenem Inhalt nicht sowohl hat als ist, spricht sich positiv darin
aus, dass es nicht ruhen mag, sondern wie von sich aus fortwährend zum
Verwendetwerden drängt.
Wie für wortarme
Sprachen, z. B. die französische, gerade die Notwendigkeit, vielerlei
verschiedenes mit demselben Ausdruck zu bezeichnen, eine besondere Fülle
von Anspielungen, Beziehungen, psychologischen Obertönen ermöglicht,
und man so sagen kann, ihr Reichtum bestünde gerade in ihrer Armut, so
bewirkt die innere Bedeutungsleere des Geldes die Fülle seiner praktischen
Bedeutungen, ja, drängt dahin, die begriffliche Unendlichkeit seines
Bedeutungskreises mit fortwährenden Neubildungen zu erfüllen, der
bloßen Form, die es darstellt, immer neue Inhalte einzubilden, da sie
für keinen ein Haltepunkt, sondern für jeden nur ein Durchgang ist.
Schließlich sind alle
mannigfaltigsten Waren nur gegen den einen Wert: Geld -, das Geld aber gegen
alle Mannigfaltigkeit der Waren umzusetzen.
Gegenüber der Arbeit
nimmt dies die besondere Form an, dass das Geldkapital fast immer von einer
Verwendung auf eine andere - höchstens mit einem gewissen Verlust, oft aber
mit Gewinn - übertragen werden kann, die Arbeit aber fast niemals, und
zwar um so weniger, je höher sie sich über die unqualifizierte
erhebt.
Der Arbeiter kann seine
Kunst und Geschicklichkeit so gut wie nie aus seinem Gewerbe herausziehen und
in einem andern investieren. In bezug auf Wahlfreiheit und ihre Vorteile steht
er also dem Geldbesitzer ebenso benachteiligt gegenüber wie der
Warenhändler.
Deshalb ist der Wert einer
gegebenen Geldsumme gleich dem Werte jedes einzelnen Objekts, dessen
Äquivalent sie (> 209) bildet, plus dem Werte der Wahlfreiheit zwischen
unbestimmt vielen derartigen Objekten - ein Plus, für das es innerhalb des
Waren- oder Arbeitskreises kaum annähernde Analogien gibt.
Das so entstehende Wertplus
des Geldes erscheint tiefer begründet und höher gesteigert, wenn man
die Entscheidung erwägt, zu welcher diese Wahlchance sich in Wirklichkeit
zuspitzt.
Man hat hervorgehoben, dass
ein mehrfach verwendbares, quantitativ aber nur zu einer seiner möglichen
Verwendungen hinreichendes Gut nach dem Interesse geschätzt würde,
das der Besitzer an der wichtigsten Verwendung hat; die Herbeiführung
aller anderen, minder wichtigen Verwendungen gelte als unwirtschaftlich und
unvernünftig.
Wie also eine
Gütermasse, die zu allen ihr möglichen Verwendungen zureicht oder
mehr als zureicht - wo also das Gut um seine Verwendungen konkurriert - nach
dem Maße der wertlosesten derselben geschätzt wird, so wird hier, wo
die Verwendungen um das Gut konkurrieren, die wertvollste derselben zum Wertmaßstab
für jenes Gut.
Nirgends aber kann dies
vollständiger und wirkungsvoller hervortreten als am Geld.
Denn da es zu jeglicher
wirtschaftlichen Beschaffung verwendbar ist, so kann man mit jeder gegebenen
Summe das subjektiv bedeutendste aller im Augenblick in Frage kommenden
Bedürfnisse decken.
Die Wahl, die es bietet,
ist nicht wie bei allen anderen Gütern spezifisch begrenzt; und, bei der
Grenzenlosigkeit des menschlichen Wollens, konkurriert immer eine Vielzahl
möglicher Verwendungen um jedes disponible Geldquantum; so dass, da die
Entscheidung doch vernünftigerweise immer das je begehrteste Gut treffen
wird, die Schätzung, des Geldes in jedem gegebenen Moment gleich der des
wichtigsten, momentan empfundenen Interesses sein muss. Ein Holzvorrat oder
eine Baustelle, die nur zu einer unter verschiedenen erwünschten
Verwendungen zureichen, und die deshalb nach der wertvollsten unter diesen
geschätzt werden, können dennoch in ihrer Bedeutung nicht über
die sozusagen provinzielle Beschränktheit ihres ganzen Gebietes hinausgehen;
das Geld aber ist von einer solchen frei und sein Wert entspricht deshalb dem
höchsten überhaupt vorhandenen Interesse, das mit der
verfügbaren Summe ihrem Quantum nach zu decken ist.
Nun betrifft ferner diese
Wahlchance, die das Geld als abstraktes Mittel besitzt, nicht nur die
gleichzeitig angebotenen Waren, sondern auch die Zeitpunkte, in denen es
verwendet werden kann. Der Wert eines Gutes bestimmt sich keineswegs nur an der
realen Bedeutung, die es im Augenblick seiner Verwendung entfaltet.
Vielmehr, die
größere oder geringere Freiheit der Wahl, wann man diesen Augenblick
eintreten lassen will, stellt einen Koeffizienten dar, der die (> 210)
Schätzung des Gutes seiner inhaltlichen Bedeutung nach sehr erheblich
steigern oder senken kann.
War das oben Besprochene
die Chance, die aus einem großen Kreise nebeneinander liegender
Verwendungsmöglichkeiten hervorging, so die jetzige diejenige, die aus den
nacheinander liegenden folgt.
Dasjenige Gut ist - alles
übrige gleichgesetzt - das wertvollere, das ich sogleich verwenden kann,
aber nicht sogleich verwenden muss. Die Reihe der konkreten Güter
entfaltet sich zwischen den beiden, ihren Wert modifizierenden und
mannigfaltigst abgestuften Extremen: im Falle des einen kann das Gut zwar
jetzt, aber nicht später, im Falle des anderen zwar später, aber
nicht jetzt genossen werden.
Wenn also z. B. im Sommer
eben gefangene Fische gegen ein erst im Winter zu tragendes Fell eingetauscht
werden, so wird der Wert der ersteren dadurch gehoben, dass ich sie sogleich
konsumieren kann, während der des letzteren darunter leidet, dass der
Aufschub seiner Benutzung allen Chancen der Beschädigung, des Verlustes,
der Entwertung Raum gibt; andrerseits wird der erstere herabgesetzt, weil der
Gegenstand schon morgen verdorben ist, der letztere gesteigert, weil er eine
hinausschiebbare Verwendung gewährt.
Je mehr nun ein als
Tauschmittel benutztes Objekt die beiden wertsteigernden Momente in sich
vereinigt, desto mehr Geldqualität besitzt es: denn das Geld als reines
Mittel überhaupt stellt ihre höchsterreichbare Synthese dar; weil es
keine konkrete, seine Verwendung präjudizierende Eigenschaft besitzt,
sondern nur das Werkzeug zur Erlangung konkreter Werte ist, so ist die Freiheit
seiner Verwendung ebenso groß in bezug auf die Zeitmomente, in denen, wie
auf die Gegenstände, für die es ausgegeben wird.
Aus diesem besonderen Wert
des Geldes, der seiner völligen Beziehungslosigkeit zu allen Besonderungen
von Dingen und Zeitmomenten, der völligen Ablehnung jedes eigenen Zweckes,
der Abstraktheit seines Mittelscharakters entstammt - fließt das
Übergewicht dessen, der das Geld gibt, über denjenigen, der die Ware
gibt.
Die Ausnahmen hiervon:
Verweigerungen des Verkaufs aus affektiven Wertungen, bei Boykottierungen,
Ringbildungen usw. entstehen, wenn die für Geld begehrten Dingwerte der
individuellen Sachlage nach durchaus nicht durch andere ersetzbar sind. Dann
freilich fällt die Wahlchance, die das dafür offerierte Geld seinem
jetzigen Besitzer bietet, fort - und damit dessen Sondervorteil - weil eben
statt der Wahl eine eindeutige Bestimmtheit des Willens besteht.
Im allgemeinen aber
genießt der Geldbesitzer jene zweiseitige Freiheit, und für das
Aufgeben derselben zugunsten des Warenbesitzers wird er ein besonderes
Äquivalent fordern. Dies tritt (> 211) z. B. an dem
wirtschafts-psychologisch sehr interessanten Prinzip der »Zugabe«
hervor.
Beim Einkauf von wäg-
und messbaren Waren erwartet man, der Kaufmann werde »gut messen«,
d. h. wenigstens einen Teilstrich darüber geben, was auch fast durchgängig
geschieht.
Es kommt hier freilich
dazu, dass beim Messen der Waren ein Irrtum näher liegt als beim
Zählen des Geldes.
Allein das
Charakteristische ist, dass der Geldgeber die Macht hat, die Deutung dieser
Chance, die doch an sich für beide Parteien die gleich günstige oder
gleich ungünstige ist, nach der ihm vorteilhaften Seite zu erzwingen.
Bezeichnenderweise
verbleibt dieser Vorteil dem »Käufer«, auch wenn sein
Gegenpart gleichfalls Geld gibt.
Von dem Bankier erwartet
der Kunde, von der Versicherungsgesellschaft der Versicherte im Schadensfalle,
dass sie »kulant« verfahren, d. h. ein Weniges mehr als das absolut
rechtlich Erzwingbare, mindestens in der Form, leisten werden.
Auch der Bankier und die
Versicherungsgesellschaft gibt nur Geld, und ihr Kunde denkt seinerseits nicht
daran, ihnen gegenüber liberal, kulant zu verfahren, er leistet absolut
nur die vorbestimmte Leistung. Denn Geldquanten, die von beiden Seiten
eingesetzt werden, haben eben verschiedene Bedeutung; für den Bankier und die
Versicherungsgesellschaft ist das Geld, mit dem sie operieren, ihre Ware; nur
für den Kunden ist es »Geld« in dem hier fraglichen Sinne, d.
h. der Wert, den er zwar für das Börsengeschäft oder die
Versicherung verwenden kann, aber keineswegs muss; während jene gar keine
Wahl haben, sondern das Geld, das ihre Ware ist, nur in der einen bestimmten
Richtung verwenden können.
Jene Verwendungsfreiheit
gibt dem Gelde des Kunden ein Übergewicht, für das die
»Kulanz« seiner Gegenpartei das Äquivalent bildet.
Wo aber eine »Zugabe«
von Seiten des Geldgebers geschieht: gewisse Formen des Trinkgeldes, etwa bei
der Bezahlung des Kellners oder des Droschkenkutschers - da drückt sich
das Übergewicht des Geldgebers in der sozialen Bevorzugtheit aus, die die
Voraussetzung des Trinkgeldes ist.
Wie alle Erscheinungen des
Geldwesens, ist auch diese keine innerhalb des Lebenssystems isolierte, sondern
bringt gleichfalls einen Grundzug desselben nur zur reinsten und zugleich
äußerlichsten Erscheinung: den nämlich, dass in jedem Verhältnis
derjenige im Vorteil ist, dem weniger als dem anderen an dem Inhalt der
Beziehung liegt.
So ausgesprochen erscheint
dies als ganz paradox, denn gerade um so intensiveres Verlangen uns zu einem
Besitz oder einem Verhältnis zieht, desto tiefer und leidenschaftlicher
ist doch auch sein Genuss - da ja die erwartete Höhe dieses die
Stärke des Wollens bestimmt! Aber gerade dies Einzuräumende bewirkt
und rechtfertigt den Vorteil des weniger stark Begehrenden. (> 212)
Denn es ist in der Ordnung,
dass dieser, der von dem Verhältnis weniger hat als der andere, durch
irgendwelche Konzessionen seitens des letzteren dafür entschädigt
wird.
Das macht sich schon in den
feinsten und intimsten Beziehungen geltend.
In jedem auf Liebe
gestellten Verhältnis ist der weniger Liebende, äußerlich
genommen, im Vorteil; denn der andere verzichtet von vornherein mehr auf die
Ausnutzung des Verhältnisses, ist der Opferwilligere, der für das
größere Maß seiner Befriedigungen auch ein größeres
Maß von Hingebungen bietet.
So stellt sich doch eine
Gerechtigkeit her: weil das Maß des Begehrens dem Maß der
Beglückung entspricht, ist es gerecht, dass die Gestaltung des
Verhältnisses dem weniger intensiv Begehrenden irgendeinen Sondervorteil
einräume - den er auch in der Regel erzwingen kann, weil er der
Abwartende, Reservierte, seine Bedingungen Stellende ist.
Der Vorteil des Geldgebers
ist deshalb kein schlechthin ungerechter: da in der Waren-Geld-Transaktion er
der minder Begehrende zu sein pflegt, so kommt die Ausgleichung beider Seiten
gerade dadurch zustande, dass der intensiver Begehrende ihm einen Vorteil
über die objektive Äquivalenz der Tauschwerte hinaus einräumt.
Wobei schließlich auch zu bedenken ist, dass er den Vorteil nicht
genießt, weil er das Geld hat, sondern weil er es fortgibt.
Der Vorteil, den das Geld
aus seiner Gelöstheit von allen spezifischen Inhalten und Bewegungen der
Wirtschaft zieht, äußert sich noch in anderen Erscheinungsreihen,
deren Typus es ist, dass bei noch so - starken und ruinösen Erschütterungen
der Wirtschaft die eigentlichen Geldleute unverändert, ja in erhöhtem
Maße zu profitieren pflegen.
So viele
Zusammenbrüche und Existenzvernichtungen die Folge sowohl der
Preisstürze wie der besinnungslosen Haussen auf dem Warenmarkte sein
mögen - die Erfahrung hat als die Regel gezeigt, dass die großen
Bankiers aus diesen entgegengesetzten Gefahren für Verkäufer oder
Käufer, Gläubiger oder Schuldner ihren gleichmäßigen
Gewinn ziehen.
Das Geld, als das
völlig indifferente Werkzeug der ökonomischen Bewegung, lässt
sich seine Dienste bei jeder Richtung und jedem Tempo derselben bezahlen.
Für diese Freiheit
muss es freilich auch seine Steuer entrichten: die Parteilosigkeit des Geldes
bewirkt, dass an den Geldgeber leicht Ansprüche von verschiedenen,
einander feindseligen Seiten gestellt werden und er leichter in den Verdacht
des Verrates gerät, als irgend jemand, der mit qualitativ bestimmten
Werten operiert. Im Beginn der Neuzeit, als die großen Geldmächte
der Fugger, der Welser, der Florentiner und Genuesen in die politischen
Entscheidungen eintraten, insbesondere in den gewaltigen Kampf der
habsburgischen (> 213) und der französischen Macht um die
europäische Hegemonie, wurden sie von jeder Partei mit stetem Misstrauen
betrachtet, selbst von derjenigen, der sie ungeheure Summen geliehen hatten.
Der Geldleute war man eben
nie sicher, das bloße Geldgeschäft legte sie nie auch nur für
den nächsten Augenblick unzweideutig fest, und der Gegner, dessen
Bekämpfung sie soeben unterstützt hatten, sah darin gar kein Hindernis,
nun seinerseits mit Forderungen oder Anerbietungen an sie heranzutreten.
Das Geld hat jene sehr
positive Eigenschaft, die man mit dem negativen Begriffe der Charakterlosigkeit
bezeichnet.
Dem Menschen, den wir
charakterlos nennen, ist es wesentlich, nicht durch die innere und inhaltliche
Dignität von Personen, Dingen, Gedanken sich bestimmen zu lassen, sondern
durch die quantitative Macht, mit der das Einzelne ihn beeindruckt,
vergewaltigt zu werden.
So ist es der von allen
spezifischen Inhalten gelöste und in reiner Quantität bestehende
Charakter des Geldes, der ihm und den nur nach ihm gravitierenden Menschen die
Färbung der Charakterlosigkeit einträgt - die fast logisch notwendige
Schattenseite jener Vorteile des Geldgeschäftes und der spezifischen
Höherwertung des Geldes gegenüber qualitativen Werten. Dieses
Übergewicht des Geldes drückt sich zunächst in der
angeführten Erfahrung aus, dass der Verkäufer interessierter und
beeiferter ist als der Käufer.
Denn es verwirklicht sich
hier eine für unser ganzes Verhalten zu den Dingen äußerst
bedeutsame Form: dass von zwei Wertklassen, die einander gegenüberstehen
und als Ganze betrachtet werden, die erste der zweiten entschieden
überlegen ist, dass aber der einzelne Inhalt oder Exemplar der zweiten
einem entsprechenden der ersten gegenüber den Vorzug hat.
So würden wir, vor die
Wahl zwischen der Gesamtheit aller materiellen und aller idealen Güter
gestellt, uns wohl für die ersteren entscheiden müssen, weil der
Verzicht auf sie das Leben überhaupt, mitsamt seinen idealen Inhalten,
verneinen würde; während wir nicht schwanken mögen, jedes
einzelne herausgegriffene materielle Gut für irgendein ideales
dahinzugeben.
So sind wir in unseren
Beziehungen zu verschiedenen Menschen gar nicht im Zweifel, wie viel wertvoller
und unentbehrlicher, als Ganzes empfunden, uns die eine als die andere ist;
dennoch, in den einzelnen Momenten und Seiten des Verhältnisses mag uns
das als Ganzes wertlosere das erfreulichere und bestechendere sein.
So also verhält es
sich zwischen dem Geld und den konkreten Wertobjekten: die Wahl zwischen der
Gesamtheit der letzteren und der des ersteren würde sogleich dessen innere
Wertlosigkeit offenbaren, da wir dann bloß ein Mittel, aber keinen Zweck,
dem es diene, mehr hätten; dagegen, das einzelne Geldquantum gegen das
einzelne Warenquantum (> 214) gehalten, wird der Austausch des letzteren
gegen das erstere in der Regel mit sehr viel größerer
Intensität als der umgekehrte begehrt.
Auch besteht dieses
Verhältnis nicht nur zwischen den Gegenständen überhaupt und dem
Gelde überhaupt, sondern auch zwischen diesem und einzelnen
Warenkategorien.
Die einzelne Stecknadel ist
fast wertlos, Stecknadeln überhaupt aber sind fast unentbehrlich und
»gar nicht mit Geld aufzuwiegen«.
Unzählige Warenarten
verhalten sich so: die Möglichkeit, für Geld das einzelne Exemplar
ohne weiteres zu beschaffen, entwertet dasselbe prinzipiell dem Gelde
gegenüber, das Geld erscheint als die herrschende Macht, die über den
Gegenstand verfügt; dagegen die Warenart als Ganze ist in ihrer Bedeutung
für uns mit Geld ganz inkommensurabel und hat ihm gegenüber jenen
selbständigen Wert, den die leichte Wiederbeschaffbarkeit des
singulären Exemplars so oft für unser Bewusstsein überdeckt.
Da das praktisch
ökonomische Interesse sich aber fast ausschließlich an das einzelne
Stück, bzw. eine begrenzte Summe von Stücken, heftet, so hat die
Geldwirtschaft es wirklich zustande gebracht, dass unser Wertgefühl den
Dingen gegenüber sein Maß an ihrem Geldwert zu finden pflegt.
Das aber steht ersichtlich
in Wechselwirkung mit jenem überwiegenden Interesse, das Geld statt des
Gegenstandes in Händen zu haben.
Und dies läuft
schließlich in eine allgemeine Erscheinung aus, die man das Superadditum
des Reichtums nennen und dem unearned Profit der Bodenrente vergleichen
könnte.
Der Reiche genießt
Vorteile, noch über den Genuss desjenigen hinaus, was er sich für
sein Geld konkret beschaffen kann.
Der Kaufmann handelt mit
ihm solider und billiger als mit dem Armen, jedermann, auch der gar nichts von
seinem Reichtum profitiert, begegnet ihm zuvorkommender, als dem Armen, es
schwebt eine ideale Sphäre fragloser Bevorzugtheit um ihn.
Allenthalben kann man
beobachten, wie dem Käufer der kostspieligeren Warengattung, dem Benutzer
der höheren Eisenbahnklasse usw. allerhand kleine Bevorzugungen
eingeräumt werden; mit dem von ihm bezahlten Sachwert haben diese
eigentlich so wenig zu tun, wie das freundlichere Lächeln, mit dem der
Kaufmann die teurere Ware verkauft, mit dieser, sondern sie bilden eine
Gratisbeilage, die nur dem Konsumenten des Billigeren versagt bleibt, ohne dass
er doch - und das ist gewissermaßen das Härteste dabei - über
sachliche Übervorteilung zu klagen berechtigt wäre.
Am eigentümlichsten
vielleicht zeigt dies eine an sich sehr minime Erscheinung.
In den Trambahnen einiger
Städte gibt es zwei Klassen, die verschiedene Preise kosten, ohne dass die
höhere irgendeinen sachlichen Vorteil oder größere
Bequemlichkeit böte.
Allein man (> 215)
erkauft mit dem höheren Preise das ausschließliche Zusammensein mit
Personen, die einen solchen nur anlegen, um von den billiger Fahrenden
abgeschlossen zu sein.
Hier kann sich der
Wohlhabendere einen Vorteil ganz unmittelbar dadurch, dass er mehr Geld bezahlt
- nicht erst vermöge eines sachlichen Äquivalents für seinen
Aufwand - verschaffen.
Äußerlich
genommen liegt damit das Gegenteil des Superadditums vor, denn es wird dem
Wohlhabenden für sein Geld nicht relativ mehr, sondern relativ weniger
geleistet als dem Armen.
Allein dennoch ist das
Superadditum des Geldes hier sozusagen in negativer, aber besonders reiner
Gestalt gegeben: der Wohlhabende gewinnt seinen Vorteil ohne Umweg über
eine Sache und ausschließlich dadurch, dass andere nicht so viel Geld
aufwenden können wie er.
Ja sogar als eine Art
moralischen Verdienstes gilt der Reichtum; was sich nicht nur in dem Begriff
der Respectability oder in der populären Bezeichnung wohlhabender Leute
als »anständiger«, als »besseres Publikum«
ausdrückt, sondern auch in der Korrelaterscheinung: dass der Arme
behandelt wird, als hätte er sich etwas zuschulden kommen lassen, dass man
den Bettler im Zorne davonjagt, dass auch gutmütige Personen sich zu einer
selbstverständlichen Überlegenheit über den Armen legitimiert
glauben.
Wenn für die
Straßburger Schlossergesellen im Jahr 1536 bestimmt wird, der Montag
Nachmittag solle für alle die arbeitsfrei sein, die über acht Kreuzer
Lohn hätten, so wird damit den materiell besser Situierten eine Wohltat
erwiesen, die nach der Logik der Moral gerade den Dürftigen hätte zukommen
sollen.
Aber gerade zu so perversen
Erscheinungen steigert sich mehr als einmal das Superadditum des Reichtums: der
praktische Idealismus, etwa äußerlich unbelohnter wissenschaftlicher
Arbeit, wird für gewöhnlich an einem reichen Manne mit größerem
Respekt betrachtet, als ethisch hervorragender verehrt, als an einem armseligen
Schulmeister!
Dieser Wucherzins des
Reichtums, diese Vorteile, die er seinem Besitzer zuwachsen lässt, ohne
dass dieser etwas dafür aufzuwenden hätte, ist an die Geldform der
Werte geknüpft.
Denn alles dies ist
offenbar Ausdruck oder Reflex jener unbegrenzten Freiheit der Verwendung, die
das Geld allen anderen Werten gegenüber auszeichnet.
Hierdurch kommt zustande,
dass der Reiche nicht nur durch das wirkt, was er tut, sondern auch durch das,
was er tun könnte: weit über das hinaus, was er nun wirklich mit
seinem Einkommen beschafft, und was andere davon profitieren, wird das
Vermögen von einem Umkreis zahlloser Verwendungsmöglichkeiten
umgeben, wie von einem Astralleib, der sich über seinen konkreten Umfang
hinausstreckt: darauf weist unzweideutig hin, dass die Sprache erheblichere
Geldmittel als »Vermögen« (> 216) - d. h. als das
Können, das Imstande sein schlechthin bezeichnet.
Alle diese
Möglichkeiten, von denen freilich nur ein ganz geringer Teil Wirklichkeit
werden kann, werden dennoch psychologisch saldiert, sie gerinnen zu dem
Eindruck einer nicht genau bestimmbaren, jede Festlegung ihres erreichbaren
Erfolges ablehnenden Macht, und zwar in um so umfänglicherer und
eindrucksvollerer Art, je beweglicher das Vermögen, je leichter es zu
jedem möglichen Zweck verfügbar ist, d. h. also, je
vollständiger jeder Vermögensbestand Geld oder in Geld umsetzbar ist
und je reiner das Geld selbst zum Werkzeug und Durchgangspunkt ohne jede eigene
teleologische Qualifikation wird.
Die reine
Potentialität, die das Geld darstellt, insofern es bloß Mittel ist,
verdichtet sich zu einer einheitlichen Macht- und Bedeutungsvorstellung, die
auch als konkrete Macht und Bedeutung zugunsten des Geldbesitzers wirksam wird
- ungefähr wie dem Reize eines Kunstwerkes nicht nur sein Inhalt und die
mit sachlicher Notwendigkeit damit verbundenen seelischen Reaktionen
zugerechnet werden, sondern all die zufälligen, individuellen, indirekten
Gefühlskombinationen, die es, hier so und dort anders, anklingen
lässt und deren unbestimmte Summe doch erst das Ganze seines Wertes und
seiner Bedeutsamkeit für uns umschreibt.
In dem Wesen dieses
Superadditums, wenn es so richtig gedeutet ist, liegt es, dass es um so
stärker hervortreten muss, je vollständiger jene Chance und
Wahlfreiheit seiner Verwendung vermöge der Gesamtlage seines Besitzers
realisierbar wird.
Dies ist am wenigsten bei
dem Armen der Fall: denn dessen Geldeinkommen ist, weil es nur für die
Notdurft des Lebens ausreicht, von vorn herein determiniert und lässt der
Auswahl unter seinen Verwendungsmöglichkeiten nur einen verschwindend
kleinen Spielraum.
Derselbe erweitert sich mit
steigendem Einkommen, so dass jeder Teil des letzteren das Superadditum in dem
Maß erwirbt, in dem er von den zur Befriedigung des Notdürftigen,
Generellen und Vorherbestimmten erforderlichen Teilen absteht; d. h. also,
jeder zu der bereits bestehenden Einnahme hinzukommende Teil besitzt einen
höheren Zusatz jenes Superadditums - natürlich unterhalb einer sehr hoch
gelegenen Grenze, oberhalb welcher jeder Einkommensteil in dieser Hinsicht
gleichmäßig qualifiziert ist.
An diesem Punkte kann man
die fragliche Erscheinung in einer speziellen Konsequenz ergreifen, und zwar
auf Grund einer, wie mir scheint, auch sonst folgenreichen Überlegung.
Viele Güter sind in
solcher Masse vorhanden, dass sie von den zahlungsfähigsten Elementen der
Gesellschaft nicht konsumiert werden können, sondern, um überhaupt
abgesetzt (> 217) zu werden, auch den ärmeren und ärmsten Schichten
angeboten werden müssen.
Deshalb dürfen
derartige Waren nicht teurer sein, als diese Schichten im äußersten
Falle zu zahlen imstande sind.
Dies könnte man als
Gesetz der konsumtiven Preisbegrenzung bezeichnen: eine Ware kann niemals
teurer sein, als die unbemitteltste soziale Schicht noch bezahlen kann, der sie
wegen ihrer vorhandenen Menge noch angeboten werden muss.
Man möchte hierin eine
Wendung der Grenznutzentheorie aus dem Individuellen in das Soziale erblicken:
statt des niedrigsten Bedürfnisses, das noch mit einer Ware gedeckt werden
kann, wird hier das Bedürfnis des Niedrigsten für die Preisgestaltung
maßgebend.
Diese Tatsache bedeutet
einen ungeheuren Vorteil für den Wohlhabenden.
Denn dadurch stehen auch
ihm nun gerade die unentbehrlichsten Güter zu einem weit niedrigeren
Preise zur Verfügung, als er dafür erlegen würde, wenn man es
ihm nur abverlangte; dadurch, dass der Arme die einfachen Lebensmittel kaufen
muss, macht er sie für den Reichen billig.
Wenn dieser selbst einen
proportional ebenso großen Teil seines Einkommens an die primärsten
Bedürfnisse (Nahrung, Wohnung, Kleider) wenden müsste, wie der Arme,
so würde er noch immer, absolut genommen, mehr für Luxuswünsche
übrig behalten als dieser.
Allein er hat dazu noch den
additionellen Vorteil, dass er seine nötigsten Bedürfnisse mit einem
relativ viel kleineren Teil seines Einkommens decken kann.
Mit dem darüber
hinausreichenden nun hat er die Wahlfreiheit in der Verwendung des Geldes, die
ihn zum Gegenstand jener, sein tatsächliches ökonomisches Können
überragenden Achtung und Bevorzugung macht.
Die Geldmittel des Armen
sind nicht von dieser Sphäre unbegrenzter Möglichkeiten umgeben, weil
sie von vornherein ganz unmittelbar und zweifellos in sehr bestimmte Zwecke
einmünden.
In seiner Hand sind sie
also gar nicht in demselben reinen und abstrakten Sinne »Mittel«,
wie in der des Reichen, weil der Zweck schon sogleich in sie hineinreicht, sie
färbt und dirigiert, weshalb denn auch unsere Sprache sehr feinfühlig
erst den mit erheblichen Geldmitteln Ausgestatteten überhaupt als
»bemittelt« bezeichnet. Die mit diesen verbundene Freiheit
führt noch nach anderen Seiten hin zu einem Superadditum.
Wo öffentliche
Funktionäre nicht besoldet werden, ist der Erfolg der, dass nur
wohlhabende Leute führende Stellen bekleiden können; so musste etwa
der General des achäischen Bundes nicht weniger als - wenigstens bis vor
kurzem - ein englisches Parlamentsmitglied ein wohlhabender Mann sein, und so
bildet sich in Ländern, die ihre Beamten sehr niedrig bezahlen, oft eine
völlige Plutokratie, eine Art Erblichkeit der hohen Ämter in wenigen
Familien heraus.
Während (> 218) die
Unbesoldetheit der Stellungen das Geldinteresse von dem Interesse des Dienstes
scheint lösen zu sollen, wird so gerade die Beamtenstellung mit allen
Ehren, Macht und Chancen, die sie bietet zu einem Annex des Reichtums. Und dass
sich dies an die Geldform desselben knüpft, liegt nahe, weil nur diese
wegen ihrer teleologischen Indifferenz der Persönlichkeit die ganz freie
Disposition über ihre Zeit, Aufenthaltsort und Betätigungsrichtung
lässt.
Wenn der Reichtum, wie wir
oben sahen, an sich schon Ehrungen erwirbt und, den Doppelsinn des
»Verdienstes« missbrauchend, sich einer Art moralischer
Schätzung erfreut, so verdichtet sich dies bei unbesoldeten
Staatsfunktionen zu dem, dem Armen unerreichbaren, Machtbesitz der
führenden Ämter.
Und mit diesen ist nun
wieder das weitere Superadditum des Ruhmes patriotischer Aufopferung verbunden,
der sicher oft verdient ist, aber auch auf ganz andere als ethische Motive hin
dem bloßen Geldbesitz sozusagen auf rein technischem Wege zu Gebote
steht.
Das Gleiche noch eine Stufe
höher hinaufverfolgend, sehen wir, wie Ende des Mittelalters, z. B. in
Lübeck, wohlhabende Leute sich gern an mehreren Bruderschaften beteiligten,
um dadurch um so sichrer für ihr Seelenheil zu sorgen.
Die mittelalterliche Kirche
stellte auch für den Gewinn der religiösen Güter technische Wege
zur Verfügung, die nur für den Reichen gangbar waren und
zunächst einmal noch jenseits ihres transzendenten Zieles ein Quantum
irdischen Ansehens und Vorteils, wie jene Teilhaberschaft an mehrerlei
Bruderschaften, als ihre unbezahlte Zugabe mit sich brachten.
Mehr nach einer rein
psychologischen Seite hin zeitigt das Überschreiten der vorhin
bezeichneten Vermögensgrenze das folgende Superadditum.
Bei einem oberhalb ihrer
stehenden Vermögen spielt die Frage, was ein begehrter Gegenstand kostet,
in vielen Fällen überhaupt keine Rolle mehr.
Das besagt viel mehr und
tieferes, als der gewöhnliche Sprachgebrauch mit diesem Ausdruck
verbindet.
So lange nämlich das
Einkommen noch in der angedeuteten Weise irgendwie für bestimmte
Verwendungen festgelegt ist, ist jede Ausgabe unvermeidlich mit dem Gedanken
der für sie erforderten Geldaufwendung belastet; für die Mehrzahl der
Menschen schiebt sich zwischen Wunsch und Befriedigung noch die Frage: was
kostet es? und bewirkt eine gewisse Materialisierung der Dinge, die für
den wirklichen Geldaristokraten ausgeschaltet ist.
Wer Geld über ein
bestimmtes Maß hinaus besitzt, gewinnt damit noch den zusätzlichen
Vorteil, es verachten zu können.
Die Lebensführung, die
nach dem Geldwert der Dinge überhaupt nicht zu fragen braucht, hat einen
außerordentlichen ästhetischen Reiz, sie kann sich über
Erwerbungen nach nur sachlichen, ausschließlich von dem (> 219) Inhalt
und der Bedeutung der Objekte abhängigen Gesichtspunkten entscheiden.
In so vielen Erscheinungen
die Herrschaft des Geldes auch die Eigenartigkeit der Dinge und deren
Bewusstsein herabsetzen mag, so sind doch auch die anderen unverkennbar, in
denen das Geld diese steigert: Qualitäten der Objekte haben mindestens die
psychologische Chance - so selten sie realisiert sein mag - um so individueller
hervorzutreten, je mehr das ihnen Gemeinsame, der ökonomische Wert, auf
ein außer ihnen stehendes Gebilde projiziert und in ihm lokalisiert ist.
Indem nun jene
Lebensführung nach dem Geld nicht fragt, entgeht sie den Ablenkungen und
den Schatten, die der rein sachlichen Qualität und Wertung der Dinge durch
die dieser innerlich ganz fremde Beziehung auf ihren Geldpreis kommen.
Wo also selbst der etwas
weniger Bemittelte denselben Gegenstand kaufen kann, wie der ganz Reiche,
genießt dieser noch das psychologische Superadditum einer Leichtigkeit,
Unmittelbarkeit, Unabgelenktheit des Erwerbes und Genusses, die jenem durch die
vor- und mittönende Geldopferfrage getrübt wird.
Wenn wir nachher sehen
werden, dass die Blasiertheit gerade umgekehrt die Abstumpfung gegen die
Besonderheiten und sachlichen Reize der Dinge zum Schatten des Geldreichtums
macht, so ist dies kein Beweis gegen jenen Zusammenhang, sondern nur einer
für das Wesen des Geldes: durch seine Entfernung von jeder eigenen
Bestimmtheit die völlig entgegengesetzt verlaufenden Fäden des
inneren und äußeren Lebens aufzunehmen und jedem in der ihm eigenen
Richtung ein Werkzeug entschiedenerer Herausbildung und Darstellung zu sein.
Darin liegt die
unvergleichliche Bedeutung des Geldes für die Entwicklungsgeschichte des
praktischen Geistes; mit ihm ist die bisher äußerste Verminderung
der Besonderheit und Einseitigkeit aller empirischen Gebilde erreicht.
Was man die Tragik der
menschlichen Begriffsbildung nennen könnte: dass der höhere Begriff
die Weite, mit der er eine wachsende Anzahl von Einzelheiten umfasst, mit
wachsender Leere an Inhalt bezahlen muss, gewinnt im Gelde sein vollkommenes
praktisches Gegenbild, d. h. die Daseinsform, deren Seiten
Allgemeingültigkeit und Inhaltslosigkeit sind, ist im Geld zu einer realen
Macht geworden, deren Verhältnis zu aller Entgegengesetztheit der Verkehrsobjekte
und ihrer seelischen Umgebungen gleichmäßig als Dienen wie als
Herrschen zu deuten ist.
Das Superadditum des
Geldbesitzes ist nichts als eine einzelne Erscheinung dieses, man möchte
sagen, metaphysischen Wesens des Geldes, dass es über jede Einzelverwendung
seiner hinausreicht und, weil es das absolute Mittel ist, die Möglichkeit
aller Werte als den Wert aller Möglichkeiten zur Geltung bringt. (>
220)
Aus dem Wirkungsbereich
dieses Verhältnisses will ich nur noch eine zweite Reihe herausheben.
Die über alle
spezifischen Zwecke erhabene Mittelsbedeutung des Geldes hat zur Folge, dass es
das Interessenzentrum und die eigentliche Domäne solcher Individuen und
Klassen wird, deren soziale Stellung sie von vielerlei persönlichen und spezifischen
Zielen ausschließt.
Dass den römischen
Freigelassenen die volle bürgerliche Stellung mit allen ihren Chancen
fehlte, bewirkte es, dass sie sich mit Vorliebe auf das Geldgeschäft
warfen; und schon in Athen hatte, bei dem ersten Aufkommen reinen Geldhandels
im 4. Jahrhundert, der reichste Bankier, Pasion, seine Laufbahn als Sklave
begonnen.
In der Türkei sind die
Armenier, ein verachteter und oft verfolgter Volksstamm, vielfach die
Händler und Geldleute - gerade wie es in Spanien unter ähnlichen
Verhältnissen die Moriskos waren.
In Indien sind diese
Erscheinungen häufig: einerseits sind die sozial sehr
zurückgedrängten und sonst mit scheuer Zurückhaltung
auftretenden Parsen meistens Wechsler oder Bankiers, andrerseits, in manchen
Teilen Südindiens, sind die Geldgeschäfte und Reichtümer in den
Händen der Tschettis, einer Mischkaste, die wegen mangelnder
Kastenreinheit ein sehr geringes Ansehen hat.
So warfen sich die
Hugenotten in ihrer exponierten und eingeengten Stellung mit größter
Intensität auf den Gelderwerb, wie die Quäker in England.
Vom Gelderwerb als solchem
kann man, weil eben alle möglichen Wege gleichmäßig zu ihm
führen, am wenigsten jemanden prinzipiell ausschließen.
Vom reinen
Geldgeschäft deshalb nicht, weil es weniger technischer Vorbedingungen
bedarf, als jeder andere Erwerb, und sich deshalb leichter der Kontrolle und
dem Eingriff entzieht, und zudem, weil der Geldbedürftige in der Regel in
einer Notlage ist, in der er schließlich auch die sonst verachtetste
Persönlichkeit und den sonst gemiedensten Schlupfwinkel aufsucht.
Und weil der in irgendeinem
Sinne Rechtlose gerade vom Gebiet der bloßen Geldinteressen nicht
fernzuhalten ist, entsteht zwischen beiden Bestimmungen eine Assoziation, die
in mehrfachen Richtungen wirksam wird: so droht einerseits dem bloßen
Geldmenschen leicht eine soziale Deklassierung, deren Fühlbarkeit er oft
nur durch seine Macht und Unentbehrlichkeit entgeht, und so wurde andrerseits
den fahrenden Leuten des Mittelalters, die allenthalben schlechtes Recht
hatten, doch in Geldsachen unparteilich Recht gemessen.
Eben derselbe Erfolg muss
eintreten, wenn die Ausschließung sozialer Elemente von den Rechten und
Genüssen der Vollbürger nicht mehr durch juristische oder ihnen sonst
oktroyierte Bestimmungen, sondern durch freiwilligen Verzicht ihrerseits
geschieht.
Als die Quäker schon
die volle politische Gleichberechtigung (> 221) hatten, schlossen sie sich
selbst von den Interessen der anderen aus: sie schwuren nicht, konnten also
keine öffentlichen Ämter übernehmen, sie verschmähten
alles, was mit dem Schmuck des Lebens zusammenhängt, sogar den Sport, sie
mussten sogar den Landbau aufgeben, weil sie den Kirchenzehnten verweigerten.
So waren sie, um überhaupt noch ein äußeres Lebensinteresse zu
haben, auf das Geld hingewiesen, als auf das einzige, zu dem sie sich den
Zugang nicht versperrt hatten.
Ganz entsprechend hat man
über das herrenhuterische Leben bemerkt, dass ihm aller ideale Gehalt von
Wissenschaften, Künsten, heiterer Geselligkeit fehle, und es so neben dem
religiösen Interesse nur noch die nackte Erwerbslust als praktischen
Impuls bestehen lasse.
Die Betriebsamkeit und
Habsucht vieler Herrenhuter und Pietisten sei deshalb kein Anzeichen von
Heuchelei, sondern von einem kranken, vor den Kulturinteressen flüchtigen
Christentum, von einer Frömmigkeit, die nichts irdisch Hohes neben sich
duldet, sondern eher noch ein irdisch Niedriges.
Ja selbst für die
entgegengesetzten Stufen der sozialen Skala bleibt es verhängnisvoll, dass
nach Wegfall aller anderen Interessen das am Gelde noch immer als letzte,
zäheste, überlebendste Interessenschicht beharrt.
Dass der französische
Adel des ancien régime sich von seinen sozialen Pflichten
zurückzog, lag an der wachsenden Zentralisierung des Staates, der die
Verwaltung des bäuerlichen Gebietes selbst in die Hand genommen hatte.
Indem der Staat dem Adel
alle inhaltlich wertvollen Herrschaftsfunktionen abnahm, hatte für diesen
der Güterbesitz keine andere Bedeutung mehr, als: möglichst viel Geld
herauszuschlagen.
Dies war der letzte, ihm
nicht wegzunehmende Interessenpunkt, und auf ihn reduzierte sich deshalb alles,
was sonst an lebendiger Verbindung zwischen Adel und Bauer bestanden hatte und
wovon der erstere nun abgedrängt war.
Macht aber jene nicht zu
raubende Möglichkeit schon das Geldgeschäft zur ultima ratio sozial
benachteiligter und bedrückter Elemente, so wirkt für sie positiv
noch die Macht des Geldes, Stellungen, Einfluss, Genüsse noch da zu
gewinnen, wo man von gewissen direkten Mitteln des sozialen Ranges: der Beamtenqualität,
bestimmten, ihnen vorenthaltenen Berufen, der Persönlichkeitsentfaltung,
ausgeschlossen ist.
Denn weil das Geld zwar
bloßes Mittel, dieses aber auch in absolutem Maße ist, und so jede
Präjudizierung durch irgendeine sachliche Bestimmtheit ablehnt, so ist es
ebenso der unbedingte terminus a quo zu allem hin, wie es der unbedingte
terminus ad quem von allem her ist.
Darum treten ganz
entsprechende Erscheinungen auf, wo kein Ausschluss einer Gruppenabteilung von
den Zweckreihen der anderen vorliegt, sondern die gleiche teleologische Formung
sich auf die (> 222) ganze Gruppe erstreckt.
Von den Spartanern, denen
alle eigentlich ökonomischen Interessen untersagt waren, wird doch eine
auffallende Geldgier berichtet.
Es scheint, dass die
Leidenschaft nach einem Besitz, dessen Verteilung die lykurgische Verfassung
unpraktisch geordnet hatte, gerade da herausbrach, wo er am wenigsten
spezifischen Charakter trug und seine Einschränkung also am
undurchführbarsten war.
Auch wird erwähnt,
dass in bezug auf den realen Genuss des Besitzes in Sparta lange kein
Unterschied zwischen Arm und Reich war, dass die Reichen nicht besser lebten
als die Armen: um so mehr musste sich die Pleonexie auf den bloßen Besitz
des Geldes werfen!
Auf ganz andere Momente hin
ist die gleiche Grundkonstellation wirksam, wenn ein Fragment des Ephoros
besagt, Ägina wäre deshalb ein solcher Haupthandelsplatz geworden,
weil die Unfruchtbarkeit des Bodens die Einwohner auf den Handel hingewiesen
hätte - und Ägina war die erste Stelle im eigentlichen Hellas, wo
überhaupt Geldmünzen geprägt wurden!
Weil das Geld der
gemeinsame Schnittpunkt der Zweckreihen ist, die von jedem Punkt der
ökonomischen Welt zu jedem anderen laufen, so nimmt es jeder von jedem.
Zu der Zeit, als der Fluch
der »Unehrlichkeit« am schwersten auf bestimmten Berufen lastete,
nahm man dennoch Geld sogar vom Henker, wenngleich man möglichst einen
Ehrlichen suchte, von dem man es zuerst anfassen ließ!
Von der Einsicht in diese
alles überwindende Macht aus verteidigte Macaulay die Emanzipation der Juden
damit, dass es ein Widersinn wäre, ihnen die politischen Rechte
vorzuenthalten, da sie vermöge ihres Geldes die Substanz derselben doch
besäßen.
Sie könnten
Wähler kaufen, Könige lenken, als Gläubiger ihre Schuldner
beherrschen, so dass politische Rechte nichts als die formale Vollendung von
dem wären, was sie schon hätten.
Um ihnen das politische
Recht wirklich zu nehmen, müsste man sie ermorden und berauben;
ließe man ihnen aber ihr Geld, so we may take away the shadow, but we
must leave them the substance - ein für die teleologische Drehung des
Geldbegriffes höchst charakteristischer Ausdruck; denn rein inhaltlich
möchte man die soziale, politische, personale Position doch als einen
realen und substanziellen Wert, das Geld aber, die an sich leere Symbolisierung
anderweitiger Werte, als den bloßen Schatten bezeichnen!
Es braucht nicht betont zu
werden, dass jene ganze Korrelation zwischen Zentralität des
Geldinteresses und sozialer Gedrücktheit an den Juden ihr
umfänglichstes Beispiel hat.
Ich will deshalb in
Hinsicht ihrer nur zwei Gesichtspunkte bezeichnen, als für die hier
fragliche Wesensbedeutung des Geldes besonders erheblich.
Weil der Reichtum der Juden
in Geld bestand, waren sie ein so besonders (> 223) gesuchtes und
fruchtbares Ausbeutungsobjekt; denn kein anderer Besitz lässt sich so,
schnell, einfach und verlustlos mit Beschlag belegen.
Wie man die
wirtschaftlichen Güter in Hinsicht ihres Erwerbes durch Arbeit in eine
Skala größerer oder geringerer Zweckmäßigkeit reihen
kann, so in Hinsicht ihres Erwerbes durch Raub.
Wenn man jemandem sein Land
fortnimmt, so kann man den Vorteil davon - außer wenn man es eben gleich
wieder in Geld umsetzt - nicht ohne weiteres realisieren, Zeit, Mühe,
Aufwendungen werden erfordert.
Praktischer verhalten sich
natürlich schon Mobilien, so viele hier wirksame Unterschiede auch unter
ihnen bestehen: im mittelalterlichen England war z. B. die Wolle in dieser
Hinsicht das zweckmäßigste, sie war a sort of circulating medium, in
dem das Parlament den Königen Auflagen bewilligte, und an das diese sich
zuerst hielten, wenn sie von den Kaufleuten Geld erpressen wollten. Das Geld
bildet den äußersten Punkt dieser Skala.
Derselbe von aller
spezifischen Bedingtheit gelöste Charakter, der das Geld den Juden in
ihrer Pariastellung zum geeignetsten und am wenigsten versagbaren Erwerbszwecke
machte, ließ es auch zum geeignetsten und unmittelbarsten Anreiz werden,
sie auszuplündern.
Es ist durchaus kein
Gegenbeweis, sondern zeigt die auf Grund eben dieser Züge dem Gelde
zuwachsende Macht nur von der anderen Seite, wenn wir von den mittelalterlichen
Judenaustreibungen hören, in einigen Städten seien es die reichen
Juden, in anderen aber gerade die armen gewesen, auf die sich die Verfolgung
richtete.
Die Beziehung der Juden zum
Geldwesen äußert sich weiterhin in einer soziologischen
Konstellation, die jenen Charakter des Geldes ebenso zum Ausdruck bringt.
Die Rolle, die der Fremde
innerhalb der sozialen Gruppe spielt, weist ihn von vornherein auf die durch
Geld vermittelten Beziehungen zu ihr an, zunächst wegen der
Transportfähigkeit und der über die Gruppengrenzen hinausreichenden
Verwertbarkeit des Geldes.
Die Relation zwischen dem
Geldwesen und dem Fremden als solchem kündigt sich schon in einer
Erscheinung bei einigen Naturvölkern an.
Das Geld besteht dort aus
Zeichen, die von auswärts eingeführt werden, so dass es z.B. auf den
Salomoinseln wie in Ibo am Niger eine Art Industrie ist, aus Muscheln oder
sonst Geldzeichen herzustellen, die nicht am Herstellungsort selbst, , sondern
in benachbarten Gegenden wohin sie exportiert werden, als Geld kursieren.
Das erinnert an die Mode,
die so oft gerade wenn sie von außen importiert ist, besonders
geschätzt und mächtig ist.
Geld und Mode sind
Ausgestaltungen sozialer Wechselwirkungen, und es scheint, als ob die
Sozialelemente manchmal wie die Augenachsen am besten auf einen nicht zu nahe
(> 224) gelegenen Punkt konvergierten.
Der Fremde als Person aber
ist aus demselben Grunde, der das Geld dem sozial Entrechteten so wertvoll
macht, dafür vor allem interessiert: weil es ihm Chancen gewährt, die
dem Vollberechtigten, bzw. dem Einheimischen auf spezielleren, sachlichen Wegen
und durch persönliche Beziehungen zugängig sind; es wird betont, dass
die Fremden es waren, die vor dem babylonischen Tempel den einheimischen
Mädchen das Geld in den Schoß warfen, für das diese sich
prostituierten.
Der Zusammenhang zwischen
der soziologischen Bedeutung des Fremden und der des Geldes hat aber noch eine
weitere Vermittlung.
Das reine Geldgeschäft
ist nämlich ersichtlich etwas Sekundäres; das zentrale Geldinteresse
äußert sich vielmehr zunächst und hauptsächlich im Handel.
Aus sehr triftigen
Gründen ist aber der Händler, am Anfang der wirtschaftlichen
Bewegungen, ein Fremder.
So lange die
Wirtschaftskreise noch kleine sind und keine raffinierte Arbeitsteilung
besitzen, genügt unmittelbarer Tausch oder Kauf zu der erforderlichen
Verteilung; des Händlers bedarf es erst für das Herbeischaffen der in
der Ferne produzierten Güter.
Nun aber zeigt sich die
Entschiedenheit dieses Verhältnisses auch sofort an seiner Umkehrbarkeit:
nicht nur der Händler ist ein Fremder, sondern auch der Fremde ist dazu
disponiert, ein Händler zu werden.
Das tritt hervor, sobald
der Fremde nicht nur vorübergehend anwesend ist, sondern sich niederlässt
und dauernden Erwerb innerhalb der Gruppe sucht: in Platos
»Gesetzen« wird den Bürgern aller Gold und Silberbesitz
verboten und aller Handel und Gewerbebetrieb prinzipiell den Fremden
vorbehalten.
So lag, dass die Juden ein
Handelsvolk wurden, außer an ihrer Unterdrückung, auch an ihrer
Zerstreuung durch alle Länder.
Erst während des
letzten babylonischen Exils wurden die Juden in die Geldgeschäfte
eingeweiht, die ihnen bis dahin unbekannt gewesen waren: und nun wird sogleich
hervorgehoben, es seien besonders die Juden der Diaspora gewesen, die sich
diesem Beruf in größerer Anzahl widmeten.
Zersprengte Leute, in mehr
oder weniger geschlossene Kulturkreise hineindringend, können schwer
Wurzel schlagen, eine freie Stelle in der Produktion finden und sind deshalb
zunächst auf den Zwischenhandel angewiesen, der viel elastischer ist als
die Urproduktion selbst, dessen Spielraum durch bloß formale
Kombinationen fast unbegrenzt zu erweitern ist und der deshalb von außen
kommende, nicht von der Wurzel her in die Gruppe hineingewachsene Elemente am
ehesten aufnehmen kann.
Der tiefe Zug der
jüdischen Geistigkeit: sich viel mehr in logisch-formalen Kombinationen
als in inhaltlich schöpferischer Produktion zu bewegen, (> 225) muss
mit dieser wirtschaftsgeschichtlichen Situation in Wechselwirkung stehen. Dass
der Jude ein Fremder war, ohne organische Verbindung mit seiner
Wirtschaftsgruppe, das wies ihn auf den Handel und dessen Sublimierung im
reinen Geldgeschäft hin.
Mit einer sehr
merkwürdigen Einsicht in die Lage der Juden gestattete ihnen ein Statut
von Osnabrück um 1300 ausnahmsweise wöchentlich einen Pfennig von der
Mark Zinsen zu nehmen, also jährlich 361/9 %, während sonst
höchstens 10 % genommen wurden.
Spezifisch wichtig wurde
es, dass der Jude nicht nur der Stammfremde, sondern auch der Religionsfremde
war.
Weil für ihn deshalb
das mittelalterliche Verbot des Zinsennehmens nicht galt, war er die indizierte
Persönlichkeit für die Geldleihe.
Es ist eben die
Gelöstheit vom Boden, die die hohen Zinsen für die Juden
begründete: denn Grundschulden waren ihnen nie sicher und ferner mussten
sie immer fürchten, dass eine höhere Gewalt ihre Forderungen für
aufgehoben erklärte (so König Wenzel für das Land Franken 1390,
Karl IV. 1347 für den Burggrafen von Nürnberg, Herzog Heinrich von
Bayern 1338 für die Bürger von Straubing usw.).
Der Fremde braucht für
seine Unternehmungen und Ausleihen eine höhere Risikoprämie.
Dieser Zusammenhang gilt
aber nicht nur für die Juden, sondern er ist so tief im Wesen des Handels
und des Geldes begründet, dass er eine Reihe anderer Erscheinungen nicht
weniger beherrscht. Ich erwähne hier nur einige neuzeitliche.
Die Weltbörsen des 16.
Jahrhunderts, Lyon und Antwerpen, erhielten ihr Gepräge durch die Fremden,
und zwar auf Grund der fast unbeschränkten Handelsfreiheit, die der fremde
Kaufmann gerade an diesen Plätzen genoss.
Und das steht wieder mit
dem Geldverkehrscharakter dieser Plätze in Zusammenhang: Geldwirtschaft
und Handelsfreiheit haben tiefe innere Beziehungen, wie oft diese auch durch
historische Zufälligkeiten und irrige Regierungsmaximen verdunkelt sein
mögen. Die geldgeschäftliche Rolle des Fremden zeigt so recht ihre
Verknüpfung.
Die finanzielle Bedeutung
mancher Florentiner Familien, in der Mediceerepoche, beruhte gerade darauf,
dass sie von den Mediceern verbannt oder ihrer politischen Macht beraubt und
infolgedessen darauf angewiesen waren, durch Geldgeschäfte in der Fremde -
da sie in der Fremde eben keine anderen treiben konnten - von neuem zu Kraft
und Bedeutung zu gelangen.
Es ist der Betrachtung
nicht unwert, wie danebenherlaufende, scheinbar entgegengesetzte Erscheinungen,
genau angesehen, eben dasselbe Verhältnis erweisen.
Als Antwerpen im 16.
Jahrhundert der unbestrittene Welthandelsplatz war, ruhte seine Bedeutung auf
den Fremden, den Italienern, (> 226) Spaniern, Portugiesen, Engländern,
Oberdeutschen, die sich dort niedergelassen hatten und ihre Waren umsetzten.
Die eingeborenen
Antwerpener spielten bei dem Warenhandel eine sehr geringe Rolle und waren
hauptsächlich als Kommissionäre und im Geldgeschäft als Bankiers
tätig.
In dieser internationalen
und durch die Interessen des Welthandels vereinheitlichten Gesellschaft spielte
eben der Eingeborene die Rolle, die sonst vielfach der Fremde spielt: das
Entscheidende ist hier das soziologische Verhältnis zwischen einer
großen Gruppe und einzelnen, ihr fremd gegenüberstehenden
Individuen; diese werden eben durch die Beziehungslosigkeit zu den konkreteren
Interessen auf das Geldgeschäft mit jenen hingewiesen.
Gewiss wird in den meisten
Fällen dieses Verhältnis sich zwischen Eingeborenen und Fremden
herstellen; aber schon als die Angelsachsen die britische Bevölkerung,
soweit sie nicht verjagt war, in sich aufgenommen hatten, nannten sie sie
»die Fremden«; und wo, wie es in Antwerpen stattfand, die Fremden
die große zusammenhängende Gruppe und die Eingeborenen die
dazwischen versprengte Minorität bilden, da zeigt sich an dem Ergebnis,
dass die gleiche soziologische Ursache die gleiche Folge hat, während die
Frage, welches der Elemente gerade an der Lokalität eingeboren und welches
fremd ist, an sich hierfür bedeutungslos ist.
Weit über die
sozusagen privaten Gründe hinaus, aus denen der einzelne Fremde innerhalb
einer Gruppe zum Handel und zuhöchst zum Geldhandel designiert scheint,
begegnen uns die ersten großen Transaktionen der neuzeitlichen Bankiers,
im 16. Jahrhundert, als durchaus im Ausland sich abspielend.
Das Geld ist von der
lokalen Beschränktheit der meisten teleologischen Reihen -emanzipiert,
weil es das Mittelglied von jedem beliebigen Ausgangspunkt zu jedem beliebigen
Endpunkt ist; und wenn, so möchte man fast sagen, jedes Element des
historischen Seins diejenige Wirkungsform sucht, in der es sein Spezifisches,
die gerade ihm eigentümliche Stärke am reinsten ausdrücken kann,
so drängt dieses früheste moderne Großkapital, wie in dem
Expansionsstreben jugendlichen Übermutes, zu einer Verwendung, in der ihm
seine raumüberspringende Macht, seine Überall-Verwendbarkeit, seine
Parteilosigkeit zum stärksten Bewusstsein kam.
Der Hass des Volkes auf die
großen Finanzhäuser hing wesentlich damit zusammen, dass ihre
Besitzer und meistens auch ihre Vertreter Fremde zu sein pflegten: es war der
Hass des nationalen Empfindens gegen das Internationale, der Einseitigkeit, die
sich ihres spezifischen Wertes bewusst ist, und sich dabei von einer
indifferenten, charakterlosen Macht vergewaltigt fühlt, deren Wesen ihr im
Fremden als solchem personifiziert wurde; es entspricht dies ganz (> 227)
der Aversion der konservativen athenischen Volksmasse gegen den
Intellektualismus der Sophisten und des Sokrates, gegen dieses neue,
unheimliche Machtmittel des Geistes, das, neutral und herzlos wie das Geld,
seine aller überlieferten Schranken spottende Macht zuerst so oft im
Niederreißen zeigte.
Dazu kam, diese Tendenz des
Geldes gleichsam objektivierend, dass die ungeheure Ausdehnung der
Geldgeschäfte damals den unendlichen Kriegen entstammte, zwischen dem
Kaiser und dem französischen König, den Religionskriegen in den
Niederlanden, Deutschland und Frankreich usw. Der Krieg der unmittelbar nur
reine unproduktive Bewegung ist, bemächtigte sich der Geldmittel
vollständig und bewirkte eine völlige Überwucherung des soliden
Warenhandels - der stets mehr lokal gebunden ist - durch den Geldhandel.
Ja, der Weg des
Großkapitals ins Ausland wurde auf diesem Umwege direkt
landesverräterisch.
Die französischen
Könige haben lange mit Hilfe von Florentiner Bankiers Krieg gegen Italien
geführt, sie haben Lothringen und später Elsass unter dem Beistand
deutschen Geldes vom Deutschen Reich losreißen können, die Spanier
haben sich der italienischen Geldmächte bedienen dürfen, um Italien
zu beherrschen.
Erst das 17. Jahrhundert
hat in Frankreich, England, Spanien diesem Umherflattern des Geldkapitals, in
dem es die Losgebundenheit seines reinen Mittelscharakters offenbarte, ein Ende
zu machen und das Kapitalbedürfnis der Regierungen im eigenen Lande zu
decken gestrebt.
Und wenn die Finanz der
modernsten Zeit wieder in vieler Hinsicht international geworden ist, so hat dies
doch ganz andere Bedeutung: »Fremde« in jenem alten Sinne gibt - es
eben heute nicht mehr, die Handelsverbindungen, ihre Usancen und ihr Recht
haben aus ganz entfernten Ländern einen immer mehr sich
vereinheitlichenden Organismus gebildet.
Das Geld hat den Charakter,
der es ehemals zur Domäne des Fremden machte, nicht verloren, sondern
sogar durch die Vermehrung und Variierung der in ihm gekreuzten teleologischen
Reihen immer mehr ins Abstrakte und Farblose gesteigert.
Der Gegensatz, der in
dieser Hinsicht zwischen den Einheimischen und den Fremden bestand, ist nur
deshalb fortgefallen, weil die einst von ihm getragene Geldform des Verkehrs
die Gesamtheit des Wirtschaftskreises ergriffen hat.
Wie in einem Miniaturbild
zusammengedrängt erscheint mir die Bedeutung des Fremden für das
Geldwesen in dem Rate, den ich einmal geben hörte: man solle mit zwei
Menschen niemals Geldgeschäfte machen, mit dem Freunde und mit dem Feinde.
Die indifferente
Objektivität des Geldgeschäftes tritt in dem einen Fall in einen fast
niemals ganz zu glättenden Konflikt mit der Personalität (> 228)
des Verhältnisses, in dem anderen gibt eben derselbe Umstand feindseligen
Absichten weiten Spielraum, in tiefem Zusammenhange damit, dass unsere
geldwirtschaftlichen Rechtsformen nirgends präzise genug sind, um
böswillige Schädigung mit Sicherheit auszuschließen.
Der indizierte Partner
für das Geldgeschäft - in dem, wie man mit Recht gesagt hat, die
Gemütlichkeit aufhört - ist die uns innerlich völlig
indifferente, weder für noch gegen uns engagierte
Persönlichkeit.(> 229)
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