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Das psychologische
Auswachsen der Mittel zu Zwecken; das Geld als
extremstes Beispiel.
Die Abhängigkeit
seines Zweckcharakters von den kulturellen Tendenzen der Epochen.
Psychologische Folgen der
teleologischen Stellung des Geldes: Geldgier, Geiz, Verschwendung, asketische
Armut, moderner Zynismus, Blasiertheit.
In dem Vorhergehenden ist
eine Tatsache des Wertgefühls vorausgesetzt worden, deren
Selbstverständlichkeit für uns leicht über ihre Bedeutsamkeit
hinwegtäuschen kann.
Das Geld ist uns wertvoll,
weil es das Mittel zur Erlangung von Werten ist; aber ebenso gut könnte
man doch sagen: obgleich es nur das Mittel dazu ist.
Denn logisch notwendig
erscheint es keineswegs, daß der Ton des Wertes, der auf den Endzwecken
unseres Handelns ruht, sich auch auf die Mittel übertrage, die an sich und
ohne Einstellung in die teleologische Reihe völlig wertfremd wären.
Daß diese
Wertübertragung, auf Grund rein äußerer Zusammenhänge,
stattfindet, ordnet sich in eine sehr allgemeine Form unserer geistigen
Bewegungen ein, die man die psychologische Expansion der Qualitäten
benennen könnte.
Wenn nämlich eine
sachliche Reihe von Gegenständen, Kräften, Geschehnissen ein Glied
enthält, das bestimmte subjektive Reaktionen in uns auslöst: Lust
oder Unlust, Liebe oder Haß, positive oder negative Wertgefühle - so
scheint uns dieser Wert nicht nur auf seinem unmittelbaren Träger zu
haften, sondern wir lassen auch die anderen, an sich nicht ebenso
ausgezeichneten Glieder der Reihe an ihm teilhaben: dies ist keineswegs nur bei
teleologischen Reihen der Fall, deren Endglied seine Bedeutung auf alle
Ursachen seiner Verwirklichung ausstrahlt, sondern auch bei anders laufenden
Verknüpfungen der Elemente: alle Mitglieder einer Familie partizipieren an
der Ehrung oder Degradierung eines einzelnen von ihnen; die unbedeutendsten
Produkte eines großen Dichters genießen, weil andere bedeutend
sind, eine ihnen an sich nicht zukommende Schätzung; Neigung oder Haß
des Einzelnen, aus politischer Parteistellung entsprungen, erstreckt sich auf
diejenigen Punkte der Parteiprogramme, denen an und für sich er
gleichgültig oder mit entgegengesetzten Gefühlen gegenüberstehen
würde; die Liebe zu einem Menschen, von dem sympathischen Gefühl
für eine seiner Wesensseiten ausgehend, umfaßt schließlich
seine Gesamtpersönlichkeit und damit vielerlei Eigenschaften und
Äußerungen mit der gleichen Leidenschaft, auf die diese ohne solchen
Zusammenhang keinen Anspruch erheben würden.
Kurz, wo nur immer Mehrheiten
von Menschen (> 230) und Dingen sich durch irgendwelche Verknüpfung als
Einheiten darbieten, fließt das Wertgefühl, das ein einzelnes
Element hervorruft, gleichsam durch die zusammenhaltende Wurzel des Systems
hindurch auch auf die anderen über, die an sich jenem Gefühle fremd
sind.
Gerade weil die
Wertgefühle nichts mit der Struktur der Dinge selbst zu tun, sondern ihr
unüberschreitbares Gebiet jenseits dieser haben, halten sie sich nicht
streng an ihre logischen Begrenzungen, sondern entfalten sich mit einer
gewissen Freiheit über die objektiv gerechtfertigten Beziehungen zu den
Dingen hinaus.
Wenn es an sich etwas
Irrationales hat, daß die relativen Höhepunkte des Seelenlebens ihre
benachbarten, an sich aber nicht in jene Qualitäten hinaufreichenden
Momente färben, so offenbart dies dennoch den ganzen beglückenden
Reichtum der Seele, ihr von innen her bestimmtes Bedürfnis, die einmal
empfundenen Bedeutsamkeiten und Werte auch nach dem vollen Maße ihrer
inneren Resonanz an den Dingen auszuleben, ohne ängstlich nach dem
Rechtsgrund zu fragen, nach dem jedes seinen Anteil beanspruchen könnte.
Die rationellste und
einleuchtendste von allen Formen solcher Expansion der Qualitäten ist
sicher die der Zweckreihe.
Sachlich allerdings
erscheint auch diese nicht unbedingt notwendig; denn die Bedeutung, die das an
sich gleichgültige Mittel dadurch erhält, daß es einen
wertvollen Zweck verwirklicht, brauchte keineswegs in einem darauf
übertragenen Werte zu bestehen, sondern könnte eine eigenartige
Kategorie sein, die auf die außerordentliche Häufigkeit und
Wichtigkeit dieser Konfiguration hin wohl hätte entstehen können.
Allein tatsächlich hat
nun einmal die psychologische Expansion die Wertqualität ergriffen und nur
den Unterschied bestehen lassen, nach dem man den Wert des Endzwecks als
absoluten, den der Mittel als relativen bezeichnen kann.
Absolut - in dem hier
fraglichen, praktischen Sinne - ist der Wert der Dinge, an denen ein
Willensprozeß definitiv haltmacht.
Dieses Haltmachen braucht
natürlich keine zeitlich ausgedehnte Fermate zu sein, sondern nur der
Abschluß einer Innervationsreihe, so daß, wenn diese sich in dem
Befriedigungsgefühl ausgelebt hat, das Weiterleben des Wollens sich in
neuen Innervationen kundgeben muß.
Relativ wertvoll dagegen
ist ein Objekt, wenn das Fühlen seiner als eines Wertes dadurch bedingt
ist, daß seine Verwirklichung die eines absoluten Wertes bedingt; es
zeigt seine Relativität darin, daß es seinen Wert in dem Augenblick
einbüßt, in dem ein anderes Mittel zu demselben Zweck als das
wirksamere oder erreichbarere erkannt wird.
Mit dem oben behandelten
Gegensatz des objektiven und des subjektiven Wertes fällt der des
absoluten und relativen so wenig zusammen, daß sowohl (> 231)
innerhalb der subjektiven wie der objektiven Wertsetzungen der letztere
Gegensatz sich entfalten kann.
Ich habe hier die Begriffe
des Wertes und des Zweckes ziemlich ungeschieden gebraucht; tatsächlich
sind beide in diesem Zusammenhange nur verschiedene Seiten einer und derselben
Erscheinung: die Sachvorstellung, die nach ihrer
theoretisch-gefühlsmäßigen Bedeutung ein Wert ist, ist nach
ihrer praktisch-wilIensmäßigen ein Zweck.
Die seelischen Energien
nun, die die eine und die andere Art der Werte und Zwecke setzen, sind sehr
verschiedener Natur.
Die Kreierung eines
Endzwecks ist unter allen Umständen nur durch eine spontane Willenstat
möglich, während einem Mittel sein relativer Wert ebenso unbedingt
nur vermittels theoretischer Erkenntnis zuerkannt werden kann.
Die Setzung des Zieles
erfolgt aus dem Charakter, der Stimmung, dem Interesse; den Weg aber schreibt
uns die Natur der Dinge vor; die Formel, die über so viele
Lebensverhältnisse mächtig ist: daß das Erste uns freisteht und
wir beim Zweiten Knechte sind, gilt deshalb nirgends ausgedehnter als auf dem
teleologischen Gebiet.
Allein diese
Entgegengesetztheit, in der sich das sehr mannigfaltige Verhältnis unserer
inneren Kräfte zum objektiven Sein offenbart, verhindert keineswegs,
daß einer und derselbe Inhalt aus der einen Kategorie in die andere
übertrete.
Gerade die
Spontaneität der Endzwecksetzung, zusammen mit der Tatsache, daß die
Mittel psychologisch an dem Werte ihres Zieles teilhaben, ermöglicht die
Erscheinung, daß das Mittel für unser Bewußtsein völlig
den Charakter eines definitiven, für sich befriedigenden Wertes annehmen
kann.
Obgleich dies nur durch die
Unabhängigkeit der letzten Willensinstanz in uns von aller
verstandesmäßigen logischen Begründung möglich ist, so
kann die Tatsache selbst, so sehr sie der Zweckmäßigkeit
zuwiderzulaufen scheint, derselben dennoch dienen.
Es ist nämlich
keineswegs ausgemacht, kann vielmehr nur bei ganz flüchtigem Hinsehen
gelten, daß wir unsere Zwecke am besten erreichen, wenn sie uns am
klarsten als solche bewußt sind.
So schwierig und
unvollkommen nämlich der Begriff des »unbewußten
Zweckes« auch sei - die damit ausgedrückte Tatsache: daß unser
Handeln in der genauesten Anpassung an gewisse Endziele verläuft und ohne
irgendwelche Wirksamkeit derselben völlig unverständlich ist,
während in unserem Bewußtsein von ihrer Wirksamkeit nichts zu finden
ist - diese Tatsache wiederholt sich so unendlich oft und so unsere ganze
Daseinsart bestimmend, daß wir eine besondere Bezeichnung für sie
gar nicht entbehren können.
Wir müßten sie
nur mit dem Ausdruck des unbewußten Zweckes nicht erklärt, sondern
nur benannt haben wollen.
Das Problem wird
durchsichtiger, wenn (> 232) wir uns das Selbstverständliche immer vor
Augen halten, daß unser Handeln nie durch einen Zweck als durch etwas,
was sein wird, verursacht ist, sondern immer nur durch ihn als eine
physisch-psychische Energie, die vor dem Handeln besteht.
Daraufhin läßt
sich nun der folgende Sachverhalt vermuten. Unsere gesamten Betätigungen
werden einerseits durch zentrale, aus unserem innerlichsten Ich entspringende
Kräfte, andrerseits durch die Zufälligkeiten von
Sinneseindrücken, Launen, äußeren Anregungen und Bedingtheiten
gelenkt, und zwar in sehr mannigfaltigen Mischungen beider.
Unser Handeln ist in
demselben Maß zweckmäßiger, in dem der erstere Faktor
überwiegt, in dem die aus dem geistigen Ich im engeren Sinne stammenden
Energien alles mannigfaltig Gegebene in ihre eigene Richtung lenken.
Wenn ein erhebliches
Quantum gespannter Energie in uns einheitlich gesammelt ist, derart, daß
ihre allmähliche Entladung eben jene unentwegte, alles
Äußerliche von dem Ausgangspunkt her beherrschende Richtung
einhält - eine Konstellation, - die sich formal identisch auch an
nebensächlichen und verwerflichen Interessen verwirklicht - so heißt
diese reale, physischpsychische Potentialität, wenn sie sich im
begrifflichen Bewußtsein spiegelt, eben Zweck.
Ist dieser nun als
Bewußtseinsvorgang der seelische Reflex der so bezeichneten
Energiespannung, so ist klar, wieso er, bei der tatsächlichen weiteren
Entwicklung derselben, als bewußter fortfallen kann: denn eben sein
reales Fundament ist ja in der Auflösung begriffen, es setzt sich
allmählich in wirkliche Aktionen um und lebt nur noch in seinen Wirkungen
fort.
Und obgleich, nach der
Struktur unseres Gedächtnisses, die einmal entstandene Zweckvorstellung,
jene reale Grundlage überlebend, im Bewußtsein weiterbestehen kann,
so ist dies doch für die Aktionen, die von ihr durchdrungen und gelenkt
erscheinen, nicht erforderlich.
Vielmehr, wenn diese
Konstruktion richtig ist, so bedarf es, damit wir in teleologischen Reihen
handeln, nur des Vorhanden-Gewesenseins jener Energieeinheit, also der
einmaligen Existenz des Zweckes überhaupt.
Was an ihm wirkliche Kraft
war, lebt sich in dem daraufhin eintretenden Handeln aus, dieses bleibt von
seinem Ausgangspunkt, dem Zwecke, gelenkt, gleichviel ob dieser als
fortbestehender Bewußtseinsinhalt die praktische Reihe noch länger
begleitet oder nicht.
Nun ist aber weiterhin
klar, daß, wenn das Bewußtsein des Zweckes lebendig bleibt, es
nichts rein ideelles, sondern auch seinerseits ein Prozeß ist, der
organische Kraft und Bewußtseinsintensität verbraucht.
Die allgemeine
Lebenszweckmäßigkeit wird also dahin streben, ihn auszuschalten, da
er ja zu der teleologischen Lenkung unseres Handelns prinzipiell (von allen
Komplikationen und Ab- (> 233)lenkungen abgesehen) nicht mehr nötig
ist.
Und dies scheint nun
endlich die Erfahrungstatsache durchsichtig zu machen: daß das Endglied
unserer praktischen Reihen, nur durch die Mittel realisierbar, um so sicherer
von diesen hervorgebracht wird, je vollständiger unsere Kräfte auf
die Hervorbringung der Mittel gerichtet und konzentriert sind.
Eben diese Herstellung der
Mittel ist die eigentlich praktische Aufgabe; je gründlicher sie
gelöst ist, desto mehr wird der Endzweck der Willensbemühung entraten
können und sich als der mechanische Erfolg des Mittels einstellen.
Dadurch, daß der
Endzweck immerzu im Bewußtsein ist, wird eine bestimmte Summe von Kraft
verbraucht, die der Arbeit an den Mitteln entzogen wird.
Das praktisch Zweckmäßigste
ist also die volle Konzentrierung unserer Energien auf die nächst zu
verwirklichende Stufe der Zweckreihe; d. h., man kann für den Endzweck
nichts Besseres tun, als das Mittel zu ihm so zu behandeln, als wäre es er
selbst.
Die Verteilung der psychologischen
Akzente, deren es mangels unbeschränkt verfügbarer Kräfte
bedarf, folgt also durchaus nicht der logischen Gliederung: während
für diese das Mittel etwas völlig Gleichgültiges ist und alle
Betonung auf dem Zweck liegt, verlangt die praktische Zweckmäßigkeit
die direkte psychologische Umkehrung dieses Verhältnisses.
Was die Menschheit dieser
scheinbar so irrationellen Tatsache verdankt, ist nicht auszusagen. Wir
würden wahrscheinlich über die primitivsten Zwecksetzungen nie
hinausgekommen sein, wenn unser Bewußtsein immer an diesen hängen
und so für den Bau mannigfaltigerer Mittel nur unvollkommen frei sein
würde; oder wir würden eine unerträgliche und lähmende
Zersplitterung erfahren, wenn wir bei der Arbeit an jedem untergeordneten
Mittel die ganze Reihe darüber gebauter weiterer Mittel mit dem
schließlichen Endzweck fortwährend im Bewußtsein haben
müßten; wir würden endlich für die Aufgabe des Augenblicks
oft überhaupt weder Kraft noch Lust haben, wenn wir uns ihre
Minimität gegenüber den letzten Zielen immer mit logischer
Gerechtigkeit vor Augen hielten und nicht alle Kräfte, die dem
Bewußtsein überhaupt entsprechen, gesammelt in den Dienst des
vorläufig Notwendigen stellten. Es liegt auf der Hand, daß diese
Metempsychose des Endzwecks um so häufiger und gründlicher
stattfinden muß, je komplizierter die Technik des Lebens wird.
Mit steigendem Wettbewerbe
und steigender Arbeitsleistung werden die Zwecke des Lebens immer schwerer zu
erreichen, d. h. es bedarf für sie eines immer höheren Unterbaues von
Mitteln. Ein ungeheurer Prozentsatz der Kulturmenschen bleibt ihr Leben lang in
dem Interesse an der Technik, in jedem Sinne des Wortes, befangen; die
Bedingungen, die die Verwirklichung ihrer Endabsichten (> 234) tragen,
beanspruchen ihre Aufmerksamkeit, konzentrieren ihre Kräfte derart auf
sich, daß jene wirklichen Ziele dem Bewußtsein völlig
entschwinden, ja, oft genug schließlich in Abrede gestellt werden.
Das wird durch den Umstand
begünstigt, daß in kulturell ausgebildeten Verhältnissen das
Individuum schon in ein sehr vielgliedriges teleologisches System hineingeboren
wird (z. B. in Hinsicht äußerer Sitten, nach deren Ursprung als
Bedingungen sozialer Zwecke niemand mehr fragt, die vielmehr als kategorische
Imperative gelten), daß er in die Mitarbeit an längst feststehenden
Zwecken hineinwächst, daß sogar seine individuellen Ziele ihm
vielfach als selbstverständliche aus der umgebenden Atmosphäre
entgegenkommen und mehr in seinem tatsächlichen Sein und Sich-Entwickeln
als in deutlichem Bewußtsein zur Geltung gelangen.
Alle diese Umstände
helfen dazu, die Endziele nicht nur des Lebens überhaupt, sondern auch
innerhalb des Lebens nur unvollständig über die Schwelle des
Bewußtseins steigen zu lassen und die ganze Zuspitzung desselben auf die
praktische Aufgabe, die Realisierung der Mittel, zu richten.
Es bedarf wohl keines
besonderen Nachweises, daß diese Vordatierung des Endzwecks an keiner
Mittelinstanz des Lebens in solchem Umfange und so radikal stattfindet als am
Geld. Niemals ist ein Objekt, das seinen Wert ausschließlich seiner
Mittlerqualität, seiner Umsetzbarkeit in definitivere Werte verdankt, so
gründlich und rückhaltslos zu einer psychologischen Absolutheit des
Wertes, einem das praktische Bewußtsein ganz ausfüllenden Endzweck
aufgewachsen.
Auch wird diese
abschließende Begehrtheit des Geldes gerade in dem Maße steigen
müssen, in dem es immer reineren Mittelscharakter annimmt.
Denn dieser bedeutet,
daß der Kreis der für Geld beschaffbaren Gegenstände sich immer
weiter ausdehnt, daß die Dinge sich immer widerstandsloser der Macht des
Geldes ergeben, daß es selbst immer qualitätsloser, aber eben
deshalb jeder Qualität der Dinge gegenüber gleich mächtig wird.
Seine wachsende Bedeutung
hängt daran, daß alles, was nicht bloß Mittel ist, aus ihm
herausgeläutert wird, weil erst so die Reibungen mit den spezifischen
Charakteren der Objekte hinwegfallen.
Indem sein Wert als Mittel
steigt, steigt sein Wert als Mittel, und zwar so hoch, daß es als Wert
schlechthin gilt und das Zweckbewußtsein an ihm definitiv haltmacht.
Die innere Polarität
im Wesen des Geldes: das absolute Mittel zu sein und eben dadurch psychologisch
für die meisten Menschen zum absoluten Zweck zu werden, macht es in
eigentümlicher Weise zu einem Sinnbild, in dem die großen Regulative
des praktischen Lebens gleichsam erstarrt sind.
Wir sollen das Leben (>
235) so behandeln, als ob jeder seiner Augenblicke ein Endzweck wäre,
jeder soll so wichtig genommen werden, als ob das Leben eigentlich um
seinetwillen bis zu ihm gereicht hätte; und zugleich: wir sollen das Leben
so führen, als ob überhaupt keiner seiner Augenblicke ein definitiver
wäre, an keinem soll unser Wertgefühl stillhalten, sondern jeder hat
als ein Durchgang und Mittel zu höheren und immer höheren Stufen zu
gelten.
Diese scheinbar
widerspruchsvolle Doppelforderung an jeden Lebensmoment, ein schlechthin
definitiver und ein schlechthin nicht definitiver zu sein, quillt aus den
letzten Innerlichkeiten, in denen die Seele ihr Verhältnis zum Leben
gestaltet - und findet, wunderlich genug, eine gleichsam ironische
Erfüllung am Gelde, dem äußerlichsten, weil jenseits aller
Qualitäten und Intensitäten stehenden Gebilde des Geistes.
Der Umfang, in dem sich das
Geld für das Wertbewußtsein verabsolutiert, hängt von der
großen Wendung des wirtschaftlichen Interesses von der Urproduktion zum
industriellen Betrieb ab.
Die neuere Zeit und etwa
das klassische Griechentum nehmen dem Gelde gegenüber hauptsächlich
daraufhin so verschiedene Stellungen ein, weil es damals nur der Konsumtion,
jetzt aber wesentlich auch der Produktion dient.
Dieser Unterschied ist von
der äußersten Wichtigkeit für die teleologische Rolle des
Geldes, das sich auch hier als der treue Index der Wirtschaft überhaupt
zeigt: denn auch das allgemeine ökonomische Interesse war damals viel mehr
der Konsumtion als der Produktion zugewandt; die letztere war eben
hauptsächlich agrarischer Art, und deren einfache und traditionell
feststehende Technik fordert keine so erhebliche Aufwendung wirtschaftlichen
Bewußtseins wie die fortwährend variierende Industrie, und
läßt dieses deshalb sich mehr auf die andere Seite der Wirtschaft,
die Konsumtion, richten.
Die Entwicklung der Arbeit
überhaupt zeigt dies Schema; bei den Naturvölkern ist sie fast nur
eine solche, die um des unmittelbar folgenden Verbrauches willen geschieht,
nicht um des Besitzes willen, der die Staffel zu weiterem Erwerbe abgäbe,
weshalb denn auch die als sozialistisch zu bezeichnenden Bestrebungen und
Ideale des Altertums wohl auf eine Organisierung der Konsumtion, aber nicht der
produktiven Arbeit gehen; so daß sich hierin Platos Idealstaat ohne
weiteres mit der athenischen Demokratie begegnet, zu deren Bekämpfung er
gerade bestimmt war.
Eine Stelle bei Aristoteles
beleuchtet dies besonders scharf. Sobald für die politischen Funktionen
ein Sold eingeführt wird, so bewirke dies in der Demokratie ein
Übergewicht der Armen über die Reichen.
Denn jene seien durch
Privatgeschäfte weniger in Anspruch genommen als diese und haben deshalb
mehr Zeit, ihre öffentlichen Rechte (> 236) auszuüben, was sie
denn auch um des Soldes willen tun.
Es ist hier also
schlechthin selbstverständlich, daß die Armen die
Beschäftigungsloseren sind.
Ist dies aber, im Gegensatz
zu späteren Zeiten, nichts Zufälliges, sondern ein prinzipiell in
jener Wirtschaftsform Begründetes, so folgt, daß das Interesse der
Massen eben nur darauf gehen konnte, unmittelbar zu leben zu haben: eine
soziale Struktur, die die Arbeitslosigkeit der Armen voraussetzt, muß im
wesentlichen ein konsumtives statt eines produktiven Interesses haben.
Die sittlichen
Vorschriften, die sich bei den Griechen über das ökonomische Gebiet
finden, betreffen fast niemals den Erwerb - freilich schon deshalb, weil an die
numerisch weit überragenden Urproduzenten, die Sklaven, sich
überhaupt kein soziales oder ethisches Interesse knüpfte.
Nur die Verwendung, nicht
die Beschaffung gebe, wie Aristoteles meint, Gelegenheit zur Entfaltung
positiver Sittlichkeit.
Das harmoniert völlig
mit seiner und Platos Meinung über das Geld, in dem beide nur ein notwendiges
Übel erblicken.
Denn wo die Wertbetonung
ausschließlich auf der Konsumtion liegt, enthüllt das Geld seinen
indifferenten und leeren Charakter besonders deutlich, weil es mit dem Endzweck
der Wirtschaft unmittelbar konfrontiert wird; als Produktionsmittel rückt
es von jenem weiter ab, es wird rings von anderen Mitteln umgeben, gegen die
gehalten es eine ganz andere relative Bedeutung besitzt. Dieser Unterschied in
dem Sinne des Geldes geht auf die letzten Entscheidungen in dem Geiste der
Epochen zurück.
Das Bewußtseins -
Übergewicht des konsumtiven Interesses über das produktive ging, wie
eben erwähnt, von dem Vorwiegen agrarischer Produktion aus; der
Grundbesitz, die relativ unverlierbare und durch das Gesetz geschützteste
Substanz, war der einzige, der dem Griechen das Beharren und die Einheit seines
Lebensgefühls gewährleisten konnte.
Darin war der Grieche doch
noch Orientale, daß er sich die Kontinuität des Lebens nicht anders
vorstellen konnte, denn als die Ausfüllung der Zeitreihe mit festen und beharrenden
Inhalten: das war das Haften am Substanzbegriff, das die ganze griechische
Philosophie charakterisiert.
Keineswegs freilich ist
damit die Wirklichkeit des griechischen Lebens bezeichnet, sondern gerade sein
Versagtes, seine Sehnsucht und Erlösung: das ist die ungeheure Spannweite
des griechischen Geistes, daß er seine Ideale nicht nur in der
Fortsetzung und Komplettierung der Gegebenheit suchte, wie es bei weniger
großen und schwungvollen Volksnaturellen geschieht; sondern daß
ihre leidenschaftliche, gefährdete, durch fortwährende Parteiungen
und Kämpfe zerrissene Realität ihre Vollendung in ihrem Anderen
suchte, in der festen Begrenztheit und den ruhigen Formen ihres Denkens und
Bildens.
Völlig entgegen-gesetzt ist die moderne Anschauung, die die
Einheit und den Zusammenhang des Lebens in dem Kräftespiel und der
gesetzlichen Aufeinanderfolge der inhaltlich abwechslungsvollsten Momente
erblickt.
Die ganze Mannigfaltigkeit
und Bewegtheit unseres Lebens hebt uns nicht das Gefühl seiner Einheit auf
- wenigstens prinzipiell nicht, sondern nur in Fällen, die wir selbst als
Abirrungen oder Unzulänglichkeiten empfinden - ja gerade von jener wird es
getragen, zu stärkstem Bewußtsein gebracht.
Aber diese dynamische
Einheit war den Griechen fremd; derselbe Grundzug, der ihre ästhetischen
Ideale in den Formen der Architektur und der Plastik gipfeln ließ, der
ihre Weltanschauung zu der Begrenztheit und Abrundung des Kosmos und zur
Perhorreszierung der Unendlichkeit führte - eben dieser ließ sie die
Kontinuität des Daseins nur als eine substanzielle anerkennen, die sich an
den Grundbesitz anlehnt und an ihm verwirklicht, wie jene moderne am Geld mit
seiner fließenden, sich stets aus sich heraussetzenden, die Gleichheit
des Wesens an der höchsten und abwechselndsten Mannigfaltigkeit der
Äquivalente darstellenden Natur.
Dazu kam, um das
eigentliche, auf das Geld basierte Handelsgeschäft bei den Griechen zu
diskreditieren, daß dasselbe immer etwas Langsichtiges hat und mit der
Berechenbarkeit der Zukunft operiert; ihnen aber erschien die Zukunft
prinzipiell als etwas Unberechenbares, die Hoffnung auf sie als etwas
äußerst Trügerisches, ja Vermessenes, durch das man den Zorn
der Götter herausfordern konnte.
All diese inneren und
äußeren Momente der Lebensgestaltung sind so wechselwirkende,
daß man kaum eines als das zeitlich fundamentale, unbedingt veranlassende
bezeichnen kann.
Der Charakter einer
agrarischen Wirtschaft, mit ihrer Zuverlässigkeit, mit ihrer geringen und
wenig variabeln Zahl der Mittelglieder, mit ihrem Betonen der Konsumtion
gegenüber der Produktion einerseits, die auf die Substanzialität der
Dinge gerichtete Sinnesart, die Scheu vor allem Unberechenbaren, bloß
Labilen und Dynamischen andrerseits sind doch wohl nur verschiedenartige, durch
das Medium differenzierter Interessen gebrochene Strahlen einer einheitlichen
historischen Grundbeschaffenheit, die wir freilich mit unserem auf das Zerlegen
angelegten Verstande nicht unmittelbar greifen und benennen können -oder
sie gehören jenen Bildungen an, zwischen denen die Frage nach der
Priorität überhaupt falsch gestellt ist, weil ihr Wesen von
vornherein in der Wechselwirkung besteht, eines sich auf das andere und das
andere auf das eine und so ins Unendliche aufbaut, in einem Zirkel, der
für die Einzelheiten des Erkennens fehlerhaft, für seine
grundlegenden Momente aber wesentlich und unvermeidlich ist.
Wie sich das nun aber auch
deuten lasse, die (> 238) Tatsache war, daß bei den Griechen Mittel
und Zwecke der Wirtschaft nicht so weit auseinandertraten wie später,
daß die ersteren deshalb nicht dasselbe psychologische Eigenleben
gewannen wie später, und daß das Geld nicht so
selbstverständlich und ohne innere Widerstände zu finden, zu einem
selbständigen Werte aufwuchs.
Die Bedeutung des Geldes,
das größte und vollendetste Beispiel für die psychologische
Steigerung der Mittel zu Zwecken zu sein - tritt erst in ihr volles Licht, wenn
das Verhältnis zwischen Mittel und Endzweck noch näher beleuchtet
wird.
Ich habe vorhin schon eine
Reihe von Veranlassungen erwähnt, die die wirklichen Ziele unseres
Handelns vor uns selbst verbergen, so daß unser Wollen in Wirklichkeit
auf ganz andere hingeht, als es uns selbst scheint.
Wenn es aber so durchaus
legitim ist, über die Zwecke innerhalb unseres Bewußtseins hinaus
nach weiteren zu fragen - wo liegt die Grenze für dieses Hinausfragen.
Wenn überhaupt einmal
die teleologische Reihe nicht mit ihrem letzten momentan bewußten Gliede
abschließt, ist dann nicht der Weg für ihren Weiterbau ins
Unendliche eröffnet, ist es nicht geradezu erforderlich, uns mit keinem
gegebenen Endzweck, auf den unser Handeln führe, zu begnügen, sondern
für jeden eine noch weitere Begründung in einem noch darüber
gelegenen zu suchen.
Es tritt hinzu, daß
kein erreichter Gewinn oder Zustand jene endgültige Befriedigung
gewährt, die mit dem Begriff eines Endzweckes Iogisch verbunden ist,
daß vielmehr jeder erreichte Punkt eigentlich nur als Durchgangsstadium
zu einem darüber hinaus liegenden Definitivum empfunden wird - im Gebiete
des Sinnlichen, weil dieses in ununterbrochenem Fluß ist, der an jedes
Genießen ein neues Bedürfen kontinuierlich ansetzt, im Gebiet des
Idealen, weil die Forderungen desselben durch keine empirische Wirklichkeit
gedeckt werden.
Nimmt man dies alles
zusammen, so scheint das, was wir den Endzweck nennen, über den
teleologischen Reihen zu schweben, zu diesen sich verhaltend wie der Horizont
zu den irdischen Wegen, die immer auf ihn zugehen, aber ihn nach der
längsten Wanderung nicht näher als an ihrem Beginn vor sich haben.
Denn nicht das steht in Frage, daß der Endzweck etwa nur unerreichbar,
sondern daß er eine überhaupt nicht mit einem Inhalt zu
erfüllende Vorstellungsform ist.
Die teleologischen Reihen,
soweit sie sich überhaupt auf irdisch Realisierbares richten, kommen nicht
nur ihrer Verwirklichung, sondern schon ihrer inneren Struktur nach nicht zum
Stehen, und statt des festen Punktes, den eine jede derselben in ihrem Endzweck
zu besitzen schien, bietet sich dieser gerade nur als das heuristische,
regulative Prinzip dar: daß man kein einzelnes Willensziel für das
letzte ansehe, sondern (> 239) jedem die Möglichkeit offen halte, die
Stufe zu einem höheren zu werden.
Der Endzweck ist sozusagen
nur eine Funktion oder eine Forderung; als Begriff angesehen ist er nichts als
die Verdichtung der Tatsache, die er zunächst gerade aufzuheben schien:
daß der Weg des menschlichen Wollens und Wertens ins Unendliche
führt und kein auf ihm erreichter Punkt sich dagegen wehren kann, so sehr
er gleichsam von vorn gesehen als Definitivum erschien, von rückwärts
gesehen, als bloßes Mittel zu gelten.
Damit rückt jenes
Aufsteigen der Mittel zu der Würde des Endzwecks in eine viel weniger
irrationelle Kategorie.
Für den einzelnen Fall
zwar ist die Irrationalität nicht wegzuräumen, aber die Gesamtheit
der teleologischen Reihen trägt ein anderes Wesen als die
beschränkten Abschnitte: daß die Mittel zu Zwecken werden,
rechtfertigt sich dadurch, daß im letzten Grunde auch die Zwecke nur
Mittel sind.
In den endlosen Reihen
möglicher Wollungen, sich entwickelnder Handlungen und Befriedigungen
ergreifen wir fast willkürlich ein Moment, um es zum Endzweck zu
designieren, zu dem alles Vorhergehende nur Mittel sei, während ein
objektiver Beobachter oder wir selbst später die eigentlich wirksamen und
gültigen Zwecke weit darüber hinaus verlegen müssen, ohne
daß auch diese gegen das gleiche Schicksal gesichert wären.
An diesem Punkt der
äußersten Spannung zwischen der Relativität unserer
Bestrebungen und der Absolutheit der Endzweckidee tritt das Geld wieder
bedeutsam und eine vorherige Andeutung weiter entwickelnd hervor.
Indem es einerseits
Ausdruck und Äquivalent des Wertes der Dinge ist, andrerseits aber doch
reines Mittel und indifferentes Durchgangsstadium, symbolisiert es treffend das
eben Ausgemachte: daß auch die erstrebten und empfundenen Werte sich
schließlich als Mittel und Vorläufigkeiten enthüllen.
Und indem das
sublimierteste Mittel des Lebens für unendlich viele Menschen der
sublimierteste Zweck des Lebens wird, bildet es den unzweideutigsten Beleg
dafür, daß es nur auf den Standpunkt ankommt, ob man ein
teleologisches Moment als Mittel oder als Zweck gelten lassen will - einen
Beleg, dessen extreme Entschiedenheit die These mit der Restlosigkeit eines
Schulbeispiels deckt.
Wenngleich es nun keine
Zeit gegeben hat, in der die Individuen nicht gierig nach Geld gewesen
wären, so kann man doch wohl sagen, daß die maximale Zuspitzung und
Ausbreitung dieses Verlangens in die Zeiten fällt, in denen ebenso die
anspruchslosere Befriedigung an den einzelnen Lebensinteressen wie die Erhebung
zu dem Religiös-Absoluten, als dem Endzweck des Daseins, ihre Kraft
verloren hat; denn weit über die innere Verfassung des Einzelnen hinaus
ist in der Gegenwart - wie in der Verfallszeit Griechenlands und Roms ? (>
240) der Gesamtaspekt des Lebens, die Beziehungen der Menschen untereinander,
die objektive Kultur durch das Geldinteresse gefärbt.
Es kann als eine Ironie der
historischen Entwicklung erscheinen, daß in dem Augenblick, wo die
inhaltlich befriedigenden und abschließenden Lebenszwecke atrophisch
werden, gerade derjenige Wert, der ausschließlich ein Mittel und weiter
nichts ist, in ihre Stelle hineinwächst und sich mit ihrer Form bekleidet.
Allein in Wirklichkeit hat
das Geld, als das absolute Mittel und dadurch als der Einheitspunkt
unzähliger Zweckreihen, in seiner psychologischen Form bedeutsame
Beziehungen gerade zu der Gottesvorstellung, die freilich die Psychologie nur
aufdecken kann, weil es ihr Privilegium ist, keine Blasphemien begehen zu können.
Der Gottesgedanke hat sein
tieferes Wesen darin, daß alle Mannigfaltigkeiten und Gegensätze der
Welt in ihm zur Einheit gelangen, daß er nach dem schönen Worte des
Nikolaus von Kusa die Coincidentia oppositorum ist.
Aus dieser Idee, daß
alle Fremdheiten und Unversöhntheiten des Seins in ihm ihre Einheit und
Ausgleichung finden, stammt der Friede, die Sicherheit, der allumfassende
Reichtum des Gefühls, das mit der Vorstellung Gottes und daß wir ihn
haben, mitschwebt.
Unzweifelhaft haben die
Empfindungen, die das Geld erregt, auf ihrem Gebiete eine psychologische
Ähnlichkeit mit diesen. Indem das Geld immer mehr zum absolut zureichenden
Ausdruck und Äquivalent aller Werte wird, erhebt es sich in abstrakter
Höhe über die ganze weite Mannigfaltigkeit der Objekte, es wird zu
dem Zentrum, in dem die entgegengesetztesten, fremdesten, fernsten Dinge ihr
Gemeinsames finden und sich berühren; damit gewährt tatsächlich
auch das Geld jene Erhebung über das Einzelne, jenes Zutrauen in seine
Allmacht wie in die eines höchsten Prinzips, uns dieses Einzelne und
Niedrigere in jedem Augenblick gewähren, sich gleichsam wieder in dieses
umsetzen zu können.
Hat man doch die besondere
Eignung und das Interesse der Juden für das Geldwesen in Beziehung zu
ihrer »monotheistischen Schulung« gesetzt; ein Volksnaturell, seit
Jahrtausenden daran gewöhnt, zu einem einheitlichen höchsten Wesen
aufzublicken, an ihm - insbesondere, da es nur eine sehr relative Transzendenz
besaß - den Ziel- und Schnittpunkt aller einzelnen Interessen zu haben, müsse
auch auf dem wirtschaftlichen Gebiete sich vorzugsweise dem Wert hingeben, der
sich als die zusammenfassende Einheit und der Punkt gemeinsamer Zuspitzung
aller Zweckreihen darbietet.
Auch widerspricht die wilde
Jagd nach dem Gelde, die Leidenschaftlichkeit, die es im Unterschied gegen
andere zentrale Werte, z. B. den Grundbesitz, dem wirtschaftlichen, ja dem
Leben überhaupt mitteilt, durchaus nicht der abschließenden
Beruhigung, in der die Wirkung (> 241) des Geldes sich der religiösen
Stimmung nähert.
Denn nicht nur, daß
die ganze Aufregung und Anspannung im Kampfe um das Geld die Bedingung für
die selige Ruhe im Besitz des Erkämpften bildet; sondern jene Meeresstille
der Seele, die die religiösen Güter gewähren, jenes Gefühl,
im Einheitspunkte des Daseins zu stehen, erreicht doch seinen höchsten
Bewußtseinswert erst als Preis des Suchens und Ringens nach Gott.
Und wenn Augustin vom
Geschäftsleben sagt: Merito dictum negotium, quia negat otium, quod malum
est neque quaerit veram quietem quae est Deus - so gilt dies mit Recht von der
Geschäftigkeit, die, Erwerbsmittel an Erwerbsmittel knüpfend, zu dem
Endziel des Geldgewinnes aufsteigt; es gilt aber nicht von diesem Endziel
selbst, das eben nicht mehr negotium, sondern die Mündung desselben ist.
Die Feindseligkeit, mit der
die religiöse und kirchliche Gesinnung oft dem Geldwesen
gegenübersteht, mag auch auf den Instinkt für diese psychologische
Formähnlichkeit zwischen der höchsten wirtschaftlichen und der
höchsten kosmischen Einheit zurückgehen und auf die erfahrene
Gefährlichkeit der Konkurrenz, die gerade das Geldinteresse dem
religiösen Interesse bereitet - eine Gefährlichkeit, die sich nicht
nur, wo die Substanz des Lebens eine ökonomische, sondern auch wo sie eine
religiöse ist, gezeigt hat.
In der kanonistischen
Verwerfung des Zinses spricht sich die Perhorreszierung des Geldes
überhaupt aus, denn der Zins macht das Geldgeschäft in seiner
abstrakten Reinheit aus.
Das Zinsprinzip als solches
enthält für sich noch nicht das volle Maß der
Sündhaftigkeit - hat man diese doch im Mittelalter vielfach zu vermeiden
geglaubt, wenn man den Zins in Waren statt in Geld abstatten ließ -,
sondern daß es der Zins des Geldes und in Geld war, so daß man mit
der Abschaffung jenes das Geldwesen überhaupt an seiner Wurzel zu treffen
meinte.
Das Geld tut sich eben gar
zu leicht als Endzweck auf, es schließt bei gar zu vielen die
teleologischen Reihen endgültig ab und leistet ihnen ein Maß von
einheitlichem Zusammenschluß der Interessen, von abstrakter Höhe,
von Souveränität über den Einzelheiten des Lebens, das ihnen das
Bedürfnis abschwächt, die Steigerung eben dieser Genugtuungen in der
religiösen Instanz zu suchen.
Aus all diesen
Zusammenhängen heraus sind also doch mehr als die auf der Hand liegenden
Vergleichungspunkte wirksam, wenn Hans Sachs schon einen Vertreter der
allgemeinen Meinung den Schluß ziehen läßt: Gelt ist auff
erden der irdisch got.
Der ganze Umfang derselben
geht auf das Grundmotiv für die Stellung des Geldes zurück: daß
es das absolute Mittel ist, das eben dadurch zu der psychologischen Bedeutung
eines absoluten Zweckes aufsteigt.
Man hat, mit einer freilich
nicht völlig (> 242) konsequenten Formulierung, gesagt, das einzig
Absolute sei die Relativität der Dinge; und dafür allerdings ist das
Geld das stärkste und unmittelbarste Symbol.
Denn es ist die
Relativität der Wirtschaftswerte in Substanz, es ist die Bedeutung jedes
einzelnen, die es als Mittel für den Erwerb eines anderen hat - aber
wirklich diese bloße Bedeutung als Mittel, losgelöst von ihrem singulären
konkreten Träger. Aber eben deshalb kann es psychologisch zu einem
absoluten Werte werden, weil es nicht die Auflösung in Relatives zu
fürchten hat, derentwegen so viele, von vornherein substanzielle Werte den
Anspruch auf Absolutheit nicht aufrechterhalten konnten.
In dem Maße, in dem
das Absolute des Daseins (von dem ideellen Sinn der Dinge rede ich hier nicht)
sich in Bewegung, Beziehung, Entwicklung auflöst, treten auch für
unsere Wertbedürfnisse diese an die Stelle jenes.
Das Gebiet der Wirtschaft
hat in dem psychologisch absoluten Wertcharakter des Geldes diesen
geschichtlichen Typus restlos exemplifiziert - wobei, wie populären
Mißverständnissen gegenüber bemerkt werden mag, mit der
formalen Gleichheit dieser Entwicklung auf allen Gebieten durchaus nicht die
Gleichheit, ihrer Erfreulichkeit behauptet werden soll.
Wenn der Endzweckcharakter
des Geldes für ein Individuum diejenige Intensität übersteigt,
in der er der angemessene Ausdruck für die Wirtschaftskultur seines
Kreises ist, so entstehen die Erscheinungen der Geldgier und des Geizes.
Ich betone
ausdrücklich die Abhängigkeit dieser Begriffe von den jeweiligen
Wirtschaftsverhältnissen, weil eben dasselbe absolute Maß von
Leidenschaft im Erwerben und im Festhalten des Geldes bei einer gewissen
Bedeutung des Geldes durchaus normal und adäquat sein, bei einer andern
aber jenen hypertrophischen Kategorien angehören mag.
Im allgemeinen wird die
Grenze für den Beginn der eigentlichen Geldgier bei sehr entwickelter und
lebhafter Geldwirtschaft sehr hoch liegen, auf primitiveren Stufen aber
verhältnismäßig tief, während es sich mit dem Geiz
umgekehrt verhält: wer in engen und wenig geldwirtschaftlich bewegten
Verhältnissen als sparsam und rationell in Geldausgaben gilt, wird in den
großen Verhältnissen des schnellen Umsatzes, des leichten Verdienens
und Ausgebens bereits als geizig erscheinen.
Schon daran zeigt sich, was
später noch deutlicher werden wird, daß Geldgier und Geiz keineswegs
zusammenfallende Erscheinungen sind, wenn sie auch die gleiche Grundlage, die
Wertung des Geldes als absoluten Zweckes, teilen.
Beide stellen, wie alle vom
Geld ressortierenden Erscheinungen, nur besondere Ausbildungsstufen von
Tendenzen dar, deren niedere oder höhere Staffeln auch an anderweitigen
Inhalten sichtbar werden.
Beide zeigen sich konkreten
Objekten (> 243) gegenüber und ohne Beziehung auf deren Geldwert an der
psychologisch sehr merkwürdigen Sammelsucht jener Persönlichkeiten,
die das Volk den Hamstern vergleicht: Menschen, die kostbare Sammlungen
jeglicher Art aufspeichern, ohne von den Gegenständen selbst einen
Genuß zu ziehen, ja oft sogar, ohne sich überhaupt noch weiter um
sie zu kümmern.
Nicht der subjektive Reflex
des Habens, um dessentwillen sonst erworben und besessen wird, trägt hier
den Wert, sondern die ganz objektive, von keinen persönlichen Konsequenzen
begleitete Tatsache, daß diese Dinge eben in ihrem Besitze sind, ist
für solche Persönlichkeiten wertvoll.
Diese Erscheinung, die in
eingeschränkter und weniger extremer Form sehr häufig ist, pflegt
einfach als Egoismus behandelt zu werden, mit dessen gewöhnlichen Formen
sie allerdings die negative Seite teilt, den Ausschluß aller anderen von
dem eigenen Besitz; dennoch unterscheidet sie sich von diesen durch eine
Nüance, die auf folgendem Umweg darzustellen ist.
Es muß immer wieder
hervorgehoben werden, daß der Gegensatz von Egoismus und Altruismus die
Motivierungen unseres Handelns keineswegs vollständig umfaßt.
Wir haben tatsächlich
auch ein objektives Interesse daran, daß gewisse Ereignisse oder Dinge
wirklich oder nicht wirklich werden, und zwar völlig ohne Rücksicht
auf irgendwelche, ein Subjekt treffenden Folgen derselben.
Es ist uns wichtig,
daß in der Welt eine Harmonie, eine Ordnung nach Ideen, eine
Bedeutsamkeit - die keineswegs in die üblichen Schemata des Ethischen oder
Aesthetischen hineinzupassen braucht -- herrsche, und wir fühlen uns zur
Mitwirkung dazu aufgefordert, ohne doch immer danach zu fragen, ob dies
irgendeiner Persönlichkeit, dem Ich oder einem Du, zur Freude oder
Förderung gereicht.
Auf dem religiösen
Gebiet kommen die drei Motivierungen in einer Weise zusammen, die die Stellung
der hier fraglichen besonders durchsichtig macht.
Die Erfüllung
religiöser Gebote kann aus rein egoistischen Gründen geschehen, sei
es in ganz grober Weise aus Furcht oder Hoffnung, sei es, etwas feiner, um des
guten Gewissens oder des inneren Befriedigungsgefühles willen, das diese
Erfüllung mit sich bringt.
Sie kann ferner
altruistischen Wesens sein: die Liebe zu Gott, die Hingabe des Herzens an ihn
läßt uns seinen Geboten gehorchen, wie wir die Wünsche eines
geliebten Menschen erfüllen, weil seine Freude und Genugtuung unser
höchster Lebenswert ist.
Endlich aber kann uns dazu
ein Gefühl für den objektiven Wert einer Weltordnung bewegen, in der
der Wille des höchsten Prinzips sich widerstandslos in dem Willen aller
einzelnen Elemente fortsetzt, das sachliche Verhältnis zwischen Gott und
uns kann diesen Gehorsam als seinen adäquaten Ausdruck oder seine
innerlich notwendige Folge von uns (> 244) fordern, ohne daß irgendein
Erfolg für uns selbst, oder eine Freude und Zufriedenheit Gottes in diese
Motivation einträte.
So macht in vielerlei
Fällen das Zweckbewußtsein an einer objektiven Wirklichkeit halt und
entlehnt deren Wert nicht erst aus ihren subjektiven Reflexen.
Ich lasse jede
psychologische oder erkenntnistheoretische Deutung dieser, jenseits des
Persönlichen stehenden Motivierung hier dahingestellt; jedenfalls ist sie
eine psychologische Tatsache, die nun mit den Zweckreihen persönlicher
Färbung die mannigfaltigsten Kombinationen eingeht.
Der Sammler, der seine
Kostbarkeiten anderen verschließt und sie selbst gar nicht genießt,
aber ihren Besitz dennoch auf das eifersüchtigste hütet und wertet,
färbt all seinen Egoismus durch einen Beisatz jener übersubjektiven
Wertungsweise.
Im ganzen ist es doch der
Sinn des Besitzes, genossen zu werden, und wir stellen ihm nicht nur die
Objekte gegenüber, an denen man, wie an den Sternen, Freude hat, ohne sie
zu begehren, sondern auch diejenigen, deren Wert man von aller subjektiven
Freude prinzipiell unabhängig macht, wie die Schönheit, Ordnung und
Bedeutsamkeit des Kosmos als etwas des Genossenwerdens Unbedürftiges und
dennoch in seinem Werte Beharrendes erscheint.
In dem Fall jener
Besitzsüchtigen liegt nun eine mittlere oder Mischerscheinung vor: es
bedarf hier schon des Besitzes, aber dieser schreitet nicht zu seinem
regulären subjektiven Erfolge vor, sondern wird auch ohne diesen als etwas
Wertvolles, als ein des Erstrebens würdiges Ziel empfunden.
Nicht die Qualität der
Sache ist hier der eigentliche Träger des Wertes; sondern, so
unentbehrlich sie ist und so sehr sie das Maß des Wertes bestimmt - das
eigentlich Motivierende ist die Tatsache ihres Besessenwerdens, die Form des
Verhältnisses, in dem das Subjekt zu ihr steht.
Daß diese Form - die
freilich nur an einem Inhalt wirklich werden kann -, daß dieser Besitz
des Subjekts als rein objektive Tatsache da ist, das ist das Wertvolle, an dem
die teleologische Reihe haltmacht.
In sehr eigentümlicher
Weise zeigt sich die Verabsolutierung eines ökonomischen Wertes, das
Abbrechen der teleologischen Reihe, bevor sie zum Subjekt zurückgekehrt
ist, an einer gewissen Bedeutung des Grundbesitzes, die sich mit seiner
eigentlich ökonomischen Bedeutung in mannigfaltiger Weise - oft freilich
nur wie ein Oberton mitschwebend - mischt.
So sicher nämlich der
Grundbesitz kein Wert geworden wäre, wenn er nicht dem Eigentümer
subjektive Nutzerfolge einbrächte, so erschöpft sich doch sein Wert
nicht völlig in diesen angebbaren Wertfaktoren: in dem Ertrage, in der
größeren Sicherheit des Immobiliarbesitzes, in der sozialen Macht,
die er verleiht usw.
Sondern darüber hinaus
verbindet sich mit ihm vielfach (> 245) ein gewissermaßen idealer Wert
und die Empfindung, es sei an sich wertvoll daß der Mensch dieses
Herrschaftsverhältnis zum Boden habe, daß er zu der Grundlage
menschlicher Existenz überhaupt eine so enge und sie gleichsam in das Ich
hineinziehende Beziehung besitze.
Der Grundbesitz hat und
verleiht so eine gewisse Dignität, die ihn vor allen andern Besitzarten
selbst dann auszeichnet, wenn der Nutzerfolg dieser für den Besitzer ein
gleicher oder auch größerer ist, so daß er oft genug unter
Opfern festgehalten worden ist, wie man sie in ähnlicher Weise nur
für ein objektives Ideal bringt.
Es steckt also in der
Bedeutung des Grundbesitzes ein Element absoluten Wertes, die Vorstellung
begleitet ihn - oder hat ihn wenigstens begleitet - es sei eben wertvoll,
Grundbesitzer zu sein, und selbst dann, wenn dieser Wert nicht in einem Nutzen
zum Ausdruck komme. So kann die Bindung an den Grundbesitz eine religiöse
Färbung annehmen, der sie sich z. B. in der besten Zeit Griechenlands
näherte.
Die Veräußerung
des Grundbesitzes erschien als ein Vergehen nicht nur gegen die Kinder, sondern
auch gegen die Ahnen, da sie die Familienkontinuität unterbrach; ja,
gerade auch der Umstand, daß er nicht leicht vermehrbar war,
begünstigte seine Funktion als Träger der überindividuellen,
religiös geheiligten Familieneinheit. Insbesondere aber im Mittelalter
hatte der Grundbesitz viel mehr den Rang eines absoluten Wertes, als er ihn
jetzt hat; denn wenn er auch selbstverständlich zunächst um seines
Ertrages und des Genusses desselben willen gesucht und insofern ein relativer
Wert war, so hatte er an und für sich doch gegenüber seiner Rolle in
der Geldwirtschaft eine eigenartige Bedeutung, weil er nicht immerzu in Geld
umgesetzt und nach Geld taxiert wurde. Er hatte sozusagen kein Äquivalent;
die Wertreihe, in der er stand, schloß mit ihm ab.
Mobilien mochte man
gegeneinander vertauschen, der immobile Besitz war, cum grano salis, etwas
Unvergleichliches, der Wert schlechthin, der unbewegte Grund, über dem
sich die eigentliche ökonomische Bewegung erst vollzog, und der an sich
jenseits dieser stand.
So war es doch wohl nicht
nur das ökonomisch-relativistische Interesse, aus dem die Kirche ihn sich
anzueignen strebte: soll doch anfangs des 14. Jahrhunderts fast die Hälfte
des englischen Grundes und Bodens und zur Zeit Philipps II. mehr als die Hälfte
des spanischen in den Händen des Klerus gewesen sein - wie noch jetzt im
Kirchenstaat Tibet zwei Drittel aller produktiven Ländereien dem Klerus
gehören!
Wie die Kirche dem
mittelalterlichen Leben die festen, scheinbar für die Ewigkeit
gegründeten Normen seines Verlaufes gab, so mußte es im realen wie
im symbolischen Sinn angemessen scheinen, daß sie auch jenen
fundamentierenden Wert aller Werte in ihrer Hand um-schloß.
Die
Unveräußerlichkeit des kirchlichen Grundbesitzes war nur die
bewußte und gesetzmäßige Festlegung dieses inneren Charakters
seiner.
Sie dokumentierte nur,
daß die Wertbewegung hier an ihren Endpunkt gekommen, daß hier das
Äußerste und Definitive im ökonomischen Gebiet erreicht war.
Kann man so die Tote Hand
mit der Höhle des Löwen vergleichen, in die alle Fußspuren
hinein-, aus der aber keine herausführen, so ist sie doch auch ein Symbol
der allumfassenden Absolutheit und der Ewigkeit des Prinzips, auf dem die
Kirche sich gründete.
Dieses Auswachsen von
Gütern zu einem Endzweck, dessen absoluter Wert also über die
bloße Nutznießung hinausreicht, findet in jenen pathologischen
Ausartungen des Geldinteresses, dem Geiz und der Geldgier, seinen reinsten und
entschiedensten Fall, ja denjenigen, der die andern Fälle desselben Typus
mehr und mehr in sich hineinzieht.
Denn sogar schon solche
Güter, die an sich gar nicht ökonomischer Natur sind, läßt
das zum Endzweck gewordene Geld nicht als ihm koordinierte, definitive Werte
bestehen; es genügt ihm nicht, sich neben Weisheit und Kunst, neben personale
Bedeutung und Stärke, ja neben Schönheit und Liebe als ein weiterer
Endzweck des Lebens aufzustellen, sondern indem es dies tut, gewinnt es die
Kraft, jene anderen zu Mitteln für sich herabzudrücken.
Um wieviel mehr wird diese
Umordnung bei eigentlich ökonomischen Gütern stattfinden, deren
unbedingtes Festhalten, als seien sie unvergleichliche Werte, töricht
erscheinen muß, sobald man sie jederzeit für Geld wiederhaben kann,
und vor allem- sobald die restlose Ausdrückbarkeit ihres Wertes in Geld
sie ihrer individuellen und außerhalb der reinen indifferenten Wirtschaft
stehenden Bedeutung beraubt hat.
Der abstrakte Charakter des
Geldes, die Entfernung, in der es sich an und für sich von jedem
Einzelgenuß hält, begünstigen eine objektive Freude an ihm, das
Bewußtsein eines Wertes, der über alle einzelne und persönliche
Nutznießung weit hinübergreift.
Wenn das Geld zunächst
nicht mehr in dem Sinne Zweck ist, wie irgendein sonstiges Werkzeug,
nämlich um seiner Erfolge willen, sondern dem Geldgierigen als Endzweck
gilt, so ist es nun weiter nicht einmal in dem Sinne Endzweck, wie ein
Genuß es ist, sondern für den Geizigen hält es sich jenseits
dieser persönlichen Sphäre, es ist ihm ein Gegenstand scheuer
Achtung, der für ihn selbst tabu ist.
Der Geizige liebt das Geld,
wie man einen sehr verehrten Menschen liebt, in dessen bloßem Dasein und
darin, daß wir ihn wissen und unser Mit-ihm-sein empfinden, schon
Seligkeit liegt, auch ohne daß unser Verhältnis zu ihm in die
Einzelheit konkreten Genießens einginge.
Indem der Geizige von
vornherein und (> 247) bewußterweise darauf verzichtet, das Geld als
Mittel zu irgendwelchen Genüssen zu benutzen, stellt er es zu seiner
Subjektivität in eine brückenlose Distanz, die er dennoch durch das
Bewußtsein seines Besitzes immerfort zu überwinden sucht.
Bewirkt so der
Mittelscharakter des Geldes, daß es als die abstrakte Form von
Genüssen, die man dennoch nicht genießt, auftritt, so hat die
Schätzung seines Besitzes, insoweit es unausgegeben bewahrt wird, eine
Färbung von Sachlichkeit, es umkleidet sich mit jenem feinen Reize der
Resignation, der alle objektiven Endzwecke begleitet und die Positivität
und Negativität des Genießens in eine einzigartige und mit Worten
nicht weiter ausdrückbare Einheit zusammenschließt.
Beide Momente erreichen im
Geize ihre äußerste Spannung gegeneinander, weil das Geld als das
absolute Mittel auf unbegrenzte Möglichkeiten des Genießens
hinaussieht und zugleich als das absolute Mittel in seinem unausgenützten
Besitz den Genuß noch völlig unangerührt läßt.
Nach dieser Seite hin
fällt die Bedeutung des Geldes mit der der Macht zusammen; wie diese ist
es ein bloßes Können, das die Reize einer nur subjektiv
antizipierbaren Zukunft in der Form einer objektiv vorhandenen Gegenwart
sammelt.
Tatsächlich enthält
die Vorstellung der »Möglichkeit« zwei, in der Regel nicht
hinreichend auseinandergehaltene Motive.
Wenn man irgend etwas zu
»können« behauptet, so bedeutet dies keineswegs nur die
gedankliche Vorwegnahme eines zukünftigen Geschehens, sondern einen schon
jetzt wirklichen Zustand von Spannkräften, physischen oder psychischen
Koordinationen, bestimmt gerichteten Lagerungen vorhandener Elemente; wer
klavierspielen »kann«, unterscheidet sich, auch wenn er es nicht
tut, von jemandem, der es nicht kann, keineswegs nur in einem zukünftigen
Momente, wo er es tun wird, dieser aber nicht, sondern schon in dem
gegenwärtigen durch eine ganz konkrete, gegenwärtige Verfassung
seiner Nerven und Muskeln.
Dieser Zustand des
Könnens, der an sich gar nichts von Zukunft enthält, führt aber
nun, zweitens, zu der Wirklichkeit des »Gekonnten« nur durch das
Zusammentreffen mit gewissen weiteren Bedingungen, deren Eintreten wir nicht
ebenso gewiß vorherwissen.
Dieses Unsicherheitsmoment
und jenes Gefühl oder Wissen einer jetzt schon aktuellen Kraft oder
Zustandes, bilden die Elemente des Könnens, und zwar in quantitativ sehr
mannigfaltigen Mischungen, anhebend etwa von dem: ich kann klavierspielen - wo
das Moment des Wirklichen sehr überwiegt und die Unsicherheit über
die außerdem erforderlichen Bedingungen minimal ist, bis zu dem: der
nächste Wurf kann alle Neun sein - wo die gegebenen und bekannten
zuständlichen Bedingungen im Augenblick völlig in der Minderzahl
(> 248) sind gegenüber den für jenen Erfolg noch außerdem
erforderlichen, aber völlig unsicheren Momenten.
Hier stellt nun das
Können, das im Gelde gleichsam geronnen und Substanz geworden ist, eine
ganz einzigartige Kombination dar. Was man an ihm wirklich besitzt, ist, in
seiner Beschränkung auf den Augenblick des Besitzes, gleich Null; das
Entscheidende dafür daß es sich zu wertvollen Ergebnissen entwickle,
liegt vielmehr ganz außerhalb seiner.
Aber die Sicherheit,
daß dieses Anderweitige auch wirklich im richtigen Momente dasein werde,
ist ungeheuer groß.
Während in der Regel
das im »Können« enthaltene Maß von Festigkeit und
Unzweideutigkeit in dem gegenwärtig Vorhandenen und Tatsächlichen
liegt, alles Künftige aber unsicher ist, ist dem Gelde gegenüber
diese letztere Unsicherheit völlig verschwunden, dagegen aber ist das
schon Gegenwärtige, aktuell Besessene als solches völlig belanglos.
Dadurch ist der spezifische
Ton des Könnens an ihm auf das äußerste zugespitzt: es ist
wirklich bloßes Können, im Sinne einer Zukunft, an der das
Gegenwärtige, das wir in der Hand haben, allein seine Bedeutung hat; aber
es ist auch wirkliches Können im Sinne völliger Gewißheit
über die Realisierbarkeit solcher Zukunft.
Die Sicherheit der
Befriedigung steigert sich hier noch durch die Besonderheit des
Verhältnisses zwischen Wunsch und Erfüllung, die das Geld
gegenüber den übrigen Gegenständen unseres Interesses besitzt.
Die subjektiven Folgen
eines erreichten Wunsches bilden keineswegs immer das genaue Komplement des
Entbehrungszustandes, der ihn entstehen ließ.
Das Entbehren eines
Gegenstandes ist nicht wie ein Loch, das sein Besitz genau ausfüllte, so
daß nun alles wäre wie vor dem Wunsch.
So stellt es freilich
Schopenhauer dar, für den deshalb alle Beglückung nur etwas Negatives
ist, nur die Beseitigung des Schmerzzustandes, den die Entbehrung uns bereitet
hat.
Wenn man aber das
Glück als etwas Positives gelten läßt, so ist doch die
Erreichung unserer Wünsche nicht nur das Aufheben eines negativen
Zustandes durch den genau entsprechenden positiven, vermehrt um ein
mitschwebendes Glücksgefühl.
Vielmehr, das
Verhältnis des Wunsches zu seiner Erfüllung ist ein unendlich
mannigfaltiges, weil der Wunsch fast nie alle Seiten des Gegenstandes, d. h.
seiner Wirkung auf uns berücksichtigt. An seiner Wirklichkeit haben wir
fast niemals das, was er uns unter der Kategorie der Möglichkeit, des
Habenwollens, bedeutete.
Die triviale Weisheit hat
recht, daß der Besitz des Gewollten uns in der Regel enttäuscht, und
zwar nach der guten wie nach der schlimmen Seite, wie auch so, daß das
Anderssein des Habens nur als ein tatsächliches, aber von keinem
Gefühl begleitetes bewußt wird.
Das Geld indes (> 249)
nimmt hier eine Sonderstellung ein. Einerseits treibt es freilich jene
Inkommensurabilität zwischen dem Wunsch und seinem Objekt auf den Gipfel.
Die Bestrebung, die sich
zunächst auf das Geld gerichtet hat, findet an ihm nur ein ganz
bestimmungsloses Etwas, von dem ein Begehren, so lange es rationell ist,
absolut nicht befriedigt werden kann, und das sich seinem völlig leeren
Wesen nach jedem eigentlichen Verhältnis zu uns entzieht; wenn der Wunsch
also nicht darüber hinaus zu einem konkreten Ziel schreitet, so muß
eine tödliche Enttäuschung eintreten; wie sie denn auch
unzählige Male da erfahren wird, wo der leidenschaftlich und als fraglose
Beglückung ersehnte Geldreichtum sich nach seiner Erreichung als das
enthüllt, was er wirklich ist: als ein bloßes Mittel, dessen
Hinaufschraubung zu einem Endzweck seine Erreichung nicht überstehen
konnte.
Während hier also die
fürchterlichste Diskrepanz zwischen Wunsch und Erfüllung besteht,
findet genau das Umgekehrte statt, sobald der psychologische Endzweckcharakter
des Geldes sich für die Dauer gefestigt hat und die Geldgier also ein
chronischer Zustand geworden ist.
In diesem Fall
nämlich, wo die begehrte Sache überhaupt nichts gewähren soll
als ihren Besitz, und wo diese Beschränkung des Wunsches nicht nur eine
vorübergehende Selbsttäuschung ist, da ist auch jeder
Enttäuschung vorgebeugt.
Alle Dinge, die wir sonst
zu besitzen begehren, sollen uns doch mit ihrem Besitz etwas leisten, und in
der unzulänglichen Vorberechnung dieser Leistung liegt die ganze, oft
tragische, oft humoristische Inkommensurabilität zwischen Wunsch und
Erfüllung, von der ich eben sprach.
Das Geld aber soll dem
Geizhals von vornherein nichts über seinen bloßen Besitz hinaus
leisten.
Das Geld als solches kennen
wir genauer, als wir irgendeinen Gegenstand sonst kennen; weil nämlich
überhaupt nichts an ihm zu kennen ist, so kann es uns auch nichts
verbergen.
Als absolut
qualitätloses Ding kann es nicht, was doch sonst das armseligste Objekt
kann: Überraschungen oder Enttäuschungen in seinem Schoße
bergen.
Wer also wirklich und
definitiv nur Geld will, ist vor diesen absolut sicher.
Die allgemeine menschliche
Unzulänglichkeit, daß das Gewonnene anders aussieht als das
Ersehnte, erreicht einerseits ihren Gipfel in der Geldgier, sobald diese das
Zweckbewußtsein nur in illusionärer und nicht haltbarer Weise
erfüllt; sie ist aber andrerseits völlig ausgelöscht, sobald der
Wille wirklich definitiv am Geldbesitz haltmacht.
Wenn man die menschlichen
Lose in das Schema der Verhältnisse zwischen dem Wunsch und seinem
Gegenstand fassen will, so muß man sagen, daß je nach dem Haltpunkt
der Zweckreihe das Geld zwar der inadäquateste, aber auch der adäquateste
Gegenstand unseres Begehrens ist. (> 250)
Übrigens muß der
Machtcharakter des Geldes, auf den ich jetzt noch einmal komme, fast am
fühlbarsten, wenigstens am unheimlichsten da hervortreten, wo die
Geldwirtschaft noch nicht vollkommen durchgedrungen und selbstverständlich
ist, sondern wo das Geld seine zwingende Macht an Verhältnissen zeigt, die
ihm, ihrer eigentlichen Struktur nach, nicht von selbst gehorchen.
Daß gerade in der
höchst ausgebildeten Kultur das Geld seinen Machthöhepunkt erreicht
zu haben scheint, liegt daran, daß in ihr freilich unendlich viele,
früher überhaupt unbekannte Objekte ihm zur Verfügung stehen;
aber sie sind von vornherein auf den Gehorsam gegen das Geld angelegt; es kommt
nicht zu jener Reibung, die die ganze Art und Wertungsweise naturalerer
Verhältnisse dem ihnen heterogenen Geldwesen entgegensetzen, und deren
Überwindung erst das Bewußtsein der Macht besonders zuspitzen
muß.
Wie das Geld der Wert der
Werte ist, so nennt ein Kenner des indischen Lebens den indischen Dorfbankier,
den Geldleiher: the man of all men in the village; sein indischer Name bedeute:
the great man!
Es wird hervorgehoben,
daß, als im 13. Jahrhundert zuerst wieder größere
Kapitalvermögen aufkamen, das Kapital ein Machtmittel war, das der Masse
des Volkes noch unbekannt war und zu dessen Wirkung deshalb noch der
psychologische Zuschlag des Unerhörten und sozusagen Überempirischen
trat.
Ganz abgesehen davon,
daß Kirche und Volk damals das Geldgeschäft überhaupt
verwerflich fanden - zu dem kirchlichen Grundsatz: mercator sine peccainine vix
esse potest, bekannte sich sogar ein Kölner Patrizier des 13. Jahrhunderts
- mußte die Ausnutzung einer so mystischen und unberechenbaren Macht, wie
das Kapital war, als etwas sittlich Bedenkliches, als ein vergewaltigender
Mißbrauch erscheinen.
Und wie so oft irrige
Vorurteile den davon Betroffenen in ihre Bewahrheitung hineintreiben, so
verfielen die handelsaristokratischen Geschlechter dieser Zeit tatsächlich
dem gewissenlosen Mißbrauch ihrer Macht, dessen Art und Umfang eben durch
die Neuheit des GeldkapitaIs und die Frische seines Eindrucks auf ganz anders
konstruierte Verhältnisse möglich war. Damit hängt es zusammen,
daß das niedere Volk - vom Mittelalter an bis in das 19. Jahrhundert
hinein - sich die Entstehung großer Vermögen als mit nicht ganz
rechten Dingen zugegangen und ihre Besitzer als etwas unheimliche
Persönlichkeiten zu denken pflegt: über den Ursprung des
Vermögens der Grimaldi, der Medici, der Rothschild waren die ärgsten
Schauermärchen verbreitet, und zwar nicht nur im Sinne moralischer
Zweideutigkeit, sondern in abergläubischer Weise, als wäre eine
dämonische Macht im Spiel.
Indem die
auseinandergesetzte Art des im Geld verkörperten (> 251) Könnens
ihm ein sublimiertes Machtgefühl gerade vor seinem Ausgegebenwerden zuwachsen
läßt -- der »fruchtbare Moment« ist in ihm gleichsam zum
Stehen gekommen -, ist der Geiz eine Gestaltung des Willens zur Macht, und
zwar, den Charakter des Geldes als des absoluten Mittels beleuchtend, so,
daß die Macht wirklich nur Macht bleibt und sich nicht in ihre
Ausübungen und deren Genuß umsetzt.
Dies ist ein wichtiges
Erklärungsmoment für den Geiz des hohen Lebensalters.
Gewiß ist diese
Tendenz als Fürsorge für die nächste Generation
zweckmäßig - so wenig dieses Motiv gerade dem Geizhals bewußt
zu sein pflegt, der vielmehr, je älter er wird, um so weniger an die
Trennung von seinen Schätzen denken mag.
Subjektiv ist vielmehr wohl
der Umstand wesentlich, daß im Alter einerseits die sinnlichen Seiten des
Lebens ihren Reiz oder die Möglichkeit des Genossenwerdens verlieren,
andrerseits die Ideale durch Enttäuschungen und Mangel an Schwung ihre
erregende Kraft einbüßen; so bleibt als letztes Willensziel und
Lebensreiz oft nur noch die Macht übrig, die sich zum Teil in der Neigung
des Alters, zu tyrannisieren, offenbart, und darin, daß Personen
höherer Stellungen im Alter oft eine krankhafte Sucht nach
»Einfluß« zeigen; zum Teil aber im Geize, für den eben
dieselbe abstrakte »Macht« sich im Geldbesitz verkörpert.
Ich halte es für einen
Irrtum, wenn man sich jeden Geizigen mit der Ausmalung aller ihm zur
Verfügung stehenden Genüsse, all der reizvollen
Verwendungsmöglichkeiten des Geldes beschäftigt denkt.
Die reinste Form des Geizes
ist vielmehr die, in der der Wille wirklich nicht über das Geld hinausgeht,
es auch nicht einmal in spielenden Gedanken als Mittel für anderes
behandelt, sondern die Macht, die es gerade als nicht ausgegebenes
repräsentiert, als definitiven und absolut befriedigenden Wert empfindet.
Für den Geizigen
liegen alle sonstigen Güter in der Peripherie des Daseins und von jedem
derselben führt ein eindeutig gerichteter Radius seinem Zentrum, dem Gelde
zu, und es hieße das ganze spezifische Lust- und Machtgefühl
verkennen, wenn man diese Richtung umdrehen und sie von ihrem Endpunkt auch nur
innerlich wieder auf die Peripherie zurückleiten wollte.
Denn indem die Macht, die
in jenem Zentrum ruht, in das Genießen konkreter Dinge umgesetzt
würde, ginge sie als Macht verloren.
Unser Wesen ist auf die
Zweiheit von Herrschen und Dienen angelegt, und wir schaffen uns Beziehungen
und Gebilde, die beiden einander ergänzenden Trieben in mannigfaltigsten
Mischungen genugtun.
Im Gegensatz zu der Macht,
die das Geld verleiht, erscheint das Unwürdige des Geizes von einem
Dichter des 15. Jahrhunderts erschöpfend ausgedrückt: wer dem Geld
dient, der sei »seines Knechtes Knecht«.
Tatsächlich
enthält der Geiz, indem (> 252) er uns vor einem gleichgültigen
Mittel wie vor einem höchsten Zwecke knien läßt, die
sublimierteste, man könnte sagen: karikierte Form inneren
Unterworfenseins, wie ihn auf der anderen Seite das sublimierteste
Machtgefühl trägt.
Das Geld zeigt auch hier
sein Wesen, unseren antagonistischen Strebungen ein gleichmäßig
entschiedenstes und reinstes Sichdarstellen zu gewähren.
In ihm hat sich der Geist
das Gebilde der größten Spannweite geschaffen, das, gleichsam als
reine Energie wirkend, die Pole jenes um so weiter auseinander treibt, je
einheitlicher - d. h., als bloßes Geld, jede Sonderbestimmtheit ablehnend
- es sich selbst darstellt.
Es ist nun für die
Herrschaft, die das Geld über die allgemeine Denkart gewonnen hat, sehr
bezeichnend, daß man eine Reihe von Erscheinungen als Geiz - im Sinne des
Geldgeizes - zu bezeichnen pflegt, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil
desselben sind.
Es handelt sich um die
Menschen, die ein abgebranntes Streichholz nochmals benutzen, leere Briefseiten
sorgfältig abreißen, kein Stückchen Bindfaden wegwerfen und auf
jede verlorene Stecknadel eine Mühe des Suchens verwenden. Man nennt
solche Personen geizig, weil man sich gewöhnt hat, den Geldpreis der Dinge
ganz unbefangen als ihren Wert anzusehen.
Tatsächlich aber
denken sie nicht an den Geldwert jener Objekte, die Stärke ihres
Gefühls gilt gerade dem sachlichen Wert derselben, auf den ihr Geldwert
gar keine irgend proportionierte Hinweisung gibt.
Wenigstens in sehr vielen
Fällen sind es durchaus nicht die Bruchteile eines Pfennigs, um deren
Rettung es sich für jene Sparsamen handelt; gerade sie sind von der
Rücksicht auf das Geld, durch das die Objekte ohne weiteres wieder
beschaffbar sind, oft genug unabhängig und werten eben bloß die
Sache selbst.
In diese Kategorie
gehören auch die sonderbaren, aber nicht allzu seltenen Menschen, die ohne
Bedenken hundert Mark, aber nur mit wahrer Selbstüberwindung einen Bogen
Papier aus ihrem Schreibvorrat oder ähnliches verschenken.
Hier liegt also das direkte
Gegenteil des Geizes vor: dem Geizigen sind die Dinge gerade gleichgültig
- außer insoweit sie Geldwert darstellen -, weil das Geld sie ihres
Endzweckcharakters beraubt hat, während das Verhalten jener ganz sinnlos
wäre, wenn es durch den Geldwert der Dinge bestimmt wäre; freilich
kann es durch das völlige Außerachtlassen desselben auch wieder
unvernünftig werden.
Sie vergessen über den
Zweck das Mittel, das ihn jederzeit wieder erreichbar macht, während der
Geizige über das Mittel den Zweck vergißt, der jenem allein
Bedeutung gibt.
Es begegnen ferner
Erscheinungen, die, in der äußeren Form mit jenen sachlichen
Sparsamkeiten übereinstimmend, durch ihre innere Diskrepanz gegen sie den
teleologischen (> 253) Charakter des Geldes weiter klären helfen.
Viele
»sparsame« Menschen halten darauf, daß alles, was einmal
bezahlt ist, auch konsumiert werde.
Und zwar keineswegs nur
dann, wenn damit eine anderenfalls erforderliche Ausgabe erspart würde,
sondern Luxusgenüssen gegenüber, von denen man sich inzwischen
überzeugt hat, daß sie keine Genüsse sind; der Zweck ist nun
einmal verfehlt, aber um diese Verfehlung zu realisieren, bringt man ein
weiteres Opfer; denn der Typus dieser Erscheinungen ist: »Lieber den
Magen verrenkt als dem Wirt einen Kreuzer geschenkt.«
Daß eine sparsame
Mutter von ihren Kindern damit geneckt wurde, sie nähme die Medizinreste,
die nach Krankheiten in der Familie unverbraucht geblieben waren, um sie nicht
umkommen zu lassen, zeichnet nur die Karikatur eines von vielen Menschen sehr
ernsthaft betriebenen Verfahrens.
Die Konsumtion des
Gegenstandes ist nach der Voraussetzung indifferent oder schlimmer als
indifferent; ihr Motiv kann also nicht sein, daß der Gegenstand nicht
umkommen soll; denn er i s t umgekommen, indem die Genußseite seiner, die
seine Bedeutung für das Subjekt bildete, in Wegfall gekommen ist.
Es wird in Wirklichkeit
also gar nicht derjenige Gegenstand konsumiert, auf den die Absicht gerichtet
war, sondern ein anderer, dem die motivierende Eigenschaft gerade fehlt. Das
Motiv kann demnach nur dies sein, daß mit der Konsumierung wenigstens die
Geldaufwendung ihr Äquivalent gefunden hat.
Das Geld ist so zu seinem
nächsten Zwecke gekommen, und damit ist eine Beruhigung des Gefühls
und ein Höhepunkt der teleologischen Reihe erreicht, neben der die
Verfehlung ihres subjektiven Endzwecks, als eine Sache für sich und jene
Befriedigung nicht herabsetzend, steht.
Diese banale und inhaltlich
uninteressante Erscheinung offenbart so eine ganz eigenartige teleologische
Konstellation des Geldwertes.
Obgleich sie nicht an sehr
erheblichen Objekten hervorzutreten pflegt und deshalb etwas
Kleinbürgerliches und Unscheinbares hat, ist sie doch vielleicht der extremste
Ausdruck für die Überwucherung der wirklichen Endzwecke durch die
Mittelinstanz des Geldes; denn es fällt hierbei nicht nur, wie auch beim
Geize, der eigentliche Sinn alles Wirtschaftens weg, sondern auch noch der Reiz
der Macht und der Möglichkeiten, der bei jenem den zu nichts verwendeten
Geldbesitz schmückte: das Objekt, aus dem alles, was irgendwie Sinn und
Zweck seiner Konsumtion sein könnte, hinweggefallen ist, wird unter
Unbequemlichkeiten und Schädlichkeiten konsumiert, bloß weil das
dafür ausgegebene Geld ihm einen absoluten Wert verliehen hat.
Der Zweckprozeß ist
hier also nicht nur an der Geldinstanz erstarrt, sondern er wird noch
darüber hinaus sozusagen rückläufig und pervers, indem (>
254) die an sich nicht-zweckmäßige Wertung durch direkt
unzweckmäßiges Verfahren realisiert wird.
Die Stellung des Geldes,
insoweit sie seinen Charakter über das bloße Mittlertum hinaus zu
einem selbständigen Interesse steigert, will ich nun noch nach zwei
negativen Instanzen hin verfolgen.
Die Verschwendung ist nach
mehr als einer Richtung dem Geize verwandter als die Entgegengesetztheit ihrer
Erscheinungen zu verraten scheint.
Es ist hier zu bemerken,
daß in Zeiten naturaler Wirtschaft die geizige Konservierung der Werte
mit deren Natur, mit der sehr begrenzten Aufhebbarkeit der landwirtschaftlichen
Produkte, nicht vereinbar ist.
Wo daher deren Umsetzung in
das unbegrenzt aufhebbare Geld nicht tunlich oder wenigstens nicht
selbstverständlich ist, findet man selten ein eigentlich geiziges
Aufhäufen derselben; wo Bodenprodukte unmittelbar gewonnen und konsumiert
werden, besteht meistens eine gewisse Liberalität, besonders etwa
Gästen und Bedürftigen gegenüber, wie sie das zum Sammeln viel
mehr einladende Geld weniger nahe legt; so daß Petrus Martyr die Kakaosäcke
rühmt, die den alten Mexikanern als Geld dienten, weil sie nicht lange
aufgehäuft und verborgen aufbewahrt werden konnten und also keinen Geiz
gestatteten.
Ganz entsprechend
beschränken naturale Verhältnisse die Möglichkeit und den Reiz
der Verschwendung.
Die verschwenderische
Konsumtion und leichtsinnige Vergeudung innerhalb derselben haben doch,
abgesehen von sinnloser Zerstörung, an der Aufnahmefähigkeit des
eigenen und fremder Subjekte ihre Grenze.
Die Hauptsache aber ist,
daß die Verschwendung des Geldes überhaupt einen ganz anderen Sinn,
eine ganz neue Nuance gegenüber der Verschwendung konkreter
Gegenstände enthält: die letztere bedeutet, daß der Wert
für die vernünftigen Zweckreihen des Individuums schlechthin
vernichtet ist, die erstere, daß er in unzweckmäßiger Weise in
andere Werte umgesetzt ist.
Der Typus des Verschwenders
in der Geldwirtschaft und derjenige, der allein eine geldphilosophisch
bedeutsame Erscheinung bietet, ist nicht jemand, der das Geld in natura sinnlos
verschenkt, sondern der es zu sinnlosen bzw. seinen Verhältnissen nicht
angemessenen Käufen verwendet.
Die Lust am Verschwenden,
die genau von der Lust etwa an dem flüchtigen Genuß der
Gegenstände, an dem damit verbundenen Protzentum, an dem anregenden
Wechsel zwischen Erwerb und Verbrauch der Objekte zu unterscheiden ist, die
vielmehr die reine Funktion des Verschwendens, ohne Rücksicht auf ihren
substanziellen Inhalt und ihre Begleiterscheinungen betrifft heftet sich also
an den Moment des Geldausgebens für irgendwelche Gegenstände; der
Reiz dieses Momentes überdeckt beim Verschwender die sachgemäße
Schätzung des Geldes einerseits, der Gegenstände
andrerseits.
Hiermit wird die Stellung
des Verschwenders der Zweckreihe gegenüber deutlich bezeichnet.
Wenn das Endglied derselben
der Genuß aus dem Besitz des Objekts ist, so ist ihre erste uns hier
wesentliche Mittelstufe, daß man das Geld besitze, die zweite, daß
man es für den Gegenstand ausgebe.
Für den Geizigen nun
wächst jene erste zu einem für sich lustvollen Selbstzweck aus,
für den Verschwender die zweite.
Das Geld ist für ihn
kaum weniger wesentlich als für jenen, nur nicht in der Form des Habens,
sondern in der des Ausgebens.
Sein Wertgefühl baut
sich in dem Augenblick des Überganges des Geldes in andere Wertforrnen an
und zwar mit solcher Intensität, daß er sich den Genuß dieses
Augenblicks um den Preis erkauft, alle definitiveren Werte damit zu vergeuden.
Es ist deshalb sehr
deutlich zu beobachten, daß die Gleichgültigkeit gegen den Geldwert,
der das Wesen und den Reiz der Verschwendung ausmacht, dies eben doch nur
dadurch kann, daß dieser Wert als etwas Empfundenes und Geschätztes
vorausgesetzt wird.
Denn offenbar würde
das Wegwerfen des Indifferenten selbst etwas ganz Indifferentes sein.
Für die wahnsinnigen
Verschwendungen des ancien régime ist der folgende Fall typisch: als der
Prinz Conti einen 4-5000 Fr. werten Diamanten den er einer Dame geschickt
hatte, von ihr zurückerhielt, ließ er denselben zerstoßen und
benutzte ihn als Streusand für ein Billett, das er der Dame über die
Angelegenheit schrieb.
Dieser Erzählung
fügt Taine die Bemerkung über die damalige Anschauungsweise hinzu: on
est d'autant plus un homme du monde que l'est moins un homme d'argent.
Allein hierin lag doch eine
Selbsttäuschung.
Denn gerade das
bewußte und betonte negative Verhalten zum Gelde hat, wie durch einen
dialektischen Prozeß, das gegenteilige zur Grundlage, aus der allein
jenem irgendein Sinn und Reiz kommen kann.
Dasselbe ist auch bei
jenen, in Großstädten hier und da bestehenden Geschäften der
Fall, die gegenüber den durch Billigkeit wirkenden, gerade umgekehrt mit
einer gewissen prahlerischen Selbstgefälligkeit betonen, daß sie die
höchsten Preise haben.
Sie sprechen damit die
Anwartschaft auf das beste Publikum aus, das nicht nach dem Preise fragt.
Nun ist aber das
Bemerkenswerte dabei, daß sie nicht sowohl die Hauptsache die Sache
akzentuieren, sondern dieses negative Korrelat, daß es auf den Preis
nicht ankommt, und dadurch unbewußterweise doch wieder den Geldpunkt,
wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, in den Vordergrund des Interesses
rücken.
Wegen ihrer engen Beziehung
zum Gelde gewinnt die Verschwendungssucht so leicht einen ungeheueren
Beschleunigungszuwachs und raubt dem davon Be fallenen alle
vernünftigen Maßstäbe: weil die Regulierung fehlt, die durch
das Maß der Aufnahmefähigkeit konkreten Objekten gegenüber
gegeben ist.
Das ist die genau gleiche
Maßlosigkeit, die die geizige Geldgier charakterisiert: die bloße
Möglichkeit, die sie statt des Genusses der Wirklichkeiten sucht, geht an
und für sich ins Unendliche und findet nicht wie dieser, äußere
und innere Gründe ihrer Einschränkung.
Wo der Habsucht die ganz
positiven, von außen kommenden Fixierungen und Haltpunkte fehlen, pflegt
sie sich ganz formlos und mit wachsender Heftigkeit zu ergießen.
Das ist der Grund der
besonderen Maßlosigkeit und Erbitterung von Erbschaftsstreitigkeiten.
Weil hier keine Arbeit oder
sachlich begründete Abmessung den Anspruch des Einzelnen festlegt, ist a
priori keiner geneigt, den Anspruch des anderen anzuerkennen, so daß dem
eignen jede Hemmung fehlt und jeder Eingriff in denselben als ein ganz
besonders grundloses Unrecht empfunden wird.
Diese innere
Beziehungslosigkeit zwischen dem Wunsche und irgendeinem Maße seines Objekts,
die bei der Erbschaftsstreitigkeit aus der personalen Struktur des
Erbverhältnisses hervorgeht, entstammt bei der Geldgier der Struktur des
Objekts.
Sehr bezeichnend scheint
mir für die Prinzipienlosigkeit, der diese letztere Raum gibt und die die
Ansprüche gar keinen Grund zu ihrer Beschränkung finden
läßt, ein Braunschweiger Münzaufstand von 1499.
Die Obrigkeit wollte,
daß künftig allein die gute Münze gelten sollte, neben der
bisher die schlechte bestanden hatte.
Und nun revoltierten
dieselben Menschen, welche für ihre Produkte und auf ihre Löhne nur
gute Pfennige nehmen wollten, in gewalttätiger Weise, weil man ihre
Zahlungen in schlechter Münze nicht mehr akzeptierte!
Gerade dies häufige
Nebeneinander von guter und schlechter Münze gibt der inneren
Maßlosigkeit der Geldsucht der gegenüber auch die intensivsten
sonstigen Leidenschaften immer etwas psychologisch Lokalisiertes haben die
reichsten Möglichkeiten.
Sogar aus China wissen wir
von Revolutionen, weil die Regierung in schlechtem Gelde zahlte, ihre Steuern
aber in gutem einforderte.
Ich möchte rein
hypothetisch annehmen, daß diese Tendenz zur Maßlosigkeit, die in
dem bloßen Geldinteresse als solchem liegt, auch die verborgene Wurzel
der eigentümlichen, an den Börsen festgestellten Erscheinung bildet:
daß die kleinen Getreidespekulanten, die Outsiders, fast ausnahmslos
à la hausse geben.
Ich glaube, daß die
logisch zwar unleugbare, für die Praxis aber ganz irrelevante Tatsache:
daß der Gewinn bei der Baissespekulation überhaupt eine Grenze hat,
bei der Hausse aber nicht den psychologischen Anreiz für diese Seite
bewirkt.
Während die
großen Getreidespeku lanten, für die die wirkliche
Lieferung des Objekts in Frage kommt, die Chancen nach beiden Seiten hin
berechnen, ist der reinen Geldspekulation, wie das Differenzgeschäft sie
darstellt, die Richtung adäquat, die formell ins Grenzenlose geht.
Eben diese Richtung, die
die innere Bewegungsform des Geldinteresses ausmacht, liegt als das Schema der
folgenden Tatsache noch näher.
Die deutsche Landwirtschaft
hat in der Periode von 1830-80 dauernd steigende Erträge geliefert.
Dadurch entstand die
Vorstellung, dies sei ein ins Unendliche gehender Prozeß; so daß
die Güter nicht mehr nach dem Preise gekauft wurden, der dem momentanen
Ertrage, sondern der dem künftig zu erwartenden, nach der bisher
beobachteten Proportion gesteigerten entsprach der Grund der jetzigen Notlage
der Landwirtschaft.
Es ist die Geldform des
Ertrages, die die Wertvorstellung so auf die schiefe Ebene lockt; wo er nur als
»Gebrauchswert«, nur seinem unmittelbaren konkreten Quantum nach in
Frage kommt, findet die Idee seiner Steigerung eher eine besonnene Grenze,
während die Möglichkeit und Antizipation des Geldwertes ins
Unendliche geht.
Hierauf gründet sich
das Wesen von Geiz und Verschwendung, weil sie beide prinzipiell die
Wertbemessung ablehnen, die allein der Zweckreihe Halt und Grenze gewähren
kann, nämlich die an dem abschließenden Genusse der Objekte.
Indem der eigentliche
Verschwender, der nicht mit dem Epikureer und dem bloß Leichtsinnigen zu
verwechseln ist, so sehr in der individuellen Erscheinung all diese Elemente
sich mischen mögen gegen das Objekt, wenn es einmal in seinem Besitz ist,
gleichgültig wird, ist sein Genießen mit dem Fluche behaftet, nie
Rast und Dauer zu finden; der Augenblick seines Eintritts enthält zugleich
seine Aufhebung in sich, das Leben hat hier dieselbe dämonische Formel wie
das des Geizigen: daß jeder erreichte Moment den Durst nach seiner
Steigerung weckt, der aber nie gelöscht werden kann; denn die ganze
Bewegung sucht die Befriedigung, wie sie aus einem Endzweck fließt,
innerhalb einer Kategorie, die sich ja von vornherein den Zweck versagt und
sich auf das Mittel und den vordefinitiven Moment beschränkt hat.
Der Geizige ist der abstraktere
von beiden; sein Zweckbewußtsein macht in noch größerer
Distanz vor dem Endzweck halt; der Verschwender geht immerhin noch näher
an die Dinge heran, er verläßt die auf das rationelle Ziel
gerichtete Bewegung an einer späteren Station, um sich an ihr, als sei sie
selbst das Endziel, anzubauen.
Einerseits diese formale
Gleichheit bei vollständiger Entgegengesetztheit des sichtbaren Erfolges,
andrerseits das Fehlen eines regulierenden substanziellen Zweckes, das bei der
gleichmäßigen Sinnlosigkeit beider Tendenzen ein launenhaftes Spiel zwischen ihnen nahe legt, erklärt es, daß
Geiz und Verschwendung sich oft an derselben Persönlichkeit finden, sei es
in Verteilung auf verschiedene Interessenprovinzen, sei es in Zusammenhang mit
wechselnden Lebensstimmungen; Kontraktion und Expansion derselben drücken
sich in Geiz und Verschwendung, wie in derselben, nur jedesmal mit anderem
Vorzeichen versehenen Bewegung aus. Beiderlei Bedeutungen des Geldes für
unseren Willen gehen auf die Synthese zweier Bestimmungen zurück, die sich
im Geld vollzieht.
So dringlich und allgemein
nämlich auch Nahrung und Kleidung begehrt werden, so ist das Verlangen
nach ihnen doch naturgemäß begrenzt; gerade von dem Notwendigen und
deshalb zunächst mit der größten Intensität Begehrten kann
es genug geben.
Der Bedarf nach
Luxusgütern ist dagegen unserer Natur nach unbegrenzt; das Angebot wird
hier niemals die Nachfrage übersteigen; z. B. also haben die Edelmetalle,
insoweit sie Schmuckmaterial sind, eine innere Unbeschränktheit der
Verwendung, die die Folge ihrer primären Überflüssigkeit ist.
Je näher die Werte an
dem Lebenszentrum stehen, je mehr sie Bedingung der unmittelbaren
Selbsterhaltung sind, desto stärker ist zwar ihr unmittelbares
Begehrtwerden, aber desto begrenzter ist eben dieses in quantitativer Hinsicht,
desto eher gelangt man ihnen gegenüber an einen Sättigungspunkt.
Umgekehrt dagegen, je
weiter sie von jener primären Dringlichkeit abstehen, desto weniger findet
ihre Begehrtheit ihr Maß an einem natürlichen Bedürfnis, und
jedes gewährte Quantum läßt dieselbe ziemlich unverändert
fortleben.
Zwischen diesen Polen also
bewegt sich die Skala unserer Bedürfnisse; sie sind entweder von
unmittelbarer Intensität, aber dann doch naturgemäß begrenzt
oder sie sind Luxusbedürfnisse, die für die mangelnde Notwendigkeit
eine grenzenlose Möglichkeit ihrer Expansion eintauschen.
Während nun die
Mehrzahl der Kulturgüter sich in einer gewissen Mischung dieser Extreme
bewegt, so daß der Annäherung an das eine die Entfernung vom andern
entspricht, vereinigt das Geld die Höhepunkte beider.
Denn indem es sowohl die
unentbehrlichsten wie die entbehrlichsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen
dient, gesellt es der intensiven Dringlichkeit des Verlangens seine extensive
Unbegrenztheit zu.
Es trägt an sich
selbst die Struktur des Luxusbedürfnisses, indem es jede Begehrungsgrenze
ablehnt die nur durch die Beziehungen bestimmter Quantitäten zu unserer
Aufnahmefähigkeit möglich wären, aber es braucht diese Schrankenlosigkeit
des Begehrens nicht durch jenen Abstand von dem unmittelbaren Bedürfen
auszugleichen, wie es die Edelmetalle als Schmuckmaterial müssen, da es
das Korrelat auch der unmittelbarsten Lebensnotdurft
geworden ist.
Geiz und Verschwendung
stellen diesen merkwürdig kombinierten Begehrungscharakter des Geldes
gleichsam abgelöst dar, es ist für sie in sein reines Begehrtwerden
aufgegangen; sie zeigen nach der schlimmen Seite hin, was wir auch nach der
guten am Geld beobachten: daß es den Durchmesser des Kreises erweitert,
in dem unsere antagonistischen psychischen Bewegungen schwingen.
Nur daß der Geiz in
gleichsam substanzieller Erstarrung zeigt, was die Verschwendung in der Form
des Fließens und der Expansion offenbart.
Nach einer anderen
Dimension hin, als die Verschwendung es tut, steht der Geldgier und dem Geize
eine zweite negative Erscheinung gegenüber: die Armut als definitiver
Wert, als für sich befriedigender Lebenszweck.
Das Auswachsen eines
Gliedes der Zweckreihe zu absoluter Bedeutung hat sich hier in eine ganz andere
Richtung derselben verpflanzt, als beim Geiz und der Verschwendung; denn
während diese bei den Mitteln zu Endzwecken stehen blieben, verharrt die
Armut bei dem Ausbleiben der Mittel oder rückt in den hinter dem Endzweck
liegenden Teil, insoweit sie sich als der Erfolg abgelaufener Zweckreihen
einstellt.
Ähnlich wie jene
beiden tritt Armut in ihrer reinsten und spezifischen Erscheinung nur bei
irgendeinem Maße von Geldwirtschaft auf.
In naturalen
Verhältnissen, die noch nicht geldwirtschaftlich bestimmt sind, so lange
also die Bodenprodukte noch nicht als bloße Waren, d. h. unmittelbar als
Geldwerte figurieren, kommt es nicht so leicht zu absoluter Bedürftigkeit
Einzelner: noch bis in die letzte Zeit hinein hat man sich in Rußland gerühmt,
daß die wenig geldwirtschaftlich entwickelten Bezirke daselbst keine
persönliche Armut kennten.
Als allgemeine Erscheinung
liegt das nicht nur an der leichteren Zugängigkeit des unmittelbar
Nötigen, zu dem es nicht erst der Beschaffung des Geldmittels bedarf,
sondern auch daran, daß die humanen und sympathischen Gefühle der
Armut gegenüber in jenen Verhältnissen leichter erweckt werden, als
wenn das, was dem Armen fehlt und womit man ihm helfen soll, gar nicht das ihm
unmittelbar Nötige ist.
Das Mitgefühl hat in
reinen Geldverhältnissen erst einen Umweg zu machen, ehe es auf den Punkt
seines eigentlichen Interesses kommt.
Auf diesem Umwege erlahmt
es oft.
Dem entspricht es,
daß gerade praktisch hilfreiche und mitleidige Menschen dem Armen lieber
mit Nahrung und Kleidung als mit Geld zu Hilfe kommen.
Sobald die Armut als
sittliches Ideal auftaucht, ist es deshalb auch der Besitz an Geld, den sie als
die schlimmste Versuchung, als das eigentliche Übel verabscheut. .
Wo das Heil der Seele als
Endzweck empfunden wird, da erscheint zu ihm die Armut in manchen Doktrinen als
ein ganz positives und unerläßliches Mittel, das sich aus dieser
Stellung dann zu der Würde eines durch sich selbst bedeutungsvollen und
gültigen Wertes erhebt.
Das kann auf verschiedenen
Staffeln der Zweckreihen und von verschiedenen Motiven aus geschehen.
Zunächst wird die
bloße Gleichgültigkeit gegen alles irdische Genießen und
Interessiertsein dahin führen.
Von der Seele, die zum
Höchsten aufstrebt, fällt dieser Ballast wie von selbst ab, dass ....
es eines besonders darauf gerichteten Willens bedürfte.
So mögen sich vielfach
die ersten Christen verhalten haben: nicht direkt feindselig und aggressiv den
Gütern der Sichtbarkeit gegenüber, sondern einfach ohne Beziehung zu
ihnen, wie zu Dingen, für deren Wahrnehmung man kein Organ besitzt.
Deshalb ist der äußerst sporadische Kommunismus des Urchristentums
den Bestrebungen des modernen Kommunismus im tiefsten Wesen entgegengesetzt:
jener aus der Gleichgültigkeit gegen die irdischen Güter, dieser
gerade der allerstärksten Wertung derselben entsprungen.
Eine Mischform beider liegt
auch zeitlich zwischen ihnen: die sozialistisch-revolutionären Bewegungen
am Ende des Mittelalters waren zwar durchaus begehrlicher Natur, aber doch
wurden sie teilweise von asketischen Strömungen, mit ihrem Ideal
völliger Bedürfnislosigkeit, genährt.
In Hinsicht auf das Geld
freilich müssen diese letzteren aus dem bloßen jenseits der
materiellen Interessen herabsteigen und entschiedenere und positivere Formen
annehmen, da man auf dem Wege auch zum Unentbehrlichsten ihm immerwährend
begegnet und da der Erwerb seiner mehr Aufmerksamkeit und
Willensbeschäftigung fordert, als die daraufhin erfolgende Beschaffung des
Unterhaltes selbst.
Wer gegen diesen so
abgestumpft sein sollte, daß er wie jener Kirchenvater Wagenschmiere
für Butter aß, ohne es zu merken, kann dennoch, wenn er in einer
Zeit des Geldverkehrs überhaupt existieren will, für den Erwerb auch
der bescheidensten Summe sein Bewußtsein nicht in derselben Weise ablenken
lassen. Deshalb wird, wo prinzipiell nur Gleichgültigkeit gegen alles
Äußere herrscht, diese gerade dem Gelde gegenüber leicht in
wirklichen Haß übergehen.
Darauf wirkt, zweitens, der
versucherische Charakter des Geldes noch entschiedener ein.
Weil es in jedem Augenblick
zur Verwendung bereit ist, ist es der schlimmste Fallstrick der schwachen
Stunden, und da es alles zu beschaffen dient, so bietet es der Seele das ihr
jeweilig Verführerischste dar; und alles dies ist von um so unheimlicherer
Gefährlichkeit, als das Geld, so lange es wirklich bloß als Geld in
unseren Händen ist, das indifferenteste und unschuldigste Ding von der Welt ist.
So wird es für
asketische Empfindungsweisen das richtige Symbol des Teufels, der uns in der
Maske der Harmlosigkeit und Unbefangenheit verführt; so daß dem
Teufel wie dem Gelde gegenüber die einzige Sicherung im absoluten
Fernhalten liegt, in der Ablehnung jeglicher Beziehung, wie ungefährlich
sie auch scheine.
In der frühesten
Gemeinde Buddhas ist dies zum prinzipiellen Ausdruck gekommen.
Der Mönch, der in die
Gemeinde eintritt, gibt eben damit seinen Besitz überhaupt auf, wie er
seine Familienbeziehungen und seine Gattin aufgibt, und darf, gelegentliche
Ausnahmen abgerechnet, nichts weiteres als die kleinen Gegenstände des
täglichen Bedarfs besitzen, und auch diese eigentlich nur, wenn sie ihm
als Almosen zufließen.
Wie fundamental diese
Bestimmung war, zeigt der Name, mit dem sich die Mönche bezeichneten: die
Gemeinde der Bettler.
Indem sie täglich
erbettelten und nicht einmal durch ausgesprochene Bitten, sondern das Almosen
stillschweigend erwartend - was sie täglich bedurften, war die Bindung an
jegliches Eigentum soweit gelöst, wie es überhaupt möglich war.
Wie es bei gewissen arabischen Nomadenstämmen durch Gesetz verboten war,
Getreide zu säen, ein Haus zu bauen und ähnliches, damit keine
Verführung zur Seßhaftigkeit den Einzelnen den Lebensbedingungen des
Stammes untreu mache, so galt dasselbe in innerlicher Wendung von den buddhistischen
Mönchen.
Sie, die sich den
Vögeln vergleichen, die nichts mit sich tragen, als die Flügel, wohin
sie auch fliegen, dürfen kein Ackerland, kein Vieh, keine Sklaven zum
Geschenk nehmen.
Am strengsten aber ist dies
Verbot in bezug auf Gold und Silber. Der Wohltäter, der den Mönchen
ein Geldgeschenk zugedacht hat, darf es nicht ihnen geben, sondern einem
Handwerker oder Händler, der dann den Mönchen dafür die
Naturalien liefert, die sie annehmen dürfen.
Hat aber dennoch ein Bruder
Gold oder Silber angenommen, so muß er vor der Gemeinde Buße tun
und das Geld wird, wenn ein gutgesonnener Laie in der Nähe ist, diesem zum
Einkauf von Lebensmitteln gegeben; selbst darf kein Mönch dies besorgen.
Ist aber keiner gleich zur
Hand, so wird das Geld einem Mönche zum Fortwerfen überliefert, und
zwar einem, »der frei ist von Begehren, frei ist von Haß, frei von
Verblendung« und der so die Garantie gibt, daß er es auch wirklich
wegwirft.
Hier ist wenn auch mit der
eigentümlichen anämischen Gedämpftheit dieser gleichsam in einem
Gedanken erstarrten Seelen das Geld zu einem Gegenstand der Furcht und des
Abscheus, die Armut zu einem eifersüchtig gehüteten Besitz, zu einem
kostbaren Stück in dem Wertinventar dieses, aller Mannigfaltigkeit und
Interessiertheit der Welt abgewandten Daseins geworden.
Im Gelde
war der einheitliche Wert gegeben, mit dessen Ablehnung gerade alle Vielheit
der Welt abgelehnt war.
Die innere Formung, die
sich zum absoluten Werte der Armut aufgipfelt, wird nun mit reinster
Entschiedenheit und unvergleichlicher Leidenschaft von den ersten
Franziskanermönchen dargestellt.
Hier gilt es nicht nur eine
Reaktion gegen jene furchtbare Verweltlichung der italienischen Kirche des 12.
und 13. Jahrhunderts, die in der Simonie ihren gedrängtesten Ausdruck
gefunden hatte.
Auf Geld war alles gestellt
und für Geld alles zu haben, von der Papstwahl bis zur Einsetzung des
armseligsten Landpfarrers, von der großartigsten Klostergründung bis
zum Aussprechen der Formel, durch die Florentiner Priester den Wein, in dem
Mäuse ertrunken waren, wieder sühnten und genießbar machten.
Die Reformbewegung
hiergegen, die seit dem fünften Jahrhundert nie völlig unterbrochen
war, hatte freilich schon sonst die Armut als die ideale Forderung für den
Geistlichen laut werden lassen, weil damit der Verweltlichung der Kirche so
Wurzel wie Krone abgeschnitten wäre.
Allein zu einem
selbständigen Werte oder zu einem Korrelat der tiefsten inneren
Bedürfnisse wurde die Armut doch erst bei den Franziskanern.
Von der ersten Zeit des
Ordens sagt ein Spezialhistoriker: »In der Armut hatte die gente
poverella Sicherheit, Liebe und Freiheit gefunden: was Wunder, daß alles
Dichten und Trachten der neuen Apostel einzig der Bewahrung dieses
köstlichen Schatzes galt.
Ihre Verehrung kannte keine
Grenzen; mit der vollen Glut bräutlicher Liebe warben sie täglich
aufs neue um die Freundin ihres Herzens.« Die Armut wurde hier zu einem
positiven Besitz, der einerseits gleichsam den Erwerb der höchsten
Güter vermittelte, ihnen gegenüber das leistete, was das Geld den irdischen
Verächtlichkeiten gegenüber; wie dieses war sie das Reservoir, in das
die praktischen Wertreihen mündeten und aus dem sie sich wieder
nährten.
Andrerseits aber war die
Armut schon ganz unmittelbar eine Seite oder ein Ausdruck davon, daß dem
Entsagenden die Welt in einem höheren, dem höchsten Sinne
gehörte; er war eigentlich kein Entsagender, sondern in der Armut
besaß er den reinsten, feinsten Extrakt der Dinge, wie der Geizige ihn im
Gelde besitzt. Wie die buddhistischen Mönche sagten: «In hoher Freude
leben wir, die wir nichts besitzen; Fröhlichkeit ist unsere Speise, wie
den Göttern des Lichtreichs« , so charakterisierte man die
Franziskaner als nihil habentes, omnia possidentes.
Die Armut hat hier ihr
asketisches Wesen verloren: die inneren Güter, zu deren Gewinn sie die
negative Bedingung bildete, sind zu ihr selbst herabgestiegen, der Verzicht auf
das Mittel, das der Welt sonst als der volle Repräsentant ihrer Endzwecke
gilt, hat die gleiche Steigerung zu einem definitiven Werte erfahren.
Die ungeheure und
ausgreifende Macht des Prozesses, durch den das Geld aus seiner Mittlerstellung
zu der Bedeutung eines Absoluten aufsteigt, kann durch nichts ein
schärferes Licht erhalten als dadurch, daß die Verneinung seines
Sinnes sich zu der gleichen Form steigert.
Den Kreis dieser
Erscheinungen, die das Wesen des Geldes durch seine Reflexe beleuchten und
durchsichtig machen sollen, schließe ich mit zwei, auf den Höhen der
Geldkultur fast endemischen Vorkommnissen: dem Zynismus und der Blasiertheit,
beides Ergebnisse der Reduktion auf den Mittelwert Des Geldes, die sich die
spezifischen Werte des Lebens gefallen lassen müssen; sie bilden gleichsam
den Revers der Erscheinungen von Geiz und Geldgier, indem jene Reduktion sich
mit diesen in dem Aufwachsen eines neuen Endwertes, mit Zynismus und
Blasiertheit aber in dem Herabsetzen aller alten offenbart.
In ihnen vollendet sich die
Negativität der teleologischen Reihen, die das Geld schon in der
Verschwendung und der Lust an der Armut zustande gebracht hat sie vollendet
sich, indem sie jetzt nicht nur die Einzelheit der Werte, die bloß im
Gelde kristallisiert sind, sondern die Tatsache der Werte überhaupt
ergreift.
So wenig das, was wir heute
Zynismus nennen der fundamentalen Gesinnung nach etwas mit der griechischen
Lebensphilosophie, von der sein Name stammt, zu tun hat, so besteht doch eine,
wenn auch sozusagen perverse Beziehung zwischen beiden. Der antike Zynismus
hatte ein ganz positives Lebensideal: die unbedingte Seelenstärke und sittliche
Freiheit des Individuums.
Dies war ihm ein so
unbedingter Wert, daß ihm gegenüber alle Unterschiede sonst
anerkannter Werte zunichte wurden: ob jemand Herr oder Sklave ist, ob er seine
Bedürfnisse auf ästhetische oder unästhetische Weise befriedigt,
ob er ein Vaterland hat oder keins, ob er die Familienpflichten erfüllt
oder nicht das sei für den Weisen völlig gleichgültig, und zwar
nicht nur im Vergleich mit jenem absoluten Werte, sondern in dieser
Gleichgültigkeit offenbare sich gerade dessen Vorhandensein.
Für die jetzt als
zynisch bezeichnete Gesinnung scheint es mir entscheidend, daß auch
für sie keine Höhendifferenzen der Werte bestehen, und das im
allgemeinen Hochgewertete seine einzige Bedeutung darin hat, auf das Niveau des
Niedrigsten herabgezogen zu werden, daß aber der positive und ideelle
sittliche Endzweck dieser Nivellierung weggefallen ist.
Was für jene paradoxen
Abkömmlinge sokratischer Lebensweisheit ein Mittel oder ein
sekundäres Ergebnis war, ist hier das Zentrum geworden und hat sich dadurch
in seiner Bedeutung völlig geändert. Der Zyniker nun immer in dem
jetzigen Sinne offenbart sein Wesen am deutlichsten im
Gegensatz zu dem sanguinischen Enthusiasten.
Während bei diesem die
Kurve der Wertbewegung von unten nach oben geht und auch niedere Werte zu der
Bedeutung der höheren zu heben strebt, ist sie beim Zyniker umgekehrt
gerichtet: sein Lebensgefühl ist erst adäquat ausgedrückt, wenn
er die Niedrigkeit auch der höchsten Werte, den Illusionismus der
Wertunterschiede theoretisch und praktisch er wiesen hat.
Dieser Stimmung kann nichts
wirksamer entgegen kommen, als die Fähigkeit des Geldes, die höchsten
wie die niedrigsten Werte gleichmäßig auf eine Wertform zu
reduzieren und sie dadurch, um so verschiedene Arten und Maße derselben
es sich auch handeln mag, auf dasselbe prinzipielle Niveau zu bringen.
Auf keinem anderen
generellen Gebiete findet der Zyniker eine so triumphierende Rechtfertigung,
als hier, wo die feinsten, idealsten, persönlichsten Güter nicht nur
für jeden, der das nötige Geld hat, verfügbar sind, sondern,
noch viel bezeichnender, dem Würdigsten versagt bleiben, wenn er mittellos
ist, und wo die Bewegungen des Geldes die unsinnigsten Kombinationen zwischen
den personalen und den Sachwerten bewirken.
Die Pflanzstätten des
Zynismus sind deshalb die Plätze des großen, namentlich des
Börsenverkehrs, wo das Geld in Massen vorhanden ist und leicht den
Besitzer wechselt.
Je mehr hier das Geld
selbst zum alleinigen Interessenzentrum wird, je mehr man Ehre und
Überzeugungen, Talent und Tugend, Schönheit und das Heil der Seele
dagegen eingesetzt sieht, eine um so spöttischere und frivolere Stimmung
wird diesen höheren Lebensgütern gegen über entstehen, die
für dasselbe Wertquale feil sind wie die Güter des Wochenmarkts, und so
schließlich auch einen »Marktpreis« erhalten.
Der Begriff des
Marktpreises für Werte, die ihrem Wesen nach jede Schätzung
außer der an ihren eigenen Kategorien und Idealen ablehnen, ist die
vollendete Objektivierung dessen, was der Zynismus in subjektivem Reflex
darstellt.
Die andere Bedeutung der
Nivellierung, die nicht sowohl die Verschiedenwertigkeit, als die
Verschiedenartigkeit der Dinge trifft indem die zentrale Stellung des Geldes
das Interesse an das ihnen Gemeinsame, im Gegensatz zu ihrer individuellen
Ausbildungshöhe, heftet findet ihren personalen Ausdruck in der
Blasiertheit.
Während der Zyniker
sich durch das Wertgebiet doch noch zu einer Reaktion bewegen läßt,
wenn auch in dem perversen Sinn, daß er in der Bewegung der Werte von
oben nach unten einen Lebensreiz findet, ist der Blasierte, seinem freilich nie
ganz realisierten Begriffe nach, den Unterschieden des Wertempfindens
überhaupt abgestorben, er fühlt alle Dinge in einer
gleichmäßig matten und grauen Tönung, nicht wert, sich dadurch
zu einer Reaktion, ins besondere des Willens, aufregen zu
lassen.
Die entscheidende Nuance
ist hier also nicht die Entwertung der Dinge überhaupt, sondern die
Indifferenz gegen ihre spezifischen Unterschiede, da aus diesen gerade die
ganze Lebhaftigkeit des Fühlens und Wollens quillt, die sich dem
Blasierten versagt.
Über wen erst einmal
die Tatsache, daß man alle möglichen Mannigfaltigkeiten des Lebens
für eben dieselbe Geldsumme haben kann, innerlich Macht gewonnen hat, der
muß eben blasiert werden.
In der Regel gelten
erschöpfende Genüsse als die Ursache der Blasiertheit, und mit Recht,
indem die allzu starken Reize schließlich alle Reaktionsfähigkeit
aus den Nerven herauspumpen.
Allein damit ist der Kreis
der Blasiertheitserscheinungen noch nicht abgeschlossen.
Die Reize der Dinge
nämlich sind keineswegs nur die Ursachen der praktischen Betätigungen
zu ihrem Gewinne, sondern auch umgekehrt, Art und Maß der praktisch
erforderten Bemühung um sie bestimmen oft ihrerseits gerade die Tiefe und
Lebhaftigkeit ihres Reizes für uns.
Alle Individualisierungen
des Strebens, alle Verschlingungen der Wege, alle besonderen Anforderungen, die
der Erwerb des Gegenstandes stellt, werden auf diesen selbst als Besonderheiten
seines Wesens und seines Verhältnisses zu uns übertragen, werden als
Reize in ihm investiert; umgekehrt, auf je mechanischere und in sich
gleichgültigere Weise der Erwerb des Gegenstandes gelingt, desto farb- und
interesseloser erscheint er selbst wie eben allenthalben nicht nur das Ziel den
Weg, sondern auch der Weg das Ziel bestimmt.
Deshalb muß der immer
gleiche, keinem Gegenstande eine besondere Art der Beschaffung vorbehaltende
Erwerb für Geld seine Objekte vergleichgültigen, und zwar offenbar um
so gründlicher, je mehr der Reichtum diese praktische Reduktion der
Wertunterschiede auf immer mehr Gegenstände erstreckt.
So lange wir nicht in der
Lage sind, die Dinge zu kaufen, wirken sie noch mit ihren ganzen, ihren
Besonderheiten entsprechenden Reizen auf uns; sobald wir sie, vermöge
unseres Geldbesitzes, ganz selbstverständlich auf jede Anregung hin
erwerben, verblassen jene Reize nicht nur auf Grund des Besitzes und Genusses
selbst, sondern auch wegen des indifferenten, ihren spezifischen Wert
verlöschenden Weges zu ihrem Erwerb.
Dieser Einfluß ist
natürlich im einzelnen Fall unmerklich klein.
In dem Verhältnis
aber, das der Reiche zu den für Geld erwerbbaren Objekten hat, ja,
vielleicht schon in der Gesamtfärbung, die der öffentliche Geist
jetzt diesen Objekten allenthalben erteilt, ist er zu einer sehr merkbaren
Größe angehäuft.
So sind Zynismus und
Blasiertheit nur die Antworten zweier verschiedener, manchmal auch gradweise
gemischter Naturelle auf die gleiche Tatsache: bei zynischer Disposition erregt
die Erfahrung, wie vieles für Geld zu haben ist, und
der Induktionsschluß, daß schließlich Alles und Alle
käuflich sind, ein positives Lustgefühl, während für den
zur Blasiertheit Neigenden eben dasselbe Bild der Wirklichkeit ihr die letzten
Möglichkeiten raubt, ihm zum Reize zu werden.
Während deshalb der
Zyniker seine innere Lage in der Regel gar nicht abzuändern wünscht,
ist dies beim Blasierten doch oft genug der Fall: das Gattungsmäßige
in ihm verlangt nach den Lebensreizen, die seine individuelle Verfassung ihm
unfühlbar macht.
Daher die Begierde der
Gegenwart nach An- und Aufregungen, nach extremen Eindrücken, nach der
größten Raschheit ihres Wechsels einer jener typischen Versuche, den
Gefahren oder Leiden einer Situation durch quantitative Exaggerierung ihres
Inhaltes abzuhelfen; wodurch freilich eine augenblickliche Ablenkung von ihrer
sachlichen Bedeutung, nach kurzem aber das alte Verhältnis jetzt erschwert
durch das gestiegene Maß seiner Elemente, eintritt.
Wesentlicher aber ist,
daß die moderne Wertung des »Anregenden« als solchen an
Eindrücken, Beziehungen, Belehrungen, ohne daß man zu betonen
für nötig hielte, wozu es uns denn anrege, auch nur jenes
charakteristische Befangensein in den Mitteln verrät: man begnügt
sich mit diesem Vorstadium der eigentlichen Wertproduktion.
Da nun die Sucht nach
bloßen Anregungen als solchen die Folge der überhandnehmenden
Blasiertheit ist, der die natürliche Erregbarkeit mehr und mehr schwindet,
und da diese ihrerseits aus der Geldwirtschaft, mit ihrer Entfärbung aller
spezifischen Werte durch einen bloßen Mittelwert, entspringt, so haben
wir hier einen der interessanten Fälle, in denen die Krankheit dem
Heilmittel ihre eigene Form mitgeteilt hat.
Die Geldkultur bedeutet ein
solches Befangensein des Lebens in seinen Mitteln, daß auch die
Erlösung aus seinen Müdigkeiten wie selbstverständlich in einem
bloßen, seine Endbedeutung verschweigenden Mittel: in der Tatsache des
»Anregenden« schlechthin gesucht wird. .
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