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Die Quantität des
Geldes als seine Qualität. Die subjektiven
Unterschiede der Risikoquoten.
Allgemeine Erscheinung qualitativ ungleichmässiger Folgen von
quantitativ abgeänderten Ursachen.
Die Schwelle des
ökonomischen Bewusstseins.
Die
Unterschiedsempfindlichkeit in Hinsicht wirtschaftlicher Reize.
Die Verhältnisse
zwischen äusseren Reizen und Gefühlsfolgen auf dem Gebiet des Geldes.
Bedeutung der personalen
Einheit des Besitzers.
Das sachliche und das
kulturelle Verhältnis von Form und Quantum, von Quantität und
Qualität der Dinge und die Bedeutung des Geldes für dasselbe.
Ich habe oben einmal
erwähnt, dass Geldgier und Geiz, so sehr sie in der Mehrzahl der
Fälle vereinigt auftreten, dennoch begrifflich und psychologisch genau zu
unterscheiden sind.
Und tatsächlich gibt
es auch Erscheinungen, die sie in Sonderung zeigen; das Tempo des Weges zum
Gelde hin zeigt vielfach eine völlige Unabhängigkeit von dem des
Weges vom Gelde weg, und zwar keineswegs nur da, wo Geldgier und Geiz im
engeren Sinne in Frage stehen, sondern schon auf den Stufen, auf denen die
inneren Bewegungen noch nicht die Grenze des Normalen überschritten haben.
Das wird hauptsächlich
durch jene illegitime Höhersetzung des Geldes in der Zweckreihe bewirkt,
die, weil sie kein sachliches Mass in sich hat, ihre Bedeutung vielfach
ändert, so dass das Geld, solange es noch zu gewinnen ist, ganz andere
Wertgefühle weckt, als wenn es sich um seine Weggabe für weitere
Objekte handelt.
Die Spannung des
Wertgefühls dem Gelde gegenüber, die den Weg zu ihm begleitete,
lässt mit seiner Erreichtheit nach, was man so ausgedrückt hat, dass
die meisten Menschen als Konsumenten das Gesetz der Wirtschaftlichkeit nicht so
genau beobachten, wie sie es als erwerbende Geschäftsleute tun.
Aus dieser Erfahrung
heraus, dass wir im Erwerben strenger, exakter, weniger leichtsinnig sind, als
im Ausgeben, stammt vielleicht eine Bestimmung des altjüdischen Rechtes.
Nach ihm hat im allgemeinen
bei Geldstreitigkeiten stets der Verklagte zu schwören.
Nur dem Krämer wird an
einer Stelle im Talmud ausnahmsweise zugestanden, den betreffenden Vermerk
seines Ladenbuches zu beschwören.
In gewissen
Verhältnissen tritt jener Wechsel von Kontraktion und Remission der
Geldwertung an Fürsten hervor, die, wie Ludwig XI. und viele andere, im
Eintreiben ihrer Einkünfte von äusserster Strenge, im Ausgeben
derselben aber durchaus liberal sind.
Im grossen und ganzen wird
indessen eine Proportion zwischen dem Tempo des Erwerbens und dem des Ausgebens
nicht zu leugnen sein.
Deshalb gibt niemand das
Geld leichter und leichtsinniger aus als der Spieler, der Goldgräber und
die Demi-Monde; und die ruinöse Finanzwirtschaft Spaniens seit Karl V. hat
man auf die relative Arbeitslosigkeit geschoben, mit der die Edelmetalle
Amerikas den Spaniern anheimfielen.
Jenes: »wie gewonnen,
so zerronnen« weist nicht nur auf die objektive
Struktur der Wirtschaft hin, die allerdings die Sicherheit des Erworbenen nur
als Preis einer gewissen Solidität des Erwerbes zu setzen pflegt: die
Berufe des besonders leichten und schnellen Erwerbes enthalten in ihren
objektiven Umständen auch schon die Kanäle, durch die das Erworbene
wieder abzufliessen die natürliche Tendenz und Chance hat.
Seine wirksamere
Begründung aber hat das Sprichwort in der psychologischen Verfassung: je
schneller die teleologische Reihe bis zum Punkte des Geldgewinnes abläuft,
desto weniger Gefühle von Kraftaufwand und Bedeutsamkeit sind in ihm
summiert, desto oberflächlicher und deshalb leichter lösbar haftet er
also im Wertzentrum, desto eher also lassen wir ihn wieder aus der Hand.
Wenn aber auch so der
aufwärts und der abwärts führende Abschnitt der Reihe einen
gemeinsamen Charakter grösserer oder geringerer Spannung tragen, so bleibt
doch zwischen ihnen selbst die Differenz, dass das Geld, solange es noch nicht
gewonnen ist, den Wert eines Endzwecks besitzt, den es zu verlieren pflegt,
sobald es nun wirklich gewonnen und in seinem blossen Mittelscharakter - wo der
Geiz dies nicht verhindert - empfunden ist.
Ich habe diesen Wendepunkt
zwischen den beiden Abschnitten der teleologischen Reihe hervorgehoben, weil an
ihm ein äusserst wesentlicher Zug des Geldes eine sehr entschiedene
Sichtbarkeit erreicht.
Solange nämlich das
Geld als nächstes und einziges Strebensziel das Bewusstsein erfüllt,
hat es für dieses gewissermassen noch eine Qualität.
Wir wüssten zwar nicht
recht zu sagen, was für eine, allein die Interessiertheit des Willens, die
Konzentrierung der Gedanken darauf, die Lebhaftigkeit der daran geknüpften
Hoffnungen und Bewegungen strahlen es mit einer Wärme an, die ihm selbst
sozusagen einen farbigen Schimmer leiht und uns den Begriff des Geldes
überhaupt, noch abgesehen von der Frage nach dem Wieviel, bedeutsam macht.
So entwickeln sich alle
unsere praktischen Wünsche: solange sie unerreicht vor uns stehen, reizt
uns das ganze Genus als solches, so dass wir uns sogar oft genug der
Täuschung hingeben, irgendein noch so geringfügiges Mass desselben,
insofern es eben nur diese Sache ist, diesen Begriff darstellt, werde uns
dauernd befriedigen.
Unsere Begehrung geht zunächst
auf das Objekt seinem qualitativen Charakter nach, und das Interesse an der
Quantität, in der jene Bestimmtheit sich darstellt, macht in der Regel
seine Wichtigkeit erst geltend, wenn die Qualität schon in irgendeinem
Masse verwirklicht und empfunden ist.
Diese typische Entwicklung
unserer Interessen ergreift das Geld in einer besonders modifizierten Weise.
Da es nichts ist, als das
an sich gleichgültige Mittel zu konkreten und grenzenlos mannigfaltigen
Zwecken, so ist allerdings seine Quantität die
einzige, vernünftigerweise uns wichtige Bestimmtheit seiner; ihm
gegenüber steht die Frage nicht nach dem Was und Wie, sondern nach dem
Wieviel.
Dieses Wesen oder diese
Wesenlosigkeit des Geldes tritt aber wie gesagt in voller psychologischer
Reinheit in der Regel erst hervor, wenn es erlangt ist; nun, bei dem Umsatz in
definitive Werte, macht sich erst ganz geltend, wie über die Bedeutung des
Geldes, d. h. über seine Mittlerkraft, ausschliesslich sein Quantum
entscheidet.
Bevor die teleologische
Reihe an diesen Punkt gelangt und so lange das Geld ein blosser Gegenstand des
Verlangens ist, tritt vermöge der Gefühlsbetonung, die ihm als einem
allgemeinen Begriff gilt, sein reiner Quantitätscharakter vor seinem
generellen und gewissermassen qualitativ empfundenen Wesen zurück ein
Verhältnis, das beim Geize chronisch wird, weil er die teleologische Reihe
nicht über diesen kritischen Punkt hinausgelangen lässt, so dass der
Geizige allerdings an das Geld dauernd Gefühle wie an ein Wesen von qualitativen
und spezifischen Reizen knüpft.
Die Beschränkung des
Geldinteresses aber auf die Frage des Wieviel, anders ausgedrückt: dass
seine Qualität ausschliesslich in seiner Quantität besteht, hat
vielerlei für uns wichtige Folgen.
Zunächst die, dass die
Quantitätsunterschiede des Geldbesitzes für den Besitzer die
erheblichsten qualitativen Unterschiede bedeuten.
Das ist eine so triviale
Tatsache der Erfahrung, dass ihre Hervorhebung sinnlos wäre, wenn nicht
immer wieder die Versuchung wirkte, den reinen Quantitätscharakter des
Geldes gerade umgekehrt auszulegen, seine Bedeutungen und Wirksamkeiten
mechanisch, d. h. die höheren durch Multiplikationen der niederen,
vorzustellen.
Ich will zunächst
einen ganz äusserlichen Fall als Beweis dafür erwähnen, wie tief
eingreifend nach der Seite qualitativer Folgen hin quantitative Unterschiede in
den Kondensierungen des Geldes sind.
Die Ausgabe kleiner
Banknoten hat einen ganz anderen Charakter, als die grosser.
Die kleinen Leute, die
hauptsächlich die Inhaber der kleinen Note sind, sind nicht so leicht
imstande, sie zur Einlösung zu präsentieren, wie die Besitzer grosser
Noten, während andrerseits, wenn einmal eine Panik ausbricht, sie
ungestümer und besinnungsloser auf Rückzahlung drängen, oder
ihre Noten à tout prix fortgeben.
In derselben Beweisrichtung
wirkt die folgende, mehr prinzipielle Überlegung.
Alle Geldaufwendungen zu
Erwerbszwecken zerfallen in zwei Kategorien: mit Risiko und ohne Risiko.
Abstrakt betrachtet sind
zwar in jeder einzelnen beide Formen enthalten, wenn man etwa vom reinen
Hazardspiel absieht; denn auch die wildeste sonstige Spekulation muss zwar mit
einer sehr starken Entwertung, aber doch nicht der Nullifizierung des
Spekulationsobjektes rechnen, während andrerseits auch
das solideste Erwerbsgeschäft immer irgendeinen Risikozusatz birgt.
Praktisch aber kann in sehr
vielen Fällen der letztere einfach als unendlich kleine Grösse
vernachlässigt werden, so dass man von jedem Geschäft sagen kann, es
sei mit ihm entweder nichts riskiert, oder ein bestimmter Teil des
Anlagekapitals, bzw. des Vermögens des Subjekts stehe auf dem Spiele.
Nun scheint es
vernünftig, die Grösse dieses eventuell verlierbaren Einsatzes durch
die beiden objektiven Faktoren bestimmen zu lassen: den Wahrscheinlichkeitsbruch
des Verlustes und die Höhe des eventuellen Gewinnes.
Es ist offenbar
irrationell, 100 Mk. an ein Geschäft zu wagen, bei dem die Verlustchance =
1/2 ist und der höchstmögliche Gewinn 25 Mk. beträgt; es scheint
aber unter allen Umständen rationell, unter den gleichen Bedingungen 20
Mk. zu wagen.
Allein diese objektive
Berechnung reicht tatsächlich nicht aus, die Vernunft oder Unvernunft in
dem Risiko einer bestimmten Summe auszumachen.
Es tritt vielmehr noch ein
personaler Charakter hinzu: innerhalb jeder ökonomischen Lage gibt es
einen gewissen Bruchteil des Besitzes, der vernünftigerweise
überhaupt nicht riskiert werden darf, gleichgültig, eine wie hohe und
wie wahrscheinliche Gewinnchance dafür einzutauschen wäre.
Jenes verzweifelte
Aufs-Spiel-Setzen des Letzten, das damit begründet zu werden pflegt, dass
man »nichts mehr zu verlieren habe«, zeigt durch diese
Begründung, dass man auf Rationalität des Verfahrens
ausdrücklich verzichtet habe.
Setzt man eine solche aber
voraus, so tritt die Frage nach der objektiven Wahrscheinlichkeit des Gelingens
einer Spekulation erst jenseits eines bestimmten Teilstriches innerhalb jedes
Vermögens in ihr Recht.
Das Quantum unterhalb
dieser Grenze darf vernünftigerweise auch nicht um eine grosse zu
gewinnende Summe und bei einer sehr geringen Verlustwahrscheinlichkeit aufs
Spiel gesetzt werden, so dass diese objektiven, sonst das Recht des Risikos
begründenden Faktoren hier ganz gleichgültig werden.
Die Geldform der Werte
verführt leicht zu einem Verkennen dieser wirtschaftlichen Forderung, weil
sie jene in sehr kleine Abschnitte zerlegt und dadurch auch den
Minderbegüterten in ein Risiko hineinlockt, in das er prinzipiell nicht
eintreten dürfte.
Dies hat sich z. B.
äusserst charakteristisch an den Goldaktien über ein Pfund Wert
gezeigt, die die Minengesellschaften Transvaals und Westaustraliens ausgegeben
haben.
Durch ihren relativ sehr
geringen Betrag und die sehr grosse Gewinnchance ist diese Aktie in Kreise
gedrungen, die sonst der Börsenspekulation völlig fernbleiben
mussten; einigermassen ähnlich verhält es sich mit der italienischen
Lotterie, während die moderne Aktiengesetzgebung vieler Staaten dieser
Gefahr für den Volkswohlstand durch die Festsetzung
eines ziemlich hohen Minimums für den Nennwert jeder zu emittierenden
Aktie zu begegnen sucht.
Wenn ein spekulativer Wert,
Unternehmen, Anleihe usw. in sehr kleinen Anteilen angeboten wird, so
täuscht die objektive Geringfügigkeit derselben, d. h. ihre
Geringfügigkeit im Verhältnis zu dem Gesamtbetrage leicht
darüber, dass sie subjektiv, d. h. im Verhältnis zu dem Vermögen
des Erstehers, recht bedeutend sind.
Und die weitere Tatsache,
dass mit einer objektiv so kleinen Summe überhaupt ein spekulativer Gewinn
zu machen ist, lässt manchen vergessen, dass seine Verhältnisse ihm
nicht das Risiko dieser Summe erlauben.
Das Tragische dabei ist,
dass Leute, deren Einkommen nur das Existenzminimum gewährt und die
deshalb überhaupt nichts riskieren dürften, solchen Versuchungen
gerade am stärksten unterworfen sind.
Nicht nur der auf
Wahrscheinlichkeit basierte Gewinn ist demjenigen, dessen Lage einen solchen
eigentlich am nötigsten macht, gerade durch die Logik dieser Lage versagt,
sondern auch die auf Wahrscheinlichkeit basierte Sicherung gegen Verluste, die
gerade diese Lage am wenigsten ertragen kann.
Von der Versicherung der
Dienstherrschaften, durch die sie sich die gesetzliche Verpflegung der
Dienstboten in Krankheitsfällen für eine relativ kleine Prämie
abkaufen, machen gerade ärmere Familien oft keinen Gebrauch.
Ihnen zwar ist die
Versorgung der erkrankten Dienstboten besonders schwer, und doch lassen sie es
gerade darauf ankommen, weil bei sehr geringem Einkommen der sichere Aufwand
einer kleinen Summe unerträglicher erscheint, als die blosse Chance eines
viel höheren - so irrationell dies auch rein rechnerisch sein mag.
Ersichtlich liegt innerhalb
des Einkommens oder Vermögens jene Grenze, von der an das Risiko
wirtschaftlich zu rechtfertigen ist, um so niedriger, d. h. sie lässt
einen um so grösseren Teil für spekulative Zwecke frei, je besser die
Persönlichkeit situiert ist - und zwar nicht nur einen absolut
grösseren, was sich von selbst versteht, sondern auch einen relativ, d. h.
im Verhältnis zum Gesamteinkommen grösseren.
Auch besteht diese Differenz
nicht etwa nur zwischen ganz hohen und ganz tiefen pekuniären Lagen,
sondern schon geringe Differenzen derselben können unter übrigens
gleichen Umständen die Rechtfertigung differenter Risikoquoten merkbar
machen.
Dies ist nicht nur ein
weiterer Beitrag zu dem oben behandelten Superadditum des Reichtums - denn
offenbar hat ein Vermögen um so grössere Chance, sich zu vermehren,
ein je grösserer Teil davon ohne Erschütterung der ökonomischen
Existenz des Besitzers spekulativ angelegt werden kann - sondern es zeigt auch,
wie das Geld durch die blossen Unterschiede seiner Quantität einen ganz
verschiedenen qualitativen Charakter annimmt und das wirtschaftliche Geldwesen
qualitativ ganz verschiedenen Formen unterstellt.
Die ganze äussere, ja
innere Bedeutung einer Geldsumme ist eine andere, je nachdem sie unterhalb oder
oberhalb jenes Teilstriches steht; welches von beiden aber der Fall ist,
hängt ausschliesslich davon ab, mit welchem Quantum sonst vorhandenen
Geldbesitzes zusammen sie das Vermögen des Besitzers ausmacht. Mit dem
Wechsel seines Quantums gewinnt es völlig neue Qualitäten
Dies ordnet sich
schliesslich einer sehr allgemeinen Form des Verhaltens der Dinge ein, die ihre
auffälligste Erfüllung auf psychologischem Gebiet findet.
Es handelt sich darum, dass
quantitative Steigerungen von Erscheinungen, die als Ursachen wirken, nicht
immer die gleichmässige, entsprechende Steigerung ihrer Folgen
hervorrufen.
Vielmehr, derjenige
Stärkezuwachs der Ursache, der einen bestimmten Zuwachs der Folge
veranlasste, kann auf höheren Stufen derselben Skala nicht mehr zu dem
gleichen zureichen, sondern es wird bei absolut gesteigerten Massen einer sehr
gesteigerten Einwirkung bedürfen, um nur den gleichen Effekt zu erzielen.
Ich erinnere etwa an die
häufige Erscheinung, dass Betriebsmittel, die auf einem neu erschlossenen
Erwerbsgebiet ein bestimmtes Erträgnis geben, später sehr vermehrt
werden müssen, um eben dasselbe zu erzielen; oder an die Wirkung von
Medikamenten, die sich anfangs durch eine geringe Erhöhung der Dosierung
erheblich steigern lässt, während spätere, objektiv gleiche
Vermehrungen nur sehr verminderte Wirkungen ausüben; oder an die
Beglückung, die in beengten Vermögensverhältnissen ein Gewinn
hervorruft, nach dessen kontinuierlicher Fortsetzung schliesslich dem gleichen
Gewinnquantum gar keine Glücksreaktion mehr entspricht.
Das häufigst
behandelte Beispiel betrifft die sogenannte Schwelle des Bewusstseins:
äussere Reize, die unsere Nerven treffen, sind unterhalb einer gewissen
Stärke überhaupt nicht merkbar; mit Erreichung derselben lösen
sie plötzlich Empfindungen aus, ihre bloss quantitative Steigerung
schlägt in eine Wirkung von äusserst qualitativer Bestimmtheit um; in
mancherlei Fällen aber erreicht die Steigerung auch wieder in bezug auf
diese Wirkung eine obere Grenze, so dass die einfache Fortsetzung der
Reizverstärkung über diese hinaus die Empfindung wieder verschwinden
lässt.
Hiermit ist schon auf die
zugespitzteste Form jener Diskrepanz zwischen Ursache und Wirkung hingewiesen,
die durch die bloss quantitative Steigerung der ersteren veranlasst wird: auf
das direkte Umspringen der Wirkung in ihr Gegenteil.
An dem obigen Beispiel der
Medikamente findet auch dies statt: insbesondere durch homöopathische
Versuche steht es fest, dass durch rein quantitative Abänderungen der
Dosierung bei einem und demselben Patienten eine direkte
Gegensätzlichkeit der Wirkungen erzielt werden kann; auch bei
Elektrisationen ist beobachtet, dass häufigere Wiederholungen den Erfolg in
sein Gegenteil und wieder in das Gegenteil des Gegenteiles umschlagen liessen.
Dass fast alle
lustbringenden Sinnesreize durch blosse Häufung und Verstärkung nach
einer anfänglichen Hebung des Lustgefühles zu einer Aufhebung
desselben und zu positiven Schmerzen führen können, ist eine
alltägliche Erfahrung von grosser und typischer Bedeutung.
Endlich zeigt sich die
Inkommensurabilität zwischen dem objektiven, veranlassenden Reize und der
subjektiven Empfindung, die er auslöst, auch in folgender Weise.
Sehr niedrige
ökonomische Werte, die aber zweifellos Werte sind, regen uns dennoch oft
nicht zu demjenigen Verhalten an, das sonst dem ökonomischen Wert als
solchem entspricht.
Es gibt geldwerte Objekte,
deren Geldwert vielfach überhaupt nicht gerechnet wird, gar nicht als
Faktor in die Operation mit ihnen eintritt, z. B. Postmarken.
Man mutet fremden Leuten,
von denen man sonst nicht für einen Pfennig Wert verlangen dürfte
oder würde, Antwort auf Anfragen zu, an denen sie selbst gar kein
Interesse haben, und das Hinzufügen der Antwortmarke wird man einem
Gleichstellenden gegenüber kaum wagen.
Auch wer sonst mit Groschen
überlegt sparsam umgeht, pflegt an eine Briefmarke oder auch einen
Strassenbahngroschen weniger Sparsamkeitsbedenken zu knüpfen, als an vieles
andere Gleichwertige.
Es scheint eine freilich
nach dem Vermögen und dem Temperament des Subjekts sehr verschieden
liegende Schwelle des ökonomischen Bewusstseins zu geben, derart, dass
ökonomische Reize, welche unterhalb derselben bleiben, gar nicht als
ökonomische empfunden werden.
Dies ist wohl eine
Erscheinung, die allen höheren Gebieten gemeinsam ist.
Denn diese entstehen doch,
indem sonst schon vorhandene und merkbare Elemente zu einer neuen Form
zusammengehen und dadurch zu einer Bedeutung erhoben werden, die sie bisher
nicht kannten: so werden die Dinge zu Gegenständen des Rechts, des
ästhetischen Genusses, der philosophischen Betrachtung - Dinge, deren
längst bekanntem Inhalt so eine neue Seite zuwächst.
Dazu aber, dass dies
geschieht, wird in vielen Fällen ein bestimmtes Quantum solcher Elemente
vorausgesetzt; bleiben sie unterhalb desselben, so steigen sie nicht zu den
höheren und relativ schwer reizbaren Schichten des Bewusstseins auf, in
denen jene Kategorien wohnen.
So mögen z. B. gewisse
Farben oder Farbenkombinationen mit voller Deutlichkeit wahrgenommen werden -
aber ein ästhetisches Gefallen erregen sie doch nicht, wenn die von ihnen
eingenommenen Flächen nicht eine erheblichere
Ausdehnung haben; vorher sind es einfache Tatsächlichkeiten, die zwar die
Schwelle des sinnlichen Bewusstseins, aber nicht die des ästhetischen
überschreiten.
So gibt es eine historische
Schwelle, die die merkwürdige Unproportionalität zwischen personalen
Energien und ihren historischen Erfolgen bewirkt.
Es hat viele indische
Asketen gegeben, die ganz ähnliches wie Gotama lehrten - aber nur dieser
ist der Buddha geworden; sicher vielerlei jüdische Lehrer, deren Predigten
nicht viel von der Jesu abwichen - aber nur dieser hat die Weltgeschichte bestimmt.
Und so überall: die
Bedeutungen der Persönlichkeiten bilden eine kontinuierliche Skala, aber
es gibt in ihr einen Punkt, oberhalb dessen erst die geschichtliche Wirkung
einer Persönlichkeit einsetzt, während die unterhalb dieser Bedeutsamkeitsschwelle
verbleibenden nicht eine entsprechend geringere, sondern nun überhaupt
keine Wirkung ausüben und völlig verschallen.
Noch höher hinauf
vielleicht liegt die Schwelle des philosophischen Bewusstseins.
Dieselben Erscheinungen,
die in minimer Quantität zu den verfliessenden Gleichgültigkeiten des
Tages gehören, in etwas höherer vielleicht ästhetische
Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können in gewaltigen und erregenden
Dimensionen zu Gegenständen philosophischer oder religiöser Reflexion
werden.
Ähnlich hat auch das
Gefühl des Tragischen eine Quantitätsschwelle.
Vielerlei
Widersprüche, Unzulänglichkeiten, Enttäuschungen, die als
Einzelheiten täglichen Lebens gleichgültig sind oder gar einen
humoristischen Zug haben, gewinnen ein tragisches und tief beängstigendes
Wesen, sobald wir ihre ungeheure Verbreitung, die Unvermeidlichkeit ihrer
Wiederholung, die Färbung nicht nur dieses, sondern jedes Tages durch sie
uns zum Bewusstsein bringen.
Auf dem Gebiete des Rechts
wird die Tatsache der Schwelle durch das Prinzip: minima non curat praetor -
markiert.
Der Diebstahl einer
Stecknadel ist etwas quantitativ zu Geringfügiges - so entschieden er
qualitativ und für das logische Bewusstsein eben doch Diebstahl ist -, um
den komplizierten psychologischen Mechanismus des Rechtsbewusstseins in
Bewegung zu setzen: auch dieses hat also eine Schwelle, so dass unterhalb
derselben verbleibende Reizungen, obgleich sie andere Bewusstseinsprovinzen
sehr wohl erregen mögen, keinerlei psychisch-juridische Reaktion - ganz
abgesehen von der staatlichen - wecken.
Aus der Tatsache, dass auch
das ökonomische Bewusstsein mit einer spezifischen Schwelle ausgestattet
ist, erklärt sich die allgemeine Neigung, statt einer einmaligen
grösseren Aufwendung lieber eine fortlaufende Reihe kleinerer zu machen,
deren einzelne man »nicht merkt«.
Wenn daher schon Pufendorf
dem Fürsten vorschlägt, er solle lieber auf viele Gegenstände je
eine geringe Steuer legen, statt auf einen einzigen eine
hohe, da das Volk sich sehr schwer vom Gelde trenne (fort dur à la
desserre sei), so macht diese Begründung ihren Angelpunkt gar nicht
namhaft; denn das Geld hergeben muss das Volk in der einen Form so gut wie in
der anderen; nur dass die einzelne Hergabe in der einen unterhalb der Schwelle
des ökonomischen Bewusstseins bleibt und so die einzelne hergegebene Summe
nicht ebenso in die Kategorie des wirtschaftlichen Rechnens, Empfindens,
Reagierens aufsteigt - gerade wie zwei Gewichte, deren jedes unterhalb der
Schwelle des Druckbewusstseins bleibt, nacheinander auf die Hand gelegt, gar
keine Empfindung auslösen, dies aber sogleich tun, wenn sie gleichzeitig
wirken.
Lässt sich dies als
ein passiver Widerstand an unseren einfachen oder komplizierten Empfindungen
denken, nach dessen Überwindung sie den Einfluss erst dem Bewusstsein
übermitteln, so kann nun dieser Widerstand auch ein aktiverer werden.
Man kann sich vorstellen,
unsere aufnehmenden physisch-psychischen Organe befänden sich in jedem
gegebenen Moment in einem Zustand von Bewegtheit bestimmter Richtung und
Stärke, so dass die Wirkung eines eintretenden Reizes von dem
Verhältnis abhängt, das die von ihm ausgehende innere Bewegung zu
jener vorgefundenen besitzt: sie kann sich dieser gleichgerichtet einordnen, so
dass sie ungehemmte Ausbreitungsmöglichkeit gewinnt, sie kann ihr auch
zuwiderlaufen, so dass sie in ihrer Wirkung ganz oder teilweise aufgehoben wird
und sozusagen das empfindende Organ erst nach Überwindung eines positiven
Widerstandes in der ihr eigenen Richtung zu bewegen vermag.
Das durch diese Vorstellung
bezeichnete Verhalten begegnet nun der weiteren Tatsache, die wir als
Unterschiedsempfindlichkeit bezeichnen: wir besitzen in der Empfindung kein
Mass für absolute, sondern nur für relative Grössen, d. h. nur
durch den Unterschied einer Empfindung von der andern können wir jeder ein
Mass bestimmen.
Diese Erfahrung - deren
Modifikationen hier ausser acht bleiben können und die für uns nur
soweit, wie auch ihre Kritiker sie zugeben, zu gelten braucht - ist ersichtlich
das Fundament der ganzen oben besprochenen Erscheinungsreihe.
Denn wenn - so hat man dies
an einem einfachsten Beispiel ausgedrückt - eine Bewegung im Tastnerven
von der Stärke 1 um 1/3 zugenommen hat, so ist dies das nämliche, wie
wenn eine Bewegung von der Stärke 2 um 2/3 zugenommen hätte.
Die Tatsache also, dass wir
die gleiche Reaktion an den relativ gleichen Unterschied von dem gegebenen
Empfindungszustand knüpfen, bewirkt es, dass die objektiv gleichen Reize
sehr verschiedene subjektive Folgen haben.
Je weiter die Empfindung,
die ein neuer Reiz fordert, von der vorgefundenen Verfassung des Empfindens abweicht, als desto stärker und merklicher wird sie
zum Bewusstsein kommen.
Dies kreuzt sich nun, wie
erwähnt, mit der Tatsache, dass der Reiz oft erst eine, seiner Richtung
entgegenstehende Stimmung unserer physisch-psychischen Organe zu
überwinden hat, ehe er sich für unser Bewusstsein geltend machen
kann.
Denn während
gemäss jener Unterschiedsempfindlichkeit der Reiz um so merklicher ist, je
weiter er von dem vorhergehenden Zustand absteht, so ist er nach dem andern
Prinzip - bis zu einer gewissen Grenze - um so unmerklicher, je differenter
seine Richtung von der der bestehenden inneren Bewegungen ist.
Das hängt mit der
Beobachtung zusammen, dass Empfindungen bei gleichbleibendem Reize eine
gewisse, wenn auch sehr kurze Zeit brauchen, ehe sie auf ihre Höhe
gelangen.
Während die erstere
Erscheinungsreihe auf die Tatsache der Ermüdung zurückgeht - der Nerv
antwortet auf den zweiten gleichartigen Reiz eben nicht mehr mit gleicher
Energie, weil er durch den ersten ermüdet ist - zeigt die letztere, dass
sich die Ermüdung keineswegs unmittelbar an die Reizreaktion anschliesst,
sondern dass zunächst diese Reaktion sich bei unverändertem Reize wie
aus sich selber akkumuliert - vielleicht aus dem angeführten Grunde, dass
erst ein Widerstand der perzipierenden Organe überwunden werden muss, ehe
der Reiz die Höhe erreicht, von der er freilich durch die nun eintretende
Ermüdung wieder herabsinkt.
Dieser Dualismus der
Wirkungen tritt auch an den komplizierten Erscheinungen sehr deutlich hervor.
Eine Veranlassung zu Freude
z. B., in das Leben eines im ganzen unglücklichen Individuums eintretend,
wird von demselben mit einer leidenschaftlichen Reaktion, unverbrauchten
eudämonistischen Energien, stärkstem Sichabheben gegen den dunklen
Hintergrund seiner sonstigen Existenz empfunden werden; andrerseits aber
bemerken wir, dass auch zur Freude eine gewisse Gewöhnung gehört,
dass der Glücksreiz gar nicht recht aufgenommen wird, wenn die Seele sich
schon an fortwährend entgegengesetzte Erfahrungen angepasst hat.
Insbesondere feinere
Lebensreize prallen zunächst wirkungslos von einem inneren, durch Not und
Leid bestimmten Lebensrhythmus ab, und die Stärke ihres Empfundenwerdens,
die gerade der Gegensatz zu jenem voraussetzen liess, stellt sich erst nach
längerer Summierung der eudämonistischen Momente ein.
Wenn diese nun andauert und
die gesamte Verfassung der Seele schliesslich in die ihr entsprechende Rhythmik
oder Struktur übergeführt hat, so wird das Reizquantum, zu dessen
voller Perzeption es damals nicht kam, derselben auch jetzt, und zwar aus der
gerade entgegengesetzten Konstellation heraus, entbehren: weil jetzt eine
derartige eudämonistische Gewöhnung eingetreten ist, dass der zur Merklichkeit erforderte Unterschied mangelt.
Diese Antinomie
äussert ihre grosse teleologische Bedeutung auch im wirtschaftlichen
Leben; die Unterschiedsempfindlichkeit treibt uns aus jedem gegebenen Zustand
zum Erwerb neuer Güter, zur Produktion neuer Geniessbarkeiten; die
Begrenzung der Unterschiedsempfindlichkeit durch den zu überwindenden
passiven oder aktiven Widerstand der bestehenden organischen Verfassung zwingt
uns, diese neue Richtung auch mit andauernder Energie zu verfolgen und den Gewinn
der Güter bis zu erheblicherer Quantität fortzusetzen.
Dieser Steigerung aber
setzt die Unterschiedsempfindlichkeit wieder ihre obere Grenze, indem die
Gewöhnung an diesen bestimmten Reiz ihn abschwächt und schliesslich
den Zuwachs nicht mehr empfinden lässt, sondern zu qualitativ neuen
forttreibt.
In derselben Weise wie hier
die Steigerung der Objektquanten, gleichmässig fortschreitend, eine
Alternierung innerer Folgen bewirkt, können die Geldwerte der Dinge durch
ihre einfache Erhöhung zu einem Umschlagen der Begehrungen ihnen
gegenüber führen.
Zunächst wird ein
Gegenstand, der gar nichts oder nur ein Minimum kostet, sehr oft eben deshalb
überhaupt nicht gewertet und begehrt; sobald sein Preis steigt, entsteht
dann auch seine Begehrenswürdigkeit und hebt sich eine Weile mit jenem bis
zu einem äussersten Reizpunkte.
Wird dann der Preis immer
noch weiter gesteigert, so dass die Erwerbung für den Betreffenden ausser
Frage tritt, so wird das erste Stadium dieses Verzichts vielleicht die
grösste Leidenschaft des Verlangens zeigen, dann aber wird eine Anpassung
an ihn, ein Niederkämpfen der unnützen Sehnsucht eintreten, ja, nach
dem Typus der »sauren Trauben« eine direkte Aversion gegen das doch
nicht Erreichbare.
Auf sehr vielen Gebieten
knüpft sich ein solcher Wechsel des positiven und negativen Verhaltens an
die quantitative Änderung der ökonomischen Forderung.
Der Steuerdruck, der auf
dem russischen Bauern lastet, wird als Ursache seiner schlechten, primitiven
und wenig intensiven Wirtschaft angegeben: der Fleiss lohne sich für ihn
nicht, da er doch nichts übrig behalte als das nackte Leben.
Offenbar würde ein
etwas geringerer Druck, der ihm bei sehr fleissiger Arbeit einen Gewinn liesse,
ihn gerade zu möglichst intensiver Bewirtschaftung veranlassen; sänken
aber die Abgaben noch mehr, so würde er vielleicht wieder zu seiner
früheren Trägheit zurückkehren, wenn er nun schon mit dieser
einen Ertrag hätte, der allen Bedürfnissen seines Kulturniveaus
genügte.
Oder ein anderes Beispiel:
wenn eine Klasse oder ein Individuum zu niedriger Lebenshaltung gezwungen ist
und deshalb nur rohe und gemeine Freuden und Erholungen kennt, so führt
ein etwas erhöhtes Einkommen nur dazu, diese Genüsse häufiger
und ausgedehnter zu suchen; wird es nun aber sehr erheblich
höher, so steigen die Ansprüche an den Genuss in eine generell andere
Sphäre.
Wo z. B. die Schnapsflasche
die Hauptfreude bildet, werden erhöhte Löhne zu gesteigertem
Schnapsverbrauch führen; werden sie aber noch weiter und bedeutend
erhöht, so wird sich das Bedürfnis nach ganz anderen Kategorien von
Genüssen einstellen.
Endlich kommt es hier zu
einer aller Analyse spottenden Komplikation durch den Umstand, dass die
Bewusstseinsschwellen für die verschiedenen Lust- und Schmerzgefühle
offenbar ganz verschieden hoch liegen.
Auf physiologischem Gebiet
zunächst haben neuere Untersuchungen den immensen Unterschied der
Schmerzempfindlichkeit ergeben, der zwischen den Nerven verschiedener
Körperteile besteht und für einige das Sechshundertfache des Schwellenwertes
anderer aufweist, und zwar charakteristischerweise so, dass der Schwellenwert
für die Druckempfindlichkeit eben derselben Stellen gar kein konstantes
Verhältnis zu jenem besitzt.
Nun ist es allerdings
äusserst misslich, die Schwellenwerte für verschiedenartige
höhere und nicht-sinnliche Gefühle zu vergleichen, weil ihre
veranlassenden Momente ganz heterogen und nicht so nach ihren Quanten zu
vergleichen sind wie mechanische oder elektrische Reize der Sinnesnerven.
Trotzdem hiermit jede
Messung ausgeschlossen erscheint, wird man die ungleichmässige Reizbarkeit
auch der höheren Gefühlsprovinzen zugeben und damit - da die bisher
fraglichen Lebenssituationen immer eine Vielheit solcher betreffen - die
ungeheuere und für die Theorie undurchdringliche Mannigfaltigkeit der
Verhältnisse zwischen äusseren Bedingungen und innerer
Gefühlsfolge.
Gerade die durch den
Geldbesitz bestimmten Gefühlsschicksale mögen allein einen
annähernden Einblick in diese Schwellenwerte und Proportionalitäten
gestatten.
Denn das Geld wirkt als
Reiz auf alle möglichen Gefühle und kann dies, weil sein
qualitätloser, unspezifischer Charakter es von jedem in eine so grosse
Entfernung stellt, dass es zu allen eine Art gleichmässigen
Verhältnisses gewinnt; freilich wird dies Verhältnis nur selten ein
unmittelbares sein, sondern vermittelnder Objekte bedürfen, die nach einer
Seite hin unspezifisch sind - insoweit sie nämlich für Geld zu haben
sind -, nach der andern Seite hin aber spezifisch, indem sie bestimmte
Gefühle auslösen.
Dadurch, dass wir am Geld
die Genusswerte der damit beschaffbaren spezifischen Objekte vorempfinden, dass
der Reiz derselben auf das Geld übertragen und von ihm vertreten wird -
haben wir am Geld den einzigen Gegenstand, in bezug auf den die Schwellenwerte
der einzelnen Genussempfindlichkeiten eine Art von Vergleichbarkeit
erhalten.
Der Grund, der hier dennoch
ein gegenseitiges Messen auszuschliessen scheint, liegt auf der Hand: die
ausserordentliche Verschiedenheit in den Geldwerten derjenigen Dinge, die auf
den verschiedenen Gebieten das als gleich beurteilte Genussquantum erzeugen.
Wenn die Genussschwelle in
der aufsteigenden Geldreihe für einen Gourmand, einen Büchersammler,
einen Sportsman ganz verschiedene Höhen zeigt, so liegt dies nicht daran,
dass die hierbei ins Spiel kommenden Genussenergien verschieden reizbar
wären, sondern dass die Gegenstände, die sie in gleichem Masse
reizen, sehr verschieden teure sind.
Dennoch wäre es
denkbar, dass die Zufälligkeit der Schwellenwerte zwischen Geldquanten und
eudämonistischen Erfolgen einer Ausgleichung zustrebte, mindestens in dem
Sinn, dass es für die Individuen (oder auch für die Typen)
charakteristisch wird, welchen Geldwert die erkaufbaren Objekte oder
Eindrücke besitzen, die für sie die Genussschwelle
überschreiten.
Diese Entwicklung wird
durch die Tatsache eingeleitet, dass, zunächst für unsere
gefühlsmässige Taxierung, Angemessenheit oder Unangemessenheit des
Preises eines Objekts sich nicht nur an dem anderweitig geforderten Preise des
gleichen ergibt, sondern auch an den ganz andern absoluten Preisen von
qualitativ ganz andern Warengattungen; die Ausgleichung hiervon bedeutet das
Aufwachsen eines gleichmässigen Geldpreisstandards, der sicher erst das
Endergebnis sehr vieler subjektiver und zufälliger Schwankungen ist.
Soweit wir z. B. die
ökonomischen Verhältnisse der früheren palästinischen Juden
kennen, frappieren sie durch ausserordentliche Billigkeit gewisser Artikel und
enorme Preise für andere.
Das Verhältnis zu den
jetzigen Preisen ist ein so schwankendes, nicht auf einen rationalen Ausdruck
zu bringendes, dass man nicht sagen kann (und vielleicht von keiner Periode des
Altertums), der allgemeine Geldwert sei um so und so viel anders als der
jetzige gewesen.
Denn es hat einen solchen
damals überhaupt nicht gegeben.
Diese Erscheinung will man
durch die ökonomische Kluft zwischen Reichen und Armen erklären, die
durch keine Ambitionen der letzteren in bezug auf Lebenshaltung verringert
wurde: die unteren Stände seien eben von einer sehr grossen und stabilen
Genügsamkeit gewesen, so dass gewisse Waren von ihnen prinzipiell nicht
begehrt wurden; es hätten sich also zwei ganz verschiedene
Geldpreisstandards herausgebildet: für das, was die Armen bezahlen konnten
und wollten, und das, was die Domäne der Reichen war, denen es auf das
Geld nicht ankam; das sei vielleicht bei allen älteren Völkern mehr
oder weniger der Fall gewesen.
Im Anschluss daran wird nun
betont, dass gemäss den sozialen Anschauungen der neueren Zeit die
mittleren Stände es in Bezug auf Kleidung, Nahrung,
Bequemlichkeiten, Vergnügungen den höheren gleichtun wollen und die
niederen den mittleren.
Dies erst habe die
Möglichkeit eines einheitlichen und allgemeinen Geldwertes ergeben.
Man könnte nach dieser
Richtung hin den Weg der ökonomischen Kultur so formulieren: sie gehe
dahin, das ursprünglich Billige zu verteuern und das ursprünglich
Teure zu verbilligen.
Diese Ausgleichung zeigt
sich zunächst nach der objektiven Seite hin und findet ihre wahrhaft
wunderbare Erscheinung in der »Durchschnittsprofitrate«.
Durch eine fast
unglaubliche und gar nicht als bewusster Verlauf nachzuweisende Anpassung aller
wirtschaftlichen Faktoren aneinander ist erreicht, dass die nach ihrem
Material, ihren Arbeitsbedingungen, ihren Erträgnisquanten
verschiedenartigsten und voneinander unabhängigsten Betriebe in der
ausgebildeten Wirtschaft den in ihnen investierten Kapitalien dennoch die
-ceteris paribus - gleiche Rente liefern!
Dass eine ebensolche
Ausgleichung für die subjektiv-eudämonistischen Erfolge der Geldwerte
sich herstelle, kommt natürlich angesichts der individuellen
Differenziertheit der Menschen nicht in Frage, wohl aber könnte,
vermöge der allmählichen Ausdrückbarkeit aller Objekte in Geld
und der allmählichen Herstellung eines durchgehenden Geldpreisstandards,
einer gleichmässigen Bedeutung des Geldes für alle Waren -
vermöge dieser könnte der Kulturprozess sich einem verwandten Zustand
nähern: auf der Quantitätsskala des Geldes könnten eventuell
gewisse Punkte als Äquivalente derjenigen Objekte hervortreten, die
für ein bestimmtes Individuum oder einen Typus entweder die
ökonomische Schwelle oder die Genussschwelle oder die
Blasiertheitsschwelle bezeichnen.
Auf diesem, durch seine
Komplikation und seine Individualisiertheiten schwierigsten Gebiet der
Schwellenerscheinungen zeigt sich immerhin das Geld als das einzige Objekt,
das, durch seinen rein quantitativen Charakter und sein gleichmässiges
Verhalten zu allen Verschiedenheiten der Dinge, noch am ehesten die Möglichkeit
gibt, die mannigfaltigsten Reizbarkeiten in eine einheitliche Reihe
zusammenzuordnen.
Ausserdem aber weisen
gewisse Vorkommnisse auf eine ganz unmittelbare Bedeutung hin, die das Geld
für die Schwelle des ökonomischen Bewusstseins hat, und zwar derart,
dass das Bewusstsein überhaupt erst auf einen geldmässigen Reiz hin
als spezifisch ökonomisches reagiert.
Spiessbürgerliche
Engherzigkeit lehnt die Zumutung altruistischer Hingabe eines Objekts oft mit
der Begründung ab, der Gegenstand habe doch Geld gekostet - dies wird
wirklich als rechtfertigende Begründung dafür empfunden, dass man
hier nach dem hart egoistischen Prinzip blosser Ökonomie verfahre! Ebenso
suchen törichte Eltern ihre Kinder von mutwilligen Zerstörungen
dadurch zurückzuhalten, dass sie betonen, die Dinge
hätten doch Geld gekostet!
Statt den Kindern den Wert
der Objekte selbst klarzumachen, beginnen sie die ökonomische Reaktion
erst auf die Vorstellung des aufgewendeten Geldes hin.
In sehr bezeichnender Weise
tritt dies bei zwei äusserlich ganz entgegengesetzten Erscheinungen
hervor.
Geschenke werden von vielen
Seiten erst als voll gerechnet, wenn der Schenker Geld dafür ausgegeben
hat; zu schenken, was man selbst besitzt, erscheint als schäbig,
illegitim, unzureichend.
Nur bei ganz feinsinnigen
und hochstehenden Menschen begegnet es, dass sie ein Geschenk am höchsten
schätzen, das der andere selbst besessen hat.
Das Bewusstsein also, dass
der Geber ein Opfer für ihn gebracht hat, tritt dort bei dem Beschenkten
erst ein, wenn dieses Opfer in Geldform gebracht ist.
Andrerseits wirkt doch
gerade ein Geldgeschenk in höheren Kreisen direkt deklassierend, und auch
dienende Personen, Kutscher, Boten usw. sind oft weit erkenntlicher für
eine Zigarre als für ein Trinkgeld, das vielleicht den dreifachen Wert
jener hat.
Hier ist das Entscheidende,
dass die Gabe eben nicht als ökonomische wirken darf oder dass wenigstens
das Zurücktretenlassen ihres ökonomischen Charakters als besondere
Kordialität wirkt.
In dem ersteren wie in
diesen Fällen reizt also der Wert erst in der Geldform das Bewusstsein als
ökonomisches, und je nach den Empfindungen, die dies weiterhin
auslöst, wird das gleiche Verfahren erwünscht oder perhorresziert
sein.
In eine so kontinuierliche
Reihe die ausgebildete Geldwirtschaft die wirtschaftlichen Objekte fügen
mag - zwischen diesen und dem Geld selbst schafft sie (was Warengeldepochen
weniger tun werden) einen so generellen Unterschied, dass das Entstehen einer
gerade nur auf den Geldwert reagierenden Bewusstseinsschwelle durchaus
erklärlich wird.
Ein anderer Grund, der die
Erscheinungen der Bewusstseinsschwelle in besonders merkbare Beziehung zum
Gelde setzt, ist dieser.
Das Bestehen und die
Summierung von Ursachen, deren eigentlich proportionale Wirkung ausbleibt, um
erst oberhalb einer gewissen Grenze einzutreten, wird um so ausgedehnter sein
und diese Grenze um so höher hinaufrücken lassen, je unbewegter, in
sich stabiler das ganze System ist, in dem der Vorgang sich abspielt.
So kann man bekanntlich
Wasser bis erheblich unter den Nullpunkt abkühlen, ohne dass es gefriert,
wenn man es nur vor jeder Bewegung bewahrt, während die leiseste
Erschütterung es sofort zu Eis werden lässt; so kann man die Hand in
allmählich erhitztem Wasser halten, weit über den sonst
erträglichen Grad hinaus, wenn man nur jede Bewegung ihrer oder des
Wassers vermeiden kann; so rufen, auf höheren und komplizierten Gebieten,
vielerlei Einflüsse und Verhältnisse die ihnen entsprechende Gefühlsreaktion erst dann hervor, wenn unser ganzes Wesen,
vielleicht von einem ganz anderen Punkte her, aufgerüttelt wird; sowohl
der Besitz von Werten wie die Entbehrung derselben oder die Unwürdigkeit
gewisser Situationen können lange bestehen und sich sogar allmählich
steigern, ehe wir uns der Bedeutung davon bewusst werden; es muss erst ein
Anstoss erfolgen, der die inneren Elemente sich gleichsam aneinander reiben
lässt, so dass wir uns ihrer wirklichen Stärke gerade an ihren jetzt
erst bemerkten Relationen oder Unterschieden gegen alle anderen bewusst werden.
Ja, Gefühle wie Liebe
und Hass können lange in uns leben und gleichsam unterirdisch sich
akkumulieren und gewisse verkleidete Wirkungen üben, bis irgendein
Anstoss, meistens eine Unterbrechung der äusseren Regelmässigkeit der
Beziehungen, jene Gefühle in das Bewusstsein hinein explodieren lässt
und ihnen nun erst die ihnen zukommende Ausbreitung und Folgenreichtum
verschafft.
Nach demselben Typus
verlaufen auch soziale Entwicklungen.
Sinnlosigkeiten und
Missbräuche schleichen sich nicht nur in einmal konsolidierte Verfassungen
ein, sondern sie häufen und steigern sich unterhalb der Schwelle des
sozialen Bewusstseins, oft bis zu einem Grade, dessen Ertragenwerden man von
dem Augenblick an nicht mehr begreift, in dem ein allgemeines Aufräumen,
oft auf ganz andersartige Anregungen hin, jene Missstände zum Bewusstsein
gebracht hat.
Oft sind es bekanntlich
erst die Erschütterungen durch einen äusseren Krieg, die die
Widersprüche und eingerotteten Schäden eines Staates offenbar machen.
Dies begründet z. B.
die schon sonst hervorgehobene Beobachtung, dass sehr krasse soziale
Unterschiede, unversöhnliche Höhenabstände der Klassen
voneinander, in der Regel mit sozialem Frieden Hand in Hand gehen.
Der Ruf nach ausgleichenden
Reformen oder Revolutionen pflegt sich erst zu erheben, wenn die Starrheit der
Klassenschranken sich gemildert hat und lebhaftere Bewegungen innerhalb der
Gesellschaft gewisse vermittelnde und Übergangserscheinungen, eine Seh-
und Vergleichungsnähe zwischen den Ständen erzeugt haben.
Sobald dies aber geschehen
ist, tritt den unteren Klassen ihre Unterdrücktheit, den oberen teils die
sittliche Verantwortung dafür, teils der Trieb, ihren Besitzstand zu
verteidigen, ins Bewusstsein, und der soziale Friede ist unterbrochen.
Innerhalb der Geldwirtschaft
nun ist die Bewegtheit des Lebenssystems, durch die das Bewusstsein zu
Unterschieds- und Schwellenempfindungen gereizt wird, eine ganz besonders
verbreitete und lebhafte.
Die Fixierung von
Verhältnissen, die den gesteigerten Veranlassungen zu Bewusstseinsreaktionen
diese Folge vorenthält, wird bei ihrer Begründung auf Geld immerzu
unterbrochen, weil alle solche etwas Labiles und der
Ruhelage Widerstrebendes haben, und zwar insbesondere, weil das Geld keine
sachliche Beziehung zu Persönlichkeiten hat und nicht, wie eine Rangstufe
oder eine Deklassierung, wie ein Beruf oder ein moralischer Wert, eine
Gefühlsbeziehung oder eine Tätigkeit, gleichsam an jene
anwächst.
Alle auf solche
Lebensinhalte gegründeten Verhältnisse haben wegen der relativen
Festigkeit, mit der sie den Personen zugehören, eine Art von
Stabilität und setzen dem Einfluss abändernder Elemente eine gewisse
Trägheit entgegen, die erst bei einer erheblichen Summierung jener ihnen
die ganz proportionierte Folge verschafft.
Das Geld dagegen, das wegen
seiner Qualitätlosigkeit auch zu keiner qualitativ bestimmten
Persönlichkeit als solcher eine Beziehung hat, gleitet ohne innere
Widerstände von der einen ab und zur anderen hin, so dass die darauf
gegründeten Verhältnisse und Zustände jeder Veranlassung zu
Änderungen leicht Lind adäquat nachgeben, oder, unser jetziges
Interesse genauer ausdrückend: dass die Summierungserscheinungen des
Geldes, die den Charakter blosser Quantität am reinsten an sich darstellen,
zugleich am häufigsten und deutlichsten ihre Wirkungen auf die inhaltliche
Bestimmtheit des Lebens fühlbar machen werden.
Die am Geld so häufig
auftretenden Schwellenerscheinungen machen aber nur die Gesamtbestimmung seiner
deutlicher, zu der jenes Superadditum gehörte, ja, dieses ist im Grunde
nur eine einzelne aus den so charakterisierten Erscheinungen.
Denn es sagt doch aus, dass
die Bedeutung von mehr Geld nicht nur in einem proportionalen Vielfachen der
Bedeutung von weniger Geld besteht, sondern dass dieser Bedeutungsunterschied,
trotz der rein quantitativen Änderung seines Substrates, ein Umschlagen in
qualitativ neue, ja entgegengesetzte Folgeerscheinungen darbietet.
Diese Tatsache hat eine
zwar selbstverständliche, aber der Erörterung dennoch bedürftige
Voraussetzung.
Man kann jene selbst doch
so ausdrücken: jede Geldsumme hat, auf eine Mehrheit von Personen
verteilt, eine andere qualitative Bedeutung, als wenn sie sich in einer Hand
befindet.
Die Einheit der
Persönlichkeit ist also das Korrelat oder die Bedingung für alle
Quantitätsunterschiede des Besitzes und ihre Bedeutung; das Vermögen
juristischer Personen steht ersichtlich wegen der Einheitlichkeit seiner
Verwaltung in der hier fraglichen funktionellen Hinsicht auf derselben Stufe.
Auch wo man von einem
Volksvermögen spricht, ist das nur möglich, insofern man das Volk als
ein einheitliches besitzendes Subjekt denkt, bzw. die auf die einzelnen
Bürger verteilten Besitze durch die Wechselwirkung, die sie innerhalb der
nationalen Wirtschaft eingehen, als so einheitlich vorstellt, wie das
Vermögen eines Individuums durch solche
Wechselwirkungen (Einteilung, Rücksichten der Einzelaufwendung auf das
Ganze, Balance zwischen Einnahme und Ausgabe usw.) zu einer praktischen Einheit
zusammengeht.
Das Geld, als ein nur
seiner Quantität nach bedeutsamer Wert, tritt an sich in einem extensiven
Nebeneinander auf, so dass jede Summe, um eine zu sein, um als Einheit zu
wirken, eines ihr äusserlichen Prinzips bedarf, das die einzelnen
Teilquanten in Zusammenhang und Wechselwirkung, kurz, in eine Einheit zwingt.
Wie die einzelnen
Vorstellungsinhalte dadurch das Bild einer Welt ergeben, dass sie sich in einer
persönlichen Bewusstseinseinheit zusammenfinden, und wie eben dadurch die
Summe der Weltelemente mehr als eine blosse Summe wird, jeder Teil und das
Ganze eine neue Bedeutung über das blosse Nebeneinander hinaus
erhält: so wirkt die Einheit des persönlichen Besitzers auf das Geld
und verleiht dem durch sie zusammengehaltenen Quantum erst jene Möglichkeit,
sein Mehr oder Weniger in qualitative Bedeutung umzusetzen.
Der Erkenntniswert hiervon
wird vielleicht im Anschluss an eine Bestimmung der Grenznutzentheorie
deutlicher.
Man kann dieselbe doch etwa
folgendermassen kurz zusammenfassen.
Jegliches Teilquantum eines
Gütervorrates hat den Wert des am niedrigsten bewerteten, d. h. zur
entbehrlichsten Nutzung verwandten Teiles.
Denn wenn ein beliebiger
Teil verloren ginge, so würde man vernünftigerweise mit dem Rest alle
wichtigeren Bedürfnisse decken und nur das unwichtigste ungedeckt lassen;
welcher Teil also auch entbehrt werden müsste, es wäre der
unwichtigste.
Der Wert eines
Gütervorrates ist also nicht bestimmt durch den Nutzen, den man
tatsächlich aus ihm zieht, d. h. nicht durch die Summe der sehr
verschieden hohen Nutzungen seiner einzelnen Bestandteile, sondern durch den
Nutzen des am wenigsten nutzbaren Teiles, multipliziert mit der Anzahl solcher
gleich grossen Teile überhaupt.
Von dieser Theorie wird nun
ganz allgemein eine Ausnahme zugegeben, nämlich da, wo eine Summe von
Gütern eine Einheit bildet und als solche einen gewissen Nutzeffekt
entfaltet, der nicht gleich der Summe der Nutzungen ihrer einzelnen Teile ist.
Es habe z. B., so
hören wir, der Bestand eines Waldes einen Einfluss auf Klima und
Witterung, damit auf die Bodenfruchtbarkeit, die Gesundheit der Bewohner, die
Beständigkeit eines Teiles des Volksreichtums usw., kurz, er habe als
ganzer einen Wert, von dem kein noch so geringer Bruchteil gerechnet werde,
wenn man den Nutzen des einzelnen Baumes anschlüge.
So sei auch der Wert einer
Armee nicht nach dem Grenznutzen des einzelnen Soldaten, der eines Flusses
nicht nach dem Grenznutzen der einzelnen Wassertropfen zu beurteilen.
Der hiermit gezeichnete
Unterschied ist auch derjenige, der für das
Vermögen eines Individuums gilt.
Eine Million, im Besitz
eines Menschen, verschafft ihm nicht nur ein Ansehen und eine soziale
Qualifikation, die etwas ganz anderes ist, als das tausendmalige Vielfache der
entsprechenden Bedeutung eines Besitzers von tausend Mark; sondern, diese
subjektive Folge begründend, ist der objektive wirtschaftliche Wert einer
Million nicht aus dem Grenznutzen etwa ihrer tausend Teile zu tausend Mark zu
berechnen, sondern bildet eine darüber stehende Einheit, wie der Wert
eines einheitlich handelnden Lebewesens über dem seiner einzelnen Glieder.
Ich habe im vorigen Kapitel
ausgeführt, dass der Geldpreis eines Gegenstandes, aus wie vielen
Münzeinheiten er auch bestehe, dennoch als eine Einheit wirke: eine
Million Mark, sagte ich, seien zwar an und für sich ein bloss additionales
Konglomerat zusammenhangsloser Einheiten; dagegen als Wert etwa eines Landgutes
seien sie das einheitliche Symbol, Ausdruck oder Äquivalent seiner
Werthöhe und absolut nicht ein blosses Nebeneinander einzelner
Werteinheiten.
Diese sachliche Bestimmung
findet hier nun ihr personales Korrelat: die Beziehung auf die Einheit einer
Person verwirklicht die Quantität des Geldes als Qualität, seine
Extensität als Intensität, die aus dem bloss summierenden Nebeneinander
seiner Bestandteile nicht erzielbar wäre.
Vielleicht lässt sich
das auch so ausdrücken.
Das Geld, als das rein
arithmetische Zusammen von Werteinheiten, kann als absolut formlos bezeichnet
werden.
Formlosigkeit und reiner
Quantitätscharakter sind eines und dasselbe; insofern Dinge nur auf ihre
Quantität angesehen werden, wird von ihrer Form abgesehen -- was am
deutlichsten geschieht, wenn man sie wägt.
Deshalb ist das Geld als
solches der fürchterlichste Formzerstörer: denn welche Formungen der
Dinge a, b und c auch der Grund sein mögen, dass sie alle den Preis m
kosten, so wirkt die Unterschiedenheit derselben, also die spezifische Form
eines jeden, in den so fixierten Wert ihrer nicht mehr hinein, sie ist in dem
m, das nun a, b und c gleichmässig vertritt, untergegangen und macht
innerhalb der wirtschaftlichen Schätzung gar keine Bestimmtheit dieser
mehr aus.
Sobald das Interesse auf
den Geldwert der Dinge reduziert ist, wird ihre Form, so sehr sie diesen Wert
veranlasst haben mag, so gleichgültig, wie sie es für ihr Gewicht
ist.
In dieser Richtung liegt
auch der Materialismus der modernen Zeit, der selbst in seiner theoretischen
Bedeutung irgend eine Wurzelgemeinschaft mit ihrer Geldwirtschaft haben muss:
die Materie als solche ist das schlechthin Formlose, das Widerspiel aller Form,
und wenn sie als das alleinige Prinzip der Wirklichkeit gilt, so ist an dieser
ungefähr der gleiche Prozess vollzogen, wie ihn die Reduktion auf den
Geldwert an den Gegenständen unseres praktischen
Interesses zuwege bringt.
Ich werde noch öfters
davon zu sprechen haben, wie - in tiefem Zusammenhang mit der
Schwellenbedeutung der Geldquanten - das Geld in ausserordentlich hohen Summen
eine besondere, der leeren Quantitätshaftigkeit sich enthebende, gleichsam
individuellere Gestalt gewinnt.
So nimmt, auch schon rein
äusserlich, seine Formlosigkeit mit steigender Masse relativ ab: die
kleinen Stücke des frühesten italischen Kupfergeldes blieben
ungeformt oder erhielten höchstens eine rohe runde oder kubische Gestalt;
dagegen die grössten wurden durchgängig in viereckige Barrenform
gegossen und gewöhnlich auf beiden Seiten mit einer Marke versehen.
In der prinzipiellen
Formlosigkeit eben des Geldes als Geldes schlechthin aber wurzelt die
Feindseligkeit zwischen der ästhetischen Tendenz und den Geldinteressen.
Jene geht so sehr auf die
blosse Form, dass man bekanntlich den eigentlich ästhetischen Wert z. B.
aller bildenden Künste in die Zeichnung gesetzt hat, die als reine Form
sich in jedem beliebigen stofflichen Quantum unverändert ausdrücken
könne.
Das ist nun zwar als Irrtum
zugegeben, ja, noch viel weitergehend, als es bisher anerkannt ist, wird man
sagen müssen, dass die absolute Grösse, in der eine Kunstform sich
darstellt, ihre ästhetische Bedeutung aufs erheblichste beeinflusse, und
dass diese letztere durch jede kleinste Änderung der quantitativen Masse,
bei absoluter Formgleichheit, sogleich modifiziert werde.
Aber darum bleibt doch der
ästhetische Wert der Dinge nicht weniger auf ihrer Form, d. h. auf dem Verhältnis
ihrer Elemente zueinander, haften, wenngleich wir jetzt wissen, dass der
Charakter und die Wirkung dieser Form durch das Quantum, an dem sie wirklich
wird, sehr wesentlich mitbestimmt wird.
Es ist vielleicht
bezeichnend, dass zwar ausserordentlich viele Sprichwörter, aber von den
unzähligen Volksliedern nur wenige sich mit dem Gelde, trotz seiner
lebenbeherrschenden Bedeutung, zu befassen scheinen und dass selbst, wo um
einer Münzveränderung willen ein Aufstand ausbrach, die bei dieser
Gelegenheit entstehenden und im Volke verbreiteten Lieder die Münzsache
selbst meistens beiseite lassen.
Es bleibt immer der
unversöhnliche und für alle ästhetischen Interessen
entscheidende Antagonismus der Betonung: ob man die Dinge nach dem Wert ihrer
Form oder nach dem Wieviel ihres Wertes fragt, sobald dieser Wert ein bloss
quantitativer, alle Qualität durch eine blosse Summe gleichartiger
Einheiten ersetzender ist.
Man kann sogar direkt
sagen, dass, je mehr der Wert eines Dinges in seiner Form beruht, sein Wieviel
um so gleichgültiger wird.
Wenn die grössten
Kunstwerke, die wir besitzen, etwa der delphische Wagenlenker und der
Praxitelische Hermes, der Frühling von Botticelli und
die Mona Lisa, die Mediceergräber und Rembrandts Altersporträts - in
tausend völlig ununterscheidbaren Exemplaren existierten, so wäre das
zwar für das Glück der Menschheit ein grosser Unterschied, aber der
ideale, objektiv ästhetische, oder wenn man will: kunstgeschichtliche Wert
wäre dadurch absolut nicht über denjenigen Grad hinaus gesteigert,
den das eine, jetzt vorhandene Exemplar darstellt.
Anders ist es schon mit
kunstgewerblichen Gegenständen, bei denen die ästhetische Form eine
völlige Einheit mit dem praktischen Gebrauchszweck bildet, so dass oft
sogar die vollendetste Herausarbeitung dieses letzteren als der eigentliche
ästhetische Reiz wirkt.
Hier ist es für den
ganzen so geschaffenen Wert wesentlich, dass der Gegenstand auch gebraucht
werde, und deshalb wächst seine ideale Bedeutung mit seiner Verbreitung:
in dem Masse, in dem das Objekt ausser seiner Form noch anderen Wertelementen
Raum gibt, wird auch das Wievielmal seiner Verwirklichung wichtig.
Das ist auch der tiefste
Zusammenhang zwischen der ethischen Werttheorie Nietzsches und der
ästhetischen Stimmung seines Wesens: der Rang einer Gesellschaft bestimmt
sich ihm nach der überhaupt in ihr erreichten Höhe der Werte, wie
einsam sie auch sei, nicht aber nach dem Verbreitungsmass von schätzbaren
Qualitäten - wie der Rang einer Kunstepoche nicht von der Höhe und
dem Quantum guter Durchschnittsleistungen, sondern nur von der Höhe der
höchsten Leistungen abhängt.
So neigt der Utilitarier,
dem es allein auf die ganz greifbaren Ergebnisse des Handelns ankommt, zum
Sozialismus, mit seiner Betonung der Vielen und der Verbreitung
erwünschter Lebensmomente, während der idealistische Ethiker, dem die
- mehr oder weniger ästhetisch ausdrückbare - Form des Tuns am Herzen
liegt, eher Individualist ist oder wenigstens, wie Kant, die Autonomie des
Einzelnen vor allem betont.
So ist es doch auch auf dem
Gebiet des subjektiven Glückes.
Von den äussersten
Aufgipfelungen des Lebensgefühles, die gleichsam für das Ich seine
vollste Ausprägung in dem Stoff des Daseins bedeuten, empfinden wir oft,
dass sie sich gar nicht zu wiederholen brauchen.
Dies einmal genossen zu
haben, gibt dem Leben einen Wert, der durch das Noch-Einmal eben desselben
durchaus nicht verhältnismässig gesteigert wird.
Gerade solche Augenblicke,
in denen das Leben ganz individuelle Zuspitzung geworden ist und den Widerstand
der Materie - im weitesten Sinne seinem Fühlen und Wollen völlig
unterworfen hat, bringen eine Atmosphäre mit sich, die man als
Seitenstück der Zeitlosigkeit, der species aeternitatis bezeichnen
könnte: eine Erhebung über die Zahl, wie dort über die Zeit.
Und wie ein Naturgesetz
seine Bedeutung für Charakter und Zusammenhang der Welt nicht von der Zahl
seiner Verwirklichungsfälle entlehnt, sondern von der
Tatsache, dass es überhaupt da ist, dass es, und kein anderes, gilt - so
haben die Momente der höchsten Erhebung des Ich ihren Sinn für unser
Leben darin, dass sie überhaupt einmal da waren, ohne dass eine
Wiederholung, die ihrem Inhalt nichts hinzufügte, diesen Sinn vermehren
könnte.
Kurz, allenthalben macht
die Zuspitzung der Wertgefühle auf die Form gegen ihre
Quantitätsmomente gleichgültiger, während ihre Formlosigkeit
gerade auf diese als wert-entscheidende hinweist.
Solange noch nicht so
grenzenlos viele Zweckreihen sich im Geld schneiden, wie auf den Höhen der
geldwirtschaftlichen Kultur, und noch nicht fortwährendes Zerbröckeln
und Wieder-Summieren jede Eigenstruktur seiner atomisiert und in absolute
Flexibilität übergeführt hat - begegnen Erscheinungen, in denen
das Geld noch spezifische Form zeigt.
Das ist da der Fall, wo
eine höhere Summe nicht durch addierte kleinere ersetzt werden kann.
Ansätze dazu zeigt
schon der Naturaltauschverkehr: bei manchen Völkern darf etwa Vieh nur
gegen Eisen und Zeuge, nicht aber gegen - sonst tauschwertvollen - Tabak
vertauscht werden.
Anderwärts, z. B. auf
der Insel Yap, haben die ausserordentlich mannigfaltigen Geldsorten (Knochen,
Perlmutterschalen, Steine, Glasstücke usw.) eine Rangordnung.
Trotzdem nämlich
feststeht, ein wie Vielfaches der niederen Geldsorten die höheren gelten,
so dürfen doch gewisse wertvollere Dinge, wie Boote oder Häuser,
nicht etwa mit entsprechend vielen niederen Geldstücken, sondern
müssen mit einer für jedes Objekt bestimmten, im Range hochstehenden
Geldsorte bezahlt werden.
Für den Kauf von
Frauen finden wir gleichfalls diese Beschränkung auf eine bestimmte
Geldqualität, die nicht durch eine Quantität anderer ersetzbar ist,
in Gültigkeit.
Und auch in umgekehrter
Richtung gilt eben dieselbe: an einigen Stellen wird das Gold nie verwendet, um
grössere Quanten geringerer Waren, sondern ausschliesslich um besonders
kostbare Dinge einzukaufen.
Dieser Erscheinungskreis
entspricht nicht etwa der Bestimmung unserer Goldwährung, nach der
Zahlungen oberhalb einer gewissen Höhe in Gold verlangt werden
können, während man für niedere anderes Metall annehmen muss;
der prinzipielle und technische Unterschied zwischen Wertmünze und
Scheidemünze, auf den dies zurückgeht, scheint für jene Usance
nicht zu bestehen, sondern die Geldsorten scheinen eine einheitliche Reihe zu
bilden, in der nur die höheren Glieder ihren quantitativen Inhalt zu einem
besonderen, quantitativ nicht ausdrückbaren Formwert zusammenschliessen.
Dies ist ein vortreffliches
Mittel, der Trivialisierung der Geldfunktion vorzubeugen, die die
unvermeidliche Folge des blossen Quantitätscharakters ist, und ihr den
sakralen Charakter zu erhalten, den sie anfänglich so
oft trägt.
Aber es ist auch der
Hinweis, dass solche Form- oder Qualitätsbedeutungen des Geldes einer
Primitivepoche angehören, in der es eben noch nicht bloss Geld, sondern
ausserdem noch etwas ist.
Sehr viel schwächer,
gleichsam verhallend, klingt dieser Ton noch in spärlichen Erscheinungen
der höchsten Entwicklungsstufen mit.
So muss etwa die folgende
ursprünglich auf eine Formbedeutung des Geldes zurückgehen: das
französische Volk sagt lieber 20 Sous statt 1 Fr., lieber pièce de
cent sous statt 5-Fr.- Stück usw.; auch kann man nicht gut: halber Franc
sagen, sondern drückt diese Summe durch Sous oder Centimes aus.
Die gleiche Summe scheint
also, in dieser Form vorgestellt, einigermassen andere Gefühlsreaktionen
zu wecken, als in anderer.
Es hat denselben Sinn, wenn
das Volk statt des abstrakten Wortes Geld gern einen Münzennamen, also
eine bestimmte Formung des Geldes, verwendet, auch wo ausschliesslich Geld
seinem Quantum nach gemeint ist: »Kein Kreuzer, keine Schweizer«,
»Wo mit dem Taler geläutet wird, gehen alle Türen auf«,
usw. Auch sonst ist bemerkt, dass das mit niederen Werten rechnende Volk bestimmte
Grössen lieber durch Addition von unten her als durch Teilung von oben her
bezeichnet.
Die Summe, die aus der
Vervielfältigung der vertrauten Einheit hervorgegangen ist, scheint nicht
nur ihre Bedeutung überschaubarer und vernehmlicher auszudrücken,
sondern dieses subjektive Moment objektiviert sich in ein Gefühl, als sei
die Summe, so ausgedrückt, auch an sich etwas Grösseres und Volleres,
als wenn sie sich in anderen Faktoren darstellt.
Unterschiede in dieser Art
waren in Norddeutschland zu beobachten, als an die Stelle der Taler die Markrechnung
trat.
In der Übergangszeit
waren »dreihundert Mark« vielfach von ganz anderen psychischen
Obertönen begleitet als »hundert Taler«, die neue Form, in der
der identische Inhalt sich ausdrückte, erschien umfänglicher, reichlicher
als die andere, diese dagegen als konziser, bestimmter in sich geschlossen.
Dieser Art also sind die
Erscheinungen, in denen die in allen anderen Dingen so wesentliche Form sich am
Gelde wenigstens andeutet und die ihm sonst eigene unbedingte Identität
der Summe, welche Form man ihr auch leihen mag, einigermassen unterbricht.
Was man im übrigen und
im allgemeinen am Gelde dennoch als Form bezeichnen könnte, kommt ihm aus
der Einheit der Persönlichkeit, die das Nebeneinander der Teile eines
Vermögensbesitzes in ein Miteinander und eine Einheit verwandelt.
Deshalb hat auch ein
Vermögen, namentlich ein erheblicheres, nicht die ästhetische
Misslichkeit des Geldes im allgemeinen.
Und zwar liegt das nicht
nur an den ästhetischen Möglichkeiten, die der Reichtum gewährt;
sondern teils neben diesen, teils sie fundamentierend,
besteht das Bild eines Vermögens als die Form, die das Geld durch seine
Beziehung zu einem persönlichen Zentrum gewinnt, die es von der abstrakten
Vorstellung des Geldes überhaupt scheidet und ihren Charakter als Form
durch den Unterschied einer solchen Vermögenseinheit gegen die gleiche,
aber auf viele Personen verteilte Summe deutlich aufzeigt.
Wie sehr die
Personalität des Besitzes seine Formbestimmtheit als solche trägt und
betont, zeigt sich keineswegs nur am Geld.
Die Hufe des
altgermanischen Vollfreien war ein unteilbarer Besitz, weil sie mit seiner
Mitgliedschaft in der Markgenossenschaft solidarisch war, der Besitz floss aus
der Person und hatte deshalb die gleiche Qualität der Einheit und
Unteilbarkeit.
Und wenn man über den
englischen Grundbesitz im Mittelalter vermutet hat, dass völlige
Gleichheit der Lose immer auf unfreien Besitz, auf eine rationelle
Landverteilung an Hintersassen seitens eines Herrn Anweisung gäbe, - so
wäre es doch auch hier die einheitliche Persönlichkeit, wenngleich
die unindividuelle und unfreie, die dem Besitz seine Umschriebenheit und
Formbestimmtheit verleiht.
Die Verdinglichung des
Besitzes, seine Lösung von der Person bedeutete zugleich einerseits die
Möglichkeit, die Landstücke Vieler in einer Hand zu vereinigen,
andrerseits das einzelne beliebig zu zerschlagen.
Mit der Personalität
des Landbesitzes ging ebenso die Festigkeit wie die Wichtigkeit seiner Form
verloren, er wurde ein Fliessendes, dessen Formung von Moment zu Moment durch
sachliche Verhältnisse (in die natürlich fortwährend personale
eingehen) aufgelöst und wieder gebildet wird, während die
Solidarität des Besitzes mit der Person denselben mit der von innen
kommenden Formeinheit des Ich durchdrungen hatte.
- Das Leben früherer
Zeiten erscheint viel mehr an fest gegebene Einheiten gebunden, was ja nichts
anderes bedeutet, als die hervorgehobene Rhythmik desselben, die die moderne
Zeit in ein beliebig abteilbares Kontinuum auflöst.
Die Inhalte des Lebens -
wie sie mehr und mehr durch das absolut kontinuierliche, unrhythmische, von
sich aus jeder festumschriebenen Form fremde Geld ausdrückbar sind -
werden gleichsam in so kleine Teile zerlegt, ihre abgerundeten Totalitäten
so zerschlagen, dass jede beliebige Synthese und Formung aus ihnen möglich
ist.
Damit erst ist das Material
für den modernen Individualismus und die Fülle seiner Erzeugnisse
geschaffen.
Ersichtlich leistet die
Persönlichkeit, mit dem so gestalteten, oder eigentlich nicht gestalteten
Stoffe neue Lebenseinheiten schaffend, ebendasselbe mit grösserer
Selbständigkeit und Variabilität, was sie in dem früheren Falle
in enger Solidarität mit stofflichen Einheiten geleistet hatte.
Durch sein so
charakterisiertes Wesen wird das Geld innerhalb der historisch-psychologischen
Gebiete der vollendetste Repräsentant einer Erkenntnistendenz der modernen
Wissenschaft überhaupt: der Reduktion qualitativer Bestimmungen auf
quantitative.
Hier denkt man
zunächst an die Schwebungen indifferenter Medien, die als die objektive
Veranlassung unserer Farben- und Tonempfindungen gelten.
Rein quantitative
Unterschiede der Oszillationen entscheiden darüber, ob wir so qualitativ
Unterschiedenes wie grün oder violett sehen, oder wie das Contra-A oder
das fünfgestrichene C hören.
Innerhalb der objektiven
Wirklichkeit, von der nur Fragmente, zufällig und zusammenhangslos, in
unser Bewusstsein hineinwirken, ist alles nach Mass und Zahl geordnet, und den
qualitativen Verschiedenheiten unserer subjektiven Reaktionen entsprechen
quantitative ihrer sachlichen Gegenbilder.
Vielleicht sind all die
unendlichen Verschiedenheiten der Körper, die in ihren chemischen
Beziehungen hervortreten, nur verschiedene Schwingungen eines und desselben
Grundstoffes.
Soweit die mathematische
Naturwissenschaft dringt, hät sie das Bestreben, unter Voraussetzung
gewisser gegebener Stoffe, Konstellationen, Bewegungsursachen die Strukturen
und Entwicklungen durch blosse Massformeln auszudrücken.
In anderer Form und
Anwendung ist dieselbe Grundtendenz in all den Fällen wirksam, wo man
frühere Annahmen eigenartiger Kräfte und Bildungen auf die
Massenwirkung auch sonst bekannter, unspezifischer Elemente
zurückgeführt hat: so in bezug auf die Bildung der Erdoberfläche,
deren Gestalt man statt aus plötzlichen und unvergleichbaren Katastrophen
jetzt vielmehr aus den langsam summierten, unmerklich kleinen, aber in
unermesslicher Vielheit sich äussernden Wirkungen herleitet, die die
fortwährend beobachtbaren Kräfte des Wassers, der Luft, der Pflanzendecke,
der Wärme und Kälte ausüben.
Innerhalb der historischen
Wissenschaften ist dieselbe Gesinnung bemerkbar: Sprache, Künste,
Institutionen, Kulturgüter jeder Art erscheinen als das Resultat
unzähliger minimaler Beiträge, das Wunder ihres Entstehens wird nicht
durch die Qualität heroischer Einzelpersönlichkeiten, sondern durch
die Quantität der zusammengeströmten und verdichteten
Aktivitäten der ganzen historischen Gruppe erklärt; als die Objekte
der Geschichtsforschung erscheinen mehr die kleinen, alltäglichen
Vorgänge des geistigen, kulturellen, politischen Lebens, die durch ihre
Summierung das historische Dasein in seiner Breite und seinen Entwicklungen
schaffen, als die spezifisch individuellen Taten der Führer; und wo eine
Prominenz und qualitative Unvergleichlichkeit Einzelner dennoch vorliegt, da
wird sie als eine besonders glückliche Vererbung gedeutet, d. h. als eine
solche, die ein möglichst grosses Quantum
angehäufter Energien und Errungenschaften der Gattung einschliesst und ausdrückt.
Ja, selbst innerhalb einer
ganz individualistischen Ethik wird diese ebenso zur Weltanschauung gesteigerte
wie in die Innerlichkeit des Gemütes hinabsteigende demokratische Tendenz
mächtig; denn es begegnet die Behauptung, dass die höchsten Werte in
dem alltäglichen Dasein und jedem seiner Momente, aber nicht in dem
Heroischen, Katastrophenhaften, den hinausragenden Taten und Erlebnissen
liegen, als welche immer etwas Zufälliges und Äusserliches
hätten; mögen wir alle grossen Leidenschaften und unerhörten
Aufschwünge durchkosten - ihr Ertrag sei doch nur, was sie für die
stillen, namenlosen, gleichmässigen Stunden zurücklassen, in denen
allein das wirkliche und ganze Ich lebt.
Endlich, die empiristische
Neigung, die, trotz aller entgegengesetzten Erscheinungen und aller
berechtigten Kritik, dennoch das Ganze der modernen Zeit am durchgehendsten
charakterisiert und hier ihre innerste Form- und Gesinnungsverbindung mit der
modernen Demokratie offenbart, setzt die möglichst hohe Zahl von Beobachtungen
an die Stelle der einzelnen, divinatorischen oder rationalen Idee, sie ersetzt
das qualitative Wesen dieser durch die Quantität der zusammengebrachten
Einzelfälle; und dieser methodischen Absicht entspricht ganz der
psychologische Sensualismus, der die sublimsten und abstraktesten Gebilde und
Fähigkeiten unserer Vernunft für eine blosse Häufung und
Steigerung der alltäglichsten sinnlichen Elemente erklärt.
Die Beispiele liessen sich
leicht vermehren, die das wachsende Übergewicht der Kategorie der
Quantität über die der Qualität zeigen, oder genauer: die
Tendenz, diese in jene aufzulösen, die Elemente immer mehr ins
Eigenschaftslose zu rücken, ihnen selbst etwa nur noch bestimmte
Bewegungsformen zu lassen und alles Spezifische, Individuelle, qualitativ Bestimmte
als das Mehr oder Weniger, das Grösser oder Kleiner, das Weiter oder
Enger, das Häufiger oder Seltener jener an sich farblosen, eigentlich nur
noch der numerischen Bestimmtheit zugängigen Elemente und Bewusstheiten zu
erklären - mag diese Tendenz auch mit irdischen Mitteln ihr Ziel nie
absolut erreichen können.
Das Interesse an dem
Wieviel, so sehr es einen angebbaren realen Sinn nur in der Verbindung mit dem
Was und Wie besitzt und für sich allein nur eine Abstraktion darstellt,
gehört zu den Grundlagen unseres geistigen Wesens, es ist der Einschlag in
den Zettel der Qualitätsinteressen; wenn also auch beide zusammen erst ein
Gewebe ergeben und deshalb die ausschliessliche Betonung des einen logisch
nicht zu rechtfertigen ist, so ist sie doch psychologisch eine der grossen
Differenzierungen der Perioden, der Individuen, der
Seelenprovinzen.
Was Nietzsche von allen
sozialistischen Wertungen scheidet, kann sich nicht schärfer als darin
zeichnen, dass ihm ausschliesslich die Qualität der Menschheit eine
Bedeutung besitzt, so dass nur das eine jeweilige höchste Exemplar
über den Wert der Epoche entscheidet, während für den
Sozialismus gerade nur das Verbreitungsmass erwünschter Zustände und
Werte in Frage kommt.
Die oben angeführten
Beispiele der modernen Quantitätstendenz zeigen ersichtlich zwei Typen:
erstens, die objektiven Substanzen und Ereignisse, die den qualitativ
unterschiedenen subjektiven Vorstellungen zum Grunde liegen, sind ihrerseits
nur quantitativ unterschieden; zweitens, auch im Subjektiven erzeugt die blosse
Häufung der Elemente oder Kräfte Erscheinungen, deren Charakter sich
von den quantitativ anders bedingten spezifisch und nach Wertgesichtspunkten
unterscheidet.
Nach beiden Richtungen hin
erscheint das Geld als Beispiel, Ausdruck oder Symbol der modernen Betonung des
Quantitätsmomentes.
Die Tatsache, dass immer
mehr Dinge für Geld zu haben sind, sowie die damit solidarische, dass es
zum zentralen und absoluten Wert auswächst, hat zur Folge, dass die Dinge
schliesslich nur noch so weit gelten, wie sie Geld kosten, und dass die
Wertqualität, mit der wir sie empfinden, nur als eine Funktion des Mehr
oder Weniger ihres Geldpreises erscheint.
Unmittelbar hat dieses Mehr
oder Weniger die doppelte Folge: im Subjekt die entgegengesetzten Gefühle,
das tiefste Leid und die höchste Beseligung samt allen Mittelgliedern
zwischen diesen Polen hervorzurufen, wie es seitens Anderer in die nicht
weniger reiche Skala zwischen verächtlicher Gleichgültigkeit und
kniebeugender Verehrung einzustellen.
Und in einer anderen
Dimension strahlt das Geld sowohl nach der Seite des Viel wie des Wenig sogar
gleichmässige Wertbedeutungen aus: der typische moderne Mensch
schätzt die Dinge, weil sie sehr viel kosten, und er schätzt sie,
weil sie sehr wenig kosten.
Dass die Geldbedeutung sich
der Sachbedeutung substituiert, kann nicht radikaler ausgedrückt werden
als durch die gleichsinnige - wenn auch natürlich nicht für jeden
einzelnen Fall gleichsinnige - Wirkung des Viel und des Wenig des Geldes.
Je zentraler ein Gedanke
oder ein Wert seine Provinz beherrscht, von um so gleichmässigerer
Stärke wird die Wichtigkeit sein, die er sowohl mit positivem wie mit
negativem Vorzeichen entfaltet.
- Andrerseits, im
Objektiven, bewirkt das Anwachsen der Geldquantität überhaupt wie
seine Akkumulierung in einzelnen Händen eine Steigerung der sachlichen
Kultur, eine Herstellung von Produkten, Geniessbarkeiten und Lebensformen, von
deren Qualitäten bei geringeren oder anders verteilten
Geldquantitäten gar nicht die Rede hätte sein können.
Ja, man möchte sogar
jene Quantitätstendenz am Geld radikaler verwirklicht meinen als auf
irgendeinem anderen, diesseits der Metaphysik liegenden Gebiete.
Denn wo immer wir
qualitative Tatsächlichkeiten auf quantitative Verhältnisse
zurückgliedern, bleiben die Elemente physischer, personaler, psychischer
Art -, deren Mehr oder Weniger den besonderen Erfolg entscheidet, an sich
selbst doch in irgendeinem Masse qualitativ charakterisiert; man mag diese
Bestimmtheit immer weiter zurückschieben, so dass die gestern noch
unauflösliche Qualität des Elementes heute ihrerseits als eine
Modifikation nach Mass und Zahl erkennbar wird; dieser Prozess aber geht ins
Unendliche und lässt in jedem gegebenen Augenblick noch eine qualitative Bestimmtheit
der Elemente bestehen, um deren Wieviel es sich handelt.
Nur der Metaphysik mag die
Konstruktion absolut eigenschaftsloser Wesenheiten gelingen, die, nach rein
arithmetischen Verhältnissen zusammengeordnet und bewegt, das Spiel der
Welt erzeugen.
Im Gebiet der Erscheinungen
aber erreicht nur das Geld diese Freiheit von allem Wie, diese alleinige
Bestimmtheit nach dem Wieviel.
Während wir nirgends
das reine Sein oder die reine Energie ergreifen können, um aus ihren
quantitativen Modifikationen die Besonderheit der Erscheinungen hervorgehen zu
lassen, vielmehr zu allen spezifischen Dingen ihre Elemente und Ursachen schon
irgendeine Beziehung (wenngleich nicht immer Ähnlichkeit) haben - ist das
Geld von den entsprechenden Beziehungen zu dem, was darüber und dadurch
wird, völlig gelöst; der reine ökonomische Wert hat einen
Körper gewonnen, aus dessen Quantitätsverhältnissen nun alle
möglichen eigenartigen Gebilde hervorgehen, ohne dass er etwas anderes als
eben seine Quantität dafür einzusetzen hätte.
So erreicht auch hier eine
der grossen Tendenzen des Lebens - die Reduktion der Qualität auf die
Quantität - im Geld ihre äusserste und allein restlose Darstellung;
auch hier erscheint es als der Höhepunkt einer geistesgeschichtlichen
Entwicklungsreihe, der die Richtung derselben erst unzweideutig festlegt.
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