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Das Arbeitsgeld und seine
Begründung.
Die Gratisleistung des Geistes.
Die Höhenunterschiede der Arbeit als Quantitätsunterschiede.
Die Muskelarbeit als
Arbeitseinheit.
Der Wert physischer
Leistung auf den der psychischen Leistung reduzierbar.
Die
Nützlichkeitsunterschiede der Arbeit als Gegengrund gegen das Arbeitsgeld;
dadurch geförderte Einsicht in die Bedeutung des Geldes.
Die Bedeutung des
Geldäquivalents der Arbeit ist auf diesen Seiten so oft direkt und
indirekt berührt, daß ich hier nur noch eine darauf bezügliche
Prinzipienfrage abhandeln möchte: ob die Arbeit selbst etwa der Wert
schlechthin ist, der also das Wertmoment in allen ökonomischen
Einzelheiten ebenso in concreto bildet, wie dasselbe in abstracto durch das
Geld ausgedrückt wird.
Die Bemühungen, die
Gesamtheit der wirtschaftlichen Werte aus einer einzigen Quelle abzuleiten und
auf einen einzigen Ausdruck zu reduzieren - auf die Arbeit, die Kosten, den
Nutzen usw. - wären sicher nicht aufgetreten, wenn nicht die Umsetzbarkeit
aller jener Werte in Geld auf eine Einheit ihres Wesens hingedeutet und als
Pfand für die Erkennbarkeit eben dieser Einheit gedient hätte. Der
Begriff des »Arbeitsgeldes«, der in sozialistischen Plänen auftaucht,
drückt diesen Zusammenhang aus.
Geleistete Arbeit als der
allein wert-bildende Faktor gibt danach allein das Recht, die Arbeitsprodukte
Anderer zu beanspruchen, und dafür weiß man eben keine andere Form,
als daß man die Symbole und Anerkenntnisse eines bestimmten Arbeitsquantums
als Geld bezeichnet.
Das Geld muß also
selbst da als Einheitsform der Werte konserviert werden, wo seine
augenblickliche Beschaffenheit verworfen wird, weil deren Eigenleben es
hindere, der adäquate Ausdruck der fundamentalen Wertpotenz zu sein.
Wenn man selbst neben der
Arbeit noch die Natur als Wertbildner zuläßt, da doch auch das aus
ihr entnommene Material der Arbeit Wert besitzt, und so, wie man sagte, die
Arbeit zwar der Vater, die Erde aber die Mutter des Reichtums ist - so
muß der sozialistische Gedankengang dennoch am Arbeitsgeld münden;
denn da die Schätze der Natur nicht mehr Privateigentum, sondern die
gemeinsame, jedem a priori in gleicher Weise zugängige Grundlage des
Wirtschaftens überhaupt sein sollen, so ist dasjenige, was jeder in den Tausch
zu geben hat, schließlich doch nur seine Arbeit.
Er kann freilich, wenn er
mit Hilfe dieser ein wertvolles Naturprodukt eingetauscht
hat und dieses weiter vertauscht, dessen Stoffwert mit in Rechnung stellen;
aber die Werthöhe desselben ist doch nur genau gleich dem Werte seiner
Arbeit, für die er es erworben hat, und diese bildet also für das
fragliche Naturprodukt das Maß seines Tauschwertes.
Wenn die Arbeit so die
letzte Instanz ist, auf die alle Wertbestimmung der Objekte zurückzugehen
hat, so ist es eine Unangemessenheit und ein Umweg, sie ihrerseits erst an
einem Objekte von fremder Provenienz, wie das jetzige Geld es ist, zu messen;
vielmehr müßte man dann allerdings eine Möglichkeit suchen, die
Arbeitseinheit ganz rein und unmittelbar in einem Symbol auszudrücken, das
als Tausch- und Meßmittel, als Geld fungierte.
Ohne von den angedeuteten
Vereinheitlichungen des Wertes eine als die allein legitime zu verkünden,
möchte ich die Arbeitstheorie wenigstens für die philosophisch interessanteste
halten.
In der Arbeit gewinnen die
Körperlichkeit und die Geistigkeit des Menschen, sein Intellekt und sein
Wille, eine Einheitlichkeit, die diesen Potenzen versagt bleibt, solange man
sie gleichsam in ruhendem Nebeneinander betrachtet; die Arbeit ist der
einheitliche Strom, in dem sie sich wie Quellflüsse mischen, die
Geschiedenheit ihres Wesens in der Ungeschiedenheit des Produktes
auslöschend.
Wäre sie wirklich der
alleinige Träger des Wertes, so würde der letztere damit in den
definitiven Einheitspunkt unserer praktischen Natur eingesenkt, und dieser
würde sich den adäquatesten Ausdruck, den er in der
äußeren Realität finden kann, erwählt haben.
Im Hinblick auf diese
Bedeutung der Arbeit erscheint es mir eine untergeordnete Frage, ob man nicht der
Arbeit daraufhin den Wert abzusprechen habe, daß sie doch vielmehr die
Werte erst erzeuge - wie die Maschine, die einen Stoff bearbeitet, doch die
Form nicht selbst besitzt, die sie diesem erteilt.
Gerade wenn man nur den
Produkten menschlicher Arbeit Wert zuspreche, könne nicht sie selbst - die
eine physiologische Funktion ist -, sondern nur die Arbeitskraft Wert haben.
Denn diese allerdings werde vom Menschen erzeugt, nämlich durch die
Unterhaltungsmittel, die ihrerseits menschlicher Arbeit entstammen.
Daß sie sich dann in
wirkliche Arbeit umsetzt, fordert er-sichtlich nicht wiederum Arbeit, bedeutet
also selbst keinen Wert; dieser vielmehr haftet nun erst wieder an den von
solcher Arbeit bedingten Produkten.
Ich halte dies indes
für eine im wesentlichen terminologische Angelegenheit.
Denn da die Arbeitskraft
sicher kein Wert wäre, wenn sie latent bliebe und sich nicht in wirkliches
Arbeiten umsetzte, sondern erst in diesem wertbildend wirkt, so kann man
für alle Zwecke der Berechnung und des Ausdrucks die Arbeit einsetzen.
Das wird auch nicht durch
die Überlegung geändert, daß die als Nahrung
konsumierten Werte nicht Arbeit, sondern Arbeitskraft erzeugen und deshalb nur
diese, als Trägerin jener aufgenommenen Werte, selbst ein Wert sein könne.
Die Nahrungsmittel
können schon deshalb nicht die zulängliche Ursache des vom Menschen
verwirklichten Wertes sein, weil dieser letztere den in den ersteren
investierten übersteigt, da es andernfalls nie zu einer Wertvermehrung
kommen könnte.
Die Scheidung zwischen
Arbeitskraft und Arbeit ist nur für die Zwecke des Sozialismus wichtig,
weil sie die Theorie anschaulich macht, daß der Arbeiter nur einen Teil
der Werte erhält, die er erzeugt.
Seine Arbeit produziert
mehr Werte, als in seiner Arbeitskraft, in Form der Unterhaltsmittel,
investiert sind; indem der Unternehmer die ganze Arbeitskraft um den Wert der
letzteren kauft, profitiert er das ganze Mehr, um welches die
schließlichen Arbeitsprodukte diesen Wert überragen.
Aber selbst von diesem
Standpunkt aus scheint mir, man könnte, statt der Arbeitskraft die Arbeit
als Wert bezeichnend, innerhalb der letzteren die Quanten gegeneinander
abgrenzen, deren Werte einerseits als Lohn zum Arbeiter zurückkehren,
andrerseits den Gewinn des Unternehmers ausmachen.
Ich gehe hierauf also nicht
weiter ein, sondern untersuche im folgenden nur die nähere Bestimmung,
unter welcher uns die Arbeitstheorie des Wertes so häufig entgegentritt:
sie sucht einen Arbeitsbegriff, der für Muskelarbeit und geistige Arbeit
gleichmäßig gilt, und mündet dabei tatsächlich auf der
Muskelarbeit, als dem primären Werte oder Wertproduzenten, der als
Maß jeglicher Arbeit überhaupt zu gelten habe.
Es wäre irrig, hierin
nur proletarischen Trotz und prinzipielle Entwürdigung geistiger Leistungen
zu sehen. Vielmehr wirken dazu tiefere und verwickeltere Ursachen.
Von dem Anteil des Geistes
an der Arbeit ist zunächst behauptet worden, daß er kein
»Aufwand« sei, er fordere keinen Ersatz wegen Abnutzung und
erhöhe deshalb die Kosten des Produktes nicht; so daß als
Begründerin des Tauschwertes nur die Muskelarbeit übrigbleibe.
Wenn man dem gegenüber
hervorgehoben hat, daß auch die geistige Kraft erschöpfbar sei und
ganz ebenso wie die körper-liche durch Ernährung erhalten und ersetzt
werden müßte, so ist dabei das Moment von Wahrheit übersehen,
das jener Theorie, wenn auch nur als instinktives Gefühl, zum Grunde
liegen mag.
Der Anteil des Geistes an
einem Arbeitsprodukt bedeutet nämlich zwei scharf zu unterscheidende
Seiten desselben.
Wenn ein Tischler einen
Stuhl nach einem längst bekannten Modell herstellt, so geht das freilich
nicht ohne einen Aufwand psychischer Tätigkeit ab, die Hand muß vom
Bewußtsein geleitet werden.
Allein dies ist keineswegs
die ganze in dem Stuhl investierte Geistigkeit.
Er wäre auch nicht
herstellbar ohne die geistige Tätigkeit desjenigen,
der, vielleicht vor Generationen, das Modell dazu ersonnen hat; auch die
hiermit verbrauchte psychische Kraft bildet eine praktische Bedingung dieses
Stuhles.
Nun aber besteht der Inhalt
dieses zweiten geistigen Prozesses in einer Form weiter, in der er keinen
psychischen Kraftaufwand mehr involviert: als Tradition, objektiv gewordener
Gedanke, den jeder aufnehmen und nachdenken kann.
In dieser Form wirkt er im
Protduktionsprozeß des jetzigen Tischlers, bildet den Inhalt der
aktuellen geistigen Funktion, die freilich von dessen subjektiver Kraft
getragen und vollzogen werden muß, und geht vermöge dieser letzteren
in das Produkt, als dessen Form, ein.
Die zweierlei psychischen Betätigungen,
von denen ich erst sprach, sind ganz sicher der Abnutzung und der Notwendigkeit
eines physiologischen Ersatzes unterworfen: sowohl die des Tischlers wie die
des Erfinders des Stuhles.
Aber das dritte geistige
Moment, das offenbar für das jetzige Zustandekommen des Stuhles
entscheidend wichtig ist, ist allerdings dem Verbrauchtwerden enthoben, und
nach der Idee dieses Stuhles mögen Tausende von Exemplaren gearbeitet
werden, sie selbst leidet dadurch keine Abnutzung, fordert keine Restaurierung
und vermehrt also allerdings, obgleich sie den formgebenden, sachlich-geistigen
Gehalt jedes einzelnen Stuhles dieser Art bildet, die Kosten desselben nicht.
Unterscheidet man also mit
der erforderlichen Schärfe zwischen dem objektiv-geistigen Inhalt in einem
Produkt und der subjektiven geistigen Funktion, die nach der Norm jenes
Inhaltes das Produkt herstellt, so sieht man das relative Recht jener
Behauptung, daß der Geist nichts koste; freilich auch ihr relatives
Unrecht, weil diese unentgeltliche und unvernutzbare Idee des Dinges sich nicht
von selbst in Produkten verwirklicht, sondern nur vermittels eines Intellekts,
dessen jetziges, jener Idee gemäßes Funktionieren organische Kraft
fordert und zu dem Kostenwert des Produktes aus denselben Gründen
beiträgt, wie die Muskelleistung es tut - wenngleich der durch einen so
präformierten Inhalt gelenkte psychische Aufwand natürlich ein viel
geringerer ist, als wenn er zugleich den Inhalt originell aufzubringen hat.
Die Differenz zwischen
beiden ist die Gratisleistung des Geistes.
Und dieses
ideell-inhaltliche Moment ist es, das den geistigen Besitz nach zwei Seiten hin
so völlig von dem ökonomischen unterscheidet: er kann einem
einerseits viel gründlicher, andrerseits viel weniger genommen werden, als
dieser.
Der einmal ausgesprochene
Gedanke ist durch keine Macht der Welt wieder einzufangen, sein Inhalt ist
unwiderruflich öffentliches Eigentum aller, die die psychische Kraft, ihn
nachzudenken, aufwenden.
Deshalb aber kann er einem
auch, wenn dies einmal geschehen ist, durch keine Macht der Welt wieder geraubt werden, der einmal gedachte Gedanke bleibt, als immer wieder
reproduzierbarer Inhalt, der Persönlichkeit so unentreißbar
verbunden, wie es im Ökonomischen gar keine Analogie findet.
Indem sich der geistige
Prozeß aus seinem Inhalt, der diese über-ökonomische Bedeutung
hat, und dem psychologischen Prozeß als solchem zusammensetzt, handelt es
sich hier ersichtlich nur um den letzteren, um die Frage, welche Rolle der
seelische Kraftverbrauch in der Wertbildung noch neben der Muskelarbeit spiele.
Daß die Bedeutung der
geistigen Arbeit auf die der physischen reduziert werde, ist schließlich
nur eine Seite der ganz allgemeinen Tendenz, eine Einheit des Arbeitsbegriffes
herzustellen.
Das Gemeinsame aller
mannigfaltigen Arten der Arbeit - einer viel weiteren und abgestufteren
Mannigfaltigkeit, als der bloße Gegensatz zwischen physischer und
psychischer Arbeit zeigt - gilt es aufzufinden.
Damit wäre theoretisch
wie praktisch außerordentlich viel gewonnen, soviel wie entsprechend mit
der Tatsache des Geldes; man hätte nun die generelle, qualitative Einheit,
auf Grund deren alle Wertverhältnisse zwischen den Ergebnissen
menschlicher Tätigkeit rein quantitativ, durch ein bloßes Mehr oder
Weniger, auszudrücken wären.
Auf allen Gebieten hat dies
den wesentlichen Fortschritt der Erkenntnis bedeutet: daß die qualitative
Abwägung der Objekte gegeneinander, die immer eine relativ unsichere und
unexakte bleibt, in die allein unzweideutige quantitative übergeführt
wird, indem eine durchgängige innere Einheit an ihnen festgestellt wird
und diese nun, als überall dieselbe und selbstverständliche, in der
Berechnung der relativen Bedeutungen der Einzelheiten keine
Berücksichtigung mehr verlangt.
Auf sozialistischer Seite ist
dies offenbar eine bloße Fortsetzung und Konsequenz der Bestrebung, alle
Werte überhaupt auf ökonomische, als ihren Ausgangspunkt und ihre
Substanz zurückzuführen.
Und auf dieser Bestrebung
mußte sie unvermeidlich münden, wenn sie ihre Nivellierungstendenz
zu Ende dachte.
Denn auf dem Gebiete des
Ökonomischen kann man allenfalls eine Gleichheit der Individuen als
möglich denken; auf allen anderen: intellektuellen,
gefühlsmäßigen, charakterologischen, ästhetischen,
ethischen usw. würde das Nivellement, selbst nur das der
»Arbeitsmittel«, von vornherein aussichtslos sein.
Will man es dennoch
unternehmen, so bleibt nichts übrig, als diese Interessen und
Qualitäten irgendwie auf jene, die allein eine annähernde
Gleichmäßigkeit der Verteilung gestatten, zu reduzieren.
Ich weiß wohl,
daß der heutige wissenschaftliche Sozialismus die
mechanisch-kommunistische Gleichmacherei von sich weist und nur eine Gleichheit
der Arbeitsbedingungen herstellen will, von der aus die Verschiedenheit der
Begabung, Kraft und Bemühung auch zu einer
Verschiedenheit der Stellung und des Genusses führen soll.
Allein dem heutigen Zustand
gegenüber, in dem Erbrecht, Klassenunterschiede, Akkumulation des Kapitals
und alle möglichen Chancen der Konjunktur weit größere als den
individuellen Betätigungsunterschieden entsprechende Abstände
erzeugen - würde jenes nicht nur tatsächlich eine wesentliche
Ausgleichung in jeder Hinsicht bedeuten, sondern die Ausgleichung auch der
Besitz- und Genußmomente scheint mir auch heute noch für die Massen
das eigentlich wirksame Agitationsmittel zu sein.
Wenn der historische
Materialismus zum wissenschaftlichen Beweisgrund der sozialistischen Lehre
gemacht worden ist, so geht hier, wie so oft, der systematische Aufbau den
umgekehrten Weg wie der schöpferische Gedankengang, und man hat nicht aus
dem unabhängig fest-gestellten historischen Materialismus die
sozialistische Theorie logisch gefolgert, sondern die praktisch feststehende
sozialistisch-kommunistische Tendenz hat sich erst nachträglich den
für sie allein möglichen Unterbau geschaffen, die ökonomischen
Interessen als den Quellpunkt und Generalnenner aller anderen zu deklarieren.
Ist dies aber einmal
geschehen, so muß sich die gleiche Tendenz in das Gebiet des
Ökonomischen selbst fortsetzen und die Mannigfaltigkeit seiner Inhalte auf
eine Einheit bringen, die über alles individuelle Leisten die
Möglichkeit einer Gleichheit und äußerlich nachweisbaren
Gerechtigkeit stellt.
Denn die Behauptung, der
Wert aller wertvollen Objekte bestehe in der Arbeit, die sie gekostet haben,
genügt für diesen Zweck noch nicht.
Damit könnte sich
nämlich noch immer die qualitative Verschiedenheit der Arbeit vereinigen,
derart, daß ein geringeres Quantum höherer Arbeit einen gleichen
oder höheren Wert bildete, wie ein erhebliches von niederer Arbeit.
Hierdurch aber wäre
eine ganz andere als die beabsichtigte Wertskala eingeführt.
Die entscheidenden
Eigenschaften der Feinheit, Geistigkeit, Schwierigkeit würden zwar auch
dann immer noch mit und an der Arbeit produziert, realisierten sich nur als
Attribute ihrer; allein das Wertmoment ruhte nun doch nicht mehr auf der Arbeit
als Arbeit, sondern auf der nach einem ganz selbständigen Prinzip
aufgebauten Ordnung der Qualitäten, für die die Arbeit als solche,
die das Allgemeine aller Arbeitsqualitäten ist, nur der für sich noch
irrelevante Träger wäre.
Damit wäre die
Arbeitstheorie in dasselbe Dilemma gebracht, dem die moral-philosophische Lehre
unterlegen ist, daß die Produktion von Glücksgefühlen der
alsolute ethische Wert sei.
Ist nämlich die
Handlung wirklich in dem Maße sittlich, in dem sie Glück zur Folge
hat, so bedeutet es eine Durchbrechung des Prinzips und die Einführung
neuer definitiver Wertmomente, wenn das reinere, geistigere,
vornehmere Glück als das wertvollere gepriesen wird.
Denn dann wäre der
Fall möglich, daß ein solches Glück, wenngleich quantitativ,
d.h. als bloßes Glück, geringer als ein niedriges, sinnliches,
selbstisches, dennoch diesem gegenüber das sittlich erstrebenswertere wäre.
Die ethische
Glückseligkeitstheorie ist deshalb nur dann konsequent, wenn alle
ethischen Unterschiede sinnlichen und geistigen, epikureischen und asketischen,
egoistischen und mitfühlenden Glückes im letzten Grunde, alle
Begleit- und Folgeerscheinungen eingerechnet, bloße Maßunterschiede
einer und derselben, qualitativ immer gleichen Glücksart sind.
Ebenso muß die
konsequente Arbeitstheorie es durchführen können, daß alle die
unzweideutig empfundenen und nicht wegzudisputierenden Wertunterschiede
zwischen zwei Leistungen, die als Arbeit extensiv und intensiv gleich
erscheinen, im letzten Grunde nur bedeuten, daß in der einen mehr Arbeit
verdichtet ist, als in der anderen, daß nur der erste und flüchtige
Blick sie für gleiche Arbeitsquanten hält, der tiefer dringende aber
ein tatsächliches Mehr oder Weniger von Arbeit als den Grund ihres Mehr
oder Weniger von Wert entdeckt.
Tatsächlich ist diese
Deutung nicht so unzulänglich, wie sie zu-erst scheint.
Man muß nur den
Begriff der Arbeit weit genug fassen. Betrachtet man die Arbeit zunächst
in der Beschränkung auf ihren individuellen Träger, so liegt auf der
Hand, daß in jedem irgend »höheren« Arbeitsprodukt
keineswegs nur diejenige Arbeitssumme investiert ist, die unmittelbar auf eben
diese Leistung verwendet worden ist.
Die ganzen vorhergegangenen
Mühen vielmehr, ohne die die jetzige, relativ leichtere Herstellung
unmöglich wäre, müssen in sie, als für sie erforderliche
Arbeit, pro rata eingerechnet werden. Gewiß ist die »Arbeit«
des Musikvirtuosen an einem Konzertabend oft im Verhältnis zu ihrer
ökonomischen und idealen Einschätzung eine geringe; ganz anders aber
steht es, wenn man die Mühen und die Dauer der Vorbereitung als Bedingung
der unmittelbaren Leistung dem Arbeitsquantum derselben hinzurechnet.
Und so bedeutet auch in
unzähligen anderen Fällen höhere Arbeit eine Form von mehr
Arbeit; nur daß diese nicht in der sinnlichen Wahrnehmbarkeit momentaner
Anstrengung, sondern in der Kondensation und Aufspeicherung vorangegangener und
die jetzige Leistung bedingender Anstrengungen gelegen ist: in der spielenden
Leichtigkeit, mit der der Meister seine Aufgaben löst, kann unendlich viel
mehr Arbeitsmühe verkörpert sein, als in dem Schweiß, den der
Stümper schon um eines sehr viel niederen Ergebnisses willen
vergießen muß.
Nun aber kann diese Deutung
der Qualitätsunterschiede der Arbeit als quantitativer
sich über die bloß persönlichen Vorbedingungen
hinauserstrecken.
Denn diese reichen offenbar
nicht aus, um diejenigen Eigenschaften der Arbeit in der angegebenen Weise zu
redu-zieren, die ihre Höhe durch eine angeborene Begabung oder durch die
Gunst dargebotener objektiver Vorbedingungen gewinnen.
Hier muß man sich
einer Vererbungshypothese bedienen, die freilich hier wie überall, wo sie
insbesondere erworbene Eigenschaften einbezieht, nur eine ganz allgemeine
Denkmöglichkeit darbietet.
Wollen wir die verbreitete
Erklärung des Instinkts akzeptieren, daß er aus den
aufgehäuften Erfahrungen der Vorfahren besteht, die zu bestimmten
zweckmäßigen Nerven- und Muskelkoordinationen geführt haben und
in dieser Form den Nachkommen vererbt sind, derart, daß bei diesen die
zweckmäßige Bewegung auf den entsprechenden Nervenreiz hin rein
mechanisch und ohne eigener Erfahrung und Einübung zu bedürfen,
erfolgt - wenn wir dies akzeptieren wollen - so kann man die angeborene
spezielle Begabung als einen besonders günstigen Fall des Instinkts
betrachten.
Nämlich als
denjenigen, in dem die Summierung solcher physisch verdichteten Erfahrungen
ganz besonders entschieden nach einer Richtung hin und in einer solchen
Lagerung der Elemente erfolgt ist, daß schon der leisesten Anregung ein
fruchtbares Spiel bedeutsamer und zweckmäßiger Funktionen antwortet.
Daß das Genie so viel
weniger zu lernen braucht, wie der gewöhnliche Mensch zu der gleichartigen
Leistung, daß es Dinge weiß, die es nicht erfahren hat - dieses
Wunder scheint auf eine ausnahmsweise reiche und leicht ansprechende
Koordination vererbter Energien hinzuweisen.
Wenn man die hiermit
angedeutete Vererbungsreihe weit genug zurückgliedert und sich klar macht,
daß alle Erfahrungen und Fertigkeiten innerhalb derselben nur durch
wirkliches Arbeiten und Ausüben gewonnen und weitergebildet werden
konnten, so erscheint auch die individuelle Besonderheit der genialen Leistung
als das kondensierte Resultat der Arbeit von Generationen.
Der besonders
»begabte« Mensch wäre demnach derjenige, in dem ein Maximum
von Arbeit seiner Vorfahren in latenter und zur Weiterverwertung disponierter
Form aufgehäuft ist; so daß der höhere Wert, den die Arbeit
eines solchen durch ihre Qualität besitzt, im letzten Grunde auch auf ein
quantitatives Mehr von Arbeit zurückgeht, das er freilich nicht
persönlich zu leisten brauchte, sondern dem er nur durch die Eigenart
seiner Organisation das Weiterwirken ermöglicht.
Die Leistung wäre
dann, die gleiche aktuelle Arbeitsmühe der Subjekte vorausgesetzt, in dem
Maße eine verschieden hohe, in dem die Struktur ihres
psychisch-physischen Systems eine verschieden große und mit verschiedener
Leichtigkeit wirkende Summe erarbeiteter Erfahrungen und
Geschicklichkeiten der Vorfahren in sich birgt.
Und wenn man die
Wertgröße der Leistungen, statt durch das Quantum der erforderlichen
Arbeit, in der gleichen Tendenz durch die zu ihrer Herstellung
»gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit« ausgedrückt hat, so
entzieht sich auch dies nicht der gleichen Deutung: der höhere Wert der
durch besondere Begabung getragenen Leistungen bedeutete dann, daß die
Gesellschaft immer eine gewisse längere Zeit hindurch leben und wirken
muß, ehe sie wieder ein Genie hervorbringt; sie braucht den längeren
Zeitraum, der den Wert der Leistung bedingt, in diesem Falle nicht zu deren
unmittelbarer Produktion, sondern zur Produktion der - eben nur in relativ
längeren Zwischenräumen auftretenden - Produzenten solcher
Leistungen.
Die gleiche Reduktion kann
auch in objektiver Wendung erfolgen.
Die Höherwertung des
Arbeitsergebnisses bei gleicher subjektiver Anstrengung findet nicht nur als
Erfolg eines persönlichen Talents statt; sondern es gibt bestimmte
Kategorien von Arbeiten, die von vornherein einen höheren Wert als andere
repräsentieren, so daß die einzelne Leistung innerhalb jener weder
größere Mühe noch größere Begabung als die innerhalb
anderer zu enthalten braucht, um dennoch einen höheren Rang einzunehmen.
Wir wissen sehr wohl,
daß unzählige Arbeiten in den »höheren Berufen« an
das Subjekt keinerlei höhere Ansprüche stellen, als solche in den
»niederen«; daß die Arbeiter in Bergwerken und Fabriken oft
eine Umsicht, Entsagungsfähigkeit, Todesverachtung besitzen müssen,
die den subjektiven Wert ihrer Leistung weit über den vieler Beamten- oder
Gelehrtenberufe erhebt; daß die Leistung eines Akrobaten oder Jongleurs
genau dieselbe Geduld, Geschicklichkeit und Begabung fordert, wie die manches
Klaviervirtuosen, der seine manuelle Fertigkeit durch keinen Beisatz seelischer
Vertiefung adelt.
Und doch pflegt nicht nur
die eine Kategorie von Arbeiten der anderen gegenüber tatsächlich
viel höher entlohnt zu werden, sondern auch ein sozial vorurteilsloses
Schätzungsgefühl wird in vielen Fällen den- selben Weg gehen.
Bei vollem Bewußtsein
der gleichen oder höheren subjektiven Arbeit, die das eine Produkt
erfordert, wird man dem anderen dennoch einen höheren Rang und Wert
zusprechen, so daß es hier wenigstens scheint, als ob andere Momente als
die des Arbeitsmaßes seine Schätzung bestimmen.
Doch ist dieser Schein
nicht unüberwindlich. Man kann nämlich die Arbeitsleistungen
höherer Kulturen in eine Stufenreihe von dem Gesichtspunkt aus einstellen,
welches Quantum Arbeit bereits in den objektiven, technischen Vorbedingungen
aufgehäuft ist, auf Grund deren die einzelne Arbeit
überhaupt möglich ist.
Damit es überhaupt
höhere Stellungen in einer Beamtenhierarchie gebe, muß erstens eine
unübersehbare Arbeit in der Verwaltung und der allgemeinen Kultur bereits
geleistet sein, deren Geist und Ergebnis sich zu der Möglichkeit und
Notwendigkeit solcher Stellungen verdichtet; und zweitens setzt jede einzelne
Tätigkeit höherer Funktionäre die Vorarbeit vieler subalterner
voraus, die sich in ihr konzentrieren; so daß die Qualität solcher
Arbeit wirklich nur durch ein sehr hohes Quantum schon vollbrachter und in sie
eingehender Arbeit zustande kommt.
Ja, gegenüber der
»un-qualifizierten« beruht alle qualifizierte Arbeit als solche
keineswegs nur auf der höheren Ausbildung des Arbeiters, sondern ebenso
auch auf der höheren und komplizierteren Struktur der objektiven
Arbeitsbedingungen, des Materials und der historisch-technischen Organisation.
Damit auch der
mittelmäßigste Klavierspieler möglich sei, bedarf es einer so
alten und breiten Tradition, eines so unüber-sehbaren
überindividuellen Bestandes technischer und artistischer Arbeitsprodukte,
daß allerdings diese in ihr gesammelten Schätze seine Arbeit weit
über die vielleicht subjektiv viel erheblichere des Seiltänzers oder
Taschenspielers erheben.
Und so im allgemeinen: was
wir als die höheren Leistungen schätzen, nur nach der Kategorie des
Berufes und ohne daß personale Momente ihre Höhe bewirkten, das sind
diejenigen, die in dem Aufbau der Kultur die relativ abschließenden, am
meisten von langer Hand vorbereiteten sind, die ein Maximum von Arbeit Vor- und
Mitlebender als ihre technische Bedingung in sich aufnehmen - so ungerecht es
auch sei, aus diesem, durch ganz überpersönliche Ursachen
entstandenen Wert der objektiven Arbeitsleistung eine besonders hohe Entlohnung
oder Schätzung für den zufälligen Träger derselben
herzuleiten. Auch wird dieser Maßstab selbstverständlich nicht genau
innegehalten.
Wertungen von Leistungen
und Produkten, die durch ihn begründet sind, werden auf andere, dieses
Rechtsgrundes entbehrende, übertragen: sei es wegen
äußerlich-formeller Ähnlichkeit, sei es wegen historischer
Verknüpfung mit jenen, sei es, weil die Inhaber der betreffenden Berufe
eine aus anderer Quelle fließende, soziale Macht zur Steigerung ihrer
Schätzung benutzen.
Ohne solche, aus der
Komplikation des historischen Lebens folgende Zufälligkeiten abzurechnen,
läßt sich aber überhaupt kein einziger prinzipieller
Zusammenhang in sozialen Dingen behaupten.
Im großen und ganzen
kann, wie mir scheint, die Deutung aufrechterhalten werden: daß die
verschiedene Wertung der Leistungsqualitäten, bei Gleichheit der
subjektiven Arbeitsmühe, dennoch der Verschiedenheit der Arbeitsquanten
entspricht, die in vermittelter Form in den betreffenden
Leistungen enthalten sind.
So erst wäre der
Gewinn für die theoretische Vereinheitlichung der ökonomischen Werte,
auf den die Arbeitstheorie ausging, in vorläufige Sicherheit gebracht.
Damit ist aber nur der
allgemeine Begriff der Arbeit maßgebend geworden und die Theorie beruht
insoweit auf einer sehr künstlichen Abstraktion.
Man könnte ihr
vorwerfen, sie baue sich auf dem typischen Irrtum auf, daß die Arbeit
zunächst und fundamental Arbeit überhaupt wäre, und dann erst,
gewissermaßen als Bestimmungen zweiten Grades, ihre spezifischen
Eigenschaften dazu träten, um sie zu dieser bestimmten zu machen.
Als ob diejenigen
Eigenschaften, auf die hin wir ein Handeln als Arbeit überhaupt
bezeichnen, nicht mit seinen übrigen Bestimmungen eine vollkommene Einheit
bildeten, als ob jene Scheidung und Rangordnung nicht auf einem ganz
willkürlich gesetzten Grenzstrich beruhte!
Gerade als ob der Mensch
erst Mensch überhaupt wäre, und dann, in realer Scheidung davon, erst
das bestimmte Individuum! Freilich ist auch dieser Irrtum begangen und zur
Grundlage sozialer Theorien gemacht worden.
Der Arbeitsbegriff, mit dem
die ganze vorhergehende Erörterung rechnet, ist eigentlich nur negativ bestimmt:
als dasjenige, was übrigbleibt, wenn man von allen Arten des Arbeitens
alles wegläßt, was sie voneinander unterscheidet.
Allein, was hier
tatsächlich übrigbleibt, entspricht keineswegs, wie eine verlockende
Analogie nahelegen könnte, dem physikalischen Begriff der Energie, die, in
quantitativer Un-eränderlichkeit, bald als Wärme, bald als
Elektrizität, bald als mechanische Bewegung auftreten kann; hier ist
allerdings ein mathematischer Ausdruck möglich, der das Gemeinsame aller
dieser spezifischen Erscheinungen und sie als Äußerungen dieser
einen Grund-tatsache darstellt.
Menschliche Arbeit aber,
ganz im allgemeinen, gestattet keine derartig abstrakte, aber doch bestimmte
Formulierung.
Die Behauptung, daß
alle Arbeit schlechthin Arbeit und nichts anderes wäre, bedeutet, als
Grundlage für die Gleichwertigkeit derselben, etwas genau so Ungreifbares,
abstrakt Leeres, wie jene Theorie: jeder Mensch sei eben Mensch und deshalb
seien alle gleichwertig und zu den gleichen Rechten und Pflichten qualifiziert.
Soll der Begriff der Arbeit
also, dem in seiner bisher angenommenen Allgemeinheit mehr ein dunkles
Gefühl als ein fester Inhalt seine Bedeutung geben konnte, eine solche
wirklich erhalten, so bedarf es einer näheren Präzision des realen Vorganges,
den man unter ihm verstehen kann.
Als dieses letzte, konkrete
Element ist, worauf ich jetzt zurückkomme, die Muskelarbeit behauptet
worden; und wir fragen nach dem Rechte dieser Behauptung, nachdem wir ihren
Beweis aus der Kostenlosigkeit der geistigen Arbeit oben in
seiner Gültigkeit beschränkt haben. Ich will nun von vornherein
gestehen: ich halte es nicht für schlechthin ausgeschlossen, daß
einmal das mechanische Äquivalent auch der psychischen Tätigkeit
gefunden werde.
Freilich, die Bedeutung ihres
Inhaltes, seine sachlich bestimmte Stelle in den logischen, ethischen,
ästhetischen Zusammenhängen steht absolut jenseits aller physischen
Bewegungen, ungefähr wie die Bedeutung eines Wortes jenseits seines
physiologisch - akustischen Sprachlautes steht.
Aber die Kraft, die der
Organismus für das Denken dieses Inhaltes als Gehirnvorgang aufwenden
muß, ist prinzipiell ebenso berechenbar wie die für eine
Muskelleistung erforderliche.
Sollte dies eines Tages
gelingen, so könnte man allerdings das Kraftmaß einer bestimmten
Muskelleistung zur Maßeinheit machen, nach der auch der psychische
Kraftverbrauch bestimmt wird, und die psychische Arbeit wäre nach dem, was
daran wirklich Arbeit ist, auf gleichem Fuße mit der Muskelarbeit zu behandeln,
ihre Produkte würden in eine bloß quantitative Wertabwägung mit
denen der letzteren eintreten.
Dies ist natürlich
eine wissenschaftliche Utopie, die nur dartun kann, daß die Reduktion
aller wirtschaftlich anrechenbaren Arbeit auf Muskelarbeit selbst für
einen keineswegs dogmatisch-materialistischen Standpunkt nicht den
prinzipiellen Widersinn zu enthalten braucht, mit dem der Dualismus von
Geistigkeit und Körperlichkeit diesen Versuch zu schlagen schien. In etwas
konkreterer Weise scheint sich die folgende Vorstellung dem gleichen Ziele zu
nähern.
Ich gehe davon aus,
daß unsere Unterhaltsmittel durch physische Arbeit produziert werden.
Zwar ist keine Arbeit rein
physisch, jede Handarbeit wird erst durch das irgendwie wirkende
Bewußtsein zu einer zweckmäßigen Leistung, so daß auch
diejenige, die der höheren geistigen Arbeit ihre Bedingungen bereitet,
selbst schon einen Beisatz seelischer Art enthält.
Allein diese psychische
Leistung des Handarbeiters wird doch ihrerseits erst wieder durch
Unterhaltsmittel ermöglicht; und zwar werden, je niedriger der Arbeiter
steht, d.h. je geringfügiger das seelische Element seiner Arbeit im
Verhältnis zu der Muskelleistung ist, auch seine Unterhaltsmittel (im
weitesten Sinne) durch Arbeit von wesentlich physischem Charakter hergestellt
werden - mit einer der modernsten Zeit angehörigen und im letzten Kapitel
zu behandelnden Ausnahme.
Da sich dies
Verhältnis nun an je zwei Arbeiterkategorien wiederholt, so ergibt dies
eine unendliche Reihe, aus welcher die psychische Arbeit zwar nie verschwinden
kann, in der sie aber immer weiter zurückgeschoben wird.
So ruhen die
Unterhaltsmittel auch der höchsten Arbeiterkategorien auf einer Reihe von
Arbeiten, in denen der psychische Beisatz jedes Gliedes
durch ein Glied von rein physischem Wert getragen wird, so daß jener sich
auf der letzten Stufe dem Grenzwert Null nähert.
Es läßt sich
also denken, daß prinzipiell alle äußeren Bedingungen der
geistigen Arbeit in Muskelarbeitsgrößen ausdrückbar sind.
Könnte man nun die alte Theorie vom Kostenwert gelten lassen, so
würde der Wert der geistigen Arbeit, insofern er den Kosten ihrer
Produktion gleich ist, dem Werte gewisser Muskelleistungen gleich sein.
Und nun wäre diese
Theorie vielleicht in einer Modifikation haltbar: der Wert eines Produkts ist
zwar nicht seinen Kosten gleichzusetzen, wohl aber könnten sich die Werte
zweier Produkte zueinander verhalten, wie die ihrer Entstehungsbedingungen.
Eine Psyche, durch
Unterhaltsmittel ernährt und angeregt, wird Produkte hergeben, die den
Wert jener von ihr verbrauchten Bedingungen um ein Vielfaches übersteigen
mögen; darum könnte aber doch das Wertverhältnis je zweier
Bedingungs-komplexe gleich dem je zweier Produkte sein - wie die Werte zweier
Bodenerzeugnisse, von denen jedes ein Vielfaches seines Samens ist, sich so
verhalten können wie die Werte der Samen zueinander; denn der
werterhöhende Faktor könnte, für den Durchschnitt der Menschen,
eine Konstante sein.
Wenn alle diese
Voraussetzungen zuträfen, so wäre damit die Reduktion der geistigen
Arbeiten auf physische in dem Sinne vollbracht, daß man zwar nicht die
absolute, aber die relative Wertbedeutung jeder der ersteren durch bestimmte
Verhältnisse der letzteren ausdrücken könnte.
Nun erscheint aber der
Gedanke, daß die Werthöhen der geistigen Leistung sich proportional
den Werten der Unterhalts-mittel verhalten sollten, völlig paradox, ja
unsinnig.
Dennoch lohnt es, die
Punkte aufzusuchen, in denen sich die Wirklichkeit ihm wenigstens nähert,
weil diese tief in die inneren und kulturellen Beziehungen geistiger Werte zu
ihren wirtschaftlichen Bedingungen und Äquivalenten hinabreichen. Wir
haben uns wohl vorzustellen, daß im Gehirn, als dem Gipfelpunkt der
organischen Entwicklung, ein sehr großes Maß von Spannkräften
aufgespeichert liegt.
Das Gehirn ist offenbar
imstande, eine große Kraftsumme abzugeben, woraus sich unter anderem die
erstaunliche Leistungsfähigkeit schwacher Muskeln erklärt, die sie
auf psychische Reize hin entfalten können.
Auch die große
Erschöpfung des ganzen Organismus nach geistigen Arbeiten oder
Alterationen weist darauf hin, daß die psychische Tätigkeit, von der
Seite ihres physischen Korrelats her angesehen, sehr viel organische Kraft
verbraucht.
Der Ersatz dieser Kraft ist
nun nicht nur durch ein bloßes Mehr derjenigen Unterhaltsmittel, die der
Muskelarbeiter braucht, zu erzielen, denn die Aufnahmefähigkeit des Körpers ist in Hinsicht auf das Quantum von Er-ährung
ziemlich eng begrenzt und bei überwiegend geistiger Arbeit eher herunter-
als heraufgesetzt.
Deshalb kann der
Kraftersatz ebenso wie die erforderliche nervöse Anregung bei geistiger
Arbeit in der Regel nur durch eine Konzentrierung, Verfeinerung, individuelle
Angepaßtheit des Lebensunterhaltes und der allgemeinen Lebensbedingungen
geleistet werden.
Zwei kulturhistorisch
bedeutsame Momente werden hier wichtig. Unsere täglichen Nahrungs-mittel
sind in einer Periode erwählt und ausgebildet worden, in der die
übrigen Lebensbedingungen von den heutigen der intellektuellen Stände
sehr abwichen, in der Muskelarbeit und frische Luft gegenüber der
Nervenanspannung und der sitzenden Lebensweise dominierten.
Die zahllosen, direkten und
indirekten Verdauungskrankheiten einerseits, das hastige Suchen nach
konzentrierten und leicht assimilierbaren Nährmitteln andrerseits
verkünden, daß die Anpassung zwischen unserer körperlichen
Verfassung und unseren Nahrungsstoffen in weitem Umfang unterbrochen ist.
Aus dieser ganz allgemeinen
Beobachtung ist ersichtlich, mit wie großem Rechte für Menschen sehr
differenzierter Berufe auch differenzierte Ernährung gefordert wird, und
daß es nicht nur Sache der Zungenkultur, sondern der Volksgesundheit ist,
dem höchstentwickelten Arbeiter die Mittel zu einer übernormalen,
verfeinerten und durch persönliche Ansprüche bestimmten
Ernährung zu gewähren.
Wesent-icher aber und
zugleich verborgener ist der Umstand, daß die geistige Arbeit ihre
Vorbedingungen weit mehr in die Gesamtheit des Lebens hin erstreckt und von
einer viel weiteren Peripherie mittelbarer Beziehungen umgeben ist, als die
körperliche.
Die Umsetzung der
körperlichen Kraft in Arbeit kann sozusagen unmittelbar geschehen,
während die geistigen Spannkräfte ihre volle Arbeit im allgemeinen
nur leisten können, wenn, weit über ihr unmittelbar-aktuelles Milieu
hinaus, das ganze komplizierte System der körperlich-geistigen Stimmungen,
Eindrücke, Anregungen sich in einer bestimmten Organisiertheit,
Tönung, Proportion von Ruhe und Bewegtheit befindet.
Selbst unter denjenigen,
die Geistes- und Muskelarbeit prinzipiell nivellieren wollen, ist es deshalb
schon ein trivialer Satz, daß die höhere Entlohnung des geistigen
Arbeiters durch die physiologischen Bedingungen seiner Tätigkeit
gerechtfertigt werde.
In diesem Zusammenhang wird
verständlich, daß der moderne geistige Mensch so viel mehr von
seinem Milieu abhängig zu sein scheint, als der frühere Mensch, und
zwar nicht in dem Sinn, daß er bildsamer, qualitativ bestimmbarer ist,
sondern gerade so, daß die Entwicklung seiner spezifischen Kräfte,
seiner innerlichen Produktivität, seiner
persönlichen Eigenart nicht ohne besonders günstige, ihm individuell
angepaßte Lebensbedingungen möglich ist.
Die un-glaublich
bescheidenen Verhältnisse, unter denen früher oft ein höchstes
geistiges Leben sich entfaltete, wären für die überwiegende
Mehrzahl der heutigen geistigen Arbeiter von vornherein erdrückend, diese
würden in ihnen nicht die Begünstigungen und Anregungen finden, die
sie - manchmal jeder anders als der andere - gerade für ihre individuelle
Produktion brauchen.
Das kann jedem Epikureismus
völlig fern liegen, und geht, als reale Bedingung der Leistung, vielleicht
einerseits aus der gewachsenen Reizbarkeit und Schwäche des Nervensystems,
andrerseits aus der zugespitzten Individualisiertheit hervor, die auf jene
einfachen, d.h. typisch-generellen Lebensreize nicht reagieren kann, sondern
sich nur auf entsprechend individualisierte hin entfaltet.
Wenn die neueste Zeit die
historische Milieu-Theorie aufs entschiedenste durchgeführt hat, so
dürften wohl auch hier reale Verhältnisse durch ihre Exaggerierung
eines Elementes uns den Blick für dessen Wirksamkeit auch auf Stufen
seiner geringeren Entwicklung geöffnet haben - gerade wie die in
Wirklichkeit gestiegene Bedeutung der Massen im 19. Jahrhundert erst die
Veranlassung geworden ist, sich ihrer Bedeutung auch in allen früheren
Epochen wissenschaftlich bewußt zu werden.
Insoweit diese
Verhältnisse gelten, besteht also wirklich eine gewisse Proportion
zwischen den Werten, die wir konsurnieren, und denen, die wir produzieren, d.h.
die letzteren, als geistige Leistungen, sind Funktionen der Muskelleistungen,
die in den ersteren investiert sind.
Allein diese mögliche
Reduktion geistiger auf Muskelarbeitswerte findet von verschiedenen Seiten her
eine sehr frühe Grenze. Jene Proportion ist nämlich zunächst
nicht umkehrbar.
Zu bestimmten Leistungen
gehören allerdings sehr erhebliche personale Aufwendungen, aber diese
ihrerseits erzeugen keineswegs überall jene Leistungen: der Unbegabte, in
noch so günstige und verfeinerte Lebensbedingungen versetzt, wird dennoch
niemals dasjenige leisten, wozu ebendieselben den Begabten anregen.
Die Reihe der Produkte
könnte also nur dann eine stetige Funktion der Reihe der Aufwendungen
sein, wenn die letzteren genau im Verhältnis der natürlichen
personalen Begabungen erfolgten.
Allein das Unmögliche
selbst angenommen, daß die letzteren sich exakt feststellen ließen
und eine ideale Anpassung, nach dieser Feststellung die Unterhaltsmittel genau
bemessend, die Leistungshöhen zum Index der letzteren machen wollte, so würde
dies Unternehmen seine Grenze immer an der Ungleichmäßigkeit der
Unterhaltsbedingungen finden, die selbst zwischen den zu gleichen Leistungen
qualifizierten Persönlichkeiten besteht.
Hier liegt eines der
großen Hemmnisse sozialer Gerechtigkeit.
So sicher nämlich im
allgemeinen die höhere, geistige Leistung auch höhere
Lebensbedingungen fordert, so sind doch die menschlichen Beanlagungen gerade in
den Ansprüchen, die die Entfaltung ihrer höchsten Kräfte stellt,
äußerst ungleichmäßig.
Von zwei Naturen, die zu
der objektiv gleichen Leistung befähigt sind, wird die eine zur
Verwirklichung dieser Möglichkeit ein - der Höhe nach - ganz andres
Milieu, ganz andre materielle Vorbedingungen, ganz andre Anregungen nötig
haben, als die zweite.
Diese Tatsache, die
zwischen den Idealen der Gleichheit, der Gerechtigkeit und der Maximisierung
der Leistungen eine unversöhnliche Disharmonie stiftet, ist noch
keineswegs genügend beachtet.
Die Verschiedenheit unserer
physisch-psychischen Strukturen, der Verhältnisse zwischen
zweckmäßigen und hemmenden Energien, der Wechselwirkungen zwischen
Intellekt und Willenscharakter bewirkt, daß die Leistung, als Produkt der
Persönlichkeit und ihrer Lebensbedingungen, in der ersteren einen höchst
inkonstanten Faktor findet; so daß, um das gleiche Resultat zu ergeben,
auch der andere Faktor entsprechend große Variierungen erleiden
muß.
Und zwar scheint es, als ob
diese Abweichungen der Naturelle in bezug auf die Verwirklichungsbedingungen
ihrer inneren Möglichkeiten um so erheblichere wären, je höher,
komplizierter und geistiger das Leistungsgebiet ist.
Die Personen, die
überhaupt die Muskelkraft zu einer bestimmten Arbeit haben, werden
für deren Ausführung so ziemlich der gleichen Ernährung und
allgemeinen Lebenshaltung bedürfen; wo aber führende, gelehrte,
künstlerische Tätigkeiten in Frage stehen, wird die oben bezeichnete
Verschiedenheit zwischen denen, die schließlich alle das gleiche leisten
könnten, bedeutsam hervortreten.
Die persönliche
Begabung ist so variabler Art, daß die gleichen äußeren
Umstände, auf sie einwirkend, die allerverschiedensten Endresultate
zeitigen, und dadurch bei dem Vergleich von Indivi-duum mit Individuum jede
Wertproportion zwischen den materiellen Unterhaltsbedingungen und den darauf
gebauten psychischen Leistungen völlig illusorisch wird.
Nur wo große
historische Epochen oder ganze Bevölkerungsklassen in ihrem Durchschnitt
miteinander verglichen werden, mögen die relativen Höhen der physisch
beschaffbaren Bedingungen dasselbe Verhältnis wie die der psychischen
Leistungen zeigen.
So kann man z.B.
beobachten, daß bei sehr niedrigen Preisen der notwendigen Nahrungsmittel
die Kultur im ganzen nur langsam fortschreitet, also die Luxusartikel, in denen
eine erheblichere geistige Arbeit investiert ist, außerordentlich teuer
sind; wogegen die Preiserhöhung jener ersteren mit einer
Preiserniedri-gung und weiteren Verbreitung der letzteren
Hand in Hand zu gehen pflegt.
Für niedere Kulturen
ist es charakteristisch, daß der unentbehrliche Unterhalt sehr billig,
die höhere Lebenshaltung dagegen sehr teuer ist, wie etwa noch jetzt in
Rußland im Verhältnis zu Zentraleuropa.
Die Billigkeit von Brot,
Fleisch und Wohnung läßt es einerseits zu dem Druck nicht kommen,
der den Arbeiter zur Erkämpfung höherer Löhne zwingt, die
Teuerung der Luxusartikel andrerseits rückt ihm diese ganz außer
Sehweite und verhindert ihre Ausbreitung.
Erst die Verteuerung des
ursprünglich Billigen und die Verbilligung des ursprünglich Teuren -
deren Zusammenhang ich schon oben hervorhob - bedeutet und bewirkt ein
Aufsteigen der geistigen Betätigungen.
Unter all der ungeheuren
Inkommensurabilität im einzelnen verraten diese Proportionen dennoch eine
allgemeine, in jenen Einzelheiten dennoch wirksame Beziehung von physischer und
psychischer Arbeit, die das Wertmaß der letzteren durch die erstere
auszudrücken wohl gestatten würde, wenn ihre Wirksamkeit nicht durch
die soviel stärkere der individuellen Begabungsunterschiede
übertönt würde.
Endlich gibt es einen
dritten Standpunkt, von dem aus die Reduktion alles Arbeitswertes auf den Wert
der Muskelarbeit ihres rohen und plebejischen Charakters entkleidet wird.
Sehen wir nämlich
genauer zu, woraufhin denn eigentlich die Muskelarbeit als Wert und Aufwand
gilt, so ergibt sich, daß dies gar nicht die rein physische Kraftleistung
ist.
Ich meine damit nicht das
schon Erwähnte, daß diese überhaupt ohne eine gewisse
intellektuelle Dirigierung ganz nutzlos für die menschlichen Zwecke
wäre, in welcher Hinsicht aber das psychische Element ein bloßer
Wertbeisatz bleibt; der eigentliche Wert könnte dabei doch immer in dem
rein Physischen bestehen, nur daß dasselbe, um die erforderliche Richtung
zu bekommen, jenes Zusatzes bedürfte.
Ich meine vielmehr,
daß die physische Arbeit ihren ganzen Ton von Wert und Kostbarkeit nur
durch den Aufwand von psychischer Energie erhält, der sie trägt.
Wenn jene Arbeit,
äußerlich angesehen, das Überwinden von Hemmnissen bedeutet,
die Formung einer Materie, die dieser Formung nicht ohne weiteres gehorcht,
sondern ihr zunächst Widerstand entgegensetzt - so zeigt die Innenseite
der Arbeit dieselbe Gestalt.
Die Arbeit ist eben
Mühe, Last, Schwierigkeit; so daß, wo sie das nicht ist, betont zu
werden pflegt, daß sie eben keine eigentliche Arbeit ist.
Sie besteht, auf ihre
Gefühlsbedeutung hin angesehen, in der fortwährenden Überwindung
der Impulse zu Trägheit, Genuß, Erleichterung des Lebens - wobei es
irrelevant ist, daß diese Impulse, wenn man sich ihnen wirklich
ununterbrochen hingäbe, das Leben gleichfalls zu einer Last machen würden; denn die Last der Nichtarbeit wird nur in den
seltensten Ausnahmefällen empfunden, die der Arbeit aber nur in eben
solchen nicht empfunden.
Niemand pflegt daher Leid
und Mühe der Arbeit auf sich zu nehmen, ohne etwas dafür
einzutauschen.
Was an der Arbeit
eigentlich vergolten wird, der Rechtstitel, auf den hin man eine Vergeltung
für sie fordert, ist der psychische Kraftaufwand, dessen es zum
Aufsichnehmen und Überwinden der inneren Hemmungsund Unlustgefühle
bedarf.
Die Sprache deutet diesen
Sachverhalt gut an, indem sie den äußerlich-ökonomischen ebenso
wie den innerlich-moralischen Ertrag unseres Tuns gleichmäßig als
Verdienst bezeichnet.
Denn auch im letzteren
Sinne tritt dieses doch erst ein, wenn der sittliche Impuls Hemmnisse der
Versuchung, des Egoismus, der Sinnlichkeit überwunden hat, nicht, wenn die
sittliche Handlung aus einem ganz selbst-verständlichen, die
Möglichkeit des Gegenteils von vornherein ausschließenden Triebe
quillt; so daß, um den sittlichen Musterbildern nicht das sittliche
Verdienst absprechen zu müssen, die Mythenbildung der Völker
allenthalben ihre Religionsstifter eine »Versuchung« besiegen
läßt und Tertullian sogar den Ruhm Gottes für größer
hält, si laboravit. Wie sich der eigentlich moralische Wert an das
überwundene Hemmnis entgegengesetzter Impulse knüpft, so der
ökonomische.
Wenn der Mensch seine
Arbeit leistete, wie die Blume ihr Blühen oder der Vogel sein Singen, so
würde sich kein entgeltbarer Wert mit ihr verknüpfen.
Dieser liegt also nicht in
ihrer äußeren Erscheinung, in dem sichtbaren Tun und Erfolg, sondern
auch bei der Muskelarbeit in dem Willensaufwand, den Gefühlsreflexen,
kurz, in den seelischen Bedingungen.
Damit gewinnen wir die
Ergänzung für die an das andere Ende der wirtschaftlichen Reihen sich
anschließende fundamentale Erkenntnis: daß aller Wert und alle
Bedeutung der Gegenstände und ihres Besitzes in den Gefühlen liegt,
die sie hervorrufen, daß das Haben ihrer als ein bloß äußerliches
Verhältnis gleichgültig und sinnlos wäre, wenn sich nicht innere
Zustände, Affekte der Lust, der Erhöhung und Erweiterung des Ich,
daran schlössen.
So wird die Sichtbarkeit
wirtschaftlicher Güter von beiden Seiten - des Leistenden wie des
Genießenden - her durch psychische Vorgänge begrenzt, die allein es
begründen, daß für die einzelne Leistung ein Gegenwert
gefordert wie gewährt wird.
Ebenso unwesentlich und
beziehungslos, wie uns ein Besitzgegenstand ist, der nicht in eine psychische
Erregung übergeht, wäre uns das eigne Tun, wenn es nicht aus einem
inneren empfundenen Zustande hervorginge, dessen Unlust und Opfergefühl
allein die Forderung eines Entgeltes und deren Maß in sich trägt. In
Hinsicht des Wertes kann man deshalb sagen, Muskelarbeit sei
psychische Arbeit.
Als Ausnahme hiervon
könnten nur diejenigen Arbeiten gelten, die der Mensch als Konkurrent der
Maschine oder des Tieres vollbringt; denn obwohl sich auch diese in bezug auf
die innere Bemühung und psychische Kraftaufwendung wie alle anderen
verhalten, so hat doch der, zu dessen Gunsten sie vollbracht werden, keine
Veranlassung, für diese innere Leistung etwas zu vergüten, da der ihm
allein wichtige äußere Effekt auch durch eine rein physische Potenz
erreichbar ist und die kostspieligere Produktion nirgends vergolten wird,
sobald eine billigere möglich ist.
Aber mit einem ganz kleinen
Schritt tiefer ist vielleicht auch diese Ausnahme in die Allbefaßtheit
des Äußerlichen durch das Seelische zurückzuführen.
Was an den Leistungen einer
Maschine oder eines Tieres vergolten wird, ist doch die menschliche Leistung,
die in Erfindung, Herstellung und Dirigierung der Maschine, in der Aufzucht und
Abrichtung des Tieres steckt; so daß man sagen kann.
Jene menschlichen Arbeiten
werden nicht wie diese physisch-untermenschlichen vergolten, sondern,
umgekehrt, diese werden gleichfalls mittelbar als psychisch-menschliche
gewertet. Dies wäre nur eine ins Praktische hineinreichende Fortsetzung
der Theorie, daß wir auch den Mechanismus der unbelebten Natur
schließlich nach den Kraft- und Anstrengungsgefühlen deuten, die
unsere Bewegungen begleiten.
Wenn wir unser eignes Wesen
der allgemeinen Naturordnung einfügen, um es in ihrem Zusammenhange zu
verstehen, so ist dies nur so möglich, daß wir zuvor die Formen,
Impulse und Gefühle unserer Geistigkeit in die allgemeine Natur
hineintragen, das »Unterlegen« und das »Auslegen«
unvermeidlich zu einem Akt verbindend.
Wenn wir, dies
Verhältnis zur Welt auf unsere praktische Frage ausdehnend, an der
Leistung untermenschlicher Kräfte nur die Leistung menschlicher durch
Gegenleistung aufwiegen, so fällt damit in der hier fraglichen Hinsicht
der prinzipielle Grenzstrich zwischen denjenigen menschlichen Arbeiten, deren
Entgelt sich auf ihr psychisches Fundament stützt, und denen, die wegen der
Gleichheit ihres Effektes mit rein äußerlich-mechanischen diese
Begründung ihres Entgeltes abzulehnen schienen.
Man kann also jetzt ganz
allgemein behaupten, daß nach der Seite des aufzuwiegenden Wertes hin der
Unterschied zwischen geistiger und Muskelarbeit nicht der zwischen psychischer
und materieller Natur sei, daß vielmehr auch bei der letzteren
schließlich nur auf die Innenseite der Arbeit, auf die Unlust der
Anstrengung, auf das Aufgebot an Willenskraft hin das Entgelt gefordert werde.
Freilich ist diese Geistigkeit,
die gleichsam das Ding-an-sich hinter der Erscheinung der Arbeit ist und den
Binnenwert derselben bildet, keine intellektuelle, sondern
besteht in Gefühl und Willen; woraus dann folgt, daß derselbe dem
der geistigen Arbeit nicht koordiniert ist, sondern auch diesen fundamentiert.
Denn auch an ihm bringt
ursprünglich nicht der objektive Inhalt des geistigen Prozesses, sein von
der Persönlichkeit gelöstes Resultat, die Forderung des Entgeltes
hervor, sondern die subjektive, vom Willen geleitete Funktion, die ihn
trägt, die Arbeitsmühe, der Energieaufwand, dessen es für die
Produktion jenes geistigen Inhaltes bedarf.
Indem so als der Quellpunkt
des Wertes nicht nur von seiten des Aufnehmenden, sondern auch des Leistenden
her sich ein Tun der Seele enthüllt, erhalten Muskelarbeit und
»geistige« Arbeit einen gemeinsamen, - man könnte sagen:
moralischen - wertbegründenden Unterbau, durch den die Reduktion des
Arbeitswertes überhaupt auf Muskelarbeit ihr banausisches und brutal
materialistisches Aussehn verliert.
Das verhält sich
ungefähr wie mit dem theoretischen Materialismus, der ein ganz neues und
ernsthafter diskutables Wesen bekommt, wenn man betont, daß doch auch die
Materie eine Vorstellung ist, kein Wesen, das, im absoluten Sinne außer
uns, der Seele entgegengesetzt ist, sondern in seiner Erkennbarkeit durchaus
bestimmt von den Formen und Voraussetzungen unserer geistigen Organisation.
Von diesem Standpunkt, auf
dem die Wesensverschiedenheit körperlicher und geistiger Erscheinungen statt
der absoluten eine relative wird, ist das Verlangen, die Erklärung
für die im engeren Sinn geistigen in der Reduktion auf die
körperlichen zu suchen, sehr viel weniger unerträglich.
Hier, wie in dem Falle des
praktischen Wertes, muß das Äußere nur aus seiner Starrheit,
Isolierung und Gegensätzlichkeit gegen das Innere erlöst werden,
damit es sich als einfachster Ausdruck und Maßeinheit für die
höheren »geistigen« Tatsachen auftun könne.
Diese Reduktion mag
gelingen oder nicht; aber mit ihrer Behauptung vertragen sich nun wenigstens
prinzipiell die Forderungen der Methode und der fundamentalen Wertsetzungen.
Diese Ausführungen
können nicht sowohl erweisen, daß das Äquivalent für die
Arbeit sich ausschließlich an das Quantum der Muskeltätigkeit
knüpft, als gewisse Bedenken beseitigen, die man dieser Verbindung
vorzuhalten pflegt.
Dennoch findet sie eine
Schwierigkeit, die mir unüberwindlich scheint, und zwar die von dem ganz
trivialen Einwand ausgehende, daß es doch auch wertlose,
über-flüssige Arbeit gebe.
Denn die Widerlegung, unter
der Arbeit als dem fundamentalen Werte verstehe man natürlich nur die
zweckmäßige, durch ihr Ergebnis gerechtfertigte Arbeit, enthält
ein Zugeständnis, das der ganzen Theorie verderblich ist.
Wenn es nämlich
wertvolle und wertlose Arbeit gibt, so gibt es zweifellos auch Zwischenstufen, geleistete Arbeitsquanten, welche einige, aber nicht
lauter Elemente von Zweck und Wert enthalten; der Wert des Produktes also, der
der Voraussetzung nach durch die in ihm investierte Arbeit bestimmt wird, ist
ein größerer oder geringerer, je nach der Zweckmäßigkeit
dieser Arbeit.
Das bedeutet: der Wert der
Arbeit mißt sich nicht an ihrem Quantum, sondern an der Nützlichkeit
ihres Ergebnisses!
Und hier hilft nicht mehr
die oben bezüglich der Qualität der Arbeit versuchte Methode: die
höhere, feinere, geistigere Arbeit bedeute eben der niedrigeren
gegenüber mehr Arbeit, eine Häufung und Verdichtung eben derselben
allgemeinen »Arbeit«, von der die grobe und unqualifizierte Arbeit
nur gleichsam eine größere Verdünnung, eine niedrigere Potenz
darstelle.
Denn dieser Unterschied der
Arbeit war ein innerer, der die Nützlichkeitsfrage noch ganz beiseite
ließ, indem die Nützlichkeit als der fraglichen Arbeit in immer
gleichem Maße einwohnend dabei vorausgesetzt wurde: die Arbeit des
Straßenkehrers ist für diese Überlegung nicht weniger
»nützlich« als die des Violinspielers, und ihre geringere
Schätzung stammt aus der inneren Quantität ihrer als bloßer
Arbeit, aus der geringeren Kondensiertheit der Arbeitsenergien in ihr.
Nun aber zeigt sich,
daß diese Voraussetzung eine zu einfache war und daß die
Verschiedenheit der äußeren Nützlichkeit nicht gestattet, die
Wertungsunterschiede der Arbeit von ihren bloß inneren Bestimmungen
abhängen zu lassen.
Wenn man die unnütze
Arbeit, oder richtiger: die Nützlichkeitsunterschiede der Arbeit aus der
Welt schaffen und bewirken könnte, daß die Arbeit genau in demselben
Maße mehr oder weniger nützlich sei, in dem sie mehr oder weniger
konzentriert, kraftverbrauchend, mit einem Wort: mehr oder weniger
Arbeitsquantität ist - so wäre damit zwar noch nicht die
Muskel-arbeit als der einzige Wertbildner erwiesen; wohl aber könnte dann
die Arbeit überhaupt als Wertmaß der Objekte gelten, da dann deren
anderer Faktor, die Nützlichkeit, immer derselbe wäre, also die
Wertrelationen nicht mehr alterierte.
Allein die
Nützlichkeitsunterschiede bestehen eben, und es ist ein Trugschluß,
wenn das ethisch vielleicht begründbare Postulat: aller Wert ist Arbeit -
in den Satz umgekehrt wird: alle Arbeit ist Wert, d.h. gleicher Wert.
Hier zeigt sich nun der
tiefe Zusammenhang der Arbeitswerttheorie mit dem Sozialismus; denn dieser
erstrebt tatsächlich eine Verfassung der Gesellschaft, in der der
Nützlichkeitswert der Objekte, im Verhältnis zu der darauf
verwendeten Arbeitszeit, eine Konstante bildet.
Im dritten Bande des
»Kapital« führt Marx aus: die Bedingung alles Wertes, auch bei
der Arbeitstheorie, sei der Gebrauchswert; allein das bedeute, daß auf
jedes Produkt gerade so viel Teile der gesellschaftlichen
Gesamtarbeitszeit verwendet werden, wie im Verhältnis zu seiner
Nützlichkeitsbedeutung auf dasselbe kommen.
Es wird also sozusagen ein
qualitativ einheitlicher Gesamtbedarf der Gesellschaft vorgestellt - dem Motto
der Arbeitstheorie, Arbeit sei eben Arbeit und als solche gleichwertig,
entspricht hier das weitere, Bedürfnis sei eben Bedürfnis und als
solches gleich wichtig - und die Nützlichkeitsgleichheit aller Arbeiten
wird nun erzielt, indem in jeder Produktionssphäre nur so viel Arbeit
geleistet wird, daß genau der von ihr umschriebene Teil jenes Bedarfes
gedeckt wird.
Unter dieser Voraussetzung
wäre freilich keine Arbeit weniger nützlich als die andere.
Denn wenn man z.B. heute
Klavierspielen für eine weniger nützliche Arbeit als Lokomotivenbauen
hält, so liegt das nur daran, daß mehr Zeit darauf verwandt wird,
als dem wirklichen Bedürfnis danach entspricht.
Wäre es auf das
hiermit bezeichnete Maß eingeschränkt, so wäre es genau so
wertvoll wie Lokomotivenbauen - gerade wie auch das letztere unnützlicher
würde, wenn man mehr Zeit darauf verwendete, d.h. mehr Lokomotiven baute,
als Bedarf danach ist.
Mit anderen Worten: es gibt
prinzipiell gar keine Gebrauchswertunterschiede; denn wenn ein Produkt momentan
weniger Gebrauchswert hat als ein anderes (also die auf jenes verwandte Arbeit
wertloser ist, als die dem letzteren geltende), so kann man einfach die Arbeit
an seiner Kategorie, d.h. die Quantität seiner Produktion, so lange
herabsetzen, bis das darauf gerichtete Bedürfnis ebenso stark ist, wie das
auf den anderen Gegenstand gerichtete, d.h. bis die »industrielle
Reservearmee« völlig verschwunden ist.
Nur unter dieser Bedingung
kann die Arbeit das Wertmaß der Produkte getreu ausdrücken.
Das Wesen jedes Geldes nun
ist seine unbedingte Fungibilität, die innere Gleichartigkeit, die jedes
Stück durch jedes, nach quantitativen Abwägungen, ersetzbar macht.
Damit es ein Arbeitsgeld
gebe, muß der Arbeit diese Fungibilität verschafft werden, und dies
kann nur auf die soeben geschilderte Weise geschehen: daß ihr der immer
gleiche Nützlichkeitsgrad verschafft wird, und dies wiederum ist nur durch
Reduktion der Arbeit für jede Produktionsgattung auf dasjenige Maß
erzielbar, bei dem der Bedarf nach ihr genau so groß ist wie der nach
jeder anderen.
Dabei würde
natürlich die tatsächliche Arbeitsstunde noch immer höher oder
tiefer bewertet werden können; aber jetzt wäre man sicher, daß
der höhere Wert, aus der höheren Nützlichkeit des Produktes
abgeleitet, ein proportional konzentrierteres Arbeitsquantum pro Stunde
anzeigt; oder umgekehrt: daß, sobald auf die Konzentrierung der Arbeit
hin der Stunde ein höherer Wert zugesprochen wird, sie auch ein
höheres Nützlichkeitsquantum enthält.
Dies aber setzt ersichtlich
eine völlig rationalisierte und providenzielle Wirtschaftsordnung voraus,
in der jede Arbeit planmäßig, unter absoluter Kenntnis des Bedarfs
und des Arbeitserfordernisses für jedes Produkt erfolgt - also eine
solche, wie sie der Sozialismus erstrebt.
Die Annäherung an
diesen völlig utopischen Zustand scheint nur so technisch möglich zu
sein, daß überhaupt nur das unmittelbar Unentbehrliche, das ganz
indiskutabel zum Leben Gehörige produziert wird; denn wo
ausschließlich dies der Fall ist, ist allerdings jede Arbeit genau so
nötig und nützlich wie die andere.
Sobald man dagegen in die
höheren Gebiete aufsteigt, auf denen einerseits Bedarf und
Nützlichkeitsschätzung unvermeidlich individueller, andrerseits die
Intensitäten der Arbeit schwerer festzustellen sind, wird keine
Regulierung der Produktionsquanten bewirken können, daß das
Verhältnis zwischen Bedarf und aufgewandter Arbeit überall das
gleiche sei.
So verschlingen sich an
diesen Punkten alle Fäden der Erwägungen über den Sozialismus;
an ihm wird klar, daß die Kulturgefährdung seitens des Arbeitsgeldes
keineswegs eine so unmittelbare ist, wie man meistens urteilt; vielmehr,
daß sie aus der technischen Schwierigkeit stammt, die Nützlichkeit
der Dinge, als ihren Wertungsgrund, im Verhältnis zur Arbeit, als ihrem
Wert-träger, konstant zu erhalten - eine Schwierigkeit, die sich im
Verhältnis der Kulturhöhe der Produkte steigert und deren Vermeidung
freilich die Produktion zu den primitivsten, unentbehrlichsten,
durchschnittlichsten Objekten herabsenken müßte.
Dieses Ergebnis des
Arbeitsgeldes beleuchtet nun aufs schärfste das Wesen des Geldprinzips
überhaupt.
Die Bedeutung des Geldes
ist, daß es eine Einheit des Wertes ist, die sich in die Vielheit der
Werte kleidet; sonst würden die Quantitätsunterschiede des einheitlichen
Geldes nicht als den Qualitätsunterschieden der Dinge äquivalent
empfunden werden.
Dadurch geschieht nun
freilich diesen oft genug unrecht, wird namentlich den personalen Werten eine
Gewalt angetan, die ihr Wesen verlöscht.
Von dieser Verfassung des Geldes
strebt das Arbeitsgeld hinweg, es will dem Gelde einen zwar immer noch
abstrakten, aber doch dem konkreten Leben näherliegenden Begriff
unterbauen; mit ihm soll ein eminent personaler, ja, man könnte sagen, der
personale Wert zum Maßstab der Werte überhaupt werden.
Und nun zeigt sich,
daß es, weil es doch nun einmal die Eigenschaften alles Geldes besitzen
soll: die Einheitlichkeit, die Fungibilität, die nirgends versagende
Geltung - gerade der Differenzierung und personalen Ausbildung der Lebensinhalte
bedrohlicher wäre, als das bisherige Geldl Wenn es die unvergleichliche
Kraft des Geldes ist, sich um einer Folge willen der entgegengesetzten nicht zu entziehen, wenn wir es einerseits der Herabdrückung,
andrerseits der oft sogar exaggerierten Steigerung personaler Differenziertheit
dienen sehen, so raubt ihm der Versuch, es konkreter, wenngleich noch immer
äußerst allgemein zu gestalten, seine Stellung sozusagen über
den Parteien, und stellt es auf die eine Seite der Alternative, mit Ausschluß
der anderen.
So sehr man am Arbeitsgeld
die Tendenz, das Geld den personalen Werten wieder näherzurücken,
anerkennen muß, so erweist jener Erfolg doch gerade, wie eng die
Fremdheit gegen diese mit seinem Wesen verbunden ist.
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