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Die Änderungen der
Distanz zwischen dem Ich und den Dingen als Ausdruck für die
Stilverschiedenheiten des Lebens.
Moderne Tendenzen auf
Distanz-Vergrößerung und -Verkleinerung.
Rolle des Geldes in diesem
Doppelprozeß.
Der Kredit.
Die Herrschaft der Technik.
- Die Rhythmik oder Symmetrie der Lebensinhalte und ihr Gegenteil.
Das Nacheinander und das
Nebeneinander beider Tendenzen, die Entwicklungen des Geldes als Analogie und
als Träger derselben. - Das Tempo des Lebens, seine Veränderungen und
die des Geldbestandes.
Die Konzentration des
Geldverkehrs.
Die Mobilisierung der
Werte.
Beharrung und Bewegung als
Kategorien des Weltverständnisses, ihre Synthese in dem Relativitätscharakter
des Seins, das Geld als historisches Symbol desselben.
Man macht sich selten klar,
in welchem Umfang unsere Vorstellungen von den seelischen Prozessen bloß
symbolische Bedeutung besitzen.
Die primitive Not des
Lebens hat uns gezwungen, die räumliche Außenwelt zum ersten Objekt
unserer Aufmerksamkeit zu machen; für ihre Inhalte und Verhältnisse
gelten deshalb zunächst die Begriffe, durch die wir ein beobachtetes
Dasein außerhalb des beobachtenden Subjekts vorstellen; sie ist der Typus
des Objekts überhaupt und ihren Formen muß sich jede Vorstellung
fügen, die für uns Objekt werden soll.
Diese Forderung ergreift
die Seele selbst, die sich zum Gegenstand ihrer eigenen Beobachtung macht.
Vorher allerdings scheint
sich noch die Beobachtung des Du einzustellen, ersichtlich das dringendste
Erfordernis des Gemeinschaftslebens und der individuellen Selbstbehauptung.
Allein da wir die Seele des Anderen niemals unmittelbar beobachten können,
da er unserer Wahrnehmung niemals mehr, als Eindrücke äußerer
Sinne gewährt, so ist alle psychologische Kenntnis seiner
ausschließlich eine Hineindeutung von Bewußtseinsvorgängen,
die wir in unserer Seele wahrnehmen und auf jenen übertragen, wenn
physische Eindrücke von ihm her uns dazu anregen - so wenig diese
Übertragung, ausschließlich für ihren Zielpunkt interessiert,
sich von ihrem Ausgangspunkt Rechenschaft ablegen mag.
Sobald die Seele sich
selbst zum Objekt ihres Vorstellens macht, kann sie es nur unter dem Bilde
räumlicher Vorgänge.
Wenn wir von Vorstellungen
sprechen und ihrer Verbindung, von ihrem Aufsteigen in das Bewußtsein und
ihrem Sinken unter die Schwelle desselben, von inneren Neigungen und
Widerständen, von der Stimmung mit ihren Erhebungen und Tief ständen,
so ist jeder dieser und unzähliger Ausdrücke des gleichen Gebietes
ersichtlich äußerlichen Wahrnehmbarkeiten entnommen.
Wir mögen davon
durchdrungen sein, daß die Gesetzlichkeit unseres Seelenlebens
völlig anderen Wesens ist, als die eines äußeren Mechanismus -
vor allem, weil jenem die feste Umschriebenheit und sichere Wiedererkennbarkeit
der einzelnen Elemente fehlt - so stellen wir uns doch
unvermeidlich die »Vorstellungen« als eine Art Wesen vor, die
miteinander in die mechanischen Beziehungen des Verbindens und Trennens, des
Hebens und Herabdrückens treten.
Wir sind dabei
überzeugt - und die Praxis gibt uns recht -, daß diese, nach dem
Typus anschaulicher Vorgänge geschehende Deutung des Inneren die
Wirklichkeit dieses letzteren gültig vertritt, gerade wie dem Astronomen
die Rechnung auf dem Papiere die Bewegungen der Gestirne so erfolgreich
repräsentiert, daß das Resultat jener durchaus das Bild darstellt,
das von dem Resultat der realen Kräfte bewahrheitet wird.
Dieses Verhältnis aber
wird nun auch rückläufig gültig als Deutung des
äußeren Geschehens nach den Inhalten des Innenlebens. Ich meine hier
nicht, daß ja auch jenes von vornherein nur eine Welt von Vorstellungen
ist, sondern, nachdem einmal auf dieser oder einer anderen
erkenntnistheoretischen Basis ein relatives Außen einem relativen Innern
gegenübergestellt ist, dienen die spezifischen Erscheinungen des letzteren
dazu, das erstere zu einem verständlichen Bilde zu gestalten.
So kommt wohl der
einheitliche Gegenstand aus der Summe seiner Eigenschaften, die allein er uns
doch darbietet, nur so zustande, daß wir ihm die Einheitsform unseres Ich
leihen, an der wir im tiefsten erfahren, wie eine Fülle von Bestimmungen
und Schicksalen an einer beharrenden Einheit haften kann.
Nicht anders dürfte es
sich, wie man oft betont hat, mit der Kraft und der Ursächlichkeit
äußerer Dinge verhalten: die Gefühle der physisch-psychischen
Spannung, des Impulses, der Willenshandlung projizieren wir in die Dinge
hinein, und wenn wir hinter ihre unmittelbare Wahrnehmbarkeit jene deutenden
Kategorien setzen, so orientieren wir uns eben in ihnen nach den
Gefühlserfahrungen unserer Innerlichkeit.
Und so stößt man
vielleicht, sobald man unter jener ersten Symbolisierung des Innern durch das
Körperhafte eine tiefere Schicht aufgräbt, auf den entgegengesetzten
Zusammenhang.
Wenn wir einen seelischen
Vorgang als Verbindung von Vorstellungen bezeichnen, so war dies allerdings
eine Erkenntnis seiner nach räumlichen Kategorien; aber diese Kategorie
der Verbindung selbst hat vielleicht ihren Sinn und ihre Bedeutung in einem
bloß innerlichen, gar nicht anschaulichen Vorgang.
Was wir als in der
Außenwelt verbunden, d. h. doch, irgendwie vereinheitlicht und ineinander
seiend, bezeichnen, bleibt doch in der Außenwelt ewig nebeneinander, und
mit seinem Verbundensein meinen wir etwas, was nur aus unserem Inneren, allem
Äußeren unvergleichbar, in die Dinge hineingefühlt werden kann:
jenes also das Symbol für das, was uns an diesen nicht
festzustellen und unmittelbar überhaupt nicht aus7udrücken ist.
So besteht ein
Relativismus, gleichsam ein unendlicher Prozeß zwischen dem Inneren und
dem Äußeren: eines, als das Symbol des anderen, dieses zur
Vorstellbarkeit und Darstellbarkeit bringend, keines das erste, keines das
zweite, sondern in ihrem Aufeinander-Angewiesensein die Einheit ihres, d. h.
unseres Wesens verwirklichend.
Dieser gegenseitigen
symbolisierenden Deutung sind die seelischen und die körperhaften
Daseinsinhalte um so unbedenklicher zugängig, je einfacher sie sind.
Bei den einfachen Prozessen
der Verbindung, Verschmelzung, Reproduktion der Vorstellungen können wir
noch einigermaßen die Idee einer allgemeinen Formgesetzlichkeit
festhalten, die der inneren wie der äußeren Welt ein analoges
Verhalten vorschreibt und so die eine zur Stellvertretung der anderen geeignet
macht.
Bei komplizierteren und
eigenartigeren seelischen Gebilden wird die Bezeichnung nach Analogien der
räumlichen Anschaulichkeit immer diffiziler; immer dringender ist sie auf
die Anwendbarkeit in einer Vielheit von Fällen angewiesen, um nicht
zufällig und spielerisch zu erscheinen und um eine feste, wenn auch nur
symbolische Beziehung zu der seelischen Wirklichkeit zu besitzen.
Und von sich selbst
ausgehend wird diese letztere den Weg in die Dinge, deren Sinn und Bedeutung
nach sich interpretierend, um so schwerer und unsicherer finden, je spezieller
oder zusammengesetzter die Vorgänge auf beiden Seiten sind; denn um so
unwahrscheinlicher und schwerer herausfühlbar wird jene geheimnisvolle
Formgleichheit innerer und äußerer Erscheinungen, die der Seele eine
Brücke von den einen in die anderen baut.
- Hiermit sollen
Erwägungen eingeleitet werden, die eine Reihe mannigfaltiger innerer
Kulturerscheinungen zusammenfassen und dadurch, daß diese alle die
Deutung nach je einer und derselben anschaulichen Analogie gestatten,
einleuchtend machen sollen, daß sie alle einem und demselben Stil des
Lebens angehören.
Eines der häufigsten
Bilder, unter denen man sich die Organisation der Lebensinhalte deutlich zu
machen pflegt, ist ihre Anordnung zu einem Kreise, in dessen Zentrum das
eigentliche Ich sieht.
Es gibt einen Modus des
Verhältnisses zwischen diesem Ich und den Dingen, Menschen, Ideen,
Interessen, den wir nur als Distanz zwischen beiden bezeichnen können.
Was uns zum Objekt wird,
das kann, inhaltlich ungeändert bleibend, nahe an das Zentrum heran- oder
bis zur Peripherie unseres Blick- und Interessenkreises abrücken; aber
dies bewirkt nicht etwa, daß unser inneres Verhältnis zu diesem
Objekt sich ändere, sondern umgekehrt, wir können gewisse Verhältnisse
des Ich zu seinen Inhalten nur durch das anschauliche
Symbol einer bestimmten oder sich ändernden Distanz zwischen beiden
bezeichnen.
Es ist von vornherein schon
ein symbolischer Ausdruck für einen an sich unsagbaren Sachverhalt, wenn
wir unser inneres Dasein in ein zentrales Ich und darumgelagerte Inhalte
scheiden; und angesichts der ungeheueren Unterschiede der
sinnlich-äußerlichen Eindrücke von den Dingen je nach ihrem
Abstand von unseren Organen - Unterschiede, nicht nur der Deutlichkeit, sondern
der Qualität und des ganzen Charakters der empfangenen Bilder - liegt es
nahe, jene Symbolisierung dahin auszudehnen, daß die Verschiedenheit auch
der innerlichsten Verhältnisse zu den Dingen als Verschiedenheit der
Distanz zu ihnen gedeutet werde.
Von den Erscheinungen, die
von hier aus gesehen eine einheitliche Reihe bilden, hebe ich zunächst die
künstlerischen hervor.
Die innere Bedeutsamkeit
der Kunststile läßt sich als eine Folge der verschiedenen Distanz
auslegen, die sie zwischen uns und den Dingen herstellen.
Alle Kunst verändert
die Blickweite, in die wir uns ursprünglich und natürlich zu der
Wirklichkeit stellen.
Sie bringt sie uns
einerseits näher, zu ihrem eigentlichen und innersten Sinn setzt sie uns
in ein unmittelbareres Verhältnis, hinter der kühlen Fremdheit der
Außenwelt verrät sie uns die Beseeltheit des Seins, durch die es uns
verwandt und verständlich ist.
Daneben aber stiftet jede
Kunst eine Entfernung von der Unmittelbarkeit der Dinge, sie läßt
die Konkretheit der Reize zurücktreten und spannt einen Schleier zwischen
uns und sie, gleich dem feinen bläulichen Duft, der sich um ferne Berge
legt.
An beide Seiten dieses
Gegensatzes knüpfen sich gleich starke Reize; die Spannung zwischen ihnen,
ihre Verteilung auf die Mannigfaltigkeit der Ansprüche an das Kunstwerk,
gibt jedem Kunststil sein eigenes Gepräge.
Ja, die bloße
Tatsache des Stiles ist an sich schon einer der bedeutsamsten Fälle von
Distanzierung.
Der Stil in der
Äußerung unserer inneren Vorgänge besagt, daß diese nicht
mehr unmittelbar hervorsprudeln, sondern in dem Augenblick ihres
Offenbarwerdens ein Gewand umtun.
Der Stil, als generelle
Formung des Individuellen, ist für dieses eine Hülle, die eine
Schranke und Distanzierung gegen den anderen, der die Äußerung
aufnimmt, errichtet.
Diesem Lebensprinzip aller
Kunst: uns den Dingen dadurch näher zu bringen, daß sie uns in eine
Distanz von ihnen stellt, entzieht sich auch die naturalistische Kunst nicht,
deren Sinn doch ausschließlich auf Überwindung der Distanz zwischen
uns und der Wirklichkeit gerichtet scheint.
Denn nur eine
Selbsttäuschung kann den Naturalismus verkennen lassen, daß auch er
ein Stil ist, d. h. daß auch er die Unmittelbarkeit des Eindrucks von
ganz bestimmten Voraussetzungen und Forderungen her
gliedert und umbildet - unwiderleglich durch die kunstgeschichtliche
Entwicklung bewiesen, in der alles das, was eine Epoche für das
wörtlich treue und genau realistische Bild der Wirklichkeit hielt, durch
eine spätere als vorurteilsvoll und verfälscht erkannt worden ist,
während sie ,nun erst die Dinge, wie sie wirklich sind, darstelle.
Der künstlerische
Realismus verfällt demselben Fehler wie der wissenschaftliche, wenn er
meint, ohne ein Apriori auszukommen, ohne eine Form, die, aus den Anlagen und
Bedürfnissen unserer Natur quellend, der sinnlichen Wirklichkeit Gewandung
oder Umgestaltung zuwachsen läßt.
Diese Umformung, die sie
auf dem Wege in unser Bewußtsein erleidet, ist zwar eine Schranke
zwischen uns und ihrem unmittelbaren Sein, aber zugleich die Bedingung, sie
vorzustellen und darzustellen.
Ja, in gewissem Sinn mag
der Naturalismus eine ganz besondere Distanzierung den Dingen gegenüber
bewirken, wenn wir nämlich auf die Vorliebe achten, mit der er seine
Gegenstände im allertäglichsten Leben, im Niedrigen und Banalen
sucht.
Denn da er eben zweifellos
auch eine Stilisierung ist, so wird diese für ein feineres Empfinden - das
im Kunstwerk die Kunst und nicht seinen, auch auf beliebig andere Weise
darstellbaren Gegenstand sieht - um so fühlbarer, an je näherem,
roherem, irdischerem Materiale sie sich vollzieht.
Im ganzen nun geht das
ästhetische Interesse der letzten Zeit auf Vergrößerung der
durch das Kunstwerden der Dinge geschaffenen Distanz gegen sie.
Ich erinnere an den
ungeheueren Reiz, den zeitlich und räumlich weit entfernte Kunststile
für das Kunstgefühl der Gegenwart besitzen.
Das Entfernte erregt sehr
viele, lebhaft auf - und abschwingende Vorstellungen und genügt damit
unserem vielseitigen Anregungsbedürfnis; doch klingt jede dieser fremden
und fernen Vorstellungen wegen ihrer Beziehungslosigkeit zu unseren
persönlichsten und unmittelbaren Interessen nur leise an und mutet deshalb
geschwächten Nerven nur eine behagliche Anregung zu.
Was wir
den »historischen Geist« in unserer Zeit nennen, ist vielleicht
nicht nur eine begünstigende Veranlassung dieser Erscheinung, sondern
quillt mit ihr aus der gleichen Ursache.
Und wechselwirkend macht
er, mit der Fülle der inneren Beziehungen, die er uns zu räumlich und
zeitlich weit abstehenden Interessen gewährt, uns immer empfindlicher
gegen die Chocs und Wirrnisse, die uns aus der unmittelbaren Nähe und
Berührung mit Menschen und Dingen kommen.
Die Flucht in das
Nicht-Gegenwärtige wird erleichtert, verlustloser, gewissermaßen
legitimiert, wenn sie, zu der Vorstellung und dem Genuß konkreter
Wirklichkeiten führt - die aber eben weit entfernte, nur ganz mittelbar zu fühlende sind.
Daher nun auch der jetzt so
lebhaft empfundene Reiz des Fragmentes, der bloßen Andeutung, des Aphorismus,
des Symbols, der unentwickelten Kunststile.
Alle diese Formen, die in
allen Künsten heimisch sind, stellen uns in eine Distanz von dem Ganzen
und Vollen der Dinge, sie sprechen zu uns »wie aus der Ferne«, die
Wirklichkeit gibt sich in ihnen nicht mit gerader Sicherheit, sondern mit
gleich zurückgezogenen Fingerspitzen.
Das äußerste
Raffinement unseres literarischen Stiles vermeidet die direkte Bezeichnung der
Objekte, streift mit dem Worte nur eine abgelegene Ecke ihrer, faßt statt
der Dinge nur die Schleier, die um die Dinge sind.
Am entschiedensten beweisen
wohl die symbolistischen Neigungen in bildenden und redenden Künsten eben
dieses.
Hier wird die Distanz, die
die Kunst schon als solche zwischen uns und die Dinge stellt, noch um eine
Station erweitert, indem die Vorstellungen, die den Inhalt des
schließlich zu erregenden Seelenvorganges bilden, in dem Kunstwerke
selbst überhaupt kein sinnliches Gegenbild mehr haben, sondern erst durch
Wahrnehmbarkeiten ganz anderen Inhaltes, zum Anklingen gebracht werden.
In alledem zeigt sich ein
Zug des Empfindens wirksam, dessen pathologische Ausartung die sogenannte
»Berührungsangst« ist: die Furcht, in allzu nahe
Berührung mit den Objekten zu kommen, ein Resultat der Hyperästhesie,
der jede unmittelbare und energische Berührung ein Schmerz ist.
Daher äußert
sich auch die Feinsinnigkeit, Geistigkeit, differenzierte Empfindlichkeit so
überwiegend vieler moderner Menschen im negativen Geschmack, d. h. in der
leichten Verletzbarkeit durch Nicht-Zusagendes, in dem bestimmten
Ausschließen des Unsympathischen, in der Repulsion durch Vieles, ja oft
durch das Meiste des gebotenen Kreises von Reizen, während der positive
Geschmack, das energische ja-Sagen, das freudige und rückhaltlose
Ergreifen des Gefallenden, kurz die aktiv aneignenden Energien große
Fehlbeträge aufweisen.
Es erstreckt sich aber jene
innere Tendenz, die wir unter dem Symbol der Distanz betrachten, weit über
das ästhetische Gebiet hinaus.
So muß der
philosophische Materialismus, der die Wirklichkeit unmittelbar zu fassen
glaubte, auch heute wieder vor subjektivistischen oder neukantischen Theorien
zurückweichen, die die Dinge erst durch das Medium der Seele brechen oder
destillieren lassen, ehe sie sie zu Erkenntnissen werden lassen.
Der Subjektivismus der
neueren Zeit hat dasselbe Grundmotiv, von dem uns die Kunst getragen schien:
ein innigeres und wahreres Verhältnis zu den Dingen dadurch zu gewinnen,
daß wir, uns in uns selbst zurück-ziehend, von ihnen abrücken,
oder die immer bestehende Distanz gegen sie nun
bewußt anerkennen.
Und wenn dieser
Subjektivismus unvermeidlicher Weise mit dem stärkeren
Selbstbewußtsein unserer Innerlichkeit diese auch häufiger betonen
und besprechen läßt, so ist doch andrerseits mit ihm eine neue,
tiefere, bewußtere Scham verbunden, eine zarte Scheu, das Letzte
auszusprechen oder auch einem Verhältnis die naturalistische Form zu
geben, die sein innerstes Fundament fortwährend sichtbar machte.
Und auf weiteren
wissenschaftlichen Gebieten: innerhalb der ethischen Überlegungen tritt
die platte Nützlichkeit als Wertmaßstab des Wollens immer weiter
zurück, man sieht, daß dieser Charakter des Handelns eben nur dessen
Beziehung zu dem aber nächstliegenden betrifft und daß es deshalb
seine eigentümliche Direktive, die es über seine bloße Tech-nik
als Mittel heraushebe, von höher aufblickenden, oft religiösen, der
sinnlichen Unmittelbarkeit kaum verwandten Prinzipien erhalten muß.
Endlich: über der
spezialistischen Detailarbeit erhebt sich von allen Seiten her der Ruf nach
Zusammenfassung und Verallgemeinerung, also nach einer überschauenden
Distanz von allen konkreten Einzelheiten, nach einem Fernbild, in dem alle
Unruhe des Nahe-wirkenden aufgehoben und das bisher nur Greifbare nun auch
begreifbar würde.
Diese Tendenz würde
vielleicht nicht so wirksam und merkbar sein, wenn ihr nicht die
entgegengesetzte zur Seite ginge.
Das geistige
Verhältnis zur Welt, das die moderne Wissenschaft stiftet, ist
tatsächlich nach beiden Seiten hin auszudeuten.
Gewiß sind schon
allein durch Mikroskop und Teleskop unendliche Distanzen zwischen uns und den
Dingen überwunden worden; aber sie sind doch für das Bewußtsein
erst in dem Augenblick entstanden, in dem es sie auch überwand.
Nimmt man hinzu, daß
jedes gelöste Rätsel mehr als ein neues aufgibt und das
Näher-Herankommen an die Dinge uns sehr oft erst zeigt, wie fern sie uns
noch sind - so muß man sagen: die Zeiten der Mythologie, der ganz
allgemeinen und oberflächlichen Kenntnisse, der Anthropomorphisierung der
Natur lassen in subjektiver Hinsicht, nach der Seite des Gefühls und des,
wie immer irrigen, Glaubens, eine geringere Distanz zwischen Menschen und
Dingen bestehen, als die jetzige.
Alle raffinierten Methoden,
durch die wir in das Innere der Natur eindringen, ersetzen doch nur sehr
langsam und stückweise ihre innig vertraute Nähe, die die Götter
Griechenlands, die Deutung der Welt nach menschlichen Impulsen und
Gefühlen, die Lenkung ihrer durch einen persönlich eingreifenden
Gott, ihre teleologische Einstellung auf das Wohl des Menschen, der Seele
gewährt haben.
Wir können das also
zunächst so bezeichnen, daß die Entwicklung auf eine
Überwindung der Distanz in relativ äußerlicher Hinsicht, auf eine Vergrößerung derselben in innerlicher
Hinsicht ginge.
Hier kann das Recht dieses
symbolischen Ausdrucks sich wieder an seiner Anwendbarkeit auf einen ganz
anderen Inhalt zeigen.
Die Verhältnisse des
modernen Menschen zu seinen Umgebungen entwickeln sich im ganzen so, daß
er seinen nächsten Kreisen ferner rückt, um sich den ferneren mehr zu
nähern.
Die wachsende Lockerung des
Familienzusammenhanges, das Gefühl unerträglicher Enge im
Gebundensein an den nächsten Kreis, dem gegenüber Hingebung oft
ebenso tragisch verläuft wie Befreiung, die steigende Betonung der
Individualität, die sich gerade von der unmittelbaren Umgebung am
schärfsten abhebt - diese ganze Distanzierung geht Hand in Hand mit der
Knüpfung von Beziehungen zu dem Fernsten, mit dem Interessiertsein
für weit Entlegenes, mit der Gedankengemeinschaft mit Kreisen, deren
Verbindungen alle räumliche Nähe ersetzen.
Das Gesamtbild aus alledem
bedeutet doch ein Distanznehmen in den eigentlich innerlichen Beziehungen, ein
Distanzverringern in den mehr äußerlichen.
Wie die kulturelle
Entwicklung bewirkt, daß das früher unbewußt und instinktiv
Geschehende später mit klarer Rechenschaft und zerlegendem
Bewußtsein geschieht, während andrerseits vieles, wozu es sonst
angespannter Aufmerksamkeit und bewußter Mühe bedurfte, zu
mechanischer Gewöhnung und instinktmäßiger Selbstverständlichkeit
wird - so wird hier, entsprechend, das Entfernteste näher, um den Preis,
die Distanz zum Näheren zu erweitern.
Der Umfang und die
Intensität der Rolle, die das Geld in diesem Doppelprozeß spielt,
ist zunächst als Überwindung der Distanz sichtbar.
Es bedarf keiner
Ausführung, daß allein die Übersetzung der Werte in die
Geldform jene Interessenverknüpfungen ermöglicht, die nach dem
räumlichen Abstand der Interessenten überhaupt nicht mehr fragen;
erst durch sie kann, um ein Beispiel aus hunderten zu nennen, ein deutscher
Kapitalist, aber auch ein deutscher Arbeiter an einem spanischen
Ministerwechsel, an dem Ertrage afrikanischer Goldfelder, an dem Ausgange einer
südamerikanischen Revolution real beteiligt sein.
Bedeutsamer aber erscheint
mir das Geld als Träger der entgegengesetzten Tendenz.
Jene Lockerung des
Familienzusammenhanges geht doch von der wirtschaftlichen
Sonder-Interessiertheit der einzelnen Mitglieder aus, die nur in der
Geldwirtschaft möglich ist.
Sie bewirkt vor allem,
daß die Existenz auf die ganz individuelle Begabung gestellt werden kann;
denn nur die Geldform des Äquivalents gestattet die Verwertung sehr
spezialisierter Leistungen, die ohne diese Umsetzung in einen allgemeinen Wert
kaum zu gegenseitigem Austausch gelangen könnten.
Indem sie nun weiter auch
die individuelle Anknüpfung nach außen erleichtert, den Eintritt in fremde Kreise, die nur nach der geldwerten Leistung oder
dem Geldbeitrag ihrer Mitglieder fragen, - formt sie die Familie zum äußersten
Gegensatz der Struktur, die der mehr kollektive Besitz, insbesondere als
Grundeigentum, ihr verlieh.
Dieser schuf eine
Solidarität der Interessen, die sich soziologisch als eine
Kontinuität im Zusammenhang der Familienmitglieder darstellte,
während die Geldwirtschaft diesen eine gegenseitige Distanzierung
ermöglicht, ja sogar aufdrängt.
Über das Familienleben
hinaus ruhen gewisse weitere Formen des modernen Daseins gerade auf der
Distanzierung durch den Geldverkehr.
Denn er legt eine Barriere
zwischen die Personen, indem immer nur der eine von zwei Kontrahenten das
bekommt, was er eigentlich will, was seine spezifischen Empfindungen
auslöst, während der andere, der zunächst nur Geld bekommen hat,
eben jenes erst bei einem Dritten suchen muß.
Daß jeder von beiden
mit einer ganz anderen Art von Interesse an die Transaktion herangeht,
fügt dem Antagonismus, den schon die Entgegengesetztheit der Interessen
von vornherein bewirkt, eine neue Fremdheit hinzu.
In demselben Sinne wirkt
die früher behandelte Tatsache, daß das Geld eine durchgängige
Objektivierung des Verkehrs mit sich bringt, ein Ausschalten aller personalen
Färbung und Richtung - im Verein mit der anderen, daß die Zahl der
auf Geld gestellten Verhältnisse stetig zunimmt und die Bedeutung des
Menschen für den Menschen mehr und mehr, wenn auch oft in sehr versteckter
Form, auf geldmäßige Interessen zurückgeht.
Auf diese Weise entsteht
wie gesagt eine innere Schranke zwischen den Menschen, die aber allein die
moderne Lebensform möglich macht.
Denn das Aneinander-Gedrängtsein
und das bunte Durcheinander des großstädtischen Verkehrs wären
ohne jene psychologische Distanzierung einfach unerträglich.
Daß man sich mit
einer so ungeheuren Zahl von Menschen so nahe auf den Leib rückt, wie die
jetzige Stadtkultur mit ihrem kommerziellen, fachlichen, geselligen Verkehr es
bewirkt, würde den modernen, sensibeln und nervösen Menschen
völlig verzweifeln lassen, wenn nicht jene Objektivierung des
Verkehrscharakters eine innere Grenze und Reserve mit sich brächte.
Die entweder offenbare oder
in tausend Gestalten verkleidete Geldhaftigkeit der Beziehungen schiebt eine
unsichtbare, funktionelle Distanz zwischen die Menschen, die ein innerer Schutz
und Ausgleichung gegen die allzu gedrängte Nähe und Reibung unseres Kulturlebens
ist.
Die gleiche Funktion des
Geldes für den Lebensstil steigt nun noch tiefer in das Einzelsubjekt
selbst hinab, als Distanzierung nicht gegen andere Personen, sondern gegen die
Sachgehalte des Lebens.
Schon daß ein
Vermögen heute aus Produktionsmitteln, statt wie in primitiven Epochen aus
Konsumtionsmitteln besteht, ist eine enorme Distanzierung.
Wie sich in die Herstellung
der Kulturobjekte selbst immer mehr und mehr Stationen einschieben - indem das
Produkt immer weiter vom Rohstoff abliegt , so stellt die jetzige Art des
Vermögensbesitzes den Eigentümer technisch und infolgedessen auch
innerlich in eine viel weitere Entfernung von dem definitiven Zwecke alles
Vermögens, als zu den Zeiten, wo Vermögen nur die Fülle
unmittelbarer Konsumtionsmöglichkeiten bedeutete.
Auf dem Gebiet der
Produktion wird der gleiche innere Erfolg durch die Arbeitsteilung
begünstigt, die durch das Geldwesen wechselwirkend bedingt ist.
Je weniger jeder Einzelne
ein Ganzes schafft, desto durchgehender erscheint sein Tun als bloßes
Vorstadium, desto weiter scheint die Quelle seiner Wirksamkeiten von deren
Mündung, dem Sinn und Zweck der Arbeit, abgerückt.
Und nun unmittelbar: wie
sich das Geld zwischen Mensch und Mensch schiebt, so zwischen Mensch und Ware.
Seit der Geldwirtschaft
stehen uns die Gegenstände des wirtschaftlichen Verkehrs nicht mehr
unmittelbar gegenüber, unser Interesse an ihnen wird erst durch das Medium
des Geldes gebrochen, ihre eigene sachliche Bedeutung rückt dem
Bewußtsein ferner, weil ihr Geldwert diese aus ihrer Stelle in unseren
Interessen zusammenhängen mehr oder weniger herausdrängt.
Erinnern wir uns der
früheren Ausmachungen, wie oft das Zweckbewußtsein auf der Stufe des
Geldes halt macht, so zeigt sich, daß das Geld uns mit der
Verrößerung seiner Rolle in immer weitere psychische Distanz zu den
Objekten stellt, oft in eine solche, daß ihr qualitatives Wesen uns davor
ganz außer Sehweite rückt und die innere Berührung mit ihrem
vollen, eigenen Sein durchbrochen wird.
Und das gilt nicht nur für
die Kulturobjekte.
Unser ganzes Leben wird
durch die Entfernung auch von der Natur gefärbt, die das
geldwirtschaftliche und das davon abhängige städtische Leben
erzwingt.
Allerdings wird vielleicht
erst durch sie die eigentlich ästhetische und romantische Empfindung der
Natur möglich.
Wer es nicht anders kennt,
als in unmittelbarer Berührung mit der Natur zu leben, der mag ihre Reize
wohl subjektiv genießen, aber ihm fehlt die Distanz zu ihr, aus der
allein ein eigentlich ästhetisches Betrachten ihrer möglich ist, und
durch die außerdem jene stille Trauer, jenes Gefühl
sehnsüchtigen Fremdseins und verlorener Paradiese entsteht, wie sie das
romantische Naturgefühl charakterisieren.
Wenn der moderne Mensch
seine höchsten Naturgenüsse in den Schneeregionen der Alpen und an
der Nordsee zu finden pflegt, so ist das wohl nicht allein durch das
gesteigerte Aufregungsbedürfnis zu erklären; sondern auch so,
daß diese unzugängige, uns eigentlich
zurückstoßende Welt die äußerste Steigerung und Stilisierung
dessen darstellt, was uns Natur überhaupt noch ist: ein seelisches
Fernbild, das selbst in den Augenblicken körperlicher Nähe wie ein
innerlich Unerreichbares, ein nie ganz eingelöstes Versprechen vor uns
steht und selbst unsere leidenschaftlichste Hingabe mit einer leisen Abwehr und
Fremdheit erwidert.
Daß erst die moderne
Zeit die Landschaftsmalerei ausgebildet hat - die, als Kunst, nur in einem
Abstand vom Objekte und im Bruch der natürlichen Einheit mit ihm leben
kann - und daß auch erst sie das romantische Naturgefühl kennt, das
sind die Folgen jener Distanzierung von der Natur, jener eigentlich abstrakten
Existenz, zu der das auf die Geldwirtschaft gebaute Stadtleben uns gebracht
hat.
Und dem widerspricht nicht,
daß gerade der Geldbesitz uns die Flucht in die Natur gestattet.
Denn gerade daß sie
für den Stadtmenschen nur unter dieser Bedingung zu genießen ist,
das schiebt - in wie vielen Umsetzungen und bloßen Nachklängen auch
immer zwischen ihn und sie jene Instanz ein, die nur verbindet, indem sie
zugleich trennt.
Im weiteren Maße
tritt diese Bedeutung des Geldwesens an seiner Steigerung, dem Kredite, hervor.
Der Kredit spannt die
Vorstellungsreihen noch mehr und mit einem entschiedeneren Bewußtsein
ihrer unverkürzlichen Weite aus, als die Zwischeninstanz
des baren Geldes es für sich tut.
Der Drehpunkt des
Verhältnisses zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer ist
gleichsam aus der gradlinigen Verbindung ihrer hinaus und in einer weiten
Distanz von ihnen fest gelegt: die Tätigkeit des Einzelnen wie der Verkehr
bekommt dadurch den Charakter der Langsichtigkeit und den der gesteigerten
Symbolik.
Indem der Wechsel oder überhaupt der Begriff der Geldschuld die Werte
weit abliegender Objekte vertritt, verdichtet er sie ebenso in sich, wie der
Blick über eine räumliche Entfernung hin die Inhalte der Strecke in
perspektivischer Verkürzung zusammendrängt.
Und wie uns das Geld von
den Dingen entfernt, aber auch - in diesen gegensätzlichen Wirkungen seine
spezifische Indifferenz zeigend - sie uns näher bringt, so hat die
Kreditanweisung ein doppeltes Verhältnis zu unserem
Vermögensbestande.
Vom Checkverkehr ist
einerseits hervorgehoben worden, daß er ein Palliativmittel gegen
Verschwendungen bilde; manche Individuen ließen sich angesichts ihres
Kassenbarbestandes leichter zu unnützen Ausgaben verleiten, als wenn sie
denselben im Depot eines Dritten haben und erst durch eine Anweisung
darüber verfügen müssen.
Andrerseits aber scheint
nur die Versuchung zum Leichtsinn gerade besonders verführerisch, wenn man
das viele wegzugebende Geld nicht vor sich sieht, sondern
nur mit einem Federzug darüber verfügt.
Die Form des Scheckverkehrs
rückt uns einerseits durch den mehrgliedrigen Mechanismus zwischen uns und
dem Gelde, den wir immer erst in Bewegung zu setzen haben, von diesem ab,
andrerseits aber erleichtert sie uns die Aktion damit, nicht nur wegen der
technischen Bequemlichkeit, sondern auch psychologisch, weil das bare Geld uns
seinen Wert sinnlicher vor Augen stellt und uns damit die Trennung von ihm
erschwert.
Von den einschlägigen
Bedeutungen des Kreditcharakters des Verkehrs greife ich nur eine heraus,
welche zwar nicht durchgehend, aber sehr bezeichnend ist.
Ein Reisender erzählt,
ein englischer Kaufmann habe ihm einmal definiert: »ein gewöhnlicher
Mann ist, wer Waren gegen bare Zahlung kauft, ein Gentleman der, dem ich Kredit
gebe und der mich alle sechs Monate mit einem Scheck bezahlt«.
Hier ist zunächst die
Grundempfindung bemerkenswert: daß nicht ein Gentleman vorausgesetzt
wird, der dann als solcher Kredit erhält, sondern daß derjenige, der
Kredit beansprucht, eben ein Gentleman ist.
Daß so der
Kreditverkehr als der vornehmere erscheint, geht wohl
auf zweierlei Empfindungsrichtungen zurück.
Zunächst
darauf, daß er Vertrauen fordert.
Es ist das Wesen der
Vornehmheit, ihre Gesinnung und deren Wert nicht sowohl vorzudemonstrieren, als
den Glauben daran einfach vorauszusetzen - weshalb denn auch, entsprechend,
alles ostentative Hervorkehren des Reichtums so spezifisch unvornehm ist.
Gewiß enthält jedes
Vertrauen eine Gefahr; der vornehme Mensch verlangt, daß man im Verkehr
mit ihm diese Gefahr auf sich nehme, und zwar mit der Nüance, daß
er, in der absoluten Sicherheit über sich selbst, dies gar nicht als eine
Gefahr anerkennt und deshalb sozusagen keine Risikoprämie dafür
gewährt: aus eben dieser Grundempfindung heraus sagt das Schillersche
Epigramm, daß adlige Naturen nicht mit dem, was sie tun, sondern nur mit
dem, was sie sind, zahlen.
Es ist
begreiflich, wie die bare, Zug um Zug erfolgende Zahlung für jenen
Kaufmann etwas kleinbürgerliches hatte, sie rückt die Momente der
wirtschaftlichen Reihe in ängstliche Enge zusammen, während der
Kredit eine Distanz zwischen ihnen ausspannt, die er vermittels des Vertrauens
beherrscht.
Es ist allenthalben das
Schema höherer Entwicklungsstufen, daß das ursprüngliche
Aneinander und die unmittelbare Einheit der Elemente aufgelöst wird, damit
sie, verselbständigt und voneinander abgerückt, nun in eine neue,
geistigere, umfassendere Synthese vereinheitlicht werden.
Im Kreditverkehr wird statt
der Unmittelbarkeit der Wertausgleichung eine Distanz gesetzt, deren Pole durch
den Glauben zusammengehalten werden; wie Religiosität um so höher steht, eine je unermeßlichere Distanz sie - im
Gegensatz zu allem Anthropomorphismus und allen
sinnlichen Erweisen -zwischen Gott und der Einzelseele bestehen
läßt, um gerade damit das äußerste Maß des Glaubens
hervorzurufen, das jene Distanz überbrücke.
Daß bei dem
größeren Verkehr innerhalb der Kaufmannschaft das Vornehmheitsmoment
beim Kredite nicht mehr fühlbar wird, liegt daran, daß er hier eine
unpersönliche Organisation geworden ist und das Vertrauen den eigentlich
persönlichen Charakter - ohne den die Kategorie der Vornehmheit nicht anwendbar
ist -verloren hat: der Kredit ist eine technische Verkehrsform ohne, oder mit
sehr herabgestimmten, psychologischen Obertönen geworden.- Und zweitens:
jene Aufhäufung der kleinen Schulden bis zu der schließlichen
Bezahlung mit dem Scheck bewirkt eine gewisse Reserve des Abnehmers
gegenüber dem Kaufmann, die fortwährende und unmittelbare
Wechselwirkung, die bei jedesmaligem barem Bezahlen eintritt, wird aufgehoben,
die Lieferung des Kaufmanns hat, äußerlich angesehen, sozusagen
ästhetisch, die Form eines Tributes, einer Darbringung an einen
Mächtigen, die dieser, wenigstens in dein einzelnen Falle, ohne
Gegenleistung hinnimmt.
Indem nun auch am Ende der
Kreditperiode die Auszahlung nicht von Person zu Person erfolgt, sondern auch
durch ein Kreditpapier, durch die Anweisung auf das gleichsam objektive Depot
bei der Scheckbank, wird diese Reserve des Subjekts fortgesetzt und so von
allen Seiten her die Distanz zwischen dem »Gentleman« und dem
Krämer betont, die den Begriff des ersteren entstehen läßt und
für die diese Art des Verkehrs allerdings der adäquate Ausdruck ist.
Ich begnüge mich mit
diesem singulären Beispiel für die distanzierende Wirkung des
Kredites auf den Lebensstil und schildere nur noch einen sehr allgemeinen, auf
die Bedeutung des Geldes zurück-weisenden Zug des letzteren.
Durch die moderne Zeit,
insbesondere, wie es scheint, durch die neueste, geht ein Gefühl von
Spannung, Erwartung, ungelöstem Drängen - als sollte die Hauptsache
erst kommen, das Definitive, der eigentliche Sinn und Zentralpunkt des Lebens und
der Dinge.
Dies hängt ersichtlich
von dem hier oft hervorgehobenen Übergewicht ab, das mit gewachsener
Kultur die Mittel über die Zwecke des Lebens gewinnen.
Neben dem Gelde ist
hierfür vielleicht der Militarismus das schlagendste Beispiel.
Das stehende Heer ist
bloße Vorbereitung, latente Energie, Eventualität, deren Definitivum
und Zweck nicht nur jetzt verhältnismäßig selten eintritt,
sondern auch mit allen Kräften zu vermeiden gesucht wird; ja, die
äußerste Anspannung der militärischen Kräfte wird als das
einzige Mittel gepriesen, ihre eigene Entladung zu verhindern.
An
diesem teleologischen Gewebe haben wir also den Widerspruch der
Übertönung des Zwecks durch das Mittel zu absoluter Höhe
gehoben: indem der wachsenden Bedeutung des Mittels eine gerade in demselben
Maß wachsende Perhorreszierung und Verneinung seines Zwecks entspricht.
Und dieses Gebilde
durchdringt das Volksleben mehr und mehr, greift in den weitesten Umkreis
personaler, inner-politischer und Produktionsverhältnisse ein, gibt
gewissen Altersstufen und gewissen sozialen Kreisen direkt und indirekt ihre
Färbung!
Weniger kraß, aber
gefährlicher und schleichender tritt diese Richtung auf das
Illusorisch-Werden der Endzwecke vermittels der Fortschritte und der Bewertung
der Technik auf.
Wenn die Leistungen
derselben in Wirklichkeit zu demjenigen, worauf es im Leben eigentlich und
schließlich ankommt, eben doch höchstens im Verhältnis von
Mittel oder Werkzeug, sehr oft aber in gar keinem stehen - so hebe ich von den
mancherlei Veranlassungen, diese Rolle der Technik zu verkennen, nur die
Großartigkeit hervor, zu der sie sich in sich entwickelt hat.
Es ist einer der
verbreitetsten und fast unvermeidlichen menschlichen Züge, daß die
Höhe, Größe und Vollendung, welche ein Gebiet innerhalb seiner
Grenzen und unter den ihm eignen Voraussetzungen erlangt hat, mit der
Bedeutsamkeit dieses Gebietes als ganzen verwechselt wird; der Reichtum und die
Vollkommenheit der einzelnen Teile, das Maß, in dem das Gebiet sich
seinem eignen immanenten Ideale nähert, gilt gar zu leicht als Wert und
Würde desselben überhaupt und in seinem Verhältnis zu den
anderen Lebensinhalten.
Die Erkenntnis, daß
etwas in seinem Genre und gemessen an den Forderungen seines Typus sehr
hervorragend sei, während dieses Genre und Typus selbst weniges und
niedriges bedeute - diese Erkenntnis setzt in jedem einzelnen Falle ein sehr
geschärftes Denken und differenziertes Wertempfinden voraus.
Wie häufig unterliegen
wir der Versuchung, die Bedeutung der eignen Leistung dadurch zu exaggerieren,
daß wir der ganzen Provinz, der sie angehört, übertriebene
Bedeutung beilegen! - indem wir ihre relative
Höhe auf jenes Ganze überfließen lassen und sie dadurch zu
einer absoluten steigern.
Wie oft verleitet der
Besitz einer hervorragenden Einzelheit irgendeiner Wertart - von den
Gegenständen der Sammelmanien anfangend bis zu den spezialistischen
Kenntnissen eines wissenschaftlichen Sondergebietes - dazu, eben diese Wertart
als ganze im Zusammenhange des Wertkosmos so hoch zu schätzen, wie jene
Einzelheit es innerhalb ihrer verdient!
Es ist, im Grunde genommen,
immer der alte metaphysische Fehler: die Bestimmungen, welche die Elemente
eines Ganzen untereinander, also relativerweise, aufzeigen, auf das Ganze zu
übertragen - der Fehler, aus dem heraus z. B. die
Forderung ursächlicher Begründung, die für alle Teile der Welt
und für deren Verhältnis untereinander gilt, auch dem Ganzen der Welt
gegenüber erhoben wird.
Den Enthusiasten für
die moderne Technik würde es wahrscheinlich sehr wunderlich vorkommen,
daß ihr inneres Verhalten demselben Formfehler unterliegen soll, wie das
der spekulierenden Metaphysiker.
Und doch ist es so: die
relativen Höhe, welche die technischen Fortschritte der Gegenwart
gegenüber den früheren Zuständen und unter vorausgesetzter
Anerkennung gewisser Ziele erreicht haben, wächst ihnen zu einer absoluten
Bedeutung dieser Ziele und also jener Fortschritte aus.
Gewiß haben wir jetzt
statt der Tranlampen Azetylen und elektrisches Licht; allein der Enthusiasmus
über die Fortschritte der Beleuchtung vergißt manchmal, daß
das Wesentliche doch nicht sie, sondern dasjenige ist, was sie besser sichtbar
macht; der förmliche Rausch, in den die Triumphe von Telegraphie und
Telephonie die Menschen versetzt haben, läßt sie oft übersehen,
daß es doch wohl auf den Wert dessen ankommt, was man mitzuteilen hat,
und daß dem gegenüber die Schnelligkeit oder Langsamkeit des
Beförderungsmittels sehr oft eine Angelegenheit ist, die ihren jetzigen
Rang nur durch Usurpation erlangen konnte.
Und so auf unzähligen
Gebieten.
Dieses Übergewicht der
Mittel über die Zwecke findet seine Zu-sammenfassung und Aufgipfelung in
der Tatsache, daß die Peripherie des Lebens, die Dinge außerhalb
seiner Geistigkeit, zu Herren über sein Zentrum geworden sind, über
uns selbst.
Es ist
schon richtig, daß wir die Natur damit beherrschen, daß wir ihr
dienen; aber in dem herkömmlichen Sinne doch nur für die
Außenwerke es Lebens richtig.
Sehen wir auf dessen
Ganzheit und Tiefe, so kostet jenes Verfügenkönnen über die
äußere Natur, das die Technik uns einträgt, den Preis, in ihr
befangen zu sein und auf die Zentrierung des Lebens in der Geistigkeit zu
verzichten.
Die Illusionen dieses
Gebietes zeichnen sich deutlich an den Ausdrücken, die ihm dienen und mit
denen eine auf ihre Objektivität und Mythenfreiheit stolze
Anschauungsweise das direkte Gegenteil dieser Vorzüge verrät.
Daß wir die Natur
besiegen oder beherrschen, ist ein ganz kindlicher Begriff, da er irgendeinen
Widerstand, ein teleologisches Moment n der Natur selbst voraussetzt, eine
Feindseligkeit gegen uns, da sie doch nur gleichgültig ist, und alle ihre
Dienstbarkeit ihre eigene Gesetzmässigkeit nicht abbiegt - während
alle Vorstellungen von Herrschaft und Gehorsam, Sieg und Unterworfensein nur
darin Sinn haben, daß ein entgegenstehender Wille gebrochen ist.
Dies ist freilich nur das
Gegenstück zu der Ausdrucksweise, daß die Wirksamkeit der
Naturgesetze den Dingen einen unentrinnbaren Zwang auferlege.
Denn zunächst wirken
Naturgesetze überhaupt nicht, da sie nur die Formeln für die allein
möglichen Wirksamkeiten: der einzelnen Stoffe und Energien, sind.
Die Naivität einer
mißverstandenen Naturwissenschaftlichkeit: als ob die Naturgesetze als
reale Mächte die Wirklichkeit lenkten, wie ein Herrscher sein Reich, steht
insofern auf einem Blatt mit der unmittelbaren Lenkung der irdischen Dinge
durch den Finger Gottes.
Und nicht weniger
irreführend ist der vorgebliche Zwang, das Müssen, dem das
Naturgeschehen unterliegen soll.
Unter diesen Kategorien
empfindet nur die menschliche Seele das Gebundensein an Gesetze, weil solchem
in ihr Regungen entgegenstehen, die uns in andere Richtungen führen
möchten.
Das natürliche
Geschehen als solches aber steht ganz jenseits der Alter-native von Freiheit und
Zwang, und mit dem »Müssen« wird in das einfache Sein der
Dinge ein Dualismus hineingefühlt, der nur für bewußte Seelen
einen Sinn hat.
Wären dies alles auch
nur Fragen des Ausdrucks, so leitet dieser doch alle oberflächlicher
Denkenden auf anthropomorphistische Irrwege, und zeigt, daß die
mythologische Denkweise auch innerhalb der naturwissenschaftlichen
Weltanschauung ein Unterkommen findet.
Jener Begriff einer
Herrschaft des Menschen über die Natur erleichtert die
selbstschmeichlerische Verblendung über unser Verhältnis zu ihr, die
doch selbst auf dem Boden dieses Gleichnisses nicht unvermeidlich wäre.
Der äußerlichen
Objektivität und Sichtbarkeit nach ist allerdings die wachsende Herrschaft
auf der Seite des Menschen; aber damit ist noch gar nicht entschieden,
daß der subjektive Reflex, die nach innen schlagende Bedeutung dieser
historischen Tatsache nicht im entgegengesetzten Sinn verlaufen könne.
Man lasse sich nicht durch
das ungeheure Maß von Intelligenz beirren, vermöge dessen die
theoretischen Grundlagen jener Technik hervorgebracht sind
und das allerdings den Traum Platos: die Wissenschaft zur Herrscherin des
Lebens zu machen, - zu verwirklichen scheint.
Aber die Fäden, an
denen die Technik die Kräfte und Stoffe der Natur in unser Leben hineinzieht,
sind ebenso viele Fesseln, die uns binden und uns unendlich Vieles
unentbehrlich machen, was doch für die Hauptsache des Lebens gar sehr
entbehrt werden könnte, ja müßte.
Wenn man schon auf dem
Gebiet der Produktion behauptet, daß die Maschine, die den Menschen doch
die Sklavenarbeit an der Natur abnehmen sollte, sie zu Sklaven eben an der
Maschine selbst herabgedrückt hat, - so gilt es für feinere und
umfassendere innerliche Beziehungen erst recht der Satz, daß wir die
Natur beherrschen, indem wir ihr dienen, hat den fürchterlichen Revers,
daß wir ihr dienen, indem wir sie beherrschen.
Es ist sehr
mißverständlich, daß die Bedeutsamkeit und
geistige Potenz des modernen Lebens aus der Form des Individuums in die der
Massen übergegangen wäre; viel eher ist sie in die Form der Sachen
übergegangen, lebt sich aus in der unübersehbaren Fülle,
wunderbaren Zweckmäßigkeit, komplizierten Feinheit der Maschinen,
der Produkte, der überindividuellen Organisationen der jetzigen Kultur.
Und entsprechend ist der
»Sklavenaufstand«, der die Selbstherrlichkeit und den normgebenden
Charakter des starken Einzelnen zu entthronen droht ' nicht der Aufstand der
Massen, sondern der der Sachen.
Wie wir einerseits die
Sklaven des Produktionsprozesses geworden sind, so andrerseits die Sklaven der
Produkte: d. h., was uns die Natur vermöge der Technik von außen
liefert, ist durch tausend Gewöhnungen, tausend Zerstreuungen, tausend
Bedürfnisse äußerlicher Art über das Sich-Selbst-Gehören,
über die geistige Zentripetalität des Lebens Herr geworden.
Damit hat das Dominieren
der Mittel nicht nur einzelne Zwecke, sondern den Sitz der Zwecke
überhaupt ergriffen, den Punkt, in dem alle Zwecke zusammenlaufen, weil sie, soweit sie wirklich Endzwecke sind, nur aus ihm
entspringen können.
So ist der Mensch gleichsam
aus sich selbst entfernt, zwischen ihn und sein Eigentlichstes, Wesentlichstes,
hat sich eine Unübersteiglichkeit von Mittelbarkeiten, technischen
Errungenschaften, Fähigkeiten, Genießbarkeiten geschoben.
Solcher Betonung der
Mittelinstanzen des Lebens, gegenüber seinem zentralen und definitiven
Sinne, wüßte ich übrigens keine Zeit, der dies ganz fremd
gewesen wäre, entgegenzustellen.
Vielmehr, da der Mensch
ganz auf die Kategorie von Zweck und Mittel gestellt ist, so ist es wohl sein
dauerndes Verhängnis, sich in einem Widerstreit der Ansprüche zu
bewegen, die der Zweck unmittelbar, und die die Mittel stellen; das Mittel
enthält immer die innere Schwierigkeit, für sich Kraft und
Bewußtsein zu verbrauchen, die eigentlich nicht ihm, sondern einem andern
gelten.
Aber es ist
ja gar nicht der Sinn des Lebens, die Dauer versöhnter Zustände, nach
der es strebt, auch wirklich zu erlangen.
Es mag sogar für die
Schwungkraft unserer Innerlichkeit gerade darauf ankommen, jenen Widerspruch
lebendig zu erhalten, und an seiner Heftigkeit, an dem Überwiegen der
einen oder der anderen Seite, der psychologischen Form, in der jede von beiden
auftritt, dürften sich die Lebensstil - mit am charakteristischsten
unterscheiden.
Für die Gegenwart, in
der das Vorwiegen der Technik ersichtlich ein Überwiegen des klaren,
intelligenten Bewußtseins - als Ursache wie als Folge - bedeutet, habe
ich hervorgehoben, daß die Geistigkeit und Sammlung der Seele, von der
lauten Pracht des naturwissenschaftlich-technischen Zeitalters
übertäubt, sich als ein dumpfes Gefühl von Spannung und unorientierter Sehnsucht rächt; als ein Gefühl, als
läge der ganze Sinn unserer Existenz in einer so weiten Ferne, daß wir
ihn gar nicht lokalisieren können und so immer in Gefahr sind, uns von ihm
fort, statt auf ihn hin zu bewegen - und dann wieder, als läge er vor
unseren Augen, mit einem Ausstrecken der Hand würden wir ihn greifen, wenn
nicht immer gerade ein Geringes von Mut, von Kraft oder von innerer Sicherheit
uns fehlte.
Ich glaube, daß diese
heimliche Unruhe, dies ratlose Drängen unter der Schwelle des
Bewußtseins, das den jetzigen Menschen vom Sozialismus zu Nietzsche, von
Böcklin zum Impressionismus, von Hegel zu Schopenhauer und wieder
zurück jagt - nicht nur der äußeren Hast und Aufgeregtheit des
modernen Lebens entstammt, sondern daß umgekehrt diese vielfach der
Ausdruck, die Erscheinung, die Entladung jenes innersten Zustandes ist.
Der Mangel an Definitivem
im Zentrum der Seele treibt dazu, in immer neuen Anregungen, Sensationen"
äußeren Aktivitäten eine momentane Befriedigung zu suchen; so
verstrickt uns dieser erst seinerseits in die wirre Halt- und Ratlosigkeit, die
sich bald als Tumult der Großstadt, bald als Reisemanie, bald als die
wilde Jagd der Konkurrenz, bald als die spezifisch moderne Treulosigkeit auf
den Gebieten des Geschmacks, der Stile, der Gesinnungen, der Beziehungen
offenbart.
Die Bedeutung des Geldes
für diese Verfassung des Lebens ergibt sich als einfacher Schluß aus
den Prämissen, die alle Erörterungen dieses Buches festgestellt
haben.
Es genügt also die
bloße Erwähnung seiner Doppelrolle: das Geld steht einmal in einer
Reihe mit all den Mitteln und Werkzeugen, der Kultur, die sich vor die
innerlichen und Endzwecke schieben und diese schließlich überdecken
und verdrängen.
Bei ihm treten, teils wegen
der Leidenschaft seines Begehrtwerdens, teils wegen seiner eigenen Leerheit und
bloßen Durchgangscharakters die Sinnlosigkeit und die Folgen jener
teleologischen Verschiebung am auffälligsten hervor; allein insofern ist
es doch nur die graduell höchste all jener Erscheinungen, es übt die
Funktion der Distanzierung zwischen uns und unseren Zwecken nur reiner und
restloser als die anderen technischen Mittelinstanzen, aber prinzipiell in keiner
anderen Weise; auch hier zeigt es sich als nichts Isoliertes, sondern nur als
der vollkommenste Ausdruck von Tendenzen, die sich auch unterhalb seiner in
einer Stufenfolge von Erscheinungen darstellen.
Nach einer anderen Richtung
freilich stellt sich das Geld jenseits dieser ganzen Reihe, indem es
nämlich vielfach der Träger ist, durch den die einzelnen, jene
Umbildung erfahrenden Zweckreihen ihrerseits erst zustande kommen.
Es durchflicht dieselben
als Mittel der Mittel, als die allgemeinste Technik des äußeren
Lebens, ohne die die einzelnen Techniken unserer Kultur
unentstanden geblieben wären.
Also auch nach dieser
Wirkungsrichtung hin zeigt es die Doppelheit seiner Funktionen, durch deren
Vereinigung es die Form der größten und tiefsten Lebenspotenzen
überhaupt wiederholt: daß es einerseits in den Reihen der Existenz
als ein Gleiches oder allenfalls ein Erstes unter Gleichen steht, und daß
es andrerseits über ihnen steht, als zusammenfassende, alles Einzelne tragende
und durchdringende Macht.
So ist die Religion eine
Macht im Leben, neben seinen andern Interessen und oft gegen sie, einer der
Faktoren, deren Gesamtheit das Leben ausmacht, und andrerseits die Einheit und
der Träger des ganzen Daseins selbst - einerseits, ein Glied des Lebensorganismus,
andrerseits diesem gegenüberstehend, indem sie ihn in der
Selbstgenügsamkeit ihrer Höhe und Innerlichkeit ausdrückt.
Ich komme nun zu einer
zweiten Stilbestimmtheit des Lebens, die nicht, wie die Distanzierung, durch
eine räumliche, sondern durch eine zeitliche Analogie, bezeichnet wird;
und zwar, da die Zeit inneres und äußeres Geschehen
gleichmäßig umfaßt, wird die Wirklichkeit damit unmittelbarer
und mit geringerer Inanspruchnahme der Symbolik als in dem früheren Falle
charakterisiert.
Es handelt sich um den
Rhythmus, in dem die Lebensinhalte auftreten und zurücktreten, um die
Frage, inwieweit die verschiedenen Kulturepochen überhaupt die Rhythmik in
dem Abrollen derselben begünstigen oder zerstören, und ob das Geld nicht
nur in seinen eigenen Bewegungen daran teil hat, sondern auch jenes Herrschen
oder Sinken der Periodik des Lebens von sich aus beeinflußt.
Auf den Rhythmus von Hebung
und Senkung ist unser Leben in all seinen Reihen eingestellt; die
Wellenbewegung, die wir in der äußeren Natur unmittelbar und als die
zugrunde liegende Form so vieler Erscheinungen erkennen, beherrscht auch die
Seele im weitesten Kreise.
Der Wechsel von Tag und
Nacht, der unsere ganze Lebensform bestimmt, zeichnet uns die Rhythmik als
allgemeines Schema vor; wir können nicht zwei, dem Sinne nach koordinierte
Begriffe aussprechen, ohne daß psychologisch der eine den Akzent der
Hebung, der andere den der Senkung erhielte: so ist z. B. »Wahrheit und
Dichtung« etwas ganz anderes als »Dichtung und Wahrheit«.
Und wo von drei Elementen
das dritte dem zweiten koordiniert sein soll, ist auch dies psychologisch nicht
vollkommen zu realisieren, sondern die Wellenform des Seelischen strebt dem
dritten einen dem ersten ähnlichen Akzent zu geben: z. B. ist das Vermaß
gar nicht völlig korrekt auszusprechen, sondern unvermeidlich wird die
dritte Silbe schon wieder etwas stärker als die zweite betont.
Die Einteilung der
Tätigkeitsreihen, im großen wie im kleinen, in rhythmisch
wiederholte Perioden dient zunächst der
Kraftersparnis.
Durch den Wechsel innerhalb
der einzelnen Periode werden die Tätigkeitsträger, physischer oder
psychischer Art, abwechselnd geschont, während zugleich die
Regelmäßigkeit des Turnus eine Gewöhnung an den ganzen
Bewegungskomplex schafft, deren allmähliches Festerwerden jede
Wiederholung erleichtert.
Der Rhythmus genügt
gleichzeitig den Grundbedürfnissen nach Mannigfaltigkeit und nach
Gleichmäßigkeit, nach Abwechslung und nach Stabilität: indem
jede Periode für sich aus differenten Elementen, Hebung und Senkung,
quantitativen oder qualitativen Mannigfaltigkeiten besteht, die
regelmäßige Wiederholung ihrer aber Beruhigung, Uniformität,
Einheitlichkeit im Charakter der Reihe bewirkt.
An der Einfachheit oder der
Komplikation der Rhythmik, der Länge oder Kürze ihrer einzelnen
Perioden, ihrer Regelmäßigkeit, ihren Unterbrechungen, oder auch
ihrem Ausbleiben finden die individuellen und die sozialen, die sachlichen und
die historischen Lebensreihen gleichsam ihre abstrakte Schematik.
Innerhalb der hier
fraglichen Kulturentwicklungen begegnen zunächst eine Reihe von
Erscheinungen, die in früheren Stadien rhythmisch, in späteren aber
kontinuierlich oder unregelmäßig verlaufen.
Vielleicht die
auffallendste: der Mensch hat keine bestimmte Paarungszeit mehr, wie sie fast
bei allen Tieren besteht, bei denen sich sexuelle
Erregtheit und Gleichgültigkeit scharf gegeneinander absetzen;
unkultivierte Völker weisen mindestens noch Reste dieser Periodik auf.
Die Verschiedenheit in der
Brunstzeit der Tiere hängt wesentlich daran, daß die Geburten zu
derjenigen Jahreszeit erfolgen müssen, in der Nahrungs- und klimatische
Verhältnisse für das Aufbringen der jungen am günstigsten sind;
tatsächlich werden auch bei einigen der sehr rohen Australneger, die keine
Haustiere haben und deshalb regemäßigen Hungersnöten
unterliegen, nur zu einer bestimmten Zeit des Jahres Kinder geboren.
Der Kulturmensch hat sich
durch seine Verfügung über Nahrung und Wetterschutz hiervon
unabhängig gemacht, so daß er in dieser Hinsicht seinen
individuellen Impulsen und nicht mehr allgemein, also notwendig rhythmisch,
bestimmten, folgt: die oben genannten Gegensätze der Sexualität sind bei ihm in ein mehr oder weniger fluktuierendes
Kontinuum übergegangen.
Immerhin ist
festgestellt, daß die noch beobachtbare Periodizität des
Geburtenmaximums und -minimums in wesentlich Ackerbau treibenden Gegenden
entschiedener ist als in industriellen, auf dem Lande entschiedener als in
Städten.
Weiter: das Kind unterliegt
einem unbezwinglichen Rhythmus von Schlafen und Wachen, von
Betätigungslust und Abgespanntheit, und annähernd ist das auch noch
in ländlichen Verhältnissen zu beobachten - während für den
Stadtmenschen diese Regelmäßigkeit der Bedürfnisse
(nicht nur ihrer Befriedigungen!) längst durchbrochen ist.
Und wenn es wahr ist,
daß die Frauen die undifferenziertere, der Natur noch unmittelbarer
verbundene Stufe des Menschlichen bezeichnen, so könnte die Periodik, die
ihrem physiologischen Leben einwohnt, als Bestätigung dafür dienen.
Wo der Mensch noch
unmittelbar von der Ernte oder dem Jagdertrag, weiterhin von dem Eintreffen des
umherziehenden Händ-lers oder von dem periodischen Markte abhängig
ist, da muß sich das Leben nach sehr vielen Richtungen hin in einem Rhythmus
von Expansion und Kontraktion bewegen.
Für manche
Hirtenvölker, die sogar schon höher stehen wie jene Australneger, z.
B. manche Afrikaner, bedeuten die Zeiten, in denen es an Weideland fehlt, doch
eine jährlich wiederkehrende halbe Hungersnot.
Und selbst wo nicht eine eigentliche
Periodik vorliegt, da zeigt doch die primitive Wirtschaft für den
Selbstbedarf in bezug auf die Konsumtion wenigstens jenes wesentliche Moment
ihrer: das unvermittelte Überspringen der Gegensätze ineinander, von
Mangel zu Überfluß, von Überfluß zu Mangel.
Wie sehr die Kultur hier
Ausgleichung bedeutet, ist ersichtlich.
Nicht nur sorgt sie
dafür, daß das ganze Jahr über alle erforderlichen Lebensmittel
in ungefähr gleichem Quantum angeboten werden, sondern vermöge des
Geldes setzt sie auch die verschwenderische Konsumtion herab: denn jetzt kann
der zeitweilige Überfluß zu Gelde gemacht und sein Genuß
dadurch gleichmäßig und kontinuierlich über das ganze Jahr
verteilt werden.
Ich erwähne hier
endlich, ganz jenseits aller Wirtschaft und nur als charakteristisches Symbol
dieser Entwicklung, daß auch in der Musik das rhythmische Element das
zuerst ausgeprägte und gerade auf ihren primitivsten Stufen
äußerst hervortretende ist.
Ein Missionar ist in
Aschanti bei der wirren Disharmonie der dortigen Musik von dem wunderbaren
Takthalten der Musiker überrascht, die chinesische Theatermusik in
Kalifornien soll, obgleich ein ohrenzerreißender unmelodischer Lärm,
doch strenge Taktmäßigkeit besitzen, von den Festen der
Wintunindianer erzählt ein Reisender: »Dann kommen auch
Gesänge, in denen jeder Indianer seine eigenen Gefühle
ausdrückt, wobei sie seltsamerweise vollkommen Takt miteinander
halten.« Tiefer hinabsteigend: gewisse Insekten bringen einen Laut zur
Bezauberung der Weibchen hervor, der in einem und demselben, scharf rhythmisch
wiederholten Ton besteht - im Unterschied gegen die höher entwickelten
Vögel, in deren Liebesgesang die Rhythmik ganz hinter die Melodie
zurücktritt.
Und auf den höchsten
Stufen der Musik wird bemerkt, daß neuerdings die Entwicklung vom
Rhythmischen ganz abzuweichen scheine, nicht nur bei Wagner, sondern auch bei
gewissen Gegnern von ihm, die in ihren Texten dem
Rhythmischen aus dem Wege gehen und den Korintherbrief und den Prediger
Salomonis komponieren; der scharfe Wechsel von Hebung und Senkung macht
ausgeglichneren oder unregelmäßigeren Formen Platz.
Sehen wir von dieser
Analogie wieder auf das wirtschaftliche und allgemeine Kulturleben zurück,
so scheint dasselbe von einer durchgängigen Vergleichmäßigung
ergriffen, seit man für Geld alles zu jeder Zeit kaufen kann und deshalb
die Regungen und Reizungen des Individuums sich an keinen Rhythmus mehr zu
halten brauchen, der, von der Möglichkeit ihrer Befriedigung aus, sie
einer transindividuellen Periodizität unterwürfe.
Und wenn die Kritiker der
jetzigen Wirtschaftsordnung gerade ihr den regelmäßigen Wechsel
zwischen Überproduktion und Krisen vorwerfen, so wollen sie damit doch
gerade das noch Unvollkommene an ihr bezeichnen, das in eine Kontinuität
der Produktion wie des Absatzes überzuführen sei.
Ich erinnere an die
Ausdehnung des Transportwesens, das von der Periodizität der Fahrpost zu
den zwischen den wichtigsten Punkten fast ununterbrochen laufenden Verbindungen
und bis zum Telegraphen und Telephon fortschreitet, die die Kommunikation
überhaupt nicht mehr an eine Zeitbestimmtheit binden; an die Verbesserung
der künstlichen Beleuchtung, die den Wechsel von Tag und Nacht mit seinen,
das Leben rhythmisierenden Folgen immer gründlicher paralysiert; an die
gedruckte Literatur, die uns, unabhängig von dem eigenen organischen
Wechsel des Denkprozesses zwischen Anspannungen und Pausen, in jedem Momente,
wo wir es gerade wünschen, mit Gedanken und Anregungen versorgt.
Kurz, wenn die Kultur, wie
man zu sagen pflegt, nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit überwindet,
so bedeutet dies, daß die Bestimmtheit zeitlicher Abteilungen nicht mehr
das zwingende Schema für unser Tun und Genießen bildet, sondern
daß dieses nur noch von dem Verhältnis zwischen unserem Wollen und
Können und den rein sachlichen Bedingungen ihrer Betätigung
abhängt.
Also: die generell
dargebotenen Bedingungen sind vom Rhythmus befreit,
sind ausgeglichener, um der Individualität Frei-heit und mögliche
Unregelmäßigkeit zu verschaffen; in diese Differenzierung sind die
Elemente von Gleichmäßigkeit und Verschiedenheit, die im Rhythmus
vereint sind, auseinandergegangen.
Es wäre indes ganz
irrig, die Entwicklung des Lebensstiles in die verführerisch einfache
Formel zu bannen, daß er von der Rhythmik seiner Inhalte zu einer von
jedem Schema unabhängigen Bewährung derselben weiterschritte.
Dies gilt vielmehr nur
für bestimmte Abschnitte der Entwicklung, deren Ganzes tiefere und
verwickeltere Nachzeichnungen fordert.
Ich untersuche deshalb
zunächst die psychologisch-historische Bedeutung jener
Rhythmik, wobei ich ihr rein physiologisch veranlaßtes Auftreten, (las
nur die Periodik der äußeren Natur wiederholt, außer acht
lasse.
Man kann den Rhythmus als
die auf die Zeit übertragene Symmetrie bezeichnen, wie die Symmetrie als
Rhythmus im Raum.
Wenn man rhythmische
Bewegungen in Linien zeichnet, so werden diese symmetrisch; und umgekehrt: die
Betrachtung des Symmetrischen ist ein rhythmisches Vorstellen.
Beides sind nur
verschiedene Formen desselben Grundmotives.
Wie in den Künsten des
Ohres der Rhythmus, so ist in denen des Auges die Symmetrie der Anfang aller
Gestaltung des Materiales.
Um überhaupt in die
Dinge Idee, Sinn, Harmonie zu bringen, muß man sie zunächst
symmetrisch gestalten, die Teile des Ganzen untereinander ausgleichen, sie
ebenmäßig um einen Mittelpunkt herum ordnen.
Die formgebende Macht des
Menschen gegenüber der Zufälligkeit und Wirrnis der bloß
natürlichen Gestaltung wird damit auf die schnellste, sichtbarste und
unmittelbarste Art versinnlicht.
Die Symmetrie ist der erste
Kraftbeweis des Rationalismus, mit dem er uns von der Sinnlosigkeit der Dinge
und ihrem einfachen Hinnehmen erlöst.
Deshalb sind auch die
Sprachen unkultivierter Völker oft viel symmetrischer gebaut, als die
Kultursprachen, und sogar die soziale Struktur zeigt z. B. in den
«Hundertschaften«, die das Organisationsprinzip der verschiedensten
Völker niederer Stufe bilden, die symmetrische Einteilung als einen ersten
Versuch der Intelligenz, die Massen in eine überschaubare und lenkbare
Form zu bringen.
Die symmetrische Anordnung
ist, wie gesagt, durchaus rationalistischen Wesens, sie erleichtert die
Beherrschung des Vielen und der Vielen von einem Punkte aus.
Die Anstöße
setzen sich länger, widerstandsloser, berechenbarer durch ein symmetrisch
angeordnetes Medium fort, als wenn der innere Bau und die Grenzen der Teile
unregelmäßig und fluktuierend sind.
Wenn Dinge und Menschen
unter das Joch des Systems gebeugt - d. h. symmetrisch angeordnet - sind, so
wird der Verstand am schnellsten mit ihnen fertig.
Daher hat sowohl der
Despotismus wie der Sozialismus besonders starke Neigungen zu symmetrischen
Konstruktionen der Gesellschaft, beide, weil es sich für sie um eine
starke Zentralisierung der letzteren handelt, um derentwillen die
Individualität der Elemente, die Ungleichmäßigkeit ihrer Formen
und Verhältnisse zur Symmetrie nivelliert werden muß.
In äußerlichem
Symbol: Ludwig XIV. soll seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, um
Türen und Fenster symmetrisch zu haben.
Und ebenso konstruieren
sozialistische Utopien die lokalen Einzelheiten ihrer Idealstädte oder
-staaten immer nach dem Prinzip der Symmetrie: entweder in Kreisform oder in
quadratischer Form werden die Ortschaften oder Gebäude
angeordnet.
In Campanellas Sonnenstaat
ist der Plan der Reichshauptstadt mathematisch abgezirkelt, ebenso wie die
Tageseinteilung der Bürger und die Abstufung ihrer Rechte und Pflichten.
Rabelais' Orden der
Thelemiten lehrt, in Opposition zu Morus, einen so absoluten Individualismus,
daß es in diesem Utopien keine Uhr geben darf, sondern alles nach
Bedürfnis und Gelegenheit geschehen soll; aber der Stil der unbedingten
Ausgerechnetheit und Rationalisierung des Lebens verlockt ihn doch, die
Gebäulichkeiten seines Idealstaates genau symmetrisch anzuordnen: ein
Riesenbau in Form eines Sechsecks, in jeder Ecke ein Turm, sechzig Schritt im
Durchmesser.
Die
»Bauhütte« der mittelalterlichen Baugenossenschaften mit ihrer
stren-gen, abgezirkelten, Alles normierenden Lebensweise und Verfassung war
möglichst in quadratischer Form gebaut.
Dieser allgemeine Zug
sozialistischer Pläne zeugt nur in roher Form für die tiefe
Anziehungskraft, die der Gedanke der harmonischen, innerlich aus-geglichenen,
allen Widerstand der irrationalen Individualität über-windenden
Organisation des menschlichen Tuns ausübt.
Die symmetrisch-rhythmische
Gestaltung bietet sich so als die erste und einfachste dar, mit der der
Verstand den Stoff des Lebens gleichsam stilisiert, beherrschbar und
assimilierbar macht, als das erste Schema, vermöge dessen er sich in die
Dinge hineinbilden kann.
Aber eben damit ist auch
die Grenze für Sinn und Recht dieses Lebensstiles angedeutet.
Denn nach zwei Seiten hin
wirkt er vergewaltigend: einmal auf das Subjekt, dessen Impulse und Bedürfnisse
doch nicht in prästabilierter, sondern jedesmal nur
glücklich-zufälliger Harmonie mit jenem feststehenden Schema
auftreten; und nicht weniger der äußeren Wirklichkeit
gegenüber, deren Kräfte und Verhältnisse zu uns sich nur
gewaltsam in einen so einfachen, Rahmen fassen lassen.
Unter richtiger Verteilung
auf die verschiedenen Geltungsgebiete kann man dies, mit nur scheinbarer
Paradoxie, so aussprechen: die Natur ist nicht so symmetrisch wie die Seele es
fordert, und die Seele nicht so symmetrisch, wie die Natur es fordert.
Alle Gewalttätigkeiten
und Inadäquatheiten, die die Systematik gegenüber der Wirklichkeit
mit sich bringt, kommen auch der Rhythmisierung und Symmetrie in der Gestaltung
der Lebensinhalte zu.
Wie es am Einzelmenschen
zwar eine erhebliche Kraft verrät, wenn er Personen und Dinge sich
assimiliert, indem er ihnen die Form und das Gesetz seines Wesens aufzwingt,
wie aber der noch größere Mensch den Dingen in ihrer Eigenart
gerecht wird und sie gerade mit dieser und gemäß ihrer in den Kreis
seiner Zwecke und seiner Macht hineinzieht - so ist es zwar schon eine
Höhe des Menschlichen, die theoretische und praktische
Welt in ein Schema von uns aus zu zwingen; größer aber ist es, die
eigenen Gesetze und Forderungen der Dinge anerkennend und ihnen folgsam, sie
erst so in unser Wesen und Wirken einzubauen.
Denn das beweist nicht nur
eine sehr viel größere Expansionsfähigkeit und Bildsamkeit des
letzteren, sondern es kann auch den Reichtum und die Möglichkeiten der
Dinge viel gründlicher ausschöpfen.
Deshalb sehen wir zwar auf
manchen Gebieten den Rhythmus als das spätere,
das rationalistisch-systematische Prinzip als die nicht zu überwindende
Entwicklungsstufe, andere aber lassen diese der Gestaltung von Fall zu Fall
Platz machen und lösen die Vorbestimmtheit des mitgebrachten Schemas in
die wechselnden Ansprüche der Sache selbst auf.
So sehen wir z. B.
daß erst in höheren Kulturverhältnissen die Einrichtung
regelmäßiger Mahlzeiten den Tag im allgemeinen rhythmisch gliedert;
eine Mehrzahl fester täglicher Mahlzeiten scheint bei keinem Naturvolk
vorzukommen.
Im
Gegensatz dazu haben wir freilich schon oben bemerkt, daß in bezug auf
das Ganze der Ernährung Naturvölker oft einen regelmäßigen
Rhythmus von Entbehrungsperioden und Zeiten schwelgerischen Verjubelns haben,
den die höhere Wirtschaftstechnik völlig beseitigt hat.
Allein
jene Gleichmäßigkeit täglicher Mahlzeiten erreicht ihre
große Stabilität zwar auf sehr hohen, vielleicht aber doch nicht auf
den allerhöchsten Stufen der sozialen und geistigen Skala.
In der obersten
Gesellschaftsschicht erleidet dieselbe durch den Beruf, die Geselligkeit und
komplizierte Rücksichten vielerlei Art wieder manchen Abbruch, und zu eben
demselben werden den Künstler und den Gelehrten die wechselnden
Anforderungen der Sache wie der Stimmungen des Tages veranlassen.
Dies
weist schon darauf hin, wie sehr der Rhythmus der Mahlzeiten - und sein
Gegenteil - dem der Arbeit entspricht.
Auch hier lassen verschiedene Reihen ganz verschiedene Verhältnisse erkennen.
Der Naturmensch arbeitet
genau so unregelmäßig, wie er ißt.
Auf gewaltige
Kraftanstrengungen, zu denen die Not oder Laune ihn treibt, folgen Zeiten
absoluter Faulheit, beides ganz zufällig und prinziplos abwechselnd.
Wahrscheinlich mit Recht
hat man, wenigstens für die nördlicheren Länder, mit dein
pflugmäßigen Ackerbau erst eine feste Ordnung der Tätigkeiten,
einen sinnvollen Rhythmus von Anspannung und Abspannung der Kräfte
beginnen lassen.
Diese Rhythmik erreicht
ihren äußersten Grad etwa bei der höheren Fabrikarbeit und bei
der Arbeit in Bureaus jeder Art.
Auf den Gipfeln der
kulturellen Tätigkeit, der wissenschaftlichen, politischen,
künstlerischen, kommerziellen, pflegt sie wieder stark herabzusinken; so
daß sogar, wenn wir etwa von einem Schriftsteller hören, daß
er täglich zu gleicher Minute die Feder in die Hand
nimmt und sie zu gleicher wieder fortlegt, dieser stationäre Rhythmus der
Produktion uns gegen ihre Inspiration und innere Bedeutung mißtrauisch
macht.
Aber auch innerhalb des
Lohnarbeitertums führt die Entwicklung, wenn auch aus ganz anderen
Motiven, zu Ungleichmäßigkeit und Unberechenbarkeit als der späteren Stufe.
Bei dem Aufkommen der
englischen Großindustrie litten die Arbeiter außerordentlich
darunter, daß jede Absatzstockung den Betrieb eines
Großunternehmens viel mehr störte, als sie
den vieler kleiner gestört hatte, schon weil die Zunft die Verluste zu
teilen pflegte.
Früher hatten die
Meister in schlechten Zeiten auf Vorrat gearbeitet, jetzt wurden die Arbeiter
einfach entlassen; früher waren die Löhne jahrweise durch die
Obrigkeit fixiert worden, jetzt führte jeder Preisabschlag zu ihrer
Herabsetzung.
Unter diesen
Umständen, so wird berichtet, zogen viele Arbeiter vor, unter dem alten
System weiterzuarbeiten, statt die höheren Löhne des neuen mit der
größeren Unregelmäßigkeit der Beschäftigung
überhaupt zu bezahlen.
So hat der Kapitalismus und
die entsprechende wirtschaftliche Individualisierung, mindestens strichweise,
die Arbeit als Ganzes - darum auch meist ihre Inhalte!
- zu etwas viel Unsichrerem gemacht, viel zufälligeren Konstellationen
unterworfen, als sie zur Zeit der Zünfte bestanden, wo die
größere Stabilität der Arbeitsbedingungen doch auch den
sonstigen Lebensinhalten des Tages und Jahres einen viel festeren Rhythmus
verlieh.
Und was die Gestaltung des
Arbeitsinhaltes betrifft, so haben neuere Untersuchungen nachgewiesen,
daß derselbe früher, insbesondere bei dem primitiven
Zusammenarbeiten und der allenthalben vorkommenden Gesangbegleitung, einen
überwiegend rhythmischen Charakter besessen, denselben aber nachher, mit
der Vervollkommnung der Werkzeuge und der Individualisierung der Arbeit, wieder
eingebüßt habe.
Nun enthält zwar
gerade der moderne Fabrikbetrieb wieder stark rhythmische Elemente; allein
soweit sie den Arbeiter an die Strenge gleichmäßig wiederholter
Bewegungen binden, haben sie eine ganz andere subjektive Bedeutung, als jene alte Arbeitsrhythmik.
Denn diese folgte den
inneren Forderungen physiologisch-psychologischer Energetik, die jetzige aber
entweder unmittelbar der rücksichtslos objektiven Maschinenbewegung oder
dem Zwange für den einzelnen Arbeiter, als Glied einer Gruppe von
Arbeitern, deren jeder nur einen kleinen Teilprozeß verrichtet, mit den
anderen Schritt zu halten.
Vielleicht erzeugte dies
eine Abstumpfung des Gefühls für den Rhythmus überhaupt, die die
folgende Erscheinung deuten könnte.
Die alten Gesellenschaften
kämpften wie die heutigen Gewerkvereine um kürzere Arbeitszeit.
Aber während die
Gesellenschaften die Arbeit von 5 oder 6 Uhr morgens bis 7
Uhr abends akzeptierten, also eigentlich für den ganzen Tag bis zur
Schlafenszeit und dafür energisch auf einen ganz freien Tag drangen -
kommt es heute auf Kürzung der täglichen Arbeitszeit an.
Die Periode, in der der
regelmäßige Wechsel von Arbeit und Erholung stattfindet, ist also für den modernen Arbeiter kürzer
geworden.
Bei den älteren
Arbeitern war das rhythmische Gefühl weit und ausdauernd genug, um sich an
der Wochenperiode zu befriedigen.
Jetzt aber bedarf dieses -
was vielleicht Folge, vielleicht Ausdruck gesunkener Nervenkraft ist
-häufigerer Reizung, die Alternierung muß rascher erfolgen, um zu
jenem subjektiv erwünschten Erfolge zu kommen.
Die Entwicklung des
Geldwesens folgt dem gleichen Schema.
Es zeigt gewisse
rhythmische Erscheinungen als eine Art Mittelstufe: aus der chaotischen
Zufälligkeit, in der sein erstes Auftreten sich bewegt haben muß,
gelangt es zu jenen, die doch immerhin ein Prinzip und eine sinnvolle
Gestaltung aufzeigen, bis es auf weiterer Stufe eine Kontinuität des
Sich-Darbietens gewinnt, mit der es sich allen sachlichen und persönlichen
Notwendigkeiten, frei von dem Zwange eines rhythmischen und in höherem
Sinn doch zufälligen Schemas, anschmiegt.
Es genügt für
unseren Zweck, den Übergang von der zweiten zur dritten Stufe an einigen
Beispielen zu zeigen.
Noch im 16. Jahrhundert war
es selbst an einem Platz so großartigen Geldverkehrs wie Antwerpen fast
unmöglich, außerhalb der regelmäßigen Wechselmessen eine
erheblichere Geldsumme aufzutreiben; die Verbreitung dieser Möglichkeit
auf jeden beliebigen Augenblick, in dem der Einzelne Geld bedarf, bezeichnet
den Übergang zu der vollen Entwicklung der Geldwirtschaft.
Immerhin ist es für
die Fluktuation zwischen rhythmischer und unrhythmischer Gestaltung des
Geldwesens und für das Empfinden derselben bezeichnend, daß von den
an die mittelalterliche Schwierigkeit und Irrationalität des Geldverkehrs
Gewöhnten der Antwerpener Verkehr eine »unaufhörliche Messe«
genannt wurde.
Ferner: solange der
einzelne Geschäftsmann alle Zahlungen unmittelbar aus seiner Kasse
leistet, bzw. in dieselbe einnimmt, muß er zu den Zeiten, wo
regelmäßig größere Summen fällig werden, einen
erheblichen Barbestand beschaffen, und andrerseits in den Zeiten
überwiegender Eingänge dieselben sogleich zweckmäßig
unterzubringen wissen.
Die Konzentrierung des
Geldverkehrs in den großen Banken enthebt ihn dieses periodischen Zwanges
zur Anhäufung und Drainierung; denn nun werden, indem er und seine
Geschäftsfreunde mit derselben Girobank arbeiten, Aktiva und Passiva
einfach durch buchmäßige Übertragung saldiert, so daß der
Kaufmann nur noch eines relativ geringfügigen und
immer gleichbleibenden Kassenbestandes für die täglichen Ausgaben
bedarf, während die Bank selbst, weil die Ein- und Ausgänge von den
verschiedenen Seiten sich im ganzen paralysieren, einen relativ viel kleineren
Barbestand, als sonst der individuelle Kaufmann, zu halten braucht.
Endlich
ein letztes Beispiel.
Der mehr oder
weniger periodische Wechsel von Not und Plethora in Zeiten un-entwickelter
Geldkultur bewirkt einen entsprechend periodischen Wechsel des Zinsfußes
zwischen großer Billigkeit und schwindelhafter Höhe.
Die Vervollkommnung der
Geldwirtschaft hat nun diese Schwankungen derartig ausgeglichen, daß der
Zinsfuß, mit früheren Zeiten verglichen, kaum noch aus seiner
Stabilität weicht und daß eine Änderung des englischen
Bankdiskonts um ein Prozent schon als ein Ereignis von großer
Bedeutsamkeit gilt; wodurch denn der Einzelne in seinen Dispositionen
außerordentlich beweglicher und von der Bedingtheit durch Schwankungen
befreit wird, die oberhalb seiner liegen und deren Rhythmus die Erfordernisse
seines eigenen Geschäftsgebahrens in eine ihnen oft genug widerstrebende
Formung zwang.
Die Gestaltungen, die der
Rhythmus oder sein Gegenteil den Daseinsinhalten
verleiht, verlassen nun aber ihre Form als wechselnde Stadien einer Entwicklung
und bieten sich im Zugleich dar.
Das Lebensprinzip, das man
mit dem Symbol des Rhythmisch-Symmetrischen, und dasjenige, das man als das
individualistisch-spontane bezeichnen kann, sind die Formulierungen tiefster
Wesensrichtungen, deren Gegensatz nicht immer, wie in den bisherigen
Beispielen, durch Einstellung in Entwicklungsgänge versöhnbar ist, sondern
die dauernden Charaktere von Individuen und Gruppen abschließend
bezeichnet.
Die systematische
Lebensform ist nicht nur, wie ich schon hervorhob, die Technik zentralistischer
Tendenzen, mögen sie despotischer oder sozialistischer Art sein, sondern
sie gewinnt außerdem einen Reiz für sich: die innere
Ausgeglichenheit und äußere Geschlossenheit, die Harmonie der Teile
und Berechenbarkeit ihrer Schicksale verleiht allen symmetrisch-systematischen
Organisationen eine Anziehung, deren Wirkungen weit über alle Politik
hinaus an unzähligen öffentlichen und privaten Interessen gestaltende
Macht übt.
Mit ihr sollen die
individuellen Zufälligkeiten des Daseins eine Einheit und Durchsichtigkeit
erhalten, die sie zum Kunstwerk macht.
Es handelt sich um den
gleichen ästhetischen Reiz, wie ihn die Maschine auszuüben vermag.
Die absolute
Zweckmäßigkeit und Zuverlässigkeit der Bewegungen, die
äußerste Verminderung der Widerstände und Reibungen, das
harmonische Ineinandergreifen der kleinsten und der größten
Bestandteile: das verleiht der Maschine selbst bei oberflächlicher Betrachtung eine eigenartige Schönheit, die die Organi-sation
der Fabrik in erweitertem Maße wiederholt und die der sozialistische
Staat im allerweitesten wiederholen soll.
Aber diesem Reize liegt,
wie allem Ästhetischen, eine letztinstanzliche Richtung und Bedeutsamkeit
des Lebens zum Grunde, eine elementare Beschaffenheit der Seele, von der auch
die ästhetische Anziehung oder Bewährung nur eine Erscheinung an
äußerem Stoffe ist; wir haben jene nicht eigentlich, wie wir ihre
Ausgestaltungen im Material des Lebens: ästhetische, sittliche, soziale,
intellektuelle, eudämonistische, haben, sondern wir sind sie.
Diese äußersten
Entscheidungen der menschlichen Naturen sind mit
Worten nicht zu bezeichnen, sondern sie sind nur aus jenen einzelnen
Darstellungen ihrer als deren letzte Triebkräfte und Direktiven
herauszufühlen.
Darum ist der Reiz der
entgegengesetzten Lebensform ebenso indiskutabel, in dessen Empfinden sich die
aristokratischen und die individualistischen Tendenzen - in welcher Provinz
unserer Interessen sie auch auftreten mögen -- begegnen.
Die historischen
Aristokratien vermeiden gern die Systematik, die generelle Formung, die den
Einzelnen in ein ihm äußeres Schema einstellt, jedes Gebilde -
politischer, sozialer, sachlicher, personaler Art - soll sich gemäß
der echt aristokratischen Empfindung als eigenartiges in sich
zusammenschließen und bewähren.
Der aristokratische
Liberalismus des englischen Lebens findet deshalb in der Asymmetrie, in der
Befreiung des individuellen Falles von der Präjudizierung durch sein
Pendant, den typischsten und gleichsam organischsten Ausdruck seiner innersten
Motive. Ganz direkt hebt Macaulay, der begeisterte Liberale, dies als die
eigentliche Stärke des englischen Verfassungslebens hervor.
»Wir denken,«
so sagt er, »gar nicht an die Symmetrie, aber sehr an die
Zweckmäßigkeit; wir ent-fernen niemals eine Anomalie, bloß
weil sie eine Anomalie ist; wir stellen keine Normen von weiterem Umfang auf,
als es der besondere Fall., um den es sich gerade handelt, erfordert. Das sind
die Regeln, die im ganzen, vom König Johann bis zur Königin Viktoria,
die Erwägungen unserer 250 Parlamente geleitet haben.«
Hier wird also das Ideal
der Symmetrie und logischen Abrundung, die allem Einzelnen von einem Punkte aus
seinen Sinn gibt, zugunsten jenes anderen verworfen, das jedes Element sich
nach seinen eigenen Bedingungen unabhängig ausleben und so natürlich
das Ganze eine regellose und unausgeglichene Erscheinung darbieten
läßt.
Und es ist ersichtlich, wie
tief in die persönlichen Lebensstile dieser Gegensatz heruntersteigt.
Auf der einen Seite die
Systematisierung des Lebens: seine einzelnen Provinzen harmonisch um einen
Mittelpunkt geordnet, alle Interessen sorgfältig abgestuft und jeder
Inhalt eines solchen nur soweit zugelassen, wie das ganze
System es vorzeichnet; die einzelnen Betätigungen regelmäßig
abwechselnd, zwischen Aktivitäten und Pausen ein festgestellter Turnus,
kurz, im Nebeneinander wie im Nacheinander eine Rhythmik, die weder der
unberechenbaren Fluktuation der Bedürfnisse, Kraftentladungen und
Stimmungen, noch dem Zufall äußerer Anregungen, Situationen und
Chancen Rechnung trägt - dafür aber eine Existenzform eintauscht, die
ihrer selbst dadurch völlig sicher ist, daß sie überhaupt
nichts in das Leben hineinzulassen strebt, was ihr nicht gemäß ist
oder was sie nicht zu ihrem System passend umarbeiten kann.
Auf der anderen Seite: die
Formung des Lebens von Fall zu Fall, die innere Gegebenheit jedes Augenblickes
mit den koinzidierenden Gegebenheiten der Außenwelt in das möglichst
günstige Verhältnis gesetzt, eine ununterbrochene Bereitheit zum
Empfinden und Handeln zugleich mit einem steten Hinhören auf das
Eigenleben der Dinge, um ihren Darbietungen und Forderungen, wann immer sie
eintreten, gerecht zu werden. Damit ist freilich die Berechenbarkeit und
sichere Abgewogenheit des Lebens preisgegeben, sein Stil im engeren Sinne, das
Leben wird nicht von Ideen beherrscht, die in ihrer Anwendung auf sein Material
sich immer zu einer Systematik und festen Rhythmik ausbreiten, sondern von
seinen individuellen Elementen aus wird es gestaltet, unbekümmert um die
Symmetrie seines Gesamtbildes, die hier nur als Zwang, aber nicht als Reiz
empfunden würde.
- Es ist das Wesen der
Symmetrie, daß jedes Element eines Ganzen nur mit der Rücksicht auf
ein anderes und auf ein gemeinsames Zentrum seine Stellung, sein Recht, seinen
Sinn erhält; wogegen, sobald jedes Element nur sich selbst gehorcht und
sich nur um seiner selbst willen und aus sich selbst entwickelt, das Ganze
unvermeidlich unsymmetrisch und zufällig ausfallen wird.
Gerade angesichts seines
ästhetischen Reflexes zeigt dieser Widerstreit sich als
das grundlegende Motiv aller Prozesse, die zwischen einem sozialen Ganzen -
politischer, religiöser, familiärer, wirtschaftlicher, geselliger und
sonstiger Art - und seinen Individuen spielen.
Das Individuum begehrt, ein
geschlossenes Ganzes zu sein, eine Gestaltung mit eigenem Zentrum, von dem aus
alle Elemente seines Seins und Tuns einen einheitlichen, aufeinander
bezüglichen Sinn erhalten.
Soll dagegen das
überindividuelle Ganze in sich abgerundet sein, soll es mit
selbstgenugsamer Bedeutsamkeit eine eigene objektive Idee verwirklichen - so
kann es jene Abrundung seiner Glieder nicht zulassen: man kann keinen Baum aus
Bäumen erwachsen lassen, sondern nur aus Zellen, kein Gemälde aus
Gemälden, sondern aus Pinselstrichen, deren keiner für sich
Fertigkeit, Eigenleben, ästhetischen Sinn besitzt.
Die Totalität des
Ganzen ? so sehr sie nur in gewissen Aktionen Einzelner, ja
vielleicht innerhalb jedes Einzelnen praktische Wirklichkeit gewinnt - steht in
einem ewigen Kampfe gegen die Totalität des Individuums.
Das ästhetische Bild
desselben ist deshalb so besonders nachdrücklich, weil sich gerade der
Reiz der Schönheit immer nur an ein Ganzes knüpft - habe es
unmittelbare, habe es durch Phantasie ergänzte Anschaulichkeit, wie das
Fragment; es ist der ganze Sinn der Kunst, aus einem zufälligen
Bruchstück der Wirklichkeit, dessen Uhselbständigkeit durch tausend
Fäden mit dieser verbunden ist, eine in sich ruhende Totalität, einen
jedes Außerhalbseiner unbedürftigen Mikrokosmos zu gestalten.
Der typische Konflikt
zwischen dem Individuum und dem überindividuellen Sein ist
darstellbar als das unvereinbare Streben beider, zu einem ästhetisch
befriedigenden Bilde zu werden.
Das Geld
scheint zunächst nur der Ausprägung einer dieser Gegensatzformen zu
dienen.
Denn es selbst ist absolut
formlos, es enthält in sich nicht den geringsten Hinweis auf eine
regelmäßige Hebung und Senkung der Lebensinhalte, es bietet sich
jeden Augenblick mit der gleichen Frische und Wirksamkeit dar, es nivelliert
durch seine Fernwirkungen wie durch seine Reduktion der Dinge auf ein und
dasselbe Wertmaß unzählige Schwankungen, gegenseitige
Ablösungen von Distanz und Annäherung, Schwingung und Stillstand, die
dem Individuum sonst allgemeingültige Abwechslungen in seinen
Betätigungs- und Empfindungsmöglichkeiten auferlegten.
Es ist sehr bezeichnend, daß
man das kursierende Geld flüssig nennt: wie einer Flüssigkeit fehlen
ihm die inneren Grenzen, und nimmt es die äußeren widerstandslos von
der festen Fassung an, die sich ihm jeweilig bietet.
So ist es das
durchgreifendste, weil für sich völlig indifferente Mittel für
die Überführung eines uns überindividuell zwingenden Rhythmus
von Lebensbedingungen in eine Ausgeglichenheit und Schwankungslosigkeit
derselben, die unseren persönlichen Kräften und Interessen eine
freiere, einerseits individuellere, andrerseits reiner sachliche Bewährung
gestattet.
Dennoch: gerade dieses an
sich wesenlose Wesen des Geldes ermöglicht, daß es sich auch der
Systematik und Rhythmik des Lebens leihe, wo das Entwicklungsstadium der
Verhältnisse oder die Tendenz der Persönlichkeit darauf
hindrängt.
Während wir gesehen
haben, daß zwischen liberaler Verfassung und Geldwirtschaft eine enge
Korrelation besteht, war doch nicht weniger bemerkbar, daß der
Despotismus im Gelde eine unvergleichlich zweckmäßige Technik
findet, ein Mittel, die räumlich fernsten Punkte seiner Herrschaft an sich
zu binden, die bei Naturalwirtschaft immer zu Abschnürung und
Verselbständigung neigen.
Und während die
individualistische Sozialform Englands an der Ausbildung
des Geldwesens groß geworden ist, zeigt sich dasselbe nicht nur in dem
Sinn als Vorläufer sozialistischer Formen, daß es durch einen
dialektischen Prozeß in diese als in seine Negation umschlage, sondern
ganz direkt geben, wie wir an manchen Stellen sahen, spezifisch geldwirtschaftliche
Verhältnisse die Skizze oder den Typus der vom Sozialismus erstrebten ab.
Hier ordnet sich das Geld
einer uns schon früher wichtig gewordenen Kategorie von Lebensmächten
ein, deren sehr eigenartiges Schema es ist, daß sie ihrem Wesen und
ursprünglichen Sinne nach sich über die Gegensätze erheben, in
die die betreffende Interessenprovinz auseinandergeht, als die ungeteilte
Indifferenz derselben jenseits ihrer stehen - dann oder zugleich aber in den
Gegensatz der Einzelheiten hinuntersteigen: sie werden Partei, wo sie soeben
Unbeteiligte oder Richter gewesen waren.
So zunächst die
Religion, die der Mensch braucht, um die Entzweiung zwischen seinen
Bedürfnissen und deren Befriedigung, zwischen seinem Sollen und seiner
Praxis, zwischen seinem Idealbild der Welt und der Wirklichkeit zu
versöhnen.
Hat er sie aber einmal
geschaffen, so bleibt sie nicht in der Höhe, die sie in ihren
höchsten Augenblicken erreicht, sondern steigt selbst auf den Kampfplatz
hinunter, wird eine Seite im Dualismus des Daseins, den sie eben noch in sich
vereinheitlichte.
Die Religion steht
einerseits dem, was wir als unser ganzes Leben empfinden, als äquivalente
Macht gegenüber, sie ist eine Totalität jenseits aller
Relativitäten unserer sonstigen Menschlichkeit; und andrerseits steht sie
doch wieder im Leben, als eines seiner Elemente und erst in der Wechselwirkung
mit allen anderen die Ganzheit desselben ausmachend.
So ist sie ein ganzer
Organismus und zu-gleich ein Glied, ein Teil des Daseins und zugleich das
Dasein selbst auf einer höheren, verinnerlichten Stufe.
Die gleiche Form zeigt das
Verhalten des Staates.
Sicher ist es dessen Sinn,
über den Parteien und den Konflikten ihrer Interessen zu stehen, und
dieser abstrakten Höhe verdankt er seine Macht, seine
Unberührbarkeit, seine Stellung als letzte Instanz der Gesellschaft.
Mit alledem nun
ausgerüstet, pflegt er dennoch in jenen Streit der partikularen
Gesellschaftsmächte einzutreten, die Partei der einen gegen gewisse andere
zu ergreifen, die, obgleich von ihm in seinem weiteren Sinne mitumfaßt,
ihm in seinem engeren Sinne wie Macht zu Macht gegenüberstehen.
Das ist die Doppelstellung
oberster Instanzen, die sich innerhalb der Metaphysik wiederholt, wenn sie etwa
der Gesamtheit des Seins geistiges Wesen zuschreibt, das Absolute, das alle
Erscheinungen trägt oder ausmacht, für eine geistige Substanz
erklärt.
Aber dieses Absolute
muß sie zugleich als ein Relatives anerkennen.
Denn in der Wirklichkeit
steht dem Geiste nicht nur eine Körperlichkeit gegenüber, so
daß er in diesem Gegensatz erst sein eigenes Wesen findet, sondern es
begegnen geistige Erscheinungen unterwertiger Art, Böses, Träges,
Feindseliges; und eine derartige Metaphysik wird solches nicht als dem Geiste
zugehörig betrachten, der ihr die absolute Substanz des Seins ist.
Sondern dieser wird als
Partei, Ausgleichung, spezifischer Wert allem ungeistigeren und un-vollkommenen
Sein entgegengestellt, das er doch andrerseits, da er das Absolute ist, soeben
noch mitumfaßt hat.
Am durchgreifendsten wird
diese Doppelexistenz am Begriff des Ich wirksam.
Das Ich, dessen Vorstellung
die Welt ist, steht jedem einzelnen Inhalt derselben in gleich beherrschender
Höhe gegenüber, jenseits aller Qualitäten, Unterschiede und
Konflikte, die nur innerhalb seiner, sozusagen als Privatangelegenheiten seiner
Inhalte untereinander, stattfinden.
Aber unser
tatsächliches Lebensgefühl läßt das Ich nicht in dieser
Höhe stehen, es identifiziert es mit gewissen seiner Inhalte mehr als mit
anderen - gerade wie die Religiosität Gott an bestimmten Stellen besonders
eingreifen sieht, während er doch an allen anderen nicht weniger wirksam
sein müßte -, das Ich wird zu einem einzelnen Inhalte seiner selbst,
es differenziert sich, freundlich oder feindlich, sich hoch oder niedrig
abmessend, gegen die übrige Welt und ihre Partikularitäten,
während der Sinn seiner es doch oberhalb aller dieser gestellt hatte.
Dies also ist der
Formtypus, in dem das Verhältnis des Geldes zu seinem Herrschaftsgebiete
sich mit jenen, inhaltlich ihm so fremden Mächten begegnet.
Auch sein Wesen liegt in
der abstrakten Höhe, mit der es sich über alle Einzelinteressen und
Stilgestaltungen des Lebens erhebt; es gewinnt seine Bedeutung in und aus den
Bewegungen, den Konflikten, den Ausgleichungen aller dieser, ein parteiloses
Allgemeines, das in sich nicht den geringsten Anhaltspunkt für oder gegen
den Dienst eines spezifischen Interesses enthält.
Und nun, ausgerüstet
mit all der unvergleichlichen Fernwirksamkeit, Konzentriertheit der Kraft,
Überall-Eindringlichkeit, wie sie gerade die Folge seiner Entfernung von
allem Partikularen und Einseitigen ist, begibt es sich in den Dienst der
partikularen Begehrung oder Lebensgestaltung.
Und hier tritt, innerhalb
der betonten allgemeinen Gleichheit mit Gebilden wie Religion, Staat, metaphysischer
Geistigkeit des Seins -ein merkwürdiger Unterschied gegen diese hervor.
Sie alle, wenn sie sich auf
das Niveau der singulären Interessen und Standpunkte hinabbegeben, treten
im Konflikt je zweier entschieden auf die Seite des einen, dem Gegner aber
entgegen; sie verbünden oder identifizieren sich mit einer der
spezifischen Differenzen, deren Indifferenz sie
darstellten, und schließen nun die je andere von sich aus.
Das Geld aber stellt sich
fast jeder Tendenz in dem Umkreis, für den es gilt, gleichmäßig
zur Verfügung, es lebt jedenfalls nicht in der Form des Antagonismus gegen
anderes, die jene anderen Mächte annehmen, sobald sie sich aus ihrem
allgemeinen Sinne in einen partikularen umsetzen.
Das Geld bewahrt wirklich
das Umfassende, das seinen all-gemeinen Sinn ausmacht, auch in der
Gleichmäßigkeit, mit der es sich den Gegensatzpaaren leiht, wenn sie
auseinandertretend ihr all-gemeines Verhältnis zum Gelde für die
Ausgestaltung ihrer Unterschiede und das Ausfechten ihrer Konflikte benutzen.
Die Objektivität des
Geldes ist praktisch kein jenseits der
Gegensätze, das dann nur von einem dieser illegitim gegen den anderen
ausgenutzt würde; sondern diese Objektivität bedeutet von vornherein
den Dienst beider Seiten des Gegensatzes.
Aber damit fällt das
Geld nicht etwa in die breite Kategorie, der die Luft angehört, die die
sonst Unterschiedensten doch unterschiedslos atmen, oder
die Waffen, deren Gleichartigkeit sich nicht der Benutzung durch alle Parteien
verweigert.
Das Geld ist
zwar das umfassendste Beispiel auch für diese Tatsache: daß auch die
radikalsten Unterschiede und Gegnerschaften in der Menschenwelt immer noch
für Gleichheiten und Gemeinsamkeiten Raum geben - aber es ist doch noch
mehr.
Jener Typus unparteiischer
Dinge bleibt den inneren Tendenzen, denen sie dienen, etwas schlechthin
Äußerliches.
Dagegen, so fremd das Geld
auch seinem abstrakten Wesen nach allen Innerlichkeiten und Qualitäten
gegenübersteht, so zeigt es, als der ökonomische Extrakt des
Wertkosmos in dessen ganzer Aus-dehnung, doch sehr häufig die
geheimnisvolle Fähigkeit, dem ganzspezifischen Wesen und Tendenz jeder von
zwei entgegengesetzten Einseitigkeiten zu dienen; die eine entnimmt dem
allgemeinen Wertreservoir, das es darstellt gerade die Kräfte, die Ausdrucksmittel,
die Verbindungs- oder Verselbständigungsmöglichkeiten, die ihrer
Eigenart angepaßt sind, während es der inhaltlich entgegengesetzten
nicht weniger biegsame und schmiegsame, nicht weniger gerade ihrer
Innerlichkeit entgegenkommende Hilfen bietet.
Das ist die Bedeutung des
Geldes für den Stil des Lebens, daß es gerade vermöge seines
jenseits aller Einseitigkeit einer jeden solchen wie ein eigenes Glied ihrer
zuwachsen kann.
Es ist das Symbol, im Engen
und Empirischen, der unsagbaren Einheit des Seins, aus der der Welt in ihrer
ganzen Breite und all ihren Unterschieden ihre Energie und Wirklichkeit
strömt.
Denn so wird die Metaphysik
sich doch wohl die an sich unerkennbare Struktur der Dinge subjektiv deutend
auseinanderlegen müssen: daß die Inhalte der Welt, einen bloß
geistigen Zusammenhang bildend, in bloßer
Ideellität bestehen und nun -natürlich nicht in zeitlichem
Prozeß - über sie das Sein kommt; wie man es ausgedrückt hat:
daß das Was sein Daß gewinnt.
Niemand wüßte zu
sagen, was dieses Sein denn eigentlich ist, das den wirklichen Gegenstand von
dem qualitativ nicht von ihm unterschiedenen, aber bloß gültigen,
bloß logischen Sachgehalt unterscheidet.
Und dieses Sein, so leer
und abstrakt sein reiner Begriff ist, erscheint als der warme Strom des Lebens,
der sich in die Schemata der Dingbegriffe ergießt, der sie gleichsam
aufblühen und ihr Wesen entfalten läßt, gleichviel wie
unterschieden 3der einander feindselig ihr Inhalt und ihr Verhalten sei.
Aber es ist ihnen doch
nichts äußerliches oder fremdes, sondern ihr eigenes Wesen ist es,
das das Sein aufnimmt und in wirksame Wirklichkeit entwickelt.
Dieser Kraft des Seins
nähert sich von allem Äußerlich-Praktischen - für das jede
Analogie mit dem Absoluten immer nur unvollständig gelten kann - das Geld
am meisten.
Wie jene steht es seinem
Begriffe nach ganz außerhalb der Dinge und deshalb gegen ihre
Unterschiede völlig gleichgültig, so daß jedes einzelne es ganz
in sich aufnehmen und mit ihm gerade sein spezifisches Wesen zur vollkommensten
Darstellung und Wirksamkeit bringen kann.
Seine Bedeutung für
die Entwicklung der Lebensstile, die man als den rhythmischen und den
individuell-sachlichen bezeichnen kann, habe ich deshalb herausgehoben, weil
die unvergleichliche Tiefe ihres Gegensatzes den Typus dieser Wirksamkeit des
Geldes sehr rein her-vorleuchten läßt. - Endlich gibt es eine dritte
Beeinflussung, durch die das Geld den Inhalten des Lebens ihre Form und Ordnung
bestimmen hilft; sie betrifft das Tempo des Verlaufs derselben, in dem sich die
verschiedenen historischen Epochen, die Zonen der gleichzeitigen Welt, die
Individuen desselben Kreises unterscheiden.
Unsere innere Welt ist
gleichsam nach zwei Dimensionen ausgedehnt, deren Maße über das
Lebenstempo bestimmen.
Je tiefer die Unterschiede
zwischen den Vorstellungsinhalten - selbst bei gleicher Zahl der Vorstellungen
- in einer Zeiteinheit sind, desto mehr lebt man, eine desto größere
Lebensstrecke gleichsam wird zurückgelegt.
Was wir als das Tempo des
Lebens empfinden, ist das Produkt aus der Summe und der Tiefe seiner
Veränderungen.
Die Bedeutung, die dem
Gelde für die Herstellung des Lebenstempos einer gegebenen Epoche zukommt,
mag zunächst aus den Folgen hervorleuchten, die eben die Veränderung
der Geldverhältnisse für die Veränderung jenes Tempos aufweisen.
Man hat behauptet,
daß die Vermehrung des Geldquantums, sei es durch
Metallimporte, oder durch Verschlechterung des Geldes, durch positive
Handelsbilanzen oder durch Papiergeldausgabe, den inneren Status des Landes
ganz ungeändert lassen müßte.
Denn wenn man von den
wenigen Personen absehe, deren Einkommen in nicht vermehrbaren festen
Bezügen besteht, so sei zwar bei Geldvermehrung jede Ware oder Leistung
mehr Geld wert, als vorher, allein da jedermann sowohl Konsument wie Produzent
sei, so nehme er als letzterer nur soviel mehr ein, wie er als ersterer mehr
ausgebe, und alles bleibe beim Alten.
Selbst wenn eine solche
proportionale Preissteigerung der objektive Effekt der Geldvermehrung
wäre, so würde sie dennoch sehr wesentliche psychologische
Veränderungserscheinungen mit sich bringen.
Man entschließt sich
nicht leicht, einen über dem bisherigen und gewohnten liegenden Preis
für eine Ware anzulegen, selbst wenn das eigene Einkommen inzwischen
gestiegen ist; und man läßt sich andrerseits durch gewachsenes
Einkommen leicht zu allerhand Aufwendungen bestimmen, ohne zu bedenken,
daß jenes Plus durch die Preissteigerung der täglichen
Bedürfnisse ausgeglichen wird.
Die bloße Vermehrung
des Geldquantums, das man auf einmal in der Hand hat, vermehrt, ganz
un-abhängig von allen Überlegungen ihrer bloßen
Relativität, die Versuchung zum Geldausgeben und bewirkt damit einen
gesteigerten Warenumsatz, also eine Vermehrung, Beschleunigung und Vermannigfaltigung
der ökonomischen Vorstellungen.
jener Grundzug unseres
Wesens: das Relative psychologisch zum Absoluten auswachsen zu lassen - nimmt
der Beziehung zwischen einem Objekte und einem bestimmten Geldquantum ihren
fließenden Charakter und verfestigt sie zu sachlicher, dauernder
Angemessenheit.
Dadurch entsteht nun,
sobald das eine Glied des Verhältnisses sich ändert, eine
Erschütterung und Desorientierung.
Die Alterierung in den
Aktiven und den Passiven gleicht sich in ihren psychologischen Wirkungen
keineswegs unmittelbar aus, von jeder Seite her wird das Bewußtsein der
ökonomischen Prozesse in der bisherigen Stetigkeit seines Verlaufs
unterbrochen, der Unterschied gegen den vorigen Stand macht sich auf jeder
gesondert geltend.
Solange die neue Anpassung
nicht vollzogen ist, wird die gleichmäßige Vermehrung des Geldes zu
fortwährenden Differenzgefühlen und psychischen Chocs Veranlassung
geben, so die Unterschiede, das Sich-Gegeneinander-Absetzen innerhalb der
ablaufenden Vorstellungen vertiefen und damit das Tempo des Lebens
beschleunigen.
Deshalb ist es mindestens
mißverständlich, wenn man aus der dauernden Steigerung der Einkommen
auf eine »Konsolidierung der Gesellschaft« geschlossen hat.
Gerade vermöge der
Vermehrung des Geldeinkommens ergreift die unteren
Stände eine Erregtheit, die, je nach dem Parteistandpunkt, als
Begehrlichkeit und Neuerungssucht, oder als gesunde Entwicklung und
Schwungkraft gedeutet wird, aber bei größerer Stabilität des
Einkommens und der Preise - -die zugleich Stabilität der sozialen
Abstände bedeutet - jedenfalls ausbleibt.
Die beschleunigenden
Wirkungen der Geldvermehrung auf den Ablauf der ökonomisch -psychischen
Prozesse verraten sich am ehesten in den Entwicklungen schlechten Papiergeldes
- gerade wie manche Seiten der normalen Physiologie durch pathologische und
Entartungsfälle ihre hellste Beleuchtung empfangen.
Der un-organische und
unfundamentierte Geldzufluß bewirkt zunächst ein sprunghaftes und
der inneren Regulierung entbehrendes Steigen aller Preise.
Die erste Geldplethora
reicht aber immer nur aus, um den Ansprüchen unteren gewisser
Warenkategorien zu genügen. »Deshalb zieht jede Ausgabe von
unsolidem Papiergeld die zweite nach sich, und die zweite noch weitere. »
Jeder
Vorwand - so wird über Rhode-Island vom Anfang des 18.Jahrhunderts
berichtet - diente zu weiterer Vermehrung der Noten.
»Und wenn das
Papiergeld alle Münze aus dem Lande getrieben hatte, war die Knappheit des
Silbers ein neuer Grund weiterer Emissionen.« Das ist das Tragische
solcher Operationen, daß die zweite Emission nötig ist, um den
Ansprüchen zu genügen, die aus der ersten folgen.
Das wird sich um so
umfassender geltend machen, je mehr das Geld selbst das unmittelbare Zentrum
der Bewegungen ist: die Preisrevolutionen infolge von Papiergeldüberschwemmungen
führen zu Spekulationen, die zu ihrer Abwicklung immer gewachsene
Geldvorräte erfordern.
Man kann sagen, daß
die Tempo-Beschleunigung des sozialen Lebens durch Geldvermehrung am
sichtbarsten da eintreten wird, wo es sich um Geld seiner reinen Funktionsbedeutung
nach, ohne irgendeinen Substanzwert, handelt; die Steigerung des gesamten
ökonomischen Tempos findet hier gleichsam noch in einer höheren
Potenz statt, weil sie jetzt sogar rein immanent beginnt, d. h. sich in erster
Instanz in der Beschleunigung der Geldfabrikation selbst offenbart.
Es ist
für diesen Zusammenhang beweisend, wenn in Ländern, deren
wirtschaftliches Tempo überhaupt ein rapides ist, das Papiergeld jenem
Anwachsen seiner Quantität ganz besonders schnell unterliegt.
Über Nordamerika sagt
ein genauer Kenner in dieser Beziehung: »Man kann nicht erwarten,
daß ein Volk, so ungeduldig gegenüber kleinen Gewinnen, so
durchdrungen davon, daß sich Reichtum aus Nichts oder wenigstens aus sehr
wenig machen läßt - sich die Selbst-beschränkungen auferlegen
wird, die in England oder Deutschland die Gefahren der Papiergeldemissionen auf
ein Minimum reduzieren.«
Die Beschleunigung des
Lebenstempos durch die Papiergeldvermehrungen liegt aber insbesondere in den
Umwälzungen des Besitzes, die von ihnen ausgehen.
So geschah es sehr sichtbar
in der nordamerikanischen Papiergeldwirtschaft bis zum
Unabhängigkeitskriege. Das massenhaft fabrizierte Geld, das am Anfang noch
zu höherem Wert kursiert hatte, erlitt die fürchterlichsten
Einbußen.
Dadurch konnte heute arm
sein, wer gestern noch reich war; und umgekehrt, wer dauernde Werte für
geliehenes Geld erworben hatte, zahlte seine Schuld in inzwischen entwertetem
Gelde zurück und wurde dadurch reich.
Dies machte es nicht nur
zum dringenden Interesse eines jeden, seine wirtschaftlichen Operationen mit
größter Beschleunigung abzuwickeln, Abschlüsse auf lange Sicht
zu vermeiden und rasch zugreifen zu lernen - sondern jene Besitzschwankungen
erzeugten auch die fortwährenden Unterschiedsempfindungen, die
plötzlichen Risse und Erschütterungen innerhalb des ökonomischen
Weltbildes, die sich in alle möglichen anderen Provinzen des Lebens
fortpflanzen und so als wachsende Intensität seines Verlaufes oder
Steigerung seines Tempos empfunden werden.
Man hat deshalb geradezu
dem schlechteren - neben dem besseren - Geld eine Nützlichkeit
zugesprochen: es sei richtig, Schulden mit schlechterem Gelde abzahlen zu
lassen, weil in der Regel die Schuldner die aktiven wirtschaftlichen
Produzenten seien, die Gläubiger dagegen passive Konsumenten, denen der
Verkehr sehr viel weniger Leben als jenen verdanke.
Anfangs des 18.
Jahrhunderts wurde in Konnektikut, anfangs des 19. in England das
ungedeckte Papiergeld zwar nicht zum gesetzlichen Umlaufsmittel gemacht, aber
jeder Gläubiger war gezwungen, es als Schuldzahlung anzunehmen.
Daß nach
un-verhältnismäßiger Papierausgabe dann die Krisis das
wirtschaftliche Leben in demselben Verhältnis retardiert und erstarren
läßt, beweist gerade die spezifische Bedeutung des Geldes für
sein Tempo.
Auch hier entspricht seine
Rolle für den objektiven Verlauf der Wirtschaft der des Vermittlers
für die subjektive Seite derselben: denn es ist mit Recht bemerkt worden,
daß die Vermehrung der Tauschmittel über das Bedürfnis hinaus
den Tausch verlangsamt, gerade wie die Vermehrung der Makler zwar bis zu einem
gewissen Punkte verkehrs-erleichternd, über diesen hinaus aber
verkehrserschwerend wirke.
Ganz prinzipiell angesehen,
ist das Geld freilich um so beweglicher, je schlechter
es ist, denn jeder wird es so schnell wie möglich loszuwerden suchen.
Der naheliegende Einwurf:
daß zu einem Handel doch zwei gehören, und daß die
Leichtigkeit des Weggebens schlechten Geldes durch die Bedenklichkeit, es
anzunehmen, paralysiert werde - ist nicht ganz zutreffend, weil schlechtes Geld
immerhin besser ist als gar keines (was man entsprechend
von schlechter Ware nicht immer sagen kann).
Von der Abneigung des
Warenbesitzers gegen das schlechte Geld muß also seine Neigung für
Geld überhaupt abgezogen werden; so daß die Neigung des Käufers
und die Abneigung des Verkäufers, das schlechte Geld gegen Ware zu
tauschen, sich nicht ganz die Wage halten, sondern die letztere, als die
schwächere, die durch die erstere nahegelegte Zirkulationsbeschleunigung
nicht entsprechend hemmen kann.
Andrerseits wird der
Besitzer eines schlechten oder nur unter bestimmten Umständen wertvollen
Geldes an der Aufrechterhaltung des Zustandes, unter dem sein Besitz Wert hat,
lebhaft interessiert sein.
Als die fürstlichen Schulden
von der Mitte des 16. Jahrhunderts an so gestiegen waren, daß es
allenthalben Staatsbankrotte gab, und in Frankreich das Mittel der
Rentenverkäufe bis zum Extrem ausgenutzt wurde, hob man zur Verteidigung
derselben - denn sie waren außerordentlich unsicher --hervor, daß
dadurch die Anhänglichkeit der Bürger als Rentenbesitzer an den
König, und ihr Interesse, ihn zu erhalten, sehr gestärkt würden.
Es ist bezeichnend,
daß das Wort Partisan ursprünglich einen Geldmann bezeichnet, der an
einer Anleihe der Krone (parti) beteiligt war, dann aber durch die
Interessensolidarität zwischen solchen Bankiers und dem Finanzminister,
unter Mazarin und Fouquet, die Bedeutung unbedingter Anhänger - erwarb und
seitdem behielt.
Gerade bei
größter Unsolidität des französischen Finanzwesens also
fand dies statt, während bei der Besserung unter Sully die Partisans in
den Hintergrund getreten waren.
Und später betonte
Mirabeau bei Einführung der Assignaten, daß überall, wo ein
Stück davon sich befände, auch der Wunsch nach der Beständigkeit
ihres Kredites bestehen mül3te: Vous compterez un défenseur
nécessaire à vos me-sures, un créancier interessé
à vos succès.
So
schafft ein derartiges Geld eine besondere Parteiung, und, auf dem Grunde einer
neuen Beharrungstendenz, eine neue Lebhaftigkeit der Gegensätze. - Solche Erfolge der vermehrten
Umlaufsmittel treten nun aber tatsächlich in um so höherem Maße
ein, als die bisherige Voraussetzung: daß die
Verbilligung des Geldes jeden als Konsumenten und Produzenten
gleichmäßig trifft - eine viel zu einfache ist.
In
Wirklichkeit ergeben sich viel kompliziertere und bewegtere Erscheinungen.
Zunächst objektiv: die
Geldvermehrung bewirkt anfänglich nur die Verteuerung einiger Waren und
läßt die anderen vorerst auf dem alten Niveau.
Man hat gemeint feststellen
zu können, daß es eine bestimmte und langsame Reihenfolge war, in
der die Preise der europäischen Waren seit dem 16. Jahrhundert, infolge
des einströmenden amerikanischen Metalles, gestiegen sind.
Die Geldmehrung innerhalb eines Landes trifft zunächst immer nur bestimmte
Kreise, die den Strom abfangen.
Es werden also in erster
Linie diejenigen Waren im Preise steigen, um welche nur die Angehörigen
dieses Kreises konkurrieren, während andere Waren, deren Preis durch die
große Masse bestimmt wird, noch unverändert billig -bleiben.
Das allmähliche
Eindringen der Geldvermehrung in weitere Kreise führt zu
Ausgleichungsbestrebungen, das bisherige Preisverhältnis der Waren
untereinander wird aus seiner Beständigkeit geworfen, das Budget des
einzelnen Hauses muß durch die Ungleichmäßigkeit, mit der die
Höhen der einzelnen Posten sich ändern, Störungen und
Verschiebungen erfahren - kurz, die Tatsache, daß jede Geldvermehrung in
einem Wirtschaftskreise die Preise der Waren ungleichmäßig
beeinflußt, muß eine erregende Wirkung auf den Vorstellungsverlauf
der wirtschaftenden Personen ausüben, fortwährende
Differenzempfindungen, Unterbrechungen der gewohnten Proportionen, Forderung
von Ausgleichungsversuchen zur Folge haben.
Offenbar wird dieser -
teils beschleunigende, teils lähmende - Einfluß nicht nur von der
Ungleichmäßigkeit der Preise, sondern auch von
Ungleichmäßigkeit innerhalb der Geldwerte selbst ausgehen: das
heißt also, nicht nur von einem definitiv verschlechterten, sondern
ebenso, oder vielleicht noch mehr, von einem in seinem Werte fortwährend
schwankenden Gelde.
Über die Zeit vor der
großen englischen Münzumprägung von 1570 wird berichtet:
»Wären alle Schillinge auf den Wert von Groats herabgesetzt worden,
so hätte sich der Verkehr verhältnismäßig leicht daran
anpassen können.
Was aber jede Zahlung zu
einer Kontroverse machte, das war, daß ein Schilling 12 Pence wert war,
ein anderer 10, ein dritter 8, 6, ja 41«
Den
Ungleichheitserscheinungen im Preise der Waren entspricht es, daß von
einer Änderung des Geldstandes gewisse Personen und Berufe in ganz
besonderer Weise profitieren, gewisse andere ganz besonders leiden.
In früheren Zeiten
traf dies vor allem den Bauern.
Gegen Ende des 17.
Jahrhunderts wurde der englische Bauer, un-wissend und hilflos, wie er war,
förmlich zerquetscht zwischen den Leuten, die ihm Geld zu zahlen hatten
und es nur nach dem Nennwert taten, und denen, die von ihm Geld zu bekommen
hatten und es nach Gewicht forderten.
Ebenso war es später
in Indien bei jeder neuen Verdünnung des Geldes: wenn der Landmann seine
Ernte verkaufte, wußte er nie, ob das erhaltene Geld ihm dienen
würde, wenn er nachher seine Hypothekenzinsen zu zahlen hatte.
Man hat längst
beobachtet, daß eine allgemeine Erhöhung der Preise sich dem
Arbeitslohn am spätesten mitteilt je widerstandsloser eine wirtschaftliche Schicht ist, desto langsamer und spärlicher sickert
die Geldvermehrung zu ihr durch, ja sie gelangt häufig erst dann als
Einnahmesteigerung zu ihr, wenn sie sich in den Konsumartikeln ,dieser Schicht
schon lange als Preiserhöhung geltend gemacht hat.
Dadurch entstehen Chocs und
Erregungen vielerlei Art, die aufgetretenen Differenzen zwischen den Schichten
fordern fortwährende Anspannung des Bewußtseins, weil, vermöge
des neuen Umstandes der vermehrten Umlaufsmittel, zur Bewahrung des status quo
ante - sowohl was das Verhältnis der Schichten zueinander, wie was die
Lebenshaltung der einzelnen betrifft - jetzt nicht mehr konservatives oder
defensives Beharren, sondern positiver Kampf und Eroberung erforderlich ist.
Dies ist eine wesentliche
Ursache, aus der jede Vermehrung des Geldquantums so anregend auf das Tempo des
sozialen Lebens wirkt: weil sie über die bereits bestehenden Unterschiede
hinaus neue schafft, Spaltungen, bis hinein in das Budget der Einzelfamilie, an
denen das Bewußtsein fortwährende Beschleunigungen und Vertiefungen
seines Verlaufes finden muß.
Es liegt übrigens auf
der Hand, daß ein erheblicher Geldabfluß ähnliche
Erscheinungen, nur gleichsam mit umgekehrtem Vorzeichen, hervorrufen muß.
Darin aber zeigt sich das
enge Verhältnis des Geldes zu dem Tempo des Lebens, daß ebenso seine
Vermehrung wie seine Verminderung, durch ihre ungleichmäßige
Ausbreitung, jene Differenzerscheinungen ergeben, die sich psychisch als
Unterbrechungen, Anreizungen, Zusammendrängungen des Vorstellungsverlaufes
spiegeln.
- Diese Bedeutung der
Änderungen des Geldstandes ist nur ein Phänomen oder eine
Akkumulierung der Bedeutung des Geldes für das Verhältnis der Dinge,
d. h. ihrer seelischen Äquivalente.
Das Geld hat eine neue
Gleichung zwischen den Dingen gestiftet. Man vergleicht sie sonst untereinander
nach ihrem direkten Nutzungs-, ihrem ästhetischen, ethischen, Arbeits-,
eudämonistischen Wert, nach hundert Beziehungen der Quantität und
Qualität; und ihre Gleichheit in einer dieser Beziehungen kann unter
vollständiger Ungleichheit in anderer bestehen.
Ihr Geldwert nun schafft
eine Gleichung und Vergleichung zwischen ihnen, die keineswegs eine stetige
Funktion der anderen, aber doch immer der Ausdruck irgendwelcher, aus jenen
entstandener bzw. kombinierter Wertgedanken ist.
Jeder Wertgesichtspunkt,
von dem aus die Dinge eine Rangierung, jenseits der sonstigen und diese
durchquerend gewinnen, ist zugleich eine Lebendigkeit mehr in ihrem
Verhältnis, eine Anregung zu vorher ungekannten Kombinationen und
Verdrängungen, Verwandtschafts- und Differenzstiftungen - denn unsere
Seele ist wie in einer dauernden Bestrebung, Ungleiches gegeneinander
auszugleichen, dem Gleichen Unterschiede aufzudrängen.
Indem das Geld nun in einem
Umfang, wie kein anderer Wertgesichtspunkt, den Dingen Gleichheiten und
Ungleichheiten verleiht, erregt es unzählige Bemühungen, diese mit
den Rangierungen aus den anderen Werten heraus im Sinne jener zweifachen
Tendenzen zu verbinden.
Abgesehen nun von den
Folgen der Veränderungen des Geldbestandes, die das Tempo des Lebens
gleichsam als eine Funktion der Veränderungen jenes erscheinen lassen,
tritt die Zusammendrängung der Lebensinhalte noch in einer anderen Folge
des Geldverkehrs hervor.
Es ist diesem nämlich
eigentümlich, daß er zur Konzentration an
verhältnismäßig wenigen Plätzen drängt.
In bezug auf lokale
Diffusion kann man eine Skala der ökonomischen Objekte aufstellen, von der
ich hier nur ganz im Rohen einige der charakteristischsten Stufen andeute.
Sie beginnt mit dem
Ackerbau, dessen Natur jeder Zusammenrückung seiner Gebietsteile
widersteht; er schließt sich unabwendbar dem ursprünglichen
Außereinander des Raumes an.
Die industrielle Produktion
ist schon komprimierbarer: der Fabrikbetrieb stellt eine räumliche
Kondensierung gegenüber dem Handwerk und der Hausindustrie dar, das
moderne Industriezentrum ist ein gewerblicher Mikrokosmos, in den jede in der
Welt vorhandene Gattung von Rohstoffen strömt, um zu Formen gestaltet zu
werden, deren Ursprünge weltweit auseinanderliegen.
Das äußerste
Glied dieser Stufenleiter bilden die Geldgeschäfte.
Das Geld steht vermöge
der Abstraktheit seiner Form jenseits aller bestimmten Beziehungen zum Raum: es
kann seine Wirkungen in die weitesten Fernen erstrecken, ja es ist
gewissermaßen in jedem Augenblick der Mittelpunkt eines Kreises
potenzieller Wirkungen; aber es gestattet auch umgekehrt, die größte
Wertsumme in die kleinste Form zusammenzudrängen - bis zu dem
10-Millionen-Dollar-Scheck, den Jay Could einmal ausstellte.
Der Komprimierbarkeit der
Werte vermöge des Geldes, und des Geldes vermöge seiner immer
abstrakteren Formen entspricht nun die der Geldgeschäfte.
In dem Maß, in dem
die Wirtschaft eines Landes mehr und mehr auf Geld gestellt wird, schreitet die
Konzentrierung seiner Finanzaktionen in großen Knotenpunkten des
Geldverkehrs vor.
Von jeher war die Stadt im
Unterschied vom Lande der Sitz der Geldwirtschaft; dies Verhältnis
wiederholt sich zwischen Klein- und Großstädten, so daß ein
englischer Historiker sagen konnte, London habe, in seiner ganzen Geschichte,
niemals als das Herz von England gehandelt, manchmal als sein Gehirn, aber
immer als sein Geldbeutel; und schon am Ende der römischen Republik
heißt es, jeder Pfennig, der in Gallien aus-gegeben werde, gehe durch die
Bücher der Finanziers in Rom.
An
dieser Zentripetalkraft der Finanz hängt das Interesse beider Parteien:
der Geldnehmer, weil sie wegen der Konkurrenz der zusammen-strömenden
Kapitalien billig borgen (in Rom stand der Zinsfuß halb so hoch als sonst
durchschnittlich im Altertum), der Geldgeber, weil sie das Geld zwar nicht so
hoch, wie an isolierten Punkten, ausleihen, aber des Wichtigeren sicher sind,
jederzeit überhaupt Verwendung dafür zu finden; weshalb man denn auch
bemerkt hat, daß Kontraktionen des Geldmarktes im Zentrum desselben immer
schneller überwunden werden, als an den verschiedenen Punkten seiner
Peripherie.
Indem das Geld diese,
seinem Wesen als Tendenz innewohnende Zentralisierung gefunden hat, hat es das
Präliminarstadium überwunden, in dem es sich nur in den Händen
zerstreuter Einzelpersonen akkumulierte.
Gerade der durch das Geld
ausgeübten Übermacht Einzelner hat die Zentralisierung des Geldverkehrs
an den Börsen entgegengewirkt; so sehr die Börsen von Lyon und
Antwerpen im 16. Jahrhundert einzelnen Geldmagnaten enorme Gewinne
ermöglichten, so war doch mit ihnen die Macht des Geldes in einem
Zentralgebilde, objektiviert, dessen Kräfte und Normen auch dem
mächtigsten Einzelnen überlegen waren und es verhinderten, daß
je wieder ein einzelnes Haus den Gang der Weltgeschichte so bestimmte, wie die
Fugger es noch konnten.
Der tiefere Grund für
die Bildung von Finanzzentren liegt offenbar in dem Relativitätscharakter
des Geldes: weil es einerseits nur die Wertverhältnisse der Waren
untereinander ausdrückt, weil andrerseits jedes bestimmte Quantum seiner
einen weniger unmittelbar festzustellenden Wert besitzt, als das irgendeiner
anderen Ware, sondern mehr als jede andere ausschließlich durch
Vergleichung mit dem angebotenen Gesamtquantum überhaupt eine Bedeutung
erhält - so wird seine maximale Konzentrierung auf einen Punkt, das
fortwährende Gegeneinanderhalten möglichst großer Summen, die
Ausgleichung eines über-wiegenden Teiles von Angebot und Nachfrage
überhaupt, zu seiner größeren Wertbestimmtheit und
Verwendbarkeit führen.
Ein Scheffel Getreide hat
eine gewisse Bedeutung an jedem noch so isolierten
Platze, so große Unterschiede auch sein Geldpreis aufweise.
Ein Geldquantum aber hat
seine Bedeutung nur im Zusammentreffen mit anderen Werten; mit je mehren es
zusammentrifft, um so sicherer und gerechter erlangt es jene; deshalb
drängt nicht nur »alles nach Golde« - die Menschen wie die
Dinge - sondern das Geld drängt auch seinerseits nach »Allem«,
es sucht sich mit anderem Gelde, mit allen möglichen Werten und ihren
Besitzern zusammenzubringen.
Und der gleiche
Zusammenhang in umgekehrter Richtung: der Konflux vieler Menschen erzeugt ein
besonders starkes Bedürfnis nach Geld.
In Deutschland entstand
eine hauptsächliche Nachfrage nach Geld durch die Jahrmärkte, die die
Territorialherren einrichteten, um an Münztausch und Warenzoll zu
profitieren.
Durch diese zwangsweise
Konzentrierung des Handelsverkehrs eines größeren Territoriums an
einem Punkte wurde Kauflust und Umsatz sehr gesteigert, der Gebrauch des Geldes
wurde erst dadurch zur allgemeinen Notwendigkeit.
Wo nur immer viele Menschen
zusammenkommen, wird Geld verhältnismäßig stärker
erfordert werden.
Denn wegen seiner an sich
indifferenten Natur ist es die geeignetste Brücke und
Verständigungsmittel zwischen vielen und verschiedenen
Persönlichkeiten; je mehre es sind, desto spärlicher werden die
Gebiete, auf denen andere als Geldinteressen die Basis ihres Verkehrs bilden
können.
Aus all diesem ergibt sich,
in wie hohem Maße das Geld die Steigerung des Lebenstempos bezeichnet,
wie es sich an der Zahl und Mannigfaltigkeit der einströmenden und
einander ablösenden Eindrücke und Anregungen mißt.
Die Tendenz des Geldes,
zusammenzufließen und sich, wenn auch nicht in der Hand eines Einzelnen,
so doch in lokal engbegrenzten Zentren zu akkumulieren, die Interessen der
Individuen und damit sie selbst an solchen zusammenzuführen, sie auf einem
gemeinsamen Boden in Berührung zu bringen, und so - wie es auch in der von
ihm dargestellten Wertform liegt das Mannigfaltigste in den kleinsten Umfang zu
konzentrieren diese Tendenz und Fähigkeit des Geldes hat den psychischen
Erfolg, die Buntheit und Fülle des Lebens, das heißt also sein Tempo
zu steigern.
Schon sonst ist der
Zusammenhang davon betont worden, daß mit dem aufkommenden Kapitalismus
in Deutschland - als im 15. Jahrhundert einerseits der Welthandel, andrerseits
die Finanzzentren mit dem raschen Umsatz billigen Geldes entstanden - zuerst
der moderne Begriff der Zeit durchdrang, als eines durch Brauchbarkeit und
Knappheit bestimmten Wertes.
Damals begannen die
Turmuhren die Viertelstunden zu schlagen, und Sebastian Franck, der mit am
frühesten, wenn auch mit am pessimistischsten, die revolutionierende
Bedeutung des Geldes eingesehen hat, nennt auch zuerst die Zeit ein teures Gut.
Das entschiedenste Symbol
für diese ganzen Korrelationen ist die Börse.
Hier haben die
ökonomischen Werte und Interessen, vollständig auf ihren Geldausdruck
reduziert, ihre und ihrer Träger engste lokale Vereinigung erreicht, uni
damit ihre rascheste Ausgleichung, Verteilung, Abwägung zu gewinnen.
Diese doppelte
Kondensiertheit: der Werte in die Geldform und des Geldverkehrs in die
Börsenform - ermöglicht es, daß die Werte in der kürzesten
Zeit durch die größte Zahl von Händen
hindurchgejagt werden: an der New Yorker Börse wird jährlich der
fünffache Betrag der Baumwollernte in Spekulationen in Baumwolle umgesetzt,
und schon 1887 verkaufte diese Börse fünfzigmal das Erträgnis
des Jahres in Petroleum: die Häufigkeit der Umsätze steigt in dem
Maße, in dem der Kurs eines Wertes schwankt - ja, die Kursschwankungen
waren es, die im 16. Jahrhundert überhaupt erst ein
regelmäßiges Börsengeschäft in den
»Königsbriefen«, den fürstlichen Schuldverschreibungen,
entwickelten.
Denn mit ihnen, die von dem
wechselnden Kredit z. B. der französischen Krone ausgingen, war ein ganz
anderer Anstoß zu Kauf und Verkauf gegeben, als bei Stabilität des
Wertes bestanden hatte.
Die Möglichkeit, die
das Geld gewährt, jeden Schätzungswechsel unbedingt nachgiebig
auszudrücken, muß diesen selbst unendlich steigern, ja vielfach
erzeugen.
Und davon ist es nun sowohl
Ursache wie Wirkung, daß die Börse, das Zentrum des Geldverkehrs und
gleichsam der geometrische Ort all jener Schätzungswechsel, zugleich der
Punkt der größten konstitutionellen Aufgeregtheit des
Wirtschaftslebens ist: ihr sanguinisch-cholerisches Schwanken zwischen
Optimismus und Pessimismus, ihre nervöse Reaktion auf Ponderabilien und
Imponderabilien, die Schnelligkeit, mit der jedes den Stand verändernde
Moment ergriffen, aber auch wieder vor dem nächsten vergessen wird - alles
dies stellt eine extreme Steigerung des Lebenstempos dar, eine fieberhafte
Bewegtheit und Zusammendrängung seiner Modifikationen, in der der
spezifische Einfluß des Geldes auf den Ablauf des psychischen Lebens
seine auffälligste Sichtbarkeit gewinnt. Endlich muß die
Geschwindigkeit, die der Zirkulation des Geldes gegenüber der aller
anderen Objekte eigen ist, das allgemeine Lebenstempo unmittelbar und in
demselben Maße steigern, in dem (las Geld das allgemeine
Interessenzentrum wird.
Die Rundheit der
Münzen, infolge deren sie »rollen müssen«, symbolisiert den
Rhythmus der Bewegung, die das Geld dem Verkehr mitteilt: selbst wo die
Münze ursprünglich eckig war, muß der Gebrauch zunächst
die Ecken abgeschliffen und sie der Rundung angenähert haben;
physikalische Notwendigkeiten haben so der Intensität des Verkehrs die ihm
dienlichste Werkzeugsform verschafft.
Vor hundert Jahren gab es
in den Nilländern sogar vielfach Kugelgeld, aus Glas, Holz, Achat -durch
die Verschiedenheit der Stoffe beweisend, daß seine Form der Grund der
ihm nachgesagten Beliebtheit war.
So ist es doch mehr als ein
zufälliges Zusammentreffen der Bezeichnungen, wenn ganzen Geldsummen
gegenüber das Prinzip der »Abrundung« auftaucht, und zwar erst
mit steigender Geldwirtschaft.
Die Abrundung ist ein
relativ moderner Begriff. Die primitivste Form der Anweisungen auf das englische Schatzamt waren Kerbhölzer, die auf ganz beliebige,
un-gleichmäßige Beträge lauteten und vielfach als Geld
kursierten. Erst im 18. Jahrhundert wurden sie durch indossable Papierscheine
ersetzt, welche bestimmte runde Beträge von 5 Pfund aufwärts
darstellten.
Es ist überhaupt
auffällig, wie wenig man früher, selbst bei großen
Beträgen, auf Abrundung sah.
Fälle wie die,
daß die Fugger 1530 für den Kaiser Ferdinand 275 333 fl. und 2o kr.
auszuzahlen übernahmen und daß ihnen 1577 Kaiser Maximilian II.
22o674 fl. schuldete, sind nicht selten.
Die Entwicklung des
Aktienwesens geht denselben Gang.
Das Aktienkapital der
Ostindischen Kompanie in den Niederlanden ließ sich im 17. Jahrhundert in
ganz beliebig große Stücke zerlegen.
Erst die Beschleunigung des
Verkehrs brachte es dahin, daß schließlich eine feste Einheit von
5oo Pfund Vlämisch der allein gehandelte Teilbetrag und »eine
Aktie« schlechthin wurde. Noch heute sind es die Plätze des größeren
Geldverkehrs, in denen auch der Kleinhandel sich nach runden Summen vollzieht,
während die Preise an abgelegenen Orten dem Großstädter
merkwürdig wenig abgerundet vorkommen.
Die schon oben
hervorgehobene Entwicklung von unbehilflich großen zu zerkleinerten
Münz- und Anweisungswerten hat offenbar dieselbe Bedeutung für die
Steigerung des Verkehrstempos wie die Abrundung, was schon die physikalische
Analogie nahelegt.
Das Bedürfnis, das
Geld klein zu machen, steigt mit der Raschheit des Verkehrs überhaupt, und
es ist für diese Zusammenhänge von Bedeutung, daß eine Note der
englischen Bank 1844 durchschnittlich nach ihrer Ausgabe 57 Tage lief, bevor
sie zur Einlösung präsentiert wurde, 1871 dagegen nur 37 Tage!
Vergleicht man etwa die
Zirkulationsfähigkeit von Grund und Boden mit der des Geldes, so erhellt
unmittelbar der Unterschied des Lebenstempos zwischen Zeiten, wo jener und wo
dieses den Angelpunkt der ökonomischen Bewegungen ausmacht.
Man denke z. B. an den
Charakter der Steuerleistungen in Hinsicht auf äußere und innere
Schwankungen, je nachdem sie von dem einen oder von dem anderen Objekt erhoben
werden. Im angelsächsischen und normannischen England galten alle Auflagen
ausschließlich dem Landbesitz; im 12. Jahrhundert schritt man dazu,
Pachtzinse und Viehbesitz zu belasten; bald nachher wurden bestimmte Teile des
beweglichen Eigentums (der 4., 7-, 13. Teil) als Steuer erhoben.
So wurden die Steuerobjekte
immer beweglicher, bis schließlich das Geldeinkommen als das eigentliche
Fundament der Besteuerung auftritt.
Damit erhält diese
einen bis dahin unerhörten Grad von Beweglichkeit und Nüanzierung und
bewirkt, bei größerer Sicherheit des Gesamterträgnisses, doch
eine sehr viel grössere Variabilität und jährliche Schwankung in der Leistung des Einzelnen.
- Aus dieser unmittelbaren
Bedeutung und Betonung vom Boden oder vom Geld für das Tempo des Lebens
erklärt sich einerseits der große Wert, den sehr konservative
Völker auf den Ackerbau legen.
Die Chinesen sind
überzeugt, daß nur dieser die Ruhe und Beständigkeit der
Staaten sichert, und wohl aus diesem Zusammenhange heraus haben sie auf den
Verkauf von Ländereien einen ungeheueren Stempel gesetzt; so daß die
meisten Landkäufe dort nur privatim und unter Verzicht auf die
grundbuchliche Eintragung vollzogen werden.
Wo indes jene durch das
Geld getragene Beschleunigung des wirtschaftlichen Lebens sich durchgesetzt
hat, da sucht sie nun, andrerseits, die ihr widerstrebende Form des
Grundbesitzes dennoch nach sich zu rhythmisieren.
Im 18. Jahrhundert gab der
pennsylvanische Staat Hypotheken auf Privatländereien und ließ die
einzelnen Abschnitte derselben als Papiergeld kursieren: Franklin schrieb
darüber, diese Scheine seien in Wirklichkeit gemünztes Land.
Entsprechend ist bei uns
von konservativer Seite hervorgehoben worden, daß die
Hypothekengesetzgebung der letzten Jahrzehnte auf eine Verflüssigung des
Grundbesitzes hinarbeite und diesen in eine Art Papiergeld verwandle, das man
in beliebig vielen Anteilsscheinen weggeben könne; so daß, wie auch
Waldeck sich ausdrückte, der Grundbesitz nur dazusein scheine, um
subhastiert zu werden.
Bezeichnend genug
mobilisiert das moderne Leben seine Inhalte auch im äußerlichsten
Sinne und an manchen Punkten außerhalb der
allbekannten. Das Mittelalter und noch die Renaissance hatte das, was uns jetzt
»Mobilien« in engster Bedeutung sind, wenig im Gebrauch.
Schränke, Kredenzen,
Sitzbänke waren in die Täfelung eingebaut, Tische und Stühle so
schwer, daß sie oft unbeweglich waren, die kleinen, hin und her zu
schiebenden Einrichtungsgegenstände fehlten fast ganz.
Seitdem erst sind die
Möbel gleichsam mobil geworden wie das Kapital.
Und endlich exemplifiziere
ich diese Macht der geldwirtschaftlichen Bewegung, die übrigen
Lebensinhalte ihrem Tempo zu unterwerfen, an einer Rechtsbestimmung.
Es ist ein alter
juristischer Grundsatz, daß ein Gegenstand, der seinem
rechtmäßigen Eigentümer entfremdet worden ist, diesem unter
allen Umständen zurückgegeben werden muß, selbst wenn der
augenblickliche Besitzer ihn ehrlich erworben hat.
Nur in bezug auf Geld gilt
dies nicht: nach römischem wie nach modernen Rechten darf eine gestohlene
Geldsumme, sobald sie von einer dritten Person gutgläubig erworben ist,
dieser nicht wieder zugunsten des Bestohlenen abgenommen werden. Ersichtlich
wird diese Ausnahme durch die Praxis des Geschäftsverkehrs gefordert, der
ohne dieselbe außerordentlich erschwert, beunruhigt, unterbrochen sein
würde.
Nun hat
man aber neuerdings diesen Erlaß der Restitution auch auf alle
übrigen Objekte ausgedehnt, soweit sie im Bereich des Handelsgesetzbuches
stehen.
Das bedeutet also: die
Zirkulationsbeschleunigung im Warenverkehr nähert jede Ware dem Charakter
des bloßen Geldes an, läßt sie nur als Geldwert funktionieren
und unterwirft sie deshalb nur den Bestimmungen, welche das Geld zum Zweck der
Leichtigkeit seines Verkehrs fordern muß! - Wenn man den Beitrag zur
Bestimmung des Lebenstempos charakterisieren will, den das Geld durch seinen
eigenen Charakter und abgesehen von seinen zuerst besprochenen technischen
Folgen liefert, so könnte man es mit folgender Überlegung.
Die genauere Analyse des
Beharrungs- und Veränderungsbegriffes zeigt einen doppelten Gegensatz in
der Art, wie er sich verwirklicht.
Sehen wir die Welt auf ihre
Substanz hin an, so münden wir leicht auf der Idee eines ?? x?ì
??v, eines unveränderlichen Seins, das durch den Ausschluß jeder
Vermehrung oder Verminderung den Dingen den Charakter eines absoluten Beharrens
erteilt.
Sieht man andrerseits auf
die Formung dieser Substanz, so ist in ihr die Beharrung absolut aufgehoben,
unaufhörlich setzt sich eine Form in die andere um und die Welt bietet das
Schauspiel eines Perpetuum mobile.
Dies ist der kosmologische,
oft genug ins Metaphysische hinaus gedeutete Doppelaspekt des Seienden.
Innerhalb einer tiefer
gelegenen Empirie indes verteilt sich der Gegensatz zwischen Beharrung und
Bewegung in anderer Weise. Wenn wir nämlich das Weltbild, wie es sich
un-mittelbar darbietet, betrachten, so sind es gerade gewisse Formen, die eine
Zeit hindurch beharren, während die realen Elemente, die sie
zusammensetzen, in fortwährender Bewegung befindlich sind.
So beharrt der Regenbogen
bei fortwährender Lageveränderung der Wasserteilchen, die organische
Form bei stetem Austausch der sie erbauenden Stoffe, ja, an jedem unorganischen
Ding, das eine Weile als solches besteht, beharrt doch nur das Verhältnis
und die Wechselwirkung seiner kleinsten Teile, während diese selbst in
unaufhörlichen molekularen Bewegungen, unserem Auge entzogen, begriffen
sind.
Hier ist also die
Realität selbst in rastlosem Flusse, und wäh-rend wir diesen,
sozusagen wegen mangelnder Sehschärfe, nicht un-mittelbar konstatieren
können, verfestigen sich die Formen und Konstellationen der Bewegungen zu
der Erscheinung des dauernden Objektes.
Neben diesen beiden
Gegensätzen in der Anwendung des Be-harrungs- und Bewegungsbegriffes auf
die vorgestellte Welt steht ein dritter.
Die Beharrung kann
nämlich einen Sinn haben, der sie jenseits jeder noch so ausgedehnten
Zeitdauer stellt.
Der einfachste, aber für uns hier zureichende Fall derselben ist das
Naturgesetz.
Die Gültigkeit des
Naturgesetzes beruht darin, daß aus einer gewissen Konstellation von
Elementen eine bestimmte Wirkung sachlich notwendig erfolgt.
Diese Notwendigkeit ist
also ganz unabhängig davon, wann ihre Bedingungen sich in der Wirklichkeit
etwa einstellen; einmal oder millionenmal, jetzt oder in hunderttausend Jahren;
die Gültigkeit des Gesetzes ist eine ewige im Sinne der Zeitlosigkeit; es
schließt seinem Wesen und Begriffe nach jegliche Veränderung oder
Bewegung von sich aus.
Dafür ist es hier
un-wesentlich, daß wir keinem einzelnen Naturgesetz diese unbedingte
Gültigkeit mit unbedingter Sicherheit zusprechen dürfen: und zwar
nicht nur wegen der unvermeidlichen Korrigierbarkeit unseres Er-kennens
überhaupt, das die oft wiederholte, aber zufällige Kombination der
Erscheinungen durch kein unfehlbares Kriterium von dem wirklichen gesetzlichen
Zusammenhang unterscheiden kann; sondern vor allem, weil jedes Naturgesetz doch
nur für eine bestimmte geistige Verfassung gilt, während für
eine andere eine abweichende Formulierung desselben Sachverhaltes Wahrheit
bedeuten würde.
Da nun aber der menschliche
Geist einer, wie auch langsamen und unmerkbaren Entwicklung unterliegt, so kann
es kein, in einem gegebenen Augenblick gültiges Gesetz geben, das der
Umwandlung im Laufe der Zeiten entzogen wäre.
Allein dieser Wechsel
betrifft nur den jeweils erkennbaren Inhalt der Naturgesetzlichkeit, nicht den
Sinn und Begriff derselben; die Idee des Gesetzes, die über jeder
einzelnen ihrer unvollkommenen Verwirklichungen steht, aus der diese aber doch
ihr ganzes Recht und Bedeutung ziehen - beruht in jenem jenseits aller
Bewegung, jenem Gelten, das von allen Gegebenheiten, weil sie veränderlich
sind, unabhängig ist.
Zu dieser
eigentümlichen absoluten Form des Beharrens muß es ein
Seitenstück in einer entsprechenden Form der Bewegung geben.
Wie sich das Beharren
über jede noch so weite Zeitstrecke hinaus steigern läßt, bis
in der ewigen Gültigkeit des Naturgesetzes der der mathematischen Formel
jede Beziehung auf einen bestimmten Zeitmoment schlechthin ausgelöscht
ist: so läßt sich die Veränderung und Bewegung als eine so
absolute denken, daß überhaupt ein bestimmtes Zeitmaß
derselben nicht mehr besteht; geht alle Bewegung zwischen einem Hier und einem
Dort vor sich, so ist bei dieser absoluten Veränderung - der species
aeternitatis mit umgekehrtem Vorzeichen - das Hier vollkommen verschwunden.
Haben jene zeitlosen
Objekte ihre Gültigkeit in der Form des Beharrens, so diese in der Form
des Übergangs, der Nicht-Dauer.
Es ist mir nun kein
Zweifel, daß auch dieses Gegen-satzpaar weit genug ist, um ein Weltbild
darein zu fassen.
Wenn man, einerseits, alle Gesetze kennte, die die Wirklichkeit beherrschen, so
würde diese letztere durch den Komplex jener tatsächlich auf ihren
absoluten Gehalt, ihre zeitlos ewige Bedeutung zurückgeführt sein -
wenngleich sich die Wirklichkeit selbst daraus noch nicht konstruieren
ließe, weil das Gesetz als solches, seinem ideellen Inhalt nach, sich
gegen jeden einzelnen Fall seiner Verwirklichung ganz gleichgültig
verhält.
Gerade weil aber der Inhalt
der Wirklichkeit restlos in den Gesetzen aufgeht, die unaufhörlich
Wirkungen aus Ursachen hervortreiben und, was soeben Wirkung war, im gleichen
Augenblick schon als Ursache wirken lassen - gerade deshalb kann man nun,
andrerseits, die Wirklichkeit, die konkrete, historische, erfahrbare
Erscheinung der Welt in jenem absoluten Flusse erblicken, auf den Heraklits
symbolische Äußerungen hindeuten.
Bringt man das Weltbild auf
diesen Gegensatz, so ist alles überhaupt Dauernde, über den Moment
Hinausweisende aus der Wirklichkeit herausgezogen und in jenem ideellen Reich
der bloßen Gesetze gesammelt; in der Wirklichkeit selbst dauern die Dinge
überhaupt keine Zeit, durch die Rastlosigkeit, mit der sie sich in jedem
Moment der Anwendung eines Gesetzes darbieten, wird jede Form schon im
Augenblick ihres Entstehens wieder aufgelöst, sie lebt sozusagen nur in
ihrem Zerstörtwerden, jede Verfestigung ihrer zu dauernden - wenn auch
noch so kurz dauernden - Dingen ist eine unvollkommene Auffassung, die den
Bewegungen der Wirklichkeit nicht in deren eigenem Tempo zu folgen vermag.
So ist
es das schlechthin Dauernde und das schlechthin Nicht-Dauernde, in die und
deren Einheit das Ganze des Seins ohne Rest aufgeht.
Für den absoluten
Bewegungscharakter der Welt nun gibt es sicher kein deutlicheres Symbol als das
Geld.
Die Bedeutung des Geldes
liegt darin, daß es fortgegeben wird; sobald es ruht, ist es nicht mehr
Geld seinem spezifischen Wert und Bedeutung nach.
Die Wirkung, die es unter
Umständen im ruhenden Zustand ausübt, besteht in einer Antizipation
seiner Weiterbewegung. Es ist nichts als der Träger einer Bewegung, in dem
eben alles, was nicht Bewegung ist, völlig ausgelöscht ist, es ist
sozusagen actus purus; es lebt in kontinuierlicher Selbstentäußerung
aus jedem gegebenen Punkt her-aus und bildet so den Gegenpol und die direkte
Verneinung jedes Fürsichseins.
Aber vielleicht bietet es
jener entgegengesetzten Art, die Wirklichkeit zu formulieren, sich nicht
weniger als Symbol dar.
Das einzelne Geldquantum
freilich ist seinem Wesen nach in unablässiger Bewegung; aber gerade nur,
weil der von ihm dargestellte Wert sich zu den einzelnen Wertgegenständen
verhält, wie das allgemeine Gesetz zu den konkreten
Gestaltungen, in denen es sich verwirklicht.
Wenn das Gesetz, selbst
jenseits aller Bewegungen stehend, doch deren Form und Grund darstellt, so ist
der abstrakte Vermögenswert, der nicht in Einzelwerte auseinandergegangen
ist und als dessen Träger das Geld subsistiert, gleichsam die Seele und
Bestimmung der wirtschaftlichen Bewegungen.
Während es als
greifbare Einzelheit das flüchtigste Ding der
äußerlich-praktischen Welt ist, ist es seinem Inhalte nach das
beständigste, es steht als der Indifferenz- und Ausgleichungspunkt
zwischen all ihren sonstigen Inhalten, sein ideeller Sinn ist, wie der des
Gesetzes, allen Dingen ihr Maß zu geben, ohne sich selbst an ihnen zu
messen, ein Sinn, dessen totale Realisierung freilich erst einer unendlichen
Entwicklung gelänge.
Es drückt das
Verhältnis aus, das zwischen den wirtschaftlichen Gütern besteht und
bleibt der Strömung dieser gegenüber so stabil, wie eine
Zahlenproportion es gegenüber den vielfachen und wechselnden
Gegenständen tut, deren Verhältnis sie angibt, und wie die Formel des
Gravitationsgesetzes gegenüber den Materienmassen und ihren unendlich
mannigfaltigen Bewegungen.
Wie der allgemeine Begriff,
in seiner logischen Gültigkeit von der Zahl und Modifikation seiner
Verwirklichungen unabhängig, sozusagen das Gesetz eben dieser angibt, so
ist das Geld - d. h. derjenige innere Sinn, durch den das einzelne Metall- oder
Papierstück zum Gelde wird - der Allgemeinbegriff der Dinge, insofern sie wirtschaftlich
sind.
Sie brauchen nicht
wirtschaftlich zu sein; wenn sie es aber sollen, so können sie es nur so,
daß sie sich dem Gesetz des Wert-Werdens fügen, das irn Gelde
verdichtet ist.
Die Beobachtung, daß
dieses eine Gebilde an jenen beiden Grundformen, die
Wirklichkeit auszudrücken, gleichmäßig teil hat, gibt auf ihren
Zusammenhang Anweisung: ihr Sinn ist tatsächlich ein relativer, d. h. jede
findet ihre logische und psychologische Möglichkeit, die, Welt zu deuten,
an der anderen.
Nur weil die Realität
sich in absoluter Bewegtheit befindet, hat es einen Sinn, ihr gegenüber
das ideelle System zeitlos gültiger Gesetzlichkeiten zu behaupten;
umgekehrt: nur weil diese bestehen, ist jener Strom des Daseins überhaupt
bezeichenbar und greifbar, statt in ein unqualifizierbares Chaos
auseinanderzufallen.
Die allgemeine
Relativität der Welt, auf den ersten Blick nur auf der einen Seite dieses
Gegensatzes heimisch, zieht in Wirklichkeit auch die andere, in sich ein und
zeigt sich als Herrscherin, wo sie eben nur Partei zu sein schien - wie das
Geld über seine Bedeutung als einzelner Wirtschaftswert die höhere
baut den abstrakten Wirtschaftswert überhaupt darzustellen, und beide
Funktionen in unlösliche Korrelation, in der keine die
erste ist, verschlingt.
Indem
hier nun ein Gebilde der historischen Welt das sachliche Verhalten der Dinge
symbolisiert, stiftet es zwischen jener und diesem eine besondere Verbindung.
Je mehr das Leben der
Gesellschaft ein geldwirtschaftliches wird, desto wirksamer und deutlicher
prägt sich in dem bewußten Leben der relativistische Charakter des
Seins aus, da das Geld nichts anderes ist, als die in einem Sondergebilde
verkörperte Relativität der wirtschaftlichen Gegenstände, die
ihren Wert bedeutet.
Und wie die absolutistische
Weltansicht eine bestimmte intellektuelle Entwicklungsstufe darstellte, in
Korrelation mit der entsprechenden praktischen, ökonomischen,
gefühlsmäßigen Gestaltung der menschlichen Dinge, - so scheint
die relativistische das augenblickliche Anpassungsverhältnis unseres
Intellekts auszudrücken oder, vielleicht richtiger: zu sein,
bestätigt durch das Gegenbild des sozialen und des subjektiven Lebens, das
in dem Gelde ebenso den real wirksamen Träger wie das abspiegelnde Symbol
seiner Formen und Bewegungen gefunden hat
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