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Georg Simmel
Über die Grundfrage des Pessimismus in methodischer Hinsicht

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I.

Zunächst sei das Selbstverständliche erwähnt, daß das Bewußtsein, das Quantum eines gewissen Schmerzes übersteige dasjenige einer gewissen Lust, niemals in der Empfindung selbst unmittelbar liegt, sondern ein verstandesmäßiges, wie auch immer verdichtetes und dunkles Urteilen voraussetzt, das in den Empfindungen nur seine an sich verbundenen Elemente vorfindet; schon die Thatsache, daß wir die Intensität der einen Empfindung mit der Dauer einer andern kompensiren, zeigt hinreichend die Spontaneität, den vermittelten Charakter eines derartigen Urteils. Und diese Synthese ist noch anderer Art als etwa in dem Bewußtsein, daß der Grad einer Lust A den einer andern B übersteigt. Denn so wenig selbst hier der Inhalt der einen Empfindung bloß als solcher etwas über sein Verhältnis zur andern aussagte, so bedarf es doch außer den synthetischen Funktionen überhaupt keines außerhalb jener beiden Empfindungen gelegenen Momentes, um ihr quantitatives Verhältnis zu beurteilen; die eine wird zum Maße für die andere, weil wir in der reproduktiven Synthesis wahrnehmen: im Quantum von A ist das Quantum von B enthalten und außerdem noch etwas; während etwa B uns noch im Bewußtsein ist, erleben wir A und sehen, wie es gleichsam über den Teilstrich der Skala hinaussteigt, den die Grenze von B gezeichnet hat, so daß wir mit unmittelbarer Bestimmtheit urteilen können: der Lustwert von A ist größer als der von B; und so verhält es sich selbstverständlich auch mit den Unlustsummen untereinander.

Anders aber, wenn ich die Quanta einer Lust und einer Unlust mit einander vergleichen soll. Es handle sich hier noch nicht um eine genauere Graduirung, sondern nur um die Bestimmung, daß sie überhaupt gleich, resp. welches von ihnen das in seiner Art überwiegende sei. Von einer unmittelbaren gegenseitigen Messung von Lust und Leid ließe sich etwa dann sprechen, wenn sie sich so aufhöben, daß ein gleichgiltiger Zustand resultirte; allein das Sichaufheben zweier entgegengesetzter Empfindungen ist immer nur ein bildlicher Ausdruck, und nie paralysiren sie sich wie entgegengesetzt gerichtete Kräfte, die auf einen Punkt wirken; vielmehr werden selbst bei völliger Gleichzeitigkeit beide nebeneinander empfunden - recht deutlich ist dieses bei der Wollust des Schmerzes und dem Schmerze der Wollust -, ohne daß anders als in der nachfolgenden Reflexion ein wirkliches Subtrahiren der einen von der andern stattfände. Ich kann hier offenbar nicht wie bei zwei gleichartigen Empfindungen unmittelbar das Quantum der einen als in dem der andern enthalten erkennen. Selten wird ein Mensch, auch der unerfahrenste, im Zweifel sein, welche von zwei Freuden die größere ist - wenn er auf das bloße aktuelle Empfindungsquantum achtet und von allen mitspielenden nicht-eudämonistischen Momenten absieht; denken wir uns dagegen ein Wesen, das noch keine Erfahrung über die Verteilung von Lust und Leid im Leben hat, so wird es völlig ungewiß sein, ob es eine Freude bestimmten (als ihm bekannt vorausgesetzten) Grades opfern soll, um einem bestimmten Leiden zu entgehen, ob es dies und das Leiden freiwillig auf sich nehmen soll, um dafür eine bestimmte Freude zu gewinnen, ob es andern einen gewissen Schmerz zufügen darf, weil er die conditio sine qua non einer bestimmten Freude ist; kurz, wir können a priori und ohne aus der bloßen Synthesis der bloßen Lust- und Schmerzempfindung herauszugehen, unmöglich wissen, welches Quantum Leid durch ein bestimmtes Quantum Freude aufgewogen wird. Es könnten in dieser Abwägung nicht so große Schwankungen, sowohl unter den Individuen wie im Laufe eines Einzellebens stattfinden, wenn jede Lustempfindung das Bewußtsein eines bestimmten Grades mit sich führte, der ohne weitres sein Plus oder Minus einer gewissen Leidempfindung gegenüber bestimmte.

Völlig mißverständlich wäre hier der Einwurf, daß doch auch die Abschätzung der Freuden untereinander und der Leiden untereinander den größten Schwankungen unterliegt. Denn nicht ob ein schon als solches bestimmtes Freudenquantum größer oder kleiner sei als ein andres, ist die Frage für den, der sie nebeneinander vorstellt; alle Differenz betrifft vielmehr die Frage, welches Objekt als Ursache die größere oder die kleinere Freude erzeugt; nur darum wird gestritten, nur darüber wechselt der Geschmack und die Schätzung, ob der Vorgang m oder der Vorgang n die größere Freude zur Folge hat. Liegen dagegen zwei Lustquanta rein als solche schon vor, so ist ceteris paribus mit ihnen unmittelbar gegeben, welches das größere sei. Hier aber sprechen wir von dem Abschätzen der relativen Werte der Empfindungen selbst, nicht von dem Empfindungswert gewisser Ursachen. Jene, erst im Lauf des Lebens und Erfahrens allmählig weichende Unsicherheit darüber, wo der Nullpunkt zwischen einem Lustquantum und einem Schmerzquantum liege, beweist, daß er sich nicht selbstverständlich aus dem bloßen Nebeneinanderhalten beider Empfindungen ergiebt, sondern sich erst auf Grund von Erfahrungen entwickelt. - Zu den wichtigsten Entdeckungen der neueren Erkenntnistheorie und Psychologie gehört die Erkenntnis, daß Vorstellungen, die sonst für unmittelbar sinnliche, mit der Empfindung eo ipso gegebene gehalten wurden, komplizirte Resultate verstandesmäßiger Operationen, Urteile und Schlüsse, sind; auch in der Axiologie müssen wir durchaus vor Augen behalten, daß zwar Lust und Leid, aber nicht ihr wechselseitiges Plus und Minus Empfindungssache ist, sondern ein Abmessen an einem durch Erfahrung und Reflexion gewonnenen Maßstabe bedeutet; nach diesem eben ist hier die Frage.




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