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Georg Simmel
Über die Grundfrage des Pessimismus in methodischer Hinsicht

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II.

Denken wir uns ein allwissendes Wesen nach Art des Laplaceschen Universalgeistes, welches die gesamten Lustempfindungen und die gesamten Leidempfindungen der Welt überblickt und durch passende mathematische Operationen feststellen kann, wieviel von dem einen und dem andern im Durchschnitt auf jedes empfindende Individuum kommt. Ein solcher lediglich beobachtender Geist würde von seinem objektiv-realistischen Standpunkt aus nur von denjenigen Individuen, deren thatsächliches Empfindungsquantum ein Minus von Lust gegenüber diesem Durchschnitt zeigt, behaupten, daß ihre Lustbilanz negativ sei; wer den genauen Durchschnitt aufweist, dessen Leben hätte genau soviel Lust, wie seiner Unlust äquivalent ist, etc. Da er keinen idealen Maßstab besitzt, aus dem sich a priori ergäbe, wieviel Lust da sein müßte, um das Leidquantum auszugleichen, so ist für ihn die Behauptung ganz sinnlos, daß es mehr Leid als Lust auf Erden gäbe. Da sich Lust und Leid nicht unmittelbar aneinander messen, da es ferner keinen dritten formalen Maßstab für sie giebt - wie er für Körpergrößen der verschiedensten Art der Meterstock ist -, so ist für ihn keine Schätzung der relativen Werte der Leid- und Lustquanta denkbar, als eine solche, die sich am Vergleich des einzelnen eudämonistischen Schicksals mit dem Durchschnitt ergiebt. Diesen Durchschnitt selbst groß oder klein zu finden, hätte für ihn keine andre logische Berechtigung als das Urteil, daß der Durchschnitt der Menschen in körperlicher Beziehung groß oder klein ist; der einzelne Mensch kann wohl groß oder klein sein, aber das heißt eben, daß er über oder unter dem Durchschnitt steht; dieser selbst ist weder groß noch klein, weil er dasjenige ist, an dem überhaupt erst Größe oder Kleinheit bestimmt werden kann. Die Erfahrungen, von denen wir am Schlusse von I. gesprochen haben, sind für diesen Geist also beschlossen in dem Wissen des wirklichen Verhältnisses zwischen Lust und Leid im Ganzen der Welt; so daß jede Lust genau soviel Schmerz aufwiegt, wie im Durchschnitt thatsächlich auf sie kommt und nur diejenige Lust zu teuer bezahlt ist, für die das erlittne Unlustquantum unter jenem realen Durchschnitt bleibt. Wir wollen nun untersuchen, ob der Axiolog, der über das Verhältnis von Lust und Leid für den Menschen überhaupt meditirt, mit Recht einen andern Maßstab annimmt, als ihn dieser Geist in absoluter Vollendung besitzt.




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