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Georg Simmel
Über die Grundfrage des Pessimismus in methodischer Hinsicht

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III.

Die ganze Frage nach dem Quantitätsverhältnis von Lust und Leid, das erforderlich wäre um sie sich gegenseitig ausgleichen zu lassen, kann man betrachten unter dem Bilde des Kaufes eines bestimmten Wertgegenstandes gegen ein bestimmtes dafür zu bringendes Opfer; nicht als ob dies ein bloßes Gleichnis und deshalb ohne stringente Beziehung wäre, sondern es drückt vielmehr das allgemeine Verhältnis aus, von dem jene Abwägung ein Spezialfall ist und dessen Gesetze und Bestimmungen deshalb auch für diesen bindend sind. Wir fingiren den absoluten Durchschnittsmenschen (dem eudämonistischen Schicksal nach), dem die Gesamtfreudensumme seines Lebens zum Kauf angeboten wird für die bestimmte Leidsumme, die er dafür zu übernehmen hat; der Pessimist sagt ihm nun: »Wenn du dies Geschäft machst, so kommst du nicht auf deine Kosten; du müßtest ein viel größeres Lustquantum erhalten, damit die Bilanz stimmt; die Freuden, die dir angeboten werden, sind mit dem geforderten Preis an Leiden zu teuer bezahlt

Die so ausgesprochene Behauptung, man müsse die Freuden des Lebens mit mehr Schmerzen bezahlen als sie wert sind, ist also methodologisch ebenso zu behandeln wie die Klage, man sei mit einem gekauften Gegenstand überteuert worden. Offenbar aber habe ich zu dieser nur dann das Recht, wenn ich denselben Gegenstand von einem andern Verkäufer billiger bekommen kann; a priori und rein sachlich existirt nicht der geringste Zusammenhang zwischen dem gekauften Gegenstand und irgend einem Preise, sondern ganz allein die Konvention samt den auf sie einwirkenden äußern Bedingungen bestimmt einen Preis als den richtigen, als den, den die Sache wert ist; man kann deshalb - weder vom Standpunkt des Kaufmanns noch von dem des Konsumenten - von ihr sagen, sie sei mehr oder weniger wert, als durchschnittlich unter den bestimmten Umständen für sie bezahlt wird oder etwa aus der Analogie mit andern gleichfalls konventionell fixirten Warenpreisen zu erschließen ist. Es ist also nie eine Sache schlechthin billig oder teuer, sondern nur durch den Vergleich mit dem Preise, für den sie durchschnittlich zu bekommen ist; weder ist ein Diamant für 5000 Mark teuer, wenn er eben nirgends billiger zu haben ist, noch ein Kommißbrod für 10 Pfennige billig, wenn es überall so geliefert wird; andre Preise als die so real fixirten, resp. nach realen Analogieen zu fixirenden sich auszudenken und für die »richtigen« zu halten, ist eitel Phantasterei. Demgemäß ist die Klage, daß man die Freuden des Lebens mit zu vielen Schmerzen, also zu teuer, bezahlen müsse, nur dann gerechtfertigt, wenn dieselben Freuden allgemein und im Durchschnitt billiger zu haben sind; dieser Durchschnitt selbst ist aber weder teuer noch billig, weil er vielmehr das ist, woran die Teuerkeit oder Billigkeit des einzelnen Falles erst gemessen wird. Wie wir also - um bei dem in II. angeführten Beispiele zu bleiben - erst dann sagen dürften, der Durchschnittsmensch sei klein, wenn wir etwa von größern Menschenwesen auf andern Planeten wüßten, so können wir mit objektivem und logischem Recht erst dann sagen, der Mensch habe im Durchschnitt zu wenig Freuden im Verhältnis zu seinen Leiden, wenn dasselbe Freudenquantum irgendwo für ein geringeres Leidensquantum zu haben wäre. Aber ein solches darf nicht blos gedacht werden, sondern muß »mögliche Erfahrung« sein; andernfalls ist jene Behauptung eine bloße Erdichtung und zerstört völlig den Begriff des Wertes als einer an objektivem Maaßstab festzustellenden Größe. Der Satz: es gebe mehr Schmerzen in der Welt, als durch die in ihr vorhandnen Freuden aufgewogen würde, gleicht mit einer leicht vorzunehmenden mutatio mutandorum dem: es gebe mehr Diamanten in der Welt, als je bezahlt werden könnten. Der Preis der Diamanten richtet sich ja eben nach der Quantität, in der er existirt; und das Urteil, daß es - im Ganzen der Welt und unter Vernachlässigung der durch äußern Zufall entstehenden Ausnahmen - immer so viel kaufendes Geld gibt wie es zu kaufende Ware gibt, ist ein analytischer, weil der Preis überhaupt nichts ist als der analytische Ausdruck für das Verhältnis zwischen vorhandenem Geld und vorhandener Ware. Sowie der Schmerz in Abwägung gegen die Lust tritt, sowie nur ein einziges Mal zugegeben ist, daß ein gewisser Grad, von ihm durch irgend einen Grad von Lust aufgewogen werden könne - so unterliegen beide den allgemeinen methodologischen Grundsätzen und Bestimmungen über das Verhältnis einander ausgleichender Werte.




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