| Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek |
| Georg Simmel Über die Grundfrage des Pessimismus in methodischer Hinsicht IntraText CT - Text |
Die folgende Möglichkeit indeß scheint sich noch darzubieten, um die Negativität der Lustbilanz im Ganzen und Durchschnitt des Erdenlebens aufrecht zu erhalten. Man könnte den Lustwert des Lebens ungenügend finden gegenüber einem bestimmten Ideal, das das Leben erst lebenswert machte, wie man die vorhandne Sittlichkeit unzureichend findet gegenüber dem ethischen Ideal, das die Welt überhaupt erst zu einer wirklich wertvollen machen würde; so wenig der ideale Ethiker an dem Durchschnitt der menschlichen Handlungen den positiven oder negativen Wert einer Handlung ermißt, so wenig brauche es der Axiolog. Allein mit diesem Gleichnis begibt man sich der Möglichkeit, überhaupt je irgend einen Grad von Schmerz durch irgend einen Grad von Lust ausgleichen zu lassen. Denn vom Standpunkt des Ideals aus kann eine Unsittlichkeit nie »ausgeglichen« werden, das ethische Ideal kennt nicht jenen »Bauhorizont«, den Hartmann für die eudämonistische Axiologie annimmt, über den ein solches Herausschreiten möglich ist, daß das Zurückbleiben unter ihm dadurch ausgeglichen wird. Wollten wir dies in das ethische Gleichnis einführen, wollten wir so das Vorkommen von etwas, was schlechthin nicht sein sollte, durch etwas, was schlechthin sein soll, ausgleichen lassen, so würden wir damit zu jener sittlich rohen Vorstellung greifen, als gäbe es überverdienstliche Handlungen, deren über das zu verlangende Maaß hinausreichende Sittlichkeit anderweitige Unsittlichkeit kompensiren könne. Jede reinere Sittenlehre weiß, daß noch mit dem höchsten, was der Mensch thut, er nicht über seine einfache Pflicht und Schuldigkeit hinausgeht und daß auch das Ideal des Handelns nichts andres bezeichnet als das, was wir wirklich sollen und können. Es gibt keinen Grad der Sittlichkeit, der eine unter der idealen Anforderung gebliebene Handlung wieder gutmachen könne, weil es keine gibt, welche über diese Anforderung etwa um denselben Grad hinausragte, um den jene hinter ihm zurückstand. Am Ideal gemessen, ist demnach jeder Kompromiß unmöglich. Und doch findet empirisch so etwas statt; wir haben die Vorstellung, als könne jemand durch eine ungewöhnlich edle That eine vorhergegangene unsittliche auslöschen. Hier ist also offenbar nicht mehr das Ideal der Maßstab, sondern die empirische Beobachtung, das durchschnittliche sittliche Wesen des Menschen; dieses ist dann als Nullpunkt gesetzt, über den hinaus zu gehen allerdings es ausgleichen mag, daß man ein anderes Mal um ebensoviel Grade unter ihm geblieben. Wir kommen also selbst von der Vergleichung mit dem Ethischen aus auf unsre Behauptung: wenn es überhaupt eine Ausgleichung zwischen Lust- und Unlustquanten geben soll, so bezeichnet ganz allein das thatsächliche Durchschnittsverhältnis beider den Nullpunkt, von dem aus der positive oder negative Wert des einzelnen Menschenlebens gemessen werden kann.
Diese Wahrheit kommt auch in der ab und zu gehörten Vorstellung zum Durchbruch, daß dieser und jener eine Freude zu billig erkauft habe. Es ist nicht anzunehmen, daß dies immer nur vom Neide diktirt sei, um so weniger, als man bei eignem besonders leichtem und mühelosem Gelingen und Gewinnen oft selbst die Vorstellung hat, man hätte es eigentlich garnicht verdient, die Mühe und Last sei in diesem Fall zu gering gegenüber dem reichen Gewinn an Freude. Hier wird offenbar ein Maßstab für das Sichentsprechen der Lust- und Leidquanta als der richtige anerkannt, der aus der Beobachtung ihres thatsächlichen Verhältnisses, des durchschnittlich gezahlten Schmerzenspreises für die bestimmte Lust geschöpft ist.