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Georg Simmel
Über die Grundfrage des Pessimismus in methodischer Hinsicht

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V.

Viel häufiger ist freilich das Gegenteil, die Klage, man habe die Freude zu teuer erkauft, und diese entsprießt, wie wir nach allgemeinen psychologischen Gesetzen und mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen dürfen, viel seltener einer objektiven Abschätzung als der in's Unendliche gehenden Glückssehnsucht des Menschen, welche überhaupt durch kein ausdenkbares Verhältnis zwischen Lust- und Leidquanten zu befriedigen wäre. Dante sagte einmal, der Mensch pflege wie ein betrügerischer Kaufmann seine Tugenden mit der kleinen und seine Fehler mit der großen Elle zu messen; ohne weiteres läßt sich dies auf die subjektive Taxirung der Leiden und Freuden des Lebens übertragen, weil wir natürlich immer mehr Freuden haben möchten, als wir wirklich haben und diesen Wunsch zu einer sachlichen Gerechtigkeitsforderung objektiviren, der gemäß wir im Ganzen viel mehr Freuden und viel weniger Leiden haben müßten, um die richtige Proportion zwischen beiden, zu erreichen. Um noch einmal auf die typische Analogie in III. zurückzukommen: so wünscht gewiß jeder Kaufende, er möchte mehr Waare für sein Geld bekommen, als er wirklich bekommt; allein ob er ein objektives Recht dazu hat, das hängt ausschließlich von den realen Verhältnissen des Marktes ab. Der Pessimismus darf nicht behaupten, daß wir im Verhältnis zur Lust zu viel Schmerzen hätten; weil, wenn wir noch viel weniger hätten, es noch immer zu viel wären. Jene Forderung steht logisch auf gleicher Stufe mit der Bemerkung eines Schwurgerichtspräsidenten bei Eröffnung der Session: »Es lägen wieder viel mehr Meineide vor, als man wünschen könnte« - worauf er interpellirt wurde, wie viele er denn eigentlich für wünschenswert hielte? Eine richtige Proportion zwischen beiden, eine bei der der absolute Eudämonismus sich befriedigen könnte, ist ebenso ein contradictio in adjecto wie eine richtige Proportion zwischen Recht und Unrecht, Sittlichkeit und Unsittlichkeit.

Und hierin macht es keinen Unterschied, daß, wie unsre Natur einmal beschaffen ist, das Leid vielfach zum Segen wird, und Bedingung des Glücks ist; man wünscht eben eine andre Einrichtung unsrer Natur, in der es dieser Bedingung nicht bedürfe. Soviel Nutzen wir auch aus dem Leiden ziehen: die Warnung vor anrückenden Zerstörern, die Erhöhung des Denkens und Vertiefung des Fühlens - es wäre überflüssig, wenn die Welt so eingerichtet wäre, daß die Vorteile des Leides von selbst erreicht würden - eine Möglichkeit, die a priori durchaus nicht undenkbar und in der Vorstellung himmlischer Seligkeit auch realisirt ist. - Denn es ist nichts als ein barockes Paradoxon, daß der Himmel langweilig sein müßte; wenn man überhaupt die Idee eines solchen nur durch Wunder möglichen Zustandes faßt, so kann man auch ohne weitre Schwierigkeit zugeben, daß auch das Leiden der Langenweile mit allen andern Erdenleiden zugleich aufgehoben sei, sei es durch Suspendirung des Weber'schen Gesetzes, sei es durch eine in's Unendliche gehende Steigerung der lusterregenden Momente.




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