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| Georg Simmel Über die Grundfrage des Pessimismus in methodischer Hinsicht IntraText CT - Text |
Wenn die Forderung einer andern als der wirklichen Proportion zwischen dem Gesamtleid und der Gesamtlust keine objektive Berechtigung besitzt, wenn der Vorzug des Nichtseins vor dem Sein also nicht auf den zu hohen Schmerzenspreis der Freuden gegründet werden kann, so bleibt dem Pessimisten doch noch ein logisch möglicher Standpunkt: nämlich der von Schopenhauer eingenommene, nach dem nicht das quantitative Verhältnis von Lust und Leid, sondern das Vorkommen des Leides überhaupt dem Nichtsein den Vorzug vor dem Sein verschaffte, weil keine noch so große Wonne einen noch so kleinen Schmerz aufwöge. Dies ist nun freilich Sache persönlichen Gefühls oder metaphysischen Glaubens; allein methodisch widerlegbar scheint es mir nicht - so wenig wie seine direkte Umkehrung im optimistischen Sinne. -
Es hat eine gewisse Berechtigung, den Begriff des Aufwiegens von Freude und Leid gegeneinander überhaupt aus der philosophischen Axiologie zu streichen. Nehmen wir ihn aber hinein, machen wir den Wert des Lebens abhängig von dem Verhältnis zwischen seinem Lust- und seinem Leidquantum, so kann diese Abwägung immer nur das einzelne Leben treffen und der Nullpunkt der Skala wird durch den Durchschnitt der menschlichen Existenzen bezeichnet. Anders gelegene Nullpunkte sind Sache des Wunsches, aber nicht objektiver Berechtigung; da Lust und Schmerz sich nie unmittelbar an einander messen, sondern erst ein empirischer Maßstab für sie kreirt werden muß, so kann offenbar das Verhältnis ihrer Totalsummen weder als groß noch als klein bezeichnet werden, weil es das Absolute ist, das das in ihm enthaltene Relative bestimmt, aber nicht selbst den unter diesem geltenden Relationen unterliegt. Es bleibt also nur der Standpunkt des in II. gezeichneten Geistes, der das Ideal theoretischer und praktischer axiologischer Bestimmung bildet. - Es versteht sich von selbst, daß für ihn die optimistischen Behauptungen über das Gesamtverhältnis von Lust und Leid ebenso sinnlos sind wie die pessimistischen.