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Georg Simmel
Über die Grundfrage des Pessimismus in methodischer Hinsicht

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VII.

Daß in der psychologischen Abwägung von Lust und Schmerz diese Norm weder zum Bewußtsein kommt noch auch in vielen Fällen sich als unbewußt wirkende nachweisen läßt, dies kann gerade vom Pessimismus nicht als Einwurf gegen sie geltend gemacht werden. Denn die Frage ist hier nur die philosophisch axiologische: welches die Beurteilung der Empfindungswerte sein müßte, um eine richtige zu sein; der Pessimismus selbst muß ja die Möglichkeit voraussetzen, daß das Urteil der meisten Menschen über die eudämonistischen Werte ihres Lebens ein falsches sei. Die menschliche Glückssehnsucht kann diese Fälschung nach zwei entgegengesetzten Seiten hin veranlassen: einmal kann sie die optimistische Illusion erregen, der Gegenstand dieser Sehnsucht sei schon mehr oder weniger erreicht; dann kann sie aber auch umgekehrt eine Unterschätzung des schon Erreichten zuwege bringen; diese beiden psychologischen Klippen bedrohen gleichmäßig die Fahrt desjenigen, der nach einem praktischen Ideale steuert.

Im Übrigen dürfen wir wohl mit Recht annehmen, daß die Urteile über gegenseitiges Aufwiegen von Lust und Schmerz, ebenso wie diese Empfindungen selbst, Resultate angehäufter und vererbter Geschlechtserfahrung und der Anpassung an die physisch-psychischen Lebensbedingungen sind, wodurch sich die verhältnismäßige Schnelligkeit, mit der sich die Fähigkeit zu solchen Urteilen ausbildet und die verhältnismäßige Geringfügigkeit der persönlichen Erfahrung erklärt, die dazu gehört - obgleich doch auch besonders bei der Jugend und bei unerfahrenen Menschen die starken Schwankungen, Ungleichheiten und offenbaren Falschheiten des eudämonologischen Maßstabes zu beobachten sind. Daß dieser Maßstab etwa bei düstern, freudearmen Indianern ein anderer sein wird, als bei den Bewohnern heiterer und mehr Freuden bietender Zonen liegt auf der Hand und bestätigt es, daß es doch die Beobachtung des thatsächlichen empirischen Verhältnisses von Lust und Leid - und nicht ihre vorgeblich absolute, an sich selbst festzustellende Größe - sein muß, von der die Beurteilung ihrer relativen Werte ausgeht.




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