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Mein erster Ausflug, als
ich Schnabelewops verließ, war nach Deutschland, und zwar nach Hamburg,
wo ich sechs Monat blieb, statt gleich nach Leiden zu reisen und mich dort nach
dem Wunsche meiner Eltern, dem Studium der Gottesgelahrtheit zu ergeben. Ich
muß gestehen, daß ich während jenes Semesters mich mehr mit weltlichen
Dingen abgab als mit göttlichen.
Die Stadt Hamburg ist eine gute Stadt; lauter solide
Häuser. Hier herrscht nicht der schändliche Macbeth, sondern hier
herrscht Banquo. Der Geist Banquos herrscht überall in diesem kleinen
Freistaate, dessen sichtbares Oberhaupt ein hoch- und wohlweiser Senat. In der
Tat, es ist ein Freistaat und hier findet man die größte politische
Freiheit. Die Bürger können hier tun was sie wollen und der hoch- und
wohlweise Senat kann hier ebenfalls tun was er will; jeder ist hier freier Herr
seiner Handlungen. Es ist eine Republik. Hätte Lafayette nicht das
Glück gehabt den Ludwig Philipp zu finden, so würde er gewiß
seinen Franzosen die hamburgischen Senatoren und Oberalten empfohlen haben. Hamburg ist die beste
Republik. Seine Sitten sind englisch und sein Essen ist himmlisch. Wahrlich, es gibt
Gerichte zwischen den Wandrahmen und dem Dreckwall, wovon unsere Philosophen
keine Ahnung haben. Die Hamburger sind gute Leute und essen gut. Über Religion, Politik und
Wissenschaft sind ihre respektiven Meinungen sehr verschieden, aber in betreff
des Essens herrscht das schönste Einverständnis. Mögen die
christlichen Theologen dort noch so sehr streiten über die Bedeutung des
Abendmahls; über die Bedeutung des Mittagmahls sind sie ganz einig. Mag es
unter den Juden dort eine Partei geben, die das Tischgebet auf deutsch spricht,
während eine andere es auf hebräisch absingt; beide Parteien essen
und essen gut und wissen das Essen gleich richtig zu beurteilen. Die Advokaten,
die Bratenwender der Gesetze, die so lange die Gesetze wenden und anwenden bis
ein Braten für sie dabei abfällt, diese mögen noch so sehr
streiten: ob die Gerichte öffentlich sein sollen oder nicht; darüber sind
sie einig, daß alle Gerichte gut sein müssen, und jeder von ihnen
hat sein Leibgericht. Das Militär denkt gewiß ganz tapfer
spartanisch, aber von der schwarzen Suppe will es doch nichts wissen. Die
Ärzte die in der Behandlung der Krankheiten so sehr uneinig sind und die
dortige Nationalkrankheit (nämlich Magenbeschwerden) als Braunianer durch
noch größere Portionen Rauchfleisch, oder als Homöopathen durch
1/10000 Tropfen Absinth in einer großen Kumpe Mockturtlesuppe zu kurieren
pflegen, diese Ärzte sind ganz einig wenn von dem Geschmacke der Suppe und
des Rauchfleisches selbst die Rede ist. Hamburg
ist die Vaterstadt des letztern, des Rauchfleisches, und rühmt sich
dessen, wie Mainz
sich seines Johann Fausts und Eisleben sich seines Luthers zu rühmen pflegt.
Aber was bedeutet die Buchdruckerei und die Reformation in Vergleichung mit
Rauchfleisch? Ob beide ersteren genutzt oder
geschadet, darüber streiten zwei Parteien in Deutschland; aber sogar
unsere eifrigsten Jesuiten sind eingeständig, daß das Rauchfleisch
eine gute, für den Menschen heilsame Erfindung ist.
Hamburg ist erbaut von Karl dem
Großen und wird bewohnt von 80000 kleinen Leuten, die alle mit Karl dem
Großen, der in Aachen
begraben liegt, nicht tauschen würden. Vielleicht beträgt die
Bevölkerung von Hamburg gegen 100000; ich weiß es nicht genau,
obgleich ich ganze Tage lang auf den Straßen ging um mir dort die
Menschen zu betrachten. Auch habe ich gewiß manchen Mann übersehen,
indem die Frauen meine besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Letztere
fand ich durchaus nicht mager, sondern meistens sogar korpulent, mitunter
reizend schön, und im Durchschnitt, von einer gewissen wohlhabenden
Sinnlichkeit, die mir beileibe! nicht mißfiel. Wenn sie in der
romantischen Liebe sich nicht allzu schwärmerisch zeigen und von der
großen Leidenschaft des Herzens wenig ahnen: so ist das nicht ihre
Schuld, sondern die Schuld Amors, des kleinen Gottes, der manchmal die
schärfsten Liebespfeile auf seinen Bogen legt, aber aus Schalkheit oder
Ungeschick viel zu tief schießt, und statt des Herzens der Hamburgerinnen
nur ihren Magen zu treffen pflegt. Was die Männer betrifft, so sah ich
meistens untersetzte Gestalten, verständige kalte Augen, kurze Stirn,
nachlässig herabhängende, rote Wangen, die Eßwerkzeuge besonders
ausgebildet, der Hut wie festgenagelt auf dem Kopfe, und die Hände in
beiden Hosentaschen, wie einer der eben fragen will: was hab ich zu bezahlen?
Zu den
Merkwürdigkeiten der Stadt gehören: 1) Das alte Rathaus, wo die
großen Hamburger Bankiers, aus Stein gemeißelt und mit Zepter und
Reichsapfel in Händen, abkonterfeit stehen. 2) Die Börse, wo sich
täglich die Söhne Hammonias versammeln, wie einst die Römer auf
dem Forum, und wo über ihren Häuptern eine schwarze Ehrentafel
hängt mit den Namen ausgezeichneter Mitbürger. 3) Die schöne
Marianne, ein außerordentlich schönes Frauenzimmer, woran der Zahn
der Zeit schon seit zwanzig Jahren kaut - Nebenbei gesagt, »der Zahn der
Zeit« ist eine schlechte Metapher, denn sie ist so alt, daß sie
gewiß keine Zähne mehr hat, nämlich die Zeit - die schöne
Marianne hat vielmehr jetzt noch alle ihre Zähne und noch immer Haare
darauf, nämlich auf den Zähnen. 4) Die ehemalige Zentralkassa. 5)
Altona. 6) Die Originalmanuskripte von Marrs Tragödien. 7) Der
Eigentümer des Rödingschen Kabinetts. 8) Die Börsenhalle. 9) Die
Bacchushalle, und endlich 10) das Stadttheater. Letzteres verdient besonders
gepriesen zu werden, seine Mitglieder sind lauter gute Bürger, ehrsame
Hausväter, die sich nicht verstellen können und niemanden täuschen,
Männer die das Theater zum Gotteshause machen, indem sie den
Unglücklichen, der an der Menschheit verzweifelt, aufs wirksamste
überzeugen, daß nicht alles in der Welt eitel Heuchelei und
Verstellung ist.
Bei Aufzählung der
Merkwürdigkeiten der Republik Hamburg
kann ich nicht umhin zu erwähnen, daß, zu meiner Zeit, der
Apollosaal auf der Drehbahn sehr brillant war. Jetzt ist er sehr
heruntergekommen, und es werden dort philharmonische Konzerte gegeben,
Taschenspielerkünste gezeigt und Naturforscher gefüttert. Einst war
es anders! Es schmetterten die Trompeten, es wirbelten die Pauken, es
flatterten die Straußfedern, und Heloise und Minka rannen durch die
Reihen der Oginski-Polonaise, und alles war sehr anständig. Schöne
Zeit, wo mir das Glück lächelte! Und das Glück hieß
Heloise! Es war ein süßes, liebes, beglückendes Glück mit
Rosenwangen, Liliennäschen, heißduftigen Nelkenlippen, Augen wie der
blaue Bergsee, aber etwas Dummheit lag auf der Stirne, wie ein trüber
Wolkenflor über einer prangenden Frühlingslandschaft. Sie war schlank
wie eine Pappel und lebhaft wie ein Vogel, und ihre Haut war so zart, daß
sie zwölf Tage geschwollen blieb durch den Stich einer Haarnadel. Ihr
Schmollen, als ich sie gestochen hatte, dauerte aber nur zwölf Sekunden,
und dann lächelte sie - schöne Zeit, als das Glück mir
lächelte! Minka lächelte seltener, denn sie hatte keine schöne
Zähne. Desto schöner aber waren ihre Tränen, wenn sie weinte,
und sie weinte bei jedem fremden Unglück und sie war wohltätig
über alle Begriffe. Den Armen gab sie ihren letzten Schilling; sie war
sogar oft in der Lage wo sie ihr letztes Hemd weggab, wenn man es verlangte.
Sie war so seelengut. Sie konnte nichts abschlagen, ausgenommen ihr Wasser.
Dieser weiche, nachgiebige Charakter kontrastierte gar lieblich mit ihrer
äußeren Erscheinung. Eine kühne, junonische Gestalt;
weißer frecher Nacken, umzingelt von wilden schwarzen Locken, wie von
wollüstigen Schlangen; Augen, die unter ihren düsteren Siegesbogen so
weltbeherrschend strahlten; purpurstolze, hochgewölbte Lippen; marmorne,
gebietende Hände, worauf leider einige Sommersprossen; auch hatte sie, in
der Form eines kleinen Dolchs, ein braunes Muttermal an der linken Hüfte.
Wenn ich dich in sogenannte
schlechte Gesellschaft gebracht, lieber Leser, so tröste dich damit,
daß sie dir wenigstens nicht so viel gekostet wie mir. Doch wird es
später in diesem Buche nicht an idealischen Frauenspersonen fehlen, und
schon jetzt will ich dir, zur Erholung, zwei Anstandsdamen vorführen, die ich
damals kennen- und verehren lernte. Es ist Madame Pieper und Madame Schnieper.
Erstere war eine schöne Frau in ihren reifsten Jahren, große
schwärzliche Augen, eine große weiße Stirne, schwarze falsche
Locken, eine kühne altrömische Nase, und ein Maul das eine Guillotine
war für jeden guten Namen. In der Tat, für einen guten Namen gab es
keine leichtere Hinrichtungsmaschine als Madame Piepers Maul; sie ließ
ihn nicht lange zappeln, sie machte keine langwichtige Vorbereitungen; war der
beste gute Name zwischen ihre Zähne geraten, so lächelte sie nur -
aber dieses Lächeln war wie ein Fallbeil, und die Ehre war abgeschnitten
und fiel in den Sack. Sie war immer ein Muster von Anstand, Ehrsamkeit,
Frömmigkeit und Tugend. Von Madame Schnieper ließ sich dasselbe
rühmen. Es war eine zarte Frau, kleine ängstliche Brüste,
gewöhnlich mit einem wehmütig dünnen Flor umgeben, hellblonde
Haare, hellblaue Augen, die entsetzlich klug hervorstechen aus dem weißen
Gesichte. Es hieß man könne ihren Tritt nie hören, und
wirklich, ehe man sich dessen versah, stand sie oft neben einem, und verschwand
dann wieder ebenso geräuschlos. Ihr Lächeln war ebenfalls
tödlich für jeden guten Namen, aber minder wie ein Beil, als vielmehr
wie jener afrikanische Giftwind, von dessen Hauch schon alle Blumen verwelken;
elendiglich verwelken mußte jeder gute Namen, über den sie nur leise
hinlächelte. Sie war immer ein Muster von Anstand, Ehrsamkeit,
Frömmigkeit und Tugend.
Ich würde nicht
ermangeln mehre von den Söhnen Hammonias ebenfalls hervorzuloben und
einige Männer, die man ganz besonders hochschätzt - namentlich
diejenigen, welche man auf einige Millionen Mark Banko zu schätzen pflegt
- aufs prächtigste zu rühmen; aber ich will in diesem Augenblick
meinen Enthusiasmus unterdrücken, damit er späterhin in desto helleren
Flammen emporlodere. Ich habe nämlich nichts Geringeres im Sinn, als einen
Ehrentempel Hamburgs herauszugeben, ganz nach demselben Plane, welchen schon
vor zehn Jahren ein berühmter Schriftsteller entworfen hat, der in dieser
Absicht jeden Hamburger aufforderte, ihm ein spezifiziertes Inventarium seiner
speziellen Tugenden, nebst einem Speziestaler, aufs schleunigste einzusenden.
Ich habe nie recht erfahren können, warum dieser Ehrentempel nicht zur
Ausführung kam; denn die einen sagten, der Unternehmer, der Ehrenmann,
sei, als er kaum von Aaron bis Abendrot gekommen und gleichsam die ersten
Klötze eingerannt, von der Last des Materials schon ganz erdrückt
worden; die anderen sagten, der hoch- und wohlweise Senat habe aus allzu
großer Bescheidenheit das Projekt hintertrieben, indem er dem Baumeister
seines eignen Ehrentempels plötzlich die Weisung gab, binnen
vierundzwanzig Stunden das hamburgische Gebiet mit allen seinen Tugenden zu
verlassen. Aber gleichviel aus welchem Grunde, das Werk ist nicht zustande
gekommen; und da ich ja doch einmal, aus angeborener Neigung, etwas
Großes tun wollte in dieser Welt und immer gestrebt habe das
Unmögliche zu leisten: so habe ich jenes ungeheure Projekt wieder
aufgefaßt und ich liefere einen Ehrentempel Hamburgs, ein unsterbliches
Riesenbuch, worin ich die Herrlichkeit aller seiner Einwohner ohne Ausnahme
beschreibe, worin ich edle Züge von geheimer Mildtätigkeit mitteile,
die noch gar nicht in der Zeitung gestanden, worin ich Großtaten
erzähle, die keiner glauben wird, und worin mein eignes Bildnis, wie ich
auf dem Jungfernsteg vor dem Schweizerpavillon sitze und über Hamburgs
Verherrlichung nachdenke, als Vignette paradieren soll.
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