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Es war aber ein gar
lieblicher Frühlingstag, als ich zum erstenmal die Stadt Hamburg verlassen. Noch sehe ich wie im
Hafen die goldnen Sonnenlichter auf die beteerten Schiffsbäuche spielen,
und ich höre noch das heitre lang hingesungene Hoiho! der Matrosen. So ein
Hafen im Frühling hat überdies die freundlichste Ähnlichkeit mit
dem Gemüt eines Jünglings, der zum erstenmal in die Welt geht, sich
zum erstenmal auf die hohe See des Lebens hinauswagt - noch sind alle seine
Gedanken buntbewimpelt, Übermut schwellt alle Segel seiner Wünsche,
hoiho! - aber bald erheben sich die Stürme, der Horizont verdüstert
sich, die Windsbraut heult, die Planken krachen, die Wellen zerbrechen das
Steuer, und das arme Schiff zerschellt an romantischen Klippen oder strandet
auf seicht-prosaischem Sand - oder vielleicht morsch und gebrochen, mit
gekapptem Mast, ohne ein einziges Anker der Hoffnung, gelangt es wieder heim in
den alten Hafen, und vermodert dort, abgetakelt kläglich, als ein elendes
Wrack!
Aber es gibt auch Menschen,
die nicht mit gewöhnlichen Schiffen verglichen werden dürfen, sondern
mit Dampfschiffen. Diese tragen ein dunkles Feuer in der Brust und sie fahren
gegen Wind und Wetter - Ihre Rauchflagge flattert wie der schwarze Federbusch
des nächtlichen Reuters, ihre Zackenräder sind wie kolossale
Pfundsporen, womit sie das Meer in die Wellenrippen stacheln, und das
widerspenstisch schäumende Element muß ihrem Willen gehorchen, wie
ein Roß - aber sehr oft platzt der Kessel, und der innere Brand verzehrt
uns.
Doch ich will mich aus der Metapher wieder herausziehn und auf ein
wirkliches Schiff setzen, welches von Hamburg nach Amsterdam fährt. Es war ein schwedisches
Fahrzeug, hatte außer den Helden dieser Blätter auch Eisenbarren
geladen, und sollte wahrscheinlich als Rückfracht eine Ladung Stockfische
nach Hamburg,
oder Eulen nach Athen bringen.
Die Ufergegenden der Elbe
sind wunderlieblich. Besonders hinter Altona, bei Rainville. Unfern liegt Klopstock begraben. Ich
kenne keine Gegend wo ein toter Dichter so gut begraben liegen kann wie dort.
Als lebendiger Dichter dort zu leben, ist schon weit schwerer. Wie oft hab ich
dein Grab besucht, Sänger des Messias, der du so rührend wahr die
Leiden Jesu besungen! Du hast aber auch lang genug auf der
Königstraße hinter dem Jungfernsteg gewohnt, um zu wissen, wie
Propheten gekreuzigt werden.
Den zweiten Tag gelangten
wir nach Cuxhaven,
welches eine hamburgische Kolonie. Die Einwohner sind Untertanen der Republik
und haben es sehr gut. Wenn sie im Winter frieren werden ihnen aus Hamburg wollene Decken
geschickt, und in allzu heißen Sommertagen schickt man ihnen auch
Limonade. Als Prokonsul residiert dort ein hoch- oder wohlweiser Senator. Er
hat jährlich ein Einkommen von 20000 Mark und regiert über 5000
Seelen. Es ist dort auch ein Seebad, welches vor anderen Seebädern den
Vorteil bietet, daß es zu gleicher Zeit ein Elbbad ist. Ein großer
Damm, worauf man spazierengehen kann, führt nach Ritzebüttel, welches
ebenfalls zu Cuxhaven
gehört. Das Wort kommt aus dem Phönizischen; die Worte
»Ritze« und »Büttel« heißen auf
phönizisch: Mündung der Elbe. Manche Historiker behaupten, Karl der
Große habe Hamburg nur erweitert, die Phönizier aber hätten
Hamburg und Altona gegründet und zwar zu derselben Zeit als Sodom und
Gomorrha zugrunde gingen. Vielleicht haben sich Flüchtlinge aus diesen
Städten nach der Mündung der Elbe gerettet. Man hat zwischen der
Fuhlentwiete und der Kaffeemacherei einige alte Münzen ausgegraben, die
noch unter der Regierung von Bera XVI. und Birsa X. geschlagen worden. Nach
meiner Meinung ist Hamburg
das alte Tharsis, woher Salomo ganze Schiffsladungen voll Gold, Silber,
Elfenbein, Pfauen und Affen erhalten hat. Salomo, nämlich der König
von Juda und Israel,
hatte immer eine besondere Liebhaberei für Gold und Affen.
Unvergeßlich bleibt
mir diese erste Seereise. Meine alte Großmuhme hatte mir so viele
Wassermärchen erzählt, die jetzt alle wieder in meinem
Gedächtnis aufblühten. Ich konnte ganze Stunden lang auf dem Verdecke
sitzen und an die alten Geschichten denken, und wenn die Wellen murmelten,
glaubte ich die Großmuhme sprechen zu hören. Wenn ich die Augen
schloß, dann sah ich sie wieder leibhaftig vor mir sitzen, mit dem
einzigen Zahn in dem Munde, und hastig bewegte sie wieder die Lippen und
erzählte die Geschichte vom Fliegenden Holländer.
Ich hätte gern die
Meernixen gesehen, die auf weißen Klippen sitzen und ihr grünes Haar
kämmen; aber ich konnte sie nur singen hören.
Wie angestrengt ich auch
manchmal in die klare See hinabschaute, so konnte ich doch nicht die
versunkenen Städte sehen, worin die Menschen in allerlei Fischgestalten
verwünscht, ein tiefes, wundertiefes Wasserleben führen. Es
heißt, die Lachse und alte Rochen sitzen dort, wie Damen geputzt, am
Fenster und fächern sich und gucken hinab auf die Straße, wo
Schellfische in Ratsherrentracht vorbeischwimmen, wo junge Modeheringe nach
ihnen hinauflorgnieren, und wo Krabben, Hummer, und sonstig niedriges Krebsvolk
umherwimmelt. Ich habe aber nicht so tief hinabsehen können, und nur die
Glocken hörte ich unten läuten.
In der Nacht sah ich mal
ein großes Schiff mit ausgespannten blutroten Segeln vorbeifahren,
daß es aussah wie ein dunkler Riese in einem weiten Scharlachmantel. War
das der Fliegende Holländer?
In Amsterdam aber, wo ich bald darauf anlangte,
sah ich ihn leibhaftig selbst, den graunhaften Myn Heer, und zwar auf der
Bühne. Bei dieser Gelegenheit, im Theater zu Amsterdam, lernte ich auch eine von jenen
Nixen kennen, die ich auf dem Meere selbst vergeblich gesucht. Ich will ihr,
weil sie gar zu lieblich war, ein besonderes Kapitel weihen.
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