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Aber nicht bloß in Amsterdam haben die
Götter sich gütigst bemüht, mein Vorurteil gegen Blondinen zu
zerstören. Auch im übrigen Holland
hatte ich das Glück meine früheren Irrtümer zu berichtigen. Ich
will beileibe die Holländerinnen nicht auf Kosten der Damen anderer
Länder hervorstreichen. Bewahre mich
der Himmel vor solchem Unrecht, welches von meiner Seite zugleich der
größte Undank wäre. Jedes
Land hat seine besondere
Küche und seine besondere Weiblichkeiten, und hier ist alles
Geschmacksache. Der eine liebt gebratene Hühner, der andere gebratene
Enten; was mich
betrifft, ich liebe gebratene Hühner und gebratene Enten und noch
außerdem gebratene Gänse. Von hohem idealischen Standpunkte
betrachtet, haben die Weiber überall eine gewisse Ähnlichkeit mit der
Küche des Landes. Sind die britischen Schönen nicht ebenso gesund,
nahrhaft, solide, konsistent, kunstlos und doch so vortrefflich wie
Alt-Englands einfach gute Kost: Roastbeef, Hammelbraten, Pudding in flammendem
Kognak, Gemüse in Wasser gekocht, nebst zwei Saucen, wovon die eine aus
gelassener Butter besteht? Da lächelt kein Frikassee, da täuscht kein
flatterndes Vol-au-vent, da seufzt kein geistreiches Ragout, da tändeln
nicht jene tausendartig gestopften, gesottenen, aufgehüpften,
gerösteten, durchzückerten, pikanten, deklamatorischen und
sentimentalen Gerichte, die wir bei einem französischen Restaurant finden,
und die mit den schönen Französinnen selbst die größte
Ähnlichkeit bieten! Merken wir doch nicht selten, daß bei diesen
ebenfalls der eigentliche Stoff nur als Nebensache betrachtet wird, daß
der Braten selber manchmal weniger wert ist als die Sauce, daß hier
Geschmack, Grazie und Eleganz die Hauptsache sind. Italiens gelbfette,
leidenschaftgewürzte, humoristisch garnierte, aber doch schmachtend idealische
Küche trägt ganz den Charakter der italienischen Schönen. Oh,
wie sehne ich mich
manchmal nach den lombardischen Stuffados, nach den Tagliarinis und Broccolis
des holdseligen Toskana! Alles schwimmt in Öl, träge und
zärtlich, und trillert Rossinis süße Melodieen, und weint vor
Zwiebelduft und Sehnsucht! Den Makkaroni mußt du aber mit den Fingern essen, und dann
heißt er: Beatrice!
Nur gar zu oft denke ich an
Italien und am öftersten des Nachts. Vorgestern träumte mir: ich
befände mich
in Italien und sei ein bunter Harlekin und läge, recht faulenzerisch unter
einer Trauerweide. Die herabhängenden Zweige dieser Trauerweide waren aber
lauter Makkaroni, die mir lang und lieblich bis ins Maul hineinfielen; zwischen
diesem Laubwerk von Makkaroni flossen, statt Sonnenstrahlen, lauter gelbe
Butterströme, und endlich fiel von oben herab ein weißer Regen von
geriebenem Parmesankäse.
Ach! von geträumtem
Makkaroni wird man nicht satt - Beatrice!
Von der deutschen
Küche kein Wort. Sie hat alle möglichen Tugenden und nur einen
einzigen Fehler; ich sage aber nicht welchen. Da gibt's gefühlvolles,
jedoch unentschlossenes Backwerk, verliebte Eierspeisen, tüchtige
Dampfnudeln, Gemütssuppe mit Gerste, Pfannkuchen mit Apfel und Speck,
tugendhafte Hausklöße, Sauerkohl - wohl dem, der es verdauen kann.
Was die holländische
Küche betrifft, so unterscheidet sie sich von letzterer, erstens durch die
Reinlichkeit, zweitens durch die eigentliche Leckerkeit. Besonders ist die
Zubereitung der Fische unbeschreibbar liebenswürdig. Rührend inniger,
und doch zugleich tiefsinnlicher Sellerieduft. Selbstbewußte
Naivität und Knoblauch. Tadelhaft jedoch ist es, daß sie Unterhosen
von Flanell tragen; nicht die Fische, sondern die schönen Töchter des
meerumspülten Hollands.
Aber zu Leiden,
als ich ankam, fand ich das Essen
fürchterlich schlecht. Die Republik Hamburg
hatte mich
verwöhnt; ich muß die dortige Küche nachträglich noch
einmal loben, und bei dieser Gelegenheit preise ich noch einmal Hamburgs
schöne Mädchen und Frauen. O ihr Götter! in den ersten vier Wochen,
wie sehnte ich mich
zurück nach den Rauchfleischlichkeiten und nach den Mockturteltauben
Hammonias! Ich schmachtete an Herz und Magen. Hätte sich nicht endlich die
Frau Wirtin zur Roten Kuh in mich
verliebt, ich wäre vor Sehnsucht gestorben. Heil dir, Wirtin zur Roten
Kuh!
Es war eine untersetzte
Frau, mit einem sehr großen runden Bauche und einem sehr kleinen runden
Kopfe. Rote Wängelein, blaue Äugelein; Rosen und Veilchen.
Stundenlang saßen wir beisammen im Garten, und tranken Tee, aus echt
chinesischen Porzellantassen. Es war ein schöner Garten, viereckige und
dreieckige Beete, symmetrisch bestreut mit Goldsand, Zinnober und kleinen
blanken Muscheln. Die Stämme der Bäume hübsch rot und blau
angestrichen. Kupferne Käfige voll Kanarienvögel. Die kostbarsten
Zwiebelgewächse in buntbemaltem, glasierten Töpfen. Der Taxus
allerliebst künstlich geschnitten, mancherlei Obelisken, Pyramiden, Vasen,
auch Tiergestalten bildend. Da stand ein aus Taxus geschnittener grüner
Ochs, welcher mich
fast eifersüchtig ansah, wenn ich sie umarmte, die holde Wirtin zur Roten
Kuh. Heil dir, Wirtin zur Roten Kuh!
Wenn Myfrau den Oberteil
des Kopfes mit den friesischen Goldplatten umschildet, den Bauch mit ihrem
buntgeblümten Damastrock eingepanzert und die Arme mit der weißen Fülle
ihrer Brabanter Spitzen gar kostbar belastet hatte: dann sah sie aus wie eine
fabelhafte chinesische Puppe, wie etwa die Göttin des Porzellans. Wenn ich
alsdann in Begeisterung geriet und sie auf beide Backen laut küßte,
so blieb sie ganz porzellanig steif stehen und seufzte ganz porzellanig:
»Myn Heer!« Alle Tulpen des Gartens schienen dann mitgerührt
und mitbewegt zu sein und schienen mitzuseufzen: »Myn Heer!«
Dieses delikate
Verhältnis schaffte mir manchen delikaten Bissen. Denn jede solche Liebesszene
influenzierte auf den Inhalt der Eßkörbe, welche mir die
vortreffliche Wirtin alle Tage ins Haus schickte. Meine Tischgenossen, sechs
andere Studenten, die auf meiner Stube mit mir aßen, konnten an der
Zubereitung des Kalbsbratens oder des Ochsenfilets jedesmal schmecken, wie sehr
sie mich
liebte, die Frau Wirtin zur Roten Kuh. Wenn das Essen einmal schlecht war,
mußte ich viele demütigende Spötteleien ertragen, und es
hieß dann: »Seht wie der Schnabelewopski miserabel aussieht, wie
gelb und runzlicht sein Gesicht, wie katzenjämmerlich seine Augen, als
wollte er sie sich aus dem Kopfe herauskotzen, es ist kein Wunder, daß
unsere Wirtin seiner überdrüssig wird und uns jetzt schlechtes Essen
schickt.« Oder man sagte auch: »Um Gottes willen, der Schnabelewopski
wird täglich schwächer und matter, und verliert am Ende ganz die
Gunst unserer Wirtin, und wir kriegen dann immer schlechtes Essen wie heut - wir müssen ihn
tüchtig füttern, damit er wieder ein feuriges Äußere
gewinnt.« Und dann stopften sie mir just die allerschlechtesten
Stücke ins Maul, und nötigten mich
übergebührlich viel Sellerie zu essen.
Gab es aber magere Küche mehrere Tage hintereinander, dann wurde ich mit
den ernsthaftesten Bitten bestürmt; für besseres Essen zu sorgen, das
Herz unserer Wirtin aufs neue zu entflammen, meine Zärtlichkeit für
sie zu erhöhen, kurz, mich fürs allgemeine Wohl aufzuopfern. In
langen Reden wurde mir dann vorgestellt, wie edel, wie herrlich es sei, wenn
jemand für das Heil seiner Mitbürger sich heroisch resigniert, gleich
dem Regulus, welcher sich in eine alte vernagelte Tonne stecken ließ,
oder auch gleich dem Theseus, welcher sich in die Höhle des Minotaurs
freiwillig begeben hat - und dann wurde der Livius zitiert und der Plutarch
usw. Auch sollte ich bildlich zur Nacheiferung gereizt werden, indem man jene
Großtaten auf die Wand zeichnete, und zwar mit grotesken Anspielungen;
denn der Minotaur sah aus wie die rote Kuh auf dem wohlbekannten
Wirtshausschilde, und die karthaginensische vernagelte Tonne sah aus wie meine
Wirtin selbst. Überhaupt hatten jene undankbaren Menschen die
äußere Gestalt der vortrefflichen Frau zur beständigen
Zielscheibe ihres Witzes gewählt. Sie pflegten gewöhnlich ihre Figur
aus Äpfeln zusammenzusetzen, oder aus Brotkrumen zu kneten. Sie nahmen
dann ein kleines Äpfelchen, welches der Kopf sein sollte, setzten dieses
auf einen ganz großen Apfel, welcher den Bauch vorstellte, und dieser
stand wieder auf zwei Zahnstochern, welche sich für Beine ausgaben. Sie
formten auch wohl aus Brotkrumen das Bild unserer Wirtin und kneteten dann ein
ganz winziges Püppchen, welches mich
selber vorstellen sollte, und dieses setzten sie dann auf die große
Figur, und rissen dabei die schlechtesten Vergleiche. Z. B. der eine bemerkte,.
die kleine Figur sei Hannibal,
welcher über die Alpen steigt. Ein anderer meinte hingegen, es sei Marius,
welcher auf den Ruinen von Karthago sitzt. Dem sei nun wie ihm wolle, wäre
ich nicht manchmal über die Alpen gestiegen, oder hätte ich mich
nicht manchmal auf die Ruinen von Karthago gesetzt, so würden meine
Tischgenossen beständig schlechtes Essen bekommen haben.
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